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Im Zeitalter funktionaler Differenzierung verliert „die“ Politik – so Luhmanns These – ihr angestammtes Steuerungsmonopol; sie wird zu einem sozialen Funktionssystem neben – statt über – anderen.
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Daß Politik sich auswirkt, kann ebenso wenig bestritten werden wie: daß es ihr nicht gelingt, Systemzustände (und seien es die eigenen) in der gewünschten Richtung zu determinieren. Kann und sollte die moderne Gesellschaft auf politische Steuerung verzichten und stattdessen allein auf das Wohlwollen der Evolution vertrauen? Niklas Luhmann: Ordnung braucht nur der Dumme, Albert Einstein |
Zugleich büßen in Luhmanns Theorie „die“ Politiker ihre prominente Position als „Staatslenker“ und „Steuermänner“ am Ruder der Gesellschaft ein; ihnen kommt im Rahmen einer Gesellschaftstheorie, welche Kommunikationen statt Personen als Elemente des Sozialen ansieht, eine marginale – statt zentrale – Rolle zu.
Weder „die“ Politik noch „die“ Politiker sind demnach in der Lage, den Kurs der Gesellschaft zu bestimmen. In diesem doppelten Sinn ist die moderne Gesellschaft ohne Steuermann.
* Apropos Moderne: Obwohl wir seit mehr als einem halben Jahrhundert in der Postmoderne leben, wird hier der Ausdruck modern im klassischen Sinne weiter verwendet. Ich werde das Selbe tun, vor allem darum, weil die philosophische Postmoderne den Anspruch an Aufklärung und Zielgebung aufgegeben hat, dieser Artikel aber gerade belegt, dass es trotz der Lenkungsprobleme mit komplexen Systemen Möglichkeiten der Abstimmung gibt.
Steuerung ohne Steuermann? Probleme politischer Steuerung aus systemtheoretischer Sicht (nach Niklas Luhmann und Helmut Willke) Felix Wassermann http://www2.hu-berlin.de/gesint/lehre/2002_2003/polrat/f-wassermann.pdf
Definition Steuerung [s. auch Kybernetik]:
Steuerung, zielt auf das Erreichen gewünschter Zustände, ist also intentional, d.h. zielorientiert, nicht kausal. Das Bild vom starken Mann am „Ruder“ des Staates liefert das Sinnbild, das über den lateinischen gubernator (Steuermann, Lenker, Leiter) die englischen Begriffe government/governance (Regierung/Regieren) prägte.
Der Begriff der Steuerung findet seit den siebziger Jahren hauptsächlich in makrosoziologischen Zusammenhängen Verwendung, vermutlich zur Übersetzung des englischen Begriffs „control“, der von Amitai Etzioni wie folgt ausgelegt wurde: „Control is the process of specifying preferred states of affairs and revising ongoing processes so as to move in the direction of these preferred states“ (Etzioni 1968).
Der Begriff der Steuerung umfass somit zweierlei:
Steuerung dient als Integrationsmechanismus der Koordination funktional differenzierter sozialer Systeme (Willke 1993).
Steuerung beinhaltet Massnahmen, mit denen ein subjektiv und intentional gesetztes Ziel erreicht werden soll.
Wo die konstruktivistische Soziokybernetik Komplexität bewältigen will, spricht sie allerdings nicht von Steuerung, sondern von Intervention (s. Therapie). Interventionen zielen darauf ab, Veränderungen in einem System in Gang zu setzen und zu moderieren (ein treffenderes Wort für die Steuerung komplexer Systeme.)
Bereits unter "Ordnungsmodelle" wurden aktuelle wie akute Probleme der gegenwärtigen Politik gelistet. Steiners Punkt 4, die Überforderung der Politiker auf sachlicher Ebene, wurde von Simons bereits 1957 diagnostiziert als "beschränkte Rationalität der Entscheidungsträger" (bounded rationality), und als grosses Hindernis erfolgreicher Planung angesehen. Diese erlaube lediglich ein „Sich-Durchwursteln“ der Akteure (muddling through, Lindblom 1959).
Auf der gesellschaftlichen Ebene schränken die Probleme kollektiven Handelns (collective-action-Problem, Olson 1965) sowie gemeinschaftlicher Entscheidungen (social-choice-Problematik, Arrow 1963) die Möglichkeiten rationaler Steuerung massiv ein.
Bereits bevor die Zeit der Systemanalytiker anbrach, wurde die Regierbarkeit von Gesellschaften generell angezweifelt. Popper (1972) hielt Politik lediglich als piecemeal technology (Stückwerktechnologie) für möglich. Niklas Luhmann (1984), aber insbesondere die autopoietische Wende von der offenen Gesellschaft zur prinzipiellen Geschlossenheit sozialer Systeme führte zu einer generellen Steuerungsskepsis und zu Willkes Steuerungszynismus: Wir wissen, dass wir nicht gezielt lenken können, lasst es uns dennoch versuchen.
Warum das so sein soll? Unsere moderne Gesellschaft hat eine Vielzahl unterschiedlicher Funktionsbereiche, die alle nach ihren eigenen Gesetzmässigkeiten funktionieren. ...
Keiner dieser Bereiche ist in der Lage, die Steuerung anderer Bereiche, geschweige denn die Funktion anderer Bereiche, übernehmen zu können. Also gibt es keine Möglichkeit wechselseitiger Steuerung, da diese in die Funktion des Partnersystems eingreifen würde. Aus dem Problem entstehen weitere, vor allem das Fehlen einer einheitlichen Rationalität (und präzise dies findet sich die schwabbelige Grundlage der Postmoderne). Was in einem System sinnvoll ist, was in einem System vielleicht gar Gesetz ist, kann im andern zerstörerisch wirken (s. den Unterschied zwischen Betriebswirtschaft, wo billige Produktion und sparen gut ist, und Volkswirtschaft, die durch übermässiges Sparen und billige Produktion (= tiefe Löhne und/oder Massenware) ruiniert wird. Die Dominanz betriebswirtschaftlichen Denkens in der Politik ruiniert Volkswirtschaft, Volk und Kultur).
Autopoiesis - Selbstproduktion & Selbstorganisation: Als Denkmodell können Sie z.B. eine lebende Zelle nehmen, die aus Information (Genen), Energie und Materie neues Leben erzeugt und erhält [Betr. Problemen möglicher Überinterpretation der Selbstgenese beachte http://www.thur.de/philo/asap.htm].
Autopoietische Systeme operieren operational geschlossen, und „die primäre Zielsetzung autopoietischer Systeme ist immer die Fortsetzung der Autopoiesis ohne Rücksicht auf Umwelt. (Beispiel: Menschen wie Betriebe kämpfen ums Überleben, egal welche Auswirkungen ihr Tun auf die soziale und natürliche Umwelt hat. Hier die systemtheoretische Grundlage des Existenzialismus.)
Funktionale Differenzierung (Arbeitsteilung; Institutionalisierung von

Operationale Geschlossenheit: Autopoietische Systeme organisieren sich selbst und ihre Umweltbeziehungen auf Grund ihrer eigenen Gesetzmässigkeiten und Sprache und Semantik (Bedeutungslehre). Sie lassen sich nicht von aussen steuern! Da sie die Fähigkeit zur Selbstregulation besitzen müssen, kann diese nicht plötzlich durch andere Regeln und Regulatoren ersetzt werden. Man könnte das anhand des beliebten Konzepts der Eigenverantwortung beschreiben. Wenn ein selbständig Erwerbender eine Firma aufbaut, so wird er Abläufe und Strukturen so aufbauen, wie sie für seine Bedürfnisse am rationalsten sind. Gesetze und Vorschriften verlangen von ihm aber andere Organisationsformen. Von daher die dauernde Kritik der Wirtschaft gegenüber der Politik. Wenn vom Angestellten wie vom Beamten treue Pflichterfüllung und voller Einsatz im Dienste des Auftraggebers verlangt wird, ist es kaum logisch, gleichzeitig Phantasie und Innovatives Verhalten zu erwarten, denn diese stören die getreue Auftragserfüllung. Flexibilität, nach der immer gerufen wird, verlangt also etwas, das den gehorsamen Betriebsangestellten eigentlich dauernd verwehrt und verboten wird. Auch hier liegt ein enormer Zynismus verborgen: Auf der einen Seite sind Betriebe hierarchisch organisierte Machtstrukturen, welche die persönliche Freiheit aller Angestellten, auch der Chefs, enorm einengen (s. Wirtschaft und Politik zwischen Planung und Chaos, zwischen Diktatur und Freiheit.)
Strukturelle Determiniertheit
Die autopoietische Organisation des Lebewesens ist invariant und bleibt konstant, solange es lebt. Sie kann sich durch unterschiedliche Anordnung der Bestandteile und Strukturen verwirklichen, doch die jeweils aktuelle Struktur determiniert, in welchen Grenzen sich ein Lebewesen verändern kann, ohne seine autopoietische Organisation zu verlieren und damit zu sterben. Anhand seiner Struktur selektiert das Lebewesen Art und Wirkungsweisen der Umweltereignisse, die in ihm Veränderungen auslösen können (s. oben: strukturelle Kopplung). Die aktuelle Struktur resultiert aus der jeweiligen Vorgeschichte und prägt die weitere Entwicklung. Das bedeutet auch, dass die Entwicklung komplexer Systeme von ihrer Entwicklungsgeschichte abhängt. Insbesondere hier hat der Liberalismus, speziell der amerikanischer Prägung, ein riesiges Denkloch in seinem Konzept. Liberale Fundamentalisten sehen Marktbeschränkungen ja nur beim Staat, sehen über die Marktbeschränkungen durch monopolistischen Gigantismus gefliessentlich hinweg und pfeifen auf Geschichte und Tradition, insbesondere, wenn es sich nicht um die eigene handelt. Obwohl Liberalismus also zum Teil zu einer evolutiven Entwicklung komplexer Systeme tendiert, biegt er die systemtheoretischen Grundlagen in unzulässiger Weise um, dort wo sie ihm nicht zusagen. Hier dürfte er demzufolge auch immer wieder auf die Nase fallen.
Indifferenz der Subsysteme
Zweck- und Zeitlosigkeit
Lebende Systeme genügen nur den eigenen Ansprüchen und verwirklichen stets ihre autopoietische Organisation. Sie folgen weder Zwecken noch Zielen und erfüllen keine Programme oder Funktionen. Derartige Kriterien werden von Beobachtern von außen herangetragen, wenn sie Lebewesen im größeren Kontext betrachten und nach einer sinngebenden Orientierung suchen. Die Begriffe Zweck, Ziel oder Zeit dienen daher einer kohärenten Beschreibung, erfassen aber nicht die interne Funktionsweise von Lebewesen.
Diese Indifferenz ist eigentlich ein tragisches Element, denn sie bedeutet nicht viel weniger, als dass es Sinn und Zweck objektiv nicht gibt. Dies führt uns aber nicht unbedingt in einen frustierten, zähneknirschenden Zynismus, denn dies bietet uns die Chance, selbst Sinn zu schaffen. Trotz eines halben Jahrhunderts an Postmoderne hängt der Sinn manches Menschenlebens noch immer vom Sinn seiner Tätigkeit ab. So können wir uns mehrheitlich nicht mal selbst zugeben, dass wir eigentlich zum grossen Teil sinnloses Zeugs produzieren, ganz um der Produktion und des Umsatzes willen. Würden wir den Unsinn dieser Produktion und der Wachstumszwänge unseres Systems einsehen, ergäben sich ganz feudale Möglichkeiten, das Leben eher angenehm als wettbewerbs- und leistungsorientiert einzurichten (s. Herzogs Theoreme zur Ueberflusswirtschaft)
Diese Selbstreferenz sozialer Teilsysteme führt allerdings auch dazu, dass jedes gesellschaftliche Teilsystem gegenüber seiner Außenwelt eine „Schwelle der legitimen Indifferenz“ etabliert, sodass die Teilsysteme in einem Verhältnis der „wechselseitigen Intransparenz“ zueinander stehen.
Möglichkeiten und Grenzen der politischen Steuerung des Wissenschaftssystems ausgehend von Luhmanns Theorie der operationalen Geschlossenheit sozialer Systeme. Mag. Eva Czernohorszky. http://space.ihs.ac.at/powi04/papers/AG%20politische%20theorie/Czernohorszky_Eva.pdf
Zur Theorie der Lenkung komplexer Systeme s. auch Soziale Forstwirtschaft als kulturelle Umorientierung
Auf Grund der oben aufgeführten Gesetzmässigkeiten komplexer Systeme hat die SVP recht, wenn sie sagt, dass staatliche Regelungen die Wirtschaft behindern. Auf Grund des systemischen Imperativs (frei nach Forster): Mehr Ordnung erfordert mehr Freiheitsgrade - stimmt auch der (ehemalige) Slogan des Freisinns betr. der Politik: Mehr Freiheit - weniger Staat. Allerdings stimmen auch die Aussagen:
Mehr Freiheit - weniger ausschliessliche Orientierung an Wirtschaftlichkeit (betr. Wirtschaft)
Mehr Freiheit - weniger Anpassungs- und Gruppenzwang (betr. Gesellschaft)
Mehr Freiheit - weniger disziplinäre Besserwisserei (betr. Wissenschaften)
Mehr Freiheit - weniger fundamentalistische Spiesserei (betr. Werten, Tradition, Kultur-en)
Es geht also eindeutig um mehrfache (multifaktorielle) Optimierung - und nicht um den Wettbewerb zwischen Zielen im Sinne der Ausschliesslichkeit. (s. Der vierfache Pfad. Gesellschaft und Wissenschaft sind dort zusammengefasst). Und präzise dies haben Blocher und seine SVP ganz offensichtlich nicht im geringsten begriffen. Sie verlangen eine rigide Ordnung - aber ohne Beschränkung für die Wirtschaft. Sie verlangen von Staat eine genaue Verrechnung der Kosten mit den Leistungen, ein sparsames und effizientes Angebot, verwechseln also eindeutig Politik mit Wirtschaft, oder reduzieren erstere auf letztere, was nie funktionieren kann. Im Zentrum dieser missverständlichen Verquickung von Politik und Wirtschaft steht der Sündenbock Sozialausgaben, der an allem Schuld sein soll. Das Problem lässt sich nicht verneinen. Sozialabgaben und damit die Staatsverschuldung haben aber nicht wegen einer unwirtschaftlichen Politik derart zugenommen. Sozialabgaben sind die Reparaturkosten einer zunehmend anomisch (d.h. ordnungs- und orientierungslos) werdenden Gesellschaft. Diese Reparaturkosten werden primär durch ein verfehltes Wirtschaftsystem verursacht, das die Kosten dafür allerdings lieber externalisiert und denen überlässt, die sich nicht dagegen wehren können.
Die Wirtschaft benötigt einen Staat der für die Erstellung und Erhaltung öffentlicher Güter sorgt, die im freien Wettbewerb nur unzureichend bereit gestellt würden, wie die umfassende Versorgung des Landes mit Strassen, Energie, Bildung, Geld, Sicherheit, Gesundheit ... Die Wirtschaft benötigt einen Staat (eine Politik), in dem die Leute zufrieden sind, über Einkommen verfügen die ev. etwas mehr erlauben als bloss ein Auskommen (Vegetarismus ist eine akzeptabel Alternative - vegetieren nicht!).
Der Staat benötigt eine Wirtschaft die gestaltet, die Neues baut, die bei Restrukturierung differenziertere Subsysteme kreiert - statt durch Zusammenschlüsse (economy of scale) und weitere Mechanisierung bloss vorhandene Strukturen abzubauen. Der Staat benötigt eine Wirtschaft, die Abgeltungen zu leisten vermag für gemeinnützige Leistungen - nicht eine Wirtschaft welche gemeine Güter zwar ausnutzt - sich aber vor Steuern drückt.
Die Gesellschaft benötigt einen Staat, der einzelnen Kulturen, die sich auf Grund von Sprache, Religion, Herkunft, Geschichte, natürlicher Umwelt ... unterscheiden, auch unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten zugesteht und die Beziehungen zwischen den "Kulturen" optimiert.
Der Staat benötigt eine Gesellschaft, die willens und in der Lage ist, das Ganze auch gemeinsam zu gestalten und zu verwalten.
etc.
Definition:
Die Integration der Gesellschaft findet nach dem Modell der strukturellen Kopplung statt, wenn ein beliebiges Ereignis in der Gesellschaft von jedem Teilsystem entsprechend seiner systemeigenen Semantik beobachtet und verarbeitet wird.Durch jede Veränderung innerhalb eines Teilsystems kommt es gleichzeitig zu einer Irritation in anderen Teilsystemen, die dort der eigenen Systemlogik folgend verarbeitet wird und unter Umständen zu einer Anpassung des Teilsystems an die neuen Rahmenbedingungen führt. So kommt es zwischen den Subsystemen laufend zu minimalen Strukturvariationen, mit denen sich die Systeme aus eigenem Antrieb den beobachteten Umweltveränderungen anpassen, ohne dabei die Autopoiesis des eigenen Systems zu unterlaufen. Das Verhältnis der Teilsysteme zueinander beschreibt Luhmann als dynamisch, sodass der Prozess der strukturellen Koppelung gleichzeitig zur Stabilisierung der Gesellschaft als Zusammenspiel autonomer Funktionsysteme und zu deren evolutionärer Variation beiträgt
Es entwickelt sich eine Kettenreaktion in der Gesellschaft im Sinne einer kontinuierlichen Koevolution der Funktionsysteme.“Es handelt sich bei der strukturellen Kopplung also um die natürliche Genese einer natürlichen Ordnung, ohne Einfluss, ohne Störung. Diese entspricht nicht nur dem liberalen Ideal, sondern eigentlich auch Konfuzianismus und Buddhismus: Nicht handeln, nicht verändern. Verändern erzeugt Störungen. Während allerdings Luhmann aus der Perspektive systemtheoretischer Unmöglichkeit auf die Steuerung verzichtet, stehen für Konfuzius und Buddha, von denen insbesondere ersterer recht konservativ ist, die gute Ordnung fest - und jede Veränderung bringt kaum Verbesserung sondern unwägbares und damit Unsicherheit. Wir, der Westen, haben uns allerdings mit der Renaissance und dem Drang nach Selbstverwirklichung in ein prometheisches Abenteuer dauernder Veränderung gestürzt, bei dem kein Stein auf dem andern blieb. Die Veränderung wurde zum Zustand, Wachstum zum Ziel, Stillstand zum Untergang. Das Leben wurde zum Spiel, bei dem es meist mehr Gewinner als Verlierer gab. In den letzten 20 Jahren hat sich dies nun auch in den entwickelten Ländern doch verändert. Das Spiel ums Geld produziert immer mehr Verlierer. Nicht nur die Natur steht konstant auf der Verlierseite, sondern im Spiel geht es mittlerweile all zu oft um die pure Existenz - folglich wird es ein Spiel mit zu hohem Einsatz.
Wohl ist es theoretisch richtig, dass der freie Markt alles selbst regelt, wenn man ihn lässt ... aber zu welchen Kosten? Die evolutionäre Entwicklung kreiert und zerstört. Saurier verschwinden, Säuger entstehen. Neanderthaler verlieren, Homo sapiens ruiniert die Welt. Imperien wachsen und zerfallen. Wirtschaftsgiganten herrschen - und werden von flinken "Raptosauriern" überholt, aufgeschlitzt und zerlegt. Alles richtig, aber alles relativ grässlich, wenn man nur ein bisschen humanistisch denkt. Das Problem mit der natürliche Ordnung ist, dass wir sie mehrheitlich eigentlich gar nicht wollen, denn sie ist brutal. [Der Löwe dürfte auch im Paradies nicht von Salat gelebt haben ...]. Folglich versuchen wir die gewaltigen und meist gewalttätigen Umstürze (Revolutionen) zu meiden - durch bessere Planung und Steuerung. Und trotz eindeutig schwieriger Ausgangslage bestehen doch einige Möglichkeiten einer kultivierteren Entwicklung:
Obwohl die Systemtheorie laut Luhmann für eine natürliche Ordnung einsteht, die von selbst entsteht: „Fürs Überleben [der Gesellschaft; F.W.] genügt Evolution.“ (Luhmann 1984: 645), dürfte den meisten Menschen diese eher unangenehm sein. Immerhin versucht der Mensch seitdem er vom Baume stieg und sich auf zwei Beine stellte, eher kultiviert zu werden als natürlich. Wir können also sagen:
Wir wollen Natur, aber wir wollen als Menschen keine natürliche Ordnung. Wir wollen Kultur!
Sogar Luhmann, der sich eigentlich gegen eine Lenkbarkeit komplexer Systeme ausspricht, ist einem all zu weitgehenden laissez faire, laissez aller gegenüber skeptisch: Würde man die Gesellschaft lediglich als eine Menge von autonomen Funktionssystemen beschreiben, die einander keine Rücksicht schulden, sondern den Reproduktionszwängen ihrer eigenen Autopoiesis folgen, ergäbe das ein höchst einseitiges Bild. Es wäre dann schwer zu verstehen, wieso diese Gesellschaft nicht binnen kurzem explodiert oder in sich zerfällt. Irgendwo und irgendwie müsse doch, so lautet ein naheliegender Einwand, für ‚Integration’ gesorgt werden. Spätestens der Umstand, dass diese Gesellschaft in erhebliche ökologische Schwierigkeiten geraten ist, die sich in absehbarer Zukunft zu ernsthaften Krisen auswachsen werden, dürfte die Notwendigkeit von Planung (und sei es nur Rahmenplanung) oder Steuerung (und sei es nur Kontextsteuerung) plausibel machen.“ (Luhmann 1997)
Da die „exzentrischen“ Einzel-Rationalitäten der Funktionssysteme das Gesamtsystem auf lange Sicht zum Kollabieren brächten, kommen Vertreter verschiedener, von einem Problem betroffener Funktionssysteme, in Verhandlungssystemen zusammen um ihre Optionen „sozialverträglich“ abzustimmen:
Willke betrachtet gesellschaftliche Teilsysteme als Akteure. Diese haben, wenn man sie Organisationen gleich setzt, die Möglichkeit, Konzepte zu entwerfen und als Teilsysteme zu managen. Im Verhandlungssystem einigen sich die Vertreter der Teilsysteme über die Abstimmung der einzelnen Systeme.
Im Gegensatz zu Luhmann schreibt Willke allerdings den Teilsystemen eine Fähigkeit zur Reflexion zu. Wenn sich Teilsysteme selbst als Einheit in einer Umwelt erfahren, eröffnet ihnen das nach Willke auch eine Möglichkeit, ihre eigenen Wirkungen auf die Umwelt zu erfassen und zu reflektieren. Das ermöglicht schließlich einen Prozess der dezentralen Kontextsteuerung, der eine Beachtung des Gemeinwohles sicherstellt.
„Aber kann man soziale Systeme erziehen?
Man kann!
Für Unternehmen tun dies Unternehmensberater, für Parteien, Gewerkschafter und andere Organisationen wie Schulen oder Verwaltung „Reformer“ oder „Erneuerer“, für gesellschaftliche Teilsysteme wie Ökonomie, Wissenschaft oder Gesundheitssystem eine (durch Krisen aufgerüttelte) Öffentlichkeit sowie interne Innovationen.“ (Willke, 1989, 121)
Mayntz und Scharpf sehen ebenfalls keinen Grund für einen Systemsteuerungspessimismus. Sie gliedern ihre Analyse als Vierfeldersystem mit einem Koordinationszentrum:
„Auch funktional differenzierte und transnational verflochtene moderne Gesellschaften sind in der Lage, ihr eigenes Geschick im guten wie im schlechten absichtsvoll zu beeinflussen. Der fidele Steuerungspessimismus der Postmoderne kann sich jedenfalls nicht auf triftige wissenschaftliche Gründe berufen.“ (Mayntz, Scharpf, 1995a, 33)

Markt bezeichnet eine Konstellationen, die durch ein Fehlen gesellschaftlicher und staatlicher Handlungsfähigkeit gekennzeichnet ist. Nach Braun kommt diese der Luhmann´schen Evolutionstheorie gleich.
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ACHTUNG BETRUG!
Präzise hier liegt der Hase des heutigen politisch-wirtschaftlichen (links-rechts) Dialogs im Pfeffer. Während der Liberalismus Korporatismus als schädlich angreift und eliminieren will - aber den staatlichen genau so wie den wirtschaftlichen - setzt der Neoliberalismus, völlig sozialdarwinistisch, auf das Überleben des Stärkeren, der sich aller Mittel bedienen darf, die ihm zur Verfügung stehen. Gleich lange Spiesse im Gefecht (am Markt) sind kein Argument mehr. Folglich wurde der Markt zum Schlachtfeld wirtschaftlicher Korporationen ... was in Europa noch kaum kritisiert wird, obwohl diese nicht alle aus den USA stammen (s. Corporatocracy - die Herrschaft der Firmen. nach John Perkins). Einige davon hab ich hier in Klybeck grad vor dem Haus (CIBA, Novartis, Thomi+Frank (Nestlé)). Anders als in obiger Graphik liegt nun aber nicht mehr die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit hoch, sondern die wird bald völlig eliminiert, da die Gesellschaft nichts zu melden hat in privatwirtschaftlichen Korporationen mit dem Ziel der privaten Geld-, Kapital- und Machtvermehrung. Hier dürfte der stärkste Grund für politischen Absenteismus liegen, denn Macht ist dort wo man machen kann, und machen kann man meist (nur), wenn man Geld hat. (s. Beispiel "Überbauung Stücki-Areal Basel-Kleinhüningen"). Der Betrug geht aber noch weiter. Während dem die privaten Korporationen der Geldvermehrer sich mehren und die Macht übernehmen, unkontrollierbar vom Volk, soll den letzten überlebenden politischen Korporationen, insbesondere den Verbänden des Natur- und Landschaftsschutzes (für Gesellschafts-, Humanitäts-, Lokalkultur-Schutz gibt's ja noch keine *) die politische Mitsprache, insbesondere das Einspracherecht verboten werden. Dies widerspricht insbesondere der Funktion der Politik als Garantin (ach nee, Politik ist eine Frau? Darum ist sie so unberechenbar....) von Gerechtigkeit: s. Die politische Orientierung zwischen individuellen Interessen (Wettbewerb) und Moral (Kooperation und Gemeinwohl) |
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* Das Urteil war etwas vorschnell. Immerhinist am 18. März die
Unesco-Konvention zum
Schutz der kulturellen Vielfalt in Kraft getreten. Sie anerkennt die
Besonderheit von kulturellen Gütern und Dienstleistungen als "Träger von
Identität, Werten und Sinn". Subventionen für die kulturelle Produktion oder
Importbeschränkungen für Filme können zukünftig nicht mehr als "wettbewerbsverzerrend"
und WTO-widrig bekämpft werden. Der Hauptgrund dafür liegt im
Kulturimperialismus, oder, sanfter ausgedrückt: 80% des kommerziellen
Kulturaustausches (Musik, Film etc.) wird von 13 Ländern ausgeführt, in erster
Linie den USA. 80% des Musikmarktes wird von 4 Multis kontrolliert, 60% des
audiovisuellen Marktes von 15 Firmen. Diese Konvention hat die selbe Bedeutung und das selbe Gewicht wie die WTO-Abkommen und ist diesen nicht untergeordnet! Theoretisch ... dass man immer nur von WTO hört zeigt, dass die Kräfte schon etwas ungleich verteilt sind. |
Kolonisierung entspricht einer Konstellation, bei der
nichtstaatliche Organisationen geschlossen auftreten und de facto stärker sind
als die staatlichen Akteure. Beispiele: Partnerschaftsstrukturen (temporäre
Bündnisse haben die ewige Ehe längst abgelöst, gegen allen Widerstand von Kirche
und Staat), Kunst, Mode und Konsumstile.
Etatismus zeigt das andere Extrem. Der Staat kann aufgrund der Koordinationsschwäche der nicht-staatlichen AkteurInnen in dieser Konstellation tonagebend durchgreifen. Diese Konstellation findet sich in demokratischen Ländern nur selten.
Die häufigste Konstellation ist nach Mayntz und Scharpf die Variante des „Politiknetzwerkes“: „Hier sind sowohl auf Seiten des politisch-administrativen Systems als auch auf Seiten der gesellschaftlichen Selbstorganisation mehrere interaktiv verbundene Akteure mit jeweils eigenen Handlungsorientierungen und Handlungsressourcen an der Hervorbringung effektiver Regelungen beteiligt.“
Mayntz und Scharpf treten also dem Steuerungspessimismus der Systemtheorie entschieden entgegen und argumentieren, dass jene Funktionen, die man früher einem unitaristischen Staat zugewiesen hat, auch von Politiknetzwerken erfüllt werden könnten.

Die teilsystemische Orientierung gibt den AkteurInnen Auskunft darüber, welcher Richtung des „Wollens“ sich ein Akteur zuwenden kann und welche anderen Richtungen er gar nicht in Erwägung ziehen braucht.
Die institutionellen Ordnungen beinhaltet informelle Regelungen des Sollens, wie Sitten oder Umgangsformen, oder formalisierte Rechtsnormen oder Verfahrensvorschriften.
Die Akteurkonstellation als dritte Ebene beschreibt den Umstand, dass Akteure nicht monologisch bestimmte Interessen vertreten können (hallo, Gruss an die SVP ...), sondern, des Könnens wegen, auf die Koordination mit anderen angewiesen sind. Die handlungsfähigen AkteurInnen prägen demnach wechselseitig ihr Verhalten und haben eine Haltung des strategisch kalkulierenden Miteinanderumgehens entwickelt.
Als verbreiteten Prozess der politischen Steuerung beschreibt Schimank das Entstehen von Politarenen durch die Verschränkung reflexiver Interessen. Dadurch komme es zu intersystemischen Politiknetzwerken, die - geprägt von gewährleisteter wechselseitiger Erwartungssicherheit - als Forum für das Aushandeln von Steuerungsmaßnahmen zur Verfügung stehen.
Leistungsausweis der Akteure
„In jedem Teilsystem gelten unterschiedliche Leistungssymbole: der Wissenschaftler muss Originalität anhand von Publikationen nachweisen; der Militär Siege vorzeigen können, der Politiker Wählerstimmen erwerben, die er vom Wähler durch die Wertschätzung seiner Programme und/oder Policy-Leistungen erhält; der Arzt muss Heilungserfolge vorweisen können. Es sind also unterschiedliche soziale Bewertungen möglich und nötig in unterschiedlichen Systemen.
Steuerungskapazität und Bedingungen der Steuerungsfähigkeit
| Die wichtigsten Verbände der Schweiz | Jahresbudget in Millionen Fr. |
| TCS WWF Bauernverband Greenpeace Swissmem Economiesuisse Gewerbeverband Gewerkschaftsbund |
411 40 40 20 18 15 6.5 4.35 |
Politische Steuerung komplexer Systeme ist also auf die Unterstützung durch die teilsystemische Selbststeuerung angewiesen. Daraus ergibt sich, dass besonders starke und besonders schwache Selbststeuerungskapazitäten der Teilsysteme schlecht für die Steuerung von außen ist. Als Indikatoren für die Selbststeuerungskapazitäten eines Teilsystems gilt die Existenz oder das Fehlen von „Potentialen kollektiver Handlungsfähigkeit“ innerhalb eines Teilsystems:
Ein hohes Maß an Selbststeuerungskapazität bringe die Gefahr mit sich, dass politische Steuerungsbestrebungen erfolgreich konterkariert werden.
Das Fehlen von Potentialen kollektiver Handlungsfähigkeit innerhalb dieses Teilsystems hat zur Folge, dass politische Steuerungsakteure zur Erlangung steuerungsrelevanter Informationen ebenso wie zur Durchsetzung von Steuerungsmaßnahmen selbst bis hin zu den unmittelbaren Adressaten durchgreifen müssen und sich nicht auf die Aggregations- und Verpflichtungsfähigkeit intermediärer Verbände verlassen können.
Organisationen sind nach Ulrich nicht auf den Code und die Logik eines speziellen Teilsystems festgelegt, sondern operieren in der Praxis multilingual. Beispielhaft argumentiert Ulrich, dass die Organisationen des Gesundheitssystems neben ihrer Auseinandersetzung mit der Differenz gesund und krank, zwangsläufig auch mit der Sprache der Wirtschaft vertraut sind, weil sie für ihre Systemleistungen Geld brauchen. Die Multilingualität der Organisationen eröffnet ihnen nach Ulrich die Möglichkeit, ein besseres Verständnis anderer Funktionssysteme zu entwickeln.
Willkes Rat an die Politik: Der Staat als Supervisor
Die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften macht es erforderlich, von direkter, zentralisierter, hierarchischer und autoritativer Lenkung abzulassen und auf eine kontextuelle, heterarchische und diskursive Steuerung umzustellen.
Willke spricht zwar nicht wie die Liberalen, Popper und Luhmann dem Staat eigentlich die Möglichkeiten und damit das Recht von Steuerung ab, aber auch er fordert die Politik auf, den Staat zu „entzaubern" - aber dennoch als Katalysator der Entwicklung funktionaler Differenzierung in die Offensive zu gehen und die Selbstorganisation der Teilsysteme voranzutreiben:
„Die besondere Aufgabe des Staates ist es heute, die Reflexionsfähigkeit der Teilsysteme zu steigern oder, mit anderen Worten, zur Selbstorganisation der Teilsysteme beizutragen. Die ‚neue Bescheidenheit’ der Steuerungsansprüche des Staates verlangt einen Organisator und ‚Supervisor’ an Stelle des planenden und allmächtigen Staates“.
Der Staat ersetzt so nicht mehr die Entscheidungen von Teilsystemen durch eigene, sondern weist sie, falls für den Gesamtprozess unzulänglich, zur Neubearbeitung an die Teilsysteme zurück, oder organisiert den Interaktionsprozess, der gegenseitige Instruktionen zwischen Teilsystemen möglich macht.“ Der Staat als Aufseher, Organisator und Moderator des intersystemischen Diskurses verzichtet somit weitgehend auf materielle policy-Vorschläge, welche er angesichts der Komplexität der Sachverhalte ohnehin nicht mehr leisten kann.
Intersystemische Optimierung: Kontextsteuerung durch Kontrolle und Konsens
Grundlegend für Willkes Verständnis der Kontextsteuerung ist die Idee, dass soziale Teilsysteme selbst als Akteure verstanden werden können. Genauer gesagt, dass es bestimmte Organisationen gibt, welchen in einzelnen Funktionssystemen eine prominente Rolle zukommt, so dass sie im Namen – also gemäß der Interessen – des jeweiligen Systems sprechen und agieren können. Dies gilt beispielsweise für Parlamente, welchen „im Namen der Politik“ politische Handlungen zugeschrieben werden. „Hat der Gesetzgeber gesprochen, so hat ‚die’ Politik, das politische Funktionssystem insgesamt gesprochen, und in der Tat werden die produzierten Entscheidungen von anderen Akteuren auch der Politik insgesamt zugerechnet“. Durch die Gleichsetzung von Systemen mit „deren“ Organisationen wird es möglich, Systeme als handlungs- und verhandlungsfähig zu begreifen - eine notwendige Bedingung für die Möglichkeit „intersystemischer Steuerung“ Lassen sich in den verschiedenen Funktionssystemen jeweils Organisationen finden, welchen teilsystemisches Handeln zugeschrieben werden kann, so können diese als „Ansprechpartner“ in einem systemübergreifenden Steuerungsdiskurs fungieren.
Mit seinem Konzept der dezentralen Kontextsteuerung reagiert Willke auf die relativ junge Erkenntnis der Kybernetik und der Systemtheorie, dass hochkomplexe Systeme sich nicht allein hierarchisch, sondern vielmehr „heterarchisch“ organisieren können. Die heterarchische Steuerungsvariante erweist sich dabei gegenüber einer suboptimalen hierarchischen Steuerung als überlegen. Der Abschied von „dem einen“ Steuermann bedeutet demnach nicht zugleich den Ausbruch des Chaos’. Vielmehr ist eine Systemsteuerung denkbar und möglich, die sich – anstatt zentral und intentional – vielmehr ungeplant und ungesteuert als emergenter ‚outcome’ der Selbststeuerung autonomer Subsysteme vollzieht. In die Sprache der Steuermanns-Metapher übersetzt bedeutet dies:
Wenn die Politik nicht mehr alleine den Steuermann (dar)stellt, sondern wenn vielmehr viele Teilsysteme – sprich: viele kleine Steuermänner anstelle „des einen“ auftreten, dann bleibt als Ausweg aus dem Steuerungschaos die gemeinsame Steuerung durch alle Besatzungsmitglieder und Passagiere (also die wahre Demokratie, der Autor). Es stellt sich die Frage, wie und durch wen die Koordination dieser gemeinsamen Steuerung geleistet werden soll. Denn ohne diese steht zu befürchten, dass auf der Brücke eintritt, was auch in der Kombüse gilt: „Viele Steuermänner verderben den Kurs.“ Um das zu verhindern, kommt der Politik eine besondere Bedeutung und Rolle zu: die des Supervisors in Gestalt des Staates. Um Unter- und Übersteuerung zu vermeiden, ist ein ausgewogenes Verhältnis von Kontrolle und Konsens erforderlich. In diesem Fall spricht Amitai Etzioni von einer aktiven Gesellschaft, bei Helmut Willke handelt es sich um eine kontextgesteuerte Gesellschaft.
In den hochkomplexen, weil heterarchisch vernetzten, emergenten, nichtlinearen und irreversiblen Systemen der Kybernetik IV werden Steuerungprozesse in Form von Konsens und Konflikten ausgehandelt; an die Stelle restriktiver Kontrolle treten Vermittlungen.
Praktiker gewinnen ihre Informationen über das Systemverhalten nur durch Kontrollversuche selbst. Sie müssen also geduldiger planen und ihren Eingriffen Zeit lassen, damit sie ihre Wirkung entfalten. Vor allem tun sie gut daran, ihr ursprüngliches Steuerungsziel fortwährend zu überdenken. Statt also vorab definierte Pläne und Programme möglichst originalgetreu umzusetzen, kommt es nun darauf an, die Interaktionsfähigkeit des Systems zwischen Über- und Untersteuerung aufrechtzuerhalten. In diesem Sinn geht Steuerung „mit dem System mit“.
Kontextsteuerung und Selbststeuerung soll die Selbststeuerungskräfte eines Systems mobilisieren. Sie kann gelingen, wenn sie den spezifischen Code der Teilbereiche anspricht. Über die Steuerungswirkungen ist damit freilich noch nichts gesagt, bestenfalls sind Wirkungen kalkulierbar. Der Intervenierende kann damit lediglich Prozesse anstoßen, deren Wirkungen sich aber seiner Kontrolle entziehen
Indem sich die Systeme wechselseitig per Selbstbindung auf bestimmte, gesamtverträglichere Optionen verpflichten, gestalten sie den Kontext ihres autonomen Operierens selbst. Da dieser intersystemische Verhandlungsprozess – auch „intersystemischer Diskurs“ genannt – ohne Anleitung eines zentralen Systems abläuft, ist von dezentraler Kontextsteuerung die Rede.

Ziel dieser Verhandlungen ist es, dass die beteiligten Funktionssysteme diejenigen aus den ihnen zur Verfügung stehenden (nutzenäquivalenten) Optionen a, a’ und a’’ bzw. b, b’ und b’’ auswählen und umsetzen, deren negative Externalitäten für die anderen Funktionssysteme am geringsten sind. Hierdurch wird – so Willkes Erwartung – einerseits die prinzipielle Autonomie der einzelnen Funktionssysteme respektiert, andererseits aber die Wahrscheinlichkeit zerstörerischer gesamtgesellschaftlicher Irrationalität verringert.
Detaillierte Beschreibung rekursiver Steuerung s. Degele, Nina (1997) Zur Steuerung komplexer Systeme - eine soziokybernetische Reflexion. in: Soziale Systeme 3. S.81-99.http://www.soziologie.uni-freiburg.de/degele/material/pub/komplSys.pdf
FAZIT:
Als Anforderung an diese "neue" Art der Politik ist insbesondere die starke Zunahme der Verhandlungsprozesse zu beachten. Diese basieren aber auf: gegenseitig sich verständlich (Sprache) und verlässlich präsentierender Information, also auf die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit der Informanten sowie die vermehrt subsysteminterne Durchsetzungsfähigkeit der Verträge durch Macht, Mehrheit und/oder Akzeptanz.
Die traditionellen Steuerungsinsstrumente, wie regulierende Steuerung (Verbote und Gebote), negativ sanktionierte Verhaltensgebote und –verbote, finanzielle Steuerung durch materielle Anreize oder Subventionen; prozedurale Steuerung durch Verfahrens- und Organisationsregeln, die durch die Etablierung konkreter Verhandlungssysteme realisiert wird; muss durch das wirksame Einflussinstrument der Information und Überzeugung ergänzt, wenn nicht gar ersetzt, werden.
... ja aber ...
Schön wär's. Denn damit hätten wir die Probleme mit der Unlenkbarkeit komplexer Systeme zwar elegant umschifft, gehen aber noch nicht mal am Rande auf die Probleme ein, vor die uns die Chaosforschung stellt:
Quantenphysik, das Gödel-Theorem und die Chaostheorie haben der Vision der Wissenschaft und der Aufklärung vom vollständigen Wissen und der totalen Kontrolle den Todesstoss versetzt.
Zusätzlich zum intra- und intersystemischen Dialog, zu dem der Wissenschaftsjournalismus eigentlich mehr beitragen sollte als bloss Berichten von Neuem und Spannendem, wäre also eine disziplinübergreifende Systemtheorie nötig. Als solch neues Bindeglied zwischen Natur- und Geisteswissenschaft wird die Strukturwissenschaft gesehen, zu der Kybernetik, Informationstheorie, Synergetik, Chaostheorie und Katastrophentheorie gehören. Diese versucht allerdings, was ihre Anwendbarkeit für Sozialwissenschaften und Politik betrifft, erst die Kinderschuhe anzuziehen. Das übermässig reichhaltige und leicht dubiose Angebot an Synergetik-Therapie belegt das Problem. Es wird hier auch sofort klar, dass jede Ordnung die Freiheit beschränkt, nicht nur die politische Ordnung. Jedes Leben braucht aber ein bestimmtes Mass an Ordnung - wie an Chaos. So zeigen z.B. chaotische Elektroenzephalogramme den Normalzustand des Gehirns an, während mechanische und starre Muster bei einem epileptischen Anfall auftreten. Das selbe gilt für den Herzrhythmus: Ein gesundes Herz tanzt - ein sterbendes marschiert (Alan Garfinkel, am. Arzt, in Stichwort Chaosforschung. Andreas Huber. Wilhelm Heyne Verlag. München. 1996).
So braucht die Wirtschaft keine straffen Organisatoren und knallharten Manager, sondern Chaosmanager, welche die Fähigkeit haben, unterschwellige Muster turbulenter Entwicklungen zu erkennen und zu lenken. Dies erfordert natürlich ein präventives Denken an Neben- und Spätfolgen sowie die Beachtung von Rückkoppelungen und wechselseitigen Abhängigkeiten. Ein Unternehmen muss also immer als eine Funktion seiner Umwelt - Absatzmarkt, Beschaffungsmarkt, Arbeitsmarkt, Infrastruktur, etc. - begriffen werden. Daher ist "das Unternehmen der Zukunft" nie eine eindeutige Vorstellung, da es immer eine Vielzahl an Lösungen gibt, deren Charakteristik aber darin liegt, dass sie sich - an die turbulenter und komplexer werdenden Umwelt dynamisch anpassen. [Huber, s.o.] Präzise diese Anpassung, bereits der Wille an eine Anpassung an eine sich ändernde Umwelt, fehlt nicht bloss der fundamentalistischen Politik, sondern auch der konservativen, linker wie rechter Provenienz.
Dass auch das Konzept der Koevolution nicht ganz so einfach durchzuführen ist, belegt der leicht zynische Text hinter dem Link. Da die Evolution als viel gelobte "natürliche" Entwicklung und Ordnung nur kreativ wird aus dem Zusammenspiel von Rückkoppelung, Selbstorganisation, Zufall und Chaos, sind die Resultate kaum vorhersehbar. Dies gilt für die Politik genau so wie für Wirtschaft, Gesellschaft und Natur.
All dies ist aber kein Grund zu verzweifelnd, denn wie Andreas Huber, der Autor von Chaosforschung, richtig sagt:
Der jahrhundertealte abendländische Traum
der Planbarkeit und Beherrschbarkeit aller Dinge
ist zwar endgültig geplatzt,
dafür eröffnet aber die Realität die verheissungsvollen Perspektiven eines Pluralismus von Denk- und Lebensformen.
Wir könnten uns also vom Zwang der Systeme politischer und wirtschaftlicher Art befreien und uns einfach wild, pardon, frei und natürlich entwickeln - statt dauernd als Sachzwangreaktionäre irgend welchen längst entschwundenen Normen, Gesetzen und Erwartungen nachzuhängen. Wir müssen nicht mehr müssen, sondern dürfen können. Wir dürfen toleranter gegenüber uns selbst und andern sein! Wir dürfen intoleranter gegenüber intoleranten Fundamentalismen sein. Hat doch auch was für sich, nicht? (Bei Zweifeln hier clicken ).
Martin Herzog, Denkwerkstatt, Rheinfelden, 29. September 2004
Präzise diese Idee des können dürfens, der nichtplanbarkeit, der freiwilligkeit und Freiheit der Gestaltung, ist plötzlich wieder da, wenn wir nicht nach mehr Kontrolle über Politik oder mehr Geld über Wirtschaft fragen, sondern "bloss" nach mehr Lebensqualität: