Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft_________________________________
[Engelke; Borrmann; Spatschek: Theorien der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Lambertus. Freiburg i.B. 2008]
Sozialarbeit kennt viele Namen: Soziale Arbeit, Armenpflege, Caritas, Diakonie, Fürsorge, Jugendhilfe, Sozialpädagogik, Wohlfahrt etc.
Sozialarbeit hat noch mehr Aufgaben und Funktionen: aktivieren, anleiten, ausgrenzen, ausmerzen, ausschalten, austauschen, befrieden, belehren, beraten, bevormunden, binden, deuten, disziplinieren, emanzipieren, entwickeln, ermutigen, erziehen, fördern, fürsorgen, fürsprechen, helfen, kontrollieren, leiten, lehren, lieben, normalisieren, pflegen, rekonstruieren, rehabilitieren, resozialisieren, selektieren, sozialisieren, unterstützen, versichern, versorgen, verstehen, verwahren, züchten etc.
International Federation of Social Workers (IFSW), Montreal 2000:
Thomas von Aquin (1224-1274): Gott und den Nächsten lieben:
Die Bedürftigen erfüllen eine wichtige Funktion beim Bemühen der Reichen, sich mit Gott zu verbinden, ihm zu dienen und so für ihr eigenes Seelenheil zu sorgen. Die Bettelnden müssen allerdings wirklich in Not sein und sich nicht selbst ernähren können.
Juan Luis Vives (1492-1540): Arme unterstützen und durch Fordern fördern:
Pädagogische Förderung und materielle Unterstützung sollen sich ergänzen. Alle Armen müssen, wie andere Menschen auch, arbeiten. Verweigerer sind zu harter und mühseliger Arbeit zu zwingen und karg zu ernähren. Eine solche Zwangsbehandlung soll andere abschrecken und zur freiwilligen Arbeit animieren; ausserdem soll sie die arbeitsfaulen Armen durch körperliche Schwächung daran hindern, wieder inihr altes lastervolles Leben zurückzukehren. Der Mensch kann nicht existieren, wenn er allein auf sich gestellt ist; er bedarf der Hilfe anderer und muss seinerseits anderen helfen.
> Die Aussagen könnte man doch direkt für den heute wiederkehrenden Ansatz des workfare benutzen, ist etwa ähnlich. Zudem war Vives ein "Humanist". Tja ...
Jean Jacques Rousseau (1712-1778): Zur reinen Natur zurück.
Bürokratie und Wirtschaftspolitik brachten ein kapitalkräftiges Bürgertum hervor, d.h. sie veränderten die gesellschaftlich-sozialen Strukturen - allerdings nicht zum Wohle aller, was die französische Revolution wenig später klar stellen sollte. Rousseau träumt von daher von der alten selbstgenügsamen autarken, d.h. sich selbst versorgenden frugalen Gesellschaft, die "natürlich" lebt. Freiheit macht den Menschen aus, nicht Vernunft, Vernunft bindet ihn an oft seltsame Ideen, vor allem an Ideen anderer. Er gewinnt das Gefühl seiner eigenen Existenz nur noch aus dem Urteil anderer. Die natürliche Gesellschaft (Stammesgesellschaft, würde man heute sagen) kannte auch das Eigentum nicht, hatte also einen massiven Grund weniger, sich zu streiten und nicht zu kooperieren, sondern im Wettbewerb gegeneinander zu eifern. So schlug Selbstliebe in Selbstsucht um und eine Handvoll Menschen schwelgt im Ueberfluss, während dem es der ausgehungerten Menge am Notwendigsten fehlt. Erst die Entstehung von Privateigentum schuf Reiche und Arme. Die Regierung schuf Herren und Sklaven.
Rousseau lobte das Handwerker, da Handwerker freier leben konnten als Bauern. Als ideale Staatsform schwebte ihm die Volkssouveränität vor, die sich im Gesamtwillen, der volonté génerale ausdrückt. Dieser Wille richtet sich allerdings nach dem Wohle aller und unterscheidet sich von dem, was die Mehrheitsdemokratie liefert, nämlich den Willen aller als Summe aller Einzelbestrebungen, aus dem Bemühen, die eigenen Interessen - auf Kosten anderer - durchzusetzen. s. Demokratur
Toleranz ist einer der wichtigsten bürgerlichen Tugenden - Intolleranz einer der häufigsten Gründe für Streitigkeiten.
Adam Smith (1723-1790): Glück und Wohlstand für alle.
Die Entwicklung der Gesellschaft - nach der unterliegenden Wirtschaftsform:
- Die Lebensgemeinschaft der Jäger war klein und überschaubar. Es gab kein Eigentum, keine zu schützenden gemeinsamen Einrichtungen. Alle waren gleich - arm.
- Die Hirten betrachteten ihr Vieh als Eigentum (pecunia errinnert noch daran, denn pecu bedeutet Kopf Vieh). Hier entsteht gegenseitige Abhängigkeit, soziale Spannungen und Konflikte, generell zwischen arm und reich, - insbesondere auch mit den Ackerbauern (s. Kain und Abel), die Weideland beanspruchen und auf Beweidung ihrer Aecker äusserst aggressiv reagieren. Eigentum wird geschützt, und vererbt, was zu Macht, Einfluss, Ueber- und Unterordnung je nach Familienzugehörigkeit führt.
- Ackerbauer bearbeiten den Boden und nehmen ihn in Besitz. Auch hier führt die Vererbung zu Aenuffnung auf der einen, Ausschluss auf der andern Seite, was irgendwann in einem Aufstand gegen Grossgrundbesitzer endet. (Hier lag Smith allerdings etwas daneben, da er nicht zwischen Besitz und Eigentum unterschied. Bei praktisch allen traditionellen Stammesgesellschaften war der Boden zwar im Besitz gewisser Nutzer, konnte aber nur beschränkt vererbt, und schon gar nicht verkauft werden, erst recht nicht an Stammesfremde. Es war also bloss ein Nutzungsrecht, kein Eigentumsrecht). Im Feudalismus allerdings führte dann eben diese Herrschaft über den Boden gleichzeitig zur Macht über die restlichen Bewohner eben diesen Bodens, ebenfalls vererbbar. Der Feudalismus wurde mit der Französischen Revolution in Europa beseitigt.
- Die Produktion von Ueberschüssen ermöglichte mit zunehmender Produktivität Tausch- und Handelswirtschaft. Es stehen nun 3 Möglichkeiten zur Verfügung, Einkommen zu erzielen:
- Arbeitsleistung erzielt Lohn
- Bodennutzung (oder Verleihung an andere) erzielt Rente
- Kapitalverleihung erzielt Gewinne oder Zinsen, eben das sog. Intérêt, das heute noch die generellen Interessen monetär belastet.
An die Stelle einseitiger Abhängigkeit tritt nun eine gegenseitige Abhängigkeit. Dadurch wächst die rechtliche und persönliche Freiheit des Einzelnen und der gesellschaftlichen Schichten.
> So die Theorie. Durch das übermässige Wachstum der Kapitalvermögen, ihre Renten-, Zins- und Gewinnasprüche, verkehrt sich das bald ins Gegeteil.
Smith zur Arbeitsteilung - und Motivation durch Eigennutz:
Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschlichkeit, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil. Niemand möchte weitgehend vom Wohlwollen seiner Mitmenschen abhängen, ausser einem Bettler, und selbst der verlässt sich nicht darauf.
Damit erschöpft sich aber die Betonung der Selbstsucht beim Vater des Liberalismus bereits. An eine Abschaffung des Staates hat er nie gedacht, im Gegenteil, dieser hat die Aufgabe des Schutzes gegen Angriffe von aussen sowie seiner Mitglieder im Innern - auch vor Ungerechtigkeit und Unterdrückung (in der das neoliberale Wirtschaftsmodell zwangsläufig enden muss). Auch verliess er sich nicht auf den privaten Eigennutz, um Institutionen wie Schule, Strassen etc. anzubieten. Ja sogar die Kontrolle von Alkohol, Bankgeschäften, Zinsen, Kultur und Kunst überliess er NICHT der unsichtbaren Hand, sondern schrieb sie ausdrücklich dem Staate zu. Von Billiglöhnen und dergleichen hielt er ebenfalls nichts: Man kann es nicht als Nachteil für ein Land betrachten, wenn auch für Dienstboten, Tagelöhner und Arbeiter die Lebenslage verbessert wird, denn keine Nation kann blühen und gedeihen, deren Bevölkerung weithin in Armut lebt. "Es ist zudem nicht mehr recht als billig, wenn diejenigen, die alle ernähren, kleiden und mit Wohnun versorgen, soviel vom Ertrag der eigenen Arbeit bekommen sollen, dass sie sich selbst richtig ernähren, ordentlich kleiden und anständig wohnen können." Eine grosszügige Entlohnung der Arbeiter ist daher Bedingung für den Wohlstand der Nationen. [S. 92]
> Na, das tönt aber schon ganz anders, als wenn man sich die Propheten des noch freieren Marktes so anhört. Smith selbst hat nichts gesagt von einem Primat der Wirtschaft über die Politik, und vor allem hat er nie schrankenlosen Egoismus propagiert.
Die Französische Revolution:
In der Zeit vor der Französischen Revolution hält dieprivilegierte Oberschicht aus Adel und Klerus an ihren Feudalrechten fest, fordert aber dennoch den Abbau der Monarchie, also mehr Rechte für sich. (So ähnlich wie kürzlich im Irak, weshalb die Situation heute noch so ist wie sie ist.) Aber auch der Dritte Stand, die Bourgeoisie, bestehend aus Bankdirektoren, Fabrikanten, Kaufleute, Juristen undAerzte gewinnt an Macht und fordert politische Mitbestimmung.
Die Revolution von 1791 forderte liberté, egalité, fraternité - also Menschenrechte.
In der Schweiz oder Deutschland oder Oesterreich oder ... waren die Bedinungen allerdings kaum besser. Die Stadt Zürich z.B., mit gerade mal 10'000 Einwohnern, herrschte feudal über die Landschaft - mit 200'000 Einwohnern. So ähnlich Bern über die Waadt und den Aargau.
Johann-Heinrich Pestalozzi (1746-1827): Für ein Leben in Armut erziehen
Im Anklang an Rousseau sieht er einen verdorbenen Naturzustand, in dem die Bedürfnisse ins Unendliche wachsen, und Kräfte, die dies verhindern können, fehlen. (Interessanterweise haben wir heute ein bisschen das Umgekehrte: Die Produktion erfordert nach wie vor unendliches Bedürfnis-Wachstum, Umwelt und Gesellschaft setzen dem langsam aber sicher Grenzen.
Pestalozzi sieht im Menschen einen polaren Trieb, einerseits Herrschaftstrieb, andererseits Sklaventrieb, sich bedingungslos zu unterwerfen, despotisch beherrschen zu lassen, so lange man nur halbwegs "glücklich", d.h. versorgt ist. Aeusserst interessant, da diese Beobachtung etwa 150 Jahre vor Adler erfolgt. Interessant auch, dass genau dieser Trieb der Ueber- und Minderwertigkeit zwischen Männern und Frauen offenbar recht ungleich verteilt zu sein scheint.
Das ganzheitliche pädagogische Konzept von Pestalozzi wird heute noch geschätzt:
- Kopf: intellektuelle Bildung, Wissen
- Herz: sittliche Bildung, Wollen
- Hand: körperliche und handwerkliche Bildung, Können
Den Armen kann nicht geholfen werden, wenn man sie zeitweilig in eine karitative Armenanstalt aufnimmt und sie dann wieder in eine Umwelt entlässt, die völlig anderen Gesetzen unterliegt als der Geschützte Raum der Anstalten. Der Arme muss zur Armut auferzogen werden! Na ja, also DIE Theorie ist ja auch nicht grad erbauend: Versager bleiben Versager! Sie müssen lernen, sich nach dem Willen anderer zu verhalten. Schön brav A...l..., noch weniger erfreulich. Es war aber halt auch die Zeit, in der ledige Mütter zwar keine Unterstützung erhielten - aber die Todesstrafe, wenn sie ihr Kind töteten. Bigotterie war damals schon verbreitet.
Thomas Robert Malthus (1756-1834): Das Entstehen von Armut verhindern.
Durch die calvinistische Ethik gelten nun Fleiss, Sparsamkeit und nüchternes Gewinnstreben über den Eigenbedarf hinaus als tugendhaft. Unternehmer (Kapitalisten) und Arbeiter (Proletariat) entstehen. Ein Ueberangebot an letzteren erlaubt es, die Löhne tief zu halten. Verbunden mit geschundener Gesundheit, Arbeitslosigkeit und mehr also erbärmliche Lebensbedingungen. Aber dennoch wächst die Gesellschaft. 1833 versucht der Poor Law Amendment Act das Armengesetz zu reformieren. Wohlhabende Mitglieder der Gemeinden werden verpflichtet, Armen zu helfen (präzise wie in Preussen: verordnete Freiwillgkeit).
Malthus wurde berühmt für sein Bevölkerungsgesetzt, dass zwar a) nicht empirisch gestützt und b) sowieso falsch war. Er "bewies", dass die Bevölkerung immer rascher wächst als die Versorgung mit Nahrungsmitteln (unsere Bauern heute wären nicht unglücklich, wenn die Nahrungsmittel nur ein bisschen knapper wären, also die Landwirtschaftspreise nicht derart am Boden, wie sie's grad wieder sind, nach einem kurzen Zwischenhoch.) Er war also der erste, der Geburtenkontrolle forderte- bei den Armen, den Proleten, was ein Widerspruch an sich ist, denn der Proletarius besass eben, seitdem ihn die Römer so nannten, nichts als seine Nachkommen, die proles, zur Sicherung seines Lebens. Hier er Grund, warum bei zunehmendem Wohlstand die Zahl der Kinder schwindet, offenbar bei zu viel Wohlstand so weit, dass das Volk gleich mit (ver-)schwindet.
Die Armen zu unterstützen sah er keinen Grund. Leid und Not seien notwendig, um die Herzen der Menschen empfindungsfähiger und menschlicher zu machen, das soziale Mitgefühl zu wecken, all die christlichen Tugenden zu entfalten und Spielraum für die Entfaltung der Nächstenliebe zu geben. Als Konzession an die englische Tradition der Arbeitshäuser liess er die gelten - aber nur bei härtester Arbeit und schlechter Nahrung. [S. 119]
Insbesondere sah er im Problem, den Kosten, Kinder aufzuhiehen, einen wichtigen Grund, die Vermehrung zu bremsen (womit er so recht hatte, dass wir heute das umgekehrte Problem haben, nämlich Ueberalterung). Würde man die Familien, insbesondere die Armen, bei der Kinderaufzucht beistehen, würden sie sich noch hemmungsloser vermehren. Arme sollten also möglichst spät, oder, am besten, überhaupt nicht heiraten.
> Ja mei, das war aber mal ein Früchtchen ... Bei all den Wohlaten der Armut sollte man vielleicht doch die Sozialhilfe gleich abschaffen.
Johann Hinrich Wichern (1808-1881): Hütten der Liebe bauen.
Maschinen ersetzen Maschinen. Die Menschen müssen länger und härter Arbeiten (statt weniger). Frauen und Kinder müssen mitarbeiten, um bloss das Nötigste zum Ueberleben zu haben.
1833: Das Rauhe Haus / Rettungshaus bei Hamburg: Nur Kinder die freiwillig darum bitten, werden aufgenommen. Der Eintritt gleicht einer Taufe, bei der das alte (verdorbene) Leben abgelegt wird. Die Kinder sollen durch Unterricht in Lesen, Schreiben; Gottesdienst und Gebet, eine Zukunftsperspektive bekommen. Allerdings kennt man im Haus neben Lernen und Arbeiten auch das Feiern. An Berufsschulungsmöglichkeiten werden geboten: Schuster, Tischler, Drechsler, Schneider, Spinnerei, Glaserei, Malerei, Druckerei, Landwirtschaft. Die Kinder werden zwar nach 17 Jahren entlassen, gehören aber ihr Leben lang "zur Familie".
Zu Beginn des 19. JH gab es 300'000 Fabrikarbeiter, 1872 6 Millionen, 1900 bereits 12 Millionen. Die Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen vieler Familien sind menschenunwürdig. Schwere körperliche Arbeit, lebensfährliche Arbeitsplätze, geringer Lohn, Kinder- und Frauenarbeit, viele Unfälle und Erkrankungen bestimmen den Alltag.
Ab Mitte des 19. JH. entstehen zunehmend zivile Organisationen wie Gewerkschaften, Arbeiterparteien, Konsumvereine und Genossenschaften um an der politischen Macht teilzuhaben und diese Probleme zu lösen.
Der wissenschaftliche Fortschrittsglaube wurde zu einer Ideologie, welche die traditionellen Werte in Frage stellte, und Wachstumsprobleme bewirkte, die wir heute so langsam ausbaden müssen (Umweltverschmutzung, Bodenzerstörung, global warming, Reduktion der Biodiversität wie der kulturellen Diversität etc.)
Otto von Bismarck (1815-1898): Arme absichern.
Nach Beendigung des Kulturkampfes mit der katholischen Kirche gründet Bismark die Sozialversicherungen, um der politischen Linken den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Fazit: Wo die sich organisierenden Arbeitenden zur Gefahr für den Staat und die Herrschenden werden, wird gehandelt. Wo diese Gefahr nicht besteht, kann man ruhig weiter machen wie immer. Das ist ein klassischer Machiavelli.
Bismarks Sozialpolitik basierte also nicht auf irgend einer Theorie der Sozialhilfe, sondern war politisches Programm. Da Krankenversicherungen an eine Stelle gebunden waren, hatten Arbeitslose weder Einkommen noch Versicherung. Eine erste Unfallversicherung entstand 1883, mit Versicherungszwang. Die Invaliden- und Alterversicherung - ab 70. Ziemlich hinterlistig, denn die Lebenserwartung lag 1889 für Männer bei 44, für Frauen bei 48 Jahren, also ziemlich präzise auf dem Niveau von Afghanistan heute. Kharzai hätte vermutlich nur wenig Stimmen gewonnen mit der Einführung eines solchen Gesetzes) Grosse Teile der Arbeiterbevölkerung wurden also, zumindest konjunkturzyklisch, immer wieder zu Armenbevölkerung, ein Teil davon permanent. Die Sozialisten wurden nicht nur politisch ausgebootet, sondern auch ganz praktisch verboten. Hätte es diese als Drohung nicht gegeben, wäre aus den Sozialwerken und der sozialen Marktwirtschaft auch nichts geworden. Allerdings hatten damals Arbeitnehmer wie Arbeitgeber in etwa so viel Verständnis für das Werk wie heute die Bürger der USA, die eine allgemeine Krankenkasse als Werk des Teufels (oder zumindest der Kommunisten) betrachten, und genau wie damals, private Absicherung fordern (die allerdings eben etwas 40% der Bürger davon ausschliesst. Demokratisch zu machen - aber fies.)
Ab Ende der 70er Jahre des 19. JH. boomt die Deutsche Wirtschaft - unter Schutzzöllen. Dank Chemie und Schwerindustrie wird Deutschland führende Europäische Industrienation ... allerdings dank Freihandel ab 1890, also mit vorhandener Macht, Industriemacht. Dazu wurde noch die Hochseeflotte aufgebaut und eine imperiale Politik angestrebt: Auch Deutschland wollte Kolonien! Die ganze Gesellschaft wurde militarisiert ... kolonisiert (nicht zivilisiert) später allerdings bloss Europa. Eine Flut von Vereinen und Verbänden entstand in dieser Zeit.
Die Bevölkerung der USA wächst von 31 Millionen im Jahr 1860 auf 92 Millionen 1920, vor allem natürlich durch Einwanderung (21 Millionen. Details s. Die Besiedelung der USA). Verstädterung und Industrialisierung bringen eine gesteigerte Inlandnachfrage, der verlässlichste Treibstoff der Wirtschaft. Der 1. Weltkrieg bringt dann zusätzlich noch gewaltige Exportmöglichkeiten. Ungehemmt und mit starker Tendenz zur Kapitalkonzentration (also Vorlage für den Neoliberalismus) entwickelt sich, allerdings unter starkem Zollschutz (auch hier wurde die Industrie erst aufgebaut, und dann die Märkte geöffnet, also umgekehrt als die selben Leute es den Ländern vorschreiben über IMF&Co die erst im Aufbau sind), Kohle, Stahl und Erdöl, Eisen, Kupfer und Silber, wo die USA an der Weltspitze stehen, wie Verbrauchsindustrie. Eisenbahnen entstanden überall, die Städte wuchsen in Zahl und Umfang, die Zahl der Arbeitskräfte stieg um das Siebenfache, die Produktion um das 20-fache, und die Investitionen m das 40-fache (entsprechend ihre Forderung nach Eigentrendite!). Riesenkonzerne wie Standard Oil (Rockefeller) und Steel Corporation (Andrew Carnegie) entstehen. Die Löhne bleiben dennoch tief, dank Konkurrenz um Arbeitsplätze, also dank der Einwanderung. Zwischen1870 und 1880 sinken die Durchschnittslöhne sogar von 400 auf 300 $ pro Jahr. Da aber das Existenzminimum für eine Familie bei 720 $ liegt, müssen auch hier Frauen und Kinder mitarbeiten. Korruption, Spekulation, Ausbeutung und die Diskriminierung der "Neger" führen zu extremen Spannungen. Wohlhabende Bürger wohnen auch in getrennten Quartieren. Als sie sich bedroht fühlen tönt die Harald Tribune etwa so: Der einfachste Plan ist, den Arbeitslosen anstatt Butter Arsen aufs Brot zu streuen. Das bewirkt in kürzester Zeit den Tod und ist den andern Bettlern eine Warnung, sich in respektvoller Entfernung zu halten. [zit. S. 188]
Der 1. Weltkrieg macht die USA zum reichsten Staat der Welt und zum Gläubiger der meisten Staaten Europas (das war einmal ...) Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wuchs auch die militärische Stärke.
> Also heute basiert die militärische Stärke der USA auf ... Krediten, Krediten von "Schurken" wie den Saudis oder Chinesen.
Paul Natorp (1854-1924): In, durch und zur Gemeinschaft erziehen.
Natorp unternahm grosse pädagogische Bemühungen zur Verbesserung der Volksbildung. Die Schulaufsicht lag damals noch weitgehend in den Händen der Kirche. Die Bildung war ein zweigeteiltes System: Die Proletarierschule für die Arbeiter - das Gymnasium für die Bürger.
Pädagogik ist für Natorp "konkrete Philosophie" mit konstruktiv-normativem Charakter. Erziehung bedeutet für Natorp die Bildung des Willens.
Die Gemeinschaft ist nichts ausser den Individuen; sie ist ihrem ganzen Begriff nach nur Gemeinschaft der Individuen; sie besteht allein im Verein der Individuen, und dieser Verein allein im Bewusstsein der Einzelnen, die daran teilnehmen. Aber umgekehrt gibt es kein menschliches Individuum anders als in menschlicher Gemeinschaft. Ohne den Menschen wird der Mensch gar nicht Mensch. [zit. S. 159]
Erst wenn die Sozialpädagogik auf der ganzen Linie gesiegt hätte, dürfte sie sich schlichtweg Pädagogik nennen; solange dagegen um die volle Anerkennung der Rolle der Gemeinschaft in der Erziehung noch zu kämpfen ist, ist jener Name gleichsam als Losung in diesem Kampf nicht zu entbehren. [S. 162]
Das wesentliche Mittel zur Willensbildung ist die Organisation der Gemeinschaft.
Hier setzt nun auch die erste Theoriebildung der Sozialen Arbeit ein, insbesondere nach der Gründung des Vereins für Sozialpolitik. Besonders aktiv waren in der Verberuflichung der Hilfstätigkeit die Frauenbewegungen. Mütterlichkeit wird zum Kernbegriff. Die Armut steigt mit dem Krieg rasant an. Arbeiter werden zum Dienst eingezogen, Frauen müssen an die Werkbänke. Der Bund deutscher Frauenvereine, mit 600'000 Mitgliedern, organisiert mit dem Nationalen Frauendienst ein flächendeckendes Netz von Hilfe. Die Wirtschaft wird umgestellt auf Kriegswirtschaft, die Männer arbeitsverpflichtet. Der Krieg beseitigt (für einige Jahre) das Vorurteil, Armut sei individuell selbstverschuldet - oder gar angebohren. Am Krieg sind 65 Millionen Soldaten beteiligt, 21 Millionen (4.2 Millionen Deutsche) werden verwundet oder verstümmelt, 1.8 Millionen getötet. Nach Kriegsende ist auch das Deutsche Kaiserreich wie die K&K-Monarchie am Ende. Zwei unterschiedliche Wirtschaftssysteme beginnen die Welt in 2 Blöcke zu trennen. Dazwischen lärmen ein paar Blockfreie.
1935 wird der Reichsarbeitsdienst eingeführt, zur Förderung der Rüstungsindustrie, und die Frauen wieder von den Werkbänken entfernt. Sie dürfen als Trümmerfrauen dann am Ende den Müll wieder zusammenkehren. Der Nationalsozialismus hat, trotz seines Namens, wenig am Hut mit Sozialem. Andersdenkende, oder gar Menschen anderer Hautfarbe, Glaubens, Rasse, werden als minderwertig aussortiert und vertrieben oder vernichtet, insbesondere die Juden (nicht die Semiten!).
> Jane Addams (1860-1935): Frieden und soziale Gerechtigkeit herstellen.
> Christian Jasper Klumker (1868-1942): Bevormunden und leiten.
Alfred Adler (1870-1937)
Alice Salomon (1872-1948): Frieden im Inneren und in der Welt gewinnen
Einzelgebiete der Wohlfahrt:
- Wohnungsfürsorge (Baupolitik, Mieterschutz, Sozialwohnungsbau etc.)
- Gesundheitsfürsorge (Säuglings-, Mutter-, Invalidenfürsorge)
- Jugendwohlfahrt
- freies Volksbildungswesen (Volkshochschule, Arbeiterbildung, Volksbühnen ...)
- Wirtschaftsfürsorge (Fürsorgerecht, Sozialrentner, Blinde, Wanderarbeiter ...
- Arbeitsfürsorge ( Arbeitsvermittlung, Arbeitslose, Betriebswohlfahrtspflege, Versicherungen etc.)
Die Menschen sind so zu fördern und zu unterstützen, dass sie ihre wirtschaftlichen Aufgaben in de Volksgemeinschaft wahrnehmen können. Die soziale Einheit des Volkes ist herzustellen, die Klassengrenzen durchlässig zu machen, und schliesslich muss der innere Friede im Volk und der Weltfrieden gewonnen werden. Gesundheit, geistiges und sittliches Leben soll den Kulturideen entsprechend erhöht und vervollkommnet werden.
Diejenigen die man vor sich selbst schützen muss sollen in die Anstalt.
Die beste Methode der individualisierenden Fürsorge ist es, einem Menschen den Glauben daran zu geben, dass er sich selbst helfen kann. Man soll ihn ermutigen, selbst für sich zu denken und zu planen, und keine plötzlichen Veränderungen und Heilungen von ihm erwarten, die er überhaupt nicht bringen kann. [S. 246]
Das Prinzip Mütterlichkeit wird als spezifisch frauliche Kritik an den männlichen Prinzipien von Konkurrenz, Eigennutz und Spezialisierung verstanden, die die kapitalistische Gesellschaft beherrschen. Die Frauen wollen ihre fraulichen und mütterlichen Werte auch ausserhalb des Hauses in die Gesellschaft aktiv - in Uebereinstimmung mit den Zielen der bürgerlichen Frauenbewegung - einbringen. [S. 235]
Für Salome haben soziale Bewegungen, die vom Gleichberechtigungsgedanken aller Menschen erfüllt sind, stets die Wohlfahrtspflege gefördert. Der von der Religion entwickelte Gedanke der Brüderlichkeit aller Menschen bildet für sie die älteste Grundlage der Wohlfahrtspflege (seit Kain und Abel aber auch des Zwistes). Von ihm ist nach Meinung Salomons der Solidaritätsgedanke ursprünglich abgeleitet. ... Der Trieb zur Gemeinsamkeit, zum Zusammenwirken der Menschen, der erst den Menschen zum Menschen macht und der ihm das Leben ermöglicht, entwickelt in der Wohlfahrtspflege wertvolle unentbehrliche Tugenden der menschlichen Gesellschaft, bringt tiefste menschliche Instinkte und seelische Werte zur Auesserung und Wirkung. Zeiten, in denen die Menschen sich an sozialen Idealen orientieren, sind für Salomon "aufbauende Zeiten". Sie werden abgelöst von "zerstörenden Zeiten", in denen die Prinzipien der Ichsucht und Machtkampf herschen. Das Zusammenwirken im Staat und in der Gesellschaft ewächst erst aus dem gegenseitigen Helfen in Familien und Gemeinden. Mit dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe ist eine positive Haltung zur Wohlfahrtspflege gegeben. [S. 241]
Das Prinzip der gegenseitigen Hilfe ist übrigens auch für die Evolution eben so entscheidend wie die Konkurrenz. Sämtliche in Gruppen, also sozial lebenden Tiere ziehen daraus eindeutige Ueberlebensvorteile, sonst wär die Lebensform nämlich nicht gegeben. Und die Gruppen oder Rudelbildung ist doch sehr weit verbreitet, bis hin zur absoluten Einordnung in den Staat bei Ameisen und Bienen.
Gertrud Bäumer (1873-1954): Sich um gesellschaftlich notendige Aufgaben kümmern.
Mit dem Aufbau von Jugendämtern und durch die verschiedenen Jugenpflege- und Jugendfürsorge-Angebote der freien öffentlichen Träger sollen diejenigen Kinder und Jugendliche eine Unterstützung und Hilfe erfahren, die ohne den Schutz und die Unterstützung einer Familie aufwachsen oder deren Familie nicht die Voraussetzungen für eine normale Persönlichkeitsentwicklung garantieren können. [S. 251]
Ilse von Arlt (1876-1960): Grundbedürfnisse befriedigen.
Fürsorge war für Ilse von Arlt angewandte Soziologie, eine Wissenschaft der Armut und ihrer Behebung.
13 Grundbedürfnisse:
- Ernährung
- Wohnung
- Körperpflege
- Bekleidung
- Erholung
- Luft
- Erziehung
- Geistespflege
- Rechtsschutz
- Familienleben
- Aerztliche Hilfe und Krankenpflege
- Unfallverhütung und -Hilfe
- Ausbildung zur wirtschaftlichen Tüchtigkeit
Sie gründet 1912 in Wien die erste Fürsorgerinnenschule. Statt "Soziale Arbeit" verwendet sie den Ausdruck "Volkspflege", um zu zeigen, dass sie etwas Neues entwickeln wollte. Da Armut damals (fast wie heute ...) kein Thema für Oekonomen ist, startete sie selbst Untersuchungen mit den Methoden der deskriptiven Nationalökonomie.
- Der Kulturzustand eines Landes wird nicht durch seine Höchstleistungen bestimmt, sondern durch seine Grenznot. Das ist die tiefste geduldete Entbehrung.
Würde man heute vermutlich als Existenzminimum bezeichnen.
- Ist für das Finden neuer Hilfswege der Blick in die Zukunft wichtig, so benötigt die Durchführung der Hilfe vor allem den Blick in die Vergangenheit.
- Es ist kein Zufall, dass Völker während der Perioden ihrer grössten Machtentfaltung meistens zugleich das grösste Elend aufweisen.
- Das Gefährlichste an länger dauernder Armut ist, dass sich eine Art Harmonie der Unterbefriedigung einstellt, das heiss man hat sich damit abgefunden.
- Den Willen zur Selbsthilfe zu stützen ist eine der vornehmsten Aufgaben der Fürsorge, aber mit äusserster Behutsamkeit anzuwenden.
- Die Hilfebedürftigen geben sich oft keine Rechenschaft davon, was sie alles entbehren. Und darin liegt ihr grösstes Unglück. [S. 275-6
Probleme der Sozialarbeit dazumals:
Herman Nohl (1879-1960): Geistige Energie zur Behebung der Not wecken.
Als Philosoph möchte Herman Nohl erreichen, dass die Herrschaft des Verstandes zugunsten einer wieder zu gewinnenden Einheit des Lebens abgelöst wird. Gerade nach einer Zeit dikatorischer Massenführung galt es dem Menschen als Subjekt wieder zu seinem Recht auf eigenes Glück zu verhelfen.
Das Ziel der Wohlfahrtspflege ist für Nohl das Wohl des ganzen Menschen. Kultur ist für ihn die Wirklichkeit, wo der Mensch wirkt, wirken kann. Kultur ist vom Menschen hervorgebracht und bringt den Menschen hervor.
Der wahre Ausgangspunkt für eine allgemeingültige Theorie der Bildung ist die Tatsache der Erziehungswirklichkeit als eines sinnvollen Ganzen. Aus dem Leben erwachsen, aus seinen Bedürfnissen und Idealen, ist sie da als ein Zusammenhang von Leistungen, duch die Geschichte hindurchgehend, sich aufbauend in Einrichtungen, Organen und Gesetzen - zugleich sich besinnend auf ihr Verfahren, ihre Ziele und Mittel, Ideale und Methoden in den Theorien - eine grosse objektive Wirklichkeit, wie Kunst und Wirtschaft, Recht und Wissenschaft ein relativ selbständiges Kultursystem, unabhängig von den einzelnen Subjekten, die in ihm tätig sind, und von einer eigenen Idee regiert, die in jedem echt erzieherischen Akt wirksam ist und doch wieder nur fachlich wird in ihrer geschichtlichen Entfaltung. [zit. S. 284]
Hitler übernahm die Thesen des englischen Kulturphilosophen (na ja, bei seeeehr breiter Auslegung der Begriffe Kultur wie Philosophie ....) Houston Stewart Chamberlain (1855-1927), dass die Rasse das letztlich bestimmende Element aller Kulturentwicklung ist und die germanische Rasse das höchstwertige und entscheidende Kulturelement sei und dass die Indogermanen die Kultur begründet hätten und tragen würden - insbesondere natürlich die Arier (wobei er sich ein bisschen verzupfte, ethnologisch). Der Staat sei nur Mittel zum Zweck, und der liege in der Förderung einer Gemeinschaft physisch und seelisch gleichartiger Lebewesen. Minderwertige sind auszumerzen. Der Wohlfahrsstaat zerstört das Verantwortungsgefühl der Unterstützten gegenüber der Gemeinschaft durch Züchtung von Unterstützungsempfängern. Diese ungesunde Verweichlichung und das übertriebene Ich-Denken ist durch Erziehung zu korrigieren. Die unwirtschaftliche Fürsorge für die sozial Untüchtigen müsse radikal gekürzt werden. Die Orientierung am Einzelschicksal muss zugunsten einer Orientierung am Volksganzen aufgegeben werden. Nichtsesshafte, Zigeuner, Kriminelle, Obdachlose, Arbeitsscheue, Erbkranke, Anstaltsinsassen, also alle asozialen und unwirtschaftlichen Klassen, die den Anforderungen nicht genügen, die das Leben in der Volksgemeinschaft an sie stellt und die diese so gefährden, sind in Anstalten einzuweisen. Die Jugendlichen werden in den Lagern eingeteilt in "Untaugliche" und "Dauerversager", die bei Ereichen der Volljährigkeit in Heilanstalten oder Konzentrationslager überwiesen werden. Menschen müssen nach dem Massstab ihrer gesellschaftlichen Nützlichkeit eingeordnet werden, wer nicht nützlich und brauchbar ist, ist minderwertig.
Befehl des Führers und Gehorsam des Volkes sollen die inneren Prinzipien der Verfassung sein (Hitler 1939), Diese Theorie steht der heute geltenden des Pluralismus, der Vielfalt von Individuen, Nationen und Kulturen also diametral entgegen.
Hans Muthesius (1885-1977): Sozial-rassistsisch auslesen und ausschalten.
Hans Scherpner (1889-1959) Persönlich fürsorgen.
Hilfe ist die Gegenkathegorie zum Kampf, der die Vernichtung des Feindes , die Verneinung seines Existenzrechtes zum Ziele hat. Hilfe bejaht den Andern und seine Existenz, die zum WIR gehört. Hilfe ist eine Lebensfunktion jeder Gesellschaft. Sie dient ihrer Erhaltung und Festigung, da die Gemeinschaft immer labil ist. Mit der Neuzeit verschwindet das persönliche Element der Fürsorge und diese wird zur planmässigen Organisation, zur Verwaltung (zur Bürokratie). Der Preis für die Moderne Form der Hilfe ist der Verzicht auf den Gemeinschaftscharakter der Fürsorgen (der nur schwer wieder einzubauen ist. s. Probleme des Projekts Stadthelfer Basel.)
55 Millionen Tote, 35 Millionen Verwundete, 3 Millionen Vermisste, 30 Millionen, vor allem Deutsche, die ihre Heimat verloren.
Am 26. Juni 1945 erfolgte die Gründung der UN mit 50 Nationen. Ihre Hauptziele waren:
Im Positivismusstreit stehen sich Poppers Kritischer Rationalismus als empirisch-analytische Wissenschaftstheorie und die Kritische Theorie der Frankfurter Schule als dialektisch-kritische Wissenschaftstheorie (Adorno, Horkheimer, Habermas) gegenüber, so quasi eine Neuauflage des alten Positivismusstreits. Behoben wurde er nicht, was vor allem daran liegen dürfte, dass hier Aepfel mit Seegurken verglichen werden. Die positivistisch angehbaren Wissenschaften die auch kritisch-rational, empirisch-analytisch angegangen werden können, sind aus auf kausale Zusammenhänge, auf kausale Begründungen. Die dialektisch-kritischen, sozialen, geistigen Wissenschaften haben meist stark teleologische, also zielgerichtete Aspekte. Da der Mensch in der Wahl seiner Ziele frei ist, soweit ihn die Naturgesetze (oder menschliche Gesetze) nicht daran hindern, lässt sich seine Aktion oder Reaktion also nicht vorherbestimmen, nicht berechnen. Jeglicher Kalkül in diesem Bereich ist manipulativ, erbaut neue Gesetze, wie speziell die der Marktwirtschaft.
Emanzipation wird, auch in der Pädagogik, zum gesellschaftskritischen Schlüsselbegriff.
Beginn der 80er kommen die ersten Computer auf den Markt. Genforschung, Nanotechnologie und eine Reihe von dem meisten unverstandenen neuen Erfindungen bewirken ein neues Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung, die sich in oft wenig fundierter Technologiekritik äussert. Zu wenig fundiert, leider, sonst wäre sie heute noch da. Der wirtschaftliche Druck, die zunehmenden Arbeitslosenzahlen, die stagnierende Einkommen und Gewinne haben jedoch bewirkt, dass hier ein Auge zugedrückt wird.
Carel Bailey Germain (1916-1995) & Alex Gitterman (1938.): Menschen in ihrer sozialen Umwelt entdecken und unterstützen.
Soziale Arbeit soll es sich zur Aufgabe machen, Entwicklungspotientiale im Leben der Menschen und in der Gesellschaft freizusetzen und dabei progressive Tendenzen der Lebenserhaltung zu unterstützen und regressive Tendenzen der Lebensfeindlichkeit zu verhindern.
Zu evaluierende Strukturen und Prozesse:
Die Pädagogik wendet sich in den 60ern zu einer empirischen, mit hermeneutischen Mitteln arbeitenden Wissenschaft. Statt Normen zu setzen sollen die real existierenden Lebenswelten erforscht werden. Emanzipation wird zum Schlüsselbegriff (und damit ist entgegen landläufig häufiger Meinung, eben gerade nicht bloss die Emanzipation der Frau gemeint). Man richtet das Augenmerk auf den Alltag, was ganz besonders für die Aktionsforschung gilt. Die Forschungsprozesse öffnen sich, auch in Hinblick auf die Bestimmung etwa der Generation. Lehrerhafte Anleitungen zum guten Leben verschwinden nach und nach (ausser in den bunten Zeitschriften ... die dann eben oft veralteten Kokolores verbreiten). Die Normalitätsgewissheit wird immer mehr zum Problem, auch für die Jugend. Der Bezug zu Institutionen kritisch, also auch deren normative Vorgaben zweifelhalft. Armutsforschung dümpelt immer noch auf Nebenschauplätzen vor sich hin.
[Christine Labonté-Roset: Ohne Nationalökonomie keine Sozialarbeit! Rolle und Bedeutung der ökonomischen Bildung im wissenschaftlichen Werk und Ausbildungskonzepts Alice Salomons. elw S. 27 ff. ]
Das heute, besonders in Zürich hochgelobte Fachkonzept "Sozialraumorientierung" hat seine Wurzeln in den theoretischen und praktischen Suchbewegungen der Gemeinwesenarbeit (GWA) in den 60er und 70er Jahren. Seit Mitte der 70er- Jahre hat die Therapeutisierung der Sozialarbeit stark zugenommen. Ursache ist hier vor allem die Ausweitung sozialer Beratungsangebote für die Mittelschicht In den 70ern und 80ern gab es noch die stark marxistisch angehauchte Sozialökonomie. Diese Auseinandersetzung mit andern als dem einzig wahren Modell sind inzwischen natürlich abgesagt. Mit zunehmender Interdisziplinarität, der Berücksichtigung multipler Perspektiven, insbesondere der Mikro- und Makroebenen der angrenzenden Bereiche, trat, vermutlich auch als notwendige Vereinfachung dieses äusserst komplexen Ansatzes, die Lebensweltorientierung an ihre Stelle, vernachlässigte nun abersoziale und ökonomische Rahmenbedingungen - womit die Sozialhelfer kaum mehr unterscheiden können zwischen Problemen, die durch ihre Klienten bedingt sind, und solchen, mit denen diese von Markt oder Gesellschaft beworfen wurden. Es fehlt ihnen damit das Rüstzeug für das wahrhaft soziale Denken der Menschenrechtsprofession, welche Sozialhife eigentlich sein sollte. |
Die Interkulturalität, der Pluralismus von Normen und Werten, kommt zu Generationenproblem (Alt = ordnungsliebend, Jung = chaotisch, leicht notgederungen, da eh Chaos herrscht, also Orientierungslosigkeit - oder besser "Beliebigkeit der Orientierung, also Postmoderne). Diese Gedanken werden demnächst weiter entwickelt anhand von Heiko Kleve: Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft.]
Klaus Mollenhauer (1928-1998): Anleiten, erwachsen zu werden.
Marianne Hege (1931-): Engagierter Dialog.
In Deutschland wird die Sozialhilfe erst 1970 in die Fachhochschulen integriert und Sozialpädagogik zum universitären Lehrgang. Fachhochschulen sind aber nicht auf Forschung ausgerichtet, zumindest nicht auf theoretisch fundierte, sondern eher auf praktische. Einzelne Fächer werden nebeneinander her unterrichtet. In den Lehrplänen herrscht regellose Manigfalltigkeit. Wissenschaftliches Wissen muss also ohne die eigentliche Wissenschaft dahinter vermittelt werden.
Marianne Heges Kritik an der Sozialarbeit, Mitte der 70er Jahre:
- Die Einzelhilfe ist gebunden an individualstische Konzepte, die einer idealistischen Philosophie verhaftet sind.
- Wesentliche gesellschaftliche Bedingungsfaktoren bleiben in dem Konzept unberücksichtigt. Das Vorgehen ist allein pragmatisch orientiert.
- Das Ziel der Problemlösung ist gerichtet auf eine bessere Anpassung des Individuums in seiner Umwelt.
- Das Ausblenden der gesellschaftlichen Bedingungen engt nicht nur den Erkenntnishorizont ein, in der Problemlösung wird der Klient auf sich selbst zurückgeworfen, er hat die Probleme als seine persönlichen zu aktzeptieren.
- Die Zweierbeziehung im Prozess der Hilfe ist paternalistisch, sie engt den Klienten ein und entmündigt ihn
- Dies bestätigt den Auftrag der Gesellschaft, Individuen so weit zu helfen, dass sie sich in das System dieser Gesellschaft wieder einordnen können. Vom System selbst wird angenommen, es sei so strukturiert, dass Eingliederung möglich sei, dass das Individuum seine Bedürfnisse befriedigen kann, wenn die in seiner eigenen Person liegenden Hinderungsgründe beseitigt sind.
Typisch hier immer noch die einseitige Schuldzuweisung, obowohl der Ausschluss aus dem Markt durch Entscheide der Elite bedingt sind. Die Klienten werden als Objekte beschrieben und kategorisiert, ihre Entfremdung also fortgesetzt, und sie landen in einer Schublade.
Der Veränderungsprozess als "planned change":
- unfreezing (auftauen):
- moving (bewegen):
- changing (verändern):
Dies ist ein emanzipatorischer Prozess, wenn es dabei gelingt, die Asymmetrie einer Beziehung zur Symmetrie zu verändern. Nicht neue Verhaltensweisen oder Erwartungen sollen geprägt, sondern Handlungsalternativen eröffnet werden.
Marianne Heges Fachbuch begleitet die Sozialhilfe nun seit 30 Jahren in Ausbildung und Praxis! s. z.B. Konzepte sozialpädagogischen Handelns
Lutz Rössner (1932-1995): Technologisch normalisieren.
Fürchte Dich nicht davor, exzentrische Meinungen zu vertreten; jede heute gängige Meinung war einmal exzentrisch.
Betrand Russell [zit. S. 401]
Normenpluralität entsteht in erster Linie mal dadurch, dass jedes soziale Gebilde (Gruppe) eigene Verhaltensnormen hat. Sich gegenseitig tolerierende Gruppen bilden das Gefüge der Gesellschaft, das soziale System. Da jeder Mensch zuerst mal ein Individuum ist, unterscheiden sich alle, sind also nie ganz symmetrisch, vor allem auch nicht symmetrisch sozialisiert. Die Toleranz für Asymmetrie ist allerdings begrenzt. Wer das tolerierte Mass an Abweichung überschreitet, wird abgelehnt, also dissozialisiert. Die Bewertung eines Verhaltens durch Gruppen kann allerdings höchst unterschiedlich sein, was eine Gruppe toleriert oder gar fordert, lehnt die andere unter Umständen völlig ab, wie z.B. Gewalt bei Skinnheads und Christen. Das Verhalten eines Individuums kann also sein:
aber auch
Rössners Theorien gehören zu den am weitesten ausformulierten im Bereich Sozialarbeit. Allerdings wird er dafür kritisiert, dass er gesellschaftliche Verhältnisse, die Gesellschaftstheorie und die geschichtliche Dimension ausblendet. Die Praktiker sind dankbar - die Wissenschaftler kritisch. Rössner ist also ein bischen als Sozialingenieur verschrien.
Karam Khella (1934-): Ausbeutung und Verlendung überwinden.
Seine Theorie basiert auf Armut und Armutsforschung, Gesellschaftsanalyse, Sozialarbeit von unten und umfasst 10 Schritte:
Nach x rotierenden und kontrollierten Mikrorevolution also die Veränderung des Ganzen.
Hans Tiersch (1935-): Einen gelingenden Alltag ermöglichen.
Für Thiersch hat die Sozialarbeit folgende Sachdimensionen:
Machen - nicht denken, löst Probleme und Aufgaben pragmatisch - verzichtet aber auf Begründungen, was DEN Inhalt von Philosophie und Wissenschaft ausmacht. Statt auf Wissen beruht die Handlung auf Regeln und Routinen.
Silvia Staub-Bernasconi (1936-): Menschengerecht handeln.
Frauen engagieren sich in der Sozialen Arbeit insbesondere:
Lothar Böhnisch (1944-): Persönliche und gesellschaftliche Krisen bewältigen.
Mit der Risikogesellschaft, der Postmoderne treten neue Probleme auf, mit denen sich die Sozialarbeit zu beschäftigen hat. Der gesellschaftliche Individualisierungsprozess ist nach Bönisch mit der Erosion dauerhafter Beziehungen und Bindungen, Inkonsistenzen im Erziehungsverhalten bei Kindern und Jugendlichen und einer "Zeitzerstückelung" durch die Erfordernisse von rationalisiertem Arbeitsrythmus und Mobilität verbunden. Aber auch die Pluralisierung der Wertvorstellungen, das biographisch verfrühte "Auf-sich-gestellt-Sein" der Kinder und die Verinselung der Wohnumelten stellen soziale Desintegrationspotentiale dar.
Gleichzeitig greift eine Oekonomisierung der Sozialbeziehungen um sich, die die tradierten "bindungsintensiven" Verhaltensweisen bedrängen und instrumentell-kalkulative und konkurrente Orientierung fördern. Hinter der Fassade "äusserlicher Intaktheit" verbirgt sich die Auflösung sozialer Beziehungen, da instrumentalistische und kalkulierende Umgangsformen auf die Verfügung über andere hinauslaufen und eben nicht auf die Anerkennung des anderen und seiner Integrität. [S. 469]
Grunddimensionen:
Bernd Dewe (1950-) und Hans-Uwe Otto (1940-): Wissen und Können relationieren.
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FAZIT:
Dieser Querschnitt zeigt deutlich, dass die Sozialarbeitswissenschaft(en) im Verlaufe der Zeit zwar ab und zu massiven Bockmist lieferten, wie die meisten Wissenschaften, aber gegenwärtig die alten Fragen und Probleme ernsthaft angenommen und weitgehend gelöst haben, besonders mit den (hier nicht erwähnten) Konzepten der Postmodernen Sozialarbeit. Theoretisch. Die Praxis allerdings sieht anders aus. Nach wie vor herrschen alte Vorurteile, setzen sich seltsame Kriterien durch, weil die in den Köpfen der Praktiker, noch mehr aber, der für die Finanzierung verantwortlichen Politiker, noch mehr, der "zu bezahlen habenden" Bevölkerung eben noch da sind. Was verständlich, aber schade ist, ist die fast völlige Absenz von Sozialhilfetheorien die sich wirklich um gesellschaftliche Entwicklung und Fortschritt kümmern. Karam Khella ist hier der einzige. Freire wäre ebenfalls zu nennen, kommt aber im hier behandelten Büchlein auch nicht vor.
HINTERGRUND meiner Beschäftigung mit der Sozialen Arbeit:
Ich bin ja kein Sozialhelfer, sondern Forstingenieur, mit 10 Jahren Erfahrung in der Entwicklungshilfe. 10 Jahre in fremden Kulturen entfremden aber offenbar der Schweiz derart, dass man hier nicht mehr zu gebrauchen ist. Ich habe nun also auch 3 Jahre (Juli 2006-Februar 2009) hinter mir, in denen ich selbst von der Sozialhilfe abhängig war, also Erfahrung als "Kunde" oder "Klient" (oder "Opfer"?). Diese 3 Jahre werden gegenwärtig noch verarbeitet, quasi als Projekt, denn sie führten, wie meine anderen Projekte, zu einem reichen Schatz an Erfahrungen (guten wie schlechten), Daten und neuem Wissen. Damit lässt sich der 2006 abgebrochene Lebenslauf eines "Filz-inkompatiblen": Ein CV aus der Perspektive des Prekariats, der Generation P nun fortsetzen und vervollständigen.
Martin Herzog, Basel, 23.8.09