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Soziale Arbeit und Sozialstaat:

Sozialarbeiter fördern als Systemdolmetscher die Integration von Lebenswelt und Wirtschaft

http://www.uni-kassel.de/fb4/issl/mitg/thol/pdf/Folienzusammen.pdf

Definition: Soziale Arbeit

Die Profession Soziale Arbeit fördert den sozialen Wandel, Problemlösungen in menschlichen Beziehungen sowie die Ermächtigung und Befreiung von Menschen, um ihr Wohlbefinden zu heben. Unter Nutzung von Theorien menschlichen Verhaltens und sozialer Systeme vermittelt Soziale Arbeit dort, wo Menschen und ihre sozialen Umfelder aufeinander einwirken. Dabei sind die Prinzipien der Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit für die Soziale Arbeit fundamental.

Soziale Arbeit ist ein Kind, oder besser »Produkt der zunehmenden Entkoppelung von System und Lebenswelt. Je weiter System und Lebenswelt getrenntere Wege gehen, auseinanderdriften, desto notwendiger bedarf es Hilfsmittel, die trotz wachsender Distanz und unterschiedlicher »Sprachen«, Verständigung, Zusammenhalt und Stabilität gewährleisten. Da Sozialpolitik mittels materieller Zuwendungen nicht oder nur unzureichend auf die symbolische Reproduktion der Subjekte, etwa die Gewährleistung »stabiler« Identitäten (s. auch: Die Konstruktion der Identität) zugreifen kann, gebiert der Sozialstaat ein System personenbezogener, sozialer Dienstleistungen, deren Typik darin liegt, eine »Brückenfunktion« als Verständigungsmedien zwischen den Welten zu übernehmen.

Wissen bildet die Kompliziertheit des Zusammenspiels vom ‚Mensch-Sein’ und vom ‚Mensch-in-Gesellschaft-Sein’ realistisch ab, genauso wie die Fähigkeit der Menschen von den mehrfachen Einwirkungen auf ihr Sein und dessen somato-psycho-sozialen Faktoren gleichzeitig betroffen zu sein und sie beeinflussen zu können. Die Profession Soziale Arbeit bezieht sich auf Theorien individueller Entwicklung und menschlichen Verhaltens sowie sozialer Systeme, um komplexe Situationen zu analysieren und um individuelle, organisationelle, soziale und kulturelle Veränderungen zu erleichtern.

Die Einmischung Sozialer Arbeit reicht von:

Einmischung schliesst Verwaltungstätigkeiten genauso wenig wie Gemeinwesenarbeit aus und verpflichtet schliesslich zu sozialen und politischen Aktionen, welche die Entwicklung der sozialen Gesetzgebung wie der sozialen Wirtschaft weiter bringt.

http://www.avenirsocial.ch/cm_data/DefSozArbeitIFSWIASSW.pdf

Das tönt so weit recht plausibel und einfach, ist es aber nicht. Sozialarbeiter sind Angestellte von Betrieben, Gemeinden, Staat - und damit von den Weisungen ihrer Auftraggeber abhängig. In einer Gesellschaft in der Sparen zum Höchsten aller Gebote wurde, wird auch der (oder diejenige) SozialarbeiterIn am besten vor ihren Auftraggebern da stehen, der die Ausgaben möglichst tief hält. Sie stehen also immer zwischen Tür und Angel, mit dem Risiko, zwischen den Interessen ihrer "Kunden" (rasche und effiziente Unterstützung, vor allem auch finanzieller Art)) und denen ihrer Auftraggeber (Sparen) zerrieben zu werden. Es wundert wenig, dass Sozialarbeit also vielleicht weniger eine harte Wissenschaft, als eine listige sein muss. (Sozialarbeit als listige Wissenschaft).

 

Probleme der aktuellen Sozialhilfe und deren historische Ursachen:

Soziale Einzelhilfe lokalisiert die zu bearbeitenden Probleme in den Individuen selbst.

Soziale Einzelhilfe wird verstanden als therapeutische Intervention, die mittels Einstellungs- und Verhaltensänderung zu einer Verbesserung der problematischen Lebenslage beiträgt. Insgesamt ist zu folgen: »Soziale Hilfe ist daher als Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen, die den Klienten dadurch zur Selbständigkeit verhilft, daß er individuelle Kräfte und soziale Umgebung in ein ausgewogenes Verhältnis bringen kann«.

Individualisierung der Problemsicht, so der Kern der Argumentation, führt allerdings zu einer Pathologisierung der betroffenen Subjekte, lenkt von den eigentlichen, gesellschaftlichen Gründen ab und entlastet damit die kapitalistische Gesellschaft von einer Bearbeitung der strukturellen Ursachen sozialer und psycho-sozialer Probleme. Anders ausgedrückt: Die Folge (wirtschaftlichen Wandels) wird zur Ursache (von Kosten) erklärt. Indem man das abweichende oder 'pathologische‘ Verhalten als einen strikt 'persönlichen Vorfall‘ definiert und dessen Ursachen in das Individuum hineinverlegt, verfällt man einem normativen Humanismus, der darauf ausgeht, den 'unangepaßten‘ einzelnen an die ‚gesunde Gesellschaft anzupassen. Die soziale Einzelhilfe, weit davon entfernt, den Klienten über die wahren Ursachen seiner Hilfsbedürftigkeit aufklären zu können, diskriminiert statt dessen die Opfer einer pathologischen Gesellschaft und betreibt weiterhin deren Anpassung.

Ausführungen: Wo das Individuum Probleme verursacht, wird es isoliert, und steht mit seinen Problemen alleine da. So schützt sich die Gruppe vor Kosten und erhöht die eigenen Überlebenschancen, auch z.B. eine Gruppe von Tieren, die Kranke ihrem Schicksal überlässt. Der Mensch kann sich dieses Verhalten als Gruppe nicht leisten, da er ein soziales Tier ist und von den Andern genau so abhängt wie die von ihm. Denn es gilt, trotz Jesus, immer noch das alttestamentarische und Koranische "Wie Du mir, so ich Dir, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wer sich nicht sozial verhält, wird auch nicht sozial behandelt (es sei denn, man sei Wirtschaftsführer oder Politiker ...). Die Frage die sich nun eigentlich schon lange stellt ist die: Wer oder was beeinflusst das Denken, Einstellungen,  und damit das soziale Verhalten und Handeln des Menschen am stärksten? Ist es die Familie, Freunde, Clan/Spezialgruppe, Schule, Betrieb, Fernsehen, andere Medien, Politik? Jedes Mal wenn eine soziale Katastrophe passiert, wird die Schuld natürlich erst dem Täter, dann der Gruppe aus der er stammt (besonders wenn er Ausländer ist), dann den Familien, Schulen, Polizei und Politikern (der Gegenpartei natürlich) vorgeworfen. Obige Ausführungen legen nahe, dass Sozialarbeiter solche Probleme lösen könnten. Können Sie das wirklich? Sie müssten dafür kritische Fälle ebenso frühzeitig erkennen können  wie kritische Einflüsse von Familie, Gruppen, Schule, Medien etc. - und nicht nur das, sie müssten diese Einflüsse neutralisieren können - womit sie eindeutig überfordert wären. Sozialisierung kann ganz offensichtlich nicht einer beschränkten Anzahl von Personen oder Gruppen angelastet werden, sondern muss quasi integral, ganzheitlich erfolgen. Gilt hier nicht eine generelle Verantwortung für die Verständigung über allgemein akzeptable Verhaltensnormen, so führt der Lieblingsspruch von Bünzli, Bünzli & Co eben voll in den Schilf: Man muss sich halt anpassen. Denn ohne einen Dialog, der die ganze Gesellschaft umfasst, öffnet dieser Anpassungsfetischismus jedem Scheissgrüppchen mit seiner Scheisspropaganda durch den Gruppenzwang, der automatisch auf die Mitglieder ausgeübt wird, Tür und Tor.

Die Aufgabe des Fürsorgers besteht deshalb darin, die Haltung des Klienten zu beeinflussen, auf einen Menschen einzuwirken – und das ist im Grunde genommen eine Führeraufgabe.

Soziale Einzelfallhilfe kann einer zeitgenössischen Definition zu Folge verstanden werden als eine Kunst, bei der Erkenntnisse der Wissenschaft von den menschlichen Beziehungen und die Fertigkeit in der Pflege dieser Beziehungen dazu benutzt werden, Kräfte im Einzelmenschen und Hilfsquellen in der Gemeinschaft zu mobilisieren, die geeignet sind, eine bessere Einordnung des Klienten in seine ganze Umwelt oder in Teile seiner Umwelt herbeizuführen.

Das bedeutet, daß der Hauptakzent der Hilfe des Caseworkers auf die Schwierigkeiten gerichtet ist, die die Person hat, sich sozial richtig oder konstruktiv zu verhalten, oder auf die Angriffe, denen sie sich durch die Umwelteinflüsse ausgesetzt fühlt.

Die Wurzeln moderner Sozialpolitik im oben beschriebenen Sinne können bis zu den Armenordnungen des Spätmittelalters zurückverfolgt werden, die motiviert durch ein steigendes Sicherheitsbedürfnis der städtischen Bürger an die Stelle einer christlich motivierten, vergleichsweise wenig reglementierten Almosenpraxis ein System von kommunaler Regelproduktion und Kontrolle setzten, das bei allen Differenzen im Detail durch vier Prinzipien gekennzeichnet war, nämlich:

  1. die Kommunalisierung, d.h. die Beschränkung der Unterstützung auf ortsansässige Arme;

  2. die Rationalisierung, d.h. die Verknüpfung der Vergabe von Unterstützung an bestimmte Kriterien und eine damit in Verbindung stehende Objektivierung des Armutsbegriffs (Arbeitsfähigkeit/Arbeitsunfähigkeit - inzwischen bereits verschärft auf VERMITTELBARKEIT als Kriterium der Hilfe);

  3. die Pädagogisierung, d.h. die Verknüpfung der Vergabe von Unterstützung an bestimmte Verhaltenserwartungen (Arbeitsverpflichtung, disziplinierte Lebensführung etc.); sowie

  4. die Bürokratisierung, d.h. des Aufbaus einer kommunalen Verwaltung zur Kontrolle der Vergabekriterien und Verhaltenserwartungen.

 

Die erste Aufgabe der Sozialarbeit: Zugang zur Gesellschaft schaffen

Die Integration des Individuums in die Gesellschaft kann an zwei grösseren Gräben, Mauern, Hindernissen scheitern, am fehlenden Zugang zur Gesellschaft, dass die Betroffenen zu Aussenseitern macht, oder am fehlenden Zugang zum "System " der Existenzsicherung, der Erhaltung und Fortpflanzung des Lebens, des Erwerbslebens, worunter das herrschende Wirtschaftssystem verstanden wird, hier und heute also der Kapitalismus in seiner rüden Form des Neoliberalismus.

HABERMAS beabsichtigt in seiner Theorie, ähnlich wie BOURDIEU, eine Verbindung zwischen Handlungs- und Gesellschaftstheorie herzustellen. Die Absicht schlägt sich in der »Doppelkonstruktion« von Gesellschaft als System und Lebenswelt nieder, wobei beide unterschiedlichen Rationalitätsformen folgen. »Während die Kategorie der Lebenswelt Gesellschaft über die intentional handelnden Subjekte als soziale Gruppe konzipiert, erfaßt die Kategorie des Systems Gesellschaft als eine funktionale Vernetzung von nicht normativ gesteuerten Handlungsfolgen«. Während die Handlungskoordination der Subjekte aus systemischer Perspektive durch die Medien Macht und Geld funktional und effizienzorientiert gesteuert wird, also mit Blick auf die »Resultate« von Handlungen (z.B. Lohnarbeit), setzt lebensweltliche Vernetzung Verständigungsprozesse voraus, kommunikative Infrastrukturen, gemeinsam geteilte Erfahrungen und Werte etc., was sich nur kommunikativ herstellen läßt. Mit der Differenz von System- und Sozialintegration soll, so HELMUTH DUBIEL  »dem Umstand Rechnung getragen werden, daß Gesellschaften sowohl durch das tendenziell bewußte – an Normen, Traditionen und kulturellen Praktiken orientierte – Handeln ihrer Mitglieder integriert sind, als auch durch das – dem Willen und Bewußtsein relativ unzugängliche – Wirken politischer und ökonomischer Zusammenhänge. Das Auseinanderfallen von System- und Sozialintegration, so DUBIEL weiter, ist ein Produkt der Moderne. Die Ausdifferenzierung einer eigenständigen systemischen Integration erfolgte »erst im Zuge der kapitalistischen Modernisierung: Die gesellschaftliche Arbeit streift ihre ständischen Fesseln ab, die Produktion und Verteilung von Gütern wird schrittweise von norm- und traditionsvermittelten Mechanismen abgelöst und der anonymen Gewalt des Marktes übertragen«. Die zunehmende Entkoppelung von System und Lebenswelt, von Systemintegration und Sozialintegration, ist ein typisches Merkmal der Moderne. Mit ihrem Auseinanderfallen differenzieren sich auch unterschiedliche Reproduktionssphären aus. Vereinfacht gesprochen: Während das System für die materielle Reproduktion zuständig ist, ordnet HABERMAS die symbolische Reproduktion, d.h. den Aufbau tragfähiger Identitäten und die Gewährleistung von kulturellen Überlieferungen und Werten, der Lebenswelt zu.

Der für die meisten Leser vermutlich wenig bekannt Begriff "Lebenswelt", der vor allem von Alfred Schütz in die Soziologie eingebracht wurde, als „Gesamtzusammenhang der Lebenssphäre“. 

Lebenswelt:

http://webapp.uibk.ac.at/bases/perl/glossar_anzeige.pl?UIDD=0&ID=5183&Select=1

Geprägt ist die Struktur der Lebenswelt durch die „natürliche Einstellung“, die dem Menschen die Existenz seiner alltäglichen Welt, die Erfahrungen, die er in ihr macht, und die Bedeutungen, die die Dinge in ihr haben, natürlich und unhinterfragbar erscheinen lassen. Als Ganzes kann diese Lebenswelt nicht in Zweifel gezogen werden, höchstens einzelne Aspekte sind hinterfragbar. Der Mensch orientiert sich in ihr indem er pragmatischen Maximen folgt und Handlungsroutinen etabliert. Ihre Stabilität bezieht die Lebenswelt folglich auch aus der Zuversicht des Handelnden, dass sich Erlebnisse und Situationen gleichförmig gestalten und er selbst, auf seine Erfahrungen aufbauend, auch in Zukunft bestimmte Fähigkeiten einsetzen und Handlungen ausführen kann, die sich schon in der Vergangenheit bewährt haben.

In dem Sinne, dass sie mit anderen Menschen geteilt und gemeinsam gedeutet und kommuniziert wird, ist sie eine intersubjektive Welt und alles Wissen von und in ihr ist intersubjektiv. Der Wissensvorrat, auf den ein Mensch zurückgreift ist nur zu einem sehr geringen Teil persönlicher Natur; ein Großteil des Wissens ist sozial abgeleitet, indem es gesellschaftlich entwickelt und weitergegeben wird. Wissen ist in der Auffassung Schütz die Summe aller Fertigkeiten, Erwartungen und Überzeugungen, aller Wahrnehmungsmuster und Handlungsrezepte, unabhängig ob sie im wissenschaftlichen Sinne als wahr gelten würden, sofern sie von einer gesellschaftlichen Gruppe als Wissen angesehen werden.

Je rapider sich die Umwelt ändert, je stärker Flexibilität durch immer häufigere und raschere Umstrukturierungen gefordert werden, desto mehr verliert die Lebenswelt an Gehalt, an Orientierungswert. Die Folge zunehmender Orientierungslosigkeit ist die Anomie.

Grundbedingung des Pluralismus:

Die Generalthese der Reziprozität der Perspektiven, beruhend auf zwei Idealisierungen:

Auf der Idealisierung der Austauschbarkeit der Standpunkte gründet sich die Sicherheit, dass ich das gleiche wahrnehmen würde wie mein Gegenüber, wäre ich an seiner Stelle und dass ich die Dinge in gleicher Perspektive, Distanz und Reichweite erfahren würde wie er. Darüber hinaus erwarte ich von ihm, dass er die gleiche Idealisierung vollzieht.

Die Idealisierung der Übereinstimmung der Relevanzsysteme leugnet nicht, dass ich abhängig von meiner biographisch bestimmten Situation spezifische Interessen und Ziele habe und potentiell andere Dinge als relevant empfinde als mein Gesprächspartner, sie besagt vielmehr, dass beim Versuch einer Verständigung diese Unterschiede der Relevanzsysteme unbeachtet bleiben können. Für den momentanen Zweck, den der Andere und ich verfolgen, sind sie irrelevant. Vollziehen die Gesprächspartner diese Idealisierung wechselseitig ergibt sich im Alltag zumeist zwar keine vollständige – weil diese unmöglich ist –, aber eine für die Kommunikation ausreichende Übereinstimmung der Relevanzsysteme.

Ein für diesen Zweck ausreichendes Mass des Austarierens zwischen unterschiedlichen Perspektiven und Relevanzsystemen verschafft uns meist die Kultur - als Tradition - aber auch als Gefäss geteilter Normen, Werte und zukunftsorientierter, also finaler, nicht kausaler, Erwartungen. Diesen Orientierungsraum gilt es zu pflegen und zu erhalten. Die Soziologie beschreibt dies (fragen Sie mich nicht, warum sich die Leute so gern so unverständlich ausdrücken, als symbolische Reproduktion. Diese umfasst nach Habermas:

  1. Die kulturelle Reproduktion, d.h. die Vermittlung von Werten, Normalitätsvorstellungen, Traditionen, Kulturtechniken usw., - ausführendes Organ: Schule.

  2. Die soziale Integration, d.h. den Anschluß des Subjekts an den sozialen Raum, seine Vernetzung innerhalb sozialer Bezüge, durch Familie.

  3. Die Sozialisation, d.h. die Ausbildung einer tragfähigen Identität, den »Erwerb generalisierter Handlungsfähigkeiten .. durch die Abstimmung individueller Lebensgeschichten mit kollektiven Lebensformen ...« Sozialintegration, konsensorientierte Handlungsorientierung, durch Sozialpädagogik.

Dass wir hier ein massives Problem haben, zeigt sich nicht nur, aber exemplarisch am Falle der 13-Jährigen, die von 13 (nein, nicht am 1.April geschrieben ...) Mitschülern im Alter von15 bis 18 Jahren vergewaltigt wurde. Ein kollektiver Schock. Da es sich zumeist um Albaner oder eingebürgerte Ex-Albaner handelt, waren die Leserbriefe prompt: Die gehören nicht in unsere Kultur, einsperren, ausschaffen, kastrieren ... wobei die Leserbriefschreiber offenbar nicht merken, dass sie so zur selben Gattung der Gewalttäter gehören. (In ihrer eigenen Kultur wären die Täter allerdings durch die Familie des Mädchens umgebracht worden ... allerdings vermutlich das Mädchen gleich mit). Ein Leserbrief verdeutlicht allerdings das links im Text erwähnte Problem:

Jetzt wissen wir's: Die Schule ist schuld. Nicht die Medien, nicht die Gesellschaft, nicht die Filme, nicht das Internet, nicht der zunehmende Leistungsdruck, nicht die Privatisierung, nicht die Handys, nein, die Schule. Die Schulleitungen, die Lehrer und die Behörden sind offenbar einfach unfähig, die Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft auszubügeln.  [MB. Hombrechtikon]

Ein weiteres Problem blieb kaum angesprochen: Das Mädchen wurde während 3 Wochen mehrfach vergewaltigt - aber nicht festgehalten. Ihr Freund war Mit-Glied (da weiss man doch grad, woher die Bezeichnung kommt ...) der Gruppe. Sie ist also offenbar immer wieder in die Gruppe zurückgekehrt und hat erst protestiert, als die Sache definitiv aus dem Ruder lief. Die körperliche Gewalt war also nur der Schlusspunkt, aber vorgehend müssen eine Menge seltsamer gruppendynamischer Prozesse stattgefunden haben, also eher Gewalt psychischer und sozialer Art, akzeptiert, weil man irgendwo dazu gehören will oder muss. Der Staat ist nicht die Mutter aller Unfreiheit, wie die Wirtschaft glauben machen will. Gruppen sind da viel wirksamer.

Ich hab diese Angaben so aus dem Text übernommen, sehe darin allerdings mehr Probleme als Lösungen:

  1. Die Vermittlung von Werten und "Normalitätsvorstellungen" über die Schule wäre ja schön ... wurde aber vermutlich längst an die Medien abgegeben.

  2. Insbesondere soll hier die Familie etwas liefern, dass sie in der bäuerlichen oder handwerklichen Gesellschaft sicher noch konnte, heute aber genau so sicher nicht mehr leisten kann. Keine Familie hat den Überblick über den gesamten sozialen Raum. Keine Familie kann ihren Kindern Zugang verschaffen zu Räumen, die sie nicht kennt, dir ihr selbst fremd sind. Die Folgen sind klar: Trotz immer besserer Ausbildung auch sozial tiefer Schichten, bleiben die Angehörigen derselben (meist) in denselben stecken. , Schule: Firma drückt sich, wichtigster Ort des Verhandelns, meiste Lebenszeit wird dort verbracht.

    1. Gerade wenn wir uns bewusst machen, dass die Integration in zwei Kreise nötig ist, den Kreis der Gesellschaft und den Kreis des Wirtschafts-Systems, wird das Problem noch deutlicher. Für die Integration in den Kreis des Wirtschaftssystems verfügt eigentlich nur die Berufsausbildung und dann vor allem "die Firma" über die notwendigen Informationen und auch Trainings-Möglichkeiten - kaum aber die Familie!

  3. Der dritte Punkt zeigt eigentlich bloss, dass der Artikel von einem Sozialpädagogen geschrieben wurde, der, wie die meisten Professoren (deshalb ein berechtigtes "OBACHT!" bei Genetikern!), die Möglichkeiten seines Faches so ziemlich überschätzt. Sozialpädagogik hat in den Lebensbereichen eine Doppelfunktion: Sie soll zwar in erster Linie Lebenswelten stützen, gleichzeitig dadurch aber den Staat von konflikthaften und politisch riskanten Auswirkungen aus diesen Lebenswelten abschirmen, entlasten. Konflikte in den Lebensbereichen sollen nicht gleich die politische Risikoschwelle überschreiten

Dem muss man wohl zustimmen, dennoch bleibt die Kritik, dass das Potential der Sozialpädagogik massiv übertrieben wird, da es Sozialarbeiter oder Soziologen zu Philosophen und Volkslehrern macht:

»Bewahrung und Reproduktion von Normalzuständen bzw. Normalverläufen« »Sozialarbeit als strafende und kontrollierende Fürsorge vornehmlich für die Arbeiterbevölkerung tritt in den Hintergrund, und es bildet sich ein allgemeiner gesellschaftlicher Bereich 'öffentlicher Erziehung‘.

Mein Lösungsansatz zu diesem definitiv gegebenen Problem: Wie liesse sich Politik auf Volkswissen statt auf Volksmeinung basieren?

In Bearbeitung: Wer und was beeinflusst Denken, Einstellungen und damit Handeln des Menschen: Familie, Freunde, Clan/Spezialgruppe, Schule, Betrieb, Fernsehen, andere Medien, Politik > ein Problem der Gruppendynamik.

 

Die zweite Aufgabe der Sozialarbeit:

Zugang zum "System" schaffen & die Vermittlung zwischen System und Lebenswelt/Kultur

Sozialstaat/Sozialpolitik und Kapitalismus sind hier wie in der Paarbeziehung vergleichbar dem Yin und Yang, sie sind ganz anders, widersprüchlich - und bedingen einander doch:

HEIMANN geht ebenfalls davon aus, daß Sozialpolitik und Kapitalismus im Kern wesensfremd sind. »Kapitalismus ist – in seiner reinsten und noch durch das Monopol nicht getrübten Gestalt – ein System zugunsten der Verbraucher, eine Ordnung zur Erzeugung möglichst vieler Güter für den Verbrauch; Sozialpolitik ist eine Summe von Maßregeln zum Schutz und zur Förderung des arbeitenden Menschen, den die Güterordnung als eine Sache unter Sachen behandelt«. Trotz allem sind Kapitalismus und Sozialpolitik auf das engste miteinander verwoben, weil erst der Kapitalismus die soziale Frage auf die Tagesordnung setzt, eine Arbeiterklasse als Interessenvertretung und Machtfaktor entstehen läßt und damit den Kapitalismus unter Reformdruck setzt. In diesem Sinne ist die »Triebkraft dieser Dialektik ... der Sozialismus, der Aufruhr gegen die asketische Unmenschlichkeit des Kapitalismus. Da der Aufruhr mit einer Explosion drohte, mußte er durch ein Zugeständnis an menschliche Würde besänftigt werden« .

HEIMANN nennt hier wohl den zentralen Motor, der den Kapitalismus die bittere Pille des Ausbaus sozialstaatlicher Strukturen schlucken ließ: Der auf Expansion drängende Markt bedurfte der Menschen als Arbeitskräftepotential und als kaufkräftige Massennachfrage nach Konsumgütern.

Diese gegenseitige Abhängigkeit, die den Sozialstaat bis anhin garantiert hat, wird seit ca. 15 Jahren durch Globalisierung, Netzwerke und andere Hinter-Listen des Kapitals unterlaufen.

Nach THUROW ist das »Kernstück der kapitalistischen Effektivität ... das darwinistische 'Recht des Stärkeren‘ und eine ungleichmäßige Verteilung der Kaufkraft. Der Einzelne und auch die Unternehmen werden effektiv (tätig), weil sie reich werden wollen«. Kapitalismus basiert auf dem Prinzip des Kampfes jeder gegen jeden, dem Freisetzen aller Kräfte im alltäglichen Überlebenskampf um Ressourcen, Anerkennung und Macht.

Erfolgreiche Gesellschaftsordnungen brauchen eine überzeugende Geschichte mit einem fundierten ideologischen Unterbau.  Um einen Zusammenhalt zu gewährleisten, ist als Grundlage für eine von allen Mitgliedern der Gesellschaft gemeinsam angestrebte Zielsetzung eine utopische Vision erforderlich. Was kann aber die einigende Geschichte sein, die der Kapitalismus der Gemeinschaft zu erzählen hat, wenn er von vornherein Gemeinschaft für unnütz erklärt? Der Kapitalismus ist an einem einzigen Ziel interessiert – dem Interesse des einzelnen an der Maximierung des persönlichen Verbrauchs. Die Gier des einzelnen ist aber kein Ziel, mit dem sich eine Gesellschaft langfristig zusammenhalten ließe.

Der Sozialstaat übernimmt danach als Reaktion auf den gesellschaftlichen Strukturwandel in systematischer Weise Verantwortung für die Verteilung von Lebenschancen durch die gesetzliche Fixierung von Rechtsansprüchen auf die Zuteilung bestimmter Leistungen (in Form von Geld, sozialen Gütern oder Dienstleistungen). Damit wird der Sozialstaat (bzw. Wohlfahrtsstaat) ein zentrales Strukturelement moderner Gesellschaften.

LESSENICH stellt in seiner Kritik nicht in Abrede, daß die historische Funktion des Wohlfahrtsstaates darin liegt, »die Dominanz dieses Marktprinzips zwar nicht generell zu brechen, aber doch in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen in Frage zu stellen

Sozialpolitik garantiert in umfassender Weise die Existenz der kapitalistischen Industriegesellschaft

  1. indem sie durch Schutz und Absicherung das dem Kapitalismus immanente soziale Krisen- und Konfliktpotential entschärft,

  2. und zugleich durch Leitbilder, Strukturen, Sozialisation und Erziehung die Bereitschaft und Fähigkeit zur Teilhabe am Arbeitsmarkt stabilisiert.

Auch im Wohlfahrtsstaat, der die Entkoppelung von materieller Sicherung und Arbeitsmarkt am weitesten vorangetrieben hat, bleibt Lohnarbeit DAS zentrale Medium sozialer Integration und die Verknüpfung von Arbeit und Wohlfahrt DAS bezeichnendste Merkmal des sozialdemokratischen Regimes, was sich unter anderem im Vollbeschäftigungsziel ausdrückt.

 

Wenn wir also, als sozial Denkende, ernsthaft auf das liberale Modell des Sozialdarwinismus eingehen, dann führt das zu folgenden

Schlüssen:

  1. Da das sozialdarwinistische Modell des Neoliberalismus nur nach andern Prinzipien als Geld und Macht selektieren wird, wenn diese sich für die Selektion entscheidend äussern, also Kosten verursachen oder weitere Gewinne versprechen, sind für die soziale Entwicklung Strategien und Taktiken nötig, die dieser Tatsache Rechnung tragen. Es wird hier sofort klar, wer warum längere Arbeitszeiten, spätere Pensionierung, frühere Sprachausbildung, Tagesstätten etc. propagiert. Sie versprechen noch mehr Geld. Es bleiben zur Korrektur also eigentlich nur die Massnahmen, die Kosten verursachen, als Strafe gegen asoziale Entwicklungen - so dämlich das volkswirtschaftlich ist:  Streiks, Sabotage, Insubordination, passiver Widerstand, Dienst nach Vorschrift (da kann man jeden zur Verzweiflung treiben. Würde auch klar machen, wie dämlich die meisten Vorschriften sind) - und Verachtung statt Respekt oder gar Hochachtung vor denen, die das System übermässig zum eigenen Vorteil ausnutzen. Tönt schwach als Taktik, raubt aber den "Führern" ihre Grundlage.

  2. Angst, Elimination, Ausschluss, Vernichtung der Existenz, das sind die Mittel mit denen der Wirtschaftsdarwinismus selbst arbeitet. Was in den USA längst gang und gäbe ist seit ..., das "an den Pranger stellen" von Firmen, die sich unethisch verhalten, das Boykottieren ihrer Produkte, sollte nicht bloss von Konsumenten, sondern auch von Lohnabhängigen bewusster und systematischer durchgeführt werden.

  3. Beide Strategien sind zwar zwingend, nimmt man die neoliberale Theorie als brauchbar an ... Da sie dies aber nicht ist, sind diese Gegenmethoden natürlich genau so belämmert wie der Neoliberalismus selbst. Es fragt sich nun, ob eine unvernünftige Wirtschaftstheorie, die von der Wirtschaft zum eigenen Vorteil immer hemmungsloser angewandt wird, mit vernünftigen Miethoden bekämpft werden könnte. Neoliberalismus zerstört die Volkswirtschaft ja selbst, da sie auf rein betriebswirtschaftlichen Prinzipien basiert, also jeglichen Bezug zur Gesamtwirtschaft verloren hat. s. Netzwerke. Geht man nach dem beliebten Prinzip: Der Klügere gibt nach, so ist derselbe eben immer am Arsch ... und da kommt bekannter Weise nie was anderes raus als Scheisse.

Die vier Hauptfunktionen des Sozialstaates: Die vier 4 wichtigsten Nutzen, die der Sozialstaat für das marktwirtschaftliche System mit sich bringt:
  1. die Schutzfunktion, d.h. die Absicherung gegen die Standardrisiken industriekapitalistischer Vergesellschaftung wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter, Arbeitsunfähigkeit etc.;

  2. die Verteilungs- und Umverteilungsfunktion, d.h. der Sozialstaat greift in die marktförmige Verteilung des gesellschaftlich produzierten Reichtums ein und ebnet die Tendenz zur Spaltung zwischen arm und reich, besitzend und nichtbesitzend ein;

  3. die Produktivitätsfunktion, d.h. der Sozialstaat sorgt durch gezielte Eingriffe und Förderung für die (aktuelle und perspektivische) Erhaltung des Arbeitskräftereservoires, indem er z.B. soziale Infrastrukturangebote zur Unterstützung von Erziehung und Sozialisation anbietet, etwa in Form von Kindertageseinrichtungen (Freisetzung von Frauen für den Produktionsprozeß, Erziehung und Sozialisation der nachwachsenden Generation, Einübung in elementare »Kulturtechniken«), Schulen, Jugendhäusern, Erziehungsberatungsstellen, etc.

  4. und schließlich die gesellschaftspolitischen Funktionen, die insbesondere zwei Aspekte umfassen: die Förderung sozialer Integration der Gesellschaftssubjekte einerseits und eine daraus erwachsende Legitimation des Staates andererseits. Anders ausgedrückt: Indem er durch seine sozialstaatlichen Aktivitäten signalisiert, daß er um die Integration der Menschen Sorge trägt, sie an der politischen Willensbildung beteiligt und überdies ein Grundmaß an Solidarität und Verteilungsgerechtigkeit gewährleistet, weist sich der Staat als »sinnvoll und gerecht« aus.

Der letzte Punkt, mithin die gesellschaftspolitische Funktion ist auch von NIKLAS LUHMANN hervorgehoben worden. In die Theoriesprache der Systemtheorie übersetzt umreißt LUHMANN die Funktion des Wohlfahrtsstaats mit dem Begriff der Inklusion. Inklusion »meint die Einbeziehung der Gesamtbevölkerung in die Leistungen der einzelnen gesellschaftlichen Funktionssysteme«. Sozialstaat ist insofern ein neues Phänomen, als das Problem der Inklusion erst mit der Moderne entsteht, die die soziale Integration des Subjekts nicht (mehr) per Stand, Tradition regelt, sondern an deren Stelle Zugangsregeln treten läßt, die prinzipiell für alle gelten und sich über Verfahren legitimieren. »Die Realisierung des Inklusionsprinzips im Funktionsbereich von Politik führt in ihren Konsequenzen zum Wohlfahrtsstaat. Wohlfahrtsstaat, das ist realisierte politische Inklusion«

  • ökonomischen Nutzen sozialstaatlicher Leistungen, den er in einer »Erhöhung der Leistungsfähigkeit des marktwirtschaftlichen Systems« sieht, »insoweit sie die Humankapitalbildung verbessern, die Arbeitskraft gegen vorzeitigen Verschleiß schützen, die Arbeitsbereitschaft fördern und Arbeitsproduktivität erhalten bzw. steigern

  • dem politischen Nutzen, der auf die pazifizierenden Effekte sozialstaatlicher  Eingriffe rekurriert, die als »Erziehung zur Massenloyalität«  begriffen werden können

  • dem kulturellen Nutzen, den KAUFMANN vor allem in der Tatsache sieht, daß die Wohlfahrtsstaatlichkeit »zu einem konstitutiven Element des normativen Grundkonsenses europäischer Staaten geworden ist, was auch an der Gewährleistung kultureller und sozialer Rechte durch Verfassungen und internationale Verträge deutlich wird« , sowie

  • dem sozialen Nutzen, der »in der Bedeutung für die Erhaltung, d.h. Reproduktion und Regeneration der für die verschiedenen gesellschaftlichen Teilsysteme erforderlichen Humanvermögen«  liegt.

Martin Herzog, Basel, 22.11.06

Die gegenwärtige Ordnung

(kein wissenschaftliches, sondern ein leicht zynisches Konzept)

und deren Implikationen für die Sozialarbeit, d.h. besser den Sozialunternehmer
 

Gesell-schaft

Solidarität & Gemeinschaft

wertorientierte Putnam-Gruppen

Fortschritt als soziale Entwicklung

offener Dialog

Priorität des Seins

Ohn-Macht des Wissens ... mit einem gewissen Störpotential

Die Abgehobenen
(Intellektuelle)

institutionelle, verbale, psychische, soziale, monetäre Gewalt

Priorität des Habens
des reich Seins
das heute eigentlich DAS Ziel ist.

Macht des Geldes, des Kapitals, der sozialen Hierarchien

Die goldene Horde

Die Oligarchie

Wirt-schaft

Wettbewerb & Distinktion

Interessenvertretung durch Olson-Gruppen

Fortschritt als Wachstum, technische Innovation, Profit

Normen und Gesetze

 

tätliche Gewalt

 

Sinn
 
Gegenkultur
Wildheit
Natur
schwarz / farbig
Jazz oder Beat = persönlicher Rythmus
 
Bürgerrechte-Menschenrechte
indiviuelle Selbstentwicklung
Kultur des ICH & DU = WIR


finanzielle Interessen und Machttrieb - getarnt durch den Luxuskonsum "hoher" Kultur.
Oben hierarchisches, unten nationales Zwangs-WIR


Gewinn

Kultur
Ordnung
weiss / grau
Klassik oder Folklore
Leistung= Rythmus der Maschine

Eigentumsrecht

Individualität
Emanzipation

nobody for president!

Hippies
 Pazifisten
Idealisten

Kommune

multikulturelle Vielfalt

Nichts
(nicht mal ein Konzept)

ausser der
Ideologie der Freiheit.

Der schwarze Block

Nichts
(vor allem nicht die hier dauernd gelobte Freiheit)

ausser der
Ideologie der Ordnung

Der braune Block
 

Anpassung
Integration

Der Stärkste soll führen!

Neonazis
Faschisten
Materialisten

Eigenheim

unkultivierte Einfalt

Die traditionelle Sozialarbeit ist, auf Grund der Verdrängung der Einen durch die Andern im Wettbewerb, Sisyphus pur.  Sozialarbeit, welche die Verhältnisse ändern will, müsste als intellektuelle und/oder politische Arbeit, also mit einem andern Ordnungsmodell, also einer Utopie anfangen. Der Ausdruck Gesell-schaft macht das ja eigentlich deutlich. Wie die Liberalen seit langem sagen (Zit. Thatcher): Die Gesellschaft gibt es nicht.

Also müssen wir sie schaffen. Aber das ist utopische Sozialarbeit und damit ein Job für die Intellektuellen.

Das erklärt auch gleich, warum die Parteien rechts der Mitte, wozu inzwischen ja sogar die SP gehört, einen derartigen Rochus auf Intellektuelle haben - weshalb sie um so unentbehrlicher sind, denn, welche konservative Partei würde denn schon nach gesellschaftlichen Aenderungen streben ...

M. Herzog, Basel 25.2.07

Teilhard de Chardin hatte da vor über einem halben Jahrhundert noch Hoffnungen, die Hoffnung auf China. Bei der gegenwärtige Entwicklung zum autoritären Billigproduktionsstaat dreht er sich vermutlich permanent im Grabe um. Dennoch das Zitat, denn es zeigt vielleicht einen Begriff von "Sozialarbeiter" auf, den wir erst noch/wieder schaffen müssen, und es zeigt auch, was konservativ (rechts) und progressiv (links) bedeuten, vor allem welche Aufgabe die Linke eigentlich hätte:

Eine totale und vielleicht endgültige Spaltung der Menschheit nicht mehr auf der Ebene des Reichtums, sondern im Glauben an den Forstschritt, dies ist also das grosse Phänomen, das wir erleben.

So betrachtet, hat sich der alte marxistische Gegensatz zwischen dem Arbeiter und dem Ausbeuter überlebt - zumindest war er nur eine schlecht angesetzte Abgrenzung. Denn letzten Endes strebt nicht eine Gesellschaftsklasse, sondern ein Geist - der Geist der Bewegung - dahin, die heutige Menschheit in zwei Lager zu spalten.

Hier jene, die die aufzubauende Welt als eine bequeme Wohnung ansehen; und dort die andern, die sie sich nur als eine Fortschrittsmaschine oder, besser, als einen in Fortschritt begriffenen Organismus vorstellen können.

Hier, in seiner Essenz, der <Geist der Bourgeoisie>; und dort die wahren <Arbeiter der Erde>, jene, von denen man leicht vorhersagen kann, dass sie - ohne Gewalt oder Hass, sondern durch die reine Wirkung der biologischen Dominanz - morgen das Menschengeschlecht sein werden.

Hier der Abfall - dort die Triebkräfte und die Elemente der Planetisation.

[Teilhard de Chardin: Ein grosses Ereignis zeichnet sich ab: Die menschliche Planetisation. Peking, 25. Dezember 1945.]

p.s: Kernstück von Teilhard de Chardins Theorie menschlicher Entwicklung ist die Noosphäre  ... sollten Sie sich mal ansehen ... Falls Sie mit Jesus oder Religion nichts anfangen können, so dürfen Sie Gott und Jesus ruhig abstrahieren zu etwas wie dem summum bonum oder einem geistigen Leuchtturm. Das widerspricht der Religion eigentlich nicht, im Gegenteil, denn der erste Grundsatz von Islam, christlicher und jüdischer Religion heisst ja: Du sollst Dir kein Abbild machen. Und dagegen verstossen alle permanent mit der Idee vom bärtigen Herrn - genau so wie mit der alternativen Idee der Göttin. Es handelt sich um Projektionen benevolent-patriarchalischer oder -matriarchalischer Herrschaft, die immer irgendwie den Habitus eines Aufsehers einer Erziehungsanstalt hat ... weshalb diese Projektion auch so leicht durch die (leider meist weniger benevolenten) irdischen Bank- und andere Betriebsdirekoren ersetzt werden konnte.

Statt Teilhards Noosphäre, einer weltumspannenden gemeinsamen Sphäre des Geistes, haben wir heute einen weltumspannenden Handel mit Gütern. Die Sache mit dem Geist aber blieb bis dato unbewältigt ...

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