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Die historischen Bedeutungsänderungen des Begriffs <Ordnung>

[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Ordnung]

Kommentierte Zusammenfassung:

Ordnung ist das halbe Leben ... Ordnung garantiert Sicherheit. Aber: Ordnung beschränkt Freiheit. Kriterien einer "richtigen" oder zumindest angemessenen Ordnung. Traditionell wies die Ordnung jedem Menschen seinen Platz in der Gesellschaft zu, beschränkte also die Freiheit der menschlichen Entwicklung massiv. Dies gilt zwar auch für die Natur-Ordnung, nur ist dort das Problem, dass die Natur zwar relativ stillschweigend leidet, wenn sie "unordentlich" traktiert wird, aber irgendwann mit voller Kraft dogmatisch ihre Position wieder einnehmen wird, ohne Rücksicht auf individuelle Sensibilitäten. Ordnung bestimmt die gebührende Stellung eines Elementes in Raum und Zeit. Ordnung wird erkannt durch Vergleich der Dinge miteinander.

Mit Beginn des 18. JH änderte sich der Ordnungsbegriff. An Stelle von Gott und Natur übernahm der Bürger die Definitionsmacht. Was für ihn notwendig und nützlich war bestimmte die Ordnung fortan. Kern der Ordnung des bürgerlichen Tauschsystems bildet das Preisbildungssystem, der Markt. Fortan gilt als gut, wünschenswert, Ziel der Ordnung die Aufrechterhaltung und Förderung der Zusammenarbeit durch Tausch. Die Erleichterung des Tausches durch Geld führte dabei zu einigen Verzerrungen, da der Tausch zunehmend nicht mehr existentiellen Bedürfnissen galt, sondern der Vermehrung von Geld und Kapital. Dieser dominante, die ganze Gesellschaft durchdringende Trieb ergab eine patente, praktisch automatisch funktionierende weitere Möglichkeit, gesellschaftliche Ordnung herzustellen. Da jede(r) seinen Lebensunterhalt bestreiten muss, bemüht sich jede(r) um eine Erwerbs-Tätigkeit, die ihm dies ermöglicht. (Schlaraffenlandtheorien, wozu ich auch den generellen, bedingungslosen Grundlohn zähle, sind generell unausgereift, da sich alle darum drücken, schon nur mal zu überlegen, wer denn dafür bezahlen soll). Allerdings führt dies zu Abhängigkeiten - was eigentlich genau im Sinne der Erfinder ist, denn Abhängigkeit schafft Ordnung, wenn auch Unter-Ordnung. Die Freiheit gerät also für die Unter-Geordneten in dieser Freiheits-Ordnung unter Druck, denn es handelt sich, wie bereits Rousseau feststellte, um eine Ordnung des Geizes, der Wohllust und Dummheit; bewirkt durch Angst.

Bereits Kant (wie Vico) sah allerdings in diesen Widersprüchen, der sich daraus ergebenden Aufspaltung und Ungeselligkeit als Folge des Wettbewerbs nicht den Weltuntergang, sondern ein anderes Ordnungssystem, das zynisch als "divide et impera" bezeichnet werden könnte, aber ohne dass es weder die schönen Künste, noch Wissenschaft, noch Philosophie gäbe. Je vielfältiger die Gesellschaft, desto grösser die Notwendigkeit, und der Wunsch, das System zu erhalten, das auch den eher randständigen Teilen das Ueberleben erlaubt. (Unter "randständig" verstehe ich hier nicht das, was heute damit gemeint ist, sondern vor allem Philosophie und Wissenschaft, denn in einer bloss auf Individualismus und Erwerb dressierten Gesellschaft haben diese keine Ueberlebenschancen - ausser sie tragen mit bei zur Produktivitätssteigerung. Das wäre dann der heute erreichte Zustand).

Gesellschaftssysteme wären also, genau wie Oekosysteme, um so überlebensfähiger, je vielfältiger sie sind, je höher die Varianz a) an Systemen, b) an Elementen innerhalb des Systems, auch an Subsystemen ist. Dummerweise haben orientierungslose Elemente die Tendenz, sich Identität über Nationalismus zu suchen - und die eben so wichtigen anderen Elemente und Teilsysteme als fremd, unerwünscht, unbrauchbar, abzulehnen oder gar abzustossen. Man kann so den gegenwärtig sich überall verstärkenden Trend zu Fremdenhass und Einigelung als Abwehrreflex verstehen - der sich dummerweise als Autoimmunität (Selbstunverträglichkeit) ausprägt.

Allerdings war auch das 19. JH noch lange nicht das Jahrhundert, das Wertepluralismus verdauen - oder gar produktiv nutzen konnte. Es war das Jahrhundert der Nationen, in denen vor allem der äussere Feind den inneren Zusammenhalt garantierte. So ähnlich wie früher der Kommunismus, heute der Islam, den Zusammenhang der westlichen Gesellschaften mit Markt-Ordnung. Bereits gegen Ende des Jahrhunderts waren die Vorbehalte von Marx gegenüber der Wettbewerbswirtschaft eigentlich durch die Praxis belegt. Vor allem die Ueberproduktion drohte immer wieder das System lahm zu legen - was sie heute nocht tut. Dem wurde und wird mit dem Zauberstab "Innovation" begegnet. Dummerweise versetzt dieser Zauberstab jeglicher Ordnung in Lähmung, denn Ordnung und andauernde Umgestaltung lassen sich nur schwer in Einklang bringen. Die Anarchisten trugen dazu bei, parallel zur straffen Untertanenordnung und Kadavergehorsam eine Idee von reiner Freiheit in Herrschaftslosigkeit, also freier Un-Ordnung ins Leben zu rufen. Sie dürften damit viel mehr zur wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen haben, als jene ihr zugestehen mag.

Ordnung zu schaffen wurde also so schwer, da so widersprüchlich und vielfältig, dass die Wissenschaft den Job übernehmen musste. Seitdem, also zum Teil bereits seit dem 17. JH, definiert oft sie, was normal, wünschenswert, richtig, gut ist - welche Funktion eigentlich ausserhalb ihres Arbeitsbereichs liegt, was am deutlichsten und am besten belegt von Foucault kritisiert wurde.

Bereits die Entwicklung des Begriffs Ordnung zeigt deutlich, dass es keine Möglichkeit einer schwarz-weiss-Darstellung gibt. Gut und Böse lassen sich nicht klar festschreiben, sondern ergeben sich meist erst als Resultat - weshalb die Beurteilung gezwungenermassen reflexiv sein muss. Handlung ist also risikobehaftet. Sie kann immer Gutes oder Böses bewirken. Aus genau diesem Grund ist das Ideal östlicher Philosophie - nicht zu handeln, in der Harmonie aufzugehen, sich treiben zu lassen vom göttlichen Strom und der natürlichen Ordnung. Die Frage die sich hier allenfalls noch stellt ist die, ob nicht auch in der östlichen Philosophie das Unterlassen von Handlung eben so übel ist, falls das Resultat übel rauskommt auf Grund der Unterlassung:

Geschichte des Ordnungsbegriffs:

Ordnung: (griech. tesis, diatesis, kosmos, taxis; lat. ordo; engl. order; frz. ordre; ital. ordine)

ARISTOTELES erklärt das atomistische rysmos (Rhythmus), tropn (Wendung) und diatign (gegenseitiger Zusammenhalt) als sxhma, tesis und taxis (Form, Lage, Ordnung). Ordnung ist dem Geordneten von einer Ursache gegeben, die das zu Ordnende, temporal ausgelegt, aus einem Zustand der Unordnung, der ataxia, in eine Ordnung überführt.

Von aller Anfang an scheinen also Ursache und Zeit diejenigen Elemente, die Ordnung schaffen.

Ordnung/Orden wurde allerdings sehr früh auch schon für verschiedene christlichen Strukturen und Organisationen verwendet: Tertullian kennt bereits die bis heute bestehende Gliederung in «ordo» und «plebs» (die ohne Geschichte, ohne hervorragende Vorfahren, ohne Ordnung), verwendet in dem Zusammenhang auch die Vokabeln «clerus» (die Kulturdiener, diejenigen, die Ordnung schaffen) und «laici» (die Laien, die nichts von Ordnung verstehen).

Die Ordnung ist Gesetz (nomos), andererseits legen die Gesetze das Wie der in der Verfassung nur allgemein vorgeschriebenen Herrschaft näher fest, weshalb jeder nomos eine O. und die Verfassung die O. der nomoi (taxis ton nomon) ist. Jedes wider die Natur Seiende (para pysin) ist wider die O. (para taxin)

In verschiedensten Ritter-Orden nahm diese Ordnung Gestalt an, wurde institutionalisiert und wehrhaft: Ordo gilt in dieser Tradition mit einer zusammenfassenden Formel von O. VEIT als «eines der ranghöchsten Symbolworte – vielleicht das ranghöchste – der scholastischen Metaphysik». Ebenso der Staats- und Gesellschaftsordnung, als die «ewige, feste Standes-Ordnung von Herrschaft und Dienst» verstandenen Gesellschaft des Mittelalters. Die natürliche Welt-Ordnung musste stark hinter der Sittlichkeits-, Sozial- und Rechts-Ordnung zurücktreten.
KRINGS wollte gar «den Ordo-Gedanken als Leitgedanken einer Epoche darstellen».

Die theologische Ansicht betr. Ordnung entspricht damals absolut dem, was auch der Islam fordert: Absolute Hingabe, ja Unterwerfung unter die göttliche Ordnung, die jedem seinen Platz zugewiesen hat. So Anselm von Canterbury: Der Gehorsam gegen Gott besteht darin, daß jede Kreatur die ihr vorgeschriebene Ordnung einhält.

Manchmal wird Ordnung sogar als wichtiger angesehen als das individuelle Menschenleben. So Bonaventura: Die Einhaltung der allgemeinen Welt-Ordnung hat den Vorrang vor dem Wohl von Einzelpersonen.

Dies kann zu Auswüchsen führen, nicht bloss in verschiedenen Fundamentalismen, sondern auch in der Verteidigung gegen dieselben. Wie überall wo Einzelaspekte die Herrschaft über das Denken übernehmen, geht der Ueberblick so gerne verloren. Der Sicherheit vor einem hochgejubelten Terrorismus werden immer mehr Freiheitsrechte geopfert - obwohl der weitaus weniger Menschen in Mitleidenschaft gezogen hat, als die Finanzkrise. Im ersteren Fall kann die Politik jedoch nicht übereilig genug alle Freiheitsrechte der Bürger streichen, im zweiteren nicht gehorsam genug, alle Freiheiten des Kapitals schützen. Aehnliches sehen gerade heute Juli Zeh und Ilija Trojanow (Angriff auf die Freiheit) in der zunehmenden Ueberwachungsgesellschaft. Ein beklopter Terrorist, der sich selbst verbrannt hat, aber seine Bombe nicht zünden konnte (so viel zur Qualität der Terrorausbildung im Jemen und Afghanistan) führt sofort zur Einführung von Ganzkörperscans (Nacktscanner) - die Beraubung der Arbeit oder gar Existenz von Millionen durch die Finanzkrise, also abenteuerliche Strukturen der spekulativen Finanzwirtschaft hingegegen führen zu - nichts, ausser Arbeitslosen und Sozialfällen - an denen die Betroffenen selbst schuld sind, nicht die Spieler.

Mit größerer Vorsicht grenzt darum WILHELM VON OCKHAM die Ordnungs-Einheit der Welt als «intentio relativa» in der Seele gegen das faktische Geordnetsein der Weltdinge (partes sic ordinari) ab.

Diese Warnung sollte man sich vor allem dort zu Herzen nehmen, wo die Grundordnung der Natur gestört wird, also bei Genmanipulation, Nanotechnologie, Management oder Umbau der Natur generell, aber auch Eingriffen in die Regulierung des Geistes durch Psycho-Pharmaka. Die Natur-Ordnung hat sich bewährt, auch wenn sie nicht grad human ist. Unsere zivilisatorische Ordnung hatte für einige Zeit grosse Vorteile, gerät aber so langsam und sicher zur Betonstahlgalshölle::

Die allgemeine Rang-Ordnung des Universums ist bevorzugtes Thema der Renaissance, besonders bei M. FICINO: Da in der Welt alles auf eine wunderbare Weise zusammenstimmt, kann diese O. nicht aus Zufall, ohne Plan und Baumeister entstanden sein. O. und Kontinuität in der Natur verweisen auf eine allweise Intelligenz, die alles fügt und dafür Sorge trägt, daß nichts von seinem Weg abweicht und die Ordnung stört. Gott ist der Architekt, der die Idee der geordneten Welt in sich trägt und von dem alle Teile des Gebäudes ihre Ordnung erhalten. Ordnung bedeutet Stufen-Ordnung, die verlangt, daß zwischen einzelnen Wesenheiten keine Stufe übersprungen wird (z.B. gibt es zwischen Intellekt und Körper den belebten Intellekt). «Die genaue Ordnung [der Natur] erfordert, daß alle Grade der Dinge im Universum enthalten sind»

G. Bruno: Gerade von der Verschiedenartigkeit und Vielgestaltigkeit der Welt hängt ihre «Ordnung, Symmetrie, Komplexion, der Frieden, die Eintracht, die Zusammensetzung, das Leben» ab. «Unmöglich kann Harmonie und Eintracht walten, wo Einförmigkeit (unità) herrscht, ... sondern nur da, wo O. und Gleichgewicht unter verschiedenen Wesen waltet (ordine ed analogia di cose diverse) und jegliches Ding seine eigene Natur wahren kann»

Da die Reformation diese bestehende Ordnung auflöste und der Text-Kritik preisgab, wurde auch die Ordnung zur verfassten An-Ordnung: Hier bedeutet O. oft eher 'Vorschrift, 'Gebot, 'Anordnung, die aber, wenn sie befolgt wird, O. herstellt. Allerdings einer An-Ordnung von Gott, der der Mensch nicht widersprechen durfte: Für M. LUTHER sind alle weltlichen O.en und Grade der Gesellschaft (ordines et gradus societatis humanae) von Gott den Menschen auferlegt. Diese Art von Glaubens-Gesetzes-Treue ist heute immer noch das Fundament der meisten Fundamentalismen, nicht bloss des islamischen, und wird von den meisten Vertretern derselben gerne als Schild benutzt, der ihnen, als Vertreter des wahren Wortes, ebenfalls Schutz vor Kritik verschafft.

Gerade mit der Renaissance erhielt aber auch der Mensch ein gewisses eigenständiges Recht auf Sein und Werden, das allerdings immer der Ordnung der Natur unterworfen war (und ist). In jeder Kultur, die primär eigentlich die Nutzung natürlicher Ordnung bedeutet, kann nur mit dieser Ordnung gearbeitet werden, kaum gegen sie. So PARACELSUS : Der Arzt soll «nach gesazter O. der natur und nit der menschen» verfahren.
Die wichtigste Ordnung für den Menschen ist die Ordnung der Natur - auch wenn wir die als "wild" bezeichnen. Sie liefert uns eine faktische, meist sinnvolle, Anordnung von Teilen in Organen, Organismen, Clustern und Systemen.

Grotius formulierte eine ähnliche Regel für die Regierungskunst: Die weltliche O. und Regierung sind eingesetzt, «pour respondre & convenir à l'ordre de nature: où les choses les plus parfaictes dominent». Eine politische O. besteht dann, wenn ein jeder die ihm gebührende Stelle einnimmt. Dadurch wird sie eine gerechte O., dadurch haben die Gemeinwesen Dauer und Bestand.

In der Gesellschaft wurde allerdings die Ständeordnung zementiert, was natürlich immer im Interesse derjenigen lag, die an einer besseren Position sind, also einer Minderheit, die von der Mehrheit Gehorsam fordert, sei es im Namen Gottes wie im Mittelalter, im Namen des inneren Zusammenhaltes, der nicht gefährdet werden darf auf Grund des äusseren Feindes (China, Rom - bis USA, also bei allen Imperien). J. LIPSIUS: O. gründet auf der Eintracht und Gemeinschaft der Bürger, vor allem aber auf ihrem Gehorsam gegenüber der Obrigkeit.
P. Nicole: Allein die politische O. vermag Frieden und Sicherheit zu garantieren.

Mit der enormen Entfaltung der Wissenschaften im 17. JH und der Ausrichtung der Wissenschaften an dem methodisch strengen Verfahren der Mathematik nach Descartes wurde dann eine andere Bedeutung von Ordnung wirksam: Ordnung als Methode.

Spinoza: O. entsteht aus der Vergleichung der Dinge untereinander und ist deshalb ein «cogitandi modus» oder «imaginandi modus», weil wir etwas als harmonisch und wohlgeordnet empfinden und es so dem Verworrenen als dem weniger Vollkommenen vorziehen. O. soll aber die Operationen des Denkens leiten, um zur sicheren und gewissen Erkenntnis zu gelangen.
Täuschung und Zweifel resultieren allein daraus, «daß man die Dinge ohne O. untersucht». Klar und deutlich erkannte Vorstellungen können nicht, da sie einfach und nicht auf anderes zurückführbar sind, falsch sein, und sind so unmittelbar gewiß. Die zusammengesetzten Vorstellungen werden aus diesen Axiomen methodisch richtig, d.h. geordnet, abgeleitet.

Leibniz: Zeit und Raum sind «Weisen der O.», in denen die Dinge verschiedene Stellen einnehmen können

SHAFTESBURY, für den es «the Sum of Philosophy» ist, «to learn what is just in Society, and beautiful in Nature, and the Order of the World», ist von der O., Harmonie, Zweckmäßigkeit und Vollkommenheit der Natur überzeugt und damit auch von einer Vorsehung, die dieses Gebäude so eingerichtet hat. Die Betrachtung von «Truth, Proportion, Order, and Symmetry» in der Welt bereitet uns Vergnügen.

Vico (1668-1744): Wenn gezeigt werden kann, wie die göttliche Vorsehung alles zur O. und zu einem Zweck, der Erhaltung des Menschengeschlechts, hinlenkt, so bedient sie sich dabei der Leidenschaften der Menschen, die auf persönlichen Vorteil und Nutzen bedacht sind, als eines Mittels, das die «bürgerlichen O.en (gli ordini civili) hervorbringt, durch die sie [die Menschen] in menschlicher Gemeinschaft leben können». O. entsteht aus dem Zusammenwirken von an sich ordnungswidrigen Elementen: «Der menschliche Wille, seiner Natur nach höchst schwankend, festigt und bestimmt sich nach dem allen Menschen gemeinsamen Sinn für das, was ihnen notwendig oder was ihnen nützlich ist».

Der ordoliberale Ordnungsentwurf kombiniert privates Eigentum mit dezentraler Planaufstellung und der Entscheidungslenkung auf Wettbewerbsmärkten.

Aufgabe der O. ist hier insbesondere die «Herstellung eines funktionsfähigen Preissystems vollständiger Konkurrenz»

Gegenpol ist die zentralgeleitete Volkswirtschaft mit vergesellschaftetem Eigentum, zumindest an den Produktionsmitteln und gesamtstaatlicher Planung.

Es mag seltsam anmuten, bei einem der letzten wahren Humanisten diese Grundlagen des utilitaristisch-bürgerlichen Philosophie zu finden. Vergleichen wir allerdings die Lebensdaten der grossen Denker, die zur Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, präziser des Liberalismus beigetragen haben, so sehen wir, dass Locke die Grundlagen bereits geschaffen hatte, Adam Smith noch zu Lebzeiten von Vico geboren und aufgewachsen ist. Es handelt sich also um eine Entwicklung die in der Luft - und den Gedärmen lag:

MONTESQUIEU erkennt prompt auch die Ordnungsmacht im Erwerbsstreben: Reichtümer haben insofern eine gute Wirkung, als der zu ihrer Hervorbringung nötige Handelsgeist «den Geist der Genügsamkeit, Sparsamkeit, Mäßigung, Arbeit, Besonnenheit, Ruhe, O. und Regelmäßigkeit (de tranquillité, d'ordre et de règle) im Gefolge hat».

Eine ähnliche Argumentation bestimmt die Theorie der «ordre naturel» der Physiokraten: Wenn die Menschen naturgemäß die Selbsterhaltung durch einen gesicherten Lebensunterhalt zum Ziel haben, so ist es ihr Interesse, den größtmöglichen Nutzen aus ihrer Arbeit zu ziehen. Die Befriedigung ihrer Bedürfnisse und Wünsche, der Genuß ihres Eigentums, ist aber nur möglich in einem «ordre social», der diese am meisten entwickelt, erfüllt und sichert, d.h. in einer Gesellschaft, die die Freiheit, die Subsistenzmittel zu erwerben, am besten und einfachsten gewährleistet.

So nebenbei läuft hier allerdings eine Bemerkung mit, deren Ausklammerung unsere heutigen Probleme verursacht. Die Rede war damals von Subsistenz, also dem freien Erwerb und Genuss der Mittel, die zum Leben nötig sind. Was heute läuft, was recht eigentlich Ziel des Neoliberalismus ist, hat damit aber rein gar nichts mehr zu tun. Heute müssen Firmen die Gesetze der Wirtschaft so nutzen, dass sie überleben, wachsen, immer mehr produzieren, d.h. besser immer höhere Gewinne erzielen, um das Kapital angemessen zu verzinsen, zu wachsen, noch mehr zu dominieren, noch mehr zu verdienen. Wirtschaft ist zum Schlachtfeld geworden, nicht zur Kultur der Lebenserhaltung, und -Pflege und -Kultur.

Le Mercier de la Riviere: Die natürliche O. der Gesellschaft verlangt nicht «neue Menschen», die ihre «natürlichen» Passionen verleugnen, sondern nur die Einordnung des «intérêt personnel» in einen «ordre immuable institué par l'Auteur de la nature pour gouverner les hommes tels qu'ils sont, pour servir à leur bonheur temporel».
Je mehr der «ordre naturel» herrscht, um so mehr wird der «ordre positif» gleichmäßig und vernünftig sein. Der «ordre simple et naturel» funktioniert so, daß er das gegenseitige Glück und die wechselseitige Freiheit der Menschen befördert, so daß es unvernünftig und unmöglich ist, sich von ihm zu lösen.

Die Anerkennung weniger schöner Eigenheiten des Menschen, also Neid, Geiz, Herrschsucht, Habsucht, Hinterlist etc. werden nun zu akzeptablen Bedingungen der neuen Ordnung, der es, deutlich ausgesprochen, nur noch um das temporäre Glück, das irdische Glück geht. Après nous le déluge. Auch dies wurde bereits damals erkannt: G. B. de MABLY (1709-1785): Wenn die Individuen als wirtschaftliche Subjekte frei sind und untereinander in Konkurrenz treten, so ist das, was die Physiokraten den «ordre essentiel de la nature» nennen, nur «ordre naturel de l'avarice, de la cupidité et de la sottise» oder nur der Anschein von O., «l'ouvrage de la crainte».

Für J.-J. ROUSSEAU (1712-1778) ist eben darum dieser Weg nicht ohne weiteres gangbar: Zwar bestimmt eine natürliche O. der Dinge den Menschen im Naturzustand oder heute noch den Weisen anstelle der positiven Gesetze. Auch ist die O. der Natur wichtiger als die der Gesellschaft. Denn im «ordre naturel» sind alle gleich, im «ordre social» herrschen Unter- und Über- O. bei scheinbarer Gleichheit.

Diese Widersprüche und die sich daraus ergebenden Probleme begleiten uns bis heute. KANT sah das ebenfalls schon, aber ganz und gar nicht tragisch. Als Kritiker sieht er, ähnlich wie vor ihm Vico, die Physiokraten u.a., gerade im «Antagonismus ... in der Gesellschaft» das Mittel, «am Ende ... eine gesetzmäßige O.» hervorzubringen. «Alle Cultur und Kunst, ... die schönste gesellschaftliche O. sind Früchte der Ungeselligkeit, die durch sich selbst genöthigt wird sich zu discipliniren».

Kant kehrt also die bisherige Anschauung ins Gegenteil. Nicht eine einheitliche, gemeinsame Meinung ist wichtig, sondern gerade die Differenz schafft Stabilität. Diese Erkenntnis ist übrigens auch in Koran und Sharia vertreten, wo sie natürlich von den fundamentalistischen Exegeten die eigentlich nichts als Macht wollen, gefliessentlich übersehen werden. Diese Erkenntnis ist Fundament der Oekologie, der Stabilität von Oekosystemen. Man nennt sie dort Bio-Diversität. Für Homosysteme (womit ich, in Analogie zu Oekosystemen, nicht einen Schwulenverein meine, sondern Gesellschaftssysteme, Ordnungen des Zusammenlebens) wäre die Vielfalt eben so wichtig, und ist gerade durch die Entwicklung zur Dominanz der Grösse und der weltweiten Märkte, genau so bedroht: Sprachen, Kulturen, Ernährungsgewohnheiten, Produktionsverfahren, Wirtschaftssysteme, Traditionen - alles wird nivelliert. Und was entsteht daraus? Eine Weltgesellschaft? Eben nicht, eine Gesellschaft die versucht ihre Identität durch Gleichschaltung der Mitglieder, Ausschaltung/Diskriminierung/Verarschung der Anderen zu definieren. Die Wurzeln davon finden sich im Nationalismus der im 19. JH entstand.

Zu Beginn des 19. JH wird die O. nicht mehr primär in Gott fundiert ist, sondern daß der Mensch es übernommen hat, O. zu stiften. Als Berufungsinstanz dient nun zumeist die Natur, d.h. die Natur-Wissenschaften, insbesondere in der Form der Technik, die unerhörte Fortschritte in der Beherrschung und Nutzung der natürlichen Ordnung erzielen.

Ruhe und Ordnung

Politisch wird Ordnung zu Herrschaft, oder umgekehrt: Herrschaft zu Ordnung. Daraus entsteht Pflicht, Treue, Gehorsam - "seltsamerweise" zur selben Zeit, in der die Wirtschaft genau diese beansprucht. Gefügigkeit, Unterordnung des Menschen unter die Bedürfnisse maschineller Produktion. Die Rechtsordnung wird positivistisch, also gesetzt, gemacht. Was eine gute Ordnung wäre wird immer schwerer zu definieren, da "gut" davon abhängt, welche Interessen man verfolgt und zu welchem Gesellschaftsteil man gehört.

v. Knigge (ja, genau der): Einziger Zweck des Staates ist es, «O., Ruhe, nützliche Geschäftigkeit, Sicherheit des Lebens und des Eigenthums und Genuß unschuldiger Freuden zu befördern»

KANT war da schon einiges kritischer: «Auf die Rechte der Menschen kommt mehr an, als auf die O. (und Ruhe). Es läßt sich große O. und ruhe bey allgemeiner Unterdrükung stiften»

In der Aussage: Der Ordnungsbegriff kann Erwartungs- und Hoffnungscharakter erhalten, liegt die Krux. Bei den einen ist es die Hoffnung, noch weiter an die Spitze der Macht und/oder des Reichtums vorzustossen, die sie eine solche Ordnung fördern lässt, bei den andern ist es die Hoffnung, durch Anpassung zumindest mitverdienen zu können - eine Hoffnung die sich gegen Ende des 20. JH zunehmend auflöst.

Die Grenzen immerwährenden Fortschritts von Technik und Wissenschaft, immerwährenden Wachtums von Reichtum und Wohlstand, wurden von Marx sehr gut und (abgesehen von einigen peinlichen Ausnahmen wie dem unterliegenden Historizismus) beschrieben. Seine Lösung dieser Probleme war allerdings die zentrale staatliche Planung, an die heute nur noch wenige sachlich glauben mögen, die von den meisten auf Grund der Leichtigkeit des Herrschaftsmissbrauchs, des Entstehens von Dikaturen, nicht erwünscht ist.

Ein seit Beginn mitlaufendes Problem der Wettbewerbswirtschaft ist auch, dass das Bessere der Feind des Guten ist, also dauernd Neues entsteht, entstehen muss, das Bestehendes, damit auch bestehende Berufe, verdrängt.

Dass Wirtschaft hohe Ansprüche an Ordnung - und die Unterwerfung unter eine solche Ordnung, also Unfreiheit stellt, wurde bald klar. Ausgehend von einer ähnlichen Zeitdiagnose (Krise der alten O. und Unmöglichkeit ihrer Wiederherstellung) proklamiert A. COMTE (Begründer der Soziologie) als Heilmittel «ordre et progrès» gleichermaßen - also Ordnung ... und deren dauernde Zerstörung durch Neues. Der Kadavergehorsam musste also schwinden, da das, was heute gefordert wird, morgen verboten sein kann - und umgekehrt. Die Ordnung wird schwammig, die Orientierung schwindet, das Individuum wird auf sich selbst zurückgeworfen. DOSTOJEWSKIJ formuliert das Problem einer ganzen Epoche: Die «Sehnsucht nach O. und das Suchen nach der Wahrheit» ist deshalb so schwierig, «weil fast nichts vorhanden ist, an das man sich anschließen könnte»; und so wird die Entwicklung einer «eigenen O.» – «gleichviel was für eine O.» – die wichtigste Aufgabe.

Dazu müsste es allerdings auch frei sein in seinen Entscheidungen - und Wertungen. Während Wirtschaft und Politik also eine Gesellschaft von Untertanen züchteten, schwadronierten die Romantiker von Natur und Freiheit. Für jungdeutsche Revolutionäre wie Moses HESS ist «O. ... das Ziel der Geschichte wie der Natur», eine «sociale O.», deren Inhalt «die höchste Freiheit» ist. Oder PROUDHON: «La plus haute perfection de la société se trouve dans l'union de l'ordre et de l'anarchie»

In der Wissenschaft wurde Ordnung immer komplexer, immer detaillierter. Die dazu notwendigen Regeln ebenfalls. Schopenhauer: Logische O. bildet die Voraussetzung aller Erkenntnis; alles zielgerichtete Denken muß geordnet sein.

Durch die extreme Aufsplitterung in wissenschaftliche Disziplinen wird diese Ordnung allerdings für aussenstehende, ja sogar für die Fachleute selbst, immer unübersichtlicher.

Heidegger: O. rückt damit in die Nähe von Struktur, Gestalt, Norm- und Regelsystem u.a.. Politische und gesellschaftliche O.en werden dann auf ihre unterschiedliche Legitimation hin befragt, auf die Normen und Regeln, besonders das Recht, hin, die «O.-Sicherheit» und «-Gewißheit» garantieren. Sie werden unterschieden nach sich selbst organisierenden oder von außen gesetzten O.en, nach inneren natürlichen oder künstlichen O.-Prinzipien. Die funktionale Soziologie formuliert für hochkomplexe Gesellschaften das «motivational problem of order», d.h. die Frage, wie der für hohe Anforderungen an das Gesellschaftssystem nötige Aufwand an internalisierter O., Konsens, aufrechterhalten werden kann: «The remarkable thing about social order is not how perfect it is, but that is does exist at some sort of reasonably tolerable level».

Martin Herzog, Basel, 18.1.10

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