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Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft

[Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis - Ein Lehrbuch. Haupt Verlag. Bern, Stuttgart, Wien. 2007]

Definitionen:

Soziale Arbeit ist die Wissenschaft von Not und Hilfe. Obwohl sie meist als Hilfskraft, von Ärzten und der Fürsorge eine "bescheidene Profession" war, erfüllt sie die Anforderungen eines wissenschaftlichen Ansatzes. Wissenschaft ist: systematisch geordnetes, durch Ideen und Hypothesen zur Einheit verbundene Vielheit von Erfahrungen und auf Erfahrungen beruhenden Begriffen, Urteilen und Schlüssen. (S. 37). Sozialhilfe ist eine Handlungswissenschaft wie Medizin, Jurisprudenz, Psychiatrie, Pädagogik, Sozialpolitik, Sozialmanagement.

Definition der Sozialarbeit durch die International Federation of Social Workers (IFSW), Montreal 2000:

Soziale Arbeit als Beruf fördert den sozialen Wandel und die Lösung von Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen, und sie befähigt die Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten. Gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten und soziale Systeme greift soziale Arbeit dort ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Interaktion treten. Grundlagen der Sozialen Arbeit sind die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit.

> Das Thema Sozialarbeit als Wissenschaft wird demnächst noch ausgearbeitet unter den Aspekten geschichtliche Entwicklung und speziell auch Postmoderne.

Allerdings wird auch dort die problematischste Frage von Bernasconi nicht beantwortet: Im Vergleich zum gewaltigen Fortschritt der Technik wissen wir sehr wenig, wo es um das Glück der Menschen geht. Da dies eigentliches Ziel der Hilfe wäre, muss sie sich immer noch von unterschiedlichen Anforderungen zufälligerweise gerade zuständiger (oder auch bloss demagogisch agierender ) politischer, wirtschaftlichen und gesellschaftlicher Autoritäten lenken lassen.

1 Geschichte

Jane Addams (1850-1935): Chicago Schule der Soziologie. Hull House.

Jane Addams gilt als eine der ersten Sozialarbeiterinnen - und ist zugleich eine der wenigen Sozialarbeiterinnen geblieben -, deren Hauptbemühen sich direkt auf die Begrenzung der Macht des Stärkeren richteten. [S. 67]

Addams sieht Sozialarbeit als angewandte Soziologie.

Diese Macht sieht bereits sie nicht primär in der Politik, sondern in der wirtschaftlichen Ideologie, die im Zeitalter der Industrialisierung kulturbestimmend wurde:

Ein Problem ist der Zwang, bei den Armen nur auf die Einhaltung der industriellen Tugenden zu achten, die Menschen aussschliesslich als Faktor des Industrie- bzw. Wirtschaftssystems zu behandeln, darauf zu bestehen, dass sie arbeiten und eigentwirtschaftlich sein müssten und deshalb das Gefährlichste in ihrem Leben Faulheit und die Verfolgung von Lebensfreude seien. [S. 72]

Vielen Lesern mag der Satz im ersten Durchgang eigentlich recht vernünftig scheinen, der Teufel steckt im Detail. Es ist die Gleichsetzung von Produktivität/Arbeit mit Glück (Lebensfreude), ein schwerer Irrtum, seit 1974 als Easterlin-Paradox bekannt.

Addams beobachtete und beschrieb die Seggregation der Oberschicht von den Slums in den USA wie in der 3. Welt und betrachtete die Topographie der Armut als Absicherung der Reichen vor den Ansprüchen der Armen. Die Seggegation ist gleich dreifach abgesichert, nämlich: territorial, ökonomisch-sozial und auch in hohem Masse kulturell, das heisst über kollektiv geteilte Bilder beziehungsweise Stereotypen.

Gerade was die 3. Welt betrifft, verlangte sie von der Sozialarbeit eine Problembeschreibung, die keine doppelte Buchhaltung zwischen nationalen und internationalen Problemen erlaubt. (In Kriegen auch die Erwähnung der Krüppel, nicht nur der toten Helden).

Ihre Realitätsbeschreibungen berücksichtigten immer den Kontext des Menschen. Ihre Lehrmethode wurde beschrieben als <education by the current event>: Reflexion aktueller Vorgänge (s. Dewey)

Die Beschreibung der sozialen Wirklichkeit der Armen sollte nach Addams stets den Lebenskontext der Menschen berücksichtigen: Bildsamkeit oder Desinteresse an Bildung und Wissen; Hoffnung oder Hoffnungslosigkeit; Wollen oder Apathie sind mitbestimmt durch die sozio-ökologische, ökonomische und kulturelle Umwelt. Die Reichen haben Zeit und Geld für Kultur, Bildung und Vergnügen. Soziale und kulturelle Güter wie Bildung und Eigentum werden den unteren Schichten dagegen vorbehalten.

Als Weg zu Verbesserungen sieht Addams nicht eine Revolution, sondern das Aushandeln von Vereinbarungen, Verträgen und Bündnissen zwischen den gesellschaftlichen Gruppen und zwischen Nationen - wie das heute durch eine Vielzahl an NGOs eigentlich so betrieben wird.

Addams war auch politisch äusserst aktiv. Sie verlangte eine Demokratisierung des Bildungs- und Wirtschaftssystems, regte den Bau von öffentlichen Bädern, Organisation der Müllabfuhr und lokaler Gesundheitsdienste, die Gründung einer Organisation für den Transport von Kohle im Slumgebiet, die Gründung und Zusammenkunft von Gewerkschaften, spez. Frauengewerkschaften an. Dazu gab es allerdings auch ausreichend Grund:

In den Hull-House-Berichten schildert sie die massiven Problem der Zeit: Zu ungesundes Wohnen, riesige Müllberge auf den Strassen und Hinterhöfen, giftige Abwässer, verdorbene Nahrungsmittel, unreine Milch, Ungeziefer als Krankheitsträger (Diphterie, Pocken, Typhus etc.), unerträglicher Rauch in Wohngebieten, schlechte Luft, ohrenbetäubender Lärm in den Fabriken, lebensgefährliche Arbeitsplätze. Damit verbunden: hohe Kindersterblichkeit, verkrüppelte, unterernährte, kranke Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Keine Lehr- und Bildungsmöglichkeiten, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Prostitution, Gewaltttaten auf offener Strasse, Raub, Totschlag und Mord.

Jane Addams, obwohl ebenfalls in Chicago, wo die berühmt-berüchtigte Chicago-School mit Milton Friedman entstand, lehnte die biologistisch-sozialdarwinistischen Theorien von Herbert Spencer (Begründer des Sozialdarwinismus), Darwin, Sumner, Small und vieler anderer ab, die unter dem Titel <Humanökologie> die akademische Diskussion an der Universität Chicago beherrschen. Humanökologie in ihrer Entstehung hat nichts mit den Formen zu tun, die sie (vermutlich an ihrem Ende) heute als eher humanistisches Konzept prägen. Dieser klassische Humanökologie, wie die Ausrichtung von Spencer, setzen auf Wettbewerb, Dominanz, Selektion, Sukzession; das Recht des Stärkeren, Fitteren (was nichts mit Sportlichkeit zu tun hat, sondern ganz einfach den Passenderen meint. Von to fit: passen; fitter: Spengler, der Rohre passend macht). s. Passung

Eine Studie über den Einfluss von Alkohol in der Armee, der den Soldaten das Töten erst möglich macht, machte Addams über Nacht von der Slumheiligen zur roten Hexe: "... dumme, eingebildete alte Maid, die möglicherweise sinnvolle Barmherzigkeit in Hull House ausübte, nun aber über ein Thema spreche, das weit über ihre geistigen Kapazitäten hinausgehe ..., wisse sie doch nichts über die wissenschaftliche Disziplin und Methoden der Kriegsführung." Die CIA belegte Addams mit einem absoluten Rede- und Publikationsverbot.

Robert Park beschrieb Stadtteile als natürliche Territorien bestimmter sozial-etnischer Gruppen.

Für Hegel wird der Krieg zu einer gewaltigen kathartischen Kraft, die das Individuum zwingt, ausschliesslich im Dienste des Allgemeininteresses zu handeln und zur absoluten Tugend, der Tapferkeit, vorzudringen. Frieden führt in diesem Denken zum Sittenverfall. [S. 88]

> Das selbe Prinzip gilt für alle darwinistischen Ansätze, inklusive Neoliberalismus: Zwangssolidarität bedingt durch den äusseren Feind, den Konkurrenten, die Beute, die sich entziehen will (der Konsument, der das Produkt für überflüssig hält).

Mary Parker Follett (1868-1933): Demokratisches Sozialmanagement

Zur bereits damals zunehmenden Jugendkriminalität in <Der Geist der Jugend und die Strassen der Stadt>. Vorrangiges soziales Problem sind für sie aber nicht die Kriminalität, sondern eine sozialräumliche Umgebung sowie industrielle Arbeitsbedingungen, die den Bedürfnissen der Jugend nach Ausdruck, Lebensfreude und Fantasie in keiner Weise Rechnung tragen. Was im ländlichen Gebiet noch möglich war, nämlich öffentliches Leben von Jugendlichen auf Strassen,Plätzen und Märkten, das seinen Ausdruck in Spiel, Abenteuern, Festen und Kleinkunst fand, werde in den herrschenden städtischen Lebensverhältnissen, im Slum um Hull House geradezu erstickt. Dazu kommen unmenschliche Arbeitsbedingungen: "Dieses stupide Experiment, Arbeit ohne Spiel zu organisieren, hat sich natürlich gerächt, denn es führt zum Ausbruch auf verbotene Pfade. Die puritanische Unterdrückung eines jeden Verlangens nach Freude und Vergnügen mache nicht nur eine direkte Arbeitsmotivation unmöglich, sondern bringe nur entfremdete, lust und zeitlose Jugendliche hervor." [S. 117]

Tja ... also eigentlich sieht das heute doch ähnlich aus, bloss ein bisschen fieser: Statt Puritanismus, also Sorge um Gottes Wohlgefallen, reiner Wettbewerb, Ueberlebenskampf. Statt öffentlichen Lebens, Fern-Sehen. Statt "gutes Leben" oder gar "Sinn des Lebens", Bildungszwang. Aber Schuld sind natürlich die Ausländer ...

Mary Parker Follett forderte, die Fürsorge nicht von den Fürsorgeeinrichtungen her, sondern von der Bedürftigkeit und ihren Gesetzmässigkeiten einerseits, vom Gedeihen der Person andererseits herzuleiten.

Auch Theoriebildung (Sozialtheorie) birgt die Gefahr, dass eine "neue" Gesellschaft definiert wird, bevor man sich den Klienten zuwendet, deren Bedürfnisse kennt. Diese sollen dann bloss in das gelobte Land geführt werden, was praktisch bei allen Revolutionen so war, heute sogar bei der neokonservativen Revolution des Neoliberalismus, an der ausser neo nichts viel Neues ist. Addams musste damals anhand der Enttäuschung der Sozialrevolutionäre feststellen, dass man sich in der Gesellschaftsdiagnose einig war, aber nach anderen, als den vorgeschlagenen kollektiven wie individuellen Lösungen suchte. (Hier liegt auch heute noch ein Hauptproblem der Alternativen : Dagegen sein ist kein Konzept. Man muss auch für irgendwas sein, und dieses Irgendwas sollte mehrheitsfähig sein, also nicht primär den Träumen einer Kleingruppe entsprechen, sondern den Bedürfnissen der Allgemeinheit. Da kann man von Konsens halten was man will, ohne Mehrheit passier in der Demokratie eben rein gar nichts.) Die Fürsorge hatte damals, wie heute, nicht mit seelischer Not oder der Unmöglichkeit der Bedürfnisbefriedigung, sondern vor allem mit dem Verlust wirtschaftlicher Selbständigkeit zu tun. Die Untersuchung musste also vom Begriff der Wirtschaftlichkeit ausgehen.

Der Funktionalismus Klumker's - Klumkter und des Neoliberalismus:

Im Deutschen Kaiserreich gibt es zu Beginn des 20. JH über eine Million unehelicher Kinder unter 14 Jahren, dazu die Mündel zwischen 14 und 21 Jahren. In Frankfurt lebten damals 200'000 Einwohner. Die Hälfte davon war steuerbefreit, weil sie ein Jahreseinkommen von weniger als 900 Mark hatten. 25'000, also 12.5%, mussten unterstützt werden.

Nach dem 1. Weltkrieg galt es 8 Millionen Soldaten im Arbeitsmarkt unterzubringen, die meisten davon bedürftig. Dazu 4 Millionen "Kriegsbeschädigte". Da sind die heutigen Zustände eigentlich Peanuts im Vergleich dazu.

Klumker sah einerseits, dass Armut ein Effekt der Wirtschaft ist und dass Arme ein Anrecht auf Beschäftigung brauchen, verzichtete andererseits auf die Sicherung der Gesellschaft durch Integration der Armen, da der Schutz der Gesellschaft auch durch die Polizeikräfte möglich ist, also den Armen dazu nicht unbedingt geholfen werden muss.

Das Wesen der Fürsorgetätigkeit ist für Klumker: Erziehung Unwirtschaftlicher, Versorgung Unwirtschaftlicher, Verwertung Unwirtschaftlicher. Das Ziel der Fürsorge ist rein wirtschaftlich bestimmt.

Damals durfte man die von der Sozialhilfe Abhängigen noch Bevormunden, Anleiten, Erziehen, wirtschaftlicher Verwertung zuführen - heute werden sie bloss noch bestraft, wenn sie das nicht selbst tun. Heute (s. folgendes Zitat von Bommes/Scherr) wie damals wird die bedürfnistheoretische Perspektive negiert:

Hilfe wird nicht als Selbstzweck oder zur Befriedigung von Bedürftnissen veranlasst, wie sie Adressaten definieren, sondern mit dem Ziel, zu Anpassungsleistungen an die Bedingungen der modernen Gesellschaft zu befähigen und zu motivieren.

Soziale Arbeit "sucht die Individuen ab entlang entsprechender biographischer Indizien (wie unvollständige Familie, Schulverweis, Schulabschlüsse, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter, Vorstrafen, biographische Lücken oder Herkunft (Migration/kulturelle Fremdheit)." Sie macht "sich selbst verständlich und transparent, wie Individuen in ihrer Personalität zu einem Problem für sozialen Anschluss und zu Adressen der Diskontinuität in dem Sinne werden, das zahlreiche Kommunikationen an ihnen vorbeilaufen. ... Sie sollen solchen Individuen wieder den Zugang verschaffen zu relevanten Funktionsbereichen ... nur gilt die Person nicht mehr als Adresse für Fortsetzbarkeit, sondern als Adresse für problematische oder nichtgegebene Möglichkeiten der Kontinuierung, und sie wird genau auf solche Indizien fokussiert beobachtet. [S. 125]

Zur klassischen Methoden-Triade:

Ab etwa 1920 brachte die Anlehnung der ProtagonistInnen an die bereits etablierten, prestigeträchtigen Professionen des Mediziners, Psychiaters, Psychologen - alles am Individuum orientierte Professionen - eine Verengung auf die Arbeit mit Individuen, oft therapeutisch ausgerichtet und später erweitert durch Soziale Arbeit mit Kleingruppen und Familien. Ab den 1950er Jahren kam die Soziale Arbeit im lokalen Gemeinwesen wieder hinzu, allerdings ohne einen zentralen Platz in der Ausbildung und Praxis einzunehmen. [S. 432]

Dieser Ansatz geriet gegen 1970 in Kritik, da man nun vor allem den Kapitalismus als primäres Problem ansah und wirtschaftliche Strukturänderungen nötig wären. Da das aber nicht so leicht ist, konzentrierte man sich auf Heimerziehung und Projektarbeit im lokalen territorialen Gemeinwesen. In der Ratlosigkeit in die die 68er die Sozialhilfe brachte, vertiefte man die Therapie von Individuen und Familien theoretisch, und wendete sich zu einem etwas diffusen Konzept der Alltags- und Lebenswelt. (Hans Thiersch). Auch hier verengte sich der Blick auf individuelle Lebenslagen und lokale Milieus

1.1 Zusammenfassende Theoriegeschichte der Sozialarbeit

[Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis - Ein Lehrbuch. Haupt Verlag. Bern, Stuttgart, Wien. 2007]

Die erste Phase ab ca. 1890: Manchester Liberalismus

Individuum:Menschen und ihre nicht erfüllbaren Bedürfnisse. Hunger, Krankheiten (bewirkt durch giftige Industrieabfälle, miserable Wohnsituation, fehlende Müllabfuhr etc.); aussereheliche Mutterschaft; Analphabetismus; behinderte Lehr- und Lernprozesse; öde, gefährliche, monotone Arbeit; Armut/Erwerbslosigkeit; Mangel an geistiger Nahrung; Kriminalität; Gewalt.

Gesellschaftliche Teilsysteme: fehlende Zugangschancen; behindernde Strukturregeln der Machtverteilung; reine industrielle/wirtschaftliche Nutzenkriterien in Bezug auf den Umgang mit Armen; repressive Einrichtungen und Anstalten unter dem Mantel der Barmherzigkeit.

Gesellschaft: destruktive kapitalistische Sozialstruktur und Kultur und die dadurch erzwungenen individuellen Anpassungsformen an diese Strukturen - Demokratiedefizit und Doppelmoral - sozialdarwinistisch begründetes Normensystem - Nationalismus, männliches Heldentum als Erziehungsideal, Krieg und Gewalt.

Deutschland ab etwa 1910: grassierender Autoritarismus

Individuum: Unwirtschaftlichkeit als Versagen gegenüber den Anforderungen der Wirtschaft. Verwahrlosung als Versagen gegenüber der moralischen Ordnung der Gemeinschaft; lernbehindert, genetisch und moralisch defekt.

Kleingruppen: gefährden Gemeinschaft bzw. moralische Ordnung

Gesellschaft: Abstraktheit und Anonymität der Grosststadt, was dem frivolen und lasterhaften Lebenswandel Vorschub leistet; kranker Sozialkörper, gesunder Volkskörper.

Deutschland während der nationalsozialistischen Diktatur:

Individuum:Arier versus Nichtarier; lebensunwertes Leben, weil genetisch und moralisch defekt, verwahrlost und asozial.

Gemeinschaft: Moralisches Versagen gegenüber der Gemeinschaft der Deutschen - Gemeinschaftsschädlinge, Parasiten am Volkskörper.

Gesellschaft: von fremden - ethnisch jüdischen - Einflüssen durchsetzte, bedroht, deutsche Nation, rassistisch und völkische Unter- und Überlegenheit; wirtschaftliche Verwertung und Vernichtung der Volksschädlinge.

Die zweite Phase ab ca. 1920 sowie ab 1945:

Individuum: Psychosoziale, Lern- und Verhaltensprobleme im Rahmen von Lebenszyklus und Statuspassagen; Menschen als "Cluster von klinischen Symptomen oder "abweichenden Verhaltensweisen".

Isoliertes Individuum. Individuum als psychosoziales Mängelwesen in Bezug auf das Volksganze

psychosoziale Mängellagen vermögen alles zu erklären, ohne Umwelt, sozioökonomische Situation. Konkurrenz zwischen Psychoanalyse auf der einen (), Verhaltens und Rollentherapie auf der anderen Seite.
Ab 1950 durch Einflüsse der humanistischen Psychologie (defizitäre Selbstverwirklichung) verbessert.

Die dritte Phase ab ca. 1960:

Individuum: Stress, psychische Fehlanpassungen und Zusammenbrüche.

Lokales Gemeinwesen: Slums, Ghettos als Endstationen im Unterschied zu Durchgangsstationen

Gesellschaft: gesamtgesellschaftliche Chancen und Machtstruktur; Chancenungleichheit zwischen Weissen und Schwarzen, insbesondere: Vorurteile der Weissen gegenüber den Schwarzen; uneingelöste, willkürlich angewendete Verfassungs- bez. Bürgerrechte gegenüber den Schwarzen.

Die vierte Phase ab ca. 1970:

Individuum: Individuum mit seinen Beziehungen zur Umwelt; Statuspassen und Probleme des sozialen Lernens und Funktionieren in Teilsystemen mit unterschiedlichen Logiken (Coping).

Deutschland: Arbeitsplatzrisiken, Entfremdung, beschädigte Identität - misslingender Alltag.

Gesellschaftliche Teilsysteme: Familie
Problematische Austauschprozesse, Kommunikationsparadoxien

Organisationen: Deutschland: Die Professionellen und ihre organisationellen Einrichtungen als Hauptproblem; Etikettierung und Stigmatisierungsprozesse unter anderem durch Professionelle.

Gesellschaft:

Deutschland: Kapitalismus; Dichotomie zwischen System und Lebenswelt beziehungsweise Alltag; Kolonialisierung der Lebenswelt.

Die fünfte Phase Ende der 1970er Jahre, 1980er Jahre: Hintergrund - Becks Risikogesellschaft

Individuum: Der Mensch in seiner ökologischen Umwelt, problematische, zerstörte Mensch-Umwelt-Beziehungen; Lebensbewältigung als ungewissheitsbelastete, riskante Aufgabe; bedrohte Subjektwerdung.

Gesellschaftliche Teilsysteme: Risikogesellschaft; ökologischer Kollaps; Normalitätszerfall beziehungsweise Enttraditionalisierung; Zerfall der Normalfamilie, Sozial-/Wohlfahrtsstaat und Wissenschaft als Problem.

Gesellschaft:Thatcher: Die Gesellschaft gibt es nicht.
Sechste Phase ab 1990:

Individuum und Familie: Kritik der sog. Defizitorientierung - KlientInnen als Ressourcenträger.

Gemeinschaft: Kommunitaristische Einklagung von Pflichten gegenüber der Gemeinschaft als Ausgleich zu den überbordenden individuellen und sozialen Ansprüchen und Rechten gegenüber dem Staat.

Sozialstaat/Organisationen des Sozialwesens: Sozialstaatskrise, Ausbeutung und Ueberforderung des Sozialstaates aufgrund von Anspruchsinflation; die Sozialarbeitenden werden zum Hauptproblem u.a. auf Grund der Ineffizienz de Hilfeleistungen; Zivilgesellschaft als Problemlösung. In dieser Phase beginnen Aktien Not zu leiden - und der Steuerzahler muss dem Kapital helfen auf den Beinen zu bleiben.

Kultur als Problematisierungsfeld: Klassismus, Sexismus, Rassismus/Ethnozentrismus

Wir haben hier wirklich eine Sammlung an Horroranschauungen und - Methoden, die seltsamerweise zu einem grossen Teil bis heute nachwirken. Hier ist es wichtig, ab und zu auf historische Bedingtheiten, und auf den Ablauf der zulässigen Nutzungsdauer (Gammelfleisch) auch bei sozialwissenschaftlichen und psychologischen Theorien hinzuweisen.

Warum das Karsumpel heute noch nachwirkt und ein beträchtliches Chaos zwischenmenschlicher Kommunikation bewirkt, ist relativ einfach zu verstehen. Ich erklär's Ihnen aus meinen eigenen Erfahrungen:

Geboren 1955 war ich zur Zeit der Hippies und 68er ja geistig noch nicht so ganz dabei. Man hat zwar das Maobüchlein gelesen und, wie es sich für eine Bibel gehört, auf dem Herzen getragen, man hat ho-ho-Hotschimin gerufen, aber keine Ahnung, wer das wohl sei, wie einem Politik, genau wie vermutlich heute einen 13-jährigen, eigentlich einen alten Hut interessierte (was sich dann 5 Jahre später änderte, auf Grund einer um 6 Jahre älteren Freundin, die die 68er nicht nur aktiv mitgemacht, sondern immer noch begeistert davon war). Dass unter Bekannten und Menschen mit denen man so zu tun hatte, Nervenzusammenbrüche nicht selten waren, kriegt man mit, hielt sich aber, leicht schaudernd, lieber raus.

Problematischer Identitätsaufbau kriegte man allerdings hautnah mit, war immerhin die Zeit als Hasch und LSD aufkam. Da sind einige Kollegen von damals untergegangen. Absurde Kommunikation konnte man zuhause studieren, da braucht bloss ein Elternteil Alkoholiker zu sein (vermutlich geht's aber auch ohne). Als Schaden kommen dabei eben ab und zu Leute raus, die dann alles aus allen Perspektiven beleuchten und zu verstehen suchen, weil eben in der Jugend eigentlich nichts so recht verständlich war. Kolonialisierung der Lebenswelt (durch die Wirtschaft), Expertokratie, Etikettierung, Probleme mit unterschiedlichen Teillogiken (Rollen) waren ja Dinge die längst zuvor entstanden, aber durch die 68er und Filme wie "one flew over the cukoos nest" kritisiert wurden. Dass wir nicht mehr im 68 sind, und dass damals Kritik geäussert wurde, heisst allerdings noch lange nicht, dass all die Probleme weg sind. Allerdings dürften spätere Generationen diese Probleme eben nicht mehr so bewusst sehen.

Oekobewegung machte man dann natürlich aktiv mit. Den Zerfall der Familie wie der traditionellen Werte und Traditionen, also die Lösung von autoritären Strukturen, fasste man als nachgeprägter 68er dann eigentlich eher als Lösung denn als Problem. "Bescheidenheit" (für die Andern) ist immer eine patente Lösung (für die einen), und wird meist so durchgesetzt, dass man die "Möglichkeiten" quasi als naturbedingt (früher richtig) oder gottgegeben (im Mittelalter stärktes Herrschaftsfundament) oder sachlich bedingt (Aufklärung, Wissenschaft) erklärt. Der letzte Punkt scheint selbstverständlich und richtig (wie die andern beiden zu ihrer Zeit auch), endet aber bei konsequenter Anwendung in allumfassenden Sachzwängen, also in genau den Problemen, die wir heute haben. Bei vielen führt das nicht zu angemessener Bescheidenheit (angemessen vor allem an die Tragfähigkeit der Erde, der natürlichen Umwelt), sondern zu Rückzug und Apathie.

Am Rest arbeitet man ja grad mit. s. Zivilgesellschaft / Bürgergesellschaft

Sie sehen also, dass und wie uralte Erfahrungen und Werte von der Person weiter getragen werden. Wenn auch verändert, bleiben sie also irgendwie erhalten, erschweren teilweise die Kommunikation, verhindern aber auch, dass ernsthafte Probleme nicht nur vergessen gehen, sondern plötzlich gar als "Lösung" auftauchen wie insbesondere der ökonomische Funktionalismus (s. auch Produktionsgesinnung, eigentlich eine Leidenschaft der Nazis), der den Menschen auf seine wirtschafliche Produktionsfähigkeit reduziert. Oder gar die Eugenik, Manchesterliberalismus oder der grossväterliche, vom Vater weiter tradierte Autoritarismus. Man versteht so gesehen eigentlich leicht, warum zwischenmenschliche Kommunikation nicht ganz so einfach ist.

1.2 Geschichte der organisierten internationalen Aktivitäten der Sozialarbeit:

1919: Eglantine Jebb (1876-1928) gründet den Save the Children Fund

1923: Charta der Kinderrechte

1924: Die Charta wird vom Völkerbund als Deklaration der Rechte des Kindes angenommen

1928: Soziale Wohlfahrtskonferenz in Paris sowie Erste Internationale Konferenz zur Sozialen Arbeit

1944-47: United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) entwickelt Sozialprogramme in Europa und China.

1950: Erster UNO-Survey über Ausbildung in Sozialer Arbeit. weitere 1955, 58, 65 und 71)

1963: Soziale-Wohlfahrts-Attachés bei den US-Botschaften in Brasilien und Indien.

1971: Start der IASSW-Familienplanungsprojekte

1976: Einigung über den IFSW-Ethikcode

1970: Gründung des Inter-University Consortium für Internationale Soziale Entwicklung (JUCISD)

1988: IFSW übernimmt eine revidierte Fassung der Ethikdeklaration

1994/92: IFSW/IASSW geben das UN-Manual zu "Human Rights and Social Work" heraus.

1994: IFSW übernimmt eine revidierte Fassung der Ethikdeklaration

1995: Delegierte an der UN-Weltsozialkonferenz zur sozialen Entwicklung in Kopenhagen

2002: Einigung auf eine gemeinsame Definition Soziale Arbeit zwischen IFSW und IASSW - Verabschiedung an der Konferenz in Montreal/Kanada

2004: Verabschiedung der "Global Standards of Education and Training" und des "Proposals for a New Ethical Document" an der Konferenz IASSW/IFSW von Adelaide/Australien

2 Soziale Probleme als (gesellschaftlich) beeinträchtigtes Wohlbefinden

Individuelle Ausstattungsprobleme:

  1. Hunger, Krankheit, Behinderung und deren psychisch-soziale Folgen, Körpermerkmale die nicht der Norm entsprechen, also Grösse, Fettleibigkeit, Aussehen ...), physische, psychische und soziale Folgen von direkter Gewalt (wie sie vor allem bei Immigranten vorkommt).
  2. zu geringe oder fehlende sozioökonomische Ausstattung für die individuelle Bedürnisbefriedigung, die nur über die Teilhabe an den sozioökonomischen Ressourcen einer Gesellschaft möglich sind (Bildung, Erwerbsarbeit, Einkommen); damit einhergehende gesellschaftliche Integration auf tiefem Niveau, bezw. unvollständige soziale Integration (tiefes Bildungs-, Beschäftigungs- und Einkommensniveau; fehlende Bildungsabschlüsse, Erwerbslosigkeit, Armut, Verschuldung ...
  3. fehlende, gesellschaftlich be- oder verhinderte Entwicklung von Erkenntniskompetenzen (z.B. Verletzung des Bedürfnisses nach wahrnehmungsgerechter, sensorischer Stimulation, orientierungsrelevanter Information; nach Verstehen, was in einem und um einen herum vorgeht.
  4. problematische Selbst-, Fremd- ode Gesellschaftsbilder (Perspektivenlosigkeit, Selbstentwertung, Entwertung anderer Individuen oder sozialer Kategorien (Sozialhilfeempfänger die sich über Obdachlose und Immigranten stellen z.B.), Vorurteile ...
  5. fehlende, gesellschaftliche be- oder verhinderte Entwicklung von Handlungskompetenzen - im besonderen durch sozial abweichendes Verhalten.
  6. fehlende, gesellschaftliche be- oder verhinderte soziale Mitgliedschaften (soziale Isolation oder erzwungener Ausschluss aus sozialen Systemen, Verletzung des Bedürfnisses nach soziokultureller Zugehörigkeit, sozialen Mitgliedschaften, Anerkennung.

Punkt 3 (in Original nicht nummeriert) tönt für die meisten vermutlich einigermassen unverständlich. Das Problem wird aber sofort klar, wenn man sich bewusst macht, a) wie komplex unsere Gesellschaft ist, also auch Politik und Wirtschaft, b) wie unberechenbar diese komplexen Systeme sind, c) wie schwer, ja fast unmöglich es also ist, längerfristige, ja bereits mittelfristige Ziele zu fassen. s. Postmoderne. Eine bessere Orientierung durch die Medien wäre also angebrachter als täglich neues Geschwätz über irgend welche interessant scheinenden - aber meist belanglosen - Events.

Problematische Austauschbeziehungen

  1. unbefriedigende sexuell-erotische Beziehungen, sexuelle Gewaltformen (Verletzung des Bedürfnisses nach sexueller Aktivität und/oder physischer Integrität) Standardrezept in letzter Zeit: einsperren!
  2. ungleicher oder unfairer Tausch von Gütern, Ressourcen aller Art: Geld verdient Geld, Arbeit einen Tritt in den Hintern
  3. be- oder verhinderte gemeinsame Erkenntnis-/Empathie-/Reflexionsprozesse (Verletzung des Bedürfnisses nach emotionaler wie kognitiver Zuwendung, Liebe, Freundschaft, Sinngebung.) Standardverfahren: Fernsehen.
  4. kulturelle Verständigungsbarrieren, ein- oder gegenseitige Etikettieren oder Stigmatisierung, Ethnozentrismus. Standardverfahren: Es gibt keine Barrieren, die brauchen bloss Deutsch zu lernen und sich anzupassen!
  5. be- oder verhinderte Kooperationsprozesse (u.a. Verletzung des Bedürfnisses nach Anerkennung von Leistung)

Et voilà, da hätten wir das Hauptproblem der Langzeitarbeitslosen ... und damit dann oft irgendwann Sozialhilfeabhängigen. Die grosse Mehrheit will etwas Sinnvolles, Produktives, auch Einträgliches tun, kommt aber trotz aller Anstrenungen nicht an die Futtertöpfe ran. Viele erbringen beträchtliche Leistungen in Freiwilligenarbeit, oder auch bloss als Hobby - die aber gesellschaftlich ebenfalls von Nutzen sein könnten, also Kooperation eröffnen sollten.

Soziale Machtproblematiken - Behinderungsmacht

  1. körperliche Ausstattung. Körper wird Machtquelle z.B. bei Demonstrationen, Streiks, speziell Hungerstreik
  2. sozioökonomische Ausstattung (Geldkapital, Bildungstitel)
  3. Ausstattung mit Erkenntniskompetenz inkl. Sprache/Kompetenzen wird zur Quelle von Artikulationsmacht
  4. Austattung mit Bedeutungssystem Wissen wird Quelle der Definitionsmacht
  5. Austattung mit Handlungskompetenz zur Quelle von Autorität und Positionsmacht
  6. Austattung mit informellen sozialen Beziehungen und formellen Mitgliedschaften zur Quelle von Organisationsmacht.

Der letzte Punkt ist Stuss. Keine Mitgliedschaft bedeutet per se Macht. Organisiert und Entschieden wird vom Vorstand, die Mitglieder können allenfalls zustimmen oder dagegen sein. Ein Platz im Vorstand muss aber durch harte "Gruppenpsychologische Arbeit" erst erobert werden.

Durch informelle soziale Beziehungen geraten allerdings viele im formellen, d.h. bürokratischen Bereich der Wirtschaft an die Macht. In der Politik funktioniert das auch noch so. Man nannte das früher Filz - heute Netzwerk.

Problematische Regeln der Sozial- bzw. Machtstruktur:

> Dies wären zugleich die wichtigsten Elemente gesellschaftlich notwendiger Bewusstwerdung ... die natürlich nicht im Interesse derer liegt, die diese Mächte für sich zu nutzen wissen.

Problematik der von den Mitgliedern von Sozialsystemen geteilten alltagskulturellen Inhalte (geteilte Alltagstheorien, Überzeugungen, Werte und Normen, Leitbilder; (Familien-)Ehre, säkulare oder religiöse Staatsvorstellungen usw.

  1. Probleme der kulturellen (säkularen oder religiösen) Legitimierung von Überlegenheit- oder Unterlegenheitsvorstellungen im Alltag, insbesondere religiöser Fundamentalismus, Klassismus, Sexismus, Rassismus/Ethnozentrismus, Diskriminierung von Minderheiten, gewaltbereiter Rechts- oder Linksextremismus.
  2. Probleme der alltagskulturellen Legitimierung und Ausübung von direkter Gewalt; zum Beispiel Mobbing; Zwangsheiraten, Ehrenmorde, Genitalverstümmelung, Steinigungen; Bürgerwehren; Vertreibung; Verfolgung von Minderheiten, Cliquen, Ethnien, "dissozialen" religiösen Gruppen, sexuellen Minderheiten etc.
  3. Problematiken der individuellen wie kollektiven sozial organisierten Gewaltausübung - bis zur kriegerischen oder (staats-)terroristischen Vernichtung.

Die Fokussierung von Medien wie Politik auf Terrorismus, Bombenleger, Afghanistan, allenfalls noch Somalia, hilft, die anderen Mächte als benevolent zu verklären ... oder zumindest einfach zu ignorieren, dass es da noch ganz andere Probleme gäbe, näherliegende Probleme als die paar Spinner.

3 Sozialarbeit als Wissenschaft

Diagnostizieren heisst beobachten, unterscheiden, beschreibend kategorisieren, analysieren und bewerten.

Genau aus diesem einfachen Ansatz heraus ergaben sich bereits frühe Formen der Wissenschaftskritik in der Sozialen Arbeit, welche die Kolonisierung der Lebenswelt durch Professionalisierung der Klientenbeeinflussung kritisierten da dies zu einer Expertenherrschaft führt (Habermas, zit S. 228). Der wissenschaftliche Anspruch musste danach stark herunter gefahren werden:

Nach einer historischen Phase, wo sie (die Soziale Arbeit) sich allmächtig wähnte und kritisch- unkritisch totalisierende Gesellschaftsanalyse und -veränderung forderte, soll sie sich angesichts einer neuen Theorie- und Wissenschaftsverständnisses höchstens noch auf die Erhebung subjektiv-pragmatischer Beobachtungsperspektiven der Weltkonstruktion ohne Wahrheitsanspruch - als herstellbare Korrespondenz zwischen Behauptetem und Faktischem - beschränken. [S. 218]

Das Wissenschaftssystem sucht nach Wahrheit, das Praxissystem, unter anderem das Sozialwesen fragt nach Wirksamkeit und Effizienz. [S. 206]

Theoretiker sind Spieler, die Probleme konstruieren, ... und für ihre Untersuchungen prüfen und wieder - oftmals mit hoher Umschlagsgeschwindigkeit - verwerfen .. Praktiker haben dagegen Probleme zu lösen, die weitgehend durch soziale Definitionen und Kontextbedingungen bestimmt, durch Arbeitsroutinen, schliesslich auch durch solche Trivialitäten wie materielle Ressourcen schon bestimmt sind.

Zur Verbindung der Empirie mit der Ethik:

Eine normative Emanzipations-, Freiheits- oder Gerechtigkeitstheorie, eine Philosophie über das gute Leben muss sich auf real psychische und soziokulturelle Realisierungschancen und -Bedingungen stützen, falls sie für die Klärung ethischer Probleme real existierender Familien, Organisationen oder politischer Gemeinden ernst genommen werden soll. [nach S. 203]

Wenn man versucht, sozialpolitische Programme, beispielsweise individuelle Begleit- oder Coachingprogramme für den Übergang Schule-Lehrstelle zu entwerfen, di den SchülerInnen die Gewissheit geben, dass sie nach Absolvierung der obligatorischen Schulpflicht eine Lehrstelle haben oder eine weiterführende Schule besuchen können, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die Gewalt an Schulen zurückgeht. [S. 257]

Hier die (theoretische) Lösung für die zersplitterte Linke, die ja das Soziale generell verbessern will: Vorschläge müssen a) realisierbar sein (was in einer Demokratie immer Mehrheiten bedingt), b) sie müssen also einer Mehrheit eine Verbesserung der Lebensqualität versprechen (wozu auch die Lösung problematischer Situationen gehört).

4 Die Suche nach dem guten Leben - und die Identifikation der Probleme, die es behindern

Klassische Problemkonstellationen Sozialer Arbeit sind: Armut, Erwerbslosigkeit, gesellschaftlich beeinträchtigte Erkenntnis- und Handlungskompetenzen, problematische Identitäts-/Kulturmuster, soziale Isolation und sozialer Ausschluss sowie individuelle unterschiedliche Ohnmachtserfahrungen und Machtkonstellationen.

4.1 Die Grundfrage der Sozialarbeit:

Wie sollen Menschen so angeordnet und koordiniert werden, dass sie das zum Leben Notwendige wie Wünschbare produzieren können? [S. 380]

Diese äusserst intelligente Frage summiert eigentlich nicht bloss die Grundaufgabe der Sozialarbeit, sondern gleichfalls von Politik und Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Zugleich ist sie aber eine Warnung vor überbordenden Ansprüchen wie etwa dem Grundlohn, der es einem grossen Teil der Bevölkerung erlauben würde, sich notwendiger produktiver Arbeit zu entziehen. Das heutige System dieser "Anordnung und Koordinierung" über Wettbewerb und, per Geldwert definierter <Leistung> ist für immer mehr Menschen äusserst unbefriedigend. Man darf sich die Suche nach einer Alternative allerdings a) nicht zu leicht machen, b) nicht einfach durch Rückschritt beantworten, also zurück zur guten alten Zeit als alle Bauern waren, Kommunisten, Sozialisten oder sonstige Isten.

Regeln einer menschen, produktions- und aufgabengerechten Arbeitsteilung:

4.2 Machtproblematiken

4.2.1 Behinderungsregeln im Zusammenhang mit funktionaler Arbeitsteilung und Kontrollhierarchie: Herrschaft

4.2.2 Grundprobleme von Matriarchat und Patriarchat

4.2.3 Soziale Machtproblematiken im Zusammenhang mit Benachteiligung/Diskriminierung bzw. Bevorzugung/Privilegierung:

Die klassierenden Faktoren physische Stärke, Alter/Anciennität (Dauer der Betriebs- oder Organisationszugehörigkeit), Geschlecht, Ethnie/Rasse, Nation/Territorium erlauben sinnstiftende, spannungsvermindernde soziokulturelle Zuwendung und Abgrenzung. Die Selbsterhöhung wird hier gleichsam durch einen symbolischen Akt der Selbsterhöhung über Werte "geschafft", die einem niemand wegnehmen kann: Wenigstens bin ich ein Mann! Ein Franzose! Ein Weisser! ... was eben gleichzeitig gerne zur Entwertung derjenigen führt, die diesen Kategorien nicht angehören. Hier liegt der Grund für oft seltsame Identitätsbildung anhand von Idolen, besonders in der Jugend.

4.2.4 Freieres <magisches Bewusstsein> als Beeinträchtigung der Erkenntniskompetenz:

Das Benennen und Verstehen menschlichen Leidens "bleibt in dem Masse magisch, wie Menschen nicht in der Lage sind, Kausalität zu begreifen ... Magisches Bewusstsein erfasst ... (nur) einfach die Tatsachen und misst ihnen eine überlegene Kraft zu, durch die sie kontrolliert werden und der man sich folglich unterwerfen muss. Fatalismus kennzeichnet das magische Bewusstsein. ...

Die Kritik entwächst noch dem alten Verständnis der Moderne, die darauf setzte, alles verstehen, und dadurch auch die Folgen von Handlungen vorhersehen zu können. Dies entpuppte sich weitgehend als Illusion, um so mehr die Systeme komplexer und nicht mehr gezielt lenkbar werden. Nicht alles, aber gewisse Dinge soll und muss man also mit einem gewissen Fatalismus hinnehmen ... inshallah. (s. auch das Gelassenheitsgebet)

Die akuteste Form von magischem Bewusstsein wird heute allerding durch die Wirtschaft geprägt, in der für immer grössere Bevölkerungsteile nicht Freiheit, sondern nur noch Sachzwänge herrscht. Magisch ist dieses Bewusstsein, weil die Wirtschaft keine Naturkatastrophe ist die über uns hereinbrach, sondern ein Kulturprodukt, dass sich allerdings der Lenkung, also der "Zivilisierung", entziehen will. s. Wirtschaftskultur

5 Seltsame Fokussierungen der Zeit (man könnte auch sagen: derzeit) - und Auswege

Dennoch hat die Sozialhilfe, oder besser, die Sozialhelfer, mehr Möglichkeiten, als sie oft sieht:

Sozialarbeitende neigen relativ schnell zu Ohnmachtsklagen gegenüber einer Organisations- und Sozialstruktur. Sie haben - als neue Schlüsselkompetenz - zu lernen, ihre Handlungsspielräume im Rahmen einer lokalen, nationalen und internationalen Machtstruktur zu erkennen und zu nutzen. [S. 446]

Martin Herzog, Basel, 19.8.09