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[Heiko Kleve: Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft. 2. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2007.]
Es wäre sogar noch möglich, dass was den Wert jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. |
Kleve liefert hier, gut dokumentiert, einen Ansatz zu einem ganz neuartigen wissenschaftlichen Paradigma, das beachtenswert ist (d.h. Sie sollten es beachten). Er basiert das wissenschaftlich untermauerte Konzept der Sozialarbeit, die eigentlich Praxis ist, auf modernste Erkenntnisse der Systemanalyse einerseits, der historisch doch recht spezifischen Kultur der Postmoderne andererseits.
Da beides den Bürgern immer noch relativ fremd ist, obwohl beide mindestens ein halbes Jahrhundert alt, also von reifer Persönlichkeit, erst kurz die wichtigsten Begriffe und Grundgesetze der Systemtheorie (Postmoderne s. Link oben).
Handlungstheorie: Unter Handlungstheorie fallen eine Serie von Ansätzen, die sich mit der Komplexität der menschlichen Gesellschaft und des innerhalb dieser Komplexität sich orientierenden und tätig werdenden Individuums befassen. Noch vorher käme allerdings die Modelltheorie (detaillierte Darstellung, aber halt auf Englisch), die es heute nicht mehr zu geben scheint - ausserhalb der reinen Logik:
Gerade das Krisenexperiment zeigt typisch das "therapeutische" Vorgehen: Durch einen Anstoss, oder Verstoss gegen soziale Gebräuche, wird Widerstand erzeugt, der dann klärend verwertet wird.
Phänomenologische Soziologie basiert auf Husserls Phänomenologie, versucht also die Welt musste so begreifen, wie sie direkt vom Handelnden erfahren wurde und nicht durch Anwendung konstruierter Konzeptualisierungen.
Symbolischer Interaktionismus basiert auf Meads Postulat, dass:
Interessant ist auch Meads Ablauf der Identitätsbildung, da diese die Integration ebenso fördern wie behindern kann:
Tönt einfach, ist aber einigermassen haarig. Bereits bei der Kooperation muss der/die Betreffende also Haltung und Rolllen von den Mitspielern verstehen, akzeptieren, nachvollziehen können. Ein enorm wichtiges Element der Integration in ein soziales System. Die Regeln sind allerdings noch relativ "einfach", es sind nur die Regeln dieser einen spezifischen Gruppe.
Punkt 3 ist nun allerdings bereits zu kompliziert, also nicht einhaltbar. Gemeinsame Normen weltweit würde eine Monokultur bedeuten, widerspricht also dem Pluralismus. Hier fehlt zudem eine wichtige Zwischenstufe zwischen EINER Gruppe und der Welt, die Gruppencluster die eine Gemeinde bilden, einen Staat, eine Interessengemeinschaft etc. In diesen sind noch gemeinsame Normen und Symbole möglich, aber irgendwo müssen Grenzen möglich sein, die eben auch unterschiedliche Normen und Symbole erlauben, spätestens dort, wo es um Kulturen geht.
Verstehende Soziologie (Max Weber)
Hier zwischendrin, zwischen dem Beschreiben und Verstehen und dem funktionierenden System mit Strukturen fehlt etwas. Anno dazumals, vor 25 Jahren, schlug man sich noch eher mit Modellen als mit Systemen rum. Da gab es primär:
Bei der zwar äusserst komplexen, aber denoch reduktiven Vereinfachung auf funktionelle Modelle, pardon Systeme, fallen a) die Anpassungsprioritäten unter den Tisch (Struktur oder Funktion ist prioritär?), b) alles Prospektive, also Erkundende, Suchende, Irrende, Tapsende, Bastelnde, Forschende, Spielende das immer zum Menschen (Homo ludens) und auch zu den Kulturen gehörte, solange sie nicht einfroren oder zubetoniert wurden, sich als göttlich, unveränderliches Ziel aller Entwicklung empfanden, so wie heute etwa die "freie" Marktwirtschaft. Ebenfalls problematisch (zumindest leicht) werden normative Vorgänge, mit denen die Wissenschaft eh so ihre Probleme hat, die aber gerade in der Gesellschaft den Kern aller Systembildung (sprich Gruppenbildung) ausmachen, also auch das Kernproblem des Ausschlusses, der Desintegration, der Exklusion. Vermutlich müsst für ein besseres Verständnis von Armut und Reichtum gerade der Bereich der Normbildung mal genauer angesehen werden. Dies Möglichkeit hat die Sozialarbeit noch nicht lange. Bis in die 68er war sie selbst streng normierend, urteilte über normal und abnormal, wies Behandlungen oder Einweisungen zu (per Psychiater natürlich). Seither ist eigentlich alles normal - oder nichts, d.h. es fehlt die Orientierung, die Unterscheidung normal - nicht so normal bringt rein gar nichts mehr. Normal ist immer noch, dass man (und frau inzwischen) arbeitet um Geld zu verdienen und wer zu sein, nicht aber zu Geld kommt durch Diebstahl und Betrug (ausser man mache das so gut und erfolgreich, dass gar nicht auffällt, wer dafür bezahlt, wer eigentlich bestohlen wurde), nicht aber Geld beansprucht als staatlichen Ausgleich: Geschmäht und auf ewig verdammt sei sie, die Umverteilung, Teilung; sei er, der Transfer, von den Reichen, von den Harten, Smarten und Aparten zu zu den Weichen, Bleichen, Struktur-Leichen. (sorry, hatte nach der Lektüre von Italo Svevo's Zeno Cosini grad einen Anfall von Dichterei ...).
Im Prinzip ist sie zwar drin in den Systemen, die Normbildung, vor allem in den sozialen, denn die Sozietät fängt an mit der Gruppe, und die Gruppe fängt an mit dem Streit um die Norm - und wer sie bilden darf, und wer ihr zu gehorchen hat. Die Betonung des Funktionellen lässt diesen Aspekt aber als sekundär erscheinen, was er, gerade für Einschluss-Ausschluss, also DEM Programm der Sozialarbeit, eben grad nicht ist. Die Normbildung ist zentral für Integration oder Exklusion. Der Verstoss gegen Normen der Hauptgrund für Exklusion. s. Rössner: Sozialisierung - Asozialisierung
"Strukturfunktionalismus, eine theoretische Richtung der Soziologie, betrachtet soziale Systeme als ihre eigene Existenz erhaltende Gebilde. Es wird untersucht, welche Bestandsvoraussetzungen gegeben sein müssen, um den Bestand strukturell zu sichern und welche Funktion diese Struktur hat. Der englische Sozialanthropologe Alfred Radcliffe-Brown sah Institutionen als Schlüssel zum Erhalt der globalen sozialen Ordnung der Gesellschaft, analog zu den Organen des Körpers, und seine Studien der sozialen Funktion untersuchen, wie Bräuche dazu beitragen, die allgemeine Stabilität der Gesellschaft zu erhalten. Dabei ignorierte er die Effekte historischer Veränderungen völlig. Zusammen mit den Ergebnissen von Bronisław Malinowski nahmen seine Beiträge den stärksten Einfluss auf den Strukturfunktionalismus.
Von grosser Bedeutung ist hier imer noch Talcott Parsons Schema eines ganzheitlich betrachteten Handlungssystems:
Jedes „Handeln“, gleich ob von Individuen oder kollektiven Akteuren unterschiedlichster Art (Gruppen oder Organisationen) ergibt sich demnach stets aus diesen vier Komponenten:
Jede dieser Komponenten ist wiederum beeinflusst von den 4 unterliegenden Hauptstrukturen mit den jeweils dominanten Funktionen:
Zu beachten ist hier, dass Parsons die Funktion der Integration ganz klar dem Gemeinwesen zuordnet, nicht dem Wirtschaftssystem. Jenes ist zuständig für die Anpassung, also die Fähigkeit des Systems, auf die sich verändernden äußeren Bedingungen zu reagieren, sich anzupassen, gestalterisch, handelnd, machend, nicht theoretisch wie das Kulturelle System, nicht per Macht wie das politische System, nicht durch Selbständerung, wie das Gemeinwesen - sondern durch Änderung der Werkzeuge, Produkte, Güter, Dienstleistungen - und vor allem der Umwelt (durch Strassen, Häuser, Heizung, Elektrizität etc.). Das Konzept ist ein bisschen abstrakt und ein bisschen veraltet (normierend), also verschwenden Sie nicht zu viel Zeit damit. Da es allerdings allgegenwärtig ist in unterschiedlichsten Diskussionen, ist es gut zu wissen, worum es dabei geht.
Theorie der rationalen Entscheidung
Ferner wird den Beteiligten Opportunismus unterstellt. Im Modell gibt es einen Auftraggeber (Prinzipal), der einen Auftragnehmer (Agent) mit einer Aufgabe betraut. Jeder Vertragspartner handelt annahmegemäß im eigenen Interesse. Da die beiden aber unterschiedliche Ziele verfolgen können, kann das zu Konflikten führen.
Zudem werden unterschiedliche Risikoneigungen berücksichtigt: Prinzipiell ist auf beiden Seiten eine Risikoneutralität, eine Risikoaversion oder eine Risikofreude möglich. Dies hängt von den Charaktereigenschaften und der jeweiligen Situation der Akteure ab.
Der Prinzipal nutzt den Agenten, um eigene Ziele zu verfolgen. Er erwartet vom Agenten, dass sich dieser voll und ganz für die Auftragserfüllung einsetzt, also nicht seine eigenen Ziele, sondern die Ziele des Prinzipals verfolgt. Der Prinzipal kann jedoch das Engagement und/oder die Qualitäten seines Agenten nur mit Einschränkungen erkennen und sieht – wenn überhaupt – nur das Ergebnis von dessen Bemühungen. Demgegenüber hat der Agent einen Informationsvorsprung, da er sein eigenes Verhalten im Hinblick auf Erfolg besser beurteilen kann. Er kann diese Informationsasymmetrie zu Ungunsten des Prinzipals für seine eigenen Zwecke durch entsprechendes Handeln ausnutzen (moral hazard und Drückebergerei).
Diese Probleme gelten eigentlich auch dort, wo das Kapital die Herrschaftsgewalt abgibt an Manager, die dann eben nicht so ganz die selben Interessen vertreten, sondern meist die, nach einem kräftigen eigenen Anteil am Gewinn (was ja eigentlich nichts als recht und billig wäre). Hier gibt es ein widersprüchliches Gesetz, Fisher's Separationstheorem, laut dem sich Management problemlos vom Besitz abtrennen lässt, denn das würde eben auch bedeuten, dass Manager die selben Interessen vertreten wie Eigentümer, zumeist also Aktionäre. (Vielleicht ist dem ja so. Dann würde das eben erklären, warum die Wirtschaft in der gegenwärtigen suboptimalen Lage ist.)
Die soziologische Systemtheorie Luhmanns ist eine soziologische Theorie mit universalem Anspruch, mit deren Hilfe die Gesellschaft als komplexes System von Kommunikationen beschrieben und erklärt werden soll. Luhmanns „Systemtheorie“ versteht Gesellschaft nicht als eine Ansammlung von Menschen, sondern als operativ geschlossenen Prozess der Kommunikation.
Alltägliche und verallgemeinerte Vorstellungen von Systemen betreffen häufig Einzelteile, die zu einem Ganzen verbunden werden oder sich selbst zu einem Ganzen verbinden. Dieses neue Ganze wird manchmal als substantiell verschieden von den Einzelteilen angesehen. In der allgemeinen Vorstellung kann ein menschlicher Beobachter Objekte (sowohl materielle als auch soziale oder kulturelle) in Einzelteile einteilen, um anschließend das Objekt als Gesamtheit dieser Teile anzusehen und als System zu bezeichnen. Ein Lebewesen wird unter diesen Voraussetzungen beispielsweise als System aus Organen, Geweben, Molekülen und anderen Teilen angesehen. Eine Schulklasse gilt unter diesen Voraussetzungen als System aus Schülern und Lehrern.
Luhmann wählte einen anderen Zugang. Er beschreibt keine Teile, die zusammen kommen und dadurch etwas Neues bilden. Statt dessen geht er von einem Geschehen aus, das sich auf sich selbst bezieht (in Luhmanns Worten: Operationen, die aneinander anschließen). Dies ist eine sehr abstrakte begriffliche Vorstellung. Selbstverständlich lässt sich ein Geschehen beobachten. Die Systemtheorie Luhmanns steht nicht im Widerspruch zu Beobachtungen materieller oder sozialer Vorgänge; sonst wäre die Theorie unbrauchbar. Der Beobachter und sein Standpunkt bildet jedoch keinen davon unabhängigen Bereich, sondern er ist selbst in das Geschehen einbezogen (für Luhmann: Beobachten ist ebenfalls eine Operation eines Systems).
Dieser Zugang über ein Geschehen statt über Einzelteile führt zu einer Unterscheidung (Differenz), die der gesamten Systemtheorie zu Grunde liegt. Es ist die Differenz System/Umwelt. Systeme entstehen dadurch, dass eine bestimmte Art von Geschehen (eine Operationsweise) zu einer Abgrenzung führt. Das Geschehen bezieht sich auf sich selbst, schließt sich ab. Auf diese Weise entsteht ein System, das sich von allem anderen abgrenzt. Dieses Andere wird zur Umwelt des Systems.
Ein System ist also erst dann ein System, wenn es sich in Differenz zu seiner Umwelt identifizieren kann.
Die Differenz (von System und Umwelt) wurde dann vonins Zentrum seiner Betrachtungen gestellt.
Lyotard ist der Philosoph der Postmoderne. Er geht nicht von einer Allmacht der Vernunft aus, sondern widmete sich auch den nicht-rationalen, triebhaften Strukturen des menschlichen Wissens und Verhaltens. Er wies den Humanismus in seiner klassischen Form zurück sowie das menschliche Subjekt als Träger des Wissens und der Erkenntnis. Ein Gesellschaftsverständnis im Sinne eines ewigen Fortschritts hielt Lyotard aufgrund des technologischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandels des späten 20. Jahrhunderts für überholt. Seine philosophischen Ansichten hatten für ihn auch auf dem Gebiet der Politik weitreichende Folgen: Wenn sich denn die reale Welt niemals mittels der Vernunft in ihrer Gänze repräsentieren lässt, dann erscheint eine Politik als überholt, die ihre Entscheidungen auf Grund der Annahme trifft, sie habe den Überblick über „die Realität“. [wiki]
Postmodernes Denken bedeutet somit ein Denken im Kontext von radikaler Pluralität. [Welsch 1985, zit. S. 31]
Ambivalenz (von lat. ambo „beide“ und valere „gelten“) wurde als Begriff von Eugen Bleuler geprägt. Darunter wird in der Psychologie, Psychotherapie, Psychiatrie und Psychoanalyse das Nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen, Gedanken und Wünschen verstanden. In der gehobenen Umgangssprache gebräuchlicher ist das Adjektiv ambivalent (zwiespältig, doppelwertig, mehrdeutig, vielfältig).
Dass jedes Ding seine zwei Seiten haben kann, ist mit Ambivalenz nicht gemeint, solange dadurch kein innerer Konflikt hervorgerufen wird. Vielmehr ist darunter eine Dichotomie von Sichtweisen zu sehen, die gegensätzliche Reaktionen bedingen und letztlich die Fähigkeit zu einer Entscheidung im weitesten Sinne hemmen.
Die Ambivalenz der Moderne, das Ende der Eindeutigkeit.
Wir werden etwa mit den Grenzen unserer Möglichkeiten des Steuerns und Beeinflussens konfrontiert und sehen, dass die von uns so präzis, sauber, rational und rationell erarbeiteten Handlungen, Pläne, Regeln mit ihren Gegenteilen, den Diffusionen, dem Schmutz, dem Abfall, der Irrationalität untrennbar verbunden zu sein scheinen.
Paralogie: (gr. παρὰ parà „neben“ und λόγος lógos „Lehre“) bezeichnet das Benennen oder Beschreiben von Dingen in einer Weise, die den Sachverhalt undeutlich werden lässt. Die Politik arbeitet gern mit unscharfen Beschreibungen (z. B. Modernisierung des Rentensystems = Rentenkürzung, Modernisierung des Arbeitsrechts = Abbau von Arbeitnehmerrechten), auch der Euphemismus dürfte in diesen Bereich fallen.
Für Jean-François Lyotard dient die Paralogie zur Legitimierung des postmodernen Wissens: „Das postmoderne Wissen ist nicht allein das Instrument der Mächte. Es verfeinert unsere Sensibilität für die Unterschiede und verstärkt unsere Fähigkeit, das Inkommensurable zu ertragen. Es selbst findet seinen Grund nicht in der Übereinstimmung der Experten, sondern in der Paralogie der Erfinder.“ Paralogie zielt in diesem Zusammenhang durch ihre Unschärfen und Fehlschlüsse darauf, das Weiterdenken auf die Regeln anzustoßen nach denen die jeweiligen Diskurse geführt werden.
Ein extremer Fall von Paralogie ist die Konfabulation, wie sie insbesondere bei Alkoholikern auftritt.
Paradoxie: Ein Paradoxon oder Paradox (altgriechisch παράδοξον, von παρα~, para~ – gegen~ und δόξα, dóxa – Meinung, Ansicht), auch Paradoxie (παραδοξία) und in der Mehrzahl Paradoxa oder Paradoxien genannt, ist ein scheinbareroder tatsächlich unauflösbarer, unerwarteter Widerspruch.
Ein paar ökonomische Paradoxien die Sie per search in Brainworker finden:
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Im Monty-Python-Film 'Das Leben des Brian' findet sich folgendes Paradoxon: Brian wird, zu seinem Unwillen, von einer wachsenden Menschenmenge für den Messias gehalten. Um sie von diesem Glauben abzubringen hält er eine kleine Ansprache:
Die Paradoxie ist die Orthodoxie unserer Zeit. |
Hyperkomplexität: Hyperkomplexe Systeme haben Probleme mit ihrer Komplexität, weil sie es nicht mit einer, sondern einer Mehrzahl von intern auftretenden Komplexitätsbeschreibungen zu tun haben, von denen mindestens eine besagt, dass es sich so verhält. Daher ist es solchen Systemen nicht möglich, ihre Identität konkurrenzfrei zu anderen möglichen Identitätsbeschreibungen zu bestimmen, ausser sie bestimmen sie ähnlich paradox wie die Sozialarbeit, deren massgebliche Eigenschaft wir mit Bardmann als Eigenschaftslosigkeit, als strukturelle Ambivalenz, als identitäre Unentscheidbarkeit, als Nicht-Identität identifiziert haben. s. Systemtheorien im Vergleich
Dies ist das Hauptproblem von Musil in Der Mann ohne Eigenschaften: Er findet keinen zusammenfassenden, umgreifenden, bestimmenden Sinn des Lebens mehr, sondern sein Leben zerfällt in Myriaden von kleinen Events, Begegnungen, Liebschaften, beobachteten und eigenen Kataströphchen und Katastrophen etc. Er wird zum Beobachter, zum Es, zum Neutrum - also dem Ideal der Wissenschaft, dem Zerrbild oder der zynischen Umwertung des vielfältigen Menschen, der seine Individualität verliert, weil er sich an alle anpassen soll. Er wird zum passpartout. Er verliert sein Zentrum, weil er nicht einer Leidenschaft folgen kann, sondern überall anschlussfähig bleiben muss. (Drum ist das Buch auch so lang ..) Alle "parellelen Aktionen" seines Lebens bleiben aber irgendwie hohl, ja sie sind sogar gar existentiell verengend. Einfacher ausgedrückt: Wo zu vieles möglich ist, verwirklicht sich nichts mehr.
Polykontexturalität: Polykontextural bezieht sich auf die sozialstrukturellen Möglichkeiten der Ausdifferenzierung von vielen verschiedenen, voneinander abgegrenzten und sich möglicherweise gegenseitig widersprechenden psychischen und sozialen Realitäten in der modernen Gesellschaft. Heterarchie heisst nun nichts anderes, als dass es in der modernen (meint postmodernen, blöder Ausdruck eben) Gesellschaft keine Möglichkeit (mehr) gibt, die vielfältigen psychischen und sozialen Realitäten, die sich polykontextural herausdifferenzieren, unter den Hut einer einheitlichen Realitätsbeschreibung zu bringen.
Primitive, archaische Gesellschaften bestehen aus gleichen Segmenten, d.h. aus Stämmen oder Familiengemeinschaften. Die gesellschaftliche Komplexität ist damit gering, die Anzahl der Personen überschaubar. Reziprozität gilt, denn die sozialen Erwartungsstrukturen sind überlebenswichtig, fällt die Ernte aus durch Brände, Heuschrecken, Trockenheit, Frost, whatsoever. Hilfe setzt hier voraus
Diese Bedingungen sind in einer stratifizierten Gesellschaft nicht mehr gegeben, weshalb ein rein moralischer Ruf nach "mehr Solidarität" wenig ergiebig sein dürfte. Die Armen, denen potentiell jederzeit Hilfsbedürftigkeit zuschreibbar wäre, und die Reichen, die aufgrund ihrer Verfügungsgewalt über Ressourcen und Kapazitäten helfen könnten, sind in unterschiedlichen Schichten, in verschiedenen "Lebenswelten" sozial integriert. Mit andern Worten: Die Fälle werden seltener und strukturell bedeutungslos, in denen der Helfende hilft, weil er selbst in die Lage dessen kommen kann, dem er hilft - mag er nun durch die Hoffnung auf Gegenleistung oder durch ein Sich-selbst-ind-die-Lage-des-anderen-Sehen motiviert sein. ... Weiterhin findet Hilfe jetzt nicht mehr nur unter potentiell Gleichen auf horizontaler segmentärer Ebene statt, sondern nur im sozialstrukturell bedeutenden Ausmass vertikal unter dauerhaft Ungleichen, also von oben nach unten.
Francois Lyotard: Die transzendentale Illusion der Ganzheit ist nur um den Preis des Terrors zu erreichen. Das 19. und 20. Jahrhundert haben uns das ganze Ausmass des Terrors erfahren lassen. Wir haben die Sehnsucht nach dem Ganzen und Einen teuer bezahlt. [S. 61-61]
Der Kampf dagegen war eine Diktatur des Banalen - und ging verloren. (s. Nationalsozialismus) Die Banalität des Bösen ist so als Titel auf beträchtlichen Widerstand gestossen. Heute müsste man aber vorsichtigerweise auch mal die reflexive Form des Satzes in Betracht ziehen: Die Bösartigkeit der Banalität. Nichts mehr spielt sich eigentlich im eigenen Bannkreis ab (s. Definition banal). Alles ist mehrfach vernetzt, abhängig, verwoben, verstrickt. Wer die Welt von seinem höchsteigenen, privaten Bannkreis aus definiert, banalisiert sie, vergewaltigt sie, zwängt sie in ein Schema, in das sie nicht passt, nicht passen will, da jeder freie Mensch gerne seinen eigenen Bann absteckt. Wollen wir also die multikulturelle pluralistische Gesellschaft besser organisieren (ob wir sie wollen oder nicht, steht längst nicht mehr zur Diskussion, sie ist da), müssen wir uns mit der Abgleichung all der unterschiedlichen "Banalitäten" befassen, die Gartenzäune abbauen, Gartenzwerge austauschen (andere Meinungen verstehen und ev. akzeptieren lernen).
Nebst Staats-Terror und Banalität half meist auch die Mystik, den Zusammenhang zu "sehen" (eine andere Art des Sehens, des direkten Erfassens von Wirklichkeit, die hier vor allem geistige Wirklichkeit ist. Wirklichkeit ist sie, weil sie wirkt). Mystik ist die Erfahrung differenzierter Vielheit - weshalb die christliche Dreifaltigkeit ohne ein gewisses Mass an Mystik nicht zu begreifen ist.
Es gibt aber auch weniger esoterisches, eine Ganzheit die wir erst in den letzten 30 Jahren so langsam begriffen haben, wobei "wir" noch lange nicht alle umfasst. Es geht um einen topologischen Begriff, das ...top, wie Bio-Top, der Ort des Lebens. Nachdem Rachel Carson darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Biotope auf die Hunde gehen, wenn wir unsern Wohlstand ohne Rücksicht auf die natürliche Umwelt weiter steigern, ging es kaum 10 Jahre bis auch klar wurde, dass Bio-Tope keine statische Angelegenheit sind, sondern äusserst dynamisch, und dass ihre Ueberlebensfähigkeit vor allem von der internen Vielfalt abhängt, der. sog. Bio-Diversität.
In Sachen Kultur sind wir leider noch nicht so weit, aber es dürfte verständlich sein, dass, was Kulturen betrifft, nur die Vielheit einer möglichst hohen Anzahl von Menschen erlaubt, ihren eigenen, vorzugweisen, geschätzten, angestrebten Lebensstil zu leben. Eine Monokultur wie sie die globale gigantomanische Wirtschaft erzeugt, ist genau so Krisenanfällig wie eine Monokultur in der Forst- oder Landwirtschaft. Vielfalt ist der Segen, der Segen Gottes - was übrigens sogar in der Hadith steht, der Sammlung der Aussagen des Propheten Mohammed zu verschiedensten Problemen. Der Islam ist im Kern also eigentlich nicht pluralismusfeindlich, aber es gibt im Islam halt, genau wie in andern Religionen, immer ein paar laute und nicht sehr intelligente, die ihren eigenen Gartenzaun für den Rand der Welt halten.
Ganzheit ist etwas, das wir vor allem dort wahrnehmen können, wo es sich in der konkreten Vielfalt einer Gemeinschaft von unterschiedlichen Lebensformen realisiert.
[Godela Unseld (1997). zit. S. 60]
Die Unterscheidung Inklusion/Exklusion beschreibt zunächst ganz allgemein, wie in der funktional differenzierten Gesellschaft Menschen als Personen an den Leistungskreisläufen der Funktionssysteme mittels symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien (Geld, Macht, Liebe/Emotionen, Recht, Glaube, Wissen, Kommunikation (Sozialarbeit) etc.) teilnehmen können - oder auch nicht.
Beck sieht eine Dynamik von Inklusion und Exklusion, welche die Individuen mit dauernd ändernden und widersprüchlichen, aber standardisierten Systemanforderungen konfrontiert, die ihre traditionelle Sozialintegration gefährden oder gar auflösen. Menschen werden von den verdinglichten Subsystemen als Individuen ausgeschlossen, aber gleichzeitig als Arbeitskräfte und Verbraucher, als Beitragszahler und Versicherte, als Wähler, Schulpflichtige etc. funktionsspezifisch eingegliedert. Sie werden im andauernden Wechsel zwischen verschiedenartigen, zum Teil unvereinbaren Verhaltenslogiken gezwungen, sich auf die eigenen Beine zu stellen und das, was zu zerspringen droht, selbst in die Hand zu nehmen: das eigene Leben. Die moderne (postmoderne) Gesellschaft integriert Menschen nicht in die Funktionssysteme, sie ist vielmehr darauf angewiesen, dass Individuen gerade nicht integriert werden, sondern nur teil- und zeitweise als permanente Wanderer zwischen den Funktionssystemen an diesen teilnehmen. [Beck 1997. zit. S. 158])
> Das problematischste System in dem Zusammenang ist das Teilsystem Wirtschaft, dass in die Untersysteme Produktion, Konsum, Kapital-Flüsse zerfällt. Hier hat insbesondere das Kapitalhandelssystem sich derart entwickelt, dass es die Realwirtschaft auf den Kopf stellen kann ... allerdings nur für relativ kurze Zeit. Die Gewinne teilen sich wenige, die Kosten trägt dann aber die Gemeinschaft. Da es sich bei diesen Märkten um recht komplizierte und komplexe Systeme handelt, deren Umfang und Auswirkungen so noch nie da waren, sind auch die Folgen ab und zu enorm (s. Finanzkrise 08), vielleicht sooo gewaltig, dass sogar die Schweiz sich den Beitritt zur EU überlegt
Die Differenztheorie kann konkretisieren, wie autopoietische Systeme trotz ihrer operationellen Abgeschlossenheit gegenüber ihrer Umwelt dennoch Informationen verarbeiten. Nach Gregory Bateson sind Informationen nicht irgend welche Daten, die aus der Umwelt aufgenommen werden, sondern Unterschiede, die Unterschiede machen, Unterschiede in der Umwelt der Systeme, die Systeme zur Erzeugung interner Unterschiede benutzen, bzw. Zustandsänderungen innerhalb von Systemen initialisieren. Wenn das System Unterschiede in seiner Umgebung konstatiert, konstruiert es systeminterne Unterschiede.
Hier schliesst die Systemtheorie an die Unterscheidungslogik, die Laws of Form von George Spencer-Brown an. Mit Hilfe dieser Differenztheorie lässt sich die Entstehung jeder Form von Wirklichkeit auf das Setzen von Unterschieden zurückführen. Die Entstehung biologischer, psychischer und sozialer Systeme kann diesbezüglich als das Setzen und Aufrechterhalten von System/Umwelt-Unterscheidungen bzw. -Grenzen erklärt werden.
Sozialhilfe wird nur gewährt, wenn jemand bedürftig ist. Ist jemand nicht, oder nicht mehr bedürftig, wird keine Hilfe gewährt. Das führt natürlich zu Problemen, bei den Helfenden wie den Beholfenen, denn beide verlieren ihre Existensicherung. Soziale Arbeit ist also vielleicht die erste Disziplin, die das Perpetuum mobile erfindet: den dauernd rotierenden Sozialhilfeempfänger. Mit den Beschäftigungsprogrammen ist sie nahe dran.
Die klassische Kybernetik (1. Ordnung) versteht sich als Steuerungstechnik die sich mit Rückkoppelungsprozessen beschäftigt.
Die kybernetische Erkenntnistheorie, die Kybernetik 2. Ordnung (Heinz v. Foerster), versucht das Beobachten zu verstehen, zu versuchen, die Handlung des Beobachters nachzuvollziehen, um die Wirklichkeit so zu sehen, wie jene sie erkannten und um zu verstehen, was durch dieses Sehen unsichtbar wurde. Anders ausgedrückt: Wer den Blick für eine Sache schärft, sieht die anderen unscharf oder verliert sie ganz aus dem Blickfeld.
Luhmann beobachtete, dass Kommunikation in sozialen Systemen ähnlich abläuft wie die Selbstreproduktion lebender Organismen, anhand derer Maturana den Begriff definiert hat: Ähnlich wie diese nur Stoffe aus der Umwelt aufnehmen, die für ihre Selbstreproduktion relevant sind, nehmen auch Kommunikationssysteme in ihrer Umwelt nur das wahr, was zu ihrem "Thema passt", was an den Sinn der bisherigen Kommunikation "anschlussfähig" ist. "Sinn" ist für Luhmann ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität: In der unendlich komplexen Umwelt wird nach bestimmten Kriterien nur ein kleiner Teil herausgefiltert; die Grenze eines sozialen Systems markiert somit eine Komplexitätsdifferenz von außen nach innen. Statt von einem "autopoietischen System" mit einer "Grenze" spricht Luhmann gelegentlich auch von einer "Form" mit einer "Innen-" und einer "Außenseite", wobei er das sehr abstrakte "Kalkül der Form" des Logikers George Spencer-Brown heranzieht.
Jedes gesellschaftliche Funktionssystem operiert als autopoietisches, selbstreferentiell-geschlossenes Sozialsystem (Luhmann 1984) - womit sich jeweils (wirtschaftliche, familiäre, politische, pädagogische, wissenschaftliche, rechtliche, religiöse oder sozialarbeiterische) operativ-kommunikative Geschlossenheiten bzw. funktionsspezifische Eigendynamiken generieren.
Daraus ergeben sich 5 Aspekte
Funktionell unabhängig - aber abhängig von den Reaktionen und Outputs der anderen Systeme, das ist der Kernpunkt, deshalb sind sie nicht steuerbar.
Aktuelle systemtheoretisch-konstruktivistische Anschauungen / Selbstreferentialität: Humberto Maturana und Francisco Varela konnten bei ihrer neurophysiologischen Forschung zeigen, dass unser Nervensystem operationell geschlossen ist, da es keinen unmittelbaren, direkten Kontakt zu seiner Umwelt hat, sondern ausschliesslich auf seine eigenen Zustände (Erregungen) Bezug nimmt und damit selbstreferenziell arbeitet. Die Umwelt kann die Zustände dieses Systems nicht determinieren, sondern nur perturbieren, also verstören. Wie das System auf die Störung, die Änderung der Umweltbedingungen reagiert, hängt von seiner eigenen Struktur ab.
Die Sache tönt hier sehr theoretisch, ist aber eminent wichtig für alle Bereiche, in denen wir denken, annehmen, glauben ... Menschen oder Gruppen oder gar die ganze Gesellschaft "lenken" zu können. Können wir nicht, weil sie, solange sie Menschen sind, selbständig und frei denken, und das denken in ihren höchst eigenen Gehirnen höchst eigenen Wegen folgt, die von aussen weder einsehbar noch direkt lenkbar sind. Man kann nur die Denkvorgänge in einer gewissen Weise anstossen, muss dann aber sehen, was aus dem Anstoss resultiert, und vermutlich noch ein paar mal aus unterschiedlichen Richtungen anstossen, bis sich was wirklich bewegt. Hier träumen natürlich eine Spezialisten des Bannes von den "guten alten Zeiten", in denen ein Befehl noch Befehl war und ein Auftrag ausgeführt wurde - ohne Diskussion.
Sozialarbeitswissenschaft lässt sich als DIE postmoderne Wissenschaft schlechthin bezeichnen. Speziell eine solche Pluralität von Wirklichkeitszugängen, -perspektiven oder -versionen wie sie innerhalb der Sozialarbeitswissenschaft zusammenläuft, wird durch ein differenzialistisches Ganzheitskonzept eines moderaten Postmodernismus beschrieben.
Das auf moderatem Postmodernismus basierende differentialistische Ganzheitskonzept lässt sich nach Wolfang Welsch mit 5 Aspekten bestimmen:
Die Rationalität, insbesondere die Zweckrationalität, deren Entwicklung mit der gesellschaftlichen Etablierung der protestantisch-calvinistischen Ethik einherging, verdrängte die traditionelle Wertrationalität und ermöglichte damit den Wandel der gesamten Gesellschaft. Die Oekonomie konnte nun fast ungehindert ihre Eigendynamik entfalten. [nach S. 122]
> Und genau hierin ist die Überlegenheit der Ökonomie begründet. Sie konstruiert ihre Regeln nicht bloss geistig und sozial, sondern macht sie per Kalkül quasi wissenschaftlich, also allgemeinverbindlich, herrschend. Wir haben die Erfahrung mit "der einen Wahrheit", "der Wahrheit des Einen" (HEIL! ... Dir, Helvetia) gemacht - und immer noch nichts begriffen. Taugt Religion und Politik nicht, Einheit zu schaffen, so muss es der absolute Glaube an den Markt tun. Der Islam besteht immer noch darauf, eine ganzheitliche Lösung zu sein ... und hat's auch nicht begriffen. Was ihnen noch eher vorgeworfen wird als die quasi mittelalterliche Besessenheit mit Religion ist die Tatsache, dass sie sich der absoluten Herrschaft des Marktes verweigern. Die Unterschiede sind soo gross also nicht.
Ein subjektivistisch verkürzter Konstruktivismus, der etwa ausschliesslich die sozialarbeiterische Brauchbarkeit von individualorientierten Methoden stützen würde, besteht darin, hauptsächlich die psychische Konstruktion von Wirklichkeit zu betonen und die sozialen Konstruktionsakte nicht oder kaum zu berücksichtigen. ... Denn diese Unterscheidung verdeutlicht, dass die individuelle Psyche keineswegs in einer Weise Wirklichkeit konstruieren kann, indem sie beliebige Unterscheidungen zum Beobachten wählt. Abgesehen von den physikalischen und biologischen Restriktionen, die Kognitionsmöglichkeiten konditionieren, sind Menschen durch Teilnahme (Inklusion) an sozialer Kommunikation in einem solchen Masse sozialisiert, dass sie nur in Relationen bestimmter sozialer Kontexte und Kontexturen wählen können, wie sie beobachten, beschreiben, erklären und bewerten. Wenn konstruktivistische Anschauungen, die sozialen Differenzen, die Wirklichkeitskonstruktionen, in die Individuen hineinsozialisiert werden, vernachlässigt werden, werden sie nicht nur diffus, sie werden darüber hinaus vor allem für die Soziale Arbeit unbrauchbar. [S. 115]
Auch diese Aussage ist von enormer Wichtigkeit, vor allem zur Korrektur der Beliebigkeit, als die Postmoderne all zu oft verstanden wird. Trotz Postmoderne, auch ohne die eine herrschende Theorie, auch ohne Lenkbarkeit des ganzen, gelten die Naturgesetze nach wie vor, gelten auch die sozialen Regeln, gelten auch die vom Menschen gemachten Gesetze. Wer all zu beliebig mit einem davon umgeht, wird bestraft, von der Natur (durch Absturz, wie Ikarus), von der Gesellschaft (durch Asozialisierung/Ausstoss) oder vom Gesetz.
Die Gesellschaft ist heute in voneinander funktional unabhängige Leistungsbereiche, in Funktionssysteme gegliedert, die jeweils gesamtgesellschaftliche Aufgaben realisieren. Weniger organisiert, aber für die Integration in den Arbeitsmarkt genau so problematisch, ist die weiter zunehmende berufliche Spezialisierung, bei der noch dazu kommt, dass viele der neuen Berufe kaum so lange leben, bis die erste Horde von Absolventen die Schule verlässt. Diese Problematik ist bereits für mindestens 3% Arbeitslosigkeit zuständig, die nötig ist, den Arbeitsmarkt in Betrieb zu halten, den Betrieben Flexibilität zu garantieren.
Doch dies ist nicht das einzige Problem der Pluralisierung: Pluralisierung der Lebenslagen und Individualisierung, die quasi zwangsläufig mit reflexiver Modernisierung und ebenso mit funktionaler Differenzierung einhergehen, heisst in dieser Betrachtung also nicht zugleich: gelungene soziale oder menschliche Emanzipation, sondern vielmehr: Institutionalisierung und Standardisierung von Lebenslagen. Somit werden die Individuen arbeitsmarktabhängig und damit bildungsabhängig, konsumabhängig, abhängig von sozialrechtlichen Regelungen und Versorgungen, von Verkehrsplanungen, Konsumangeboten, Möglichkeiten und Moden in der medizinischen, psychologischen und pädagogischen Beratung.
Die Ordnung der Vielfalt bedingt Institutionalisierung. Institutionen sind Systeme, Systeme haben eine Grenze gegen aussen. Systeme schliessen aus, wählen aus nach ihren eigenen internen Regeln. Der Arbeits-Markt ist in einer komplexen Gesellschaft also gar nicht so offen, wie er tönt, er verlangt nach passenden Rädchen: In modernisierungstheoretischer Sichtweise zeigt sich, dass die formale Organisation von sozialer Hilfe mit deren Professionalisierung einhergeht. [S. 141]
In Anbetracht dieser Tatsache hat sogar der grosse Freund des 3. Arbeitsmarktes gewisse Zweifel gekriegt: Beck ist aus diesem Grund äusserst skeptisch, ob die sozialen Probleme, die durch Enttraditionalisierung der reflexiv modernen Gesellschaft sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene der Gesellschaft entstehen und die ebenso auf die Dynamik der funktionellen Differenzierung verweisen, ihrerseits durch funktionale Differenzierung gelöst werden können.
Das Problem der Arbeitslosigkeit kann also nicht auf die Betroffenen geschoben werden, sondern besteht zur Hauptsache darin, dass "der Markt" (präziser: Diejenigen, die die am Markt aktiven Institutionen schaffen) Grenzen bilden, die nicht nur ihren Betrieb ein, sondern andere Ausgrenzen, mit immer höheren Forderungen fern halten:
Allem Helfen geht so ein gemeinsames Grundproblem voraus, das unter den sehr verschiedenartigen Bedingungen segmentär, stratifikatorisch und funktional differenzierter Gesellschaft gelöst werden muss: nämlich Ungleichheit, allgemeiner formuliert: Differenzen in der personellen Verfügbarkeit von materiellen und symbolischen Ressourcen und Kapazitäten.
Sozialarabeit müsste hier als Integrationshilfe tätig werden können. Aber auch sie kann keinen Nagel einschlagen mit einem Schraubenzieher. Sozialarbeit hat das Problem ja bereits als Wissenschaft, als plurale Wissenschaft, wo sie in erster Linie einen Kommunikationszusammenhang zu initiieren hätte, der Wissen und Perspektiven soziologischer bzw. sozialwissenschaftlicher, psychologischer, pädagogischer, ökonomischer oder juristischer Herkunft einbezieht; und genau darin liegt die Schwierigkeit der Etablierung einer eigenständigen Sozialarbeitswissenschaft: Sie muss als wissenschaftliche (Trans-)Disziplin mit eigenen Problemzugängen erkennbar sein, ohne andere, für die Sozialarbeit notwendige Perspektiven, die klassischen Disziplinen enstammen, auszugrenzen. [S. 70]
Kommunikation scheidet Information (Inhaltsaspekte) von Mitteilungen (Beziehungsaspekte) und kann reflexiv, metakommunikativ verständlich machen, dass das individuell Gedachte und das sozial Kommunizierte an den Grenzen der jeweiligen psychischen und sozialen Systeme gebrochen wird und sich damit in andere Selektionshorizonte, in andere Komplexitätsreduktionen, kurz gesagt: in andere Realitäten einbindet. Eine Uebersetzung, eine kongruente Ueberführung von Gedanken, von Bewusstsein in Kommunikation und umgekehrt, also eine ganzheitliche Schau ist diesem Verständnis nach unmöglich. [S. 70]
Kurzum: Sozialarbeit ist es nicht gelungen, kann es nicht gelingen (genau so wenig wie den Forstwissenschaften), die von ihre mitbenutzten Disziplinen zu definieren oder gar zu einer Wissenschaft zu vereinen. Sie arbeitet mit Stückwerk. So müssen auch ihre Klienten sich mit Stückwerkarbeit begnügen, und meist selbst heraus finden, wie sie sich <passend machen >können.
| Sobald Praktiker ihre Handlungen reflektieren bzw. (selbst) beobachten, begeben sie sich zwangsläufig auf die Seite der Theorie. In diesem Sinne werden reflektierende Sozialarbeiter zu Wissenschaftlern ihrer Praxis. Praktische Hilfe mit Theorie - Reflexion der Praxis zwecks Theorie. |
Von Sozialarbeitern wird trotz ihrer (Fach-)Hochschulausbildung in erster Linie erwartet, dass sie Praktiker sind und keine Wissenschaftler. Die Hochschule hat die Studierenden de Sozialen Arbeit für die Berufspraxis auszubilden und damit für eine Praxis, die so vielschichtig ist, dass über sie kaum etwas theoretisch gesagt werden kann, das generalisierbar ist. [S. 73]
Die Differenz Praxis/Theorie, Handeln und Reflektieren, ist für die Sozialarbeit ein konstitutives Merkmal. Hier unterscheidet sie sich wissenschaftstheoretisch von der ebenfalls trans- bis paradisziplinären Forstwirtschaft, die primär pragmatisch, ingenieursmässig konstruiert, Gesetze vollzieht, Funktionen erfüllt - im Dienst und Auftrag der Allgemeinheit. Für eine postmoderne Wissenschaftstheorie der Forstwirtschaft wäre allerdings die Funktionen und Strukturenvielfalt mit dem entsprechenden Wissensbedarf konstituierend, was aber auch sie nicht von dem Problem erlöst, Mitbenutzer von andersweitig definierten wissenschaftlichen Grundlagen zu sein - und sich auf einem Gebiet zu tummeln, in dem weniger die Kausalität, als die Finalität von Interesse sind, "Wissenschaftlichkeit" also eigentlich nicht prioritär sein kann. Wissen schon. Auch hier ein ungelöstes Paradoxon ... ganz ohne Postmoderne.
Am Ende des 19. JH. war die Sozialhilfe noch lokal und verbandlich organisiert. Allerdings konnten die Menschen damals auch noch auf segmentäre, also vor allem familiäre Unterstützung zugreifen. Mit den etablierten Sicherungssystemen für Arbeitslosigkeit, Kranken- und Rentenversicherung änderte sich das Aufgabenspektrum sozialer Hilfe. Sie expandierte, professionalisierte sich und wurde institutionalisiert. Es fand ein Wechsel statt von informeller zu inszenierter Solidarität. Nun widmete sie sich nicht nur materiell-wirtschaftlichen, sondern familiär-intimen, politischen, erzieherischen, religiösen oder rechtlichen Notlagen. Sie wurde zum System der Auffang- und Zweitsicherung. Damit ist Sozialhilfe zuständig für alle nicht generalisierbaren und damit auch nicht versicherbaren Probleme die mit Beratungs-, Erziehungs- oder Betreuungsaufgaben gelöst werden sollen.
Die Beschäftigungszahl in den Sozialberufen erhöhte sich von 1925 bis 1990 von 30'00 auf 500'000. Während 1950 erst 67'000 Menschen in psycho-sozialer Arbeit tätig waren, stieg diese Zahl bis 1970 mit 155'00 auf mehr als das Doppelte
Die urwüchsige Form des Helfens ging nicht wegen eines "moralischen Verfalls" oder "Verlustes an Sozialkapital" unter, sondern weil man sich die Hilfe über Rechtsanspruch oder gegen Bezahlung sichern konnte - was vor Gegenforderungen schützt, die ev.über das Bezahlen hinaus gehen. Der Verlust an Sozialkapital, ev. auch an Moral, ist also eine Folge der Monetarisierung.
Die Sozialarbeit lebt allerdings auch ein bisschen parasitär von den "Systemabfällen" (Bardmann 1990). Diese werden ihr zugeschoben vom Rechtssystem, den Medien und den sozialen Bewegungen. Insbesondere das Rechtssystem ist sehr eng strukturell an die Sozialhilfe gekoppelt. Immerhin wurde die Sozialhilfe durch das Rechtssystem (Bundessozialhilfegesetz BSHG / Kinder- und Jugendhilfegesetz KJHG) zu einer institutionellen Stütze des Sozialstaates. Problemdefinitionen werden von der Sozialarbeit in struktureller Koppelung mit der Kommunikation, den Massenmedien und sozialen Bewegungen konstruiert.
Die kommunikative Lösung der Inklusions-Exklusionsproblematik (die man schon als leicht zynisch auffassen könnte: Hautsache, es wird nicht mehr davon geredet!):
Die Aufgabe der Sozialhilfe ist dann, die Probleme zu lösen, eine thematische Umstrukturierung möglich zu machen in der Weise, dass Kommunikation über das Problem unnötig wird.
Soziale Arbeit hilft auch bei der Disziplinierung. Arbeitsleistung und Gehorsamsbereitschaft werden erhalten, auch wenn die Wirtschaft ihren Teil für längere oder kürzere Zeit nicht erfüllt, den Konsumenten die Erarbeitung ihrer Konsumfähigkeit weg nimmt.
Sozialarbeit hat unter heutigen Bedingungen kaum mehr eine Funktion bei der Durchsetzung von Normen, also der "Eingliederung" von "Vagabunden oder anderem arbeitsscheuem Gesindel", sondern ihr paradoxes Ziel ist - die Nicht-Hilfe. Dazu muss sie auf das Bestmögliche eine Stigmatisierung ihrer "Kunden" verhindern. Ein Element davon ist z.B. die Schweigepflicht, der Datenschutz, die vertrauliche Behandlung von Namen und Adressen der Abhängigen.
In vormodernen Gesellschaften mussten Menschen einer sozialen Integrationsform angehören bzw. Mitglied in einer Gruppe bzw. in einem sozialen System sein, um ihre Partizipation an der Gesellschaft zu realisieren; in der modernen Gesellschaft müssen Menschen an mehreren Funktionssystemen bzw. Organisationen zugleich partizipieren können, um ihr physische und psychische Existenz zu reproduzieren; sie dürfen, wollen sie ihre Inklusionsfähigkeit nicht gefährden, niemals so (fest) integriert sein, dass ihnen die Freiheit für wechselnde Inklusion verlorengeht. Die primäre Differenzierungsform der modernen Gesellschaft liegt also quer zu den (traditionalen) sozialen Integrationen der Menschen. ...
Da haben wir's wieder, ein altes Problem das mir schon mal aufgestossen ist bei der Behandlung von Rolle und Charakter. Die Forderung, gerade der Wirtschaft, nach widersprüchlichsten Eigenschaften und Leidenschaften bei ein und demselben Menschen führen geradezu dazu, dass unsere Zeit immer verrückter wird, also der Ausdruck Schizophrenie, obwohl die übelste der psychischen Erkrankungen, kaum mehr ausreicht, da wir nicht nur in zwei, sondern gleich in eine Unzahl an Charakteren zerfallen. s. multiple Schizophrenie /Schizoidie /
Allerdings war die damalige Zuordnung des Problems der Spaltung, früher Entfremdung genannt, auf die Wirtschaft offensichtlich etwas zu einseitig, denn nicht nur die Wirtschaft, sondern die gesamte komplexe Organisation unserer Gesellschaft fördert diese Risiken. Ja sie fördert sie nicht nur, sie fordert sie:
Der moderne Mensch ist sozial potentiell desintegriert; erst diese potentielle Desintegration macht ihn so frei, moralisch und sozial so flexibel und mobil, dass er sich den standardisierten Inklusionsanforderungen der Funktionssysteme anpassen kann.
Man muss sich als Individuum bestimmten physischen und psychischen (personellen) Selbstdisziplinierungen bzw. -konditionierungen unterziehen, um als erwartungsstabile Person für die Funktionssysteme relevant werden zu können. Man muss Geld verdienen (Wirtschaft), sich der schulischen Erziehung anpassen können (Erziehung), an Gott glauben (Religion), beziehungsweis und eventuell konfliktfähig sein (Intimität und Familie), ein Staatsbürger sein, der öffentlich reden und Interessen durchsetzen kann (Politik) etc.
Die Sache hat auch ihr Positives, wie obige Ausschnitte deutlich zeigen. Allerdings kann der Ausschluss aus bloss einem der Teilsysteme, insbesondere dem Erwerbssystem, zu einer Exklusionsdrift führen, an deren Ende man völlig ausserhab der Gesellschaft steht und dann auch noch als "asozial" etikettiert wird: Keine Arbeit > kein Geld > keine stabilen Beziehungen > keine Gesellschaft = asozial.
Diese Drift umzukehren wäre eigentlich Ziel und Aufgabe der Sozialarbeit, ist aber bei weitem nicht so einfach, wie man das ob der bekannten Schlagworte und Rezepte meinen könnte: Muss halt mal was arbeiten, muss halt lernen, sich anständig zu bewerben, zu benehmen. Muss sich halt einordnen, unterordnen. Muss sich halt anstrengen. Muss halt seine Ansprüche zurückschrauben. etcetc. Die Anforderungen sind aber bereits bei der Nutzung der Sozialhilfe so hoch, dass noch immer ein beträchtlicher, sogar zunehmender Bodensatz an Obdachlosen übrig bleibt, die nicht in der Lage sind, die, vom Sozialamt bezahlte, Unterkunft so zu managen und zu nutzen, dass sie nicht rausfliegen -oder bewusst eben nicht sesshaft und dressurfähig werden wollen. Wer aber keinen festen Wohnsitz hat, kriegt auch keine Sozialhilfe. Dadurch wird er allerdings für die Sozialarbeit zum noch schwieriger zu bearbeitenden Fall, der dann per Gassenarbeit gesucht werden muss, und nicht mehr zuderunderZeit beliebig auf's Büro bestellt und mit Vorschlägen beworfen werden kann. Die Gesundheit der Betroffen ist allerdings derart, dass längerfristig die Kosten höher sind als bei der Sozialhilfe.
Auch ohne diese tragischen Extremfälle ist die qualifizierte Nutzung von Sozialhilfe, besonders die Nutzung der Beratung nicht einfach, nicht nur, weil die Berater meist auch nicht viel mehr wissen über was und wie im Arbeitsmarkt, als die Beratenen. Nicht auf Grund fehlender allgemeingültiger Normen und des Normierungsauftrages, aber auf Grund zunehmender Anforderung an die Selbstzu(oder Ein-)weisung in die Institution gehen kritische Fälle verloren, was immer Verluste verursacht. Die Hilfesuchenden wissen ja oft nicht, warum sie das Problem haben, also warum sie ausgeschlossen werden. Dummerweise kann ihnen da meist auch das Sozialamt nicht helfen, es setzt dann einfach etwas Druck auf. Die Ratsuchenden werden zwar mit Fragebogen traktiert, kriegen ab und zu auch Vorschläge für eine "Therapie" - aber nur wenn sich ein Therapeut Kunden sucht oder einen Sozialhelfer grad richtig instruiert hat. Spezifische Beratung die der Beratene sucht, kann, will oder darf oft gar nicht mehr gegeben werden, z.B. Beratung zur beruflichen Integration bei Personen die älter als 43 sind in Basel. Ein Witz. Aber Tatsache. Wer dabei nicht über ausreichend Bildung, Frechheit, Kommunikationsvermögen verfügt, wird eh nur verwaltet. (Die andern als Querulanten abgestempelt). Die Inklusion und Exklusion der Sozialhilfe selbst ist also heute noch ein ungelöstes Problem, zu dem aber vor allem Populismus erzeugt wird: Sozialbetrüger, soziale Hängematte.
SozialarbeiterInnen können biologische, biopsychische oder soziale Systeme nach der Theorie selbstreferentieller Systeme immer nur zu Selbstveränderung anregen, sie können genaugenommen nicht zielgerichtet intervenieren; denn selbstreferentielle Systemstrukturen generieren ihre eigenen sinnhaften Regeln, die aus ihrer Umwelt, also etwa von Sozialarbeitern, zwar verstört werden (können), abesr niemals direkt im unmittelbaren Kontakt zielgerichtet und theoriegeleitet veränderbar sind. [S. 86] ... Daher unterscheiden sich nur all zu oft, wie SozialarbeiterInnen täglich beobachten können, die intendierten (theoretischen) Interventionsziele von den tatsächlichen (praktisch) beobachtbaren Ergebnissen, die ihre Interventionen bei den Klientinnen auslösen. ... Im Gegensatz zur Psychotherapie besteht die praktische Aufgabe ja auch nicht darin, psychische Strukturen zu verändern, sondern Kommunikationsmuster und -regeln dermassen zu funktionalisieren, dass Klienten ihre eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten vergrössern können. [S. 87]
Für alle Bürger geht es heute, darum, im Gegensatz zu der traditionellen Lebenswelt, potentiell soziale Desintegration, d.h. lose Integrationen als dauerhaften und normalen Zustand auszuhalten.
Diesem Rat (s.o.) folgt die Sozialarbeit. Schliesslich wirkt Soziale Arbeit vor allem aus beratungslogischen Methodengründen eher handlungs-, normen- oder intersubjektiv-desintegrierend, weil sie darauf abzielt:
Leben ist heute Leben im Plural. Leben ist Übergang zwischen verschiedenen Lebensformen. Lebensformen werden transversal. Sozialarbeit kommt in der Praxis die Aufgabe zu, Formen zu finden und auszubilden, in denen Pluralität vollziehbar und in Übergängen mit neuen Identitätsfindungen lebbar wird. [S. 203]
Eine sozialarbeiterische Kontrolle auf Devianz (Abweichung von einer Norm) kann sich kaum erfolgreich auf vorgepresste Normalitätsstandards ausrichten, anhand derer die Klienten anzupassen wären. [S. 206]
Von daher dürfte auch die Sache mit der "Tagesstruktur", dem höchsten Ziele real existierender Beschäftigungsprogramme, endlich ihren Weg in die Kiste des Mülls der Lächerlichkeit finden. Im Gegenteil, je länger arbeitslos, desto mehr müssten die Betroffenen in ihrer Suche nach Lösungen von den gewohnten Wegen abweichen:
Wiederhole nicht, was nicht funktioniert. Mach was anderes.
Insoo Kim Berg: [zit. S. 234]
Die zielorientierte oder lösungsorientierte Beratung riskiert hier, Menschen immer und immer wieder auf den selben Ringelreihen zu schicken.
Im übrigen scheint auch die geistige Normalität und Gesundheit eher geprägt durch eben das Aushalten von "abnormalen" Umständen (s. Resilienz) als von der Aufrechterhaltung genormter Tagesabläufe und Routinen, ganz besonders im Denken:
So hat Fritz Simon gezeigt, dass nicht die Logik, sondern das Aushalten der Un-Logik, das Aushalten der Paradoxien und Ambivalenzen des Menschlichen "gesund" ist. Probleme im Bereich des menschlichen Lebens treten nämlich dann auf, wenn Versuche unternommen werden, die Regeln des Lebens (d.h. des menschlichen Funktionierens: seines Verhaltens, Denkens und Fühlens und der damit verbundenen biologischen Mechanismen) den Regeln der zweiwertigen Logik anzupassen. Und genau dafür, dass nämlich im Leben nicht die eindeutige Logik, sondern die Ambivalenz "normal" ist, sensibilisiert uns speziell eine Beobachtungsmethode, die durch systemtheoretisches oder postmodernes Denken grundsätzlich nahegelegt wird: die Reflexion. [S. 261] s. Was ist denn eigentlich noch "normal"?
Tröstlich an der "abnormal" vielseitigen und unberechenbaren Welt der Postmoderne ist aber vor allem eben das, dass es keine Norm gibt, keine Autorität, die für andere entscheidet, was für sie normal oder gar war zu sein habe:
Das Konzept der postmodernen Pluralität und Differenz wird also zu einer Gerechtigkeitsidee, wenn es betont, dass es bezüglich der unterschiedlichen Wirklichkeitsentwürfe keine übergeordnete Instanz gibt, die - entsprechend der zweiwertigen Logik - entscheiden könnte, das eine Konzept sei "wahr" und das andere sei "falsch". [S. 258]
Für die Teilnahm an der Kommunikation gesellschaftlicher Funktionssysteme bzw. an Organisationen ist entscheidend, ob Individuen, die politischen, rechtlichen, ökonomischen etc. Voraussetzungen dafür besitzen, sich sozial inkluieren zu können. Will Soziale Arbeit also etwa bei Geld-, Liebes-, Erziehungs-, Bildungs- oder Rechtsmangel helfen, dann geht es nicht darum, jene Menschen, welche die beschriebenen Mangelzustände aufweisen, sozial zu integrieren, sondern ihnen dabei zu helfen, sich wieder in die Funktionssysteme bzw. in die Organisationen inkludierend zu können, die Geld (Wirtschaft/Arbeit), Liebe (Familie/Intimität), Erziehung/Bildung (Pädagogik/Wissenschaft) oder Recht gewähren. [S. 188]
Die Gemeinwesenarbeit gehört nach Lüssi, der eine "Bibel der Sozialarbeit" verfasst hat, nicht zum Zentrum der Sozialarbeit. Er setzt Sozialarbeit gleich mit Sozialberatung. Die Mehrdeutigkeit wird auf zwei, ja auf eine Dimension verringert, auch wenn Lüssi eine Art systemischer Supertheorie vorschwebt. Diese allerdings gründet auf holistischem oder sozialem Funktionalismus und ist unpassend für eine hyperkomplexe, polykontexturelle und heterarchischen Gesellschaft. [nach S. 102]
Das Zitat ist negativ betr. dem Ausschluss von Gemeinwesenarbeit, auf Grund systemtheoretisch-wissenschaftlicher Überlegungen. Gerade das Ende jedoch "eine hyperkomplexe, polykontexturelle und heterarchischen Gesellschaft", hat mich auf die Idee gebracht, dass man im Engagement im und für den 3. Arbeitsmarkt, oder die Zivilgesellschaft, vielleicht eben gerade NICHT die Erwerbsarbeit sehen sollte. Diese von Beck mehrfach vorgeschlagene Nutzung als Ersatz für verloren gegangene und weiterhin verschwindende Arbeitsplätze am 1. Arbeitsmarkt bewirkt nämlich, wie alle komplexen Vorhaben, nicht nur das erwünschte Positive, sondern auch schwer wiegende Nebenfolgen:
Man müsste dann also quasi einen 4. Arbeitsmarkt finden, um die Freiwilligenarbeit, die Selbstverpflichtung ohne monetäre Bewertung und Gegenleistung wieder zu etablieren.
Was aber dieser, immer noch 3. Arbeitsmarkt, oder sagen wir ihm hier nun besser, die Zivilgesellschaft-Bürgergesellschaft bringt, sind reichlich sinnvolle Inklusionsmöglichkeiten für Exkludierte. Gerade diese Möglichkeiten, ohne monetäre Bewertung, mit beschränkten Anforderungen, sind aber existentiell wichtig für die Inklusion der sonst als asozial deklarierten und ausgestossenen Quasi-Nichtmehrbürger: Ausschluss per Wirtschaftssystem aus der Gesellschaft ist doch eher ein Zustand, der an Verstossung aus der Sippe während Stein-, Bronze- und Eisenzeit erinnert, gleichzeitig aber noch ungerechter, da er den Verstossenen das Recht verweigert, sich kraft ihrer Muskeln und List, "eigenverantwortlich per Selbsthilfe", das Lebensnotwendige zu verschaffen. Da kommt dann das staatliche Gewaltmonopol wie die Eigentumsgarantie zu Hilfe. Warum wird aber den Starken geholfen und nicht den Ausgeschlossenen? (rhetorische Frage).
Martin Herzog, Basel, 25.8.09