Soziale Arbeit und Sozialstaat_________________________________________________________________
[Soziale Arbeit – re-loaded & re-arranged Teil 1: Theorie & Anregungen für die Praxis von Christoph Heinrich]
Normalerweise erfolgt Sozialarbeit im Auftrag des Staates (auch wenn der in Form von Gemeinde oder Kanton auftritt). Heinrich begründet in seinem Werk eine politisierende Soziale Arbeit (wie sie allerdings bereits die erste Professorin der Sozialarbeit, Jane Addams, in Chicago betrieben hatte), die Veränderungen in der Gesellschaft, durch Wirkung einer veränderten Umwelt (primär Globalisierungsbedingt), nicht mehr bloss als Grund für die "Bearbeitung" der Opfer nehmen will, sondern auch als Anhaltspunkt einer Systemkritik und Systemtherapie:
Der „gesellschaftliche Wandel“ wird meiner Meinung nach inflationär und für alle möglichen Veränderungen, beispielsweise für Einschränkungen oder Ablehnung der Grund- und Menschenrechte, Reformen des Arbeitsmarktes, der sozialen Unterstützungsleistungen, der Pflege- und Gesundheitsversorgung, des Bildungssystems oder der Privatisierung von ehemals staatlichen Einrichtungen, als „die“ Begründung angeführt, jedoch nur als „gegeben“ dargestellt und die Hintergründe werden selten beleuchtet.
Unter Topologie läuft der Beitrag, da der <soziale Raum> hier eben nicht mehr als definiert und gegeben hingenommen wird, sondern als etwas wandelbares verstanden wird. Der soziale Raum wird produziert von seinen Bewohnern. Also ebenso die Verwerfungen in diesem Raum, die miefenden Eckräume, das tropfende Dach, die isolierenden Wände, die nicht bloss reich und arm trennen, sondern vieles mehr:
Im transnationalen sozialräumlichen Arbeiten aus sozialer Entwicklungs- und agency- Perspektive hingegen wird davon ausgegangen, dass Raum nicht länger als naturhaft gegebener materieller Hinter- oder erdgebundener Untergrund sozialer Prozesse unveränderbar und für alle gleichermaßen existent angenommen werden kann, sondern das Raum vielmehr selbst sozial produziert wird. Dies bedeutet, dass Raum sowohl Gesellschaft strukturierend, durch Gesellschaft strukturiert und im gesellschaftlichen Prozess verändernd begriffen werden sollte. „Im sozialen Bereich passieren Dinge genau da, wo tradierte Grenzen durchlässig werden, sich auflösen, wo Gruppen sich neu konstituieren, wo neue Netzwerke entstehen, die sich nicht mehr abgrenzen lassen, wo sich Dinge – Fremdes und Bekanntes – zusammenmischen. Diese neuen Mischungen finden in Grenzbereichen statt“ (Reutlinger 2007: 50/51).
Heinrich sieht die Ursachen der Probleme mit denen sich die Sozialarbeit herumschlagen muss weitaus eher im neoliberalen Kapitalismus als bei den Betroffenen selbst. Sozialhilfeempfänger sind nicht (immer) als Versager geboren, sondern werden oft zu solchen gemacht, indem man ihnen schlichtweg keine Chance mehr gibt, ihr Können und Wissen einzusetzen. Ob das nun damit begründet wird, dass sie nicht gefügig genug, gebildet genug oder sauber genug seien ist ziemlich wurscht, eine Frechheit ist es so oder so.
Auch das Konzept einer ethisch begründeten Sozialarbeit basiert ebenfalls auf einem schwankenden Fundament, vor allem weil Ethik, d.h. in dem Falle eigentlich eher die daraus resultierende Moral, eigentlich immer kulturabhängig ist. Eine kulturimperialistische Sozialarbeit gerät auf dieser Basis prompt wieder in praktisch die selben Probleme, die sie als Staatsauftrag vermeiden wollte.
Eergiebiger ist hier wirklich Heinrichs Konzept, das zum Teil zwar uralte Methoden partizipativer Forschung, Arbeit, Lernens wieder belebt, aber gerade dadurch auch bewusst macht, dass wir in der Zwischenzeit selbst zu den Entwicklungsländern wurden, zumindest in gewissen Bereichen, die wir früher doch so gerne, so wissend-selbstherrlich von oben herab, mit Lösungen bedient haben, interessanterweise oft Lösungen, die wir bei uns zuhause gar nie ausprobiert haben. s. partizipatory methods (Sie sehen schon am Link, dass dazu auf Deutsch nicht mal was brauchbares zu finden ist).
Aber auch mit solchen Methoden war die internationale Entwicklungszusammenarbeit von mässigem Erfolg. Die 80er wurden als verlorenes Jahrzehnt beschrieben, die 90er zeigten eine verheerende Bilanz, und die Millenniumserklärung ist vor allem gut gemeint ....
Der Hauptgrund warum ich dennoch versuche eine Parallele zu ziehen zwischen internationaler Entwicklungszusammenarbeit und Sozialarbeit ist der, dass Entwicklung zu mehr Freiheit führen soll - bei uns sich die Sache aber immer mehr ins Gegenteil verkehrt. Das Gerenne nach immer mehr Wohlstand häuft Sach-Zwang auf Sach-Zwang, und der Wohlstand geht eigentlich unter dabei. Ein wichtiger Faktor jeglicher Entwicklung ist das Wissen. Wir leben in einer Wissensgesellschaft, so sagt man, aber aus der Nähe betrachtet, handelt es sich um ein äusserst seltsames Wissen, dass die Basis dieser Gesellschaft bildet, nämlich praktisch nur noch Produktionswissen, dessen Erhaltung dank zunehmender Flexibilisierung immer höhere Kosten verursacht und immer weniger einbringt. Die Vermittlung von Wissen wird nach wie vor euphemistisch "Bildung" genannt, obwohl man sie längst als Aus-Bildung (engl. training) bezeichnen müsste. Denken ist hier nicht mehr angesagt, nur noch Vollzug.
Hier kommen nun offenbar, nach 30 Jahren, also einer ganzen Generation, wieder die Texte von Paulo Freire zum Zuge, für den Bildung vor allem Befreiung bedeutete, Befreiung von Ideologien und Propaganda. Horkheimers Kritische Theorie war ebenfalls nicht marktkonform, ging also unter. Hier wäre nun vielleicht eine zentrale Aufgabe für eine theoretische Sozialarbeit, eben nicht bloss die von Einkommensverlust betroffenen zu bearbeiten, sondern auch die eigentlichen Verursacher der Probleme:
Kritische Texte zum Neoliberalismus:
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Im Kapitalismus hat in den vergangenen Jahrzehnten, bedingt durch die neoliberale Ideologie, eine entscheidende Veränderung stattgefunden: Die Investition des Kapitals wurde durch die Finanzspekulation ersetzt. Diese ultra-spekulative Organisation des Kapitalismus bevorzugt systematisch das Kurzfristige und die daraus resultierenden Kurzschlüsse (psychische, soziale, börsenmäßige, etc.), wodurch für den einzelnen Menschen, aber auch für Unternehmen eine planbare Zukunft unwahrscheinlicher und schwieriger wird. Der einzig vernehmbare Weg sowie das Ziel ist der freie Markt, also ein Markt ohne jegliche Regulierungen – zudem ist die Antwort auf jedes Problem „mehr Markt“.
Da der Neoliberalismus bei Brainworker schon vielfach kritisiert wurde (s. Liste rechts), erübrigt sich hier eine Wiederholung. Hier nur der wichtigste Punkt, der mit der Vorsilbe Neo- eine ehemals bürgerliche und auf Freiheit bedachte Wirtschaft in ihr Gegenteil verkehrte. Es geht dabei vor allem um das Problem von Verteilungsgerechtigkeit (& http://brainworker.ch/Arbeit/lohn_des_kapitals.htm > Verteilungsgerechtigkeit) - und Teilhabe. Wo der Liberalismus noch kritisch war gegenüber jeglicher Macht in Wirtschaft und Markt, also nicht bloss gegenüber dem Staat, setzt der Neoliberalismus voll auf den Erfolg des Stärksten und Grössten, der seine Vorteile voll ausnutzen soll, und sei es auch ein Monopol. Hier liegt die Ursache für die zunehmende Bedrängung des Mittelstandes. Obwohl dieser längst in aller Härte fühlt was geht, vielmehr schief geht, überleben die alten Ideologien von Leistung und harter Arbeit, die zum Erfolg führen, weiter. Das herrschendes Modell der Normalität, also der Integration, ist immer noch die Erwerbsarbeit, obwohl gerade das Neoliberale Modell top-down, ohne Mitsprache der Betroffenen, Erwerbsarbeit einspart, global an den günstigsten Standort verlagert - oder durch Maschinen ausführen lässt.
Die Warenzirkulation funktioniert dabei als kollektiver Integrationsmechanismus, in dem soziale Identitäten, Ränge und Hierarchien, also das Machtgefüge und auch die symbolische Ordnung, erzeugt werden (Böhme 2006: 289).
„Diese Idee basiert auf den gesellschaftsinstitutionellen Verhältnissen der industriekapitalistischen Moderne. Das heißt die Integration aller Gesellschaftsmitglieder durch Erwerbsarbeit.
Der Wert des Menschen wird nur noch durch seine individuelle Kaufkraft bestimmt. (Freire 2007b: 110).
In den modernen Konsumgesellschaften arbeitet die brisante Dynamik einer fetischisierenden Lustökonomie (Böhme 2006: 341); alle Schichten sind in den Konsum integriert, da es nicht möglich ist, nicht zu konsumieren – dadurch generiert der Konsum die Kultur, die von einer Massenkultur zu einer Dimension sozialer Ordnung geworden ist (Böhme 2006: 351).
(Böhme 2006: 343).
Durch diesen Drahtseilakt werden viele Gesellschaften sozusagen immer „am Rand einer Explosion“ gehalten – dies wird beispielsweise in den französischen Vorstädten („Banlieues“) sehr deutlich: „Tag für Tag müssen sie zusehen, wie ihre Lebensbedingungen schlechter werden. Die Eltern wachen nachts „vom Rechnen“ auf, weil das Geld so knapp ist. Sie schaffen es kaum oder gar nicht, ihre Kinder zu führen, ihnen Halt zu geben und ihren gefährlichen Leichtsinn zu bremsen. Ihre Autorität verwandelt sich in Ohnmacht angesichts der Unmöglichkeit, das Versprechen einer akzeptablen Zukunft mit der Weitergabe moralischer Regeln und Werte zu verbinden. „Die vorige Generation träumte vom sozialen Aufstieg ihrer Kinder, die jetzige hofft vor allem, dass sie nicht im Gefängnis landen““
[Thomas Schumacher: Soziale Arbeit als ethische Wissenschaft. Topologie einer Profession. / Dimensionen Sozialer Arbeit und der Pflege. Band 11. Lucius & Lucius. Stuttgart.]
Bereits dargestellt wurde das Konzept Dimmels:
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Ich muss nun hier also meine eigenen Vorbehalte revidieren:
Sehen wir uns also die Positionen innerhalb der Sozialhilfe laut Schumacher an:
Von hier an nimmt Schuhmacher im weitern Verlauf die Globalisierung eindeutig zu wenig ernst, denn seine Ethik ist keine multiethnische, sondern die klassisch christlich-europäische. (Verständlich, da Schumacher Professor für Philosophie ist an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München):
Legitimation und Akzeptanz wird erhalten durch Einbindung der Sozialen Arbeit in eine gesellschaftlich und historisch entstandene wohlfahrtsstaatliche Formation [Schweppe/Sting 2009. zit. S. 66]
Ein gegenläufiges, also wenn nicht unethisches so zumindest problematisches Argument - meist von aussen (rechts aussen, um präziser zu sein ....) lautet: Der Sozialstaat sei ja schön und gut, aber er müsse eben auch finanzierbar sein:
Forschungsdesign:
Wenn wenig Wissen über das
zu untersuchende Themen vorhanden ist, wird zur Erlangung eines ersten Einblicks eine
explorative Studie durchgeführt (Exploratives Design), welches sehr flexibel ist und
beispielsweise durch Expertengespräche oder Literaturrecherche durchgeführt wird. Um
ein Problem zu präzisieren, wird ein deskriptives Design angewendet (Schnell/Hill/Esser
2004).
Als drittes und in dieser Arbeit angewandtes wird das kausale Forschungsdesign in Form
eines Experimentes angeführt.
s. auch participatory action research - entwickelt aus dem partipatory rural appraisal
Weil, wie oben gezeigt, recht unterschiedliche Positionen (Perspektiven) die Meinungen darüber prägen, was denn Sozialarbeit zu sein habe, werden auch die Funktionen, also Aufgaben der Sozialarbeit sehr unterschiedlich gesehen. Problematisch ist, dass der oder die SozialarbeiterIn immer zwischen zwei Polen agieren muss, nämlich dem Individuum, dem sie helfen soll, und der Gesellschaft, von der meist der Auftrag, also auch das Geld stammt. (s. Doppeltes Mandat) Hieraus ergibt sich auch der immer problematische Zwiespalt zwischen Autorität/Kontrolle auf der einen, Berater/Helfer auf der anderen Seite. Der "Geholfene" kann seinem Berater also kaum je voll vertrauen, da er immer janusgesichtig bleiben muss.
Einerseits scheint zwar: Ueber den helfenden Charakter Sozialer Arbeit kann es keinen Zweifel geben - andererseits war Hilfe schon immer eine zwiespältige Sache, die oft den Helfenden mehr diente als den "Geholfenen".
Die Helfenden fühlen sich gut und stark, die Geholfenen unterwerfen sich und bleiben dankbar ... ruhig.
Einerseits geht es bei der Sozialen Arbeit um:
Handhabung von Lebensumständen die aus dem Gleichgewicht geraten sind und Hilflosigkeit erzeugen - Verantwortung der Gemeinschaft für den Einzelnen. ... Es gibt die Schwächeren, die ein durchschnittliches Leistungsniveau überfordert - wir reden an dieser Stelle auch von Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung; und es gibt die Stärkeren, die Leistungsgefälle und Freiräume in der Gesellschaft dazu einladen, Egoismen zu realisieren. [S. 9]
Lebensweltorientierung mit Fokus auf gelingendes Leben, Hilfe zur Lebensbewältigung.
andererseits ist diese Hilfe meist mit einer reaktionären Schuldzuweisung an die Adresse der Betroffenen verbunden: Gesellschaftlich institutionalisierte Reaktion auf typische psychosoziale Bewältigungsprobleme in der Folge gesellschaftlich bedingter Desintegration. [Böhnisch 1999, Zit. S. 67]
Einerseits antwortet die Sozialarbeit auf einen Notstand also mit der Bearbeitung des Individuums, was meist der erste Ansatz ist:
oder, was bisher eine eher theoretische Forderung ist, sie versucht seine Umwelt so umgestaltet, verändert, beeinflusst, dass er sich darin bewähren, seine Kräfte entfalten kann. [S. 176]
Der "Normierungsauftrag", die Funktionalisierung, die Reprogrammierung eines funktionierenden Marktteilnehmers ist eigentlich meist alles, was unternommen werden kann.
Das Mandat des Auftraggebers lautet: Integration in bestehende gesellschaftliche Situation, nicht Schaffen einer andern Situation.
Sozialarbeiter haben keinen Auftrag als Weltverbesserer.
Vermutlich stimmen Sie dem zu ... aber vielleicht liegt gerade hier ein Problem, über das mal nachzudenken wäre, denn Ausschluss geschieht nur selten auf Grund eines einseitigen Fehlverhaltens, und praktisch nie immer auf der selben Seite, also hier der Arbeitnehmer. Sozialarbeit hätte nämlich eben doch zumindest den Auftrag nach anwaltschaftlichem Prinzip für die ihm unterstellten einzustehen, also eben doch ein Mandat der politischen Einmischung.
Da sie das jedoch auf Grund des herrschenden Kulturmodelles tut, erzieht sie so die marktfähige Arbeitskraft, die sich willentlich selbst verkauft. Sie verstösst hier also gegen einen Kantschen Imperativ, indem sie den Menschen zum Objekt macht. Dazu tut sie das mit einer sehr einseitigen Perspektive, die nur die Betroffenen als Problem (und gleichzeitig Ursache des Problems) ansieht, nicht jedoch die eigentlichen Verursacher, also die wirtschaftlichen Mechanismen.
Während dem bereits die Einmischung in persönliche Angelegenheit der "Geholfenen" rechtlich, psychologisch, sozial, politisch etc. ein Problem darstellt, das aber auf Grund der Kräfteverhältnisse leicht beiseite gewischt werden kann (obwohl hier ganz klar eine Ethik der Intervention notwendig wäre), ist das Problem der Einmischung und Intervention in staatliche, ja noch mehr wirtschaftliche Angelegenheiten schwieriger zu bewältigen, da hier massive Kräfte dagegen anstehen. Voraussetzung wäre hier: Sozialarbeit als Gesellschaftskritik. ( s. Kritische Theorie).
Die gesellschaftliche Wirklichkeit mag ein bescheidenes Bild eines sozialarbeiterischen Wächteramtes zeichen - dennoch steht es ausser Frage, dass Soziale Arbeit in der gezeigten gesellschaftlichen Funktion die Pflicht hat, ihre Stimme zu erheben, wenn sie im gesamtgesellschaftlichen Gewebe Risse ausmacht, und auch politisch die Initiative zu ergreifen, wenn sie gesellschaftliche Fehlentwicklungen befürchtet.
Handeln und Wissen gehören in der Sozialen Arbeit zusammen und prägen Praxis aus. - Handeln braucht Wissen, wenn es erfolgreich sein will:
Das Wertewissen, das insbesondere bei der Entscheidung zum Handeln zum Zuge kommt, wird hier auf die europäische Ethik und europäische Kultur beschränkt, was in Zeiten der Globalsierung und multiethnischen Gesellschaften wohl kaum mehr haltbar ist. Dazu kommt, dass Ethik, oder vielmehr Moral generell kaum eine Grundlagen bieten für eine klare Selektion zwischen Gut und Böse, sondern eher für eine Optimierung (Wertekompass). Beides ist aber immer weniger möglich, wo sich das Resultat einer Handlung kaum mehr abschätzen lässt, eben der Komplexität wegen. Ethik hat hier Mühe mit dem Problem der Unentscheidbarkeit, dem Unwissens darüber, welches Resultat ein komplexer Prozess zeitigen wird. Das simple "tertium non datur" gilt sogar in der mathematischen Logik schon lange nicht mehr.
Etzioni, Mitbegründer des Kommunitarismus, wehrte sich z.B. auch gegen Majorisierung, da es auch in einer Demokratie Platz für Minderheiten mit ihren legitimen Bedürfnissen und Wertvorstellungen geben muss - die eben der Mehrheitsmeinung und - Kultur und oft - Werten widersprechen können. Hier offenbart sich ein Problem jeglicher Demokratie: Das Gesetz, also die Mehrheit definiert was legitim ist. Minderheiten haben also immer einen schweren Stand, sich gegen Demokratur zu wehren. Problem: Wie geht die Gesellschaft um mit denjenigen, die andere Wertesysteme haben? (Multikulti, Pluralismus etc.)
Nun hat offenbar die Sozialhilfe, oder zumindest einige ihrer Vertreter, offenbar so ab und zu ebenfalls einen Anfall von Cäsarismus:
Sowohl die lebensweltliche als auch die systemische Betrachtungsweise, beide allemal fähig, Praxis anzuleiten, regen ein Nachdenken über Gesellschaft an. Dabei geht es darum, Gesellschaft in die Krise zu führen. Das ist als konstruktiver Akt zu verstehen, denn erfahrende Wirklichkeit wird auf Ideen und Ideale bezogen. Soziale Arbeit weiss diese Krise deutlicher als andere Wissenschaften heraufzuführen, denn sie hat es in ihrer Praxis mit den Abweichungen ("Verfehlungen"), den Unwägbarkeiten ("Schicksalen") und den Irrtümern ("Lebenslügen") zu tun. Sie kennt die gesellschaftliche Wirklichkeit, sie weiss um die Vorstellungen und die Ansprüche der Menschen in der Gesellschaft, und sie versteht die Dynamik, der soziale Prozesse im Kleinen wie im Grossen unterliegen. Darüber hinaus vermag sie normativ zu agieren, gestützt auf ihr Werteverständnis, und sie ist in der Lage, in dem diffusen Feld der sozialen Probleme Brennpunkte der Aufmerksamkeit zu benennen und wissenschaftlich zu erforschen. [S. 75]
Woll, woll ... wohl eine masslose Ueberschätzung der Fähigkeiten sämtlicher Sozialarbeiter, aber gerade darum ein guter Ausgangspunkt um zu überlegen, wie Sozialhilfe als gesellschaftlich mit-gestaltende Tätigkeit zu organisieren wäre:
Nebst der Vielfalt an Räumen, also einer extrem komplexen Topologie, kommt hier aber noch die Frage der Macher, Antreiber, der Spitze: Wer oder was treibt die Entwicklung der Gesellschaft an? Was bringt Fortschritt? Wer schafft ihn? Wer bewertet ihn? Evolution (bloss ein lateinischer Ausdruck für Entwicklung) beruht auf trial and error, mehr oder minder zufälliger Veränderung - und Auslese (Selektion), je nachdem ob die Veränderung überlebt oder nicht, sich fortpflanzt oder verschwindet.
Die Akteure der Entwicklung sind vielfältig und viele: Die Wirtschaft dürfte der am stärksten treibende Faktor sein. Die Politik darf nicht fehlen, da sie regelmässig Probleme ausbaden muss, die von der Wirtschaft verursacht werden (zu einseitige Verteilung, Armut auf der einen, Ueberfluss auf der anderen Seite; Umweltzerstörung, Verstösse gegen moralische oder gesetzliche Normen etc. Zwischen dem Duo drin stecken natürlich bereits die ausführenden wie die betroffenen Menschen, also die Gesellschaft, die auch Ziele formulieren kann (na ja: könnte), die weder spezifisch politisch noch wirtschaftlich sind. Dass alles wirtschaftliche rentabel sein muss führt zu einer extremen Verengung der Entwicklungspotentiale - nicht aber zu entsprechendem Zuwachs der Glückspotentiale. (s. Glücksforschung / Glück). Wiederum an der Spitze von Wirtschaft und Politik stehen die Forscher, die mit neuen Entdeckungen, neuen Erkenntnissen, neue Lösungen, Ziele, Produkte etc. ermöglichen, die Unternehmer, die neue Produkte herstellen und vermarkten, die Verbraucher, die durch ihren Kauf (oder nichtkauf) darüber entscheiden, welche Produktlinien weiter entwickelt werden und welche untergehen (aussterben). Der Konsument ist also in der Wirtschaft derjenige, der Selektion betreibt. Grösse und Macht der Firmen können hier nur so lange Bedeutung haben, als der Konsument ihre Botschaft (im wahrsten Sinne des Wortes) kauft.
250 Jahre freier Marktwirtschaft haben jedoch gezeigt, dass die unsichtbare Hand eben nicht alle Probleme regelt, weil
Hier sind insbesondere in den letzten 20 Jahren die Finanzdienstleister zu den eigentlichen Herren geworden, die entscheiden, wohin Geld fliesst, und wo es abgezogen wird, ohne Rücksicht darauf, dass dies oft eben so verwüstete Landschaften hinterlässt, wie früher Kriege. Investoren investieren nur dort, wo mehr Geld zurückfliesst als sie investieren. Ihr Kriterium ist nur der Mehrwert, der finanzielle Mehrwert. Dass sich dieser aber nicht immer mit sozialem, geistigem, kulturellem Mehrwert deckt ist klar, denn jede Investition zerstört etwas, das vorher da war, also da wo "nichts" war, meistens Natur.
Kernfragen:
Wer sind die Agenten der Entwicklung?
Wer sind die Bewerter der Entwicklung?
Wer trifft die Selektion - auf Grund welcher Definition des "Erfolges"?
Was sind die Selektionsmechanismen?
Der dominante Selektionsmechanismus heute ist Geld, eigentlich sollte es jedoch Sicherheit, Gesundheit, Ueberlebensfähigkeit und, last not least, Glück sein. Um andere Selektionsmechanismen der Entwicklung einzuführen, braucht es also quasi eine Revolution, zumindest eine Revolution im Denken. Da laut und seit Weber Propheten und Revolutionäre aber eben gerade das Gegenteil von Wissenschaftlern sind, die die Entwicklung des Wissens der letzten 200 Jahre dominiert haben, fehlt den Wissenschaften offensichtlich ein bedeutender Aspekt: die Perspektive der Sicht auf die Zukunft. Wissenschaft ist nur so lange Wissenschaft, als sie Vergangenes und Gegenwärtiges extrapoliert, aber nicht mehr da, wo der freie Mensch sagt: ICH WILL! Hier ist der Hell-Seher gefragt, nicht Schwarz-Seher (und auch Fern-Seher, obwohl man das gegenteil denken könnte, sind hier nur von geringem Nutzen.).
Welche Position hat also die Sozialarbeit unter all diesen Agenten der Entwicklung? Ist die Sozialarbeit eine Wissenschaft für gesellschaftliche Belange? Für geselllschaftliche Entwicklung? Was haben die (Wirtschaftswissenschaften, Kulturwissenschaften, Geisteswissenschaften, andere Sozialwissenschaften dazu zu sagen? Wie stimmen sie sich ab mit Wirtschaft, Politik und andern spezifischen gesellschaftichen Interessengruppen? Wo sind die Abgrenzung - wie läuft die Kooperation? Früher mal redete man da, als Student, gerne von Interdisziplinarität. Aber auch diese hat sich in dem hier notwendigen Ausmass nie durchgesetzt. Sie wäre ja ein Widerspruch per se zum System der wissenschaftlichen Disziplinen. Zudem würde Sozialarbeit, näme sie den letzten Satz des folgenden Abschnitts ernst, zur Profession der Propheten, die Wahrheiten verkünden:
Im Mandat treffen sich das Problem- und Handlungsverständnis Sozialer Arbeit und der gesellschaftliche Bedarf, der allein dadurch entsteht, dass Menschen soziale Zusammenhänge ausprägen, die politisch gesteuert und verwaltet werden. Im Mandat mobilisiert die gesellschaftliche Exekutive ein berufliches Handlungspotential, das ihr nützt, soziale Zusammenhänge zu gestalten, das der Gesellschaft aber auch zu einem Selbstverständnis verhilft. Soziale Arbeit ist dazu in der Lage, weil sie ihre Praxis an der gesellschaftlichen Peripherie leistet und dadurch weiss, was Politik und andere gesellschaftliche Kräfte an Lebenswirklichkeiten und nicht zuletzt an Inkonsistenz produzieren. ... Alles in allem entspricht es ganz diesem Mandat, dass Soziale Arbeit einen eigenständigen Wertediskurs unternimmt. [S. 101]
Soziale Arbeit ist also eher Informator zu systemischen Missständen - die sie aber selbst nicht korrigieren kann, da sie aus einem, mit den Bedürfnissen der Mehrheit der Menschen schlecht abgestimmten Wirtschaftssystem stammen, einem Wirtschaftssystem, das diejenigen begünstigt, die bereits haben, auf diejenigen aber pfeift, die bloss sein wollen. (s. Fromm: Haben und Sein.)
Kennzeichen sozialer Arbeit:
Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter brauchen in ihrer Praxis Wertvorgaben, die gültig sind, auch wenn sie persönlichen Präferenzen nicht entsprechen. Und sie brauchen - das ist ihre individuelle Reflexionsleistung - einen vorbehaltlosen Blick für abweichende Wertwirklichkeiten bei Adressaten. [S. 131]
Punkt 3 ist hier problematisch, denn am meisten Arbeit fällt für die Sozialarbeit eben dann an, wenn die Gesellschaft nicht mehr funktioniert, weil einzelne Interessen sich dominant durchsetzen konnten, zur Zeit die Interessen der Geldvermehrung. Das Ganze ist problematisch, da jede Ethik bis zu einem gewissen Grad perspektivisch ist, insbesondere wenn sie aus unterschiedlichen Kulturen stammt. Wir sehen das sogar direkt an der berechtigten Forderung der Sozialarbeit, einen Bereich autonomer politischer Arbeit zu vertreten. Weiter oben sind wir auf eine vermutlich teffendere Charakterisierung gestossen: Der Anstoss zu einer therapeutischen Krise - als Anstoss zu politischen Massnahmen, die aber, gerade in Demokratien, über den öffentlichen politischen Kanal laufen müssen. Jegliche fixe und feste Formulierung der Aufgaben und Tätigkeiten der Sozialarbeit gerät also in ein Dilemma, weil diese Tätigkeit per se nur eine dynamische sein kann, die Verhältnisse ändern muss, ändern will, ändern dürfen soll. Die Frage ist also nur wie, eine Grundbedingung ist also eine gewisse Autonomie:
Notwendige Autonomie /Eigensystemik:
Mit einem reinen Reparaturbetrieb aber wäre keine gesellschaftliche Selbstkontrolle zu halten, deren Notwendigkeit besonders dort deutlich wird, wo Wandlungsprozesse in Gang kommen. Soziale Arbeit dagegen, die als "gesellschaftsumfassende soziale Tätigkeit" in Erscheinung tritt, und die sich, in relativer Autonomie, vom Tagesgeschäft auch distanzieren kann, würde Gesellschaft auf ihren Kontrollreflex hin zu bewegen wissen und sich zu einer Garantin der Funktionstüchtigkeit eines gesellschaftlichen Gewissens aufschwingen, dem Gesellschaft nicht als Selbstzweck, sondern in der Bedeutung für die Menschen, die in ihr leben, am Herzen liegt. [S. 80]
Wenn ein zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Mandats darin liegt, dass Soziale Arbeit normative Handlungsweisen nicht nur praktiziert, sondern auch zu verantworten, d.h. abzusichern vermag, stützt sich Gesellschaft auf das ethische Konzept, dem sich Sozialarbeitshandeln verpflichtet weiss. Tut sie das nicht, verliert sie die Unterstützung des Berufes. Wer also genau hinsieht, wird bemerken, dass berufliche Autonomie durchaus zu den Kennzeichen Sozialer Arbeit gehört. [S. 263]
Kultur als Horizont in der Ethik Sozialer Arbeit als Praxiswissenschaft, Handlungswissenschaft
Schumacher postuliert einerseits ganz klar Sozialarbeit nicht nur als normative Tätigkeit, sondern gar als normative Wissenschaft ... was eigentlich Unsinn ist, zumindest nach Weber, aber eigentlich auch aus soziologischer Perspektive. Wissenschaft kann nur erforschen was war und ist, nicht aber was sein soll und sein wird - höchstens was sein könnte:
Soziale Arbeit zeigt sich über ihre Ethik als eine praktische Wissenschaft, ausgestattet mit allen Erkenntnismöglichkeiten, getragen vom Anliegen des beruflichen Handelns und mit der Besonderheit einer normativen Orientierung.
Der Ausdruck < praktische Philosophie> wäre hier weitaus angebrachter gewesen als Wissenschaft, denn Handlungsentscheide unterliegen immer dem freien Willen, dürfen also nie von der Wissenschaft bestimmt werden. Sonst wird der Mensch zur Maschine, die nur noch auf Sachzwänge reagiert, aber nicht mehr handelt. Kernproblem ist hier also das Aushandeln von allgemein verbindlichen Normen und Verhaltensregeln ... also Politik. Ist soziale Arbeit also Politik? Dummerweise wäre die Verwendung des Ausdrucks <praktische Philosophie> an Stelle der <begründenden Wissenschaft> aber auch bloss eine Tautologie, da der Ausdruck wiederum nichts anderes bedeutet als <Ehik>.
Ausgeklammert bleibt hier auch eine theologische Reflexion, da mit der Leitkultur der Sozialhilfeansatz auf Christen beschränkten würde, beschränkt wird. Vieles das wir als "Sozialbetrug" betrachten, liesse sich vermutlich einfacher Lösen als mit Detektiven, Polizei und Gerichten, würde man das Hilfekonzept in die entsprechenden Ethiken der Ethnien übersetzen. Das wäre Diskriminierung - aber im posiven Sinne, denn <diskriminieren>, aus dem Lateinischen, heist in wörtlicher Bedeutung nichts anderes als <unterscheiden>. Einer der wichtigsten Rechtsgrundsätze heisst entsprechend: <gleiches gleich, ungleiches ungleich behandeln>. Eine multiethnische, multikulturelle Gesellschaft braucht also auch eine Multiethik - verbunden durch eine pluralistischen Minimalethik.
Es ist im Grunde eine abenteuerliche Situation, wenn sich Soziale Arbeit derart auf frei schwebende moralische Zusammenhänge bezieht und sich in der Folge auch ethisch - expertokratisch, anwaltschaftlich, normativ - verhält, aber über das Wesen ihrer ethischen Orientierung nicht nachdenkt.
| Die Kultur gibt Spielregeln für das Denkens- und Wünschenswerte vor. |
Das macht die Sache nicht einfacher, sondern kompexer, aber dafür lösungstauglich. Hier müssen Verhandlungsprozesse in Gang kommen (und nichts anderes ist eigentlich Politik, in denen festgestellt wird, welcher Art die unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen sind und wer diese zu wessen Gunsten formuliert, allenfalls durchsetzt. Das ist kein Anschlag auf ein gewisses, als überlegen gefühltes "Heimatrecht" der einheimischen Bevölkerung, denn auch innerhalb der einheimischen Bevölkerung haben unterschiedliche Gesellschaftsteile unterschiedliche Interessen, die weitaus klarer würden, einigten sich die Einheimischen nicht immer instinktiv gegen "fremde Fötzel".
Das Abgehen von EINER Moral, einer Leitkultur, einer Herrschaftsethik würde auch die Kritik an offensichtlichen Fehlentwicklungen innerhalb der eigenen Kultur erleichtern. Gerade Sozialarbeit sollte Verhaltensregeln etablieren wo moralische Orientierungslosigkeit herrscht ..., oder totale Fehlorientierung. Die Ergänzung stammt von mir, bezieht sich auf die eigentlich klar erkennbaren Fehlentwicklungen die durch den Geldtrieb verursacht werden und sich dadurch im Kapitalismus natürlich besser durchsetzen konnten ... weshalb es vermutlich ein massiver Fehler war, den Osten Europas einfach zu "vermarkten". Die geldorientierte Marktwirtschaft führt, durch den direkten Einfluss des Geldes auf die Steuerung im Zentralhirn, quasi zu kollektiver Schizophrenie oder Neurose. Der von Schumacher offenbar so geschätzte Kulturraum westlicher Provenienz trainiert heute nicht auf Wahrheit, Dialog (griechisch) und Liebe (Christentum), sondern impliziert: Konsumiere was der Geldbeutel her gibt - Produziere und vermarkte was die Natur hergibt und das Gesetz nicht verbietet.
Zwischendurch kommt aber selbst Schumacher eine kleine Erleuchtung, dass uns vermutlich doch einige Orientierungswissen fehlt und er äussert ein klein bisschen Selbstkritik: Vor allem aber demonstriert die naturwissenschaftliche Erkenntnissuche, wie wenig abendländische Wissenschaft verlässliches Wissen darüber besitzt, was den Menschen ausmacht. [S. 216]
... wofür natürlich auch nicht die Naturwissenschaften, sondern die Geistes- und Sozialwissenschaften zuständig wären. Diese haben zwar einiges Wissen, aber da es die Produktivitätsmentalität (s. Produktionsgesinnung) meist stört, wird es in der kommerziellen Kultur bestenfalls Verkauf, aber kaum mehr wahr genommen (und vor allem kaum für wahr gehalten).
Ich zitiere Wiki: In der Entwicklungspolitik werden auf drei Ebenen Veränderungen angestrebt, die sich wechselseitig beeinflussen:
Der Grund für Entwicklungspolitik liegt sowohl in den ethisch-moralischen Vorstellungen westlicher Staaten als auch im Eigeninteresse der Industriestaaten an Sicherheit und Wohlstand.
Bis Ende der 1960er beruhte das vorherrschende Konzept „Entwicklung durch Wachstum“:
Aus der Analyse des Pearson-Berichts heraus formulierte Robert McNamara die Grundbedürfnisstrategie, die auf der Annahme basiert, dass auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse Wachstum folgt.
Die Grundbedürfnisse werden in zwei Kategorien unterteilt:
Grundbedürfnisorientierte Aktionsprogramme wurden gestartet: Nahrung für alle (FAO), Gesundheit für alle (WHO), Bildung für alle (UNESCO), Arbeit für alle (IAO). Inhaltlich änderte sich bei diesen Aktionsprogrammen jedoch wenig gegenüber Entwicklung durch Wachstum.
Interessant ist hier jedoch bereits, dass die landesinterne Entwicklungszusammenarbeit, also die Sozialarbeit, immer noch nur den einen Schwerpunkt kennt, die materiellen Grundbedürfnisse, diese aber, zwecks Integrationszwang, minimiert - wobei die immateriellen Grundbedürfnisse der Sozialhilfebezüger gleichsam negiert werden (mit Ausnahme der Arbeit, die hier allerdings zum Zwang wird, statt zum Be-Ruf, also dem Einsatz der eigenen Fähigkeiten und Talente).
Während der Ölkrise anfangs der 1970er Jahre wurden durch den steigenden Ölpreis große Geldmengen von den Ölscheichs über die Banken in Entwicklungsländer investiert, da ein Land als sicherer Schuldner galt. Hohe Zinsen und Fehlinvestitionen führten zu einer bedrohlich zunehmenden Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer. Als diese in den 1980er Jahren schließlich mehr Schulden und Schuldzinsen zurückzahlen mussten, als sie aufbringen konnten, kam es zu den ersten Zahlungsunfähigkeitserklärungen von Ländern (Mexiko, 13. August 1982).
Zusätzlich war der Anfang der 80er Jahre durch eine schwere Wirtschaftskrise gekennzeichnet, nach einer Stagnation in den 1970ern fielen in vielen Ländern die Wachstumsraten steil ab. Fallende Rohstoffpreise ließen die Exporterlöse der Entwicklungsländer sinken und die Schuldenberge weiter wachsen. Ehemalige Schwellenländer (Brasilien, Elfenbeinküste) und Ölländer (Mexiko, Venezuela, Nigeria, Algerien) gerieten in schwere Wirtschafts-, Sozial- und Politikkrisen.
Die 80er waren deshalb für viele Entwicklungsländer ein verlorenes Jahrzehnt. Ausnahmen bildeten die Tigerstaaten im Fernen Osten (Südkorea, Taiwan, Hongkong, Singapur) und die Volksrepublik China.
Die Idee der nachhaltigen Entwicklung (sustainable development) hatte ihren Durchbruch an der „Rio-Konferenz über Umwelt und Entwicklung“ (1992), die die Erkenntnisse des Brundtland-Berichtes (1987) aufgriff und eine so genannte „Agenda 21“ aufstellte. Nachhaltige Entwicklung soll die arme Bevölkerung in die Lage versetzen, eigenständig die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern, ohne sich an Standards in anderen Ländern zu messen. Das Prinzip der „Hilfe zur Selbsthilfe“ (s. auch eigener Beitrag) steht im Vordergrund, und es werden Projekte gefördert, die
An der 55. UN-Generalversammlung („Millennium-Gipfel“) zogen die Vereinten Nationen eine verheerende Bilanz: Zu diesem Zeitpunkt lebten über eine Milliarde Menschen in absoluter Armut. Damit muss jeder fünfte Mensch auf der Welt mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen; mehr als 700 Millionen Menschen hungern und sind unterernährt.
> Das wundert wenig, denn "arbeitsintensive Wirtschaft, Anpassung der Wirtschaft an Kultur - statt umgekehrt, ressourcenschonende Verfahren - alle drei Punkte stehen den "normalen" Entscheidungskriterien der wirtschaftlichen Optimierung fast diametral entgegen, ausser der 3., aber nur bei hohen Rohstoffpreisen
Deshalb verabschiedeten am 8. September 2000 189 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen mit der Millenniumserklärung einen Katalog grundsätzlicher, verpflichtender Zielsetzungen für alle UN-Mitgliedsstaaten.
| Hauptziele der Millenniumserklärung | Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) |
.... Die Umsetzung der Millenniumsziele droht jedoch zu scheitern ... Insbesondere die Sache mit den Finanzsystemen ... |
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Kritiker bemängeln insbesondere an dem 1. Hauptziel (Anteil der Menschen mit weniger als 1 Dollar Tageseinkommen verringern), dass eine solche Monetarisierung das Armutsproblem zwar ökonomisch fassbar mache, aber gleichzeitig die Subsistenzwirtschaft aus dem Blick dränge, die in den genannten Ländern weit verbreitet ist und oft überhaupt das Überleben bzw. ein menschenwürdiges Leben erst ermögliche.
Daneben werden vor allem die folgenden Punkte kritisiert:
In der Sozialen Arbeit wird und vor allem wurde bisher stets von der so genannten Methodentrias, den drei klassischen Methoden der Sozialarbeit:
gesprochen, welche im Laufe der Zeit durch weitere Methoden wie beispielsweise:
ergänzt wurden (Schilling
2005: 112). Dies korrelierte mit der bisher nur unzureichend beantworteten Frage, ob Soziale
Arbeit überhaupt eine eigenständige wissenschaftliche und gesellschaftliche Profession sei.
Diese Frage wurde meist verneint und Sozialer Arbeit wurde damit die Funktion der
gesellschaftlichen ExklusionsmanagerIn zugestanden, die im staatlichen Auftrag durch
äußerst ausdifferenzierte Interventionsformen in System stabilisierender, den Status quo
erhaltender Hinsicht „vom Staat“ festgelegte „Probleme“ bearbeiten sollte (Michel-Schwartze
2007: 7/8).
In jüngerer Vergangenheit wird Soziale Arbeit jedoch, in unterschiedlichen Ausprägungen,
als „im eigenen Auftrag handelnd“ beschrieben. Soziale Arbeit
hingegen wurde nicht in diesem Sinne als „klassische“ Wissenschaft, sondern als praktische Tätigkeit, welche sich im Laufe ihrer Entwicklung zu verwissenschaftlichen
begann, entwickelt.
Wichtig auch die partizipative Entwicklung, "grassroots", also eine „Entwicklung von unten, die zum Wohlbefinden von allen beiträgt“.
Allerdings beginnen die Gemeinsamkeiten der Sozialarbeit mit der Entwicklungszusammenarbeit nicht erst bei der Partizipation und Gemeinwesenarbeit, sondern eigentlich bei dem für sich selbst einstehenden Individuum, dessen Befreiung aus den Fängen fremd gesetzter Normen - und Erwartungen.
Hier kommt ein alter Geselle, der während meiner Studienzeit breit diskutiert wurde und eigentlich allgemein bekannt war wieder ins Gespräch: Paolo Freire. All die im folgenden Abschnitt 4 verwendeten Büchlein sind Reprints von Arbeiten der Jahre 1970-89 - die heute, im Zeichen der Beherrschung der Welt durch den Neoliberalismus, d.h. präziser, durch seine Topvertreter, die Finanzherren, eine ganz andere und neue Bedeutung kriegen (können sollten müssten).:
Nun ist die Frage, wie dies erreicht werden kann. Meiner Meinung nach bietet sich hier das Konzept der politischen Alphabetisierung von Paulo Freire an, d. h. der Entstehung eines kritischen Bewusstseins durch die Überwindung von Bildung als bloßer Weitergabe von Wissen (Freire 2007a: 38)
[Hier zitiert nach Heinrich. s. auch im Original: Pädagogik der Autonomie:
Paulo Freire: Unterdrückung und Befreiung. Waxmann. Münster, New York, München, Berlin. 2007.
Paulo Freire: Bildung und Hoffnung. Waxmann. Münster, New York, München, Berlin. 2007. ]
Folgendes Zitat fasst den Inhalt vn Freires Freiheitspädagogik recht gut zusammen:
Dabei wäre das Bildungssystem grundsätzlich als reformbedürftig zu bezeichnen, da Bildung eher als Schulung, bewacht von neoliberalen, rückwärtsgewandten Greisen vollzogen wird (Freire 2007b: 121). Dies bedeutet, dass im deutschen Bildungssystem, basierend auf Wiederholung und Antidialog, SchülerInnen und durch die Bologna- Prozesse auch StudentInnen mit vorgefertigtem und „nützlichem“ Wissen „gefüllt“ werden, anstatt selbständiges, kritisches und von Erkenntnis geleitetes Denken zu lernen (Freire 2007a: 74).
Lernen als selektiver UND verarbeitender Denkprozess:
Wichtig zu wissen betr. des Lernprozesse ist, dass dabei eigentlich immer Veränderungen eintreten. Es wird nicht bloss neues und weiteres Wissen hinzugegossen (so quasi durch den Nürnberger Trichter), sondern das neue Wissen wird mit dem bestehenden verglichen und entweder abgelehnt, oder integriert durch Angpassung an bestehendes Wissen (weshalb jedes Individuum seine eigene Perspektive, seine eigenen Konzepte der Dinge hat) - oder es führt, falls es wirlich neu ist, zu Veränderungen an den Wissensbeständen, die sich ihrerseits an das neue Wissen anpassen müssen. Hier ist der Anpassungsvorgang also zweiseitig. Und dies wird beim Trichterkonzept, von Freire "Buchhalterkonzept" genannt, nicht berücksichtigt. Hier findet sich präzise der Grund, weshalb der Kapitalismus von den einen als Schizoidifördernd, von den andern quasi als Neurosekonzept per se betrachtet wird: Er verlangt die gleichzeitige Präsenz und Anwendung von völlig widersprüchlichem Wissen, ja sogar Werten, kann also nie ganzheitlich sein. Bildung jedoch muss den ganzen Menschen erfassen, erhalten, bilden und formen - und zwar eben nicht in die Form, die der Markt oder gesetzesgläubige Bürger für ihre Mitbürger vorsehen, sondern in die Form, die dem Kern des Menschen entsprechen. (s. Der Mensch zwischen Anpassung (Frustration) und Selbstverwirklichung (Kohärenz): Was ist das Menschenbild, das ideale Menschen-Modell?)
Die Ueberbetonung der Aus-Bildung vor der Bildung/Formung des ganzen Menschen führt zu einer ganzen Serie von Problemen. Nebst der inhärenten Tendenz Schizophrenie, Schizoidie und Neurose zu fördern auch ganz praktische Probleme. Nicht nur das Wissen (insbesondere in den diszipinär getrennten Wissenschaften wird parzelliert, sondern auch die Vernunft, die aber so, ohne Kontext, eben die Bezeichnung Vernunft gar nicht mehr verdient. Freire: Erziehung bedeutet Bildung, nicht Ausbildung, und es gibt keine humane Bildung ohne Ethik.
Die Schulempfehlungen nach der Grundschule sortieren Kinder aus unteren Schichten vorsorglich aus (Gesterkamp 2008: 7). Dieser Prozess wird verstärkt durch die Abhängigkeit der Schulungsqualität von Geld, die nicht nur an Privatschulen, sondern immer stärker auch an Hochschulen gegeben ist:: An Hochschulen werden Studiengebühren eingeführt demokratische Organisation von Hochschulen „rückgebaut“
Durch die Ansprüche von hochdynamischen Arbeitsmärkten ist es fast unmöglich geworden, mit einem einmal erreichten Spezialisierungs- und Qualifizierungsstand einen dauerhaften und angemessen bezahlten Arbeitsplatz zu bekommen, statt dessen werden befristete und gering bezahlte Trainee-Stellen o. ä. zur Weiterqualifizierung angeboten. Wenn Auslandsaufenthalte während dem Studium, unzählige, meist unbezahlte Praktika in Nichtregierungsorganisationen, bei Unternehmen, in Behörden etc., mehrere Fremdsprachen u. a. trotzdem keine ausreichende Zusatzqualifikation zu Bachelor-, Diplom- oder Master-Abschluss bzw. auch zur Dissertation mehr sind, bleiben noch meist kostspielige Entwicklungshilfe-Auslandsaufenthalte, bei welchen fragwürdig erscheint, ob dies wirklich der Entwicklungshilfe dient oder nur gut für die Karrierechancen ist (Nowotny 2008: 12). Andererseits werden dadurch immer mehr hochqualifizierte Menschen, die sich entweder weiterhin zu qualifizieren versuchen oder denen schlicht das Geld dafür ausgegangen ist, in den Dienstleistungssektor gedrängt. Im Dienstleistungssektor hingegen wird die Arbeit anspruchsloser, meiner Meinung nach ist für die meisten Jobs im Dienstleistungssektor der erfolgreiche Abschluss der Grundschule ausreichend: z. B. Tätigkeiten im Callcenter, als marketing street manager und im Service. Ebenso werden überwiegend befristete und minimal bezahlte Stellen angeboten, auch aufgrund des hohen Konkurrenzdrucks unter dem Humankapital. Die ArbeitgeberInnen erwarten neben den bereits genannten Anforderungen an die moderne Arbeitskraft zudem die Bereitschaft zur Arbeit rund um die Uhr, schließlich muss die unerlässliche 24- Stunden-Versorgung mit Dienstleistungen gewährleistet werden. Dass Unternehmen sich in diesem Meer von Humankapital trotzdem nur die Besten aussuchen, führt zu TaxifahrerInnen mit Hochschulabschluss und anderen Mensch-Beruf-Kombinationen, die AbsolventInnen des normalen Schulsystems die Möglichkeiten zum Berufseinstieg verbarrikadieren. Die Anspruchslosigkeit dieser Jobs bedingt meiner Meinung nach auch eine Vergeudung von Potenzialen, da diese Anspruchslosigkeit nur dem Ziel der Beschäftigung von überflüssigem Humankapital dient.
Eigentlich sollte man das Problem wieder mal ganz anders fassen, und nicht bloss zwischen Bildung und Ausbildung unterscheiden, sondern auch zwischen Wissenserwerb und Denken. Obwohl, irgendwie hängt's doch zusammen. Bildung wäre eine denkende Verarbeitung neuen Wissens - Ausbildung eben ein blosses Lernen. Ausbildung wirkt also denkbehindernd - was vermutlich Absicht ist:
Es geht nicht darum, Wissen weiterzugeben, sondern Wissen zu erzeugen und zu bilden, Möglichkeiten für eigenständiges Erarbeiten oder die Weiterentwicklung der Kenntnisse zu schaffen – „eine anspruchsvolle, schwierige und manchmal schmerzhafte Haltung“ (Freire 2008: 24; 45; 46). Diese politische Alphabetisierung kann u. a. durch das Pippi-Langstrumpf-Prinzip, das form-follows-failure-Prinzip und der Option, von der Macht zu lernen, initiiert werden.
„Wozu studiere ich? Für wen? Wogegen studiere ich? Gegen wen?“ (Freire 2008: 72)
Und vor dem blossen, unbedachten Lernen wurde eigentlich schon immer gewarnt. In der Zwischenzeit wurde allerdings sogar das Denken manipuliert, in dem es nur noch eine Art des richtigen Denkens gibt. Das heisst, es wird dem Individuum abgenommen, darüber nachzudenken, welche Perspektive, welche Art des Denkens die rechte sei. Und das ist Ideologie, immer, auch wenn es sich um "gute", oder vielmehr gut gemeinte Ideologie handel. Nach Ivan Illich wurde das Denken entdialektisiert - d.h.: Propaganda herrscht: Wir brauchen mehr Wachstum, wir brauchen tiefere Löhne, wir brauchen längere Arbeitszeiten, wir brauchen mehr Leistung, wir brauchen mehr Flexibilität.
Wenn Sie sich diesen, oder ähnliche Sätze der alltäglichen Propaganda in den Medien ansehen, fällt auf, dass hier jemand das WIR usurpatorisch aneignet. Wenn ich (also ich, der Schreibende) aber in einem WIR vorkomme, dann möchte ich wirklich auch was zu sagen haben zu dem, was ich da offenbar muss oder soll.
Bereits in der Schule als einem der wichtigsten Orte gesellschaftlicher Sozialisation werden, ebenso wie in anderen institutionalisierten gesellschaftlichen Bereichen wie Arbeitsplatz, Verein und auch nicht institutionalisierten Bereichen wie Kneipen, Familien und alltäglichem Leben, so Elemente herrschender Ideologie vermittelt und verinnerlicht, die der ständigen Produktion und Reproduktion der Gesellschaft strukturierenden und System erhaltenden Macht- und Hierarchieverhältnisse dienen.
Gerade weil die Schule (Aus-Bildung) hier entscheidenden Einfluss auf jeden Menschen hat, setzt Freire, wie übrigens die Befreiungstheologie (Dom Helder Camara) bei der Pädagogik an. Dominiert eine Pädagogik, die vor allem auf rasches Erlernen grosser Mengen an Wissen setzt, also Effizienz, so herrscht ein Pädagogik die anfällig ist für den Transfer propagandistischer Inhalte. (Merkste was? Nicht? > Zeitung lesen!)
Die Bedingungen, solche Zustände kritisch anzugehen, scheinen laut Freire nicht all zu hoch:
Die Mittel dazu, obwohl längst bekannt, wurden allerdings seither kaum weiter entwickelt:
Max Horkheimers Kritische Theorie erscheint heute auch eher als "historisch", d.h. "es war einmal", was sich leicht machen liess, da sie primär auf dem Marxismus aufbaut und dieser, d. h. sein Wahrheitsgehalt, in einer kapitalistischen Gesellschaft natürlich ausser Diskussion steht. Dass damit aber zugleich die Kritik an der eigenen Gesellschaft, eine immer notwendig(er)e Kritik unter den Teppich gekehrt wurde, scheint niemanden gross gestört zu haben. Eine "kritische Theorie" die sich denkend, kritisch, mit den abstrakten Orientierungen einer Gesellschaft auseinander setzt, ist aber immer nötig, ansonsten ist auch keine Therapie von Fehlentwicklungen möglich:
Kritische Theorie zeichnet sich durch Reflexivität aus – Aufgabe der Reflexivität ist, „an das in den Selbstverständlichkeiten Ausgeblendete zu erinnern“ und auch „in Wissensfragen die gesellschaftlichen Konflikte zu benennen, um die es dabei geht, und ihre strukturellen Ausgangspunkte kenntlich zu machen“ (Resch/Steinert 2003: 327/328).
Vielleicht wäre es eben Aufgabe einer Sozialarbeit die nicht bloss reaktionär eine Norm wieder herzustellen versucht, die längst am zerbröseln ist, eben auch die Strukturen zu kritisieren die Sozialfälle verursachen, und nicht bloss die Sozialfälle selbst.
Solange die Sozialhilfe dazu nicht in der Lage ist und auch keine kritische Wissenschaft mehr besteht, müsste eigentlich die Philosophie diese Aufgabe wahr nehmen, so wie man generell Philosophie als die Tätigkeit bezeichnen könnten, eben mit (noch) nicht gewusstem, ausgeschlossenem, anderm (als wissenschaftlichem) Wissen umzugehen. Hierzu gehört insbesondere die Frage, die nicht (nur) von wissenschaftlichen Tatsachen (kausalen Bedingungen wie etwa Umweltwirkungen), sondern vom freien Willen bestimmt ist:
Wie wollen wir Menschen in Zukunft zusammenleben - zusammen leben -
und in welcher Welt wollen wir dies?
(Weil hier ein WIR drin ist, müssten eben alle mitreden können die es betrifft, also alle Menschen.)
Gerade hier stossen wir auf ein weiteres Opfer der Herrschaft der Sachzwänge: Zukunftsutopien und Wünsche. Die utopische Haltung ging verloren, Utopie nicht im Sinne einer Entfremdung von der Wirklichkeit, sondern in der Form des Prophet seins, eines Agenten der Hoffnung, statt eines Bürokraten der Sachzwänge, also der Art von Utopie die Obama in seinem Wahrkampf ansprach mit: we can!Gemeinwesenarbeit (GWA) ist laut Oelschlägel (Oelschlägel 2002: 382) „eine sozialräumliche Strategie, die sich ganzheitlich auf ein Quartier, einen Stadtteil und nicht pädagogisch auf einzelne Individuen richtet. Das Quartiersmanagement wird eingesetzt für „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf“. |
„Unter Zivilgesellschaft versteht man gemeinhin die Gesamtheit des bürgerschaftlichen Engagements jenseits von staatlichen Entscheidungsprozessen. Dieses Engagement ist auf die Gestaltung des öffentlichen Raumes durch Einflussnahme auf staatliche und wirtschaftliche Entscheidungen gerichtet. In den meisten Staaten der G8 ist die Entwicklung der Zivilgesellschaft auf Grundlage einer freiheitlich demokratischen Grundordnung (Versammlungs-, Meinungs- und Redefreiheit) weit fortgeschritten“ (www.g-8.de ).
So weit das Ideal oder die Ideologie. Der Ausschluss der Oeffentlichkeit bei den Protesten beim G 8-Gipfels im Juni 2007 in Heiligendamm hat zumindest die deutsche Oeffentlichkeit eines anderen belehrt. Die vorsorgliche "Entfernung" von demonstrierenden Tibetern bei hohen Besuchen aus China in der Schweiz zeigt auch, dass da eben je nach Machtposition schon etwas mehr oder eben eher weniger Demokratie als tragbar angenommen wird, auch von Staaten die sich eigentlich als urdemokratisch empfinden: Zusammengefasst lässt sich sagen, dass im Rahmen des G 8-Gipfels jegliche Form von freier Meinungsäußerung unerwünscht war, als Sicherheitsrisiko eingestuft und auch so „behandelt“ wurde.
Man kann hier (leider, ein einfaches Feindbild ist immer einfacher zu handhaben) die Schuld an Einschränkungen dem Staat in die Schuhe schieben. Zunehmend kommt der Rufe nach strengeren Gesetzen und Strafen aus dem Volk, sogar aus linken Parteien, die sich bisher eigentlich eher als Advokaten des Volkes gegenüber den Mächtigen sahen. So wird nicht bloss "Lebenslänglich" für Vergewaltiger und Kindserschänder gefordert, sondern auch Erziehungscamps zur Bekämpfung von Jugendgewalt und generelle Vollmachten der Geheimpolizei zur Ueberwachung der Bürger ... die ja offenbar alle potentielle Terroristen sind und ihre Umwelt plagen durch Rauchen, Schwitzen, Sport, geschäftigem Autofahren wie sinnlosem Rumrennen. Vergessen wird, dass genau die autoritären Strukturen oft Ursache, nicht Verhinderung solcher Probleme sind, was gerade beim fundamentalistischen Terrorismus ganz klar ist:
Auch Missbrauchsfälle wie der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kirchenangehörige, der entführten Natascha Kampusch oder dem Inzestverbrechen von Amstetten werden zwar thematisiert, jedoch nur oberflächlich. Schließlich würde eine eingehendere Beschäftigung mit solchen Fällen zeigen, wie autoritäre Strukturen die Entstehung solcher Fälle begünstigen.
Noch stärker sind allerdings die Behinderungen und Grenzen im privatisierten Bereich, dort, wo Eigentum herrscht, gesichert durch Stahl und Beton, die sog. Immobilien:
Ebenso ist im Bereich Architektur diese generelle Aufwertung zu beobachten, wenn beispielsweise in Berlin-Kreuzberg Car-Lofts in der Preiskategorie von 500 000 Euro bis 1,6 Millionen Euro gebaut werden. Durch das dahinter stehende Konzept Luxus-Komfort- Sicherheit können luxuriöse Eigentumswohnungen mit Autoaufzug angeboten werden, um das eigene Auto in jedem Stockwerk vor dem Wohnzimmer abstellen zu können, bewacht von einem eigenen Sicherheitsdienst zum Schutz vor gesellschaftlicher Ungleichheit http://de.indymedia.org/2008/09/227175.shtml ). Dieser Schutz vor gesellschaftlicher Ungleichheit ist zudem bereits eine Dimension weiter verfügbar, wo es unter dem Slogan Dedicated to urban life möglich ist, sich aus einer breiten Palette von Leistungen, „vom unverwechselbaren Bürokomplex bis hin zum ganzen Stadtquartier unter Berücksichtigung von städtebaulichen Strukturen, Nutzungsmix oder Ökologie neuen Raum für Leben, Arbeiten und Freizeit“ zu bestellen und zu bekommen (www.vivico.de). Wohlgemerkt wird hier angeboten, sich seine Nachbarschaft in Stadtquartieren selbst zusammenzustellen, wobei die Frage offen bleibt, wie unerwünschte, bisher dort wohnende NachbarInnen entfernt werden.
Noch hinterlistiger ist die psychologisch gelenkte Ueberredung der Bürger, also die Manipulation:
Kontroll- und „Modulations-“gesellschaften, bei denen das Marketing zur zentralen Funktion der sozialen Entwicklung geworden ist, ersetzen die Foucaultsche Disziplinargesellschaft“ (Stiegler 2008: 28). Ziel der psychotechnologischen Telekratie ist die Übernahme der Kontrolle über die Verhaltensprogramme, die das Zusammenleben von sozialen Gruppen regeln, um eine den unmittelbaren Bedürfnissen des Marktes gerechte Erziehung zu ermöglichen (Stiegler 2008:
Der Mensch passt sich an die Überhäufung mit Eindrücken an, indem er nur noch auf Erregungen von außen her reagiert, anstatt selbst zu agieren (Nietzsche, zit. in Böhme 2006: 144).
Probleme:
Das Ideal:
„Der Staat führt nicht mehr Regie, sondern weckt, aktiviert, motiviert, sorgt für Kommunikation und Kooperation, möglichst auch für Konsens, verlässt sich aber sonst auf die endogenen Potenziale der Gesellschaft““
Aufbau von Zellen, ohne Kopfstruktur, Netzwerke, die überleben auch wenn einzelne, die sich extrem wichtig nehmen und unentbehrlich machen, ausfallen. Interesse das erhalten bleibt, auch wenn kein Geld fliesst.
Christoph Heinrich fordert in seinem Konzept also neuen Raum für politisches Denken und Handeln, in dem die Soziale Arbeit ihren Kritik- und Gestaltungsauftrag nicht auf die Betroffenen begrenzen muss, sondern Verwerfungen in Gesellschaft und Wirtschaft angehen kann:
Jedoch sollte der Sozialen Arbeit als eigenständige Profession hier zugestanden werden, nicht nur als Moderator zu agieren, sondern es müssen aktiv Freiräume im Sinne einer ermöglichenden Sozialen Arbeit als einer Impulsgebenden Präsenz (Freire 2007a: 39)
Bisher war es die originäre Aufgabe von Sozialer Arbeit, soziale Konflikte zu entschärfen, zu individualisieren und zu entpolitisieren. In dieser Arbeit wurde versucht, durch veränderte Blickwinkel eine Abkehr von der bisherigen Sicht- und Arbeitsweise zu begründen sowie Anregungen zu deren weiteren Ausgestaltung zu geben. „Gegen diese Politik der Entpolitisierung gilt es nun, der Politik, politischem Denken und Handeln wieder ihren rechtmäßigen Platz einzuräumen und für dieses Handeln einen geeigneten Ansatzpunkt zu finden, der heute jenseits der Grenzen des Nationalstaats liegt, sowie die dazu erforderlichen Mittel, die sich nicht mehr auf die politischen und gewerkschaftlichen Kämpfe innerhalb des nationalstaatlichen Rahmens beschränken können.
Dabei soll es natürlich nicht primär um die Interessen der SozialarbeiterInnen gehen, sondern um die der Menschen alsTräger und Gestalter der Gesellschaft:
Pippi-Langstrumpf-Prinzip:
Wir machen die Welt, so wie sie uns gefällt.
Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip bedeutet, dass SozialarbeiterInnen zusammen mit mündigen Menschen erarbeiten (agency), welche Optionen zum Wohlbefinden (soziale Entwicklung) dieser Menschen beitragen können und wie diese umgesetzt werden können. Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip soll in Anlehnung an seine fiktive Namensgeberin frech, kreativ, machtkritisch, chaotisch, neugierig, humorvoll und gut überlegt Veränderungsschritte initiieren und begleiten.
Hier kommt alternativ auch ein Prinzip zur Sprache, das vor einiger Zeit von unserem damaligen Justizminister angegriffen wurde: die Menschenrechte. Sieht man sich die Möglichkeiten an, die universelle Menschenrechte dem Individuum zusprechen wollen, kann man allerdings das Bocken eines eher national(istisch) orientierten Lokalpatrioten verstehen, denn sie machen Mindeststandards zum Recht, zu einklagbarem Recht, nicht bloss zur abstrakten Forderung:
Universell gültige Menschenrechte hingegen ermöglichen in einer solchen Situation, die beschriebenen Optionen um die Option „rechtliche Schritte“ zu erweitern. Dadurch haben alle Menschen die Möglichkeit, ihr Problem „zu wenig Nahrung“ auf der Basis international festgelegter Mindeststandards und national ausgestalteter Gesetze einzuklagen. Dieses universalistische und positivistische Verständnis richtet sich an alle moralisch zurechenbaren Handlungssubjekte (Kettner 2003: 87) - natürlich vorausgesetzt, Mensch sieht Mensch als solche.
Heinrichs Ansatz zu einer neuen Sozialarbeit beruht auf 3 Hypothesen:
Des weitern ist von Seiten der Politik sicher zu stellen, dass ihre Entscheide nachvollziehbar sind. Im juristischen Bereich ist es bereits für den Bürger kaum möglich, seine Interessen ohne bezahlte Hilfe eines Rechtsanwaltes durchzusetzen. Immer verklausulierter und komplizierter kommen die Botschaften daher. Unbekannt ist dabei meist, welches Recht nun vor einem andern kommt, falls zwei sich widerstreiten, und dies nicht bloss bei heeren Anliegen wie Freiheit, sondern auch ganz banalen wie z.B. einer Erbschaft (ich komme demnächst darauf zurück mit mehr Details). Dass sich die Politik klar äussert muss - und darf - allerdings vom Volk eingefordert werden. s. auch: Wie liesse sich Politik auf Volkswissen statt auf Volksmeinung basieren? |
Der Titel wird bei manch einer/m zu einem breiten Grinsen führen, wie bei mir, denn es geht bei der Kulturbildung darum, wie sich höchst unterschiedliche Standpunkte und Interessen zu einem grossen Ganzen verbinden (Politik). Es geht auch um den Prozess, wie diese Aushandlung stattfindet, also demokratisch (wieder Politik), eventuell gar basisdemokratisch, also wirklich durch die Bürger selbst - oder über die Durchsetzung der Stärksten (Wirtschaft).
Fraglich bleiben muss hier zur Zeit auch die Bedeutung (Macht) der Ethik, da deren Einfluss eben davon abhängt, wer wie entscheidet. Bei wirtschaftlichen Entscheidungen fällt Ethik flach, bei politischen Entscheidungen gilt je nach Parteivertretung die partikulären Werte der Partei.
Metainstitutionen, die über Politik und Wirtschaft stehen, oder zumindest in den obersten Etagen der Politik, wurden dafür ebenfalls mehrfach vorgeschlagen, so etwa:
Diese würden zwar alle den ersten Punkt garantieren, der zur kulturellen Entwicklung offenbar nötig ist, nicht aber die anderen beiden, da es sich meist um eher elitäre Veranstaltungen handel:
Kontinuität
Gerade die Gestaltung einer Gesellschaft erfordert etwas, das eigentlich weder Wirtschaft noch Politik zu liefern im Stande sind, nämlich Kontinuität. Aus diesem Grunde entstanden besonders in den 80er immer wieder Vorschläge wie ein Nachhaltigkeitsrat und ähnliches. Das Bedürfnis nach langfristiger Entwicklung zeigt sich auch in der community-organization. Da diese immer wieder neu hinterfragt und neu organisiert werden muss ist eine zeitlich begrenzte Projektarbeit meist kontraproduktiv, da von den Projekten hinterlassene "Amtsinhaber" sich an ihren Stühlen und Provisionen festhalten, und Wandel zu vermeiden suchen: Zudem ist es fraglich, ob nicht gerade Kontinuität ein Schlüssel zu sozialem gesellschaftlichem Wandel beziehungsweise sozialer Entwicklung sein kann.
Partizipation -also Einbezug auch des "Bodensatzes" der Gesellschaft
In dem Buch „Deutschland als Entwicklungsland. Transnationale Perspektiven sozialräumlichen Arbeitens.“ wird empirisch dargelegt, dass „Soziale Arbeit im eigenen Auftrag handelt und deshalb kein Interesse an der Reproduktion von aktuellen Normalitätsvorstellungen haben sollte“, da diese Vorstellungen quasi „systematisch Hilfesuchende und Klienten produziert“. Die handelnden Personen werden als soziale Akteure gesehen, die den jeweiligen Kontext durch ihre Interaktion sowohl gestalten als auch verändern können. „Die Interaktion ist darauf gerichtet, den Kontext kontinuierlich zu definieren bzw. auszuhandeln, wie dieser zu sein hat“
In Abgrenzung dazu würde ich jedoch erwarten, dass von den Menschen selbst formulierte gesellschaftliche Gestaltungsoptionen erhebliches Konfliktpotenzial zwischen diesen Menschen und den jeweiligen Machtstrukturen beinhalten.
Partizipation -also Konsens - gewährleistet über ausreichend intensive, klare, ergiebige, geduldige, ineffiziente (da nicht durch ein vorbestimmtes Ziel definierte) Verhandlungen, Palaver, Diskussionen, Gespräche, Dialoge, partizipatives Lernen und Handeln etc. - ev. gar eine partizipatorische Wirtschaftsform:
Diese Sichtweise grenzt sich von der bisherigen Sichtweise einer nachholenden Entwicklung ab, da diese teleologisch sei und von einem universellen Anspruch ausgehe. Es wird hingegen vom Postulat des gemeinsamen, lebenslangen Lernens mit dem Ziel der Entwicklung neuer Vergemeinschaftungsformen ausgegangen und beispielsweise regulierter Kapitalismus oder die Menschenrechte aufgrund ihrer Teleologie kritisiert und abgelehnt.
„Foucault ver-wirft (...) den Staatsbegriff und ent-wirft das Konzept der „Gouvernementalität“ als Konnex von (Selbst-)Regieren (gouverner) und Denken (metalité)“ (Sauer 2003: 166). Dies begründet den Staat als Praxis, wobei Rechtsstaat eine gemeinsam getragene Verantwortlichkeit bedeutet (Stiegler 2008: 14).
Es ist nicht die Aufgabe der Regierung, den BürgerInnen eine uniforme Moral aufzuzwingen oder sonst eine Richtung, Haltung oder Stil vorzugeben; statt dessen ist es die Aufgabe der Regierung, zu gewährleisten, dass die Rechte und Pflichten der gegenwärtigen Lage der Gesellschaft angemessen sind und zu verhindern, dass Gerechtigkeit korrumpiert wird (Oakeshott 2000: 76/77). Politisches Handeln ist die Sorge für in einer Gesellschaft öffentlich zu regelnde Angelegenheiten (Oakeshott 2000: 228).
Politik ist für Arendt das Zusammen-Leben und Miteinander-Sein der Verschiedensten in einem Gemeinwesen, in dem sich Menschen nach bestimmten Gemeinsamkeiten aus einem absoluten Chaos der Differenzen organisieren, um durch öffentliche Diskussion und Auseinandersetzung zur Artikulation von Interessen gemeinsam das Zusammen-Leben zu gestalten. Im politischen Raum zeigt sich die politische Einsichtsfähigkeit an der Fähigkeit und Bereitschaft, durch einen kollektiven Lernprozess allgemeinverbindliche Ziele zwischen den verschiedensten Standpunkten auszuhandeln.
Nehmen wir Heinrichs Wunsch, der ja ausreichend kritisch formuliert wurde, als Aufgabe, vielleicht eben auch nicht grad bloss für die Sozialarbeit, sondern noch ein paar weitere Gruppen, Gruppierungen, Akteure, Interessenten, Aktivisten etc., dann stehen wir wieder in einer Welt die nicht fertig ist (eindeutig doppeldeutig gemeint), sondern aus der sich vorübergehend immer noch was machen lässt, auch wenn uns in ca. 2 Milliarden Jahren der Himmel auf den Kopf fallen sollte (Kollision des Andromeda-Nebels mit der Milchstrasse):
Eine Soziale Arbeit mit dem Metaziel sozialer Entwicklung eröffnet meiner Meinung nach eine Fülle von positiven gesellschaftlichen Gestaltungsoptionen – zugleich bleibt fraglich, ob diese Sichtweise Sozialer Arbeit zeitnah in gesamtgesellschaftlicher Breite implementiert werden kann.
Martin Herzog, Basel, 7.2.09