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Politische Utopien von der Klassik bis zur Postmoderne - und die heutige Aufgabe einer neuen Utopie als <Konzeptentwurf Zukunft>

[Arno Waschkuhn: Politische Utopien. Oldenbourg Verlag München, Wien.2003]

Utopien kommen auf keiner Landkarte (u-topia: ohne Ort, Platz) vor - sind aber nützliche Denkanstösse und Stimulanzien die uns auf neue Möglichkeiten, Erfindungen, Entdeckungen vorbereiten. Utopien entwickeln quasi im Gedankenlabor eine neue Wirklichkeit - die aber stärkere oder schwächere Verbindung zur Alltagsrealität hat. (Dass es sich oft um abgelegene Inseln handelt, beschränkt diese Aussage doch einigermassen. Noch einschränkender allerdings ist, dass sie die Komplexität der Welt auf ein einzelnes wichtiges Prinzip oder Ziel beschränken, wie etwa die Freiwirtschaft, bei der ein negativer Zins auf Bargeld automatisch zu einer besseren Welt führt.

Heute ist die Utopie vom Vormittag die Wirklichkeit vom Nachmittag.
Nietzsche

Definition Utopie:

Utopien sind zukunftsorientierte Spekulationen über Möglichkeiten gesellschaftlicher Strukturen - und manchmal realisierbare Programme. Häufig liegt ihnen die Sehnsucht nach wahrer Gerechtigkeit zugrunde, weshalb sie des öftern als sittenstrenger Staatssozialismus enden. Typisch sind auch meist Selbstbescheidung, Mässigung, Verzicht auf Luxus, also Subsistenzwirtschaft.

Eine romanhafte Schilderung oder konkrete detaillierte Beschreibung einer mit der Realität nicht übereinstimmenden in sich geschlossenen ökonomischen, politischen, sozialen oder geistig-moralischen Ordnung einer fiktiven Gesellschaft. [Weber-Schäfer]

Utopien zeigen, wie unsere Welt nicht ist - aber sein soll.

Utopien sind konstruktivistische Leistungen die eine neue Welt bauen, neue Konzepte und Ordnungsentwürfe, neue Orientierungen geben. Sie zeigen was denkbar ist - wenn auch nicht unbedingt wünschbar.

Utopien sind normative Gedankenexperimente, konstruktivistische Entwürfe möglicher Wirklichkeiten.

Utopien sind Modelle rationalen sozialen Theoretisierens. Jede Utopie ist Zeitkritik, da die vorherrschenden Tendenzen als negativ betrachtet werden oder zumindest als verbesserungswürdig. Utopien sind also auch Gesellschaftskritik und in der Funktion unverzichtbar.

Utopien sind keine Ideologien sondern streben Gegenwirkungen zu bestehenden Zuständen an, womit sie unter Umständen eben zu Wirklichkeit (und dann leider oft die Ideologie) von morgen werden.

Negative Utopien, Anti-Utopien, Dystopien die totalitäre Ungeheuer, Freiheitsbeschränkung, Manipulation und Überwachung zeigen bis hin zur Apokalypse - oft gerade wegen der Perfektionierung von Wissenschaft, Technik und rationaler Verwaltung. Schwarze Utopien wie George Orwells 1984 sollen als Warnung verstanden werden

Positive Utopien zielen auf Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden. Sie basieren auf dem Prinzip Hoffnung und präsentieren ein Ideal, eine von Ausbeutung und Elend, von Lastern, von Übeln, von Not, kurzum von allem Bösen befreite Welt.

 

Ziele von Utopien

Gerechtigkeit, Harmonie, Herrschaftsfreiheit, ... oder, nach meiner Auffassung (s. Die wichtigsten Aufgaben des Staates):

  1. Frieden

  2. Freiheit aller

  3. Schutz der Schwachen

  4. Förderung des Gemeinwohls

  5. Gerechtigkeit - gerechtes Regime(nt) - Führung, Orientierung, Richtungsgebung ...

  6. Ganzheitliche, systemische Orientierung (inklusive Wertorientierung!) beim Streben nach Fortschritt

  7. ...

 

Probleme der Utopien:

Strukturmerkmale utopischer Konstrukte nach Dahrendorf:

  1. Utopia wächst nicht aus der bekannten Wirklichkeit nach realistischen Entwicklungsgesetzen. Utopia ist plötzlich da und wird für immer dableiben

  2. Die Uniformität der Gesellschaften, der allgemeine, problemlos herzustellende Konsens über geltende Werte und institutionelle Ordnungen führt zur Absenz von Institutionen die strukturell erzeugte Konflikte lösen können.

  3. Die allgegenwärtige soziale Harmonie ... deutet immer darauf hin, dass Aussenseiter und Opponenten offenbar liquidiert werden. "Abweichler sind pathologische Individuen."

  4. Alle Prozesse laufen in immer gleichen Mustern ab, als Teil des Ganzen: Der Unterschied zwischen Utopia und einem Friedhof besteht darin, dass in Utopia wenigstens gelegentlich etwas geschieht. [S. 186]

  5. Utopia ist isoliert von allen andern Gesellschaften.

Die meisten Utopien sind, genau wie die Realität, autoritär, asketisch, patriarchalisch, technokratisch und hierarchisch. Immer herrscht ein extremer Rechtfertigungszwang gegenüber dem Kollektiv die so weit geht, dass die Entfaltung kritischer Intelligenz verhindert wird.

In Utopien herrscht der Paternalismus der Guten - verbunden mit Interpretations- und Erziehungsmonopol.

Extremer Reduktionismus:

Utopien sind Systementwürfe, meist aber zuwenig durchdacht, meist eh sehr reduktionistisch, also für die Komplexität der Realität unbrauchbar. Diese reduktionistischen Modelle erzeugen in der Anwendung dann eben meist mehr Nebeneffekte als andere, und meist nicht grad positive.

Utopien sind meist in kleinen, übersichtlichen traditionalen Sippen-Gesellschaften verankert in denen es keine Entfremdung und Egoismus gibt ... kein Mobbing, keine Gruppendynamik, kein Rangeln um Vorherrschaft, also keines der gegebenen reellen Probleme.

Utopische Gesellschaften sind monolithische, homogene Gebilde, freischwebend nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum, abgesondert von der Aussenwelt, die ja stets zu einer Bedrohung der gelobten Unbeweglichkeit ihrer Sozialstruktur werden könnte. [Dahrendorf. Zit. S. 186]

Problematisch ist bei allen, dass sie "die Endlösung" sind, also als Idealzustand gleich verknöchert geboren werden und keine Verfahren einbauen die Entwicklung begünstigen oder schon nur ermöglichen. Ist die Utopie erreicht, besteht die beste aller Welten, die dann mit allen Mitteln zu schützen gilt, und oft eben wirklich mit allen Mitteln. (s. )

Illusionen der Utopien:

Der neue Mensch der Utopien ist eigentlich immer ein besserer Mensch, ein intelligenterer Mensch, ein weiser Mensch. Er ist klüger, stärker, feiner, sein Körperbau harmonischer, seine Stimme musikalisch, seine Interessen vielfältig und kultiviert ... er ist also nicht der Durchschnittsmensch oder gar Prolo der die Mehrheit jeder Gesellschaft bildet. Dies wird gleich wieder zum Problem, denn hier setzen viele Utopien auf gewaltsame Umbildung solch moralischer Mängelwesen, die zum Verfügungsobjekt gesellschaftlicher Planung degradiert werden, was übrigens bereits bei Platon so war.

Kern der Utopien: Utopien sind eine Gemeinschaft der Gerechten - die dann oft eben so zur Weltbeglückung wird, wie alle Imperialismen: Weltreform, Welttransformation, Weltrevolution

Der Utopist ist auf sein Endziel fixiert und entwirft eine Strategie von Mitteln in Bezug auf diese Ziele. Die Ausrichtung des angestrebten Staates ist aber bereits gegeben, Interessenkonflikte dürfen, da dieser ja als ideal angenommen wird, gar nicht auftreten, folglich fehlen Mechanismen zur Aushandlung derselben, wie etwa politische Strukturen (Legislative, Exekutive, Legislative) und der Markt. Diese kleine Vernachlässigung unterschiedlicher menschlicher Antriebe wie Ziele muss also fast unweigerlich zu gewalttätigen Lösungen führen.

Einer der schwierigsten Punkte hier sind die Werte, die von jeder Gesellschaft als universell angenommen werden - es aber nicht sind, denn sonst gäbe es keine unterschiedlichen Gesellschaften. Logischerweise findet sich jede Gesellschaft selbst gut, also die richtigen Werte vertretend, während dem die andern schlecht sind und falschen Werten anhängen, ja Fundamentalisten sind, wenn sie diese nicht augenblicklich mit den von uns als richtig erkannten austauschen. Dass dieser Fundamentalismus zweiseitig ist, wir dann gerne übersehen.

Auch Popper selbst ist dieser Falle nicht entgangen. Er postuliert zwar, dass keine Gegenwart geopfert werden darf für den hohlen, pardon, freudsche Fehlleistung, den hellen Klang der Herrlichkeit der Zukunft (Kommunismus früher, Neoliberalismus heute), klassiert aber alle im offenbar nicht vertrauten traditionellen Stammesgesellschaften als unfrei .. womit er sich eindeutig auf dem Holzweg befindet. (s. Stämme des Jemen).

Positiv ist der Popper mit seiner Lösung: Der wahre Rationalist ist deshalb (: Es gibt kein Fortschrittsgesetz und alles wird von uns selbst abhängen) geneigt, die Menschen grundsätzlich als gleich(berechtigt) zu betrachten und die Vernunft als das sie vereinende Band. Der Andere ist insofern stets eine potentielle Quelle vernünftiger Argumentation. Ihn so zu respektieren heisst zugleich, ihm seine Würde nicht zu nehmen. Hier der Ansatz zu Multikulturalismus und Weltethos.

 

Utopien von der Klassik bis zur Postmoderne - und ihre Hauptthemen

Platon: Politeia:

Nach Platons Staatsauffassung ist nicht die Demokratie, sondern die Aristokratie, als Herrschaft der Besten, die beste Herrschaft, vor allem wenn die Aristokraten Philosophen sind, genau wie er selbst. Kritisch ist er gegenüber der Timokratie (der Herrschaft der <Ehrwürdigen>), der Oligarchie (Herrschaft der Wenigen, also des Reichtums) und der Demokratie (Herrschaft der Heterogenität war er, weil all diese Regierungsformen nicht von hehren, sondern von gemeinen Trieben, den eigenen "niederen" Interessen, beherrscht werden. Platons Staat basiert auch auf einer umfassenden Eugenik und Euthanasie: Die Guten sollen sich nur mit Guten paaren, die Schlechten am besten gar nicht. Die mutigen und siegreichen Krieger dürfen sich Frauen nach ihrem belieben aussuchen und sich vermehren. Die Kinder werden von Ammen und staatlichen Zuchtanstalten aufgezogen ohne ihre Eltern zu kennen - ein System das der extreme Kommunismus z.B. aufnahm.

Bereits bei Platon zeigt sich eines der wichtigsten Probleme der Utopien: Das Streben nach Einheit und Gleichförmigkeit, nach Beherrschbarkeit, nach klarer Ordnung die nicht erschüttert werden darf: Das grösste Gut ist die vollkommene Einheit. Das grösste Uebel für den Staat ist jedoch Zwietracht und Spaltung. Deshalb die vollkommene Auflösung von Eigentum. Es gibt ins Platons Staat kein Mein und Dein, nicht mal mehr was die Kinder betrifft. Produktion und Distribution von Gütern haben ausschliesslich den natürlichen Bedürfnissen des Volkes zu dienen. Wissenschaften wurden nicht der Naturbeherrschung wegen betrieben, sondern dienten als Mittel der Bildung einer philosophischen Gesinnung und als Erkenntnismittel des Seienden.  Platons Staat ist, so philosophisch er sein mag, ein antiindividualistischer Führerstaat für den sich heute kaum jemand mehr erwärmen dürfte.

Thomas Morus: Utopia 1516:

Wo es noch Privatbesitz gibt, wo alle Menschen alle Werte am Massstab des Geldes messen, da wird es kaum möglich sein, eine gerechte und glückliche Politik zu betreiben.

Morus' Utopia ist eine stark befestigte Insel, die ohne Lotsen Fremden kaum zugänglich ist (aha no 1), deren Bewohner vor allem Landwirtschaft betreiben (no 2). Jeder Haushalt zählt mindestens 40 Köpfe. An der Spitze von 30 Haushalten (1200 Menschen) steht ein Phylarch oder Syphogrant. Je 10 Syphogranten (12'000 Bürger) steht ein Tranibor oder Protophylarch vor und 200 Syphogranten (240'00 Bürger) wählen einen Fürsten (Barzanes/Ademus), der mit ihnen als Senat berät.

Ausserhalb des Senates über öffentliche Dinge zu beraten, gilt aus Angst vor einer Verschwörung als ein todeswürdiges Verbrechen. Es handelt sich also nicht mal im Ansatz um eine Demokratie.

Die Utopier arbeiten 6 Stunden pro Tag (also gleichviel wie wir heute ... wo wir ehrlich wären und nur die produktive Arbeitszeit rechnen würden). Der Rest wird mit Studien verbracht (womit auch gleich das lebenslange Lernen schon eingeführt wäre) und Sport. Von der Arbeit kann auch ausgenommen werden wer Studien betreibt ... allerdings nur so lange, als er dies erfolgreich tut. Die Häuser werden alle 10 Jahre getauscht, nach Loswurf.. Die Kleider sind einheitlich, dem Auge gefällig und bequem. Nur die Geschlechter unterscheiden sich - und der ledige Stand von den Verheirateten. Das Essen wird gemeinsam eingenommen.

Aus jedem Haushalt wandern jährlich 20 Personen in die Stadt zurück, wenn sie 2 Jahre auf dem Land verbracht haben. Sie werden in einem Rotationsprinzip durch Städter ersetzt. (Das Prinzip der heilen Landarbeit wurde bekannter Weise ja auch von Mao für seine Kulturrevolution eingesetzt.)

Die Utopier vergrössern ihr Land, sollte es wegen Bevölkerungswachstums zu eng werden, durch Kolonien, die den heimischen Gesetzen und Gepflogenheiten entsprechen. Die einheimische Bevölkerung solcher Kolonien soll zu gleicher Lebensweise und gleichen Sitten mit den Utopiern verschmelzen, sich also an die Imperialisten anpassen, was ja heute eigentlich noch so ist. Kriege werden nur aus gerechten Gründen geführt, also wenn ein Volk seinen Boden nicht selbst nutzt oder gleichsam leer und zwecklos belässt (wie etwa die Indianer Nordamerikas ...) Sollte durch Seuchen die Bevölkerung im eigenen Land zu stark schrumpfen, werden die Kolonisatoren zurückbeordert, denn man lässt doch lieber die Kolonien eingehen als das eigene Land.

Krieg verabscheuen die Utopier. Kriege werden nur geführt um die eigenen Grenzen zu schützen, Gegner, die auf Land von Freunden eingedrungen sind zu vertreiben ... oder aus Mitleid mit einem Volk das von einem Tyrannen unterdrückt wird. Morus hat die humanitäre Intervention von Bush im Irak also längst vorweggenommen.

Das Schlachten wird von Sklaven übernommen, das Kochen von Frauen, denn die edlen Utopier sollen sich nicht an das Zerfleischen von Tieren gewöhnen oder gar schmutzige und mühsame Dienstleistungen ausführen müssen. Dafür hat man schliesslich Sklaven.

Reisen in Utopie ist nur mit fürstlichem Urlaubsschein möglich. Wer ohne Bewilligung reist wird scharf gezüchtigt, im Widerholungsfalle in die Sklaverei verstossen.

In Utopia gibt es keinen Müssiggang, keinen Vorwand zum Faulenzen, keine Weinschänke, kein Bierhaus, kein Bordell, kein heimliches Zusammenhocken. Überall sieht die Öffentlichkeit dem Einzelnen zu und zwingt ihn zu der gewohnten Arbeit und zu Ehrbarkeit beim Vergnügen.

Die Verkehrung des Drangs nach Geld und Besitztümern:

Geld benötigen die Utopier nicht. Was sie aus Handelsgewinnen an Silber und Gold anhäufen dient zur Anwerbung von Söldnern im Ausland oder dazu, den Feind zu korrumpieren. Um das Trachten nach Geld und Gold zu verhindern werden Sklaven mit Edelmetallen gefesselt und Verbrechern goldene Ringe an die Ohren gehängt und goldene Fingerringe angesteckt. So soll Schmuck in Verruf gebracht werden.

Zukünftige Ehepartner präsentieren sich nackt voreinander - was damit zu erklären ist, dass ein allfälliger späterer Ehebruch durch härteste Sklaverei bestraft wird.

Auch hier fehlen interne Konflikte weil geltende Werte und die Ordnung fest stehen (und Abweichungen sofort in die Sklaverei führen). Diese grauenhafte Utopie von Morus zeigt, wie Menschen durch brachiale Gewalt an die Gesellschaft angepasst werden, die Individuen bestimmen. Der "gute" Mensch wird dressiert. Diese funktionale Totalitarität nennt Popper geschlossene Gesellschaft.

Tommaso Campanella: Der Sonnenstaat - oder die Idee einer philosophischen Republik

Der Sonnenstaat ist eine Kritik an Spanien, dass immer mehr vom Gold der Kolonien lebt - und spielt schon wieder auf einer Insel, Taprobana. Deren oberster Herrscher, HOH, Metaphysikus, SOL, Priester und Oberhaupt über alle weltlichen und geistigen Dinge, ist also so was wie der Imam des Jemen bis zur Revolution von 1962. Ihm zur Seite stehen 3 Triumvirn, PON (potentia ... neee, nicht was Sie denken: Macht - Kriegswesen), SIN (sapientia: Weisheit - Künste und Wissenschaften) und MOR (amor: Liebe - Fortpflanzung). Der Weisheitsbeamte ist sogar in der Lage, Wind und Wetter zu kontrollieren. Was der Metaphysikus denkt, dem stimmen alle einträchtig zu. Er bestimmt also, in einer, seiner Person, unumstösslich und ultimativ den Konsens ... was ein Witz ist. Alles ist in Gemeinbesitzt, auch die Frauen. Kriminalität und Verstösse gegen Höflichkeit und Ehrlichkeit kommen nicht vor ... und unter den Sonnenstaatlern finden ständig gelehrte Unterhaltungen und Disputationen statt. (ja mei ... denen träumt's aber. Fragen Sie mich mal, wie viele Reaktionen ich auf meine Beiträge (rund 750 an der Zahl zur Zeit) bekomme und wie viele an philosophischen Veranstaltungen teilnehmen ...). Vergehen werden (obwohl es sie ja eigentlich nicht gibt ...) ohne Erbarmen mit dem Tod durch Steinigung oder Selbstmord bestraft. Es finden keine Opfer armer unschuldiger Lämmer statt, sondern freiwillige Menschenopfer. Bei Campanelle findet sich nun bereits eine stark gesteigerte Wissenschaftsgläubigkeit gegenüber Morus. Er ist allerdings noch autoritärer, strenger und rigoroser - was zugleich zeigt, dass Wissenschafts- und Technikgläubigkeit nicht ungedingt zu mehr Freiheit führt, sondern zuerst mal zu mehr Kontrolle. Der Staat wird hier zum höchsten Zweck der Gesellschaft, der SOL zum päpstlichen Weltherrscher in Form eines wohltätigen Diktators. Alle 6 Monate wird vom Staat neu festgelegt, wer in welchem Haus und Zimmer schläft.

Der Sonnenstaat ist eine extreme Form der Utopie was Ordnung - Aufhebung von Zufall, Einzelfall, Glücksfall (contingentia, casus, fortuna) betrifft. Er wird von einem konstruktivistischen Willen und Machbarkeitswahn geleitet, dass die Dinge vom Zentrum her ins Gleichgewicht zu bringen sind, also Harmonie per Zwang herzustellen sei. Es gibt keinen freien Gestaltungsraum und keine offene Zukunft.

Francis Bacon (1561-1626): Nova Atlantis (1624):

Und schon wieder ein Schiffermärchen, orientiert am Umbau der feudal-agrarischen Gesellschaft zur kapitalistisch-industriellen. Bacon ahnte, dass diese eine an wissenschaftlich und technischem Fortschritt orientierte Gesellschaft eine neue Philosophie und Ethik brauche. Schiffahrt verboten. Monogame und heterogene Ehe steht über allem, Kinder werden als zweites Leben verstanden (vielleicht enthält diese Utopie ja auch einiges, das heute wieder aktuell ist). Für Atlantis ist eine allgemeine Leitungs- und Führungsfunktion von Wissenschaftlern vorgesehen. Die Besprechungen der 36 Aemter sind aber geheim (das Volk also unmündig)- denn die Wissenschaften sollen vor allem die Abhängigkeit des Menschen von Naturwidrigkeiten vermindern - ohne die Herrschaft der Menschen über Menschen zu vermehren: Rechtmässige Forschung bemisst sich an der Verbesserung der Lebensbedingungen, die sie bewirkt.

Allerdings hat dies nicht verhindert, dass die instrumentelle Vernunft, gefördert durch den Oekonomismus, den Menschen heute zwingt Maschinen zu dienen - statt umgekehrt. Strukturen, durch einen amöbenhaften Markt geformt, formen ihrerseits den Menschen nach quasi mechanischem Standard. Wer diesem nicht gerecht wird, ist draussen, gehört der Gemeinschaft der produktiven marktfähigen Bürger nicht mehr an, wird an den Pranger gestellt und verstossen (mein neues Leben xxl ...). Es wird bereits bei Bacon klar, dass die Verfechter des wissenschaftlich-technischen Fortschritts nicht am Glück der Menschen messen, sondern an den eigenen Chancen, an der Macht die ihnen diese Art von Fortschritt gibt.

Fénelon (1651-1715 Erzbischof François de Salignac de la Mothe-Fénelon): Les Aventures de Télémaque fils d'Ulisse.

Auf der Suche nach seinem Vater findet Telemach zwei ideal organisierte Gemeinwesen: Bétique und Salent. Betica/Böotien beruht auf Gütergemeinschaft und lebt frugal (und vegetarisch!), Salent ist eine marode und korruptionsanfällige Monarchie (Kritik am Zustand des Staates unter Ludwig XIV). Betica verfügt über ideales Klima, reichlich Gold und Silber - die aber, zwecks ideologischer Entwertung, zu Pflugscharen geschmiedet werden (wozu allerdings beide Metalle nicht im geringsten geeignet sind). Fast alle Bewohner sind Hirten und Bauern - also wieder ein Rückgriff auf eine "natürliche, gute alte" idyllische Gesellschaftsform. Sie leben in Familienverbänden und bewirtschaften das Land gemeinsam. Die Sitten sind einfach. Luxus und Laster werden verabscheut. Richter sind nicht nötig, weil jedem sein Gewissen sagt, was gut und böse ist. Falls doch, üben die Familienväter das Recht aus. Krieg kennen sie nur zur Verteidigung der Freiheit. Die Ehe ist lebenslang und unauflöslich.

Dem zerrütteten Salent wird nun ebenfalls eine naturgemässe Verfassung aufgedrückt: Landwirtschaftliche Produktion in patriarchalischer Grossfamilie. Männer sind für Ackerbau zuständig - Frauen melken, kochen und besorgen das Haus. Die Gesellschaft ist in 7 Klassen/Stände aufgeteilt, deren Lebenshaltung (Lebenqualität/lifestyle) detailliert festgelegt ist, dass die Kleidung zur Uniform wird. Die Kultur wird staatlich bestimmt uns steht ganz im Dienste sozialer Notwendigkeit. (Kulturutilitarismus ist fast allen Utopien eigen, die sich als rigide Erziehungsgesellschaften verstehen. Apropos rigide Erziehungsgesellschaft: Deutschunterricht ab 3 Jahren dürfte da wohl kaum noch überboten werden! Wir leben in präzise einer solchen Gesellschaft, die alle Mitglieder auf Produktivismus dressiert.)

Wir haben bisher zwei Utopie-Schulen, die beide auf dem Ideal des bons sauvages, des guten Wilden, der Vor-Zivilisation (civis = Stadt) basieren. Sie unterscheiden sich darin, dass die eine herrschaftsfrei ist, na ja, zumindest staatsfrei und Architektur wie andere Künste als überflüssig betrachtet; während die andere eine etatistischische, also staatsorientierte Ausformung bevorzugt, die zu Homogenität in Besiedlung, Kleidung, Sprache, Tagesablauf - und Ansprüchen führt, womit die ideale Grundlage für eine Planwirtschaft dann vorhanden wären. Fénelon fordert auch bereits das Gemeineigentum und die Einführung föderaler kommunistischer Gemeinden - per Revolution. Das war, wohlgemerkt, anderthalb Jahrhunderte vor Marx & Co.

Jean Meslier (1664 oder 1678- 1729 oder 1733): Aufklärungssozialismus:

Was wären zum Beispiel die grössten Prinzen und die grössten Potentaten der Erde, wenn die Völker sie nicht unterhielten? Sind es nicht die Völker, die ihre ganze Grösse, ihre ganzen Reichtümer und all ihre Macht ermöglichen? ... Und sehr aktuell: Die Häuser der Reichen, in denen sich der Ueberfluss der Güter häuft und in denen man die Freude und das Entzücken des Paradieses geniesst, befänden sich in unmittelbarer Nähe der Behausungen der Armen, in denen materielle Not herrsche und das Elend einer wirklichen Hölle erlitten werden müsse. ... Die rechtliche Gleichheit müsse mit der materiellen verbunden sein.

Meslier kritisiert das arbeitslose Einkommen des Adels und der Geistlichen - will föderalistisch organisierte communautés agricoles. Ehen sollen geschieden werden können, damit das Leiden an unvereinbaren Charakteren aufhöre. Die Gemeinschaft übernimmt die Erziehung der Kinder. Stände und Besitzunterschiede verschwinden. Alle erhalten den selben Unterricht in Sittenlehre, Wissenschaft und Kunst. Auch Meslier vertraut, wie fast alle Utopisten, auf die absolute Macht der Pädagogie.

Auch hier handelt es sich um eine Kritik an dem nur noch mit Gewalt zusammengehaltenen Feudalsystem unter Ludwig XIV: Die enorme Ungleichheit der Menschen in diesem System erschien nicht mehr als gottgewolltes Schicksal, sondern wurde als Folge des politischen Geschicks erfahren, mit dem die Mächtigen ihren Reichtum und Einfluss einsetzten und mit dem sie sich oft gegenseitig vernichteten. Analog dazu dürfen und müssen wir uns heute fragen, ob die enormen Unterschiede wirklich vom Markt gewollt sind ...

Morelly (1715-?): Untergang der schwimmenden Inseln oder Königsgesang (Basiliade) vom erlauchten Pilpai:

Morelly ist vergessen und unbekannt ... hat aber offenbar als erster versucht, die naturrechtliche Gleichheit aller Menschen als Menschen und ihre Ungleichheit, d.h. Vielfalt, als harmonische Ungleichheit zu erfassen, d.h. moderner ausgedrückt, Pluralismus zu begründen. Verschiedenartigkeit sei ein Hinweis auf die Notwendigkeit gesellschaftlichen Zusammenschlusses (Arbeitsteilung) - nicht aber eine Berechtigung zu Herrschafts-Knechtschafts-Verhältnissen.

Die geheiligten Grundsätze:

  1. Niemand darf etwas anderes als Eigentum haben als das, was seinem gegenwärtigen wirklichen Gebrauch dient. - Womit er noch massiv über die Forderung der Freiwirte # hinaus geht, die bloss den Besitzt von Bargeld limitieren wollen.

  2. Alle Bürger werden vom Staat beschützt, erhalten und beschäftigt. Es wird also ein Recht auf Leben, bzw. Lebensunterhalt und auf Arbeit festgelegt.

  3. Jeder ist verpflichtet, nach seinen Kräften, Talenten und seinem Alter zum Staatsnutzen beizutragen.

Hier kommen nun zum ersten Mal in der utopischen Literatur Bestimmungen über das Wirtschaftsleben und die Wirtschaftsordnung vor, auf die sich Cabet und Proudhon berufen werden.

Im Städtebau des idealen Staates, nach dem <Code de la Nature> aufgebaut, herrscht allerdings wieder mathematische Exaktheit konzentrischer Kreise, Symmetrie, Uniformität. Krankenhaus, Altersasyl, Gefängnis und Friedhof kommen vor, allerdings im letzten Kreis, hinter den kooperativen Werkstätten, den Ateliers, den öffentlichen Magazinen und Versammlungssälen, die den grossen zentralen Platz umgeben. Alles ist eingepasst, ausgewogen, vorgesehen in dem wunderbaren Automat der Gesellschaft. Die Kleidung uniform, die Lebensführung einfach. Erst nach 30 Jahren darf ein eigener Kleidungsstil praktiziert werden. Scheidung ist erst nach 10 Jahren möglich, Wiederverheiratung nur 1 Mal. Die Familien patriarchalisch organisiert, Erziehung staatlich geplant.

Die fundamentalen Sätze der Philosophie sind für ewige Zeit festgelegt: Die Moralgesetze haben keinen andern Zweck als die Nützlichkeit der Gesetze und des sozialen Lebens zu beweisen, sowie die Liebe zur Arbeit zu fördern. Philosophie wird also unmöglich, da Wahrheit bereits im Dogma festgelegt wurde. Neue Erfindungen und Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften finden allerdings schnell Eingang in die Enzyklopädien, da sie der praktischen Lebensgestaltung dienlich sind. (Heute würden wir sagen: Die schnelle Verwertung wissenschaftlicher Ergebnisse ist unerlässlich für das Wachstum der Wirtschaft und damit das Bestehen im internationalen Wettbewerb. Sooo weit weg sind also die Probleme des 18. JH gar nicht mehr von den heutigen.)

Rétif de la Bretonne (1734-1806): La Découverte australe par un Homme-volant ou Le Dédale français (Chapitre II): 

Die Megapontier leben in Gleichheit und Gütergemeinschaft. Die allgemeine Arbeitspflicht ermöglicht geringe Arbeitszeit sowie die Anpassung der Aufgaben an die individuellen Fähigkeiten und Neigungen, vor allem aber der häufige Wechsel in der Beschäftigung, gestalten die Arbeit zum Vergnügen und Spiel. Die Megapontier halten es für eine grausame Strafe, Menschen zur Untätigkeit zu verdammen. Lediglich Jugendliche unter 20 und Greise über 150 sind von körperlicher Arbeit befreit. Die Arbeit ist jedoch lustvoll besetzt, weil sie weitgehend autonom, d.h. ohne Befehle erfolgt. Eben so hedonistisch sind die Beziehungen der Geschlechter organisiert. Ehen werden nur auf 2 Jahre geschlossen und dann automatisch aufgelöst. Die Erziehung wird vom Staat übernommen, es sei denn, die Eltern wollen sich nicht trennen, wozu offenbar kein Zwang besteht. Nicht nur utopisch sondern illusorisch, also falsch ist Rétifs Annahme, dass die Intelligenz aller auf hohem Niveau und gleich verteilt sei. Er eliminiert also genau das Problem, dass uns heute eigentlich am meisten zu schaffen macht in der gerechten Verteilung von Arbeit und damit von Lohn und Wohlstand.

Es handelt sich um ein Reformkonzept einer halbfeudalen Gesellschaft mit 3 Ständen: das einfache Volk, das Bürgertum (Beamte, Gelehrte, der mittlere Stand, heute Mittelschicht genannt), Oberschicht aus Adel, Geistlichkeit und Grossbürgertum. Die bäuerlichen Genossenschaften haben kein Privateigentum. Entscheidend ist die Produktivgenossenschaft.  Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen. Auch hier herrscht Uniformiertheit, allerdings jeweils innerhalb der Stände. Materielle Gleichheit wird nicht gewünscht - aber eine <natürliche>, d.h. bedarfsdeckende Bedürfnisbefriedigung steht im Vordergrund. Effizienz wird durch eine hohe und strikte Leistungsmoral erreicht. Das Gewinnstreben soll nicht vernachlässigt werden. Damit verbunden ist eine Abwertung staatlicher Institutionen, die allerdings durch die Etablierung von Eliten kompensiert wird. Es herrschen Arbeitspflicht und Ehezwang sowie eine Rationalisierung der Erziehung und eine generelle Gestaltung des Lebens, die bis zu bestimmten Menuvorschlägen für einzelne Wochentage geht. (Auch das könnte in nicht all zu ferner Zukunft wieder vorliegen.)

Retif ist damit der Gegenwart sehr nahe, in der der Zwang sich dem Arbeits-Markt anzupassen staatliche Institutionen eigentlich überflüssig - oder zu Gehülfen der Marktgestalter macht.

Louis Sébastien Mercier (1740-1814): Das Jahr 2440:

Alles ist nach Nützlichkeitserwägungen geordnet und rationalisiert. Man trägt einfache und bequeme Kleidung, lernt moderne Sprachen statt Griechisch und Latein. Naturwissenschaften statt Metaphysik und Philosophie. Theologie und Jurisprudenz sind verbannt. Politikwissenschaften gab es nie. Bildende Kunst kommt nur als Instrument der moralischen Erziehung eine gewisse Bedeutung zu. Zensur und Bücherverbrennungen sind selbstverständlich - wie sie es ja auch bei Platon war! Schriftsteller unterliegen nicht bloss staatlichen Regelungen, sondern werden tagtäglich von zwei tugendhaften Bürgern aufgesucht, die Überzeugungsarbeit leisten, bis sie ihre gefährlichen Grundsätze widerrufen. (Gesinnungsterror der modernen Art also). Diskursive Auseinandersetzung hat hier keinen Ort (= Philosophie ist Utopie), da alles was richtig und falsch ist apriori gegen ist. Die Anwendung offener revolutionärer Gewalt zur Durchsetzung dieser Revolution wird nicht ausgeschlossen. Hier eines der grössten Probleme (und Motive) von Utopien und Sekten: Ihre Urheber wollen gleich auch Begründer und Herrscher des "idealen Gemeinwesens" werden. Die neue Ordnung bedingt einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Utopia kommt mit einer Streitmacht von der Insel aufs Festland zurück.

Thomas Erskin (1750-1836): Armata

 

19. Jahrhundert: Industrialisierung und Technik werden zum Fundament der Utopien.

Zumeist versprechen diese eine spannende Zukunft mit viel Reichtum, lösen also die alten Utopien der Bescheidenheit und Selbstversorgung, insbesondere des Luxusverbotes ab. Der drakonische Arbeitszwang wird durch selbst bestimmte Tätigkeit ersetzt.

Utopischer Sozialismus

Die frühen Fabriken waren dasselbe wie Galeeren; ein verhungerndes, schlafloses, verzweifeltes Proletariat wurde an Maschinen gekettet.

Ernst Bloch 1985

Robert Owen (1771-1858):

Owen war selbst Fabrikbesitzer. Schon mit 20 leitete er eine moderne Maschinenfabrik in Manchester, heiratet mit 29 die Tochter des Besitzers und wird Teilhaber. Er setzte darum auf Reformen, die er selbst vorbildlich durchsetzte!, verwarf Streik, ja sogar den Kampf um politische Freiheiten. Er suchte Versöhnung und erwartete, dass Herzöge, Minister, Fabrikanten aus lauter Einsicht und Menschenliebe dem Kapitalismus absagen. (Bloch 1985) Damit war wohl nix ...

Auf Grund seiner atheistischen Neigung hatte er Schwierigkeiten in England, scheiterte aber in den USA mit den Musterkolonien (Solidargemeinschaften) New Harmony (1825-1828) und Queenswood (1834). Er ist damit einer der Begründer der Tauschbörsen, die auch heute noch viele Anhänger haben ... aber nicht eigentlich eine Alternative zum kapitalen Herrschaftssystem darstellen. Kooperation und Vereinigung, basierend auf direkter Begegnung (Tauschen), sollten das Konkurrenzdenken ersetzen. (Dass das nicht so einfach geht, zeigt amüsant "Hans im Glück" aus der Pro 7 Märchenstaffel, welche auch andern Märchen einen etwas moderneren Gehalt gibt).

Privateigentum, Ehe, positive Religion - nannte Owen die Dreieinigkeit des Bösen.

Owen fordert Oekosozialismus (Vorläufer der Grünen) mit föderativen kleinen Gemeinschaften/Lebenskreisen - ohne staatliche Lenkung, basiert also bereits teilweise auf anarchistischem Gedankengut.

Charles Fourier (1772-1837):

Fourier träumte von einem Perpetuum mobile aus Wirtschaft und Eros. Er wollte Sexualität und Arbeit miteinander versöhnen, jenseits von jeder Art von Gewalt und Zwang und in einer Umgebung von äusserstem Luxus. Vom freien Markt hielt er nichts. Handel und Ehe hasste er wie die Pest. (Mutter ängstlich, geizig und bigott, Vater tyrannisch). Die Erotik, obwohl die Hälfte seines Systems, wurde unterschlagen. Er scheiterte völlig.

Arbeit ist notwendig -aber sie muss libidinös besetzt sein, d.h. in der modernen Sprache der Hirnphysiologie ausgedrückt: Glückshormone produzieren, in der Sprache der Psychologie: zu Erfolgserlebnissen führen - und dies nicht nur bei den Gewinnern des Wettbewerbs.

Die Lust garantiert den Erfolg und der Erfolg bringt Geld. Geld wiederum bringt Luxus und vermehrt die Lust. Das alles findet in riesigen genossenschaftlichen Vereinigungen statt, die nach Ausmass und Aussehen dem Schloss von Versailles ähneln. Er schafft als erster eine Pluralismustheorie, basierend auf den drei Kompassnadeln der sozialen Welt:

  1. Streitlust (cabaliste): Wettbewerb

  2. Schmetterlings- oder Veränderungstrieb (papillonne): Innovationstrieb, Forschungsdrang, Drang zum Neuen, Unbekannten. [s. Was den Menschen antreibt (nebst Geld und Sex natürlich ...)  Interesse-Interessen, Fremdbestimmung und Langeweile

  3. Begeisterung (composite): Motivation, Engagement, Interesse

Die soziale Kunst besteht nun darin, dieses Zusammenspiel nicht mehr dem Zufall zu überlassen, sondern die richtigen Proportionen zu finden und sie so zu kombinieren, dass ein soziales Kunstwerk entsteht. Dadurch werden produktive Kräfte frei, die allen bisherigen Gesellschaften völlig unbekannt waren. Für diese autopoietische Selbstintegration ist nur ein Minimalstaat nötig. Jeder ist als polyvalentes und multikompetentes "Neigungssubjekt" frei und übt nur die Tätigkeit aus, in denen er vorzügliches zu leisten imstande ist, wozu er sich in kleinen Teams zu bestimmten "Leidenschaftsserien" verbindet. [S. 111]

Fourier war auch einer der Ersten, die auf ökologische Probleme aufmerksam gemacht haben und sich für die Emanzipation der Frauen aussprach:

Der soziale Fortschritt ist daran zu messen, wie eine Gesellschaft ihre Frauen behandelt.

Etienne Cabet 1788-1856)

Cabet bejahte als erster kollektive Betriebsmittel in der Industrie, verwendete als erster das Wort communisme, das dann von Heine verdeutscht und in Deutschland eingeführt wurde - aber quasi umgehend zum Schimpfwort mutierte. Von der ikarischen Gemeinschaft wurde er in seinem letzten Lebensjahr selbst ausgeschlossen, als er seine Machtfülle erweitern wollte. Ikarien ist eine Welt völliger Gleichheit, die von Ingenieuren und Beamten regiert wird, also eine Fachwelt. Ein luxuriöser Lebensstandard ist aufs peinlichste geregelt, der Tagesablauf, das Eheleben, die Kleidung, Nahrung; Erziehung. Individuelle Abweichungen sind nicht vorgesehen. Moral und Tugend werden bis zum puritanischen Exzess mit einem Kontrollperfektionismus benthamscher Art überwacht. Gearbeitet wird von 6 Uhr morgens bis 15 Uhr. Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen. Die Planung ist zentralistisch und rational, sie verfährt nach Sequenzen: Erst das Notwendige, dann das Nützliche, das Angenehme und das Schöne. Die Geschlechterrollen bleiben konventionell (Sex ist tabuisiert und wird nicht erwähnt.) Die Kleinbürgermentalität feiert Urständ. An Mussolini erinnert auch die Architektur, Disziplin, Uniformen und die Verehrung des  toten Diktators Ikar, dessen Bild überall präsent ist, wie das des Schahs im ehemaligen Iran, Chomeinis kurz danach, Saddams im Irak vor Bush etc.). Die Volkssouveränität, die auf einem derartigen Identität aller Einzelheiten aufbaut ist ein unglaubwürdiges Konstrukt.

Claude Herni de Saint Simon (1760-1823):

Saint-Simon zählt nebst Bauern, Arbeitern und Ingenieuren auch Kapitalisten, Händler, Unternehmer, Künstler und Wissenschaftler zur produktiven Klasse, weil ihre Profitinteressen nicht müssig zu sein schienen, d.h. hier beginnt das Geld zu arbeiten ... Er betrachtet die Konzentration des Kapitals, wie von Pareto später belegt, als erforderlich für das Wohlergehen der Menschen und das gesamtgesellschaftliche Wachstum - und will zudem der produktiven industriellen Klasse gleich auch die Macht über den Staat übertragen (ein Zustand der ja inzwischen glücklich erreicht ist in der gegenwärtigen Plutokratie). Die Verteilung erfolgt nach dem Leistungsprinzip: Jeder nach seinen Fähigkeiten und Leistungen. Damit gilt auch, dass jeder zur Arbeit verpflichtet ist. Die Bankiers als Verwalter des modernen Wirtschaftslebens nehmen eine Schlüsselposition ein und sollten als Vertreter der Zentralinstitute gleichsam zu öffentlichen Beamten der industriellen Volksgemeinschaft werden. Wissenschaftler und Künstler haben eine eher dienende Funktion, nämlich als Propagandisten der Zukunftsvisionen der neuen Gesellschaft. An die Stelle einer Verwaltung von Menschen tritt die Verwaltung von Sachen - an die sich allerdings die Menschen wiederum anpassen müssen. Saint-Simon schuf also so ziemlich das, was wir heute haben. Bloch beschreibt dies als durchorganisierte Humanität mit einem Industriepapst an der Spitze.

Cabet und Saint-Simon formulieren zentralistische Lösungen - ohne Individualität. Stirner begründet das ICH als einzige Welt- und Wertbegründungsinstanz:

Anarchisten: Der Staat hat die Macht - der Staat ist der Feind der Freiheit

Geld ist Macht:

Silvio Gesell (1862-1930): Die Freiwirtschaft Freiwirte sehen eine bessere Welt, wenn dem Geld (womit sie dummerweise nur Bargeld meinen) die Macht entzogen wird, präziser der Vorteil, durch Lagerung nicht eben so an Wert zu verlieren, wie etwa Aepfel ... was ja nur in Deflationsphasen gilt, in welcher die Theorie auch entstand, weshalb sie sonst nirgends recht passt und stimmt. Boden soll nicht Eigentum sein (ansonsten ist die Utopie recht kleinbürgerlich), sondern nur als Nutzungsrecht behandelt werden. (s. neues Bodenrecht). Typisch für Utopien ist auch die immer wieder auftauchenden Idee, dieses richtige Wissen doch gleich an Schulen zu lehren ... was aber (Gott sei Dank) nie durchgesetzt werden konnte. Hat ein paar gute Ansätze (Zinsproblem, der eigentlich nur ein Element des Wachstumszwangs ist), ist aber extrem banalisierend was die Wirtschaft betrifft und übertreibt masslos, was die Wirkung des Umlaufszwanges betrifft (negativer Zins).

20. Jahrhundert: Dystopien, basierend auf dem Destruktionspotential moderner Technik und deren Herrschaft

Im 20. Jahrhundert entstehen vorwiegend Dystopien. Die Technik zeigt bereits ihre Fratze, in 2 Weltkriegen. Das Banken- und Börsenunwesen ebenfalls, in der grossen Krise der 30er, die mit dem schwarzen Donnerstag (24. Oktober 1929), einem Börsencrash, beginnt. Die Utopie der besseren Welt durch Kommunismus und Sozialismus zeigt die Probleme von Utopien, die sich als Norm über die Freiheit stellen. Eine kurze Phase des Friedens nach 1945 wird bald von der drohenden Weltzerstörung durch einen Atomkrieg abgelöst. Die unglaubliche Vermehrung des <Wohlstands> frisst die Natur, müllt sie zu, vergiftet Luft und Wasser.

Das Ende der Geschichte von Fukuyama ist keine Utopie, sondern eine Antiutopie, welche die herrschenden Zustände als beste aller denkbaren Welten schildert.

Kontrolle gibt Macht - Kontrollwissen ist Macht:

Aldous Huxley (1894-1963) Schöne neue Welt (1932), (setze ich als bekannt voraus, verzichte drum auf detaillierte Darstellung), Eiland (1962) ... na ja, wie auch nicht ..

Mit Huxley beginnt die totale Konditionierung der Gesellschaft, die pharmazeutisch konfliktfrei ruhig gestellt wird. Ritalin lässt grüssen ...

George Orwell (1903-1950): Farm der Tiere (1945:

Alle Tiere sind gleich- aber manche Tiere sind gleicher. Miniwahr, Minipax und Minlieb, die drei wichtigsten Minsterien etc.) und 1948 dürften ebenfalls bekannt sein, ebenso der Newspeak:

Krieg bedeutet Frieden
Freiheit ist Sklaverei
Unwissenheit ist Stärke

Macht besteht darin, Schmerz und Demütigung zufügen zu können. Macht heisst, einen menschlichen Geist in Stücke zu reissen und ihn nach eigenem Gutdünken wieder in neuer Form zusammenzusetzen.

Damit ist gleich ein Problem des Konstruktivismus benannt. Aber auch ohne dieses sieht Waschkuhn hier mehr oder weniger das Ende der Utopien.

Klaus Bürgle, wie er sich die Zukunft 1959 vorstellte

Neuere Utopien

Auch hier kommt, so positiv man Umweltbewusstsein schätzen muss, Sozialtechnologie zum Einsatz an Stelle von Vernunft und Einsicht, um "Konsens" zu erzeugen. Erst Bookchin findet einen pluralen und libertären Ansatz der Vielfalt und Komplexität erlaubt - auf der Basis von Bürgerkommunen:

Burrhus Frederic Skinner (1904-1990) Futurum II (1948) - die Vision einer aggressionsfreien Gesellschaft. Skinner ist Behaviourist, also der Urheber der Dressurforschung und -theorien, der Verhaltensforschung, der Reiz-Reaktionsmechanismen bei Tier und Mensch.

Es ist für alle wichtig, Güter nicht nur zu empfangen, sondern sich auch an der Hervorbringung zu beteiligen. ... Es gibt viele Wege, Arbeit zu sparen, aber sie dürfen nicht dazu benutzt werden, Arbeitskräfte auszuschalten und der Arbeitslosigkeit dadurch Vorschub zu leisten. Wir können ohne weiteres einen passablen jährlichen Arbeitslohn für jedermann errechnen, indem wir die Gesamtsumme, die die Amerikaner jährlich verdienen, durch die Anzahl der Arbeitssuchenden dividieren. Jedoch bedeutet das für viele eine Herabsetzung des Lebensstandards, die wahrscheinlich, wie die Dinge liegen, undurchführbar ist. (Grundlohn!!!). In einem kleinen Gemeinwesen hingegen würde jedes Mitglied einen Job haben, weil die Arbeit ebenso wie die Entlohnung unter die Arbeitenden verteilt werden könnten. [S. 197]

Kibbutz: Eifersucht, Neid und Unglück sind ungekannt, statt dessen gibt es entgegengesetzte Emotionen, insbesondere Selbstbeherrschung, Wahrhaftigkeit und Toleranz durch ethisches Training, schöpferische Reflexion, intrinsische Motivation, lebenslanges Lernen und positive Milieubildung. Darüber hinaus werden gegenüber materiellen Gütern und Erfordernissen die kulturellen Bedürfnisse deutlich aufgewertet. Es gibt keine Strafen, sondern positive Anreize und eine unterstützende Pädagogisierung sowie Sozialexperimente zur Ausformung von Lebenskunst und Verhaltenscodes. [S. 198]

Eine Individualisierung ausserhalb von Gruppennormen findet in den Futurum-Gemeinschaften nicht statt. An die Stelle von Intelligenz und Initiative werden degradierte Instinkte und organisierter Zwang gesetzt - gleich einem Ameisenhaufen. Die kommunitaristischen Einheiten sind verhaltensdeterminiert und vernichte die persönliche Willensfreiheit. Führung ist nötig, denn das Volk ist nicht in der Lage, ausserordentliche Experten angemessen zu beurteilen, die wiederum den Willen des Volkes gewissenhaft ermitteln können, ja diesen sozusagen veredeln.

Guru und Protagonist Frazier spricht, ähnlich wie Erich Mielke, Staatsicherheitschef der DDR: Dies sind alles meine Kinder .... ich liebe sie. Offenbar ist Liebe vor allem die Anwendung positiver Verstärkung zum richtigen Verhalten. Liebe ist demnach Bevormundung und Verhaltensdressur. Die Menschen sind weiterhin Regelbefolgungsautomaten.

Ernst Callenbach: Oekotopia (1975)

In der ökotopischen Zukunft herrscht freundlicher und direkter Umgang, mit langem Augenkontakt, häufigen Umarmungen. Gratis-Fahrräder stehen allen zur Verfügung, Privatautos sind abgeschafft und durch gemeinsam genutzte Elektrofahrzeuge ersetzt worden. Marihuana ist legalisiert, Recycling allgemein eingeführt wie natürliches Bauen, Geothermie, Sonnen- und Meereskraftwerke. Es gibt zudem kaum mehr Reklame. Wolkenkratzer wurden umgebaut zu verbundenen Wohninseln.  Alles ist an einem stabilen Gleichgewicht und an der Kombination von Arbeit (20-Stunden-Woche) und Spiel orientiert. Die Bewohner sind überwiegend Fussgänger, Freizeitsportler, der Musik sehr zugetan. Sexualität ist frei bis zur Promiskuität (Sex- nicht Lebenspartner).

Es handelt sich um typisch männliche Wunschphantasien der 68er, die von Waschkuhn vor allem in einer Richtung zu recht kritisiert wird:

Sie lieben zwar die Natur, gehen mit ihr aber recht unachtsam um, indem sie dauern in ihr herumtollen müssen, anstatt sie auch einmal in Ruhe zu lassen.

Murray Bookchin (1921-2006): Müssen Sie lesen ... ich auch noch.

Ursula K. Le Guin (1929-): The Dispossessed (1974)

Planet Anarres: Entwickelte sich aus einer Gruppe von Siedlern die vor 170 Jahren von Arras abgeschoben wurden. Unter der Leitfigur Odo (weibl.) entwickelt sich eine Kultur in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Die Gemeinschaft ist bedarfsorientiert (= subsistenzorientiert), ohne Geldwirtschaft, Staat, Regierung. Produktion und Distribution werden syndikalistisch geplant. Auch hier werden Verhaltensnonkonformität und Subjektivierung als Egoisierung gebrandmarkt und marginalisiert.

Planet Urras (es ist wohl rasch und ohne meine Intrerpretation ersichtlich, was damit gemeint ist): Der Planet ist fragmentiert, beherrscht von der Supermacht A-Io, einem kapitalïstisch-neoliberalen Staat mit besitzes- und profitorientierter Gesellschaftsordnung, einer elitären Männerwelt mit plutokratisch-oligarchen Strukturen. Die Landschaften sind herrlich, weil die Urranier inzwischen Umweltbewusst geworden sind, die Städte beeindruckend und das Wohlstandsniveau, mit zahlreichen importierten Waren imponierend. Die soziale Ungleichheit ist dramatisch, doch die Herrschaftsstrukturen stabil, gestützt auf Militär und Geheimpolizei.

Der antagonistische Staat auf Urras, Thu, ist keine attraktive Alternative. Er wird von einem sozialistischen Zentralpräsidenten geführt, die Strukturen sind archistisch und es herrscht ebenfalls Geldwirtschaft.

Ein Plädoyer für freie Selbstbestimmung des Individuums, das allerdings auf Wertbindungen angewiesen ist, die sich indes nicht repressiv auswirken, sondern die Kreativität steigern helfen und die Kooperation universalistisch ausweiten sollten, gerade auch im (nicht nur natur-)wissenschaftlichen und sozialreformerischen Bereich.

Anarres Urras
Freiheit
Besitzlosigkeit
Gleichheit
Emanzipation der Geschlechter
Herrschaftslosigkeit
mutual aid
keine Staatsformen
Frieden

unfruchtbare Umwelt
relativ niedriges Technologieniveau
Unfreiheit
Besitz, Reichtum
Ungleichheit
Rollendenken
Herrschaft
survival of the fittest
rivalisierende Staaten
Krieg
individuelles Leben und Familienleben
fruchtbare, kultivierte Natur
hochentwickelte Technologie

Sally Miller Gearhart (1931-):

Erinnerung (remembering) und Vergessen (dismembering) sowie Neubeginn im Einklang mit der Natur geben in der utopischen Ausgestaltung Gearhards eine eigenwillige produktiv-fiktionale Symbiose ein, die männliche Leser exkludiert. auch diese ökofeministische Utopie ist eine ländliche Frauengemeinschaft, ohne Männer, denn diese Misogyne werden sich niemals ändern.. Damit dürfte sie sich von selbst eliminieren. Diskussion überflüssig. Interessant ist hier aber schon, dass wir z.B. eine Weltregierung erwarten, dass wir von Muslimen erwarten, dass sie unsere Wertvorstellungen, z.B. wie sie in den Menschenrechten formuliert sind, einfach übernehmen - dabei sind auch wir, ohne Muslime und andere Wilde, offenbar schon nicht mal in der Lage, uns zwischen Männern und Frauen zu ertragen und verständlich zu machen. Unter diesen Voraussetzungen ist das Ende der Geschichte, zumal der Menschengeschichte, echt nicht mehr weit.

Planungsutopien:

PARECON: participatory economy - also ein Wirtschaftssystem das primär auf Beteiligung setzt, Kapitalismus und Markt ablehnt. Geht ein bisschen in Richtung klein, bescheiden, lokal, damit recht eindeutig dem Kommunitarismus zuzuordnen. Die Konzepte sind zwar sehr sozial und gut gemeint, nerven aber (mich zumindest), da sie, genau wie die alten Utopien, fast jeden Lebensaspekt im Detail festlegen. Kein Abenteuer mehr, keine Forschung, keine produktiven Krisen ... kurzum, etwas langweilig.

Sozialistische Planwirtschaft ist möglich (Paul Cockshot, Allin Cottrell): Versucht Verteilungsgerechtigkeit zu erzielen über Zeitgeld ... was mit Tauschmärkten eine Utopie ist, mit der ich ausreichend Zeit verschwendet habe ...

....

Mittel Ziele

variabel

fest

Kapitalismus: freier Markt: Wer Geld hat ist frei zu "machen", zu gestalten: Homo oeconomicus Gewinnmaximierung - jeder nach seinem wirtschaftlichen Erfolg (nicht Leistung!)
 
fest
fest
Kommunismus: Der Plan legt Ziele und Mittel fest. Die Ziele sind sozial - die Mittel meist weniger. Die Planer herrschen. Gerechtigkeit heist auch hier vor allem Systemgerechtigkeit.
 

fest

variabel

Sozialismus: zumindest teilweise geplante Produktion und Distribution: Homo sociologicus
Wer gruppenkonforme Spitze ist darf bestimmen.
soziale Gerechtigkeit
Vollbeschäftigung
gerechte Löhne, menschengerecht - nicht marktgerecht
 

variabel

variabel

sozialer Markt: der Homo faber und Homo ludens stehen im Zentrum: Jeder nach seinen Fähigkeiten und Interessen! Über Mittel und deren Einsatz muss demokratisch verhandelt werden.

Persönliches Streben/Leistung ist auch
ausserhalb des monetären/wirtschaftlichen Bereichs möglich.

Problematisch ist hier vor allem die Definition von Markt. Hier wieder ein Fall bei dem Google nicht weiter hilft, denn immer ist Markt als Ort des Tausches, der Begegnung von Angebot und Nachfrage - über Preise und Mengen - definiert.

Hier ist dringend eine generellere Definition nötig:
Markt koordiniert autopoietische Entwicklungen von Teilbereichen durch Selektion, also positive und negative Bewertung - die ja nicht bloss in Geld erfolgen könnte .. und sollte ... theoretisch..

Aus der Tabelle ersehen wir auch gleich die Probleme mit den bekannten unterschiedlichen Organisationsformen.

Kapitalismus setzt das erfolgreiche Agieren am Markt, und damit den recht leicht zu dirigierenden Homo oeconomicus ins Zentrum. Die Menschen sind hier, sofern sie Mittel haben, frei, diese so zu verwenden wie es sie gelüstet - nicht aber, andere Ziele zu setzen. Nicht weil dies verboten wäre wie so manches im Sozialismus, sondern weil es schlicht nicht möglich, da nicht finanzierbar ist.

Kommunismus setzt auf den sozialen guten Menschen, der auch die Macht nur zum Wohle aller einsetzt ... was ja eingermassen in die Binsen ging. Da Ziele und Mittel im Plan formuliert werden, ist dieser quasi geheiligte Grundlage und darf nicht kritisiert werden. Auf die Frage, wie andere Ziele und Mittel eingebracht werden könnten, gibt auch moderne Planungstheorie kaum befriedigende Antwort. DAS Problem des Planes ist nicht die Technik, sondern die Austragung von Konflikten über unterschiedliche Interessen, Meinungen, Ziele, Mittel, Mitteleinsatz etc.

Sozialismus setzt soziale Gerechtigkeit ins Zentrum. Die Mittel dürfen also nicht mehr nach belieben eingesetzt werden, sondern nur, wenn sie die allgemeine Situation verbessern, d.h. wirklich Wohlstand fördern und dabei niemandem schaden (während dem die jetzige Wohlstandsproduktion auf Kosten der Umwelt, der Natur, der Nachkommen und der Klassen geht, über die verfügt wird.) Homo sociologicus

Beide haben fast die selbe Planungsschwäche. Sie setzen auf Planung der Mittel, die beim Kapitalismus ganz unter der Fuchtel des Kapitals ist, beim Sozialismus in den Händen von Funktionären, Wissenschaftlern, Technikern, Bürokraten. In beiden Fällen ist die Freiheit "des Volkes", präziser der Individuen, aus dem es besteht, nicht all zu grandios. Wir stehen heute aber vor einem Problem, dass keines der beiden Extrempositionen lösen kann, denn multikulturelle Verständigung erfordert einen Umgang (Weltethos) mit frei wählbaren Werten und Zielen - wie Mitteln. Dies bedingt eine extrem hohe Dialogkultur und handliche, obwohl komplexe Konfliktlösungsverfahren - wozu die UN und ähnliches noch längst nicht gehört. Solche wären erst zu entwickeln. Homo faber / Homo ludens

s. auch: Plan und Freiheit der zeigt, dass wir immer wählen müssen zwischen Extremen, in dem Falle der Diktatur des Staates (Planwirtschaft), der Diktatur der Firmen (Kapitalismus), der Diktatur der Gruppe (Sozialismus/Kommunitarismus und ähnliche "Alternative") und der Diktatur des Individuums (atomistischer Wettbewerb).

Die Situation heute: Im deutschsprachigen Raum mangelt es uns ganz eindeutig an Utopien, die noch irgend eine halbwegs attraktive Zukunft versprechen. Der englischsprachige Raum ist weitaus produktiver in Sachen Utopien (Demokratie im Irak, Iran, Nordkorea, Yemen ... etc), allerdings liegt das Schwergewicht, eben, auf Dystopien, also Utopien die eher ungeniessbar sind. Von gigantischem Umfang ist hier die Literatur im Bereich Cyberpunk, obwohl diese im Kernbereich nur zwischen 1980 bis 94 entstand. Es geht um Kritik an Kommerzialisierung, Urbanisierung, monopolnahe Strukturen in der globalen Konzernwirtschaft - und die Beherrschung/Ueberwachung der Menschen durch Elektronik.

Irgendwer der sich auskennt sollte den Kokolores mal auf Deutsch präsentieren!

Einige bekannte Filme des Cyberpunk:

Als Gegenpol mit Rückgriff auf die "gute alte Zeit" kam hier der Steampunk auf, die eine Welt entwickelt, in der die Elektrizität eher medizinisch verwendet wird, Energie aber per Dampfkraft verwertet wird. Aehnlich Dieselpunk, Clockpunk, ...

Fürcherliche potentielle Entwicklungen aus Biotechnologie und Genetik werden im Biopunk entwickelt: Jurassic Park z.B.

Literaturtypen, die es im deutschen Raum (zumindest in Deutscher Sprache bei Wiki) offenbar nicht gibt, sind:

Fantasy of manners/mannerpunk in welchen Gesellschaften mit spezifischen, meist traditionellen, städtischen und stark hierarchischen Verhaltensmustern/Traditionen dargestellt werden. Beeinflusst wurde die Gattung durch Jane Austin, Charles Dickens, Alexandre Dumas, Dazu gehört am Rande (commedy of manners) auch Tolkien (Der Herr der Ringe), Merwin Peaky: Gormenghast

Eine spezifische Variante davon sind die graustarkian novels die sich immer im Osteuropa vergangener Jahrhunderte abspielen (ruritanian romance).

Eine leider bei uns ebenfalls nur seltene Variante ist die philosophical fiction/novel of ideas, zu der man, da gerne auch von Erwachsenen gelesen, Jostein Gaarder: Sofis Welt, zählen könnte, wie auch das allerdings weitaus weniger erfolgreiche Buch Annemarie Piepers: Die Klugscheisser. Des weitern, Karl-Josef Durwen: Im Spiegel der Möglichkeiten; und die Alten: Voltaire, Fénelon, Nietzsche, Tolstoi, Musil: Der Mann ohne Eigenschaften (2), Sartre: La Nausée, ... Bedeutungsvoll in den USA ist hier für die Liberalen vor allem Ayn Rand: Atlas Shrugged.

Ausblick

Nach Waschkuhns Meinung wäre es an der Zeit, Utopien verstärkt mit wissenschaftlicher (und philosophischer, meine Meinung) Expertise auszustatten. Hier könnten nomologisches und sozialtechnisches Wissen mit Normativität und Ethik im Hinblick auf elaborierte Ordnungsentwürfe verbunden werden.

Aenderungen müssen auf Neubeschreibungen hinauslaufen, wobei man auf Skripts aus kognitiven und sozialkommunikativen Gründen immer wieder angewiesen ist. Dazu gehören auch Reflexionen über Zielvorstellungen, die die Zukunft markieren sollen. [S. 234}

Sowohl komplexe politische Theoriebildung als auch utopische Konzeptionalisierung haben sich mithin wechselseitig zu beobachten und darauf zu achten, Differenzierung und Integration in möglichst zwangloser und indeterministischer Weise zu einer politisch-praktischen Kompatibilität zu verhelfen, wofür sich analytisch kein holistisches, sondern ein plurales Mehrebenenmodell anbietet, das offen und dynamisch bleibt vermöge der Anerkennung und Nutzung systematischer Teilrationalitäten, aber auch eine gerichtete Variabilität des Gesamtzusammenhanges im Sinne einer Kombination von Autonomie und Kontext (resp. Spezifikation und Universalität) unter Beibehaltung von Heterogenität und Differenz zulässt. Die hochmodernen Bedingungen im globalen Zeitalter allerdings sind besonders kompliziert, denn es gibt kaum noch Gewissheiten, vor allem aber keine Linearitäten und keine Letztzuständigkeiten in den unterschiedlichen Sozialkontexten, Zeithorizonten und Politikrahmungen.

Es tönt kompliziert - es ist kompliziert, denn wie sollten wir einen Welthethos begründen können, wenn sich offenbar nicht mal Männlein und Weiblein wirklich verstehen, wenn Nachbar Nachbar ignoriert, wenn unter Gemeinden Wettbewerb herrscht, wenn die Wirtschaft die Organisation der Gemeinschaft (= Politik) bekämpft, wenn Kulturen nicht dialogfäig sind etcetc.

Der Weltethos ist daher von unten nach oben zu gestalten, bottom up, partizipativ: Er beginnt beim Individuum, kondensiert sich über Familie, soziale Gruppe, Bildungs- und Sozialisierungsinstanzen (Arbeitsplatz!), lokale und regionale Strukturen, Bundesstaaten, Staatenbünde, Grossregionen (Kontinente) bis zur Weltorganisation (UNO und dergleichen, im Wettbewerb mit WTO und dergleichen ...).

Ein theoretisch wie praktisch interessantes Experiment ist hier die inoffizielle Integration der Schweiz in die EU. Offiziell aussen vor - inoffiziell durch "autonomen Nachvollzug" längst integriert. Trotz solcher <Zwänge der Realität> gilt es immer sich zu wehren, gegen eine Gestaltung von Oben nach Unten und überregionale, insbesondere aber globale Zwangsinstitutionen im Dienste der Oligarchie, wie WTO, WELTBANK, IWF, durch verhandlungsdemokratischen Interessenausgleich via faire Vermittlung zu relativieren.

Vielfalt ist Reichtum. Der Einzelne verfügt nie über genug Informationen und ist auf Kommunikation gestellt, die den fairen Austausch von Informationen und Wissen leistet. Ein kontextualistischer Universalismus ist nicht bloss mühsam, weil dauernd verhandelt werden muss, dauernd neue Kompromisse gesucht werden müssen, er ist die einzige Möglichkeit einer Harmonisierung des Gesamtsystems durch.overlapping consensus (John Rawls, dessen Hauptwerk: Eine Theorie der Gerechtigkeit).

Eine autoritäre, strenge Form des Zusammenlebens vielfältiger Kulturen ist offenbar in Singapur gegeben, wie von Oliver Meili bildhaft beschrieben im Magazin Nr. 08, 2.-29.2.08: In der Siedlung soll die nationale Gesellschaft in ihrer ganzen und schönen Varietät vertreten sein - 72% Chinesen, 14% Malaien, 8% Inder. Leben schon 14% Malaien in einem Block, kommt kein Malaie mehr dazu. Das ist nicht sonderlich liberal, aber ziemlich gescheit. So verhindert Singapur dass Gettos entstehen, dass sich die Menschenvoneinander entwöhnen. So müssen sich Chinesen, Malaien und Inder auf engem Raum miteinander vertragen. .. Die Misstöne sind meist nur folkloristischer Natur. Die Inder kochen würziger als die Chinesen, das riecht dann stark und geht den Chinesen auf die Nerven. Die Malaien musizieren gerne, nicht immer zur Freude der Chinesen, die finden, die Malaien würden besser arbeiten als singen. Den Indern ist beides recht egal.

Aufgabe gegenwärtigen Utopismus wäre also:

  1. praktische Politik und komplexe Ordnungsmodelle integrieren

  2. Erneuerungen anregen

  3. Solidarität/Konsens/oder zumindest Mehrheiten begründen für Umsetzungsversuche.

Eine neue Utopie der multikulturellen Weltordnung - als komplexes, entwicklungsfähiges Modell - müsste folgende Themen umfassen: Die wichtigsten Aufgaben des National-Staates heute:

 

Historisch-sozial bedingte Gruppen und Normen im Dialog

  1. Der einzelne Mensch - in Selbstorganisation, in Partnerschaft Mann<>Frau, in der Familie - und in der öffentlichen Kommunikation: Dialogbereitschaft / Entwicklungsinteresse

  2. Citicenship /Bürgerschaft: Mitgliedschaft/Zugehörigkeit zu einer selbstbewussten politischen Gemeinschaft (Gemeinde, Staat, Kultur) - als freiem Gemeinwesen - soziale Gruppe die mit andern Gruppen interagiert! D.h. Dialog ist Grundvoraussetzung!

    Intentionen und soziokulturelles Wissen: Zukunftsstreben (Finalitäten, geteilte Ziele) - Strukturelle, kulturelle Bedingungen (Kausalitäten, gemeinsam erfahrene Vergangenheit)

    1. Sprachgemeinschaft

    2. Wertegemeinschaft

    3. Traditionsgemeinschaft

Motivation

  1. Verbesserungsdrang/Innovationsdrang

    1. Leistungsethik und Glücksstreben (was ist Leistung? Was ist Glück? Beide sind heute recht "verschoben", taugen also wenig als Massstab)

  2. prozedurale Vernunft: Die Gemeinschaft muss funktionieren! Grundlage oft repressiver Ausgestaltung von Utopien und auch heute zunehmenden Autoritarismus.

Bedingungen, Aufgaben von Staat und Rechtsordnung:

  1. Machtbegrenzung und Gewaltenteilung

  2. Rechtsgleichheit und Gesetzestreue: Amtsethik und Verfassungskultur

  3. fairer Wettbewerb

  4. Chancengleichheit im gesellschaftlichen Verkehr

  5. distributive Equität (Verteilungsgerechtigkeit/Gleichheit)

Neue Bedingungen

  1. Gemeinwohl als Konstrukt: Homologie von privaten und öffentlichen Freiheiten

  2. Globale Solidarität: Republikanische Solidarität im Zusammenhang mit inklusiver Gemeinschaftsbildung zielt über partikulare Solidaritätsformen hinaus auf eine universalistische Moral (Weltethos), von der wir noch weit entfernt sind. Problem: Solidarität unter Fremden, Widerspruch zwischen hehren humanen Zielen und Gruppenzugehörigkeit (No 1)

  3. Tolerante Anerkennung von Alterität (Des Andern, der berechtigten "Andersheit") und autonomen Lebenssphären / Kompromissbereitschaft

 

  1. Frieden (neu 1-12)
  2. Freiheit aller (neu 5-6)
  3. Gerechtigkeit ("für alle" ist im Begriff hier bereits enthalten) (neu 7-9)
    - gerechtes Regime(nt) um präzise zu sein, also
    Führung, Orientierung, Richtungsgebung
    ...
    was zumeist unterschlagen wird und ja auch nicht systematisch oder rational oder geplant oder überhaupt irgendwie vernünftig gemacht wird, sondern bloss als Resultat widerstreitender Meinungen, also des "Meinungsmarktes" zu Stande kommt. (neu 2, 4, 6, )
  4. Schutz der Schwachen (5)
  5. Förderung des Gemeinwohls (neu 10)
  6. Ganzheitliche, systemische Orientierung (inklusive Wertorientierung!) beim Streben nach Fortschritt (3)

 

Die Kernfrage der Zeit - Thema des neuen Diskussionforums:

Welche positive Utopie können wir heute vorschlagen?

Dafür sind dialektisch zu verbinden - zu einem
Konzept-Entwurf Zukunft:

Dabei ist Heinz von Foersters Grundgesetz des Konstruktivismus, insbesondere bei der Konstruktion (komplexer autopoietischer Systeme) zentral:

Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten grösser wird.

Goya: Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer, was die technisch-instrumentelle Vernunft, das Produktionswissen, das immer weiter gefördert wird, längst ausreichend belegt.