Orientierung -
Planung, Kultur und Bildung zwischen den Polen Geld und Werte._____________________________________________________________________
[Alex Demirovic (Hrsg.): Modelle kritischer Gesellschaftstheorie. Traditionen und Perspektiven der kritischen Theorie. Verlag J.B: Metzler. Stuttgart, Weimar. 2003.]
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Definition Kritik: krinein, ab-sondern, unter-scheiden, be-urteilen. Differenzieren, wahr/falsch, zutreffend/unzutreffend, angemessen/unangemessen. Kritik ist immer Feststellung von Differenzen und bezieht sich immer auf vom Menschen veränderbare Dinge, hat also einen praktischen Ursprung der stets auf Veränderung drängt.
Theorie ist eine besondere Praxis, eine abstrakte Praxis. |
"Kritische (Gesellschafts-)Theorie" ist seit 1960 der Eigenname eines besonderen theoretischen Zusammenhangs und einer akademischen Schule, der von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno im Institut für Sozialforschung begründeten.Frankfurter Schule.
Horkheimer und Adorno verbanden nicht nur Soziologie und Philosophie, sondern integrierten auch Nationalökonomen, Historiker und Psychologen. Sie waren davon überzeugt, dass sich die Vernunft nicht parzellieren und nur auf schmale Bereiche begrenzen lässt. Vernunft strebt danach, das rational erschlossene Wissen selbst wieder in einem umfassenderen Kontext zu begreifen (s. Web-Philosophie), in der Erwartung, dass ihre Ergebnisse allen einsichtig sind und dass alle daran teilhaben können. Vernunft beinhaltet deshalb eine demokratische Haltung.
Allerdings: Es gibt viele Wissenschaftler, die bereitwillig die Logik herrschaftlicher Institutionalisierung von Wissenschaften entsprechen und den Zugang zu Erkenntnissen begrenzen wollen (s. geheimes Wissen, Netzwerke, ....) . Dazu nutzen sie die Mittel guter Beziehungen, des Geldes, staatlicher Kontrolle über die Verteilung von Bildungszertifikaten oder Eigentumstiteln.
Geforscht und nachgedacht wird nur im Rahmen der Arbeitszeit, streng nach den Regeln und Relevanzgesichtspunkten der jeweiligen Disziplin, folgsam gegenüber denen, die als die wichtigsten Vertreter des Faches gelten und von denen erwartet wird, dass ihre Ansichten die bestimmenden sein werden. Die Kritik wird eingeschränkt ... [S. 3]
Obwohl die kritische Theorie bei Horkheimer und Adorno eindeutig auf der Theorie von Marx basiert, wurde auch dieser nicht kritiklos hingenommen: Eine entscheidende Schwäche war die Suggestion, es könne von sozialökonomischen Bedingungen auf die emanzipatorische Handlungsmöglichkeit oder gar - fähigkeit der Arbeiterschaft geschlossen werden. Dabei gab Marx der Produktionssphäre zu grosses Gewicht ... Da muss man laut rufen: hört hört .... denn präzise deshalb ist der klassische Links... keine Alternative, da die orthodoxe linke Elite genau wie die wirtschaftsorientierte rechte Elite primär auf Grösse und Macht setzt, die einen in der Politik - die -andern in der Wirtschaft. Bei beiden herrscht also eine Tendenz zu Zentralisierung, Macht und Herrschaft - und keiner der beiden darf sich als Held der Freiheit aufspielen.
1 Kapitalismus ist ein unendlicher Prozess - ohne Optimum und damit ohne Gleichgewichtszustand
In der Moderne stieg der private und gesellschaftliche Reichtum auf ein menschheitsgeschichtlich nie gekanntes Niveau - aber: Gleichzeitig führt dies nicht oder nur in geringerem Masse zur Einlösung der damit verbundenen Versprechungen auf Fortschritt von Freiheit, Genuss und Musse.
Wir können inzwischen mit Leichtigkeit, per Knopfdruck sozusagen, die Menschheit vernichten - wir sind aber unendlich weit davon entfernt, eine gerechte, geschweige denn glückliche Gesellschaft erschaffen zu können. Obwohl der heutige Homo sapiens nicht mehr die Holzkeule des Neandertalers schwingt oder Steine wirft, so erschlägt er doch andere nach den selben Regeln wie damals, aber heute meist mit der Geldkeule, mittels derer die Bürger auch auf das von ihnen erwartete Verhalten, auf die ökonomische Rationalität, getrimmt werden.
Schon längst liesse sich Emanzipation unbeschwert von materiellen Zwängen und Notwendigkeiten verwirklichen. Stattdessen wird ein enormer herrschaftlicher Druck erzeugt, der alles unter die Bedingungen einer integrierten Gesellschaft zusammenzwingen will. [S. 23]
Die wirtschaftliche Entwicklung seit dem Aufkommen des Liberalismus im 19. JH hatte einige positive Effekte wie insbesondere die partielle Befreiung von bornierten persönlichen Abhängigkeiten und die Möglichkeit, zumindest ein Mindestmass an sozialer Sicherheit zu garantieren - aber heute ist die wohlfahrtstaatliche Vollbeschäftigungs- und Verteilungspolitik infolge rapide steigender Kosten und Massenarbeitslosigkeit bedroht, während der Staat die knapper werdenden Mittel vermehrt durch Standortswettbewerb, Steuerwettbewerb verschenkt oder gleich auch noch in die Förderung "konkurrenzfähiger" Technologien steckt.
Einerseits besteht ein Zwang zur internationalen Kooperation der Märkte, der jeden und jede zum Rädchen macht, andererseits aber auch die Spaltung, die Spaltung in Kernbelegschaft, prekär Beschäftigte als Leih- und Zeitarbeiter, Klein- und Scheinselbständige z.B.
Einerseits die Durchsetzung nationaler mächtiger, erfolgreicher, marktbeherrschender "Wettbewerbsstaaten" (der Ausdruck zeigt exemplarisch die Absurdität des Konzepts), mittels Innovationsförderung, Infrastrukturförderung, Steuervorteile für Unternehmen und Reiche - andererseits die Aushöhlung kostspieliger sozialer Sicherheitsstandards zu Gunsten derjenigen, denen wenig bleibt, sich selbst zu versichern. Diese selektive Diskriminierung des Sozialstaates zu Gunsten des Wirtschaftsstandortsstaates fördert unterschwellig wieder Nationalismus und Kulturimperialismus, über dein Ungleichheit erklärt wird. Man kann diese Erscheinung auch "postmodernen Rassismus" nennen. Dieser ist nicht länger von der Rede überlegener Rassen dominiert, sondern eher von der Rede mehr oder minder kompatibler und zu respektierender kultureller Differenzen. Konstruktion gefährlicher Gruppen, markt- und damit demokratie-inkompatibler Kulturen. (> clash of civilisations!)
Die durch aktive Massnahmen der Wirtschaft Marginalisierten gelten aber NICHT als symptomatische Vertreter allgemeiner Missstände, sondern bestenfalls als objektivierte Einzelfälle mit spezifischen Defiziten: Rasse, Geschlecht, Religion ... Marktfähigkeit, Bildung.
Diejenigen die nicht über die notwendigen ökonomischen oder kulturellen Kapitalien für vielfältigen Konsum und gutbezahlte Jobs verfügen, können demgegenüber als defizitär gemassregelt werden. [S. 280]
Arbeitslosigkeit gilt als Zeichen mangelnder Leistungsbereitschaft und nicht als gesellschaftlicher Reichtum.
Der Fortschrittsglauben ist tief verankert, über Einbrüche wird schnell mit dem Hinweis auf langfristige Verbesserungen hinweggetröstet, die, selbst wenn sie eintreten sollten, zwischenzeitlich doch viele Opfer kosten. [S. 11]
Während dem sich die Wirtschaft immer engmaschiger vernetzt, organisiert, nach mehr Freiheit verlangt - wird die Gesellschaft immer weiter gespalten und von ökonomischen und administrativen Sachzwängen beherrscht, während die "freie Entfaltung des Seins" sich auf die Wahl von Ausbildung, Job, Kursen, Ferienorten und andern Konsumgütern beschränkt. Ihre Subjekte, zunehmend auf sich und ihre Ohnmacht zurückgeworfen, treten den privatistischen Rückzug an. Kinder, immer mehr ein Luxus, den sich immer weniger leisten können und wollen, denn Zeit ist Geld, und was braucht mehr Zeit als die Erziehung von Kindern ... werden andererseits zu Sinnstiftern eines ansonsten sinnentleerten Alltags. Und dies kreiert bei uns die selben Probleme wie die Einkindfamilie in China. Die Eltern sehen sich als überfürsorgliche Spender alles Guten für das Kind. Dadurch, dass das Kind immer im Zentrum steht, unterwerfen sie sich aber oft auch der "Allmacht der Wünsche des Kindes" vorauseilend - und ziehen kleine Narzisten heran. In autoritären Milieus führt diese Überfürsorglichkeit natürlich dazu, das dessen Selbstbestimmungsrecht mehr oder minder gewaltvoll gebrochen wird, zum Wohle des Kindes natürlich, zum Wohle seiner Anpassung an Die grosse Maschine.
Je mehr über Sex geredet wird, desto grösser die sexuelle Langeweile, die nur noch durch sadomasochistische und andere absurde Praktiken überwindbar scheint. Im Zeitalter der Leistung wird von den einen auch Sex primär als Leistungssport betrieben - bei den weniger Erfolgreichen führt narzistischer Beschädigung zu sexualisierter Gewalt, die zunehmend bereits schon bei Frühpubertierenden auftritt, also zu Vergewaltigungen unter 10, 12-Jährigen führt.
An Stelle des Rückzugs in Vereinsamung tritt bei den "Karrieremenschen" Willensstärke, Härte und Brutalität, die sich heute vor allem in der Ausführung betrieblicher "Notwendigkeiten" (= Entlassungen, Lohnkürzungen, Outsourcing etc.) zeigt. Diese strukturelle Gewalt kommt in den Medien kaum vor und wird praktisch immer als unumgänglich taxiert, genau wie früher der Stock in der Schule ...
Als Folge der technologischen Entwicklung des Kapitalismus wird Technik nicht mehr durch die gesellschaftliche Produktionsweise bestimmt, sondern ist selbst zur umfassenden Form materieller Produktion geworden.
Das Mittel, das zu
einem besseren Leben hätte führen sollen,
ist zum Zweck geworden, dem sich das Leben zu unterwerfen hat.
Die kapitalistische Produktion ist durch eine Verkehrung von Mittel und Zweck gekennzeichnet. Die Tauschwertorientierung dominiert gegenüber der Gebrauchswertorientierung. Unmittelbares Ziel der Produktion ist nicht die individuelle Konsumtion, sondern die Verwertung des eingesetzten Kapitals, d.h. die Maximierung des Profits, die den Akteuren als handlungsleitendes Motiv durch die Konkurrenz aufgeherrscht wird. Damit dieses Ziel auf Dauer realisiert werden kann, ist die ständige Reinvestition von Gewinnen, die Akkumulation des Kapitals notwendig. Das Kapital ist ein endloser Verwertungsprozess; keine erreichte Verwertung kann "ausreichend sein (und damit die Grundlage für ein Gleichgewichtsmodell abgeben), da es überhaupt kein Mass dafür gibt, was eine ausreichende Verwertung ist. Diesem Kapitalbegriff entspricht die Tendenz zur Steigerung sowohl des Grades der Verwertung (d.h. Steigerung der Profitrate) als auch der Grösse des zu verwertenden Kapitals. [S. 103]
Hier liegt der Grund, warum Kapitalismus, eben auf Grund eben dieses Wachstumszwanges, sich nicht nachhaltig betreiben lässt, ein Grund, der wiederum begründet ist, im unendlichen Streben nach Lust ("Glück"), das uns der Nucleus accumbens zugesteht und womit wir uns quasi selbst auf bestimmte Verhaltensweisen dressieren. (s. Konditionierung)
Und präzise hier liegt das Problem. In einer endlichen Welt lässt sich nicht alles beliebig vermehren - also vermehren die Einen ihr Wohl auf Kosten der Anderen. Seitdem die Gesetze der Ökonomie als unumstösslich, ja undiskutierbar gelten, dürfen diese auch hemmungslos aus-genutzt werden:
Mit der steigenden Wertzusammensetzung des Kapitals begründet Marx die Tendenz zur fortschreitenden Produktion einer "relativen Übervölkerung" oder "industriellen Reservearmee", d.h. einer gemessen an den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals überflüssigen Arbeiterschaft. Dies (die Freisetzung von Arbeitern) unterstellt, dass die mit der wachsenden Wertzusammensetzung des Kapitals verbundenen Freisetzungseffekte grösser sind als die mit dem Wachstum des Kapitals verbundenen Beschäftigungseffekte.
Das funktioniert heute wie zu Marxens Zeiten über konjunkturelle Zyklen:
Vollbeschäftigung führt zu steigenden Löhnen, welche die Akkumulation von Kapital bremsen und dadurch einen Anreiz darstellen zur Einführung neuer arbeitssparender Produktionstechnologien. Daraus entsteht die Nachfragelücke, die durch den Luxuskonsum nicht geschlossen werden kann. Die Produktionskapazität wächst schneller als die Konsumnachfrage. [s. Nachfrage- und Angebotsökonomie]
Durch die Akzeptanz ökonomischer Regeln als quasi von Gott gegeben, werden die Bürger politisch passiviert, und Ungleichheit durch die Leistungsideologie legitimiert.
Da die ökonomischen Regeln unumstösslich sind und diskussionslos akzeptiert werden, bilden sie die Grundlage des neuen Autoritarismus. Und hier gilt, wie bei allen Autoritäten:
Das hervorstechendste Merkmal des autoritären Charakters ist dessen Konformismus.
2 Zur Psychologie des Kapitalismus
Erich Fromm führte 1970 den Kapitalismus zurück auf anale Ordnungserziehung, welche die Grundlage des kapitalistischen Sparzwanges bildet, damit auch der Triebunterdrückung und der Entfremdung von den wahren Interessen. Präzise diese anale Ordnungsliebe, die oft autoritär auftritt, ist meist verbunden mit dem sadomasochistischen Zug der Unterwerfung unter Autoritäten und der Aggressionsabfuhr auf Sündenböcke.
Fromm, Marcuse und Adorno legten in ihrer Psychoanalyse des Spätkapitalismus dar, wie der autoritäre Charakter ensteht:
In der kindlichen Entwicklung wird durch repressive Massnahmen ein bloss schwaches Ich ausgebildet, das zudem ohne stabiles personales Identifikationsobjekt bleibt. (andere Form der Ich-Bildung: kopieren, Imitation von Vorbildern). Es entsteht mithin ein "sadomasochistischer", bzw. "autoritärer Charakter", der die erlittenen Beschädigungen durch konformistische Identifikation mit den anonymisierten Mächten kompensiert, denen er sich bedingungslos unterwirft, während die Versagung lustvoller Ansprüche an den ideologisch Ausgeschlossenen aggressiv ausagiert wird.
Das psychologische Arrangement des autoritären Charakters zerbricht, also die Kompensation der Ich-Schwäche durch die Identifikation mit den herrschenden Mächten, weil einerseits die staatlichen und korporatistischen Verteilungs- und Integrationsspielräume enger werden, und weil andererseits die repressiven Erziehungsmethoden unter immer stärkeren Legitimierungsdruck geraten. Die Menschen werden somit auf sich, auf ihre Schwäche und ihre Ohnmachtgefühle zurückgeworfen und treten einen privatistischen Rückzug an. Sie leiden unter einer Ich-Einschränkung, d.h. sie reduzieren im Dienste der Abwehr ihre Teilhabe an der zu konflikthaften Aussenwelt auf das zur materiellen Reproduktion notwendige Mass und fügen ansonsten <ganz willkürlich abstrakte Realtitätsabschnitte> zu iregendwelchen Ganzheiten zusammen, die nur einen psychisch vorteilhaften Sinn machen müssen." (s. Konfettidialog, Collage, Konstruktivismus). Auf diese Weise erstarren die Menschen zunehmend in politischer Apathie, kümmern sich um die Verwaltung zugeteilter Rituale und kompensieren ihre Ängste mit einem narzisstischen Kleinhandel, de sich bestens vermarkten lässt. Es entstehen nicht zuletzt im kulturindustriellen Konsum "ästhetische Symptome", die schon im Kaufakt kompensatorische Omnipotenzphantasien bestätigen, weil die Welt als frei verfügbare Warenwelt erscheint, und die überdies infolge ihres psychologischen Gebrauchswerts ei sinnlich-reiches und kommunikatives Lebens suggerieren, ohne dabei Ängste vor weiteren narzisstischen Kränkungen zu schüren. [S. 278]
Herbert Marcuse zeigt in Der eindimensionale Mensch wie des Tauschprinzip totalisiert wurde: Angesichts einer fortschreitenden kulturindustriellen Kommerzialisierung der Haushalte und der Freizeit konstatiert Marcuse eine warenförmige Zurichtung der Subjekte, die bis in ihre Triebstruktur hineinreicht. Es komme zu einer libidinösen und aggressiven Bindung and die Warenform, weil diese einerseits zur letzten verfügbaren und gleichzeitig kapitalisierten Lustquelle avanciert und weil andererseits diese Lust nur im Zwang zum Verkauf de Arbeitskraft in entfremdeter Lohnarbeit erheischt werden kann.
Gegen diese zwanghafte Normierung der Individuen hat die 68-Generation protestiert. Flower power, make love not war, versuchte die Welt vor der Kommerzialisierung zu retten durch Erotisierung und neue Sensibilität. Der Eros galt als positive Kraft der Befreiung. Das Vorhaben ist grandios gescheitert, d.h. es wurde durch Vermarktung absorbiert. Die 68er haben da die Macht der Sexualität genau so überschätzt wie Freud, und die Macht der Liebe genau so überschätzt wie einstmals Jesus.
Ebenfalls wenig übrig geblieben scheint von der Emanzipationsbewegung. Psychologisch-mystisch wurde die Frau als Natur, und damit als Bedrohung der patriarchalen technisch-wirtschaftlich-politischen Ordnung gesehen. Die Frau ist die Verkörperung der Sexualität und wird von der männlich dominierter Gesellschaft in eine Rolle gedrängt, die ihr immer weniger zusagt - oder die der Wirtschaft nicht mehr passt, da Frauen derart gut geeignet sind für Arbeit auf Abruf, Lohndrückerei und alles, woran Männer oft der Stolz hindert? - Hier nur ein kleiner Hinweis darauf, dass "Gleichberechtigung" eben auch nach gleicher Abwehr von Zumutungen rufen würde ...
Der Kapitalismus, insbesondere in der Form des Neoliberalismus, lässt sich also - ohne Schmäh - mit Leichtigkeit als analfixiert, also neurotisch regressiv, verrückt, geistig krank, aber sogar als psychotisch, paranoid, psychopathisch beschreiben ... was aber nichts bringt, ausser dem Zyniker ein bisschen Spass .... Denn kein Millionär oder Milliardär wird auf Grund dieser Charakterisierung seine Millionen und Milliarden an die Armen verteilen. Wichtig jedoch ist zu erkennen, dass Geld längst direkt auf das Gehirn wirkt und die internen Belohungsstrukturen, damit Lernen, Verhalten und Handeln überdimensional beeinflusst:
Fazit:
Geld hat zu viel Bedeutung -
Geld absorbiert zu viel Sinn.
3. Produktion als Ordnungs- und Disziplinierungsprojekt - Im Dienste der Produktionsgesinnung, die faschistische Wurzeln hat.
Neumanns Aussage von 1986: Die fortschreitende Bürokratisierung im Zuge der Umwandlung der Konkurrenzwirtschaft in eine "wesentlich organisiertere Wirtschaft, ist kein Indiz dafür, dass der Staat mehr Macht bekommt, zeigt den Zynismus der hinter den Freiheitsparolen rechter und wirtschaftlicher Organisationen steht. NICHT der Staat wird immer mehr bürokratisiert - sondern die Wirtschaft. Nicht der Staat gängelt die Bürger - sondern die Wirtschaft, nicht der Staat dressiert seine Bürger - sondern die Wirtschaft. Wird jeder politische Plan zur Sicherung einer gewissen sozialen Gerechtigkeit verdammt als Mittel der Unterdrückung, als Unfreiheit - so ist des doch präzise die Wirtschaft die unsere ganze Welt verplant, meist ohne Einspruchmöglichkeiten, denn: Wer zahlt, befiehlt. Wer hat, darf: [s. Freiheit und Planung]
Die kapitalistisch verfasste Oekonomie basiert auf einer neuartigen herrschaftsförmigen Strukturierung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses. Tritt Organisation, wie schon beschrieben, in der Frühphase des Kapitalismus in Form der Handelsgesellschaften und Verlage vor allem in ihrer juristisch abgestützten Gebildedimension als Zuschreibungs- und Aneignungseinheit auf, so gewinnt sie in der weiteren Entwicklung hin zur Ausbildung des Industriekapitalismus als zentrale Ordnungs- und Disziplinierungsinstanz an Bedeutung. Manufakturen und Fabriken sind, wie Marglin (1977) in seiner historischen Studie gezeigt hat, nicht Resultat des Einsatzes maschineller Grosstechnologien, sonder vielmehr dem Zentralisierungs-, Kontroll- und Disziplinierungsbedürfnis des Kapitals geschuldet. Erst die Schaffung abgegrenzter Räume und die Konzentration der Lohnabhängigen in ihnen schuf, wie Marx (1970) es anhand seines Theorems der formellen und reellen Subsumption expliziert hat, die Möglichkeit, die Ordnungskonzepte auf den Produktionsprozess zu projizieren und damit jene Kasernendisziplin zu etablieren, die typisch für den kapitalistischen Produktionsprozess werden sollte. [S. 184-85:]
Selbstbeherrschung wird in der Moderne zum höchsten, von der Kirche tatkräftig geförderten Ziel. Die Natur wird kultiviert, ja in den Gärten zur Kunst, mit kunstvoll beschnittenen Hecken und Bäumen, in den Wäldern zum Forst, mit systematischer Ordnung in Reih und Glied sowie optimaler Erschliessung für die Ernte. Disziplinierung soll aber nicht nur die erfolgreiche Beherrschung der aussermenschlichen Natur gewährleisten, sondern sie stellt zugleich jenes Verfahren dar, das erst die Lebendigkeit des Subjekts in produktive, lebendige Arbeit transformieren soll ... was man heute ganz einfach als "Marktfähigkeit" beschreiben würde. Beispielhaft dafür die Betonung der Flexibilität:
Für Horkheimer und Adorno ist es aber gerade die spezifische Verbindung zwischen den vermeintlich sich widersprechenden Qualitäten von Starrheit und Flexibilität, die als Merkmal der Subjektivität des verwalteten Menschen zu gelten hat. Flexibilität steht hier für eine veränderte Form der Selbstdisziplinierung, die analog zum Wandel von Politik- und Steuerungsmodellen (von Gouvernement zu Gouvernance) die Bedeutung selbstregulatorischer Fähigkeiten hervorhebt, die die Subjekte in die Lage versetzen soll, ihre Verwertbarkeit trotz sich wandelnder Produktionsprozesse und Anforderungsprofile zu erhalten und zu steigern. ... Selbstreflexivität wird in Selbstverobjektivierung transformiert, wobei die Subjekte dazu angehalten sind, jenen für die Disziplinierungsgesellschaft charakteristischen ordnenden und identifizierenden Blick auf sich selbst zu werfen. [S. 188]
Weder wird das Gesetz aufgelöst noch verschwinden die Institutionen der Justiz. Das Gesetz wirkt vielmehr zunehmend als Norm, und die Justiz wird eingereiht in ein Setting von Bildungs-, Wissenschafts-, Gesundheits- und massenmedialen Organisationen, die über die Generierung von Normen regulierend und integrierend wirken, so dass wir es nicht mit einer "verwalteten Welt", sondern mit einer "Normalisierungsgesellschaft" (Foucault 1983, S. 172) zu tun haben.
Die "Missionsarbeit" der global operierenden Eliten orientiert sich nun nicht mehr am christlichen Erlösungsgedanken, sondern dieser ist ersetzt durch den Glauben: "... that salvation lies in rationalized structures grounded in scientific and technical knowledge - states, schools, firms, voluntary associations, and the like. The new religious elites are the professionals, researchers, scientists, and intellectuals who write secularized and unconditionally universalistic versions of the salvation story, along with managers, legislators, and policymakers who believe the story fervently and pursue it relentlessly. This belief ist worldwide and structures the organizations of social life almost everywhere. (;eyer/Boli/Thomas 1997. S. 147)
| Das Rekrutierungsspiel: BCG (Boston Consulting Group) sucht seit 2005 explizit <Querdenker>, die das Neue, das kreative Moment in die Organisation tragen sollen. Gesucht werden junge Talente, die sich in ihrer Vielfalt angesprochen fühlen und denen suggeriert wird, dass es für sie einen Platz in der auf Effizienz getrimmten Oekonomie gibt. Der Witz dabei ist, dass von der Organisation letztlich nicht das Andere, das Querdenkertum ausgewählt wird, sondern durch die Ausschreibung Personen angesprochen werden sollen, die über beste Lebensläufe - sprich: Noten und besuchte Bildungsinstitutionen - verfügen und noch <soziales Engagement> belegen. ... Ihre Lebensläufe zeigen aber keineswegs Querdenkertum, sondern belegen vielmehr eine hohe Anschlussfähigkeit an das bestehende ökonomische System, welches bei den zu besetzenden Positionen auf Rationalität, Effizienz, Schnelligkeit und persönliche Intelligenz setzt. Ob sich die tatsächlichen Querdenker und echten trojanischen Pferde je auf eine solche Stelle bewerben, ist mehr als fraglich, weil sie längst das System hinter diesem Rekrutierungssystem und dessen Sprachspiel erkannt haben: ... Nicht der Ehrliche gewinnt, der als langweilig erscheinen muss, sondern derjenige, der das Spiel am besten beherrscht. [Frank E.P. Dievernich: Der Mittarbeiter als trojanisches Pferd. GDI Impuls Frühling 2008. S. 38-42] |
Formwandel: Direkte Gewaltanwendung als Mittel der Unterwerfung wird ersetzt durch den subtilen Zwang zur Konformität!
Der Souverän sagt nun nicht mehr: du sollst denken wie ich oder sterben. Er sagt: es steht dir frei, nicht zu denken wie ich, dein Leben, deine Güter, alles soll dir bleiben, aber von diesem Tage an bist du ein Fremdling unter uns. (Horkheimer/Adorno 1997. S. 158 / zit. S. 189)
Der Einzelne, das Individuum das selbst denkt und frei entscheidet, wurde also immer mehr zum Störfaktor, so dass es wegnormiert werden musste und heute nur noch so "am Rande" ein bisschen existiert.
Die für Horkheimer und Adorno wohl bedeutsamste Konsequenz der "verwalteten Welt" besteht in dem, was sie als die Krise des Individuums bezeichnet haben. "Am Ende steht, wenn keine Katastrophen alles Leben vernichten, eine völlig verwaltete, automatisierte, grossartig funktionierende Gesellschaft, in der das einzelne Individuum zwar ohne materielle Sorgen leben kann, aber keine Bedeutung mehr besitzt. (Horkheimer 1985b, S. 347 /Zit. S. 186).
Diese Qualität kommt darin zum Ausdruck, dass gerade jenes Merkmal, das gemäss de vorherrschenden Selbstbeschreibung der modernen bürgerlichen Gesellschaft den Menschen erst zum Individuum macht, nämlich das freie, selbstbestimmte Handeln, keine Bedeutung mehr besitzt. Eingefügt in das gesellschaftliche Getriebe, werde das Individuum herabgesetzt zum blossen Funktionsträger. [S. 187:]
Der Mensch wird zum Subjekt, indem er Herr über sich selbst wird, also seine Triebe und Gefühle, insbesondere den Sexualtrieb, beherrscht: Vor den Göttern besteht nur, wer sich ohne Rest unterwirft. Das Erwachen des Subjekts wird erkauft durch die Anerkennung der Macht als des Prinzips aller Beziehungen. (Zit S. 249)
In dem Augenblick, in dem der Mensch das Bewusstsein seiner selbst als Natur sich abschneidet, werden alle Zwecke, für die er sich am Leben erhält, der gesellschaftliche Fortschritt, die Steigerung aller materiellen und geistigen Kräfte, ja Bewusstsein selber, nichtig, und die Inthronisierung des Mittels als Zweck, die im späten Kapitalismus den Charakter des offenen Wahnsinns annimmt, ist schon die Urgeschichte der Subjektivität wahrnehmbar. Die Herrschaft des Menschen über sich selbst, die sein Selbst begründet, ist virtuell, allemal die Vernichtung des Subjekts, in dessen Dienst sie geschieht, denn die beherrschte, unterdrückte und durch Selbsterhaltung aufgelöste Substanz ist gar nichts anderes als das Lebendige, als dessen Funktion die Leistungen der Selbsterhaltung einzig sich bestimmen, eigentlich gerade das, was erhalten werden soll. [Adorno, Zit. S. 250]
Auch im Kapitalismus gilt als das Individuum, der Einzelne, der freie Mensch, genau so wenig wie im Sozialismus, bloss dass darüber hinaus auch noch seine schiere Existenz bedroht wird. Das Normierungsprojekt der Marktherrschaft ist inzwischen so erfolgreich verbreitet worden, dass wir kaum noch Alternativen zu formulieren vermögen, woraus einzelne, auch nicht grad so die intelligentesten, dann schliessen, das Ende der Geschichte sei gekommen, alle wunschlos glücklich (oder eben dann halt Terroristen ...):
Wie Marx schon mit seiner Kritik der politischen Oekonomie hat verdeutlichen wollen, hat die mit der bürgerlichen Revolution entstandene formale Gleichheit der Menschen nur dazu beigetragen, die Ungleichheit ihrer materiellen Lebensbedingungen auf ein neues Fundament zu stellen. Die Entwicklungen seither haben nicht, wie Horkheimer und Adorno fälschlich angenommen haben, zur materiellen Gleichheit der Menschen beim gleichzeitigen Verlust ihrer Individualität geführt. Worin sich ihre Prognosen der "verwalteten Welt" jedoch weitgehend bewahrheitet haben, ist die Tendenz zur Ausbildung einer Welt, die schon im Wissen keine Alternative mehr kennt. [S. 192:]
Wissen als Machtwissen - Verwaltungs-, Ermittlungs- und Inquisitionswissen gibt es nicht nur beim Staat, sondern auch zunehmend in der Wirtschaft:
Innerhalb der Teilung von Handarbeit und intellektueller Arbeit hat das 19. Jahrhundert etwas Neues gebracht, das darin besteht, dass das Wissen, ausgestattet mit einer bestimmten Quantität Macht, in der Gesellschaft funktionieren muss. Eben dadurch, dass es Wissen ist, verfügt es über Macht, und es sind nicht der gute Wille der Macht oder ihre Neugierde, die sich dem Wissen öffnen. (Foucault 2001. S. 48 ff. / zit. S. 185)
Beratung:
Das Resultat der schulischen Ausbildung ist demnach das alle Individuen als Träger gesellschaftlicher Funktionen, seien es unmittelbare Produzenten oder Kapitaleigner, Berufsideologen oder Funktionäre des staatlichen Repressionsapparats, von der herrschenden Ideologie durchdrungen sein müssen, um sich der ihnen gestellten Aufgabe gewissenhaft zu entledigen. [S.306] ... wobei die Sinnhaltigkeit des jeweiligen Tuns durch die auszuführenden Praxisformen als Formen der herrschenden Ideologie bestimmt ist. [S. 307]
Nach der industriellen Gesellschaft kommt die Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. ... Sie funktioniert darüber, dass Experten für alles und jedes den andren klar machen, wie notwendig sie ihre Beratung in allem und jedem brauchen. Die Verkäuflichkeit dieser Beratung hängt genau davon ab, dass die anderen wissen, dass sie nicht wissen. ... Ihr wichtigster Rohstoff ist nicht, wie behauptet wird, Wissen und Information, sondern das Bewusstsein ihres Fehlens. ... Vermögens- und Karriere-, Psycho- & Gesundheits-, Ehe- und Erziehungs-, Computer & sonstige Technik-, Einkaufs- & Oeko-Beratungen, usw.usf - überformen unser Alltagswissen durch warenförmige Angebote. Ratgeber normieren und disziplinieren das Alltagsleben mit stereotypen Regeln und Weisheiten.
Dazu kommt die Ideologie, es seien persönliche Fertigkeiten, die über die soziale Position entscheiden, die einer einnimmt. Beratungen sind Trainings-Seminare zur gekonnten Selbsteinordnung und -instrumentalisierung. Jeder ist individuell für seine Karriere und seine Gesundheit, für das Glück in der Ehe und dafür, dass die Kinder nicht missraten, verantwortlich. Alles lässt sich lernen und gestalten. Wenn es nicht gelingt, sind Sie selbst schuld, dann haben Sie die magischen Formeln nicht genau genug beachtet, die einzig den Erfolg garantieren. Jedenfalls haben Sie wieder ein Problem- und Beratungsbedarf. [Arlie Russell Hochschild. zit. S. 334]
Daraus ergibt sich die Kritik dieses Wissens, das von Spezialisten zu instrumentellen Zwecken erzeugt und vorgegeben wird.
In der Beflissenheit, mit der wir uns als Abnehmer genau um diese Form von Wissen bemühen, von deren Einsatz uns ein Ein- und Fortkommen versprochen wird, pflegen wir die erfahrungslose Halbbildung, die Adorno (1959) diagnostiziert hat.
Der Umbau der Universitäten für die Zwecke der Wissensgesellschaft, in der die instrumentelle Nützlichkeit des Wissens Programm ist, verbaut einen Ort von kritischer Reflexivität. Indem sich auch die Sozialwissenschaften dem anpassen, machen sie sich überflüssig: Instrumentellen Einsatz von Wissen beherrschen die Juristen aus einer langen Tradition ungleich raffinierter und Betriebswirte und Informatiker zeitgemässer und schnittiger. Die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist Kritik dieser Wissensformen, ihre Rückführung auf die gesellschaftlichen Zustände die sie hervorbringen. [S. 336}
Wissen ist nicht neutral und wird meist eingesetzt zur Stärkung der eigenen Position:
Kulturindustrie wird zum Apparat, mit dem Propaganda für die Wissensgesellschaft gemacht wird. Kulturindustrie wird zum Apparat, mit dem sich die gebildete Klasse darstellt, Öffentlichkeitsarbeit betreibt und um gesellschaftliche Hegemonie kämpft. [S. 317]
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Populismus ist kulturindustrielle Politik. Populismus stellt - im Gegensatz zur Interessenpolitik - Identifikation mit einem grossartigen Grossen & Ganzen her, ist Identitätspolitik. Statt Interessen werden übergreifende Kategorien bestimmt, die Zugehörigkeit und damit soziale Ausschliessung definieren. [S. 331] Das Individuum wird klein und nichtig gemacht. |
Da Kunst und Kultur ja meist, zumindest für die Ausführenden, eher ein Drang ist, ein Anliegen zum Ausdruck zu bringen und nur selten rentiert, ist die Kritik an der Kulturindustrie nicht auf Anhieb verständlich. Geben wird ein Beispiel dafür: Hollywood, dann wird's vielleicht deutlicher. Allerdings müssen wir nicht über den grossen Teich um kritische Beispiele auch hier zu finden. Bildung und Wissen lässt sich ja praktisch nur noch vermitteln, wenn es a) rentiert und/oder b) unterhaltsam angeboten wird, als als edutainment oder event, was die Aussage bereits hinreichend klärt: Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus (Horkheimer, Adorno 1987). Gefühle werden eingekauft durch Eintrittskarten zu Konzerten u.a. Veranstaltungen, Kultiviertheit wird "erworben" durch Eintrittskarten zu Theater, Museen, Oper etc. So expandiert Kultur in alle Lebensbereiche - bei Auflösung der Kultur als autonomer Sphäre. Die Kulturindustrie erzeugt Pseudoindividualität und lässt den einzelnen schrumpfen zu konventionellen Reaktionen und Funktionsweisen, die von ihm erwartet werden.
Ein weiterer Grund für Bourdieus Abneigung gegen die Kulturwirtschaft dürfte darin liegen, dass im Deutschen nicht unterschieden wird zwischen Kultur und Zivilisation. Culture ist Deutsch, tiefgründig, langweilig: Theater, Tiefe, Goethe, Rousseau, Aufrichtigkeit, Wahrheit, Moral. Civilisation ist gallo-römisch, ist der gehobene Lebensstil der Stadt, der Arrivierten, ist oberflächlich, mondän - ist Lebenslust. Der Kodex der Herrschaften die zu leben wussten wurde in Deutschland nach der Revolution nicht auf die Bürger übertragen (abgesehen davon, dass er vermutlich nicht auf der Höhe von Versaille war. In der Schweiz bestand eine solch mondäne Schicht ja kaum, oder sie war der Öffentlichkeit verschlossen, wie heute noch. Da gab's gar nichts zu übertragen. Darum lebt heute in Frankreich (gelobt seien die Subventionen!) auch der kleine Bürger (und die Grenzgänger von nebenan ...) eben wie Gott in Frankreich. Dafür wurde mit den schweren Folianten der Kultur von Deutschland her auf die unseriösen Franzosen eingeprügelt. Darum Bourdieus Abneigung, die hier etwas übertrieben empfunden wird, gegen alles was mit Kultur zu tun hat.
Tugenden, die je nach Ausbildungsstufe vermittelt werden, sind:
Bescheidenheit, Resignation, Unterwerfung einerseits,
Zynismus, Verachtung, Hochmut, Sicherheit, Grösse, ja Schönrednerei und Geschicklichkeit, also durchaus einschliesslich der Geschlechteridentitäten andererseits.
Speerspitze der Kulturindustrie sind die Medien: Das Wort Massenmedien, das für die Kulturindustrie sich eingeschliffen hat, verschiebt bereits den Akzent (der Massenkultur) ins Harmlose. [S. 323]. Flugzeugträger der Kulturindustrie aber ist die Architektur:
Die ersten Beispiele, die in dem Kulturindustrie-Kapitel der Dialektik der Aufklärung verwendet werden, sind die <neuen Monumentalbauten> der <staatenumspannenden Konzerne, die düsteren Wohn- und Geschäftshäuser der trostlosen Städte, die Betonzentren und die neuen Bungalows am Stadtrand, die hygienischen Kleinwohnung für die Individuen und die Wohnzellen in ihren wohlorganisierten Komplexen. Architektur ist Kulturindustrie. Stadtrandwohnblocks und Satellitenstädte mit den dazugehörigen autogerechten Zentren, Bürostädte mit ihren Wolkenkratzern, Einkaufszentren, Museums- und Gefängnisneubauten, U-Bahnen, weltweit standardisierte Flughäfen und Autobahnen definieren, was ein Mensch ist und was ihm zusteht. Gleich am Beginn des Kulturindustrie-Textes werden die beiden Seiten dieser materiellen Definition dessen, was ein Mensch ist und was ihm gebührt, vorgeführt: Architektur ist die Darstellung von Herrschaft in den Zentren der Verwaltung und in den Organisationen des Lebens der Verwalteten. [S. 313]
5 Soziale Klassen
[Ungleichheit, Ausgrenzung und soziale Gerechtigkeit. Widerspruch 52. Beiträge zu sozialistischer Politik. 27. JG/1. Halbjahr 2007]
Klasse
in der Klassengesellschaft wird zu einem sozialen Ordnungsbegriff
umfunktioniert, um von einer "Position der Mitte" aus Verwahrlosung,
Wertezerfall und Antibürgerlichkeit der Unterschicht brandmarken zu können.
[Dörre. S. 20]
Dies ist allerdings nur die halbe Wahrheit, denn gerade mittels dieser Unterschicht, die eigentlich auch bürgerlich sein möchte, wird von Rechtsparteien politischer Schindluder betrieben, indem sie als demokratisch mehrheitsbildende Claque für die Interessen einer Schicht eingesetzt wird, der sie eben gerade nicht angehören, und nie angehören werden.
Die Arbeitsmarktreformen und insbesondere Hartz IV sind ein solches Klassenprojekt. "Von oben" initiiert und ganz im Sinne Noltes als Solidarität von den "Leistungsträgern" inszeniert, richtet es sich explizit gegen die "Lazarusschichten" der neuen Klassengesellschaft. Eine Eigentümlichkeit dieses Klassenprojekts ist indessen, dass Intention und Resultat weit auseinanderfallen. Während Hartz-IV-Regelungen Hunderttausende von Langzeitarbeitslosen unter die Schwelle der Respektabilität drängen, sie demoralisieren und demütigen, setzen die Noch-Beschäftigten alles daran, um einem solchen Schicksal zu entgehen. [S. 26] ... was präzise die Aussage von Wyss bestätigt.
5.1 Die sozialen Klassen heute: Milieustufen und soziopolitische Lager
Da die "Klassen" heute recht diffus sind, redet Levy z.B eher von: Risikogesellschaft, Wissensgesellschaft, Freizeitgesellschaft, desintegrierte Gesellschaft, Multioptionsgesellschaft, Mediengesellschaft (Armin Pongs).
| Die vertikalen Milieustufen und ihre horizontale Differenzierung nach Traditionslinien | Differenzierungen der Traditionslinien nach Untergruppen (-) bzw. Generationen (a,b,c) in Westdeutschland (1982-2000) |
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Konservativ-technokratisches Milieu (~ 9 - 10 %) - Grossbürgerliches Konservatives Milieu (~ 5%) - Kleinbürgerliches Konservatives Milieu (~ 4%) Liberal-intellektuelles
Milieu (~ 9 - 10%) - alternatives Milieu (~ 0 - 5%) |
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Woodstock 1969: Massenindividualismus - die Ausgangsbedingung postmodernen Marketings - in Politik wie Wirtschaft. In der Form ist die Freiheit, die diese Generation erobern wollte, a) "mänätschbar" und b) wirtschaftlich verwertbar. Alles andere ging zu einem grossen Teil wieder unter. (s. Die 68er) Hatten es die Leitfiguren der Beatgeneration (Vorfahren der Hippies), Jack Kerouack und Allen Ginsberg geschafft, die USA und beträchtliche Teile Europas aus dem kleinbürgerlichen Mief der Nachkriegsjahre herauszuholen, wurden sie jedoch schneller kommerzialisiert als sie ihren Joint zu Ende rauchen konnten. |
Dieses Feld lässt sich auch vertikal teilen in Ganzheitliche und Effizienzorientierte. (s. Die Erhaltung sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem). Beide studieren, um einen Beruf zu finden, aber auch um sich persönlich weiter zu entwickeln und den Horizont zu erweitern. Sie studieren selbstbestimmt und interessegeleitet, was um so ausgeprägter ist, je höher der IQ, also je tiefer der Zwang zum Lernen. Die Effizienzorientierten sind in der Beziehung streng praxis- und berufsorientiert und organisieren ihr Studium methodisch, zielgerichtet. Ihr Habitus wirkt so auch angestrengter, "strebender". Die Aufstiegsorientierten legen ebenfalls sehr hohen Wert auf Prestige. Sie möchten zu den Erfolgreichen, Angesehenen und Wohlhabenden gehören, das unterscheidet sie von den eher sachlich-effizienzorientierten. Hier dominieren vor alle Männer, die nach wissenschaftlicher oder beruflicher Karriere streben im parlamentarischer oder sonstiger Politik. Sie sind äusserst ambitioniert und "erledigen" oft ein Zweitstudium. Noch stärker als die Prestigeorientierten sehen sie sich den Zwängen und Konkurrenz auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt ausgesetzt. Dafür möchten sie gut gerüstet aus dem Studium hervorgehen und legen deshalb besondern Wert auf ein entsprechendes Niveau der universitären Ausbildung und darauf, die erworbenen wissenschaftlichen Arbeitstechniken und Kenntnisse sicher anwenden zu können. Erkennbar ist bei ihnen eine aussengeleitete Orientierung an Fachleuten und Autoritäten oder an Ansprüchen der freien Wirtschaft. Besonders dieser Typ fordert, durch das Studium in bestimmten Techniken der Rhetorik und Präsentation für den Arbeitsmarkt geschult zu werden. Für die spätere berufliche Positionierung spielen das Renommee der Universität und der Wert des eigenen Abschlusses eine bedeutsame Rolle. [Werner Georg (Hrsg.): Soziale Ungleichheit im Bildungssystem. Eine empirisch-theoretische Bestandesaufnahme. UVK Verlagsgesellschaft mbH. Konstanz 2006. S. 68-92] Und nach den Ansprüchen dieser Leute richtet sich offenbar die Bildungspolitik der ETH ... auweiauweiauwei... |
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Zu diesem Bereich gehören auch die Prestigeorientierten, ein Stratum das zum grössten Teil von Frauen gebildet wird. Sie sind primär an akademischen Titeln interessiert, die ihnen Status und gesellschaftliche Anerkennung verleihen - oder bessere Chancen auf einen Partner mit Sozialprestige. Durch überfüllte Massenveranstaltungen und mangelnde Aufmerksamkeit der Professoren fühlen sie, die Exklusiven, sich vernachlässigt und werden leicht enttäuscht.
- hedonistisches Mileu (~ 10 - 12%) |
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Traditionsloses Arbeitermilieu - Statusorientierte (~ 3%) - Resignierte (~ 6%) - Unangepasste (~ 2%) |
(nach : Bourdieu 1979: La Distinction)
Die Suche der Masse nach Exklusivität:
Massenindividualismus dürfte ein Kernbegriff der heutigen postmodernen Gesellschaft sein. Für die Werbefritzen (alias Marketingfachleute) ist er dies längst, speziell in Form des <trading up & trading down>. Konsumiert wird heute nicht mehr "klassenkonform" (Steak für Kapitalisten - Kartoffeln für Arbeiter) sondern man spart auch bei den unteren Klassen bei Standardprodukten - um sich ab und zu was exklusives leisten zu können (in meinem Fall z.B. Diät mit Reis, Nudeln, Kartoffeln, Käse <> gegen ab und zu Montechristo No. 2 (Torpedo), Chateau Haut-Brion und so ...). In GDI-Impuls Herbst 2005 wird diese Kombination aus billig und exklusiv als positiver Ausweg aus dem Billigsumpf beschrieben. Sie kennen das Prinzip als Besucher von Migros nur von der günstigeren Seite (M-Budget), als Besucher von Coop von beiden Seiten (Prix Garantie <> Fine Food).
Tönt gut, die Graphik zeigt aber, dass auch hier eine Splittung der Gesellschaft möglich und wahrscheinlich ist.

Dass es sich bei solchen "Innovationen" eher um Scheininnovationen handelt zeigen zwei Beispiele:
Als Delmonte die Pfirsiche aus der Dose nahm und sie in Einmachgläsern verkaufte, sagten die Kunden: "Ah, die sind genau so, wie meine Oma sie gemacht hat." Sie können fragen wen sie wollen, Pfirsiche schmecken einfach besser, wenn sie aus dem Glas kommen. (Was sogar sachlich stimmen kann, weil bei den alten Einbüchsmethoden das Eingebüchste (he jo drno - wann man ausbüchsen kann muss auch einbüchst werden können) oft nach Metall schmeckte. Einerseits. Andererseits ist es aber eindeutig optische Selbsttäuschung, denn auch wenn die Pfirsiche im Glas gleich aussehen, so haben sie nicht mehr den selben Geschmack wie zu Grossmutters Zeiten. Es gibt weniger unterschiedliche Rassen, bei allen Obstorten, speziell Aepfeln. Einige Früchte gingen total vergessen. Die meisten gezüchteten sind zwar besser haltbar, kriegen weniger braune Flecken beim Transport, sehen besser aus ... schmecken aber total fad. (Extremfall Erdbeeren. Hatten Sie mal Erdbeeren aus dem Garten? Eine alte Sorte? Eben! Oder, moderner, eine frische Ananas? Da ist alles Eingebüchste oder Eingeglaste einfach bloss bäh.
Eiscreme scheint den meisten besser zu schmecken, wenn sie in einem runden Glas oder Carton wächst.
Fazit: Wenn's besser schmeckt, dürfen wir auch mehr verlangen. Wenn sich die Konsumenten selbst täuschen ... not our problem.
[Werner Georg (Hrsg.): Soziale Ungleichheit im Bildungssystem. Eine empirisch-theoretische Bestandesaufnahme. UVK Verlagsgesellschaft mbH. Konstanz 2006]
Belege
für die im Titel formulierte These fanden sich erst in Israel: Aufsteiger schreiben sich vor allem in anwendungsbezogene Collegestudiengänge ein, Studierende aus höheren Schichten
wählen eher entsprechende Unversitätsstudiengänge.
In Nordrhein-Westphalen wurde 2003 festgestellt, dass Mädchen aus Elternhäusern mit hohem sozio-ökonomischem Status bei denen ein Elternteil Abitur hat, zu 96% das Gymnasium besuchen - solche aus den untersten sozio-ökonomischen Schichten bloss zu 18%
Was von Seiten der Intelligenzforschung (Murray/Herrnstein: The Bell Curve) wie der Soziologie (s. Bourdieu) längst kritisiert wurde, bewahrheitet sich nun, belegt durch die zahlreichen PISA-Studien und die Analysen derselben.
Das alte Bildungsbürgertum vertraut auf seinen uneinholbaren Vorsprung und das Wirken der weichen Mechanismen von Distinktion und Geschmack, mit denen es die "Ungebildeten" auf Distanz hält.
Goldthorpe formuliert die Bedingungen der Erhaltung von Ungleichheit so:
Der primäre Herrschaftseffekt geht von der Sozialisation im Elternhaus aus, in der vor allem kognitive Kompetenzen erworben werden.
Der sekundäre Herrschaftseffekt kommt in den institutionellen Verteilungsprozessen zustande, die die Kinder in verschiedene Typen der weiterführenden Schule lenken. [S. 16]
Die obere Klasse setzt von Anfang an klar auf
Bildung, die Mittlere wucht den wirtschaftlich günstigsten Pfad zur
Qualifikation, und die untersten Klasse lernt immer leiser zu knurren, d.h. zu
dulden. Hier spielen die sozialen Herkunftsbedingungen eine enorme Rolle. Der
Status quo wird durch diese Entscheidungsprozesse meist erhalten. Führer bleiben
Führer, Streber Streber, Verlierer Verlierer > that's rational choice.
Das
obere bürgerliche Milieu, mit bester Mitgift an ökonomischem, kulturellem und
sozialem Kapital das
vorangehende Generationen schon angesammelt hatten, erfuhr weitere positive
Privilegierung und konnte z.B. seinen Vorsprung im
Gymnasialbesuch von 38 auf 63% ausbauen. Das Bildungsbürgertum, also Kinder von
Unternehmern und qualifizierten Arbeitnehmern steigerten ihren Anteil, auf Grund
erhöhter Berufsanforderungen, von 13 auf 42%. (Summiert nicht zu 100, da
teilweise Überschneidung).
Das alte gehobene kleinbürgerliche Milieu, das noch auf ererbtem Besitz bzw. den innerbetrieblichen Aufstieg setzt, verabschiedet sich historisch. Es hat, so erklären es Bourdieu und Passeron (1971), infolge wirtschaftlicher Konzentrationsprozesse weniger Unternehmen zu vererben und daher seine Kinder dazu gedrängt, sich auf andere leitende Stellungen und die nötigen Universitätsabschlüsse umzustellen. Dieses neue Bildungsbürgertum wurde ab 1960 aufgestockt durch die ebenfalls in die modernisierten Leistungsberufe aufrückenden Kinder der qualifizierten Angestellten und Beamten. Beide Gruppen steigerten ihren Gymnasialbesuch bis 1989 kontinuierlich auf schliesslich 40%. Sie konnten damit zwar das alte Bildungsbürgertum, das bis dahin auf 65% stieg, nicht einholen. Aber sie entwickelten sich doch zum eigentlichen Gewinner der Bildungsexpansion.
Das gehobene Dienstleistungsmilieu gibt sich mit halbakademischen Positionen in den seit den fünfziger Jahren angewachsenen wohlfahrtsstaatlichen und privaten Dienstleistungen zufrieden, in die es aus den Milieus der Facharbeit aufgestiegen ist. Diese Schicht teilt mit dem Bildungsbürgertum das Interesse an der produktiven Nutzung von Bildung, persönlicher Initiative und Eigenverantwortung (liberale Ausrichtung) - fördert aber mit seiner kleinbürgerlich-puritanischen Version der Leistungsethik die Spannungen. Es prügelt den Sack, die unterprivilegierten, bildungsschwachen Milieus - setzt aber damit den Esel (unpassender Vergleich) der bildungsaktiven nachdrückenden Arbeitnehmerintelligenz. Diese, eh unzufrieden mit halbakademischem Status, verakademisiert dann gleich traditionelle Berufe bündelweise. So ist für eine Ausbildung als "Krankenschwester" längst ein Abschluss an der Mittelschule nötig, in Schweden sogar ein Fachhochschule oder Hochschule. Ähnliches wird ja, ohne Witz, bereits für Kindergärtnerinnen diskutiert.
Abschlüsse sind immer häufiger Voraussetzung für gewisse Positionen, werden aber gleichzeitig entwertet und bieten je länger je weniger schon bloss eine Garantie für einen Job, geschweige denn für beruflichen Erfolg.
Bildung wurde damit zum optimalen System um Ungleichheit zu erzeugen und zu erhalten, verstärkt durch möglichst frühzeitige Aufspaltung, aber auch durch möglichst frühzeitige kognitive Überlastung! Frühenglisch, Frühfranzösisch, Frühchinesisch könnten so zum Boomerang werden, der nicht die Chancen erhöht, sondern noch schneller zum Ausscheiden der "Leistungsschwachen" führt. Zudem werden hier nochmals die Chancen des weiblichen Geschlechts erhöht, das Sprachen eher zugetan ist, aber bereits gegenwärtig im Übermass vom Schulsystem profitiert, das offenbar eher "weiblich" strukturiert ist.
Oesch, S. 60: Je nach Bedeutung der marktfähigen beruflichen Qualifikationen eines Arbeitnehmers bieten die Arbeitgeber ein mehr oder weniger vorteilhaftes Anstellungsverhältnis an, um von ihrem Personal möglichst hohe Produktivität zu erhalten. - Womit eigentlich klar ist, dass ein grossteil des Produktivitätswachstums durch bessere Ausbildung bedingt ist, die Kosten also von den Mitarbeitern getragen werden - aber auch die Risiken, denn die Arbeitgeber haben die Wahl, die Arbeitnehmer meist nicht. Das Geschrei nach mehr Bildung führt also sicher zu höherer Produktivität - aber auch zu mehr Ungleichheit, Risiken, Abstürzen bei denen, die den Aufwand für die Bildung nicht "amortisieren" können und im Bedarfsfalle dann von staatlichen Integrationsmassnahmen in ihren Ansprüchen auf Null zurückgedämmt werden.
Die Bildungsunsicheren, Unangepassten, Resignierten, Statusorientierten und das traditionelle Arbeitermilieu wie die schwächeren kleinbürgerlichen Unternehmen (was vor allem Bauern beinhaltet) fallen oft unter die Grenze des Existenzminimums, gehören also zu den working poor. Diese Grenze wurde vom Autor [s. Werner Georg, S. 68] als "Grenze der Selbst-Eliminierung" bezeichnet, was bezeichnend ist für die immer noch mehrheitlich verbreitete Auffassung, dass Wettbewerb allen ermögliche zu den Gewinnern zu gehören, dass die Verlierer zu dumm, zu faul, zu unangepasst, aber auf jeden Fall selbst schuld sind. Ein Konzept, das immer noch weitgehend die Arbeitsgrundlage der Sozialhilfe ist, die so natürlich nichts ändert, sondern bloss permanent-temporär einige wieder nach oben schaufelt, während die andern bereits wieder auf dem Weg der Verdrängung nach unten sind. Wenn wir wirklich die Probleme in dem Bereich lösen wollen, sollten wir vielleicht mal damit beginnen, sie richtig zu benennen. Die Grenze der Selbsteliminierung wäre richtigerweise die Grenze der Existenzvernichtung durch sozialdarwinistische Konkurrenz (sprich Neoliberalismus) zu nennen.
Wenn Sie sich die Rangordnung der Berufe nach sozialem Prestige ansehen (s. Die Ordnung der Welt), wird sofort ersichtlich, dass praktisch alle Berufe mit hohem Prestige mit Werten zwischen 100 und 180 (Richter, dort nicht nach ISEI, also bis 100, sondern als MPS88 (magnitude prestige scala), der bis 187 reicht. Die folgenden Werte wären für den Vergleich mit der Graphik also in etwa zu halbieren.) nur über ein Hochschulstudium zugänglich sind, zwischen 80 und 110 tut's auch eine Fachhochschule oder Matur (extremer Fall die KrankenpflegerInnen, die zwar nur eine Wertschätzung von 71 Punkten geniessen ... aber über eine Matura verfügen müssen, wenn sie diese Lehre antreten wollen. Demnächst könnte in dieser Kategorie die Kindergärtnerin mit 67.8 Punkten folgen.). Sonst genügt zur Zulassung von Berufen mitsozialen Wertschätzungspunkten zwischen 30 und 80 meist eine Lehre. Unter 30 Punkten, d.h. ohne Lehre, gibt's dann nur noch unqualifizierte Hilfsarbeit, d.h. vor allem das Sozialamt. Schuld an diesem Ausschluss ist also vor allem der Bildungs-, d.h. präziser der Distinktions-Wahn.
Sozioökonomischer Status (ISEI) und Berufsprestige (SIOPS) für einige Berufe:

Wir haben hier also das alte Leiternspiel vor uns, bei dem es allerdings um die Existenz geht, und sich der Einsatz nicht auf Peanuts beschränkt, sondern Jahrelange Ausbildung und Erfahrung beinhaltet. Zwei Punkte sprechen hier vor allem gegen die Ausbildungsideologie, der heute eine breite Mehrheit nachschwärmt:
Bei den kapital- wie bildungsschwachen sieht die Lage logischerweise am prekärsten aus, da sie sich nicht nur fachlich bewähren müssen, sondern eigentlich gegen den Rest der Welt in Konkurrenz stehen. Jeder der irgendwo rausfliegt und zu lange nicht wieder Fuss fasst, wird auf Grund der Zumutbarkeitsklausel ihn ihren Heimbereich, den Bereich der unqualifizierten Arbeit, gedrängt. (Sozialisierungsmodell Spargelstecher. Beliebt auch Service, einfachste persönliche Dienstleistungen wie Reinigung, Wäschereien etc., ein Bereich mit minimalen Löhnen und katastrophalen Arbeitsbedingungen). Dieses "Leiterspiel" ist also weniger ein Spiel, als ein Dressurprogramm:
Seit dem 1980er Jahren (sic!) ist für weitere 25-30% der Wohlstand "prekär" geworden; sie können periodisch unter die Sozialhilfegrenze sinken. Abermals weitere 20-25% leben in Situationen der Knappheit.
Die autoritäre Statusorientierung und aggressive Einstellung gegenüber Minderheiten konzentriert sich vor allem bei Teilmilieus, die die Erfahrung machen, dass ihre vergleichsweise niedrigen und veralteten Bildungs- und Berufsabschlüsse nicht ausreichen, um mit der Modernisierung der Wirtschaft und der Lebensstile mitzuhalten. Vor allem sie sind die "Modernisierungsverlierer". Sie setzen diese Erfahrung, so wie in der Autoritarismusforschung der Frankfurter Schule beschrieben, in Ressentiments gegen sozial Schwächere um. [S. 214]
Dem liegen verschiedene, jeweils gut dokumentierte Schieflagen sozialer Gerechtigkeit zugrunde. Zur Exklusion der Armen und Dauerarbeitslosen und zur Prekarisierung der Ungesicherten kommen noch zwei andere Problemlagen hinzu. Zum einen mussten durch die Strukturkrise Millionen von Arbeitnehmern den Wechsel in weniger gesicherte Arbeitsverhältnisse bzw. eine Stagnation ihrer Einkommen hinnehmen. Zum andern werden immer noch Frauen und Ausländer sowie viele Jüngere und Aeltere durch vergleichsweise schlechtere Einkommen diskriminiert.
Die Folge der Empfundenen Ohnmacht, der Unmöglichkeit, selbst die Dinge zu ändern, sind rechts eine zunehmende Suche nach Autoritäten, die das Problem stellvertretend lösen, Links: Politikverdrossenheit. Diese liegt seit 1990 unverändert bei 60%.
Was die Postmoderne betrifft, so werden deren Auswirkungen anhand der Graphik rechts oben etwas unterschätzt, denn wir befinden uns alle in dieser Phase, d.h. sie prägt alle Milieus. Die kleine Ecke oben rechts mit 6% bezeichnet bloss diejenigen, die aus ihrer elitären Position in der Lage sind, daraus direkt persönlichen Gewinn zu ziehen. Das liberale wie das konservative Lager missbrauchen allerdings die Postmoderne, da sie ihre Angestellten in eine unsichere postmoderne Arbeitswelt werfen, ohne die Verlässlichkeit des klassisch-bürgerlichen Anstellungsverhältnisses, aber dazu auch noch ohne die Freiheit der Selbstgestaltung und Selbstorganisation die der Inhalt der Postmoderne wäre aber eben einen avantgardistischen, progressiven Habitus/Einstellung bedingt. Postmoderne wie Globalisierung werden hier bloss propagandistisch zum eigenen Vorteil ausgewertet, nicht aber als System integral übernommen, was zu der generell empfundenen Lügenhaftigkeit und Unsicherheit, und zu den von Sloterdijk in der Kritik der zynischen Vernunft kritisierten Zuständen geführt hat. Der Irrtum von Sloterdijk ist allerdings, dass er den Zynismus kritisiert und nicht die Ursache die dazu führt:
Das Spezifikum des Postmodernismus scheint dabei zu sein, dass die Differenzen zwischen Tiefenstruktur und Oberfläche, Bild und Realität, Kopie und Original, Teil und Totalität, Siginfikat und Signifikant, letztlich zwischen Wahrheit und Politik nicht mehr nur in Frage gestellt, sondern nivelliert sind, mehr noch, eskamotiert werden. Unter der Bezeichnung "Kultur" firmiert heute alles, kapitalistische Verwertung ebenso wie die Staatsgewalt der Metropolen, wie auch noch jede kollektive oder individuelle Handlungsweise. [S. 299]
Die postmoderne Kultur präsentiert ein nüchternes, gegenüber doktrinären Versuchungen und Sehnsüchten resistentes Subjekt, das sogar noch der eigenen Selbstvergewisserung ledig sein soll, Subjekt also ohne Illusionen oder besser ein mit allen Wassern der Desillusionierung gewaschenes Subjekt, das sich als nicht ideologisches Wesen par excellence darstellt. [S. 303]
Das wäre dann eben Vulgär-Zynismus pur, oder "zynischer Extremismus".
Klassenkriterien: gesellschaftliche Macht, beruhend auf Geld, Organisationen, andern Produktionsmitteln, der Kontrolle der Verteilung unerlässlicher Güter oder sozial relevanter Ressourcen (Zugang: Bildung)
Hierarchie, Privilegien, Machgefälle führen zu Aufstiegsversuchen, Auswanderung, Statusverteidigung, politischer Radikalisierung, Resignation, Abdriften in evasive Welten etc.

Verteilung der Erwerbsbevölkerung auf Klassen. Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz:
| DE 2000 | CH 1999 | Frauenanteil in % | ||
| DE 2000 | CH 1999 | |||
| Soziokulturelle Experten und Semiprofessionelle | 11.5 | 13.1 | 64.9 | 50.5 |
| Gelernte und ungelernte Dienstleistende | 15.5 | 13 | 58 | 55.2 |
| Technische Experten und Fachleute | 9.4 | 11.5 | 20.7 | 13.9 |
| Produktionsarbeiter (Facharbeiter u. ungelernte Arbeiter) | 26.6 | 19.8 | 13.5 | 19.7 |
| Oberes und unteres Management | 15.4 | 17.6 | 44.9 | 33.1 |
| Gelernte und ungelernte Bürokräfte | 11.8 | 9.8 | 65.5 | 68.7 |
| Grosse Unternehmer und Freie Berufe | 2.6 | 3.9 | 20.6 | 21.3 |
| Kleingewerbe mit und ohne Angestellte | 7.2 | 11.3 | 33 | 32.2 |
Das Kleingewerbe ist in der Schweiz noch besser vertreten. Unternehmer und freie Berufe stellen eine kleine Minderheit in beiden Ländern - obwohl die Politik von und für diese gemacht scheint. Insbesondere Rechtsparteien werden von diesen unterstützt - was eigentlich belegt, dass die Massen (der "Ueber-den-Tisch-Gezogenen) die ebenfalls diesen Parteien anhängen, wirklich auf's falsche Pferd setzen.
Zweigeteilte
Arbeiterklasse:
Männlichen, gering qualifizierten Produktionsarbeitern im 2. Sektor steht weibliches, gering qualifiziertes Verkaufs- und Dienstleistungspersonal - mit eben so schlechten Aufstiegschancen und tiefen Löhnen gegenüber. Die Produktionsarbeiter stehen dank langjähriger Gewerkschaftsarbeit meist etwas besser da als das Dienstleistungsgewerbe, in dem zusätzlich oft prekäre, unregelmässige, ja unzuverlässige (Abruf) Anstellungsbedingungen herrschen. Die Wandlung von Industrie zu Dienstleistung ist also nicht bloss heiter
Schweizerische Vermögensstatistik (Eidg. Finanzdirektion):
| % der Steuerpflichtigen |
Anteil am verst. Vermögen |
Pro-Kopf-Vermögen in Mio. |
Veränderung |
|||||
| 1991 | 1997 | 2003 | 1991 | 1997 | 2003 | |||
| Millionäre | 3.73 | 48 | 54 | 54 | 2.6 | 2.8 | 3.3 | + 27% |
| Mittelstand | 27.9 | 40 | 40 | 40 | 0.3 | 0.28 | 0.33 | + 9 % |
| Lohnabhängige | 68.4 | 13.4 | 6 | 5.5 | 0.04 | 0.017 | 0.018 | - 55 % |
Mit der Wende zu Beginn der 90er-Jahre ist so für die knapp 4% zählende eigentliche Klasse der Kapitalisten eine wahrhaft goldene Zeit angebrochen - im Gegensatz zur grossen Mehrheit der Lohnabhängigen.

5.3 Gesellschaftspolitische
Lager
In Deutschland wurden 6 gesellschaftspolitische Lager und soziale Ordnungsmodelle unterschieden, (was sich hier von der Schweiz nicht all zu sehr unterscheiden dürfte. s. politische Karten):
Elitemodelle (25%)
Solidaritätsmodelle (49%)
Protektionistische Modelle (27%)
Die Konservativen erreichen also zusammen also 32%. Zählt man die enttäuscht autoritären, die tendenziell auch eher konservativ wählen (Bewährtes, Vertrautes, alte Werte etc.), dann hätten wir schon 50%. Da die andere Seite ebenfalls mehrheitlich aus enttäuschten besteht die eigentlich kein Konzept haben, entsteht daraus das bekannt Pat zwischen links und rechts, in dem die Politiker fast und die Wirtschaft fast ganz beliebig vor sich hin wursteln können. Die "rechte Gefahr" ist aber nicht dort, wo die Medien hinzeigen, bei den paar glatzköpfigen Krawallanten, sondern dort, wo Rechtsextreme in Anzug und Krawatte mit Powerpoint und dergleichen ihr "Message" verbreiten: Der antiseptische Autoritarismus: Vor allem neoliberale Eliten vertreten einen Autoritarismus, der ... offene ethnozentrische oder autoritär-aggressive Konnotationen (mitschwingende Nebenbedeutungen) peinlichst vermeidet und zugleich ein sozialdarwinistisches Ausleseprinzip verwendet, das soziale Unterschiede <politisch korrekt>, mit Unterschieden der Leistung und der Bildung, begründet. (s. Bildung und Arbeitslosigkeit)
Es ist auch ein anderes, konservativ-autoritäres, Szenario möglich. Mit etwa 27% sind die autoritären Potentiale heute zwar zu klein für rechtsextreme Alleinregierungen, aber doch gross genug , um, mit dem Rückenwind der langen Wirtschaftskrise, in nicht wenigen Ländern an die 20% Rechtspopulisten in die Parlamente zu bringen. ... Wenn die grossen Volksparteien ihre Bindekraft weiter verlieren, können grössere Wählergruppen von den Christdemokraten nach rechts und von den Sozialdemokraten zu den Nichtwählern wandern. Die grossen Volksparteien haben dafür selbst die Verantwortung, wenn sie mit einer neoliberalen Wirtschaftspolitik die <kleinen Leute> verprellen oder durch tatsächliche oder vermeintliche Vorteilnahme <der Politiker> das Vertrauen verspielen. [S 218-219]
Die generelle Tendenz - individualistisch 20%, angepasst 45%, autoritär 35% - zeigt, dass diejenigen, die Freiheit zu schätzen wissen, diese nicht dem aktuellen Trend überlassen sollten.
(kein wissenschaftliches, sondern ein leicht zynisches Konzept)
|
Priorität des Seins Ohn-Macht des Wissens ... mit einem gewissen Störpotential Die
Abgehobenen |
institutionelle, verbale, psychische, soziale, monetäre Gewalt |
Priorität des Habens Macht des Geldes, des Kapitals, der sozialen Hierarchien |
![]() |
||
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Nichts ausser der |
Nichts ausser der |
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|
tätliche Gewalt |
Die Absurdität des Modells erkennt man am besten, wenn man sich die Rangordnung der Berufsprestiges ansieht. Diese ist, gelinde gesagt, absurd, und längst untauglich für die Orientierung.
Martin Herzog, Basel, 4.2.07