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Ordungsmodelle II - oder warum brainworker nicht einfach oben oder links eine Liste hat, auf der man das Gesuchte finden und anklicken kann.

Naturgesetze sind einfach und gegeben - gesellschaftliche Ordnung ist konstruiert und komplex (wandelbar, verhandelbar - bis rein willkürlich)

0 Problemstellung

Auf Grund des Umfangs und des damit immer schwieriger werdenden Zugangs zur Brainworker-Enzyklopädie (knapp 1000 Beiträge zur Zeit) empfahl sich eine völlige Neu- und Umstrukturierung von Brainworker auf der Basis einer umfassenden Kategorialanalyse. > s. sitemap, neu - und Kompilation: Orientierungs- und Entwicklungswissen.

Da es bei Brainworker primär um verschiedenste Formen des Wissens geht, sind diese klarer zu gliedern nach den Kriterien Sinn(persönliche Wahrheit), Geltung (sozial übereingekommene Wahrheit), Gültigkeit (historische Wahrheit z.B.), Wahrheit per se, apodiktische Wahrheit, wissenschaftliche Wahrheit, empirische Wahrheit - und, etwas abgeschlagen, die statistische Wahrscheinlichkeit, die allerdings gerade im Bereich der induktiven Logik eigentlich alles ist was uns bleibt.

Absicht war, erst mal den Artikel: Modellvorstellungen zu einer nachhaltigen "guten Ordnung" vollständig zu überarbeiten, denn die Bespiele sind eindeutig sehr heuristisch, da sie aus genau den Dingen bestehen, die mir im Laufe meines Lebens so vorgekommen sind. Und da gäb's doch vermutlich noch ein paar andere. Generell muss eine <Gute Ordnung> die Frage beantworten, wie sich der Menschen organisieren soll, und wie er sich in die Natur zu integrieren hat. Humanökologie als Wissenschaft war ein Fehlstart, denn dazu braucht es Philosophie. <Der Vierfache Pfad> ist eine Verbürokratisierung der Bürgergesellschaft. Diese hat andere, flexiblere Möglichkeiten. Illichs Convivialidad ... bleibt - wird ergänzt um Leibnitz's Begriff der Verträglichkeit.

Notwendig dazu ein intensiver Beschäftigung mit Recht und Gesetz, denn dort wird das formuliert, was wir als "gute Ordnung" betrachten (na ja ...). Gerade in Demokratien ist das Gesetz die Vorgabe jener "guten" Ordnung, die von der Mehrheit erwünscht ist. Ob diese Ordnung allerdings sinnvoll ist, in die Zukunft weist - oder gar glücklich macht, das liegt an den Verfassern.

Die Betrachtung der real existierenden Gesetze zeigt eben, dass diese immer ganz fürchterlich hintendrein sind, also kaum geeignet, in die Zukunft zu führen, zukunftsorientierte Lösungen darzustellen. Damit ein Gesetz erlassen wird, muss erst mal ein Problem da sein, gelöst werden (zumindest theoretisch), und diese Lösung muss mehrheitlich akzeptabel wie sinnvoll erscheinen. Was also am Ende im Gesetz landet, ist ebenfalls ziemlich heuristisch. Dort sind's dann allerdings noch ein paar tausend Seiten mehr als hier, dem Laien auch kaum mehr zugänglich.

Diese Masse an Wissen das getrennt auftritt, aber an enorm vielen Ecken und Enden zusammenhängt, macht es schwierig, ein übersichtliches und leicht verständliches Gesamtkonzept zu erstellen. So lange man von einem historisch-philosophischen Konzept der "guten Ordnung" (drum von Anfang an in Klammern) ausgeht, kann man ja relativ leicht so vor sich hintheoretisieren. Das neue Konzept beinhaltet allerdings eine Trennung in unterschiedliche "Wissensbereiche" (s. Kategorien).

Generell muss nun Erkenntnis per se, also das Erwerben, Speichern, Verarbeiten von Wissen systematischer, und von den Resultaten getrennt präsentiert werden, wofür www.topologie.ch (Theoretische Philosophie) vorgesehen ist. Sich einen Ueberblick zu verschaffen darüber, welche Wissenschaften/Disziplinen es überhaupt gibt, und mit welchen Methoden die jeweils arbeiten, ist aber, selbst in Zeiten von wiki, ein beträchtlicher Aufwand. Neu zu bearbeiten insbesondere Logik, Geist und Glück, Glück als Harmonie der Empfindungen/Gefühle. Zudem musste das Konzept der "guten Ordnung" ergänzt werden um die Klugheit und die Solidarität - womit er nun eh echt unübersichtlich ist.

Diese nun 12 Monate dauernde Arbeit hat nun allerdings zur Erkenntnis geführt, dass eine Ontologie einer bewusst und willensgetrieben zusammengestellten Wissenskataloges beim besten Willen einfach rein gar nichts mit "objektiv" zu tun hat. Objekte setzen sich weder Ziele noch verfolgen sie Werte - und Werte sind eigentlich nichts als eine Matrix, nach denen sich Ziele, Zwecke und das Handeln dabei richten sollen. Meist handelt es sich allerdings nicht um fixe Vorgaben, sondern um ein Spannungsfeld in dem sich der Mensch orientieren und entscheiden muss. s. Wertekompass

Wir können also bloss mehr oder minder präzise versuchen zu unterscheiden:

1 wo es sich um kausale, also wirklich meist objektivierbare Wissenssysteme handelt, und

2 wo um finale, die menschlichem Willen, menschlicher Absicht unterliegen, also per Definitionem subjektiv - und frei - sind.

2.b Hier können wir nur das objektiv untersuchen, wer diese Ziele und Werte wie gesetzt hat, und ob deren Verfolgung geeignet ist, die erwünschten Wirkungen zu erzielen.

FAZIT I (vergl. Kompilation: Orientierungs- und Entwicklungswissen):

1 Einfalt der Gesetze - Vielfalt der Regeln - Werte

Wir haben hier ein Problem mit der Ordnung, das eben so permanent vorhanden ist wie es ignoriert wird. In den Naturwissenschaften, eigentlich allen Wissenschaften, gelten die Regeln der optimal zulässigen Einfachheit: Ockhams Rasiermesser. Eine Beschreibung, Formel, ein Zusammenhang soll alle Faktoren beinhalten, die zur Beschreibung nötig sind, aber keinen mehr.

So ist z.B. das Planetensystem mit der Sonne im Zentrum um einiges einfacher zu bewältigen, also eines mit der Erde im Zentrum, da bei letzterem die Planeten, inklusive der Sonne, recht komplizierte Schlaufenbewegungen vollziehen (Epizyklen), während dem beim andern Modell, mit der Sonne im Zentrum, die Bewegungen annähernd als Kreise angenommen werden können, präziser als Ellipsen. Damit lassen sich die Bewegungen derart exakt berechnen (s. Keplersche Gesetze), dass auf Grund kleiner beobachteter Abweichungen weitere Planeten gefunden werden konnten.

Nun gilt allerdings im sozialen Bereich eben das Umgekehrte. Nicht das einfachste, sondern nur das komplexeste Modell beschreibt die Fakten richtig. Tönt einigermassen dämlich, also falsch, is aber nicht so:

Die Gesellschaft besteht aus Menschen.

Menschen haben ein Gehirn, mit dem sie denken können.

Da in jedem Gehirn eine andere Erfahrung und Grundstruktur vorhanden ist, denken kaum 2 Menschen wirklich das Selbe.

Finden sich zwei, die das tun, ziehen sie oft daraus bereits den Schluss, sie hätten die Lösung, es müssten nun bloss alle anderen auch genau so denken wie sie.

Je mehr dazu kommen, desto tragischer wird die Chose. Bleibt dieses Denken dann noch ein paar Jahrhunderte erhalten, ist es, nun Tradition, nicht mehr totzukriegen, im Gegenteil, jeder Tote wird ein weiterer Märtyrer, der das Gruppenwissen bestätigt.

Weil nun die meisten Menschen denken, eine zwischenmenschliche Ordnung müsse genau so einfach zu bewerkstelligen sein, wie sich die Erde um die Sonne dreht oder der Apfel vom Baum fällt, begehen sie eben leicht den Irrtum, die Ordnung die sie für die gute halten, gleich als allgemeingültige zu postulieren. Kant's kategorischer Imperativ hilft da nicht wirklich darüber hinweg, im Gegenteil. Es wäre ehrlicher, wenn der einzelne sich bemüht so zu leben, dass er mit seinen Handlungen Anderen nicht Lebensraum und Entfaltungsmöglichkeiten weg nimmt, sich aber darüber klar ist, es ist sein Leben, seine Ziele, seine Werte, sein rein persönlicher Imperativ, mit dem er die Anderen gefälligst verschonen soll, denn die haben ihren eigenen, ein jeder Einzelne darunter.

Noch mehr verstärkt wird diese Diskrepanz zwischen einfachen Naturgesetzen und komplexer sozialer Organisation durch die Beschränktheit menschlichen Denkens. Kaum jemand kann sich mehr als 5 Dinge auf's Mal merken. Eine Uebersicht, ein Modell, das aus hunderten von Bestandteilen besteht, hat keine  Aussicht, ins Bewusstsein der Mehrheit einzudringen. Mehrheitswille ist Einheitswille ist Wille zur Einfachheit - der aber subjektiv ist. Banalisierungen wie sie im Populismus gang und gäbe sind, nutzen dies aus und sammeln Menschen unter einfachen Maximen, bündeln die Kräfte unter Schlagworten, erschlagen andere wegen Banalitäten mit Banalitäten.

Das bürgerliche Fundament des Faschismus, die Banalität des Bösen, beruht auf der Generalisierung derjenigen quängeligen Regeln, die man sich selbst in seinem eigenen Gärtchen setzt: Ich bin Schweizer (alternativ Deutscher, Franzose, Italiener etc.), ich habe das Recht Ausländer zu hauen. Die haben sich zu fügen. Die bünzligen Ordnungsregeln sind sehr einfach und oberflächlich - während dem die Welt doch eher vielfältig als einfältig konstruiert ist. Man muss rasch, effizient und sparsam putzen, aufräumen, Ordnung schaffen.

1.1 Psychologie: Auffassungsvermögen, Verständnispotential - und die Banalität des Bösen

Den Ausdruck "die Banalität des Bösen" hat Hannah Arendt in ihrem Buch: Eichmann in Jerusalem geprägt, sehr zum Missfallen des Ethikers der den Menschen vor allem als Geschöpf sehen wollte, das Verantwortung trägt, von Verantwortung und bewussten Entscheiden gelenkt wird. s. wiki

Eichmann war nicht […] Macbeth […]. Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive.“Niemals hätte er seinen Vorgesetzten umgebracht. Er sei nicht dumm gewesen, sondern „schier gedankenlos.“ Dies habe ihn prädestiniert, zu einem der größten Verbrecher seiner Zeit zu werden. Dies sei „banal,“ vielleicht sogar „komisch.“ Man könne ihm beim besten Willen keine teuflisch-dämonische Tiefe abgewinnen. Trotzdem sei er nicht alltäglich. Dass eine solche Realitätsferne und Gedankenlosigkeit in einem mehr Unheil anrichten können als alle die dem Menschen innewohnenden bösen Triebe zusammengenommen, das war in der Tat die Lektion, die man in Jerusalem lernen konnte. Aber es war eine Lektion und weder eine Erklärung des Phänomens noch eine Theorie darüber.“

Vielfalt bedingt Vielfalt der Regeln

Faschismus ist totalitäre Banalisation

1.2 Oekonomie: Ein System, das die Welt (vermeintlich) berechenbar macht

Die Oekonomie ist nun ein arger Zwitter, der sich

  1. einerseits völlig willkürlich gibt, keine Gesetze will, sondern völlige Freiheit für den Markt (was heisst, für diejenigen, die sich der Marktkräfte bedienen können).
  2. zweitens jedoch als "Wissenschaft" gibt, die in der Lage ist, aus Theorien prognostisch eine zukünftige Entwicklung, zukünftiges Verhalten abzulesen, nicht nur was Preise und Mengen betrifft, sondern sogar was das Verhalten der Menschen betrifft.

Oekonomie verknüpft, mathematisch-formelhaft, das naturwissenschaftlich-ingenieursmässige Berechnen und Gestalten mit psychologischem und sozialem Verhalten, das allerdings oft unvorhersehbar ist. Um solche Störungen gefliessentlich zu vermeiden, versuchen Oekonomen mit grossem propagandistischem Aufwand diese  nach ihren meist eher banalen Formeln zu erwartenden Gesetzmässigkeiten als "wissenschaftliche", also gesicherte. Und da irren sie immer mehr, insbesondere wenn sie Dimensionen schaffen die scheinbar vom Markt getrennt sind (Börsenspekulationen) - über die Finanzmärkte aber dennoch Preise nicht beruhigen, sondern Preisschwankungen verstärken und so immer wieder Probleme verursachen, statt Liquidität zu garantieren (die Funktion, die sie der Börse zuschreiben).

Wichtiger und richtiger wäre es vielleicht, wenn die Oekonomie den Zweig Nationalökonomie wieder beleben würde, und z.B. mal berechnet, was es effektiv, gesamtheitlich gesehen, kostet und/oder bringt, wenn eine effiziente Wirtschaft 20% der Bevölkerung als unbrauchbar definiert und in die Sozialhilfe abdrängt (80% wären im Extremfall möglich). Da Oeko-Nomie "Ordnung im Hause" bedeutet, wäre es eigentlich eher angebracht, wenn diese eben mal sehen würde, wozu denn auch die Schwächeren "gut" sind, und ihre Prozesse entsprechend gestalten würde, statt einfach dem banalen, einfältigen, als unvermeidlich postulierten Prinzip maximaler Produktivität, bedingt durch einen unbedacht geförderten internationalen Wettbewerb. s. Globalisierung) nachzurennen. Dies funktioniert eh nur, weil die "Nebenkosten" andern, eben dem Staat, der Gesellschaft, den Betroffenen angelastet werden können. Eine soziale Oekonomie (Volks-Wirtschaft) müsste eben sehen, welche Arbeit mit welcher Lern- und Leistungsfähigkeit erledigt werden kann, wie hoch die Anteile in der Bevölkerung sind (kein Geheimnis, das sagt der IQ) - und die Strukturen danach optimieren statt nach Maximalgewinnen, von denen nur wenige profitieren. Die heutige Lösung mit der die Betroffenen a) die Funktion des Schuldenbocks an wirtschaftlich ganz normalen Problemen kriegen (Zyklen) und b) ruhig gestellt werden mit Zwang, Herablassung und nutzlosen Beschäftigungsprogrammen (leider meist für Ausführende wie Begünstigte nutzlos), ist unbefriedigend und nicht gut, präziser "gut zu nix".

2 Die Gute Ordnung ist die Ordnung, die Gutes entstehen lässt

  1. Was ist das Gute?
  2. Heute, d.h. vorgestern: Streben nach Glück
  3. Gestern: Das Streben nach Wohlstand (sprich: Geld, Ehre, Rum, Wohlstand, Macht etc)
  4. Heute: Das Streben nach mehr Geld, also Wachstum (was Ehre, Ruhm, Wohlstand und Macht immer noch garantiert).

2.1 Das Gute bei den Griechen:

Dieser Ausdruck, der eigentlich schon lange nicht mehr verwendet wird, nicht mal mehr in der Philosophie, hatte erstaunlicherweise bereits zur Zeit der Griechen einen funktionellen Gehalt, der sich ausdrückt in "gut zu". So ist der Apfelbaum gut zur Produktion von Aepfeln, das Pferd gut (nein, nicht bloss gut zur Produktion von Pferdeäpfeln sondern) zum Reiten, und der Mensch gut zur Kunstfertigkeit, zu den Staatsgeschäften und zum Kriegswesen (na ja, das war vor über 2000 Jahren). [s. Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 938)]

Die Funktion, die das Wozu der Tauglichkeit des Guten ausmacht, heißt sein ergon (Werk).

Das Ergon-Argument: Zu Beginn der Nikomachischen Ethik schließt Aristoteles teleologisch auf das Vorhandensein eines höchsten Gutes, an dem alle übrigen Güter teilhaben (Vollkommenheit) und das keinem weiteren Gut diene (Selbstgenügsamkeit). Dieses Gut sei das Endziel und werde gemeinhin als Glückseligkeit oder Eudaimonia bezeichnet.

Das griechische Wort ergon bezeichnet die spezifische Funktion oder Aufgabe einer Sache, die für diese Sache essentiell ist. Dass etwas "gut" ist, definiert sich etwa durch die Anwendung seiner besonders guten Funktionalität bzw. etwas ist gut, weil es seine spezifische Funktion etwa auf optimale Weise erfüllt. ... Das Glück des Menschen kann also demzufolge nur verwirklicht werden durch vollkommene, möglichst das ganze Leben umfassende vernunftgemäße Betätigung der Seele.

Bereits hier wird klar, welch fundamentales Problem wir heute mit "dem Guten" haben, denn es gibt nur noch eine  relativ kleine Minderheit, der Arbeit und Aktionen als "Werk" bezeichnet werden können. Die Mehrheit arbeitet in einem Werk und produziert das, wozu sie den Auftrag hat, meist ohne jegliche Befugnis irgend einer Entscheidung darüber, ob das nun gut oder schlecht sei. Der gerade von Blocher & Co so gelobte Auftrag verhindert genau das, was eigentlich den Menschen ausmacht: Eigenverantwortlich, eigen-sinnig, ein Werk zu erstellen. s. Kunst-Werk, das Werk des Ingenieurs.

Das Gutsein als Funktionstüchtigkeit- und Brauchbarsein ist nun eigentlich eher frustrierend, wo es von den alten Griechen kommt. Da hätten wir doch etwas mehr Geist erwartet, denn diese Bedeutung hat es heute immer noch, extrem, bloss dass heute der abstrakte Markt darüber bestimmt und nicht mehr menschliches Urteil, wohlwollendes Urteil. Diese harte Definition kann direkt in den Produktivismus oder gar die Produktionsgesinnung führen, was sie im 19- und 20- JH auch tat. Produktion wird so zum höchsten Gut, zum höchsten Wert, zum wichtigsten Ziel.

Die personbezogene Bedeutung von agatos (agathos daimon: der gute Geist) ergibt sich in der Anwendung auf den Menschen. Hier wird die Grundbedeutung «tauglich» zu «tüchtig», indem die das Gutsein ausmachende Tugend (arete) außer bloßer Fähigkeit auch Willenseinsatz erfordert, der als Selbstbeherrschung (enkrateia), Ausdauer (karteria) und Fleiß (epimeleia: eigentlich eher als Selbstsorge/Eigenverantwortlichkeit) in Erscheinung tritt.

Tauglichkeit ist heute ein Problem, was sich aus der heute obligatorischen Vorsilbe ergibt, die das Wort begleitet: Markt, Markttauglichkeit/Marktfähigkeit. Der Mensch muss nicht mehr Tapfer sein gegenüber dem Feind, sondern gegenüber einem abstrakten, unwillkürlich und amöbenhaft reagierenden Markt. Er muss seine Tauglichkeit durch dauernde Anpassung belegen. Fleiss hat ausgespielt, wer bloss fleissig ist kriegt keinen Preis mehr, Erfolg gehört dazu, Erfolg der sich in Geld messen lässt, also Leistung. Die Regeln der Tüchtigkeit bemessen sich heute nach der Gestalt des Homo oeconomicus, längst nicht mehr daran, wie viel Gutes der Tüchtige erstrebte, sondern bloss noch, wie viele Güter er erschuf.

Weiter gehört dann zu solchem Gutsein die ganze Reihe der bei den alten Griechen im Lauf ihrer Geschichte hervorgetretenen Haltungen der Tugend (arete: Tüchtigkeit, Tauglichkeit), in der Frühzeit besonders die Tapferkeit. Geschätzt werden diese Haltungen und damit das in ihnen gesehene Gutsein einerseits um der dadurch ihrem Besitzer zuwachsenden Brauchbarkeit und Nützlichkeit für das soziale Zusammenleben willen, zuletzt und entscheidend aber auf Grund eines in der Tugendhaltung selbst erblickten inneren Wertes, der als (seelisch) Schönes (kalon) empfunden wird.

Hier kommen wir nun doch wieder etwas ins mehr Soziale rein. Nicht nur die produktive Tauglichkeit (tucht) ist wichtig, sondern sie ist gebunden an das soziale Zusammenleben, dem sie nützen soll. Hier also ein Nutzen der sich der Terminologie von Leistung und Produktivität entzieht, ja geradezu entgegen stellt, denn Zeit kann hier nicht mehr Geld sein, wenn sie auch für die Mitmenschen genutzt werden soll. Dafür kommt hier nun ein zweites Element ins Spiel das eben so viel mit Macht zu tun hat wie Geld, das Ansehen:

Mit dieser von Anfang bestehenden Schätzung des agatos vermischt sich, namentlich in der Frühzeit, oft eine solche des ihm dadurch auch zukommenden Ansehens und der gehobenen sozialen Stellung oder der edlen Abkunft, bei der man solche Trefflichkeit besonders (oder gar ausschließlich) zu finden glaubt

Genauer stellt sich dann dieses Gute als Einheit von Ebenmaß (symmetria), Schönheit (kallos) und Wahrheit (aletheia) dar; und da hierin (bes. im kallos) auch die Tugend enthalten ist, ergibt sich, daß das gesuchte (d.h. das zur Eudämonie führende) Gute wesentlich besteht im sittlich Guten (kalon). Er (Platon) findet es in drei Bereichen und Rangstufen:

  1. in den Göttern selbst,
  2. in unserer Seele,
  3. im Leib.

Erfüllt wird die so geforderte Ehrung der Seele durch die Tugend, die des Leibes durch Einhaltung eines mittleren Maßes (meson) in der Pflege seiner Fähigkeiten. Diese besteht wie hier so auch in der Schätzung und dem Erwerb materieller Güter darin, daß Übermaß (yperogka) und Mangel (elleiponta) vermieden werden.

Aristoteles bestimmt es wie Platon von der Tugend (arete) des Menschen aus, sie bestehe in trefflicher Ausübung der ihm aufgrundseiner Natur eigentümlichen Funktion (ergon), nämlich des Gebrauchs der Vernunft (logos)

Zusammenfassend gehörte dem Guten bei den Griechen also zu: Das Ebenmass (Gleichgewicht, heute Nachhaltigkeit genannt), die Schönheit und die Wahrheit; nebst Mut und Tugend, welche die Tauglichkeit zum guten Werk erst vollenden. Der Schönheitsbegriff ist heute, ähnlich dem Begriff der Aesthetik, ein ganz anderer, weshalb diese Texte missverständlich sein können. Ästhetik (gr. aísthesis: Wahrnehmung) war bis zum 19. Jahrhundert vor allem die Lehre von der wahrnehmbaren Schönheit, von Gesetzmäßigkeiten und Harmonie in der Natur und Kunst. Es ging also um ein kognitives Problem: Die Wahrnehmung, präziser die Wahrnehmung von Gesetzmässigkeiten und Harmonie. Heute würden wir das vielleicht so ausdrücken: Damit etwas im klassischen Sinne als schön gelten konnte, musste es sich durch vollkommene Ordnung und einen ausgewogenen Gleichgewichtszustand auszeichnen. Das 19. und 20. Jahrhundert mit seinem Chaos, der Zerstörung von Gesellschaft und Umwelt, dürfte kaum als schön gegolten haben. Eine Reminiszenz an diesen alten Inhalt sind die Romantik zu Beginn des 19. JH, Biedermeier   (läuft bei mir allerdings unter Kitsch, denn so Zeugst stand bei den Grosseltern noch rum). Biedermeier steht zu Beginn des 20. JH als Synonym für die neue bürgerliche Kultur der Häuslichkeit, Gemütlichkeit und der Betonung des Privaten. Bereits vorher, bei Griechen wie Römern, die gesamte Schäfer- und Landlebensromantik, die ja, wie heute, bloss für Städter romantisch ist, die sich nicht mit den damit verbundenen Flöhen rumärgern müssen.

2.2 Das Gute bei den Römern:

Den «vir bonus» charakterisiert Cicero, ganz in der römischen Tradition stehend, die ihn als guten Bauern, guten Soldaten und guten Siedler betrachtete, als denjenigen, der bei selbstverständlicher Geordnetheit seines privaten Bereiches vor allem seinen öffentlichen Verpflichtungen nachkommt, der demnach unbescholten und angesehen ist, dessen Wort eine ganze Untersuchung ersetzt.

2.3 Das Gute in der Neuzeit:

Der Begriff des Guten erlangt zu Beginn der neuzeitlichen Ethik bei HOBBES eine Bestimmung, die das Ansichsein des Guten radikal zerstört. Gut sind die Dinge, die erstrebt werden; gut ist also relativ auf den Erstrebenden.

Hier beisst sich nun die Katze eindeutig in den eigenen Schwanz. Zuerst soll das Gute Richtwert sein - dann soll das gut sein, wonach wir selbst streben. Die Diskrepanz zeigt, dass die Sache an und für sich, also der Inhalt der mit "gut" bezeichnet wird, eben keinen Wert beinhaltet, nach dem er in eine gute oder schlechte Klasse eingeteilt werden kann. Ob etwas gut oder schlecht ist, zeigt sich erst anhand der Gründe, aber auch der Folgen, des Strebens danach. Ein Grundsatz der in der Rechtsprechung beträchtliche Unterschiede im Strafmass zeitigen kann. (Mord: bewusst angestrebt, verdient höchste Verdammung; Totschlag: aus Ungeschick begannen)

Spinoza, Hobbes: Streben geht primär auf Selbsterhaltung. Selbsterhaltung ist also ein höchstes Gut, dass allerdings seine Grenze sehr rasch dort findet, indem es für alle Menschen das höchste Gut ist, der eine also keine Berechtigung hat, sich auf Kosten des anderen zu erhalten.

Kant: Das Gute kann demnach nicht in einer wie auch immer gearteten inhaltlichen Bestimmtheit auftreten und darin als zu erreichendes Telos den Willen zu einer Handlung veranlassen, die dann kraft des teleologischen Verhältnisses gut wäre. Eine solche Bestimmung widerspräche der Autonomie des Willens, die besagt, daß die Handlung allein gut sein kann, die nicht umwillen von etwas geschieht.

«Es ist überall nichts in der Welt ..., was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille»

Kierkegaard: «Das Gute ist dadurch, daß ich es will, und sonst ist es gar nicht»

2.3.1 Liberalismus: Der Wechsel vom Guten zum Glück

Mit dem Aufkommen der Oekonomie und der Glückslehre verlor sich das Streben nach dem Guten im traditionellen Sinne. Aus dem Guten wurden die Werte. War früher das Gute ein Wert, so ist danach Wert und Gut das Selbe, also Werte sind das Gute, das Gute ist ein Wert. Was bis zum 19. Jahrhundert unter dem Begriff "das Gute" diskutiert wurde, fällt seither unter die Kategorie "Werte". Die Vermischung von Gut und Brauchbar hat also ihre Parallele in der Vermischung von Wert und Preis.

In England faßt J. ST. MILL das Gute als Glückseligkeit (happiness), und zwar, Gedanken von Bentham aufnehmend, sofern Glückseligkeit unter dem Nützlichkeits-Maßstab (utilitarian Standard) im Hinblick auf das allgemeine Wohl der Menschen in ihrem sozialen Zusammenleben steht.

SPENCER bestimmt das Gute als «ganz allgemein das Erfreuende (pleasurable

Nitzsche raubte dem Begriff die letzte positive Aura indem er als gut erklärte, «was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht»

Und da stehen wir nun, als armer Tor, so weise wie schon lang zuvor: Wer Glück hat, kann glücklich sein, wer nicht, hat halt Pech gehabt im Wettbewerb und am Markt. Wer sich der Produktivitätsnormen zu bedienen wusste, hat Macht erlangt (zumindest so weit als Geld Macht verschafft), wer nicht, bleibt ohn-mächtig. Es wundert unter diesen Bedingungen wenig, dass Wirtschaftsethik samt csr und ähnlichem nicht viel weiter kommt als ab und zu ein Streik, denn uns fehlt ganz einfach ein Konzept des Guten, das über das perfekte Funktionieren unserer Produktionsmaschinerie hinaus geht. Noch schlimmer, trotz der Beschränkung kriegen wir nicht mal das hin. Anyhow, das artet aus hier. Das Problem war ja ein Konzept des Wissens. Für eine zeitgemässe Wissensontologie ist also immer streng zu unterscheiden zwischen folgenden Wissensformen:

1 kausal bedingtes, also wirkliche meist objektivierbare Wissenssysteme

2 finales Wissen: zielorientierte Begründung, die menschlichem Willen, menschlicher Absicht unterliegt, also per Definitionem subjektiv - und frei - sind.

2.b Hier können wir nur das objektiv untersuchen, wer diese Ziele und Werte wie gesetzt hat, und ob deren Verfolgung geeignet ist, die erwünschten Wirkungen zu erzielen.

Denn sonst gehen die Unterschiede unter - und uns bleibt nichts als zu glauben, dass eben alles so ist wie es ist und wir eigentlich nichts ändern können ... oder dass wir alles ändern können, wenn wir dran glauben. Die Krux liegt aber eben genau darin, unterscheiden zu können, was wir ändern können und was nicht, genau wie es das Gelassenheitsgebet schon lange ausdrückt. Genau dieses Wissen wäre vielleicht die beste Basis für unsere so genannte Wissens- oder Risikogesellschaft:

Naturgesetze sind (meist relativ) einfach und gegeben * -

gesellschaftliche Ordnung ist konstruiert und komplex -      (wandelbar, verhandelbar - bis rein willkürlich)

* problematische Ausnahmen: Oekosysteme, Klima, Teilchenphysik, etc, na ja, eigentlich jedes System in dem mehr als 2 bis 3 Teilchen interagieren. "Einfach" werden sie vor allem durch die stochastisch erfassbaren Massenwirkungen - problematisch wieder, wo es um extreme Ereignisse geht wie das gegenwärtige Wetter. Dummerweise lässt dieses aber nicht mit sich reden ...)

FAZIT:

Diese geforderte Art von wissenschaftlich-philosophischer Wissenskritik als Entwicklungskritik fehlt nicht ganz. Dummerweise findet sie sich aber praktisch vollständig unter der literarischen Gattung cyberpunk, als zu Comics verarbeiteten Dystopien (Utopien die man lieber nicht möchte). Zudem ist diese literarische Gattung im deutschsprachigen Raum enorm untervertreten und noch mehr unterschätzt.

Als Annäherung bleibt uns nichts als das, was wir schon immer taten, nämlich zu versuchen die Phänomene möglichst von Selbst-Täuschungen und Gruppenwahn zu befreien, objektiv zu sehen, mit dem objektiv richtigen, dem passenden, der Sache entsprechenden Erfassungs-Raster zu arbeiten (nicht dem ideologisch oder politisch empfohlenen, sondern der treffenden Dimensions-, Systems-, Raum-, Flächen-, Linien- oder Punkt-Modell (s. Strukturen des Wissens: Methodik und Verortung des Denkens und der Vernunft), und die Augen nicht zu schliessen, wenn die Resultate unerfreulich sind, denn das könnte zunehmend der Fall werden. Genau diese Kenntnisse fehlen aber der Risikogesellschaft zunehmend, da nur noch die Forschung gefördert wird, die produktiv ist, nicht aber diejenige, die Probleme und Auswirkungen dieses Tuns erfasst - und daher kritisch ist. Jedes neue Wissenscluster das, ohne kritischen Kontrapunkt, an ein Produktionscluster ankoppelt, lässt das Problemlösungscluster links liegen und erhöht so die Risiken (s. Gentechnologie, Nanotechnologie, Biotechnologie & Pharma). Eigentlich brauchte es in den Wissenschaften neben den "optimistischen", die "Wissen" direkt für die Produktion produzieren, immer eine kritische, die jenes Wissen schafft, das Optimisten gerne ausblenden. Diese müssten über das selbe Grundwissen verfügen - aber ihre Forschung breiter und mit anderer Fragestellung angehen, nämlich mit der Frage: Was hat es für Auswirkungen auf andere Systeme, wenn wir dieses Wissensystem anwenden? Besonders wichtig wäre dieses kontrapunktische Wissen in der Oekonomie, wo doch eher zu viel Optimismus der direkten Anwendbarkeit herrscht, basierend auf dem falsch verstandenen Konzept der göttlichen Hand, die den freien Markt reguliert. Bereits für Adam Smith war diese "göttliche Hand" aber ziemlich menschlich, denn sie basierte auf Anerkennung und Kritik wirtschaftlichen Handelns durch die Gesellschaft. Basiert man Anerkennung und Kritik nun nicht auf persönlichen Meinungen, sondern auf objektiver Systemanalyse und Folgenabschätzung, dann erst sind praktische Wissenschaften praktisch auch zumutbar.

Martin Herzog, Basel, 14.8.2010