Zur
Geschichte Russlands_____________________________________________________
[Mathes Buhbe, Gabriele Gorzka (Hrsg): Russland heute. Zentralisierung des Staates unter Putin. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2007]
Durch geschicktes Ausmanövrieren aller Oppositionsmöglichkeiten - Parteien und Verbände, Medien, Nichtregierungsorganisationen etc. - verhindert der Kreml die Entwicklung von Plattformen, auf denen alternative politische Ziele oder Gesellschaftsmodelle öffentlich diskutiert sowie zu Aktionen gegen die Regierung werden können. [S. 8]
Die derzeitige Stabilität basiert auf einer scheinbaren Ruhe der Bevölkerung. Ihrer Zufriedenheit mit der politischen Richtung des Landes ist jedoch absolut fixiert auf die Person Putins. Die meisten Staaten kehrten nach der Abkehr von der UDSSR zu ihren alten Verfassungen zurück ... womit leider auch alte Rivalitäten und Feindseeligkeiten einherging. Auch Russland besann sich auf den Zarismus - und Putin setzte ihn in modernisierter, polit-technologischer Form um.
Bedenklich ist hier also weitaus weniger, dass Putin sich mit eben so unsauberen Methoden wie die Besitzer ihre Güter erworben haben (s. Chodorkowsky: Yukos), diese für den Staat wieder zurückholte - sondern die einhellige Meinung im Westen: Das sei ein Problem für die Eigentumsgarantie - womit er bestätigt, dass Diebstahl Eigentum schafft.
Die Assoziationen dieser biznessmeni unterstützten die Perestrojk-Reformen, weil ihre gesamte Existenz von deren Erfolg abhing. Ihre Mitglieder waren vergleichsweise ressourcenstarke und politisch oft radikale Akteure, deren Beteiligung an der allgemeindemokratischen reformaly-Bewegung nicht unumstritten war. Die bedeutendste Gründung dieser Zeit war der "Verband der Vereinigten Genossenschaften der UDSSR" (July 1989), der sich als Sprachrohr der "Kooperativbewegung" verstand. Er forderte die "Demokratisierung der Wirtschaft" durch die Schaffung günstiger Bedingungen für die Entfaltung von Märkten und Marktbeziehungen. Dazu gehörten Forderungen nach staatlicher Fürsorge, d.h. insbesondere nach Förderprogrammen zur Firmenkonsolidierung und Verminderung der Steuerlast sowie nach staatlich garantiertem Schutz vor Schutzgelderpressungen. Im Unterschied zu den meisten anderen Bewegungsorganisationen verfügte die Kooperativbewegung auch über finanzielle Ressourcen, die ihr realen politischen Einfluss sicherten, so durch die erfolgreiche Rekrutierung innerer Lobbyisten in Legislative und Exekutive. Aufgrund ihrer Aktivitäten lehnte der Oberste Sowjet im Jahre 1988 sogar das erste Mal in der sowjetischen Geschichte eine Gesetzesvorlage der Regierung ab. [S. 118]
Dennoch zogen Beobachter eine pessimistische Bilanz: Der politische Entscheidungsprozess in Russland galt zunehmend als von einer mächtigen Clique beherrscht und keineswegs durch pluralistische Interaktionen zivilgesellschaftlicher Organisationen geprägt. Ein "oligarchischer Kapitalismus" war entstanden. Der Staat - genauer: die zentralstaatliche Exekutive, personifiziert in Boris Jelzin - geriet in weitgehende Abhängigkeit von einem Dutzend Grossunternehmer aus dem Finanzsektor und der Energie- und Brennstoffwirtschaft. [S. 120]
Im Laufe der Reformperiode der 80er erhielten die Regionen die Freiheit, sich ihre Banken selbst auszuwählen. Einige Ministerien wandelten sich komplett (Gazprom) oder teilweise (Kamaz Autowerke) in Staatskonzerne um. Gleichzeitig wurden mit der Gazprom-Bank und der AvtoBank spezielle Banken gegründet, um die Interessen des Sektors weiterhin zu vertreten und zu fördern.
Die Bankiers zählten in den Jahren nach der Öffnung der Wirtschaft zur obersten Elite des neuen Russland. Sie nutzten den Zugriff auf staatliche Gelder, um damit zu spekulieren und allerlei lukrative Geschäfte zu betreiben. 1996 waren insgesamt 21,6 Mrd $ Bankkredite im Umlauf, aber davon waren nur 1,2 % langfristig angelegt. In der ersten Jahren der 90er Jahre verdiente die Bankiers riesige Gewinne mit Währungsspekulationen und bekamen über die Institution der "Autorisierten Banken" Zugriff auf riesige staatliche Geldbeträge, die sie dann bei den Privatisierungen für den Aufkauf von Industrieimperien nutzen konnten. Viele Bankiers der Anfangszeit mussten den Kampf um die besten Deals jedoch mit ihrem Leben bezahlen. Morde an Bankern kamen in der Anfangszeit nicht selten vor.
2. Stufe: Aktien-für-Kredite oder "Wie bekommt man Staatskonzerne zu Spottpreisen?"
Privatisierungen
In zwei Privatisierungswellen wandelte die Regierung den Großteil der staatlichen Firmen in Privateigentum um. In der ersten Phase (1992) wurden Vouchers an die Bevölkerung ausgegeben, um das Eigentum breit zu streuen. Die Wirtschaftskrise mit der Hyperinflation machte die Hoffnung schnell zunichte und viele Firmen landeten im Besitz der alten Manager und den Personen, die über Geldbeträge verfügten: den Händlern und Bankiers.
Ende März 1995 präsentierte der Oligarch Wladimir Potanin, den Jelzin zum Vizepremier ernannt hatte, seinen "
Share-for-Loans"-Plan (Kredite für Aktien) im Kreml. Ein Konsortium von Banken bot dem Staat einen 1,8 Mrd $ Kredit an, der durch Anteile an Staatskonzernen abgesichert werden sollte. Der russische Staat steckte zu diesem Zeitpunkt in großen Finanzschwierigkeiten und erhoffte sich aus der Privatisierung dringend benötigte Finanzmittel.Der Staat konnte nicht zahlen, die Firmen gingen an die Banken, für ein Butterbrot.
Wiederwahl Jelzins: Im Januar 1996 schmiedeten die führenden Oligarchen (Berezovski, Gussinski, Potanin u.a) eine Allianz, um eine Wahl des Kommunisten Sjuganov zum Staatspräsidenten zu verhindern. Sie boten Jelzin an, seinen Wahlkampf zu finanzieren und ihre Medienorgane für eine Großkampagne einzusetzen. Organisiert wurde die fulminante und harte Kampagne, die einen dreistelligen Millionen $ Betrag kostete, vom führenden Reformer Tschubais. Da die Oligarchen ihre Konzerne, die sie bei den Auktionen gewonnen hatten, erst im September 1996 wirklich übernehmen konnten, hatten sie ein sehr starkes Interesse, Jelzin gewinnen zu sehen.
Die Medienimperien von Gussinski und Beresowski legten mit ihrer beherrschenden TV-Präsenz den Grundstock für die anfangs des Jahres nicht für möglich gehaltene Wiederwahl Jelzins.
Im zweiten Schritt wurden die größten Konzerne via Versteigerung privatisiert. Der Clou: Es durften nur Bankiers teilnehmen, die im Gegenzug dem Staat Kredite gaben. Die Privatisierungen verliefen skandalös und die Bankiers konnten sich zu Spottpreisen die wichtigsten Konzerne des Landes sichern.
Teilnehmen konnten nur ausgewählte Banken und Finanzgruppen, auf Einladung der Präsidialverwaltung und der engsten Jelzin-Clique. Finanzstarke ausländische Mitbieter und andere Konkurrenten wurden mit allen möglichen Tricks und technischen Verfahren von den Auktionen ausgeschlossen, weshalb die Auktionserlöse zum Teil grotesk niedrig ausfielen.
23 Millionen Dollar für ein Unternehmen, welches das ganze geographische Europa wirtschaftlich unter Druck setzen kann ... noch deutlicher kann der Betrug, der bei der Aneignung passierte, wohl kaum präsentiert werden.
- Der Gasmonopolist Gazprom mit riesigen Erdgasreserven wurde teilprivatisiert und die Kontrolle ging für ganze 22,8 Mio $ in die Hände der alten Manager über.
Die riesigen Autowerke ZIL mit 100 000 Arbeitern wurde für 16 Mio $ privatisiert und die Wolga Autowerke für 27 Mio $. Der führende Maschinenbaukonzern Uralmash kostete den späteren Oligarchen Bendukidse sogar nur 4 Mio $.
[Russisch Monopoly. Wie entstanden Rußlands große Vermögen? Finanzsystem & Big Deals]
Im Dezember 1995 kaufte seine Menatep-Handelsgesellschaft im Rahmen der Auktion von Yukos einen 45% Anteil für lächerliche 159 Mio $, nachdem die Konkurrenten wegen technischen Fehlern im Angebot nicht zugelassen wurden. Yukos saß zu diesem Zeitpunkt zwar auf einem 1,6 Milliarden $ Schuldenberg, doch unter diesem Berg lagen die größten Erdölserven Rußlands.
Weitere 33% erwarb Menatep direkt von der Regierung. Das Pikante: Die Bank, die die Auktion durchführte und den Zuschlag für Chodorkowski erteilte, war die Menatep-Bank. Besitzer: Michail Chodorkowski.
Das heisst, dass 350 Millionen damals reichten, um sich die die grössten Erdölreserven Russlands unter den Nagel zu reissen! (Allerdings ist der Aktienmarkt da auch nicht intelligenter ... d.h. präziser, er erlaubt eben präzise auch diese Art von ökonomischem Schabernack zu betreiben.)
[
Die Graphik rechts macht die
Sache relativ klar. Zwischen 1991 und 1995 eigneten sich die Oligarchen das
Kapital an - auf Kosten der 2 schwächsten Einkommensklassen. Die Einkommensverteilung
entspricht hier präzise der
pareto-optimalen Verteilung ... die immer das
Gegenteil einer gerechten Verteilung ist. [Nach Zahlen aus Tabelle 1, S 33]
| Putin-Witze: Putin zu Premierminister Fradkow: Wir
müssen unbedingt das Bruttoinlandprodukt verdreifachen. Der Scherz gilt allerdings im Westen genau so ... Putin zum Gesundheitsminister Surabow: Sagen Sie mal, wann gibt es in
Russland endlich keine armen Menschen mehr? Putins Pressesprecher erklärte, der Präsident werde auf keinen Fall für
eine dritte Amtszeit kandidieren. Allerdings beeilte er sich auch nicht,
einen Nachfolger zu bestimmen. Zeitungsanzeige:
W. Putin |
Die Allianz der größten Oligarchen des Landes währte nicht sehr lange. Der Streit um die Zuschläge für weitere Privatisierungen Anfang 1997 (u.a. Svyazinvest) führten zu einem offen ausgetragenen Finanz- und Medienkrieg der mächtigsten Finanzgruppen. Einige Oligarchen warfen Tschubais vor, die Unexim-Gruppe von Potanin bei den Privatisierungen bevorzugt zu haben. Im Laufe des Jahres stoppte Jelzin dann endgültig die share-for-loans Deals.
Der Oligarch Boris Beresowski entwickelte sich immer stärker zum einflussreichsten Oligarchen. Er war an der Schwächung von Tschubais entscheidend beteiligt und galt als eine der Schlüsselfiguren der regierenden "Jelzin Family".
Zwei weitere Personen von Gewicht wurden dem engeren Kreis zugerechnet: Pawel Borodin, der das nicht unbeträchtliche Vermögen der Präsidialverwaltung verwaltete, und Roman Abramowitsch, ein enger Vertrauter der Jelzin-Tochter und Bankier der Jelzin-Familie. In den Jahren 1998 und 1999 kontrollierte dieser Kreis, wer Zutritt zum kranken Präsidenten erhielt.
Im Frühjahr 1998 leitete ein überraschender Regierungswechsel eine Phase der Irritation im Verhältnis zwischen politischer Führung und Finanzmagnaten ein. Der neue Ministerpräsident Kirienko nahm bei der Bildung seines Kabinetts keine Rücksicht auf die Interventionen der Finanzgruppen. Tatsächlich wurde unter Kirienko das in den letzten Jahren gewachsene System von Beziehungen zwischen Politik und "Oligarchen" ernsthaft gestört.
Die Macht der Wirtschaft, ihre Interessen auch gegenüber einer übermächtigen Verwaltung durchsetzen zu können, schwand damit zusehends. Der Staat war allerdings eigentlich bankrott 1998 (s. Börsenzusammenbruch).
Organisierte Wirtschaftsinteressen gehören damit zu den wenigen Akteuren ausserhalb der exekutiven Strukturen des Staates und de auf ihren Ressourcen beruhenden bürokratischen Interessengruppen, die Belangen der Gesellschaft Gehör verschaffen und damit den überdimensionierten Steuerungsansprüchen des superpräsidentiellen Regimes entgegentreten könnten. [S. 130]
Putin versuchte ein System der "Aequidistanz" zu schaffen, also gleichen Abstand zu allen Interessengruppen zu halten. Er verweigerte die Kommunikation mit mächtigen Grossunternehmen der Jelzin-Aera zunächst vollständig, um die Handlungsautonomie des Staates wieder herzustellen. Der Glaubensgrundsatz der russischen Elite lautete:
Die Unternehmen kamen aber auf die schwächere Seite, da sich die Forderungen nicht einklagen liessen. Waren sie nicht willig, so ... drohten verwaltungsrechtliche (oft auch geheimdienstliche) Massnahmen, die ihre Tätigkeit behinderten oder gar verunmöglichten - oder, sehr modern, sie den ausländischen Geldgebern als unzuverlässig ( =unsicher, riskant) erscheinen liess. Die Gesellschaft wurde von oben reorganisiert. "Konsultationsgremien" sind vertikal in die hierarchisch aufgebaute polity (Staatsorganisation) zu integrieren. Die Wirtschaft wird auf ein "nationales Projekt" eingeschworen, als dessen Garant wieder der Staat, d.h. präziser his excellency Mr. Putin auftritt.
Gongos übernahmen NGOs ...Insbesondere die "Partei der Macht", die herrschende Partei "Einiges Russland" (konservative "Präsidialpartei": Programm ist die Unterstützung des Präsidenten ... also ein bisschen wie die SVP ...) hat schon wieder fast die Statur und Macht der ehemaligen KPDSU.
Die "Partei des Präsidenten" verfügt seit Ende 2003 über eine 2/3-Mehrheit - und dient einzig dem Zweck, den Präsidenten zu loben und sein Programm zu unterstützen. Alternativen gibt es zur Zeit keine. Das System der dominanten Partei ist auch aus Indien bekannt (Kongresspartei), Mexiko (Institutionell-Revolutionäre Partei - ein Widerspruch in sich, ein Oxymoron), Japan (Liberal-Demokratische Partei).
In der gelenkten Demokratie wurde etwa den Sponsoren der Entscheid genommen, wen sie unterstützen wollen. Unangenehme Kandidaten bei Wahlen werden oft durch Gerichtsbeschluss eliminiert. Die Medien sind kontrolliert - wer nicht spurt riskiert abgeschossen zu werden, nicht bloss bildlich gesprochen (s. Anna Politkowskaja und viele, viele mehr).
2003 waren 44 Parteien zu den Wahlen zugelassen. 4 schafften die Hürde der 9%. Das Verbot von Wahlblöcken eliminiert alle kleinen Parteien.
Wahlen zur Staatsduma |
1993 | 1995 | 1999 | 2003 |
|
Kommunistische Partei der Russischen Föderation Agrarpartei |
12.4 8 |
22.3 3.8 |
24.3 - |
12.6 3.6 |
| Liberaldemokratische Partei LDPR (Žirinovskij) | 22.9 | 11.2 | 6 | 11.4 |
| Rodina (Wahlblock Heimat) | - | - | - | 9 |
| Partei der Rentner | - | - | - | 3.1 |
| Volkspartei | - | - | - | 1.3 |
| Jabloko (Javlinskii) | 7.9 | 6.9 | 5.9 | 4.3 |
| Demokratische Partei Russlands Russlands Wahl / Demokratische Wahl Russlands Union der rechten Kräfte (SPS ... aha, dachte ich's mir doch) |
5.5 15.5 |
- 3.9 - |
8.5 |
4 |
| Einheit und Eintracht Unser Haus Russland Vaterland - Ganz Russland Edinstvo (Einheit) Edinaja Rossija (Einiges Russland) |
6.7 - - - - |
- 10.1 - - - |
1.2 13.3 23.3 - |
- - - 37.6 |
| Bewegung der Frauen Russlands | 8.1 | 4.6 | 2.1 | - |
| Gegen alle Listen (SVP Russlands?) | - | 2.8 | 2.3 | 4.7 |
| Andere Parteien | 12.9 | 34.4 | 12.1 | 8.4 |
| Summe | 99.9 | 100 | 100 | 100 |
Fazit: Das "Mehrparteiensystem" hat in Russland zur Zeit eine rein dekorative Funktion.
Was die fehlende Wirksamkeit von Parteien betrifft, so gehört allerdings unsere SVP zu präzise der selben Gattung. Hauptziel Macht = viele Mitglieder = viele Stimmen = Populismus. Wer dafür aber das Parteiprogramm auf einen Kampf gegen Ausländer (die an allen Übeln, insbesondere der Kriminalität, schuld sind), auf Ab- und Ausgrenzung ausrichtet - und dabei nicht mal ein Konzept von der "heilen guten alten moralischen wertbewussten Welt" hat die da geschützt werden soll, ist a) genau so überflüssig wie die heutigen russischen Parteien, b) absolut dämlich, c) hinterlistig. Also nicht zu sehr auf Putin und Russland schimpfen. Könnte die SVP so wie sie wollte, wäre Politik bei uns auch nur noch <Lob des starken Mannes> und ein paar dekorativ-überflüssige Parteien nebst der <Partei der Macht>, die sagt was läuft. Identitätsbildung durch Abgrenzung von Andern (s. Identität I), also Ich-Bildung nicht aus dem Kern heraus, sondern quasi von aussen, führt a) nicht zur Entwicklung des eigenen Charakters, der eigenen Fähigkeiten, Stärken und Potentiale, auch eines Volkes (Identität II), und b) zu Kulturimperialismus.
Polittechnologie
Die Auflistung der zentralen Merkmale des gegenwärtigen russischen Regierungssystems wäre ohne Erwähnung zweier Besonderheiten nicht vollständig. Diese bestehen in der hektischen Schaffung immer neuer Institutionen und in einem umfassenden Einsatz propagandistischer Mittel. Die früher üblicherweise als Propaganda bezeichnete offizielle Werbung für das herrschende Regime wird in Russland heute von einer Heerschar sogenannter "Polittechnologen" vorgenommen. Die Arbeit dieser professionellen Propagandisten geh weit über klassische Politberatung hinaus. Die massive Nutzung von Public-Relations-Kampagnen und von Immagemakers - auf rusisch "PR" und imidžmerkery - ist nicht auf Wahlkämpfe beschränkt. Vielmehr sind "Polittechnologen" selbst an der Konzipierung und Ausarbeitung allgemeiner politischer Ziele und Richtlinien beteiligt. Dies führt dazu, dass Politik weitgehend zur politischen Technologie verkommt, wie von Soziologen immer wieder festgestellt wird.
Der unermüdliche Einsatz von PR-Strategien zur Vermittlung eines gefälligen "Images" von Präsident Putin auf allen staatlichen Fernsehkanälen gehört ebenfalls zu den Auswüchsen der hypertrophen "politischen Technologie". Kritische Beobachter erklären die anhaltend hohe Zustimmung zu Putin nicht zuletzt mit der propagandistisch sorgfältig "gelenkten Liebe" zum Präsidenten. Besonders problematisch erscheint, dass es den "Polittechnologen" gelingt, das öffentliche Bewusstsein erfolgreich zu manipulieren und die Vorstellung zu zementieren, dass es zum gegenwärtigen Regime gar keine Alternative gebe. [S. 239]
Dies tönt übel ... ist aber im Prinzip das Selbe, was sich auch in Demokratien abspielt, sogar bei den Vätern derselben, der USA. Dort wissen ja die Parteien präzise Bescheid über die Stimmung in den einzelnen Bundesstaaten - und beeinflussen deren Bewohner oder Vertreter (bei Abstimmungen im Parlament) entsprechend durch spezifische "Deals", um sich die Mehrheit zu sichern. Oder in der Schweiz, wo die SVP mit Modellen hausiert, die der kleinen familiären Gesellschaft entsprechen, in der jeder jeden kannte (s. Appenzell Innerrhoden), und jede(r) eigebunden - allerdings auch abgestempelt - war und ist. Es ist das ländliche Modell der heilen Gesellschaft ... die sich selbst heilt, aber in der Landschaft kaum mehr existiert, der die meisten entfleucht sind, um der entsprechenden sozialen Enge und den sozialen Zwängen zu entgehen. Trotzdem ist das Modell als Ideal offenbar immer noch in den Köpfen - und lässt sich polit-PR-mässig erfolgreich verwerten. "Sachzwänge" sind ja auch in der Schweiz längst das wichtigste Instrument der meisten Politiker.
2. Die Qualität der Regierung in den Augen der Bürger

Die heutige Regierung Putins wird von der Mehrheit der Bevölkerung al kriminell betrachtet, ist dem Volk entfremdet - und, was die Neuerer wohl am meisten treffen dürfte, genau so bürokratisch wie die alte UDSSR (sogar zunehmend!) und genau so wenig weitsichtig, intelligent, gebildet und respektiert. Politisch "heiss" ist allerdings, dass die (ehemalige) sowjetische Regierung als näher beim Volk, gesetzlicher und achtenswürdiger betrachtet wird. [Zahlen aus Tabelle S. 94]

Der dominierende Eindruck den die staatliche Verwaltung bei
der Bevölkerung hinterlässt ist: Gleichgültigkeit gegenüber Menschen und den Interessen des
Landes, Käuflichkeit, Verantwortungslosigkeit etcetc.
Patriotismus, Zuverlässigkeit waren Eigenschaften der alten Garde.
Geschäftstüchtigkeit, Kultur und Bildung, Verantwortung und Zuverlässigkeit sind
die Merkmale, die unseren Beamten zugeschrieben werden.
Sie sollen es geniessen, denn in der Einschätzung der hiesigen Wirtschaft kommen
sie ja bei weitem nicht so gut weg.

Vertrauen haben die Russen vor allem in "ihren" Präsidenten, die Kirche und die Armee, allenfalls noch Presse und Medien, die allerdings mit Vorsicht zu geniessen sind (s.u. links). Am wenigsten Vertrauen haben sie zu den politischen Parteien (und den Milizen), was (betr. ersterer) für eine pluralistische Demokratie bereits heisst: Njet, nicht zu machen, denn eine Demokratie die sich auf Mehrheitsentscheide beschränkt, wird sehr schnell zur Demokratur.
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Die
politischen Prioritäten ändern sich
natürlich jeweils mit der akuten Problemlage (oft auch bloss wegen der
Neuwahlen). So dominierte offenbar 1999 das
Problem der ausstehenden Löhne so, wie seither keines mehr. (Das selbe Problem
herrscht zur Zeit ja in Palästina, und das Risiko daran ist, dass so die
Bevölkerung eigentlich erst mal Lust hat, die eigene Regierung ins Meer zu
werfen, bevor sie das mit dem Erzfeind wieder mal versucht.)
Fazit:
Wir haben es also mit einem politischen System zu tun, das als solches - in Form seiner Institutionen - in der Bevölkerung nicht wirklich akzeptiert ist. Dies ist u.a. begründet in der Abstiegserfahrung der Transformationszeit und der Wahrnehmung, dass die Exekutive in für die Betroffenen wichtigen Politikfeldern oft erfolglos agiert. [S. 46]
Seit Putins Reform des Föderalismus wurden tausende von regionalen Gesetzen erlassen, die dem föderalen Recht widersprechen. Russland bildet also noch keinen einheitlichen Verfassungs- und Rechtsraum.
Die Idee eines Beitritts zur EU ist zu weit hergeholt. Russland erhofft sich ein Bündnis als gleichberechtigter Partner, was angesichts der wirtschaftlichen Verhältnisse
| Land | Einwohner | BIP | Fläche |
| EU | 493 Mio | 15.7 Trillionen $ 26900$/Kopf |
4.3 Mio. Km2
|
| Russland | 143 Mio. | 1.7 Billionen $ - (12'000, 9800)-2610$/Kopf |
17 Mio. Km2 |
Allerdings ist Russland mit das grösste Land der Erde ... mit den grössten Erdgasvorräten ... also für Europa mindestens so wichtig wie China. Qui vivra verra.
Hier hat die EU mit Russland in etwa das selbe Problem, allerdings auf einem deutlich höheren Niveau, wie mit Polen, das ebenfalls zu den Grossen gehören möchte. Die Kaczynski-Brüder überschätzen sich auch hier ein bisschen:
| Land | Einwohner | BIP pro Kopf in kks-Euros 2008 (Kaufkraftstandards, d.h. bereinigt um unterschiedliche Preisniveaus) | Fläche |
| EU | 493 Mio | EU 27: 24900 / EU 25: 26900 / EU 15 27700 |
4.3 Mio. Km2
|
| Deutschland | 82 Mio | 29700 |
356’854 Km2
|
| Frankreich | 60,4 Mio | 28500 |
550'000
Km2
|
| GB |
58,6
|
31600 | 242'500 Km2 |
| Italien |
57,6 Mio.
|
26300 | 301'263 Km2 |
| Spanien |
39,4
|
26400 |
504'782 Km2
|
| ... | ... | ... ... | ... |
| Polen | 38,6 Mio. | 14800 | 313'000 Km2 |
3. Weitere Probleme: Die Systemkrise
Die Bürger sind im vollen Sinne des Wortes
noch nicht in Russland angekommen;
die Konsumenten sind jedoch schon da. [S. 16]
Der Anteil der KMU am BIP beträgt nur gerade 13-15%. Auf der Weltbankliste "doing business" rangiert Russland auf Rang 106 (von 178. D: 20). Für den Bau einer Lagerhalle etwa werden 54 Unterschriften und 704 Tage benötigt (OECD-Durchschnitt: 14 Unterschriften, 153.3 Tage. (2008)), für eine Lizenz 22 Schritte, die 531 Tage benötigen (2007).
3.1 Systembedingte Probleme:
Schutz des Eigentums war für diese Gruppen sichergestellt (d.h. sie konnten ihn durch eigene oder gekaufte Milizen, Politiker und Richter selbst sichern) - Schutz des Eigentums anderer vor ihren Übergriffen war und ist nicht zu machen.
Die Unausweichlichkeit einer Systemkrise (M.G. Deljagin, S: 177-181)
Die konsequente Absage an die Lösung de immer dringenderen und sich unablässig verschärfenden sozioökonomischen Probleme wurde durch das in den letzten Jahren entstandene politische System selbst bedingt, das die Bürokratie (besonders die der Machtministerien) von jeglicher Verantwortung vor der Bevölkerung befreit und mit einer völligen Freiheit zu Willkürmassnahmen im Austausch gegen Loyalität ausstattete.
Streng genommen war der Hauptinhalt der 15 Reformjahre die unablässige und konsequente Befreiung und Emanzipierung der herrschenden Bürokratie von jeglicher Kontrolle; auf diesem Weg wechselte sie nicht nur ihre Verbündeten, ihre Rhetorik und ihre Ideologie, sondern veränderte sich auch selbst - bisweilen hat sie ihr Ziel, dessen Symbol die JUKOS-Affäre wurde, noch nicht erreicht, nämlich die praktische Ausrottung der Demokratie als Institution, die den Staat zur Verantwortung vor der Gesellschaft zwingt, und infolgedessen die Diskreditierung aller äusseren Merkmale der Demokratie durch den Staat. Dabei ist eine autoritäre Modernisierung unmöglich, insofern sie die Verantwortung der Elite vor der Gesellschaft fordert, ein Gedanke, der der gegenwärtigen Elite des Landes, die sich im Zuge des Prozesses de bewussten Zerstörung und des Raubes des Eigentums des Landes gebildet hat, organisch unzugänglich ist. [S. 177]
Neue Verstaatlichung der Wirtschaft:
Der Hauptgrund der Systemkrise, vor der Russland steht, ist jedoch die Existenz des - die wichtigsten Einflussgruppen völlig zufriedenstellenden - ökonomisch-politischen Modells, das die Möglichkeit sozioökonomischer Entwicklung praktisch ausschliesst. [S. 179]
Viele Unternehmen erlitten grosse Verluste, aber, um am "Zukunftsmarkt" teilnehmen zu können, werden diese weitgehend verschwiegen.
Pawel Astachow hat in einem Buch (David Nauer: Wo Uebernahmen noch wirklich feindlich sind. Tagesanzeiger 3.10.07. S. 27) den neuen Brachialkapitalismus Russlands beschrieben - aber dafür wiederum Putin verantwortlich gemacht, der mit der Zerschlagung von Jukos das Vorbild geliefert habe. Raider versuchen zur Zeit in Russland sich alles unter den Nagel zu reissen, von dem sie sich Profit versprechen. Das geht von Restaurants und Lebensmittelgeschäften bis zu Supermärkten, Sportstadien, Sanatorien, ja Oeterminals und Rüstungskonzernen. In der Wahl der Mittel ist man nicht zimperlich: Fälschen von Aktienregistern, Einsatz von Schlägertruppen, Unternehmen durch falsche Anschuldigungen in Konkurs treiben, gekaufte Gerichtsbeschlüsse etcetc.
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Fazit: Russlands Bereitschaft für Kapitalismus und DemokratieWeder die Bevölkerung noch die Beamten denken, dass die politischen Parteien, die Gewerkschaften, die Staatsduma oder die gesetzgebenden Versammlungen der Regionen eine irgendwie geartete wesentliche Rolle bei der gesellschaftlichen Kontrolle der Bürokratie spielen könnten. Drei Viertel der Bevölkerung konstatieren allerdings keine Übergriffe von Seiten des Staates und seiner Organe und sind überzeugt, dass es noch ehrliche und anständige Leute, Aerzte, Milizionäre und Beamte gibt. Sie sehen die Hauptaufgabe des Staates daran, die Zahl derselben zu erhöhen. [S. 209]
Durchgängig stehen dem russischen Normalbürger sozialer Frieden und materielles Wohlergehen laut Umfragen um Stufen höher als Presse- und Wahlfreiheit.
Die Ausgangsbedingungen für eine freie Marktwirtschaft (="Kapitalismus") sind damit (1 Erfahrungen mit Räuberkapitalismus, nicht funktionierendes Parteiwesen, korrupte, dem Volk entfremdete, bürokratische Regierung ... etcetc. mehr als lausig in Russland, denn die Russen glauben NICHT daran, dass
a) Eigentum die Belohnung für persönliche Anstrengung ist
und
b) dass gewissenhafte Arbeit unter den heutigen Bedingungen zum Grundstein
von Erfolg und zur Quelle von Wohlergehen werden könnte.
All dies hängt vom Zufall und persönlichen Beziehungen ab. Für eine gewaltige Kapitalismuskritik müssen sie heute nicht mehr Marxens Bibliothek benutzen, denn sie haben von der 1. Stunde an erlebt, wie Kapitalismus funktioniert. Schlaumeierei, List, Glücksspiel, viel Geld und Macht, das sind die wahren Ingredienzien des Kapitalismus - nicht Freiheit und Leistung.
Dies ist um so tragischer, als in der Geschichte Russlands (und das sind immerhin gut 1000 Jahre) nie Erfahrung mit Demokratie und dezentraler Organisation (wie sie auch, ja gerade die freie Marktwirtschaft erfordert) gesammelt werden konnte.
| Oligarchen-Rangliste 2009 ¨[David Nauer: Milliarden verloren, Milliardär geblieben. Tagesanzeiger, 23.2.09, S. 23]: | |||||
| Name | Branche | Rang 2008 | Vermögen in Milliarden $ | Rang 2009 | Vermögen in Milliarden $ |
| Michail Prochorow Roman Abramowitsch Wladimir Lisin Wagit Alekperow Sulejman Kerimow Michail Fridman Wladimir Potanin Oleg Deripaska Dimitri Rybolowijew Alischer Usmanow |
Schwerindustrie, Finanzen, Energie Schwerindustrie, Bau Schwerindustrie, Transport, Finanz Oel, Gas. Finanzen Finanzen Telekom, Medien, IT, Oel, Gas, Finanzen, Detailhandel Schwerindustrie, Finanzen, Bau Schwerindustrie, Maschinenbau, Bau, Energie Chemie, Dünger, Parfum Schwerindustrie, Telekom, Medien, IT, Finanzen |
7 2 3 11 8 4 6 1 14 12 |
21.5 23 22.2 13.5 18 22.2 21.5 40 11.7 13.3 |
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 |
14.1 |
Juli 2010: Aber es bewegt sich auch einiges. Da China inzwischen eine transeurasische Eisenbahn plant, versucht Russland die transsibirische an das europäische Eisenbahnnetz anzuhängen. Problematisch sind hier a) die unterschiedlichen Spurweiten (Transsib ist Breitspur). Auch wird der kürzere Weg durch Ungarn weniger geschätzt, auf Grund der (gelinde gesagt) "etwas seltsamen Politik" die gegenwärtig dort herrscht. Die Erschliessung Chinas (und Zentralasiens) mit der Eisenbahn brächte beträchtliche Verkürzungen der Transportdauer. Während dem ein Containerschiff 30 bis 35 Tage braucht von Shanghai nach Rotterdam oder Hamburg, würde ein Eisenbahnzug die Strecke in 14 bis 18 Tagen bewältigen. Der Schifftransport bleibt allerdings a) günstiger und b) müsste erst noch der grösste Zeitfresser beseitigt werden, die Zölle in Zentralasien (Holzlieferungen vom Norden (Kirgistan) in den Süden (Tadschikistan) benötigten 1996 noch Monate ...)