Taugt die Wirtschaftselite als politische Führung?
[Ueli Mäder, Ganga Jey Aratnam, Arah Schilliger: Wie Reiche Denken und Lenken. Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche. Rotpunktverlag. Zürich. 2010]
Die Schweiz belegt flächenmässig Rang 140 der Welt und verfügt über 1 Promille der Weltbevölkerung. Dieses eine Promille verfügt allerdings über 1% des BSP der Welt, liegt auf Platz 20 bei den Exporten, Platz 19 bei den Importen. Im Finanzmarkt ist sie ein Imperium. Mit 632 Milliarden Direktinvestitionen im Ausland nimmt sie hier Platz 4 ein. Mit einem Marktanteil von 27% und einem verwalteten Vermögen von rund 2 Billionen Fr ist die Schweiz der grösste Offshore-Finanzplatz der Welt.
> Das heisst, die Schweiz dirigiert über Investitionen so einiges was in der Welt geschieht.
Jede 40. Person (2.5%)verfügt über mehr als 1.2 Millionen Fr., 3% haben eben so viel Nettovermögen wie der Rest (97%) der Bevölkerung, 68% besitzen weniger als 100'000 Fr. Nettovermögen, im Total 6% aller Vermögen.
Die Hälfte der Reichen der Schweiz ist durch Erbschaft reich geworden. 10% der Erben erhalten ca. 3/4 aller Erbschaften.
Die Kluft zwischen Reich und Arm verschärft sich seit den 90ern, beim Vermögen wie bei den verfügbaren Einkommen. Dies gilt nicht nur für die Schweiz, sondern für Europa und die USA. Meist zeigt sich das zwar nicht direkt am Einkommen per se (s. Entwicklung der Realeinkommen CH und USA) - praktisch immer aber am schwindenden frei verfügbaren Einkommen bei den wenig verdienenden. Zwangsausgaben für Miete, Gesundheit, Bildung, Versicherungen etc. nehmen dauernd zu - während dem die Löhne stagnieren.
Problem der Erhebung von Vermögenswerten: Steuern erfassen die Werte z.B. von Immobilien sehr grosszügig, also nicht zum Marktwert
| 1 Die Reichen haben das Geld |
Traditionell, in Stammeskulturen wie bei den alten Königs- und Fürstentümern erwarb man sich Landbesitz meist gewaltsam (Ausnahme Basel-Stadt, wo die Bürger alles Land gekauft haben, was eben zu den zerfledderten Grenzen führt, speziell mit dem konkurrierenden katholischen Kanton Solothurn. Sie sind das Resultat eines Tic-Tac-Toe-Spieles, das eigentlich keine Gewinner kennt, da immer der 1. Spielzug den Verlauf bestimmt - und der Gegner bloss noch die "Gewinnmaximierung" verhindern kann.). Diese Aneignung von Gütern ist die ursprünglichste Form der Kapitalakkumulation. Man braucht sich also nicht zu wundern, wenn das heute nicht viel anders zu und her geht.
An der Spitze der Gesellschaft steht eine kleine Handvoll Privilegierter. Die Reichen und Mächtigen Europas machten meist nur gerade etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung aus. Ihnen fallen die Macht, der Reichtum und ein Grossteil der Produktionsüberschüsse zu. ... Bisweilen gegenen wir auch Familien, die sich von Gott für eine besondere Rolle auserwählt fühlen (lateinisch electus, was zum Begriff der Elite führte) : Die Adligen. Sie haben sich vom Rest der Bevölkerung durch ihren Reichtum, ihren Lebensstil und ihr Herrschaftsmonopol ab. Die Zugangswege zu Macht und Besitz sind schmal. [S. 17]
Beim Berner Patriziat bewirkte die Kombination von Aemtern, Landbesitz und Söldnergeschäft eine immense Fülle an Herrschaft und Vermögen. Die regierenden Patrizierfamilien wurden durch ihre Heiratspolitik - die Ehepartner stammen aus dem gleichen Milieu - zu eigentlichen Clans und leisteten sich einen Lebensstil nach dem Vorbild der französischen Aristokratie.
> aha, vielleicht nennt Sloterdijk diese Schicht darum Leistungsgesellschaft, weil sie SICH so einiges leisten können?
In Basel revoltierten die städtischen Handwerker 1691 erfolgreich gegen die patrizische Vorherrschaft. Das führte zu einer Verlagerung der politischen Macht vom Kleinen zum Grossen Rat. Trotzdem regierten die alten Familien bis zum Einmarsch der napoleonischen Truppen im Jahr 1798 mehrheitlich weiter. Und die "patrizische Struktur" existierte auch noch am Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei handelt es sich um eine grossbürgerliche Oberschicht - den sogenannten "Daig": Burckhardt (zekadete), Vischer, Iselin, Sarasin, Liechtenhan, Burckhardt, Merian, Faesch, Koechlin, La Roche, etc. und manche andere, die sich als Seidenfabrikanten, Bankiers, Kaufleute, Aerzte, Professoren, Juristen, Berufsmilitärs und Ratsherren betätigten. [S. 20] Man wundert sich wenig, dass diese Basler Oberschicht an Napoleon, dem "Zerstörer der Demokratie", wenig Freude hatte.
> Noch amüsanter sind die Wandreliefs im Innern des Gebäudes der Staatsanwaltschaft. Die grosse Wand gegenüber dem Eingang trägt seltsame Namen, wie Menetekel. Offenbar handelt es sich um die noch älteren Basler Geschlechter, die Jahrhunderte zuvor die Stadt beherrscht hatten. Irgend jemand hatte offenbar die Idee, diese müssten dort verewigt werden. Das hat man davon ... nun sitzen die armen alten Geschlechter für immer und ewig im Gefängnis, umgeben von Rechtsanwälten, Polizisten, kleinen und grossen Verbrechern, und ab und zu beträchtlichem Gestank und Lärm, wenn mal wieder einer auf Renitent macht. (Einen bekackten Gefangenen mit dem Feuerwehrschlauch abzuspritzen liegt, auf Grund der Persönlichkeitsrechte, heute eben offenbar nicht mehr drin.) Sind das quasi die "sichern Mauern", hinter denen sich eine immer abgehobenere Elite in Sicherheit bringen will?
Das 19. JH brachte manchen Unternehmen zu Reichtum, nachhaltig, hat aber auch manchen, genau so nachhaltig, ruiniert (s. Martin Salander von Gottfried Keller). Im Jura entwickelte sich die Uhren- und Schmuckindustrie. Ein ideales Gut für ein Binnenland, da die Transportkosten hier unerheblich sind im Vergleich zum Wert. Ein grosser Teil der Produzenten waren aus dem Elsass eingewanderte Juden, die ähnlich, aber internationaler, vernetzter agierten wie die Protestanten: Investieren, produzieren, weltweit absetzen, strategisch heiraten und geschäftliche Netzwerke unterhalten. Ein beträchtlicher weiterer Teil wurde durch immigrierte Protestanten aus Frankreich aufgebaut, insbesondere was die Seidenweberei betrifft. Im 19. JH war die Schweiz, anders als Frankreich und Deutschland, wirklich liberal - was ihr eine Menge Einwanderer brachte. Nicht nur Sozial-Anarchisten verbreiteten ihre Ideologie aus der Sicherheit der Schweiz heraus - sondern auch Wirtschafts-Anarchisten (wie sie heute in den USA dominieren) mit dem Credo: Mein Betrieb über alles! Kein Staat hat das Recht, meine Aktivitäten zu kontrollieren oder gar zu beschränken. So arbeiteten 1842 in den Spinnereien Zürichs 2400 Kinder unter 16 Jahren, 1150 Männer und 1150 Frauen. Der Baumwollsektor war zum Leitsektor der industriellen Revolution geworden.
Der bekannteste Bankier-Unternehmer-Politiker dieser Zeit war Alfred Escher, Zürcher Regierungsrat, Nationalrat, Begründer der Schweizerischen Nordostbahn, der Gotthardbahn, und der Schweizerischen Kreditanstalt (CS).
Weitere reiche und bekannte Familien waren die Wille und Schwarzenbachs, durch Heirat verknüpft mit altem Adel wie Bodmer und Rieter.
Ein globaler Erfolg (unter vielen) war Holcim, nach Lafarge der weltweit zweitgrösste Zementproduzent, im Besitz der Familie Schmidheiny. Den Erfolg verdankte die Firma primär der Kartellbildung. Die war zwar verboten, aber wie bei Feldschlösschen und Salmen, sagte man sich noch vor 40 Jahren: Die sind doch nett, das ist doch gar nicht sooooo schlimm. Probleme machte in den letzten Jahren die Haftung für Asbestfolgen - und die Enteignung der Fabriken in Venezuela durch Chavez. Die Holdingstruktur erlaubt(e), Kartellrechtsgrenzen für Kapitalbeteiligungen zu überschreiten und den Steuersitz im steuergünstigsten Land zu wählen.
Im
20. Jahrhundert entstand in der Schweiz eine extrem hohe Konzentration
von Netzwerkbeziehungen zwischen Banken, Versicherungen und Unternehmen
der exportorientierten Grossindustrie. Man nahm
gegenseitig Einsitz in
die Verwaltungsräte, was der Kooperation förderlich,
dem
Wettbewerb jedoch eher abträglich ist. Diese Verfilzung aus 8 bis
15 Unternehmen erreichte 1950/60 ihren Höhepunkt (sagt man
heute
...). Um wen es sich handelt zeigt uns immer noch der smi: Pharma,
Nestle, Banken - und wir haben bereits 70% des Wertes, der anzeigen
soll, wie gut es "unserer" Wirtschaft geht.
Manche der grossen Vermögen dienten dazu, Banken zu eröffnen, ein beliebtes Spielfeld reicher Familien. Pictet & Co z.B., 1805 gegründet, verwaltete 2008 ein Kundenvermögen von rund 260 Milliarden Fr. Dazu kommt, dass Landbesitz oft seit Generationen von solch reichen Familien verwaltet wird, was ebenfalls beträchtliche Abschöpfungen des darauf erzeugten Mehrwertes ermöglicht. Gute Bildung, politisches Know-How und erlesener Geschmack erleichtern es, die eigenen Interessen innerhalb und mit der selben Gesellschaftsschicht durchzusetzen - und den Rest, als "Masse" unter Kontrolle zu halten. [Womit die Antwort auf die Frage im Titel eigentlich schon gegeben wäre: Eine Plutokratie, Synonym Oligarchie, kann nur dann als ideal betrachtet werden, wenn man annimmt, dass deren Interessen nicht nur persönlich dominieren, sondern auch für das Wohlergehen der Gesamtgesellschaft leitend sind. ... Nachdenken ... bevor Sie zustimmen, dass dem so sei]
Die von der Monatszeitschrift Bilanz alljährlich im Dezember porträtierten reichsten 300 der Schweiz, besitzen alle über 100 Millionen Fr. an Vermögen. Der reichste ist seit längerem der Wahlschweizer Ingvar Kamprad (IKEA).
Die Schweiz hat
- nach Singapur und Hongkong - die
dritthöchsten Millionärsdichte der Welt,
22'700 Personen im
Jahr 2009, mit einem Anlagevermögen von über 1
Million $.
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Erfahrungen zum Haut Brion:
Ich hab mir kürzlich eine Flasche Chateau Haut-Brion 2004 genehmigt, in Erinnerung an eine Flasche derselben Marke, die ich vor ca. 10 Jahren mal getrunken habe. Jahrgang 2004 wurde allerdings kritisch bewertet, von den meisten überschätzt. Eine Bewertung die ich heute teilen würde: Eine irre Nase hatte 2004 Smith Haut Lafite, schade dass da der Gaumen nicht mitkam, trotzdem ein gelungener Wein – 91/100. Gefiel in der Probe deutlich besser als 2004 Haut Brion, der etwas von der Spur wirkte. Sehr viel Tannin, wenig Substanz, fast etwas dünn wirkend. Wo soll denn da mit dem Alter das Wunder herkommen? Das waren heute eher 88/100. Sicher tut sich da mit den Jahren noch etwas, aber mehr als 92/100 sehe ich bei Haut Brion auch in 10 Jahren nicht.http://www.wineterminator.com/weinkritik/weinkritik/bordeaux-2004--co.html dennoch wird der Preis von ca. 300.- als angemessen betrachtet: http://www.wine-searcher.com/find/haut+brion/2004 Gerade bei Bordeaux spielen zwei Dinge den meisten, insbesondere den Laien, einen Streich:
Preissteigerung seit 2002: Die grösste Preissteigerung fand allerdings bereits Ende des 2. Millenniums statt, als alle für den grossen Wechsel einkauften. Leider finde ich dazu keine Statistik. Bereits damit müsste ich heute also 900 ausgeben um einen gleichwertigen Wein zu erhalten wie den, den ich ca. 1995oder 96 trank. http://www.cellarnotes.net/hautbrion.shtml 1996 kriegte man noch einen 1982er für 2-300$, 98 Parker Punkte, Spitzenwein. Der kostet heute 600-2000$ - was mir dann doch ein bisschen viel ist - aber vermutlich der war, den ich damals getrunken habe: http://www.luxury-insider.com/columns/Edwin_Soon/Chateau_Haut_Brion_1982/ http://winezap.com/Haut-Brion/1982/1285 Nieder mit den reichen Russen und Chinesen! Das wär doch mal ein angemessenes Problem für die SVP!! |
Das Beispiel rechts zeigt präzise, dass "Luxus" nicht primär darum teuer ist, weil sein "Wert" derart hoch ist oder gar der Aufwand bei der Herstellung, sondern weil der Preis keine Rolle spielt. (Was Weinliebhaber zur Zeit eben besonders schmerzhaft bei den guten Weinen Frankreichst bemerken). Die Reichen kaufen sich diesen, weil ihn die andern sich nicht leisten können. Er distinguiert.
Anders als die stagnierenden Einkünfte der Mehrheit, haben diejenigen des obersten Prozentes aller Lohnempfängerinnen und -empfänger seit den 1970er Jahren um 70 Prozent oder mehr zugenommen, laut Steuererklärung ... In 9 der 19 von der OECD untersuchten Länder nahmen die Löhne der obersten 10% seit 1980 um 10 bis 40% zu. In einigen Ländern bloss 3% - aber nirgends nahmen sie ab. Allein zwischen 1993 und 2006 haben sich die Spitzengehälter in den USA fast vervierfacht. Um 2004 betrug das durchschnittliche Haushaltseinkommen des obersten Prozentes der Steuerzahler in den USA 940'000 $, beim obersten Promille 4.5 Millionen $, beim obersten Zehntelspromill 20 Millionen $ was einem Einkommenszuwachs von 112% zwischen 1990 und 2004 entspricht, 57% beim obersten Prozent. Die Mehrheit der Amerikaner, 90% der Steuerzahler, erhielten jedoch lediglich einen Zuwachs von 2%.
Während Verluste von 45 Milliarden $ durch den Staat übernommen werden mussten, liessen sich einzelne Superstars dennoch Boni in Milliardenhöhe auszahlen (John Tain bei Merrill Lynch z.B.)
Die reichsten 10% der Schweizer erhielten eine Einkommensteigerung von 3% zwischen 2003 und 2006. Die Unterschiede (und der relativ tiefe Wert hier) begründen sich durch die Branchen: Der Bruttolohn der obesten 10% der Tabakindustrie betrug 2006 durchschnittlich 52'000 Fr - pro Monat. Der Landesdurchschnitt aller Brutto-Löhne 5881 Fr.- Auch bei Banken und Versicherungen betrugen die monatlichen Bruttolöhne der obersten 10% über 40'000 Fr.
Die durchschnittliche Vergütung von exekutiven Führungskräften betrug 2006, laut Ethos, etwa 2.3 Millionen Fr, mehr bei den Grossen, weniger bei den Kleinen (UBS 19 Millionen, CS 19 Millionen, Novartis 12 Millionen.) Nach der Finanzkrise stiegen diese Bezüge um 20% (kein Schreibfehler ... in der Krise tragen diese armen Leute natürlich eine viel grössere Verantwortung - was nicht heisst, dass die Löhne in Boomzeigen fallen würden, denn dann verdienen sie einfach einen "gerechten" Anteil am Mehrwert.) Fälle die besonders zu reden gaben waren Vasella (2006 über 44 Millionen), Brabeck ( > 17 Millionen), Ospel (27 Millionen). 2009 gab vor allem Brady Dougan (CS) zu reden, der 19 Millionen erhielt + 71 Millionen aus einem langjährigen Beteiligungsplan. Bilanz rechnet mit 300 Milliarden $, die die Banken im Jahr nach der Krise (2009) an Boni auszahlen.
Diese Einkommen dienen ja kaum bloss dem Unterhalt, sondern werden entweder direkt wieder als Investitionen angelegt - oder in Privat-Vermögen wie Villen, Land, Bilder, Kunst, Juwelen, Uhren, Aniquitäten, Autos, Flugzeuge, Tierzucht etc., also in Dinge die nicht unter verzehr leiden, sondern mit dem Alter an Wert zunehmen.
Zug und Schwyz hatten 2007 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Vermögensmillionäre (217'768), 9740 davon mit einem Vermögen von über 10 Millionen.
Der Kanton Zürich hat mit 2980 Personen die meisten Millionäre mit zweistelligen Millionenvermögen.
Mit 28.5 Milliarden an Erbschaften und 9 Milliarden an Schenkungen machen die vererbten Summen jährlich 6.8% des BSP aus. 10% der Erben erhalten 3/4 der gesamten Erbsumme. Vermögensbildung erfolgt also primär durch Vererbung - und dazu sehr ungleich, dies um so mehr als die nationale Erbschaftssteuer bereits 1958 aufgehoben wurde, verzichteten auch die Kantone nach und nach darauf. Die Ungleichheit nimt seit den 80ern wieder zu (Untersuchungen des Gini-Koeffizienten)
S. 54-55 Graph
Ab
1970 wurde die Verteilung wieder ungleicher. Sie präsentiert
sich
im 20. JH als U-Kurve. 2003 lag der Gini-Koeffizient der
OECD
zwischen 0.23 (Dänemark) und 0.38 (USA). Die Schweiz lag hier
mi
0.31 bei der Einkommensverteilung im Mittelfeld
- mit 0.881 (2010) bei der Verteilung der Vermögen allerdings an der Spitze (der Ungleichverteilung. klick Graph links für umfassenden Ländervergleich). Nur in Singapur und Namibia sind die Vermögen noch ungleicher verteilt.
Dieses reichste Prozent der Welbürger stammt zu 1/4 aus den USA, zu 1/5 aus Japan, was bereits 45% ausmacht. In der Schweiz wohnt 1% der Superreichen. Weitere 41% (13 Länder) verteilen sich auf Ostasien (2 Länder) und Lateinamerika (3 Länder). Fast völlig fehlt Afrika, der Nahe- und Mittlere Osten, wie auch Osteuropa im Club der Superreichen (ich denke, da wurden ein paar Oelscheichs vergessen, vielleicht weil sie ihr Geld nach London und in die Schweiz transferiert haben.)
1% der weltweit Reichsten besitzt 40% des weltweiten Vermögens. 5% der Reichsten bereits 71% - und die reichsten 10% besitzen 85% des gesamten Weltvermögens - in der Schweiz 71.3 % des Nationalvermögens (s. folgende Graphiken). Die "untere Hälfte" kommt auf ein mickeriges knappes Prozent.

Vermögensverteilung in der Schweiz:
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Die soziale Ausrichtung der Steuern (starke Progression, keine Steuern für Menschen ohne Einkommen, also Sozialhilfebezüger und andere, die am Existenzminimum leben) drückt sich auch in der progressiven Vermögenssteuer aus. Es besteht eine Freigrenze von 100'000 Fr. für Paare, die Hälfte für Alleinstehende. So sind in Basel bloss 30% der Bevölkerung Vermögenssteuerpflichtig. In andern Kantonen dürfte das ähnlich sein, da generell in der Schweiz bloss 1/3 der Bevölkerung Hauseigentümer ist - und Häuser immer noch das wichtigste Anlagevermögen für Privatpersonen darstellen.
| 2 Die Reichen verdienen überdurchschnittlich (und sei es bloss durch Kapitalvermehrung) |
In den verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen (Wirtschaft, Politik, Justiz, Militär, Medien, Wissenschaft, Kultur u.a.) findet Konkurrenz von funktional spezialisierten Teileliten um Spitzenpositionen statt. (Die meritokratische Ideologie vergisst hier gerne die von Schicht- und Klassenstrukturen abhängigen gesellschaftlichen Prozesse, die dazu führen, dass die Kinder von Akademikern Akademiker werden, die Kinder von Arbeitern Arbeiter). Der Habitus spielt hier eine weitaus grössere Rolle, als man ihm - meist in Unkenntnis des Begriffes - zugesteht. Zwar ist die vom Vater erreichte Position nicht mehr entscheidend - sondern das in einem langen Aufstiegsweg bewiesene Können und Wissen. Die meritokratische Ideologie lautet: Wer gut gebildet, fleissig, leistungsorientiert und pflichtbewusst ist, kann alles erreichen. ... Allerdings nur, wenn er es auch listig genug anstellt. s. Netzwerke
Es stellt sich hier vor allem die Frage nach dem Leistungsbegriff: Wer definiert, was als Leistung gilt, die besonders honoriert wird? Freiburghaus betont dazu allerdings auch die gemeinsame Sozialisation der Funktionseliten: Herkunft, Studienfreunde, Clubbekanntschaften ... Kartellistische Strukturen und Nepotismus sind auch in der Elite verbreitet.
Charles Wright Mills (1916-62): The power elite - Wirtschaft-Politik-Militär. Weitaus am meisten Bedeutung misst Millls den Reichen und den Konzernspitzen zu. Diese "besitzende Klasse" besteht aus Familien, deren Angehörige einen ähnlichen Lebensstil pflegen, eine ähnliche Bildung und ein enges Beziehungsnetz haben. Sie halten sich an spezifischen Orten (vornehmen Stadtteilen, exklusiven Clubs etc.) auf. Ihre Sprösslinge besuchen exklusive Bildungsstätten die ihnen gemeinsame Verhaltensnormen und Werte vermitteln - die den Zusammenhalt der oberen Schicht garantieren. (Den unteren Schichten fehlt genau dies, weshalb wohl die Linke meist stärker zersplittert ist als die Rechte). Heute genügt es nach Mills nicht mehr, reich zu sein, um zur Machtelite zu gehören, den nicht die grossen Vermögen, sondern die grossen Konzerne bilden die Basis für Macht und dauerhaften Reichtum. Deshalb kommt es seiner Einschätzung nach zu einer Verbindung der reichen Familien mit den Topmanagern von Grossunternehmen, die selber meist eine ähnliche soziale Herkunft aufweisen.
Mills verwirft auch die Vorstellung, dass die Reichen reine Nichtstuer oder sogenannte Couponabschneider sind und eine leisure class bilden. Die meisten Reichen gehen einer Arbeit nach. Aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass ihre Arbeit ihren Reichtum erzeugt. Um Geld zu akkumulieren, braucht es eine Schlüsselstellung in einem grossen Unternehmen. Und diese Stellung nehmen meist Leute aus der oberen Mittelschicht und aus reichen Familien ein. Sie verhilft auch zu politischer Macht. [S. 75]
Im 19. Jahrhundert orientierten sich Werktätige am Lebensstil von Bürgerlichen. Und viele Bürgerliche ahmen heute noch den Lebensstil von Reichen nach, ohne ihn je erreichen zu können.
Wer sich was leisten kann, bestimmt darüber, wer in welche Schicht gehört. Im Konsum drückt sich Machtgefälle und soziale Ungleichheit aus, der bewirkt soziale Disziplinierung. Ich bin das, was ich mir leisten kann.
Frauen geraten aus verschiedenen Gründen weitaus weniger häufig in solche Kreise, zumindest auf der aktiven Seite. Karriereunterbrüche durch Geburten, fehlender Zugang zu Bereichen in denen aufstiegsrelevante Erfahrungen gewonnen werden können, fehlende Netzwerke und Seilschaften, die enormen Zeitaufwand bedingen gehören dazu. Umgekehrt haben nicht-berufstätige Ehefrauen einen wesentlichen Anteil an der "Status-Arbeit" ihres Gemahls. Sie sorgen für eine gehobene Lebensweise, Stil, das richtige Milieu. Sie bewegen sich gesellschaftlich in der Elite, nehmen Repräsentationsfunktionen wahr und engagieren sich z.B. in Stiftungen.
> Hier ebenfalls eine klare Antwort auf die Titelfrage: Ist die Oligarchie die beste politische Vertretung des Volkes? Auf Grund der in allen komplexen Systemen notwendigen Machtteilung auch hier die Antwort: NEIN. Denn die Elite bestimmt den Massstab der Leistung, sie bestimmt also wer ein Leistungsträger ist und wer nicht. Die Elite bestimmt also, wer ein "produktives Mitglied" der Gesellschaft ist und wer nicht. Und da dürften die Ansichten der weniger Elitären, die um so härter arbeiten müssen, um so unangenehmere Arbeiten akzeptieren müssen, je weiter sie von der Elite weg sind, doch etwas anders aussehen.
| 3 Geld, d.h. die Reichen, bestimmt, was Leistung ist. |
Wer regiert die Schweiz?
Peter Spuhler (SVP) und Johann Schneider-Ammann (FDP) gehören zu den 200 reichsten. Schneider-Ammann studierte an der französischen Eliteschule INSEAD in Fontainebleau bei Paris. Er arbeitet mit bei Economiesuisse und präsidiert den Industrieverband Swissmem.
Paul-Andre Roux, am 1. März 2010 als Nationalrat vereidigt, sitzt in 39 Verwaltungsräten ... allerdings von Firmen die zumeist wenig mehr haben als eine Adresse an der Rue des Remparts 10 in Sitten, also seinem Steuerberatungsbüro. Es handelt sich um Briefkastenfirmen mit dem Zweck, Personen und Zahlungsempfänger zu anonymisiseren. [S. 86]
Die UBS war in der Aera Ospel eine SVP-Bank und unterstützte die Wahl Blochers in den Bundesrat.
Die Industrieverbände wie Vorort, Gewerbeverband und die Freisinnige Partei haben ihren Einfluss weitgehend verloren - mit Ausnahme der Chemie/Pharma, die gemeinsam mit Finanzwirtschaft und Grossbanken heute sagen was läuft. Die Finanzwirtschaft hat ein Gewicht von 6% aller Beschäftigten, 12% des BIP, über 20% der Steuereinnahmen der öffentlichen Hand und einen hohen Anteil aller Kredite von Unternehmen und Privaten im Land. Das bringt den Staat und die Politik in eine einseitige Abhängigkeit. [S. 87]
UBS und CS vergeben Spenden an die bürgerliche Parteien - nach einem Punktesystem. Je mehr Abgeordnete in ihrem Sinne stimmen, desto Geld. Das ist Pluto-Demokratie.
Wirtschaft und Politik sind keine isolierten Systeme. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele, funktionieren nach anderer Logik, aber sie durchdringen sich gegenseitig. ... Der Globalisierungsschub nach 1989 verhalf der Grossindustrie und den Banken zu einem weiteren Aufschwung und Machtzuwachs, der massive Missbräuche mitsich brachte und dazu führte, demokratische Kontrollen zu schwächen und einseitige wirtschaftliche Interessen über eigene Thinktanks (s. economiesuisse) zu legitimieren. [S. 91] Politik ist per Macht gesteuert - Wirtschaft per Geld. Da aber Geld oft identisch ist mit Macht, und aus Macht sehr leicht Geld wird, wirken die Systeme aufeinander ein.
Der Post-Wohlfahrtsstaat nimmt sozial Abhängige stärker in die Pflicht - und kommt Wohlhabenden mit Steuersenkungen entgegen. Die soziale Disziplinierung erfolgt, wie immer, nur unten.
Dabei sind unsere "Unteren" eigentlich optimal diszipliniert, so gut diszipliniert, dass sich überreiche Ausländer äusserst gerne in der Schweiz niederlassen (oder zumindest ihr Geld) - auch ohne Bankgeheimnis.
Economiesuisse weist ein höheres Budget auf als alle Parteien zusammen. 50 Mitarbeiter verfügen über einen Jahresetat von 15 Millionen Fr. Der Unsinn den diese Institution rauslässt ist allerdings oft beträchtlich:
In der Abzockerinitiative (s. Reiter 4: Einkommensrelationen, 4.1.2 Denkanstoss zum Problem der Managerlöhne) zeigt sich ein massives Unverständnis der Führungsverhältnisse in der Wirtschaft. Managerlöhne werden generell Arbeitnehmerlöhnen gleichgesetzt - wären aber eigentlich zu vergleichen den Beuteanteilen von Heerführern, Kriegsherren etc. Auch in dem hier beschriebenen Büchlein wird dieses Missverständnis gefördert. Vasella's und Ackermann's Deal:
Wir vom Management scheffeln für euch Milliarden. Wir nutzen alles aus, was möglich ist. Und ihr gebt uns dafür ein paar Millionen ab. (Ulrich Thielemann) Obwohl die Spitzenmanager von Grosskonzernen eigentlich angestellte sind, da sie in einem Lohnverhältnis stehen, fungieren sie in aller Regel zugleich als Eigentümer in dem Sinn, dass ihnen ein beträchtlicher Anteil an den Aktien des Unternehmens gehört, oder aber sie kassieren hohe Boni und Dividenden. [S. 101]
Der Absatz zeigt, dass auch hier die Funktion der Manger noch nicht voll verstanden wurde. Manager haben nicht nur einen Auftrag, wie Angestellte, sie haben auch nicht bloss Anteile - SIE MACHEN DIE ARBEIT DER EIGENTUEMER. Sie verkaufen oder kaufen Betriebe/Betriebsteile, legen zusammen, splitten, bauen um, rationalisieren - kurzum sie "konstruieren" (quasi als sozioökonomische Ingenieure) ein möglichst effizientes Geldgewinnungswerk. Eine Belohnung in Form eines Anteils am Mehrwert kann hier nicht ernsthaft kritisiert werden - wohl aber die tiefe Bewertung manch anderer Beiträge zum Mehrwert oder zur Werterhaltung (ausgelagerte Putz- und Unterhaltstruppen). Jeder Cent der den Managern entzogen wird, kommt weder dem Staat noch den "armen" Angestellten zugute, sondern fliesst in die Kassen der Eigentümer.
Eine wichtige Erfahrung war, dass es für den beruflichen Weg an die Spitze nicht in erster Linie überragende Fachkenntnisse braucht, sondern die Mitgliedschaftin den richtigen Seilschaften - erklärt ein ehemaliger Bankdirektor. Und damit das gelinge, müsse man "die Kultur und die Regeln der Seilschaft bedingungslos übernehmen. [S. 109]
Stiftungen sind oft auch Denkmäntelchen, die verschleiern, was bei der Gewinnung des Geldes alles zerstört wurde. So fördert Soros zwar mit seinem Vermögen die Bildung, hat aber mit seinen Spekulationen hunderttausende in den Ruin getrieben.
Dass Eliten a) nur einen geringen Teil der Bevölkerung umfassen und b) meist relativ abgeschottet, isoliert sind, wundert wenig. Es gibt dafür innere (Eigennutz) wie äussere (Desinteresse bei den andern) Beweggründe:
Eigennützige Absicherung der Macht: Der Historiker Philipp Sarasin beschreibt den "Daig" des 19. Jahrhunderts als geschlossene Gesellschaft. Die Burckhardts, Merians und La Roches übten in der Stadt auch die politische Macht im Grossen Rat und in der Regierung aus. Sie machten ihren Einfluss zudem bei der Besetzung von Professuren an der Universität geltend. [S. 121]
Die neue globale Klasse ist eine Oligarchie, eine gesetzlose (oder zumindest eigengesetzliche) Herrschaft der Reichen, die nur an ihrem Eigennutz interessiert sind. Sie pflegt einen ähnlichen Lebensstil, insbesondere was den Luxuskonsum und den Besuch von internationalen Elitebildungsstätten anbelangt. Sie sehen die wirtschaftliche Organisationsform auch dort angebracht, wo es um Schulen, Universitäten, Spitäler - und das Wohlfahrtssystem geht.
Das WEF wurde diesbezüglich etwa als "Markt der Eitelkeiten" bezeichnet, ein who is who in der Wirtschaft. Allerdings ist St. Moritz auch ein Zeichen dafür, dass grosse transnationale Konzerne mächtiger sind als die meisten Regierungen.
Es lassen sich 2 Elite-Gruppen unterscheiden: Die globalen Superreichen - und die globalen Manager. Beaverstock et. al. widersprechen hier Leslie Sklair, der behauptet, dass die Dienstklassen des Kapitals (Bürokraten, Politiker, Manager etc.) eine tragende Rolle spielen würden und betonen die Macht der Geldelite.
Die Superreichen erfüllen De-FactoGovernance-Funktionen und haben direkten und indirekten Einfluss auf Stiftungen, Wirtschaftsorganisationen, Verwaltungsräte, Thinktanks und Wohltätigkeitsorganisationen und beeinflussen damit die globale Steuer- und Sozialpolitik und auch Institutionen wie den IWF oder die Weltbank. [S. 126]
Eine der zentralen Institutionen dieser "Regierung der Weltwirtschaft" ist die G20. Sie soll zur zentralen Instanz für die internationale Wirtschaftspolitik werden.
Trotz globaler Fangzüge auf Profite ist diese Elite nicht immer wirklich transnationall orientiert oder gar rekrutiert. In Frankreich etwa ist die nationale Elite national geschlossen. Nur 2 % der Generaldirektoren stammen nicht aus Frankreich, nur 8% davon haben Auslanderfahrung. Von den grössten Italienischen Unternehmen wird keines von einem Ausländer geleitet, von den 30 grössten spanischen eines, in Deutschland 9%, GB 20% - allerdings zumeist aus der London Business School.
Transnational ist hier allerdings die Schweiz. Hier kommen 29% der Führungskräfte der 500 grössten Unternehmen aus dem Ausland., bei den 100 grössten sogar 44% (75% aus Europa, 21% aus Amerika und 4% von andern Kontinenten)
Eliten schotten sich zunehmend ab: Der Präsident der Bundesbahn Deutschlands erhielt fürher gleich viel Lohn wie der Staatssekretär der Bundesregierung. Heute mit 3.2 Millionen zwanzig mal mehr. In GB verdient der CEO der immer noch staatlichen Royal Mail und Network Rail mit 1.5 Millionen etwa 8 x so viel wie der Premier.
Kein Wunder benehmen sich (nicht nur Schweizer) Politiker wie Hofwasallen, wenn sie beim Kapital weibeln. Die zunehmende Steuerung der Politik durch Geld zeigt sich auch in den gewaltig zunehmenden Geldmengen die für Nationalratswahlen aufgewendet werden müssen. Das anonyme Kapital, die AG, verschleiert zudem die Verantwortlichkeiten zunehmend. Obwohl die Gewinne klar an die Shareholder gehen, wird die Verantwortung für "Missgeschicke" doch lieber an den Staat delegiert, vorwiegend in dem die kleinen Mitarbeiter freigestellt werden, die aus solche Entscheide eh keinen Einfluss haben. ... Zudem auch meist keinen Überblick mehr: Die privaten, auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichteten Interssen haben mit Spiel, Intelligenz, Charme, Bildungsbesetzung eine Matrix errichtet, die selbst von den Intellektuellen kaum mehr als Matrix erkannt werden will und wird. [Regula Stämpfli, zit. Sl 135]
| 4 Die Reichen sind eine "Klasse" für sich - was sie die andern ja meist auch spüren lassen. |
| Heute funktionieren die Medien offenbar in erster Linie als Produkte in einem Markt. Sie operieren nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten und wählen entsprechend ihre Themen aus. [S. 162] |
Dass eine Presse in rein privater Hand besser sei als eine staatliche lässt sich heute leider nicht mehr so unterschreiben. Es ist klar, dass jede staatlich Presse die Dinge in ihrem Interesse auswählt und formuliert - es ist aber eben so klar, dass die private Presse genau das selbe tut, einfach nach Gesichtspunkten der "Verkaufbarkeit", der Attraktivität der Meldungen für das zahlende Publikum. (s. Internet-Journalismus). So tendieren Pressemeldungen immer mehr zu Popularisierungen und zur zunehmenden Fokussierung auf Einzelpersonen (Hirschmann & Co, Superverdiener bei den Managern, Superversager bei den Politikern).
Welche Meinung wo geäussert wird ist also auch bei privaten Medien klar geregelt: Jean Ziegler bringt seine Kolumnen praktisch nur noch in der Gewerkschaftszeitung work unter, Helmut Hubacher, Frank A. Meyer und Werner Vontobel im Sonntags Blick, Roger de Weck in der Sonntagszeitung, Daniel Binswanger im Magazin - und die und die zwei schwarz-weiss-Kommentatoren Christoph Mörgeli & Roger Köppel in der von letzterem besessenen Weltwoche ("besessen" dürfen sie hier ruhig zweideutig verstehen).
Ziel der Bilanz war mal, Transparenz herzustellen über Reichtum. Lange Listen über Reiche und Superreiche- und ihre Vorliebe für Röschti mit Bratwurscht, wie bescheidene Architektur (immer grössere Teile davon sicherheitshalber allterdings unterirdisch. Es zeichnet sich hier bereits eine lukrative Neuverwendung des Gotthardreduits an) sind das Resultat. Argumente gegen diese Verteilung (gottgewollt, leistungsbedingt, naturgegeben) werden konstant mit dem Neidvorwurf unterlaufen. Wenn man sich diesen Vorwurf ansieht, und z.B. auf andere Ungerechtigkeiten anwendet, z.B. den Vorwurf des Mordes an einem Politiker (> nichts als Neid all derjenigen, die das längst selbst gerne getan hätten) oder Vergewaltiger (> nichts als Neid all derjenigen ....). Fies, ich weiss, aber es zeigt wie wenig Substanz in diesem Gegenargument steckt.
Die NZZ vertritt nach wie vor einen kritiklosen Marktfundamentalismus. Sogar die Verwerfungen am Finanzmarkt seien durch den Staat verursacht worden. In Ostdeutschland verdienen 21% weniger als 7.5 € pro Stunden, in Westdeutschland 11%. Nicht das sei aber ein Problem, sondern bloss die Behebung dieses Tatsache durch einen allfälligen Mindestlohn von 7.5 €, denn der gefährde billige Arbeitsplätze. Die Reichtumssteuer sei eine populistische Neidsteuer. s. Kommentar oben
Ringier und Springer bilden zusammen ein Unternehmen mit mehr als 4000 Angestellten und über 600 Millionen Umsatz (4 Zeitungen, 73 Magazine, in 5 Ländern). Seit 1999 gehört auch die Handelszeitung dazu.
Bei den Depeschenagenturen überlebte ebenfalls bloss noch die dpa, nachdem die ap geschlossen werden musste. Das mag unerheblich klingen, da aber die meisten kleineren Zeitungen keine lokalen Journalisten vor Ort haben, sondern sich betr. Meldungen aus andern Staaten auf Depeschenagenturen verlassen, führt auch dies zu einem Schwund der Meinungsvielfalt.
Führender Anbieter von Finanz- und Wirtschaftsdaten (für deren Bezahlung reichlich Geld da ist) ist heute Thomson Reuters, mit mehr als 50'000 Beschäftigten, 2700 davon Journalisten, in mehr als 100 Ländern. Jahresumsatz 13.4 Millionen $.
Hauptkonkurrenz ist Bloomberg, von Michael Bloomberg, New Yorker Bürgermeister und Milliardär.
Neue Konkurrenten sind hier Google und Microsoft
5 Medien, Politik, Gesellschaft und Menschen sind vielfältig - Geld einfältig:
Georg Simmel, nicht wörtlich, aber sinngemäss |
Typen:
Kurzcharakterisierung:
Allerdings gilt auch:
| Hoffungslosigkeit
ist das Schlimmste, das einer Gesellschaft passieren kann. Und dort, wo Hoffnungslosigkeit herrscht, müssen Aenderungen auf dem politischen Weg angestrebt werden. [S. 256] |
Berater, die direkt von der Schule kommen, ohne Ahnung von sozialen und betrieblichen Kräften, weisen zwar ein viel höhere Risikoakzeptanz auf ... sie riskieren aber damit eben unter Umständen den Betrieb, oder zumindest seinen (guten) Ruf.
Auswege:
Narzissten, Egomanen, Psychopathen: Ausgeprägten Narzissten fehlen die Bodenhaftung und das Gefühl für Grenzen. Sie heben ab und sehen in anderen viel Feindliches, um sich selbser besser über sie erhöhen zu können. Sie gewähren auch wenig wirkliche Unterstützung, weil die Energie eigenen Zielen nutzen soll. [S. 203]
Dies kam grad kürzlich relativ peinlich ans Licht, als wieder mal ein paar arme Schweine als Narzissten dargestellt wurden. Ohne die wahren Narzissten hätte unsere Wirtschaft keine Führer.
Kapitalbesitz bringt Besitz von Raum, mehr Raum,
schönerern Raum, begehrteren Raum, Ruhe,
Exklusivität,
schöne Aussicht, gute Luft, wenig Steuern, attraktives
soziales
Umfeld.
Traditionell hielten sich die Reichen eh meist in Städten auf.
Hier finden sich die Opernhäuser, Clubs, Zünfte,
Theater,
Museen. Da die Steuern in den Vororten meist günstiger sind,
kann
man allerdings auch das eine Nutzen und dennoch vom andern profitieren,
womit Städte zunehmend in Finanzierungszwang kommen, so sie
nicht
über ein attraktives Seegestade verfügen, exquisite
Villen oder Schlösser, deren
Exklusivitität (Goldküste, Genfersee) den
Steuerschmerz etwas
lindert.
Obige Karte des BFS zeigt schön, wo sich die guten
Steuerzahler niederlassen: Genf, Waadt, Zug, Zürich,
diejenigen die müssen weil sie dort arbeiten, in Basel, ein
paar wenige in St. Moritz, Gstaad, Andermatt.
St. Moritz scheint das exklusivste Milliardärsghetto,
insbesondere mit seiner "gated community" Suvretta. Gegen aussen
fällt man zwar auch hier nicht all zu sehr auf. Wo das Geld
der Reichen verbaut ist fällt generell erst auf, wenn es einem
gelingt, ins Innere der Bauten zu sehen, die äusserlich oft
von recht zweifelhaftem Geschmack sind. Das Attraktivste ist meist tief
im Berg verborgen. Suvretta wurde berühmt durch Aristoteles
Onassis, den Schah von Persien, Liz Taylor, die Agnellis, Willi
Bogner, griechische Redner, Carvallo-Heineken, Bär, Rich,
Hirschmann, Imholz, Mühlemann etc Bauland kostet bis zu 47'000
Fr, nicht für ein Häuschen, sondern pro m2. Sogar
für internationale Superluxushotels wie das Suvretta House
(mit Skischule, Tennis, Reiten, Curling, Wurftaubenschiessen, Golf) und
Badrut's Palace
ist es da nicht einfach, eine entsprechende Rendite zu erzielen.
Nebst Aspen, Colorado, ist St. Moritz allerdings der einzige Ort, an
den Superreiche mit ihrem Langstrecken-Privatjet einfliegen
können.
Wichtig für die Oberklasse sind auch Privatkliniken
wie etwa die Zürcher
Klinik am See für Schönheitschirurgie, Genolier
bei Nyon, Bethesda
in Basel, Bethanien in Zürich; Clinique
Générale in Freiburg, Wyss in Münchenbuchsee, Meiringen
(na ja, in Meiringen eben) und Hohenegg
in Meilen, - insbesondere bei psychischen
Krankheiten.
Nebst eigenen Schulen (s. nächstes Kapitel) und
standesgemässen Wohngebieten verfügt die Elite
natürlich auch über ein eigenes Transportsystem: Swiss Jet (Zürich
& St. Moritz).
| 6 Die Reichen schotten sich ab und legitimieren sich gleich selbst, ganz ohne Demokratie. |
Dekadente
Scheininvalide auf der einen Seite - missbrauchte
arme Leistungsträger auf der andern.
Die zunehmenden Unterschiede in Lohn und Vermögen werden von
den
einen als Ungerechtigkeit, von den andern als verdiente Auszeichnung
für ihre Mehrleistung betrachtet. Einkünfte von denen
man
nicht leben kann (working
poor) werden von den einen (die davon profitieren) als
Ansporn, von den Andern (die darunter leiden) als Ausbeutung gesehen.
Ein natürlicher Ausgleich, eine quasi "wissenschaftliche"
Lösung des Problems zeichnet sich seit Jahren ab. Wurden in
den
90ern noch jede Massenentlassung von der Börse mit Applaus
honoriert, so geschieht heute eigentlich immer das Gegenteil. Der
Anleger weiss, dass das Unternehmen mit seinen Arbeitskräften
nichts anzufangen weiss, wenn er sie zurück auf den Markt
schmeisst - um sie
früher oder später mühsam und teuer wieder
einsammeln
und weiterbilden zu müssen. Der Anleger weiss auch,
dass
jeder "freigestellte" Mitarbeiter der nichts mehr verdient, oder, wie
bei uns, 20 bis 30% weniger verdient, seinen Verbrauch stark
einschränken muss, also dieser Verbrauch in der Wirtschaft
dann
fehlt (s. Angebots-
und Nachfragetheorie). Und nicht alle Ueberschüsse
lassen sich in China
absetzen.
Die produzieren solche lieber gleich selbst. Man kann damit so
schön den Weltmarkt in die Knie zwingen, den Kapitalismus mit
seinen eigenen Waffen erschlagen ...
7 Fazit: Die Wirtschaftselite hängt einem falschen Model nach. Nicht bloss, dass sie Geld zum Massstab aller Dinge macht. Sie verursacht durch übermässige Detailsteuerung in den Betrieben, in der Mikrowirtschaft, immer grössere Schäden in der Volkswirtschaft, der Makrowirtschaft. Es ist ihr gelungen, obwohl sie noch vor dem Kommunismus am Abgrund stand, das Ruder herum zu werfen und neu, zumindest virtuell, das Steuer zu ergreifen. 8: Diese Parallelität von virtueller Steuerung einer virtuellen Wirtschaft mit zunehmenden Problemen in der Realwirtschaft und Realpolitik lässt sich analysieren anhand der umfangreichen theoretischen Studien zur Netzwerkgesellschaft von Manuel Castells. Wie bei Wittgenstein ist es hier eher seine und sekundäre Kritik am Scheitern dieses grandiosen Werkes, die zu Klärungen führt, als das voluminöse aber theorielastige und damit empiriedürftige Werk selbst. Mehr dazu demnächst in diesem Theater. |
Martin Herzog, Basel, 9.2.2011