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Plutokratie II:

Taugt die Wirtschaftselite als politische Führung?

[Ueli Mäder, Ganga Jey Aratnam, Arah Schilliger: Wie Reiche Denken und Lenken. Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche. Rotpunktverlag. Zürich. 2010]

1 Reichtum verstehen (s. Definition Reichtum)

Die Schweiz belegt flächenmässig Rang 140 der Welt und verfügt über 1 Promille der Weltbevölkerung. Dieses eine Promille verfügt allerdings über 1% des BSP der Welt, liegt auf Platz 20 bei den Exporten, Platz 19 bei den Importen. Im Finanzmarkt ist sie ein Imperium. Mit 632 Milliarden Direktinvestitionen im Ausland nimmt sie hier Platz 4 ein. Mit einem Marktanteil von 27% und einem verwalteten Vermögen von rund 2 Billionen Fr ist die Schweiz der grösste Offshore-Finanzplatz der Welt.

> Das heisst, die Schweiz dirigiert über Investitionen so einiges was in der Welt geschieht.

Jede 40. Person (2.5%)verfügt über mehr als 1.2 Millionen Fr., 3% haben eben so viel Nettovermögen wie der Rest (97%) der Bevölkerung, 68% besitzen weniger als 100'000 Fr. Nettovermögen, im Total 6% aller Vermögen.

Die Hälfte der Reichen der Schweiz ist durch Erbschaft reich geworden. 10% der Erben erhalten ca. 3/4 aller Erbschaften.

Die Kluft zwischen Reich und Arm verschärft sich seit den 90ern, beim Vermögen wie bei den verfügbaren Einkommen. Dies gilt nicht nur für die Schweiz, sondern für Europa und die USA. Meist zeigt sich das zwar nicht direkt am Einkommen per se (s. Entwicklung der Realeinkommen CH und USA)  - praktisch immer aber am schwindenden frei verfügbaren Einkommen bei den wenig verdienenden. Zwangsausgaben für Miete, Gesundheit, Bildung, Versicherungen etc. nehmen dauernd zu - während dem die Löhne stagnieren. 

Problem der Erhebung von Vermögenswerten: Steuern erfassen die Werte z.B. von Immobilien sehr grosszügig, also nicht zum Marktwert

1 Die Reichen haben das Geld

2 Reichtum hat eine Geschichte

Traditionell, in Stammeskulturen wie bei den alten Königs- und Fürstentümern erwarb man sich Landbesitz meist gewaltsam (Ausnahme Basel-Stadt, wo die Bürger alles Land gekauft haben, was eben zu den zerfledderten Grenzen führt, speziell mit dem konkurrierenden katholischen Kanton Solothurn. Sie sind das Resultat eines Tic-Tac-Toe-Spieles, das eigentlich keine Gewinner kennt, da immer der 1. Spielzug den Verlauf bestimmt - und der Gegner bloss noch die "Gewinnmaximierung" verhindern kann.). Diese Aneignung von Gütern ist die ursprünglichste Form der Kapitalakkumulation. Man braucht sich also nicht zu wundern, wenn das heute nicht viel anders zu und her geht.

An der Spitze der Gesellschaft steht eine kleine Handvoll Privilegierter. Die Reichen und Mächtigen Europas machten meist nur gerade etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung aus. Ihnen fallen die Macht, der Reichtum und ein Grossteil der Produktionsüberschüsse zu. ... Bisweilen gegenen wir auch Familien, die sich von Gott für eine besondere Rolle auserwählt fühlen (lateinisch electus, was zum Begriff der Elite führte) : Die Adligen. Sie haben sich vom Rest der Bevölkerung durch ihren Reichtum, ihren Lebensstil und ihr Herrschaftsmonopol ab. Die Zugangswege zu Macht und Besitz sind schmal. [S. 17]

Beim Berner Patriziat bewirkte die Kombination von Aemtern, Landbesitz und Söldnergeschäft eine immense Fülle an Herrschaft und Vermögen. Die regierenden Patrizierfamilien wurden durch ihre Heiratspolitik - die Ehepartner stammen aus dem gleichen Milieu - zu eigentlichen Clans und leisteten sich einen Lebensstil nach dem Vorbild der französischen Aristokratie.

> aha, vielleicht nennt Sloterdijk diese Schicht darum Leistungsgesellschaft, weil sie SICH so einiges leisten können?

In Basel revoltierten die städtischen Handwerker 1691 erfolgreich gegen die patrizische Vorherrschaft. Das führte zu einer Verlagerung der politischen Macht vom Kleinen zum Grossen Rat. Trotzdem regierten die alten Familien bis zum Einmarsch der napoleonischen Truppen im Jahr 1798 mehrheitlich weiter. Und die "patrizische Struktur" existierte auch noch am Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei handelt es sich um eine grossbürgerliche Oberschicht - den sogenannten "Daig": Burckhardt (zekadete), Vischer, Iselin, Sarasin, Liechtenhan, Burckhardt, Merian, Faesch, Koechlin, La Roche,  etc. und manche andere, die sich als Seidenfabrikanten, Bankiers, Kaufleute, Aerzte, Professoren, Juristen, Berufsmilitärs und Ratsherren betätigten. [S. 20] Man wundert sich wenig, dass diese Basler Oberschicht an Napoleon, dem "Zerstörer der Demokratie", wenig Freude hatte. 

> Noch amüsanter sind die Wandreliefs im Innern des Gebäudes der Staatsanwaltschaft. Die grosse Wand gegenüber dem Eingang trägt seltsame Namen, wie Menetekel. Offenbar handelt es sich um die noch älteren Basler Geschlechter, die Jahrhunderte zuvor die Stadt beherrscht hatten. Irgend jemand hatte offenbar die Idee, diese müssten dort verewigt werden. Das hat man davon ... nun sitzen die armen alten Geschlechter für immer und ewig im Gefängnis, umgeben von Rechtsanwälten, Polizisten, kleinen und grossen Verbrechern, und ab und zu beträchtlichem Gestank und Lärm, wenn mal wieder einer auf Renitent macht. (Einen bekackten Gefangenen mit dem Feuerwehrschlauch abzuspritzen liegt, auf Grund der Persönlichkeitsrechte, heute eben offenbar nicht mehr drin.) Sind das quasi die "sichern Mauern", hinter denen sich eine immer abgehobenere Elite in Sicherheit bringen will?

Das 19. JH brachte manchen Unternehmen zu Reichtum, nachhaltig, hat aber auch manchen, genau so nachhaltig, ruiniert (s. Martin Salander von Gottfried Keller). Im Jura entwickelte sich die Uhren- und Schmuckindustrie. Ein ideales Gut für ein Binnenland, da die Transportkosten hier unerheblich sind im Vergleich zum Wert. Ein grosser Teil der Produzenten waren aus dem Elsass eingewanderte Juden, die ähnlich, aber internationaler, vernetzter agierten wie die Protestanten: Investieren, produzieren, weltweit absetzen, strategisch heiraten und geschäftliche Netzwerke unterhalten. Ein beträchtlicher weiterer Teil wurde durch immigrierte Protestanten aus Frankreich aufgebaut, insbesondere was die Seidenweberei betrifft. Im 19. JH war die Schweiz, anders als Frankreich und Deutschland, wirklich liberal - was ihr eine Menge Einwanderer brachte. Nicht nur Sozial-Anarchisten verbreiteten ihre Ideologie aus der Sicherheit der Schweiz heraus - sondern auch Wirtschafts-Anarchisten (wie sie heute in den USA dominieren) mit dem Credo: Mein Betrieb über alles! Kein Staat hat das Recht, meine Aktivitäten zu kontrollieren oder gar zu beschränken. So arbeiteten 1842 in den Spinnereien Zürichs 2400 Kinder unter 16 Jahren, 1150 Männer und 1150 Frauen. Der Baumwollsektor war zum Leitsektor der industriellen Revolution geworden.

Der bekannteste Bankier-Unternehmer-Politiker dieser Zeit war Alfred Escher, Zürcher Regierungsrat, Nationalrat, Begründer der Schweizerischen Nordostbahn, der Gotthardbahn, und der Schweizerischen Kreditanstalt (CS).

Weitere reiche und bekannte Familien waren die Wille und Schwarzenbachs, durch Heirat verknüpft mit altem Adel wie Bodmer und Rieter.

Ein globaler Erfolg (unter vielen) war Holcim, nach Lafarge der weltweit zweitgrösste Zementproduzent, im Besitz der Familie Schmidheiny. Den Erfolg verdankte die Firma primär der Kartellbildung. Die war zwar verboten, aber wie bei Feldschlösschen und Salmen, sagte man sich noch vor 40 Jahren: Die sind doch nett, das ist doch gar nicht sooooo schlimm. Probleme machte in den letzten Jahren die Haftung für Asbestfolgen - und die Enteignung der Fabriken in Venezuela durch Chavez. Die Holdingstruktur erlaubt(e), Kartellrechtsgrenzen für Kapitalbeteiligungen zu überschreiten und den Steuersitz im steuergünstigsten Land zu wählen.

Im 20. Jahrhundert entstand in der Schweiz eine extrem hohe Konzentration von Netzwerkbeziehungen zwischen Banken, Versicherungen und Unternehmen der exportorientierten Grossindustrie. Man nahm gegenseitig Einsitz in die Verwaltungsräte, was der Kooperation förderlich, dem Wettbewerb jedoch eher abträglich ist. Diese Verfilzung aus 8 bis 15 Unternehmen erreichte 1950/60 ihren Höhepunkt (sagt man heute ...). Um wen es sich handelt zeigt uns immer noch der smi: Pharma, Nestle, Banken - und wir haben bereits 70% des Wertes, der anzeigen soll, wie gut es "unserer" Wirtschaft geht.

Manche der grossen Vermögen dienten dazu, Banken zu eröffnen, ein beliebtes Spielfeld reicher Familien. Pictet & Co z.B., 1805 gegründet, verwaltete 2008 ein Kundenvermögen von rund 260 Milliarden Fr. Dazu kommt, dass Landbesitz oft seit Generationen von solch reichen Familien verwaltet wird, was ebenfalls beträchtliche Abschöpfungen des darauf erzeugten Mehrwertes ermöglicht. Gute Bildung, politisches Know-How und erlesener Geschmack erleichtern es, die eigenen Interessen innerhalb und mit der selben Gesellschaftsschicht durchzusetzen - und den Rest, als "Masse" unter Kontrolle zu halten. [Womit die Antwort auf die Frage im Titel eigentlich schon gegeben wäre: Eine Plutokratie, Synonym Oligarchie, kann nur dann als ideal betrachtet werden, wenn man annimmt, dass deren Interessen nicht nur persönlich dominieren, sondern auch für das Wohlergehen der Gesamtgesellschaft leitend sind. ... Nachdenken ... bevor Sie zustimmen, dass dem so sei]

3 Reichtum heute

Die von der Monatszeitschrift Bilanz alljährlich im Dezember porträtierten reichsten 300 der Schweiz, besitzen alle über 100 Millionen Fr. an Vermögen. Der reichste ist seit längerem der Wahlschweizer Ingvar Kamprad (IKEA).

Die Schweiz hat - nach Singapur und Hongkong - die dritthöchsten Millionärsdichte der Welt, 22'700 Personen im Jahr 2009, mit einem Anlagevermögen von über 1 Million $.

Erfahrungen zum Haut Brion:

Ich hab mir kürzlich eine Flasche Chateau Haut-Brion 2004 genehmigt, in Erinnerung an eine Flasche derselben Marke, die ich vor ca. 10 Jahren mal getrunken habe. Jahrgang 2004 wurde allerdings kritisch bewertet, von den meisten überschätzt. Eine Bewertung die ich heute teilen würde:
Eine irre Nase hatte 2004 Smith Haut Lafite, schade dass da der Gaumen nicht mitkam, trotzdem ein gelungener Wein – 91/100. Gefiel in der Probe deutlich besser als 2004 Haut Brion, der etwas von der Spur wirkte. Sehr viel Tannin, wenig Substanz, fast etwas dünn wirkend. Wo soll denn da mit dem Alter das Wunder herkommen? Das waren heute eher 88/100. Sicher tut sich da mit den Jahren noch etwas, aber mehr als 92/100 sehe ich bei Haut Brion auch in 10 Jahren nicht.
http://www.wineterminator.com/weinkritik/weinkritik/bordeaux-2004--co.html
dennoch wird der Preis von ca. 300.- als angemessen betrachtet: http://www.wine-searcher.com/find/haut+brion/2004

Gerade bei Bordeaux spielen zwei Dinge den meisten, insbesondere den Laien, einen Streich:
  1. Bordeaux sind erst wirklich gut, wenn sie ausreichend gelagert sind. 2004 ist nicht trinkfertig, sondern zu jung. Er müsste mindestens 10 Jahre alt sein. Der hier war unreif. Ein zehnjähriger kostet aber mindestens 1000.-, ist mir also echt zu teuer.
  2. Es gibt, trotz enormer Fortschritte in der Behandlung, massive Unterschiede bei den Jahrgängen. 2004 war umstritten - und deshalb relativ billig (Premier Crus, zu denen er gehört, sind halt die teuersten).
  3. Die Preise für bekannte Bordeaux haben sich in den letzten 15 Jahren vervielfacht, vor allem weil reiche Russen, Chinesen und Japaner darauf stehen. In diesem Markt werden Weine nach Namen gekauft - nicht nach Geschmack (schmeckt er zu säuerlich, zu bitter - oder gar nach gar nix, gibt man halt ein bisschen süssen Champagner bei (die Luxusvariante von Zucker).
Nach meiner Einschätzung ist der Preis etwa 2 bis 3 mal zu hoch für die vorhandene Qualität. 80-120 Fr. wäre der Wein wert, mehr nicht. Dass er das Dreifache kostet liegt eben an der relativ unbedarften, aber gut finanzierten Nachfrage aus Fernost und Russland.

Preissteigerung seit 2002:

Die grösste Preissteigerung fand allerdings bereits Ende des 2. Millenniums statt, als alle für den grossen Wechsel einkauften. Leider finde ich dazu keine Statistik. Bereits damit müsste ich heute also 900 ausgeben um einen gleichwertigen Wein zu erhalten wie den, den ich ca. 1995oder 96 trank.

http://www.cellarnotes.net/hautbrion.shtml
1996 kriegte man noch einen 1982er für 2-300$, 98 Parker Punkte, Spitzenwein. Der kostet heute 600-2000$ - was mir dann doch ein bisschen viel ist - aber vermutlich der war, den ich damals getrunken habe:
http://www.luxury-insider.com/columns/Edwin_Soon/Chateau_Haut_Brion_1982/
http://winezap.com/Haut-Brion/1982/1285

Nieder mit den reichen Russen und Chinesen! Das wär doch mal ein angemessenes Problem für die SVP!!

Das Beispiel rechts zeigt präzise, dass "Luxus" nicht primär darum teuer ist, weil sein "Wert" derart hoch ist oder gar der Aufwand bei der Herstellung, sondern weil der Preis keine Rolle spielt. (Was Weinliebhaber zur Zeit eben besonders schmerzhaft bei den guten Weinen Frankreichst bemerken). Die Reichen kaufen sich diesen, weil ihn die andern sich nicht leisten können. Er distinguiert.

Anders als die stagnierenden Einkünfte der Mehrheit, haben diejenigen des obersten Prozentes aller Lohnempfängerinnen und -empfänger seit den 1970er Jahren um 70 Prozent oder mehr zugenommen, laut Steuererklärung ... In 9 der 19 von der OECD untersuchten Länder nahmen die Löhne der obersten 10% seit 1980 um 10 bis 40% zu. In einigen Ländern bloss 3% - aber nirgends nahmen sie ab. Allein zwischen 1993 und 2006 haben sich die Spitzengehälter in den USA fast vervierfacht. Um 2004 betrug das durchschnittliche Haushaltseinkommen des obersten Prozentes der Steuerzahler in den USA 940'000 $, beim obersten Promille 4.5 Millionen $, beim obersten Zehntelspromill 20 Millionen $ was einem Einkommenszuwachs von 112% zwischen 1990 und 2004 entspricht, 57% beim obersten Prozent. Die Mehrheit der Amerikaner, 90% der Steuerzahler, erhielten jedoch lediglich einen Zuwachs von 2%.

Während Verluste von 45 Milliarden $ durch den Staat übernommen werden mussten, liessen sich einzelne Superstars dennoch Boni in Milliardenhöhe auszahlen (John Tain bei Merrill Lynch z.B.)

Die reichsten 10% der Schweizer erhielten eine Einkommensteigerung von 3% zwischen 2003 und 2006. Die Unterschiede (und der relativ tiefe Wert hier) begründen sich durch die Branchen: Der Bruttolohn der obesten 10% der Tabakindustrie betrug 2006 durchschnittlich 52'000 Fr - pro Monat. Der Landesdurchschnitt aller Brutto-Löhne 5881 Fr.- Auch bei Banken und Versicherungen betrugen die monatlichen Bruttolöhne der obersten 10% über 40'000 Fr.

Die durchschnittliche Vergütung von exekutiven Führungskräften betrug 2006, laut Ethos, etwa 2.3 Millionen Fr, mehr bei den Grossen, weniger bei den Kleinen (UBS 19 Millionen, CS 19 Millionen, Novartis 12 Millionen.) Nach der Finanzkrise stiegen diese Bezüge um 20% (kein Schreibfehler ... in der Krise tragen diese armen Leute natürlich eine viel grössere Verantwortung - was nicht heisst, dass die Löhne in Boomzeigen fallen würden, denn dann verdienen sie einfach einen "gerechten" Anteil am Mehrwert.) Fälle die besonders zu reden gaben waren Vasella (2006 über 44 Millionen), Brabeck ( > 17 Millionen), Ospel (27 Millionen). 2009 gab vor allem Brady Dougan (CS) zu reden, der 19 Millionen erhielt + 71 Millionen aus einem langjährigen Beteiligungsplan. Bilanz rechnet mit 300 Milliarden $, die die Banken im Jahr nach der Krise (2009) an Boni auszahlen.

Diese Einkommen dienen ja kaum bloss dem Unterhalt, sondern werden entweder direkt wieder als Investitionen angelegt - oder in Privat-Vermögen wie Villen, Land, Bilder, Kunst, Juwelen, Uhren, Aniquitäten, Autos, Flugzeuge, Tierzucht etc., also in Dinge die nicht unter verzehr leiden, sondern mit dem Alter an Wert zunehmen.

Zug und Schwyz hatten 2007 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Vermögensmillionäre (217'768), 9740 davon mit einem Vermögen von über 10 Millionen.

Der Kanton Zürich hat mit 2980 Personen die meisten Millionäre mit zweistelligen Millionenvermögen.

Mit 28.5 Milliarden an Erbschaften und 9 Milliarden an Schenkungen machen die vererbten Summen jährlich 6.8% des BSP aus. 10% der Erben erhalten 3/4 der gesamten Erbsumme. Vermögensbildung erfolgt also primär durch Vererbung - und dazu sehr ungleich, dies um so mehr als die nationale Erbschaftssteuer bereits 1958 aufgehoben wurde, verzichteten auch die Kantone nach und nach darauf. Die Ungleichheit nimt seit den 80ern wieder zu (Untersuchungen des Gini-Koeffizienten)

S. 54-55 Graph

Ab 1970 wurde die Verteilung wieder ungleicher. Sie präsentiert sich im 20. JH als U-Kurve. 2003 lag der Gini-Koeffizient der OECD zwischen 0.23 (Dänemark) und 0.38 (USA). Die Schweiz lag hier mi 0.31 bei der Einkommensverteilung im Mittelfeld

- mit 0.881 (2010) bei der Verteilung der Vermögen allerdings an der Spitze (der Ungleichverteilung. klick Graph links für umfassenden Ländervergleich). Nur in Singapur und Namibia sind die Vermögen noch ungleicher verteilt.

 

Dieses reichste Prozent der Welbürger stammt zu 1/4 aus den USA, zu 1/5 aus Japan, was bereits 45% ausmacht. In der Schweiz wohnt 1% der Superreichen. Weitere 41% (13 Länder) verteilen sich auf Ostasien (2 Länder) und Lateinamerika (3 Länder). Fast völlig fehlt Afrika, der Nahe- und Mittlere Osten, wie auch Osteuropa im Club der Superreichen (ich denke, da wurden ein paar Oelscheichs vergessen, vielleicht weil sie ihr Geld nach London und in die Schweiz transferiert haben.)

1% der weltweit Reichsten besitzt 40% des weltweiten Vermögens. 5% der Reichsten bereits 71% - und die reichsten 10% besitzen 85% des gesamten Weltvermögens - in der Schweiz 71.3 % des Nationalvermögens (s. folgende Graphiken). Die "untere Hälfte" kommt auf ein mickeriges knappes Prozent.


Vermögensverteilung in der Schweiz:

  1. Am ungleichsten ist die Vermögensverteilung im Kanton Waadt (viele Ausländer mit Pauschalbesteuerung + reiche alte Geschlechter): Gini 0.905
  2. Basel Stadt: 0.903: "Daig" + Basler Chemie. Knapp 3 Promille der Basler Steuerpflichtigen besassen 2007 über die Hälfte des Reinvermögens. Dass sich diese Unterschiede erhalten, bei beträchtlicher Ruhe (mit Ausnahme der Fastnacht), führen die Autoren auf die Bewunderung für die Elite (die in Deutschland offenbar erst noch eingefordert werden muss, s. Sloterdijk - was allerdings gerne zu Faschismus führt s. Robert Michels) und die Tatsache, dass Demokratien sich offenbar immer in Richtung Oligarchie bewegen: Wer zahlt, befiehlt! ist eine einfache Aussage, mit der sich auch der Kleinste gerne wichtig macht, wenn er mal die Chance hat.

Die soziale Ausrichtung der Steuern (starke Progression, keine Steuern für Menschen ohne Einkommen, also Sozialhilfebezüger und andere, die am Existenzminimum leben) drückt sich auch in der progressiven Vermögenssteuer aus. Es besteht eine Freigrenze von 100'000 Fr. für Paare, die Hälfte für Alleinstehende. So sind in Basel bloss 30% der Bevölkerung Vermögenssteuerpflichtig. In andern Kantonen dürfte das ähnlich sein, da generell in der Schweiz bloss 1/3 der Bevölkerung Hauseigentümer ist - und Häuser immer noch das wichtigste Anlagevermögen für Privatpersonen darstellen.

2 Die Reichen verdienen überdurchschnittlich (und sei es bloss durch Kapitalvermehrung)

4 Theoretische Zugänge

4.1 Klassen und Schichten
4.2 Soziale Lage und Milieus
4.3 Kapitalien und sozialer Raum

4.4 Funktionselite versus Machtelite

In den verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen (Wirtschaft, Politik, Justiz, Militär, Medien, Wissenschaft, Kultur u.a.) findet Konkurrenz von funktional spezialisierten Teileliten um Spitzenpositionen statt. (Die meritokratische Ideologie vergisst hier gerne die von Schicht- und Klassenstrukturen abhängigen gesellschaftlichen Prozesse, die dazu führen, dass die Kinder von Akademikern Akademiker werden, die Kinder von Arbeitern Arbeiter). Der Habitus spielt hier eine weitaus grössere Rolle, als man ihm - meist in Unkenntnis des Begriffes - zugesteht. Zwar ist die vom Vater erreichte Position nicht mehr entscheidend - sondern das in einem langen Aufstiegsweg bewiesene Können und Wissen. Die meritokratische Ideologie lautet: Wer gut gebildet, fleissig, leistungsorientiert und pflichtbewusst ist, kann alles erreichen. ... Allerdings nur, wenn er es auch listig genug anstellt. s. Netzwerke

Es stellt sich hier vor allem die Frage nach dem Leistungsbegriff: Wer definiert, was als Leistung gilt, die besonders honoriert wird? Freiburghaus betont dazu allerdings auch die gemeinsame Sozialisation der Funktionseliten: Herkunft, Studienfreunde, Clubbekanntschaften ... Kartellistische Strukturen und Nepotismus sind auch in der Elite verbreitet.

Charles Wright Mills (1916-62): The power elite - Wirtschaft-Politik-Militär. Weitaus am meisten Bedeutung misst Millls den Reichen und den Konzernspitzen zu. Diese "besitzende Klasse" besteht aus Familien, deren Angehörige einen ähnlichen Lebensstil pflegen, eine ähnliche Bildung und ein enges Beziehungsnetz haben. Sie halten sich an spezifischen Orten (vornehmen Stadtteilen, exklusiven Clubs etc.) auf. Ihre Sprösslinge besuchen exklusive Bildungsstätten die ihnen gemeinsame Verhaltensnormen und Werte vermitteln - die den Zusammenhalt der oberen Schicht garantieren. (Den unteren Schichten fehlt genau dies, weshalb wohl die Linke meist stärker zersplittert ist als die Rechte). Heute genügt es nach Mills nicht mehr, reich zu sein, um zur Machtelite zu gehören, den nicht die grossen Vermögen, sondern die grossen Konzerne bilden die Basis für Macht und dauerhaften Reichtum. Deshalb kommt es seiner Einschätzung nach zu einer Verbindung der reichen Familien mit den Topmanagern von Grossunternehmen, die selber meist eine ähnliche soziale Herkunft aufweisen.

Mills verwirft auch die Vorstellung, dass die Reichen reine Nichtstuer oder sogenannte Couponabschneider sind und eine leisure class bilden. Die meisten Reichen gehen einer Arbeit nach. Aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass ihre Arbeit ihren Reichtum erzeugt. Um Geld zu akkumulieren, braucht es eine Schlüsselstellung in einem grossen Unternehmen. Und diese Stellung nehmen meist Leute aus der oberen Mittelschicht und aus reichen Familien ein. Sie verhilft auch zu politischer Macht. [S. 75]

Im 19. Jahrhundert orientierten sich Werktätige am Lebensstil von Bürgerlichen. Und viele Bürgerliche ahmen heute noch den Lebensstil von Reichen nach, ohne ihn je erreichen zu können.

Wer sich was leisten kann, bestimmt darüber, wer in welche Schicht gehört. Im Konsum drückt sich Machtgefälle und soziale Ungleichheit aus, der bewirkt soziale Disziplinierung. Ich bin das, was ich mir leisten kann.

Frauen geraten aus verschiedenen Gründen weitaus weniger häufig in solche Kreise, zumindest auf der aktiven Seite. Karriereunterbrüche durch Geburten, fehlender Zugang zu Bereichen in denen aufstiegsrelevante Erfahrungen gewonnen werden können, fehlende Netzwerke und Seilschaften, die enormen Zeitaufwand bedingen gehören dazu. Umgekehrt haben nicht-berufstätige Ehefrauen einen wesentlichen Anteil an der "Status-Arbeit" ihres Gemahls. Sie sorgen für eine gehobene Lebensweise, Stil, das richtige Milieu. Sie bewegen sich gesellschaftlich in der Elite, nehmen Repräsentationsfunktionen wahr und engagieren sich z.B. in Stiftungen.

> Hier ebenfalls eine klare Antwort auf die Titelfrage: Ist die Oligarchie die beste politische Vertretung des Volkes? Auf Grund der in allen komplexen Systemen notwendigen Machtteilung auch hier die Antwort: NEIN. Denn die Elite bestimmt den Massstab der Leistung, sie bestimmt also wer ein Leistungsträger ist und wer nicht. Die Elite bestimmt also, wer ein "produktives Mitglied" der Gesellschaft ist und wer nicht. Und da dürften die Ansichten der weniger Elitären, die um so härter arbeiten müssen, um so unangenehmere Arbeiten akzeptieren müssen, je weiter sie von der Elite weg sind, doch etwas anders aussehen.

3 Geld, d.h. die Reichen, bestimmt, was Leistung ist.

5. Reichtum und Macht

5.1 Wer regiert die Schweiz?

Wer regiert die Schweiz?

Peter Spuhler (SVP) und Johann Schneider-Ammann (FDP) gehören zu den 200 reichsten. Schneider-Ammann studierte an der französischen Eliteschule INSEAD in Fontainebleau bei Paris. Er arbeitet mit bei Economiesuisse und präsidiert den Industrieverband Swissmem.

Paul-Andre Roux, am 1. März 2010 als Nationalrat vereidigt, sitzt in 39 Verwaltungsräten ... allerdings von Firmen die zumeist wenig mehr haben als eine Adresse an der Rue des Remparts 10 in Sitten, also seinem Steuerberatungsbüro. Es handelt sich um Briefkastenfirmen mit dem Zweck, Personen und Zahlungsempfänger zu anonymisiseren. [S. 86]

Die UBS war in der Aera Ospel eine SVP-Bank und unterstützte die Wahl Blochers in den Bundesrat.

Die Industrieverbände wie Vorort, Gewerbeverband und die Freisinnige Partei haben ihren Einfluss weitgehend verloren - mit Ausnahme der Chemie/Pharma, die gemeinsam mit Finanzwirtschaft und Grossbanken heute sagen was läuft. Die Finanzwirtschaft hat ein Gewicht von 6% aller Beschäftigten, 12% des BIP, über 20% der Steuereinnahmen der öffentlichen Hand und einen hohen Anteil aller Kredite von Unternehmen und Privaten im Land. Das bringt den Staat und die Politik in eine einseitige Abhängigkeit. [S. 87]

UBS und CS vergeben Spenden an die bürgerliche Parteien - nach einem Punktesystem. Je mehr Abgeordnete in ihrem Sinne stimmen, desto Geld. Das ist Pluto-Demokratie.

Wirtschaft und Politik sind keine isolierten Systeme. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele, funktionieren nach anderer Logik, aber sie durchdringen sich gegenseitig. ... Der Globalisierungsschub nach 1989 verhalf der Grossindustrie und den Banken zu einem weiteren Aufschwung und Machtzuwachs, der massive Missbräuche mitsich brachte und dazu führte, demokratische Kontrollen zu schwächen und einseitige wirtschaftliche Interessen über eigene Thinktanks (s. economiesuisse) zu legitimieren. [S. 91] Politik ist per Macht gesteuert - Wirtschaft per Geld. Da aber Geld oft identisch ist mit Macht, und aus Macht sehr leicht Geld wird, wirken die Systeme aufeinander ein.

Der Post-Wohlfahrtsstaat nimmt sozial Abhängige stärker in die Pflicht - und kommt Wohlhabenden mit Steuersenkungen entgegen. Die soziale Disziplinierung erfolgt, wie immer, nur unten.

Dabei sind unsere "Unteren" eigentlich optimal diszipliniert, so gut diszipliniert, dass sich überreiche Ausländer äusserst gerne in der Schweiz niederlassen (oder zumindest ihr Geld) - auch ohne Bankgeheimnis.

Economiesuisse weist ein höheres Budget auf als alle Parteien zusammen. 50 Mitarbeiter verfügen über einen Jahresetat von 15 Millionen Fr. Der Unsinn den diese Institution rauslässt ist allerdings oft beträchtlich:

Irrtum der Kritik:

In der Abzockerinitiative (s. Reiter 4: Einkommensrelationen, 4.1.2 Denkanstoss zum Problem der Managerlöhne) zeigt sich ein massives Unverständnis der Führungsverhältnisse in der Wirtschaft. Managerlöhne werden generell Arbeitnehmerlöhnen gleichgesetzt - wären aber eigentlich zu vergleichen den Beuteanteilen von Heerführern, Kriegsherren etc. Auch in dem hier beschriebenen Büchlein wird dieses Missverständnis gefördert. Vasella's und Ackermann's Deal:

Wir vom Management scheffeln für euch Milliarden. Wir nutzen alles aus, was möglich ist. Und ihr gebt uns dafür ein paar Millionen ab. (Ulrich Thielemann) Obwohl die Spitzenmanager von Grosskonzernen eigentlich angestellte sind, da sie in einem Lohnverhältnis stehen, fungieren sie in aller Regel zugleich als Eigentümer in dem Sinn, dass ihnen ein beträchtlicher Anteil an den Aktien des Unternehmens gehört, oder aber sie kassieren hohe Boni und Dividenden. [S. 101]

Der Absatz zeigt, dass auch hier die Funktion der Manger noch nicht voll verstanden wurde. Manager haben nicht nur einen Auftrag, wie Angestellte, sie haben auch nicht bloss Anteile - SIE MACHEN DIE ARBEIT DER EIGENTUEMER. Sie verkaufen oder kaufen Betriebe/Betriebsteile, legen zusammen, splitten, bauen um, rationalisieren - kurzum sie "konstruieren" (quasi als sozioökonomische Ingenieure) ein möglichst effizientes Geldgewinnungswerk. Eine Belohnung in Form eines Anteils am Mehrwert kann hier nicht ernsthaft kritisiert werden - wohl aber die tiefe Bewertung manch anderer Beiträge zum Mehrwert oder zur Werterhaltung (ausgelagerte Putz- und Unterhaltstruppen). Jeder Cent der den Managern entzogen wird, kommt weder dem Staat noch den "armen" Angestellten zugute, sondern fliesst in die Kassen der Eigentümer.

5.7 Clubs und Netzwerke

Eine wichtige Erfahrung war, dass es für den beruflichen Weg an die Spitze nicht in erster Linie überragende Fachkenntnisse braucht, sondern die Mitgliedschaftin den richtigen Seilschaften - erklärt ein ehemaliger Bankdirektor. Und damit das gelinge, müsse man "die Kultur und die Regeln der Seilschaft bedingungslos übernehmen. [S. 109]

Stiftungen sind oft auch Denkmäntelchen, die verschleiern, was bei der Gewinnung des Geldes alles zerstört wurde. So fördert Soros zwar mit seinem Vermögen die Bildung, hat aber mit seinen Spekulationen hunderttausende in den Ruin getrieben.

5.11 Kurze Wege

Dass Eliten a) nur einen geringen Teil der Bevölkerung umfassen und b) meist relativ abgeschottet, isoliert sind, wundert wenig. Es gibt dafür innere (Eigennutz) wie äussere (Desinteresse bei den andern) Beweggründe:

Mangelndes Interesse bei der Masse: Nur eine begrenzte Zahl von Menschen ist zu einem ernsthaften politischen und sozialen Engagement bereit. Wer Personen für ehrenamtliche Funktionen sucht, erlebt das deutlich. Dass in der Praxis oft die gleichen Personen einander wieder gegenübersitzen, überrasch nicht.

Eigennützige Absicherung der Macht: Der Historiker Philipp Sarasin beschreibt den "Daig" des 19. Jahrhunderts als geschlossene Gesellschaft. Die Burckhardts, Merians und La Roches übten in der Stadt auch die politische Macht im Grossen Rat und in der Regierung aus. Sie machten ihren Einfluss zudem bei der Besetzung von Professuren an der Universität geltend. [S. 121]

Die neue globale Klasse ist eine Oligarchie, eine gesetzlose (oder zumindest eigengesetzliche) Herrschaft der Reichen, die nur an ihrem Eigennutz interessiert sind.  Sie pflegt einen ähnlichen Lebensstil, insbesondere was den Luxuskonsum und den Besuch von internationalen Elitebildungsstätten anbelangt. Sie sehen die wirtschaftliche Organisationsform auch dort angebracht, wo es um Schulen, Universitäten, Spitäler - und das Wohlfahrtssystem geht.

Das WEF wurde diesbezüglich etwa als "Markt der Eitelkeiten" bezeichnet, ein who is who in der Wirtschaft. Allerdings ist St. Moritz auch ein Zeichen dafür, dass grosse transnationale Konzerne mächtiger sind als die meisten Regierungen.

Es lassen sich 2 Elite-Gruppen unterscheiden: Die globalen Superreichen - und die globalen Manager. Beaverstock et. al. widersprechen hier Leslie Sklair, der behauptet, dass die Dienstklassen des Kapitals (Bürokraten, Politiker, Manager etc.) eine tragende Rolle spielen würden und betonen die Macht der Geldelite.

 Die Superreichen erfüllen De-FactoGovernance-Funktionen und haben direkten und indirekten Einfluss auf Stiftungen, Wirtschaftsorganisationen, Verwaltungsräte, Thinktanks und Wohltätigkeitsorganisationen und beeinflussen damit die globale Steuer- und Sozialpolitik und auch Institutionen wie den IWF oder die Weltbank. [S. 126]

Eine der zentralen Institutionen dieser "Regierung der Weltwirtschaft" ist die G20. Sie soll zur zentralen Instanz für die internationale Wirtschaftspolitik werden. 

Trotz globaler Fangzüge auf Profite ist diese Elite nicht immer wirklich transnationall orientiert oder gar rekrutiert. In Frankreich etwa ist die nationale Elite national geschlossen. Nur 2 % der Generaldirektoren stammen nicht aus Frankreich, nur 8% davon haben Auslanderfahrung. Von den grössten Italienischen Unternehmen wird keines von einem Ausländer geleitet, von den 30 grössten spanischen eines, in Deutschland 9%, GB 20% - allerdings zumeist aus der London Business School

Transnational ist hier allerdings die Schweiz. Hier kommen 29% der Führungskräfte der 500 grössten Unternehmen aus dem Ausland., bei den 100 grössten sogar 44% (75% aus Europa, 21% aus Amerika und 4% von andern Kontinenten)

Eliten schotten sich zunehmend ab: Der Präsident der Bundesbahn Deutschlands erhielt fürher gleich viel Lohn wie der Staatssekretär der Bundesregierung. Heute mit 3.2 Millionen zwanzig mal mehr. In GB verdient der CEO der immer noch staatlichen Royal Mail und Network Rail mit 1.5 Millionen etwa 8 x so viel wie der Premier. 

Kein Wunder benehmen sich (nicht nur Schweizer) Politiker wie Hofwasallen, wenn sie beim Kapital weibeln. Die zunehmende Steuerung der Politik durch Geld zeigt sich auch in den  gewaltig zunehmenden Geldmengen die für Nationalratswahlen aufgewendet werden müssen. Das anonyme Kapital, die AG, verschleiert zudem die Verantwortlichkeiten zunehmend. Obwohl die Gewinne klar an die Shareholder gehen, wird die Verantwortung für "Missgeschicke" doch lieber an den Staat delegiert, vorwiegend in dem die kleinen Mitarbeiter freigestellt werden, die aus solche Entscheide eh keinen Einfluss haben. ... Zudem auch meist keinen Überblick mehr: Die privaten, auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichteten Interssen haben mit Spiel, Intelligenz, Charme, Bildungsbesetzung eine Matrix errichtet, die selbst von den Intellektuellen kaum mehr als Matrix erkannt werden will und wird. [Regula Stämpfli, zit. Sl 135]

4 Die Reichen sind eine "Klasse" für sich - was sie die andern ja meist auch spüren lassen.

6  Im Spiegel der Medien

Heute funktionieren die Medien offenbar in erster Linie als Produkte in einem Markt. Sie operieren nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten und wählen entsprechend ihre Themen aus. [S. 162]

Dass eine Presse in rein privater Hand besser sei als eine staatliche lässt sich heute leider nicht mehr so unterschreiben. Es ist klar, dass jede staatlich Presse die Dinge in ihrem Interesse auswählt und formuliert  - es ist aber eben so klar, dass die private Presse genau das selbe tut, einfach nach Gesichtspunkten der "Verkaufbarkeit", der Attraktivität der Meldungen für das zahlende Publikum. (s. Internet-Journalismus). So tendieren Pressemeldungen immer mehr zu Popularisierungen und zur zunehmenden Fokussierung auf Einzelpersonen (Hirschmann & Co, Superverdiener bei den Managern, Superversager bei den Politikern). 

Welche Meinung wo geäussert wird ist also auch bei privaten Medien klar geregelt: Jean Ziegler bringt seine Kolumnen praktisch nur noch in der Gewerkschaftszeitung work unter, Helmut Hubacher,  Frank A. Meyer und Werner Vontobel im Sonntags Blick, Roger de Weck in der Sonntagszeitung, Daniel Binswanger im Magazin - und die und die zwei schwarz-weiss-Kommentatoren Christoph Mörgeli & Roger Köppel in der von letzterem besessenen Weltwoche ("besessen" dürfen sie hier ruhig zweideutig verstehen).

Ziel der Bilanz war mal, Transparenz herzustellen über Reichtum. Lange Listen über Reiche und Superreiche-  und ihre Vorliebe für Röschti mit Bratwurscht, wie bescheidene Architektur (immer grössere Teile davon sicherheitshalber allterdings unterirdisch. Es zeichnet sich hier bereits eine lukrative Neuverwendung des Gotthardreduits an) sind das Resultat. Argumente gegen diese Verteilung (gottgewollt, leistungsbedingt, naturgegeben)  werden konstant mit dem Neidvorwurf unterlaufen. Wenn man sich diesen Vorwurf ansieht, und z.B. auf andere Ungerechtigkeiten anwendet, z.B. den Vorwurf des Mordes an einem Politiker (> nichts als Neid all derjenigen, die das längst selbst gerne getan hätten) oder Vergewaltiger (> nichts als Neid all derjenigen ....). Fies, ich weiss, aber es zeigt wie wenig Substanz in diesem Gegenargument steckt.

Presse als 4. Macht

In letzter Zeit geriet wieder einiges in Bewegung - um gleich zu bleiben. Wenige dominieren. 1995 übernahm Matthias Hagemann  als 33-jähriger die BAZ, und dazu das Zürcher Verlagshaus Jean Frey mit Weltwoche, Bilanz, Sport und Beobachter. Mt 530 Millionen Fr. Umsatz der drittgrösste Medienkonzern der Schweiz.  Jean Frey wollte er 2002 an Ringier verkaufen. Da sich der Deal verzögerte, ging diese Gruppe an die Swissfirst Bank und von dort an Tettamanti. Die Basler, auch die wohlgestandenen, halten allerdings nichts davon, eine SVP-Hauspostille als Stadt- und Kantonsblatt zu lesen und wehrten sich gegen eine "Weltwochisierung" ihrer Zeitung. Irgendwie ist nun aber doch wieder/sogar Blocher im Gespräch als möglicher Eigentümer, da mit der Verbindung von AZ und BZ die gesamte Nordwestschweiz und das westliche Mittelland von der SVP doch besser bearbeitet werden könnten. Die Sache ist dubios.
Auf Grund ähnlicher Einschätzungen des Marktes verkaufte Charles von Graffenried 80% seiner Espace Media an die Zürcher Tamedia, was damals das grösste Medienbeben der Schweiz auslöste. Begründung: Die Zukunft der Medien liege im Internet - und dort können nur die ganz Grossen wirklich Geld verdienen. [S. 159]

Die NZZ vertritt nach wie vor einen kritiklosen Marktfundamentalismus. Sogar die Verwerfungen am Finanzmarkt seien durch den Staat verursacht worden.  In Ostdeutschland verdienen 21% weniger als 7.5 € pro Stunden, in Westdeutschland 11%. Nicht das sei aber ein Problem, sondern bloss die Behebung dieses Tatsache durch einen allfälligen Mindestlohn von 7.5 €, denn der gefährde billige Arbeitsplätze. Die Reichtumssteuer sei eine populistische Neidsteuer.  s. Kommentar oben

Ringier und Springer bilden zusammen ein Unternehmen mit mehr als 4000 Angestellten und über  600 Millionen Umsatz (4 Zeitungen, 73 Magazine, in 5 Ländern). Seit 1999 gehört auch die Handelszeitung dazu.

Bei den Depeschenagenturen überlebte ebenfalls bloss noch die dpa, nachdem die ap geschlossen werden musste. Das mag unerheblich klingen, da aber die meisten kleineren Zeitungen keine lokalen Journalisten vor Ort haben, sondern sich betr. Meldungen aus andern Staaten auf Depeschenagenturen verlassen, führt auch dies zu einem Schwund der Meinungsvielfalt. 

Führender Anbieter von Finanz- und Wirtschaftsdaten (für deren Bezahlung reichlich Geld da ist)  ist heute Thomson Reuters, mit mehr als 50'000 Beschäftigten, 2700 davon Journalisten, in mehr als 100 Ländern. Jahresumsatz 13.4 Millionen $.

Hauptkonkurrenz ist Bloomberg, von Michael Bloomberg, New Yorker Bürgermeister und Milliardär.

Neue Konkurrenten sind hier Google und Microsoft

5 Medien, Politik, Gesellschaft und Menschen sind vielfältig - Geld einfältig:

Geld ist der einzige Stoff, dessen Qualität durch die Quantität bestimmt wird.

Georg Simmel, nicht wörtlich, aber sinngemäss

7 Wie Reiche denken und lenken

Typen:

  1. Abstammung aus Aristokratie und Patriziat
  2. Reichtum aus Industrialisierung
  3. Reichtum aus Aufschwung der Nachkriegszeit
  4. Neue Reiche aus Medien und Finanzinstitutionen

Kurzcharakterisierung:

  1. Reiche stellen sich häufig die Frage nach dem Sinn des Lebens - gerade weil sie eigentlich (sonst) alles haben können. 
    1. Viele Reiche fühlen sich allerdings auch bloss getrieben - noch reicher zu werden.
  2. Kinder von Reichen fühlen sich oft recht einsam - da die Bezeihung zu ihnen zwar geschätzt und gesucht wird, meist aber eben aus dem Grund, weil sie Geld haben. 
  3. Reiche legen bei ihren Lebensentwürfen viel Gewicht auf gute Ausbildung
    1. was allerdings wenig wundert, denn Ausbildung ist seit dem späten Mitellalter DER Schlüssel zu den besser gefüllten Brotkörben.
  4. Sie zeigen eine erhöhte Sensibilität gegenüber der Umwelt
  5. sind kulturell stark interessiert
    1. solange es um die eigene Kultur geht, und/oder wertvermehrende Kultur (Bilder, Kunst etc.)
    2. Allerdings muss bei Reichen immer alles sauber und einwandfrei sein. Viele haben zwanghaft Angst vor allem, das lebt (und nicht Pony heisst - obwohl - auch das beisst).
  6. und auch die soziale Frage liegt vielen am Herzen.
      1. allerdings nur solange die Lösung derselben keine Umverteilung fordert. Dem Staat billigen sie bloss korrektive Ordnungsfunktion zu.  Verteilungsgerechtigkeit sehen sie weder als Ziel der Wirtschaft noch der Politik. Die liebsten Armen sind dem Reichen immer die "working poor".  Da kann er herzhaft Tränen vergiessen und sich über die Ungerechtigkeit des Systems beklagen, das ihm nicht erlaubt, das Problem mit etwas mehr Lohn zu lösen. 
  7. Sie erkennen sich gegenseitig am "Habitus" und "den feinen Unterschieden".  s. Bourdieu
  8. Antrieb ist so zumeist ein grosses Geltungsbedürfnis. Oft aber fehlt ihnen die Orientierung, was sie mit dem Geld noch so machen könnten - ausser es eben zu vermehren.
  9. Ausreichend Geld gibt ausreichend Sicherheit. Viele nutzen diese, und leisten sich auch den Luxus des Scheiterns, ohne den man eigentlich kaum weiter kommt. Da allerdings der normale Bürger nach einem Scheitern 20 Jahre lang für seine Schulden haftet, ...
  10. Reich sein ist für Urs Berger, wer sich selber sein kann und dabei zufrieden ist. [S. 202]
    1. Viele verbraten allerdings ihre Zeit damit, keine Fehler zu begehen ..

Allerdings gilt auch:

Hoffungslosigkeit ist das Schlimmste,
das einer Gesellschaft passieren kann.

Und dort, wo Hoffnungslosigkeit herrscht,
müssen Aenderungen auf dem politischen Weg angestrebt werden.
[S. 256]
Wer reich war, reich ist, reich sein wird, hat nicht viel Anlass, über "Alternativen" nachzudenken. Das dürfte vielleicht der Hauptgrund sein, warum auch oder gerade in Krisenzeiten, die Medien lieber die guten alten Zeiten mit ihren wahren Werten loben, als sich zu überlegen, wo der Fisch liegt, der vom Kopf her stinkt, und denselben zu entfernen.  Der "korrupte Staat und die Fremden" sind auf dem Reichen der liebste Feind. Hier stützt ihn die Mehrheit des Pöbels.

Berater, die direkt von der Schule kommen, ohne Ahnung von sozialen und betrieblichen Kräften, weisen zwar ein viel höhere Risikoakzeptanz auf ... sie riskieren aber damit eben unter Umständen den Betrieb, oder zumindest seinen (guten) Ruf.

Auswege:

  1. Job Rotation: Die Leute sollten alle 5 Jahre etwas anderes machen
  2. Auslandserfahrung: Insbesondere eine Betriebsleitung in einer anderen Kultur öffnet das Denkspektrum
  3. Bildung, gründlichere Reflexion: Worum geht es im Leben.
    1. Strukturabhängigkeit: Eine Familienfirma hat hier viel weniger Möglichkeiten, alles Familiäre als Privatproblem abzutun, mit dem der Betrieb nicht belastet werden dürfe. Dazu wissen die Mitarbeiter meist zu viel über die Familie ...
CEOs dürfen nicht mehr zu Selbstdarstellern werden. Die Macht hat sich in vielen Firmen von Gremien zu Personen verschoben (von den Reichen zu deren Heerführern, d.h. Geldvermehrern), womit all zu oft eine Glorifizierung und Heroisierung der CEOs einherging. [S.221]

Narzissten, Egomanen, Psychopathen: Ausgeprägten Narzissten fehlen die Bodenhaftung und das Gefühl für Grenzen. Sie heben ab und sehen in anderen viel Feindliches, um sich selbser besser über sie erhöhen zu können. Sie gewähren auch wenig wirkliche Unterstützung, weil die Energie eigenen Zielen nutzen soll. [S. 203]

Dies kam grad kürzlich relativ peinlich ans Licht, als wieder mal ein paar arme Schweine als Narzissten dargestellt wurden. Ohne die wahren Narzissten hätte unsere Wirtschaft keine Führer.

8 Wie sich der Reichtum abschottet

Kapitalbesitz  bringt Besitz von Raum, mehr Raum, schönerern Raum, begehrteren Raum, Ruhe, Exklusivität, schöne Aussicht, gute Luft, wenig Steuern, attraktives soziales Umfeld.
Traditionell hielten sich die Reichen eh meist in Städten auf. Hier finden sich die Opernhäuser, Clubs, Zünfte, Theater, Museen. Da die Steuern in den Vororten meist günstiger sind, kann man allerdings auch das eine Nutzen und dennoch vom andern profitieren, womit Städte zunehmend in Finanzierungszwang kommen, so sie nicht über ein attraktives Seegestade verfügen, exquisite Villen oder Schlösser, deren Exklusivitität (Goldküste, Genfersee) den Steuerschmerz etwas lindert.


Obige Karte des BFS zeigt schön, wo sich die guten Steuerzahler niederlassen: Genf, Waadt, Zug, Zürich, diejenigen die müssen weil sie dort arbeiten, in Basel, ein paar wenige in St. Moritz, Gstaad, Andermatt.
St. Moritz scheint das exklusivste Milliardärsghetto, insbesondere mit seiner "gated community" Suvretta. Gegen aussen fällt man zwar auch hier nicht all zu sehr auf. Wo das Geld der Reichen verbaut ist fällt generell erst auf, wenn es einem gelingt, ins Innere der Bauten zu sehen, die äusserlich oft von recht zweifelhaftem Geschmack sind. Das Attraktivste ist meist tief im Berg verborgen. Suvretta wurde berühmt durch Aristoteles Onassis, den Schah von Persien, Liz Taylor, die Agnellis, Willi Bogner, griechische Redner, Carvallo-Heineken, Bär, Rich, Hirschmann, Imholz, Mühlemann etc Bauland kostet bis zu 47'000 Fr, nicht für ein Häuschen, sondern pro m2. Sogar für internationale Superluxushotels wie das Suvretta House (mit Skischule, Tennis, Reiten, Curling, Wurftaubenschiessen, Golf) und Badrut's Palace ist es da nicht einfach, eine entsprechende Rendite zu erzielen.
Nebst Aspen, Colorado, ist St. Moritz allerdings der einzige Ort, an den Superreiche mit ihrem Langstrecken-Privatjet einfliegen können.
Wichtig für die Oberklasse sind auch Privatkliniken  wie etwa die Zürcher Klinik am See für Schönheitschirurgie, Genolier bei Nyon, Bethesda in Basel, Bethanien in Zürich; Clinique Générale in Freiburg, Wyss in Münchenbuchsee, Meiringen (na ja, in Meiringen eben) und Hohenegg in Meilen, - insbesondere bei psychischen Krankheiten.
Nebst eigenen Schulen (s. nächstes Kapitel) und standesgemässen Wohngebieten verfügt die Elite natürlich auch über ein eigenes Transportsystem: Swiss Jet (Zürich & St. Moritz).

6 Die Reichen schotten sich ab und legitimieren sich gleich selbst, ganz ohne Demokratie.

9 Wie Reichtum kultiviert und reproduziert wird

Reichtum findet sich oft in Familienclans wie Wille, Schwarzenbach; in Dynastien, die nicht nur Reichtum, sondern auch soziale Beziehungen und Status vererben, also oft früher bereits zu Adel und Aristokratie gehörten.
Noch nie gab es allerdings so viele reiche Familien. Ab einer halben Milliarde können sich diese quasi ihre eigene Bank leisten:, das sog. Single Family Office (Bertarelli, Rich, Camprad, Sandoz.)
Ab 50 Millionen gibt es das etwas günstigere Multifamily-Office.
Oft (95%) allerdings überleben Familienunternehmen die 3. Generation nicht. So zur Zeit Schmidheini. Obwohl männliche Nachkommen vorhanden sind (offenbar auch ohne gesetzliche Regelung von Tronfolge ein Erfordernis), scheint niemand gewillt und ausreichend begabt das Kapital weiter zu mehren.
Anders bei Blochers. Da wurden die Kinder offenbar darauf gedrillt, was ihre Pflicht und Schuldigkeit ist..
Bei Coninx sitzen verschiedene Familienmitglieder in Verwaltungsrat und Unternehmen, halten nach wie vor 76% der Aktien.
Häufig liegt das Problem allerdings weniger bei den Nachkommen als beim Nachlasser, der einfach nicht nach-lassen und nachgeben will, sondern bis zur totalen Vergreisung an seiner Herrschaft festhält.
Fast aristokratisch ist die Nachfolge beim weltgrössten familiengeführten Schmuckunternehmen Chopard gelöst. Der Nachfolger erhält jeweils  den Namen Karl (in Erinnerung an Karl den Grossen und sein Reich?).
Wie beim traditionellen  Adel wird auch beim Geldadel der Reichtum durch Heirat nicht nur erhalten, sondern vermehrt. Der gehobene Geschmack, der exquisite Stil, die gediegenen Sitten  dienen hier als sichere Leitplanken.
So wurde allgemein gemunkelt, dass die Heirat Vasellas (Arzt, Vater Geschichtsprofessor) mit "der Sandoz Familie" ihm seine spätere Karriere erst ermöglicht hat. Aehnlich einer der heute meistgeschmähten in Basel (seitdem er die Fastnacht nicht mehr mit finanziert), Marcel Ospel, der als einfacher Bankangestellter mit einer Frau seinesgleichen anfing, dann mit Andrée Köchlin in den Basler Daig einheiratete und Chef des Bankvereins wurde. Mit der Verlagerung des Zentrums vom Bankverein (Basel) zur UBS Zürich wurden neue Beziehungen nötig, und gefunden über Adriana Bodmer, junges Mitglied einer alten und reichen Zürcher Familie.
Die Dominanz der Finanzmärkte und die erhöhte Komplexität der Wirtschaft erforderte neues Wissen über die Geschichte Anlage und Führung von Steuerungszentralen der globalen Wirtschaft, ein Wissen das noch lange nicht zum Standard des Alltagsjournalismus gehört. Dafür eignen sich aber einige (teurere) MBAs, als Vorbereitung auf "Führung" auch die Einübung des Gehorsams in Eliteinternaten wie dem Lyceum Alpinum in Zuoz, Internat Rosenberg in St. Gallen,  Le Rosey in der Nähe von Lausanne oder Montana, am Zugerberg.
Die Kinder wachsen hier völlig "abgehoben", abgeschottet von andern sozialen Realitäten in einer eigenen, rosaroten Welt auf - was allerdings nicht heisst, dass sie übermässige Freiheiten geniessen. Die Hauptfunktion dieser Schulen ist erzieherisch, integrativ. Die AbsolventInnen sollen sozialisiert werden, angepasst an das Leben in genau der Gruppe, aus der sie kommen, in der und mit der sie arbeiten werden. Und das ist nicht die Gruppe der Arbeitnehmer. Selbst-Disziplin spielt eine wichtige Rolle. Wer wem die Türe wie öffnet, wen wie begrüsst, wird im Detail geübt. Zeremonien und höfische Rituale sind hier bedeutungsvoll. Gehobene Klassen, Führer, sollen sich in ihrer Rolle meist so benehmen, wie das eben von der Rolle her zu erwarten ist. D.h. sie sollen sich nicht am Kopf kratzen und überlegen - sondern entscheiden und anordnen.
Nebst täglicher Disziplin (Aufstehen, Frühstück mit Nahmensappell und Kontrolle der Hygiene .... Betreten des Speisesaales von männlichen Teilnehmern nur Krawatte, von Weiblichen nur mit Rock etc), ist es vor allem die Gewöhnung an den Umgang mit Kunst und Kultur, die auf ein mondänes Leben vorbereitet.
In Le Rosey wird der Unterricht völlig in Englisch und Französisch gehalten, obwohl die Schüler aus über 50 Nationen kommen. In Le Rosey wird ein wahrhaft mondäner, kosmopolitischer Habitus geschaffen. Man besucht Paris und Rom, US-amerikanische und britische Eliteuniversitäten, lernt intelligent und kultiviert über Kunst zu sprechen, betätigst sich sportlich (Tennis, Schwimmen, Rugby, Fussball, Reiten, Gymnastik, Wasserski, Rudern, Segeln, Golf, Leichtathletik, Skifahren, Snowboard, Curling etc.), musikalisch, kreativ. Das allerdings nur, wenn man 91'200 Fr. Schulgeld pro Jahr bezahlen kann.
Die Schule bietet die totale Erziehung. Der Alltag ist klar vorgegeben und bietet wenig Freiraum. Das ganze Leben der Jugendlichen ist unter Aufsicht, die soziale Kontrolle gross. Harte Schule und ritualisierter Alltag prägen den Charakter. Gelernt wird dabei allerdings vor allem, was einen in den oberen Schichten vorwärts bringt. Da die meisten von uns nicht dazu gehören, sollte man auch nicht all zu viel Hoffnung darauf setzen, dass Drillschulen nun plötzlich eine Mehrheit der Menschen zu reichen Menschen machen. Das wäre eine eindeutige Verwechslung von Ursache und Wirkung, wie sie speziell bei der SVP immer wieder vorkommt.

Ist dieser Drill absolviert, reicht das allerdings noch lange nicht, denn nun folgt die elitäre Kaderschmiede der Universität. In der Schweiz wären das vor allem
  1. St. Gallen für Oekonomen (46%), 
  2. die ETHs für Ingenieure (24% Technische Wissenschaften + 9% exakte und Naturwissenschaften)
  3. und die Universität Zürich für Juristen (12%).
Nach Dyllick und Torgler haben 72% der in er Schweiz ausgebildeten Topmanager an einer dieser drei Hochschulen abgeschlossen.

Des weitern gewinnen insbesondere MBAs an bedeutung (INSEAD, IMD, Harvard Business School, London Business School etc.). Im Jahre 2000 verfügte jeder Dritte CEO über einen solchen zusätzlichen Bildungsabschluss.
Diplome von Harvard haben z.B: Rolf Soiron, Rolf Dörig, Daniel Vasella,  Ernesto Bertarelli, Frank Schnewlin, Peter Forstmoser, Michael Mack, Martin Senn, Martin Bisang, Hansjörg Wyss (der Harvard 140 Millionen für ein neues Biotech-Institut schenkte). Harvard ist auch bekannt für sein enges Verhältnis mit Wall Street.

Mit Joseph Ackermann und der HSG, in deren Weiterbildungskommission er sitzt, gelten 25% Eigentkapitalrendite nach wie vor als eben so machbar wie wünschbar. Da man Geld genau so wenig zweimal einnehmen wie zweimal ausgeben kann, heisst dass, dass die Löhne entsprechend kurz zu halten sind. Auch hier die Antwort auf die Titelfrage: Wenn Sie nicht selbst zur Gruppe der Auserwählten gehören - dann doch lieber andere Schwerpunkte setzen, oder durch Politiker mit anderem Hintergrund anders setzen lassen. Anders ausgedrückt: Wer für Blocher stimmt hat nicht mehr Chancen Milliardär zu werden als solche die auch weniger Reiche und sogar Ausländer für Menschen halten..
Mehr als die Hälfte der Schweizer Unternehmen werden von einem "ehemaligen" Absolventen der HSG geführt.

10 Umverteilung durch Steuerpolitik

Ernesto Bertarelli, der die Schweiz 2 Jahre lang mit der Alinghi-Story aufs trefflichste unterhalten hat (bis die Amerikaner mit Oracle's Larry Ellison (Platz 6 der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt) belegten, dass sie noch mehr Geld haben und noch grössere Boote bauen können), verlegte 2007 seinen Wohnsitz vom waadtländischen Gland ins Berner  Oberland nach Gstaat, wo sich auch SteuerSparGenosse Roman Polansky und Johnny Halliday niedergelassen haben.
Für die einen sind Steuern ein Instrument ausgleichender Gerechtigkeit - für die andern sollen Steuern alles so belassen, wie es ist. Sonst seien sie ungerecht.

Progressive Steuern, also höhere Steuern für mehr begüterte, wurde 1840 erstmals von Basel Stadt eingeführt, eine europaweite Premiere. Grossbritannien folgte erst 1842.

Der umgekehrte Grundsatz, dass Reiche weniger Steuern zahlen sollen, wurde versuchsweise von Kanton Obwalden 2005 eingeführt, aber vom Bundesgericht als verfassungswidrig untersagt.
Pauschalsteuern für ausländische Superreiche, nach Lebenshaltungsaufwand, wurden im Kanton Zürich 2009 durch Volksbegehren abgeschaft.  Die Abwanderung war beträchtlich - die Villen wurden allerdings praktisch sofort neu belegt - allerdings nicht mit Personen mit dem selben Steuerpotential.
Die grössten Unterschiede gem. Gini gibt es in der Schweiz in Wollerauf (0.67) betr. Einkommen, 0.34 betr. Vermögen.

Seit den 80er wurde die Erbschaftssteuer ausser in Appenzell-Innerrhoden, Jura und Wallis überall abgeschaft. Je ungleicher die Einkommen, desto stärker profitiert die Staatskasse - auch dies ein Effekt der Pareto-Verteilung. 3 Promille der Steuerpflichtigen bezahlen heute in der Schweiz über 21% der direkten Bundessteuer, die obersten 11% fast 73% derselben. Der Staat ist also abhängig von den Wohlhabenden, die ihn jedesmal darauf aufmerksam machen, wenn er die Steuern erhöhen will oder neue Aufgaben auf ihn Zukommen, d.h. meist von eben denselben Leuten zugeschoben werden.

Korrekturmöglichkeiten:

11 Sozialer Ausgleich: Umdenken und umlenken

Dekadente Scheininvalide auf der einen Seite - missbrauchte arme Leistungsträger auf der andern. Die zunehmenden Unterschiede in Lohn und Vermögen werden von den einen als Ungerechtigkeit, von den andern als verdiente Auszeichnung für ihre Mehrleistung betrachtet. Einkünfte von denen man nicht leben kann (working poor) werden von den einen (die davon profitieren) als Ansporn, von den Andern (die darunter leiden) als Ausbeutung gesehen.
Ein natürlicher Ausgleich, eine quasi "wissenschaftliche" Lösung des Problems zeichnet sich seit Jahren ab. Wurden in den 90ern noch jede Massenentlassung von der Börse mit Applaus honoriert, so geschieht heute eigentlich immer das Gegenteil. Der Anleger weiss, dass das Unternehmen mit seinen Arbeitskräften nichts anzufangen weiss, wenn er sie zurück auf den Markt schmeisst -  um sie früher oder später mühsam und teuer wieder einsammeln und weiterbilden zu müssen.  Der Anleger weiss auch, dass jeder "freigestellte" Mitarbeiter der nichts mehr verdient, oder, wie bei uns, 20 bis 30% weniger verdient, seinen Verbrauch stark einschränken muss, also dieser Verbrauch in der Wirtschaft dann fehlt (s. Angebots- und Nachfragetheorie). Und nicht alle Ueberschüsse lassen sich in China absetzen. Die produzieren solche lieber gleich selbst. Man kann damit so schön den Weltmarkt in die Knie zwingen, den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen erschlagen ...

7 Fazit:

Die Wirtschaftselite hängt einem falschen Model nach. Nicht bloss, dass sie Geld zum Massstab aller Dinge macht. Sie verursacht durch übermässige Detailsteuerung in den Betrieben, in der Mikrowirtschaft, immer grössere Schäden in der Volkswirtschaft, der Makrowirtschaft. Es ist ihr gelungen, obwohl sie noch vor dem Kommunismus am Abgrund stand, das Ruder herum zu werfen und neu, zumindest virtuell, das Steuer zu ergreifen.

8: Diese Parallelität von virtueller Steuerung einer virtuellen Wirtschaft mit zunehmenden Problemen in der Realwirtschaft und Realpolitik lässt sich analysieren anhand der umfangreichen theoretischen Studien zur Netzwerkgesellschaft von Manuel Castells. Wie bei Wittgenstein ist es hier eher seine und sekundäre Kritik am Scheitern dieses grandiosen Werkes, die zu Klärungen führt, als das voluminöse aber theorielastige und damit empiriedürftige Werk selbst. Mehr dazu demnächst in diesem Theater.

Martin Herzog, Basel, 9.2.2011