Gute Ordnung bis und nach der Postmoderne:

Optimale Gesellschaftsmodelle aus der Perspektive der Sozialwissenschaften

Lit: Steven Seidman: Contested Knowledge. Social Theory Today. Blackwell Publ. Malden, Oxford, Victoria. 1994, 98, 2004 (sec. ed.)

Sociology is the queen of the sciences. Unlike other sciences which analyse one narrow segment of  life, sociology integrates all knowledge about humanity.  [p 18:]

Dass die Soziologie, als Königin der Wissenschaften, alles Wissen über die Menschheit umfasse, ist eher Wunsch als Realität. Seidman wurde bereits als Student frustriert, da die universitäre Professionalisierung Menschen mit guten Absichten und Werten geistig verkrüppelte, weil die disziplinäre Kultur Geschichte, Kulturen, die öffentliche Welt und die politische Debatte weitgehend mied.

Sicher hatten die aufkommenden Wissenschaften Fortschritte gebracht. Bei der Reduktion des Denkens auf Wissenschaft ging aber vielleicht eben so viel verloren wie gewonnen wurde.

In der ersten Phase menschlichen Denkens, der theologischen, erklärt der menschliche Geist den Ursprung wie den Zweck von Phänomenen durch übernatürliche Geschöpfe wie Gott, Engel, Geister. In einer zweiten Phase, der metaphysischen, werden die Phänomene über abstrakte Kräfte wie der menschliche Geist oder die Naturgesetze erklärt. In der letzten, der positiven Phase, wird alles Suchen nach Sein, ersten Gründen und letzten Zielen fallen gelassen zu Gunsten der Erklärung von Zusammenhängen und Abläufen. Philosophische und religiöse Spekulation machen der Entdeckung von Naturgesetzen platz.

Tönt eigentlich gut, nicht? Als Gymnasiast wollte ich folglich nichts anderes sein als Positivist. Allerdings geht es den Positivisten so wie den meisten Kindern, die eine Uhr zwar leicht auseinander nehmen, aber nur in Ausnahmefällen wieder zusammen setzen können. Im frühmodernen Europa wurde das Universum noch als hierarchische Ordnung gesehen, in der jedes Ding (Mensch, Tier, Pflanze, Geist, Planet ...) seine (von Gott gegebene) Ordnung und seine Bestimmung hat. Aus diesem Grund war es weit schwieriger zu anerkennen, dass sich die Erde um die Sonne dreht, als dies zu erkennen, was den Ptolemäern ja bereits 2000 Jahre früher gelang.

In der Folge masste sich aber die Wissenschaft die selbe Macht an, wie zuvor die Kirche. Nur wissenschaftliches Wissen ist rechtes Wissen, ist genau so ein Glaube wie der vorgehende, an die geschaffene rechte Ordnung, und es besteht der Verdacht, dass der Grund für diese Anmassung vor allem im Wunsch nach sozialer Macht (Wissen ist Macht!) zu suchen ist. [s. Positivismus]

Gerade weil sich wissenschaftliches Wissen über Disziplin und Methode definiert, schliesst dieses Wissen enorm viel anderes Wissen aus, insbesondere das von der Romantik wie der Gnosis favorisierte intuitive Wissen das auch Affekten, geistigem Streben (platonischem Idealismus z.B.) Raum lässt wie dem Wissen von der Einheit von Natur, Menschheit und Gott - aber auch gesundem Menschenverstand und Tradition.

Konzepte einiger berühmter SoziologInnen:

 Karl Marx (1818-1883. Zitate): Karl Marx ist für die Mehrheit ein rotes Tuch. Aber gerade weil die Volksweisheit: Theorie Marx - Praxis Murx stimmt, kann er mit dem Untergang des Kommunismus nicht ad acta gelegt werden. Marx täuschte sich, was die historische Bedingtheit einer Revolution betrifft. Dazu ist Diktatur eh Kacke, egal ob Diktatur des Kapitals oder Diktatur des Proletariats. Aber Marx beschrieb vor 150 Jahren die Entwicklung des Kapitalismus, die wir heute beobachten können - und unter der wir heute zu leiden haben:

Im kapitalistischen System muss der Konsum steigen, um die steigende Produktion absorbieren zu können. Die Produktion muss steigen, weil auf Grund der Rationalisierung und Modernisierung die Güter schneller und billiger hergestellt werden können - was ohne Ausweitung der Mengen und der dauernden Entwicklung immer neuer, immer über-flüssigerer Artikel zu Deflation führt. Marx sah den Kapitalismus in einer Flut von Überproduktion untergehen - und darin könnte er recht behalten.

Ebenfalls recht hat er mit seiner Ausweitung des Angebotstheorems von Say: Der Unternehmer verdient, was er ausgibt, der Arbeiter gibt aus, was er verdient. Wenn der Unternehmer nichts ausgibt, also nichts verdient, hat er immer noch sein Kapital von dem er leben kann. Der Arbeiter oder Angestellte hat nichts, womit er sich in einer Krise über die Runden bringen kann. Er muss seine Arbeitskraft zu jeden Bedingungen anbieten. (So ähnlich formuliert das heute noch (oder wieder?) das Arbeitslosengesetz!)

Probleme mit der von ihm prophezeiten Revolution sah er in Deutschland vor allem darum, weil sich die deutsche Mittelschicht nicht wie in Frankreich oder England mit der Aristokratie anlegte und diese los zu werden versuchte, sondern weil die Jungkers eher versuchten, die Aristokratie zu imitieren. In Deutschland und der Schweiz wurden die Landaristokraten nach der Revolution nicht enthauptet, sondern zu Kapitalisten oder Politikern.

Schwach ist Marx dort, wo er den Widerspruch zwischen einem von biologischen und materiellen Bedürfnissen angetriebenen "reaktionären" und dem ziel- und regelorientierten freien Mensch nicht auflöst. Gerade Zielorientierung und Freiheit in der Wahl der Ziele verneinen eigentlich die Priorität einer materialistischen Perspektive.

Während Marx (wie Durkheim und Weber) für die europäischen Soziologen (Habermas, Giddens, Bourdieu ...) ein grosser Denker war, blieb er und der nach ihm entwickelte Marxismus unbedeutend in den USA (es sei denn in seiner Funktion als ideologisches Feindbild)..

 Emile Durkheim (1858-1917) - war der erste Soziologe, da er diese als akademische Disziplin erst begründete. Er versuchte die Spaltung zwischen Rechts und Links zu überbrücken, also eine sozialliberale Position zu schaffen, welche den Geist des Liberalismus (Individualismus), Radikalismus (soziale Gerechtigkeit) und Konservativismus (moralische Ordnung) vereint. Er sah allerdings eine starke Verbindung zwischen wissenschaftlichem Wissen und Moral.

Durkheim stand bereits vor über 100 Jahren im Widerspruch mit dem Neo-Liberalismus und glaubte nicht daran, dass ökonomischer Geiz dem öffentlichen Wohle förderlich sei, da er die Gesellschaft mit billigeren und besseren Gütern versorge (Geiz ist Geil ...). Er hielt einen Individualismus der alle sozialen Grenzen ablehnt für psychisch wie sozial zerstörerisch. Individualismus sei nur dann gut, wenn er sich innerhalb eines sozialen und moralischen Rahmens abspiele.

Ein anderes Axiom des Liberalismus hatte bereits Comte widerlegt, der es für einen Fehler hielt, die Gesellschaft als Ansammlung von Individuen zu betrachten. Eine Gesellschaft besteht aus sozialen Interaktionen, sozialen Regeln, und Institutionen, die von Individuen und ihrer Psychologie unabhängig sind. Die Mär vom unabhängigen Individuum und von der Nichtexistenz der Gesellschaft ist aber nach wie vor Basis des Rechtsliberalismus (Thatcher: Es gibt keine Gesellschaft ...).

Durkheim war damit vermutlich der erste, der sich mit dem Phänomen der Anomie auseinandersetzte. Die Ursache dafür liegt darin, dass die Gesellschaft individuelle Wünsche, Ansprüche und Ziele definiert und dirigiert. Wo angepasste soziale Regeln fehlen, können Individuen ihr Leben nicht auf stabile und kohärente Weise organisieren.

Weiter Amtsblüten

Durkheim glaubte, dass weder Familie, Kirche noch Staat sich dem Trend zu Egoismus und Anomie widersetzen können. Die soziale Bedeutung der Kirche wurde durch die Säkularisierung untergraben, der Verlust vieler sozialer Funktionen hat die Familie geschwächt und der Rückzug des Staates aus den Tagesgeschäften hat es ihm unmöglich gemacht, individuelles Verhalten direkt zu regeln. Bereits Durkheim sah den Arbeitsplatz als Zentrum des modernen Lebens. Neue Formen der Gemeinschaft und moralischer Regeln sollten sich herauskristallisieren und dem Individuum ein neues moralisches und soziales Zentrum bieten.

Durkheim hat sich aber offenbar zu wenig mit Max Weber befasst. Denn dieser bekam recht. Heute herrscht die Bürokratie, und zwar nicht bloss beim Staat, sondern vor allem in den Betrieben. Die Erwartungen dass diese neue Lebensformen und eine neue Moral schaffen würden, da sie der wichtigste Ort der Begegnung sind, war (leider) ziemlich daneben. Die Betriebe entwickelten sich zum Ort der Dressur: Regelwerke/Dienstvorschriften (= Anleitung für Bürokraten = Beamte)  von Sicherheits- und Geheimhaltungsvorschriften, Vergütungs-, Anwendungsrichtlinien, Pausen-, Urlaubs-, Ruhestandsregelung. Das extremste Beispiel aber mit der übelsten Wirkung ist der Mitarbeiter der in Rente geht, und die Strukturen und Verhaltensnormen für die nächste Generation - auf Grund seiner Erfahrungen - noch festlegt. Dies dürfte der Hauptgrund sein für die stetig steigenden Anforderungen an Bewerber ... denen umgekehrt stetig dämlichere und beschränktere (reguliertere = verbürokratisierte) Einsatzmöglichkeiten angeboten werden.

Die Gestaltung des Ich durch die Gesellschaft ist das Hauptmotiv Durkheims. Eine gute Gesellschaft nach Durkheim ist eine Gesellschaft, in der individuelle Anforderungen und Zwecke klar und begrenzt sind und in der soziale Gerechtigkeit herrscht.

Heute sind alle drei Bestandteile der Durkheimschen Forderung zerbrochen. Die Anforderungen an das Individuum sind unklar (wer heute eine Lehre antritt oder ein Studium, weiss nicht, ob diese Richtung in drei Jahren überhaupt noch existiert und gefragt ist), unendlich (Flexibilität: alles können, alles gerne tun, für alles offen sein - obwohl dies bereits von Jugendbewegungen kritisiert wurde als: Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein.) und Gerechtigkeit wird als utopisches Anliegen von Gutmenschen veräppelt: Keine Förderung der Schwachen, das ist Geldverschwendung. Wir müssen die Starken fördern!

Max Weber (1864-1920):  Max Weber begründete eine "ironische Sozialtheorie". Er fürchtete eine Bürokratie, für die Ordnung und Sicherheit wichtiger ist als Freiheit und Individualität. Er befürchtete eine Politik, die durch professionelle Karrieristen auftragsmässig abgewickelt wird, statt das charismatische Persönlichkeiten überzeugen und sich Gefolgschaft schaffen. In der Moderne, noch mehr so in der Postmoderne, ist die Gesellschaft eine Schöpfung ihrer Mitglieder, die sich einer nationalen Gemeinschaft zugehörig fühlen. "Gesellschaft" steht also für eine Bindung, die über die Zugehörigkeit zu sozialer Klasse, Ethnie, Rasse, Religion, Sprache, Geschlecht, Gruppe, hinaus geht.

 

Weber ist berühmt dafür, dass er, anders als Durkheim, Wissenschaft und Werte (Moral) trennte. Weber kritisierte aber auch die Aufklärer, welche Religion durch Wissenschaft ersetzen wollten, da letztere einen rein intellektuellen Charakter hat und ihre Gebiet überschreitet, wenn sie über die Interpretation von Fakten hinaus geht und sozialem Geschehen Sinn und Wert zuordnen will. Auch Wissenschaftler sehen nicht durch eine klare Linse vollständiger Objektivität, sondern durch eine konzeptionelle Linse, die auch heute noch völlig auf eine disziplinäre Sicht der Dinge fokussiert ist.

Weber hielt Wettbewerb, harte Arbeit, Geiz und eine primär wirtschaftliche Motivation nicht für "die Natur des Menschen", sonder für ein angelerntes Verhalten. Asketische protestantische Sekten wie insbesondere der Calvinismus, Pietismus, Methodismus, Baptismus und Congregationalismus gaben der Wirtschaft einen religiösen Gehalt. [s. Fundamentalismus] Wirtschaftlicher Erfolg wurde zum Zeichen gottgefälligen Lebens!

Der lutheranische Glaube, insbesondere in seiner Form als Pietismus, auferlegt dem Individuum die Pflicht zur Erfüllung seines Auftrags, seine ihm gegebene Position auszufüllen (Mit Freuden wohlgemerkt, auch als unterbezahlte und ausgenutzte Hilfskraft!).  Während der Puritaner die Welt neu gestalten will, in Gottes Auftrag, erfüllt der Lutheraner den Auftrag, den er eben erhält. Diese Mischung aus Menschen mit prophetischem Auftrag und solchen, die ihren gottgegebenen Auftrag annehmen und gerade nicht eigen-willig selbst gestalten sollen, ist das optimale Fundament, um die Welt zu erobern. Dem Konfuzianismus fehlte dieser Antrieb, die Welt zu erobern und zu gestalten. Was bis anhin als "schwäche" Chinas belächelt wurde, wünscht sich heute, wo sich der chinesische Tiger weltweit auf die Pirsch macht, wohl mancher zurück.

Allerdings sah bereits Max Weber eine Entwicklung voraus, deren 2. Phase den "Wettbewerbsvorteil" wieder zunichte machen würde:

  1. Vom 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich der Kapitalismus ins seiner dynamischen Phase in der die modernen Wissenschaften, der freie Markt und das selbst bestimmte Individuum sich voll entfalten konnten.
  2. In der zweiten Phase breitete sich in allen Institutionen die Bürokratie aus und damit eine utilitaristische, statusorientierte Kultur. Das formte eine Gesellschaft von geistig stumpfen und apolitischen Befehlsempfängern, die sich durch eine seelenlose Bürokratie regieren lassen. [s. Auftrag] Bürokraten denken und entwickeln das bürokratische System nicht, denn das würde stören und zu ihrer Elimination führen. Sie führen also nicht - verfolgen aber immer auch ihre eigenen Interessen, wie ihnen das vom Liberalismus ja nahe gelegt wird.

Webers Kritik sollte deutlich machen, dass die Kritik von Rechts zu einseitig auf Kritik an staatlicher Bürokratie gemünzt ist. Prüfen Sie mal: Wie viele Leute kennen Sie, die in einem Büro arbeiten? Wie viele Prozent davon sind Staatsangestellte? Die Staatsbürokratie kann der Souverän, also das Volk, kontrollieren und korrigieren. Die private Bürokratie jedoch ...

Welche Bürokratie nervt die Arbeitslosen wohl mehr. Die Ämter oder all die Personalbüros, von denen sie hunderte von Bewerbungen mit den immer gleichen Floskeln zurück erhalten?

Bürokratie ist die stärkste Kraft in unserer Gesellschaft. Sie garantiert Effizienz und Gleichbehandlung - wird aber zur Katastrophe, wo sie Ungleiches gleich behandelt.

Max Weber bei Brainworker:

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Die Bürokratie ist ein gigantischer Mechanismus - 
der von Zwergen beherrscht wird. 

Honoré de Balzac

Amerikanische Soziologie

Talcott Parsons: (1902-79) The structure of social action, The social system. Parsons wird zwar gerne zitiert, aber für die Gestaltung einer systemorientierten Politik noch zu wenig ernst genommen. Sein System könnte ev. helfen, die sich verschärfenden allokativen Konflikte (Verteilungsprobleme), die sich gegenwärtig zwischen Kapital und Arbeit wieder zuspitzen. zu analysieren und Lösungen zu suchen. Ebenso die Frage, ob die Gesellschaft ausreichend Nahrungsmittel, Wohnungen, Techniker, Aerzte, etc. produziert. Dass sie zu wenige Arbeitsplätze und Lehrstellen anbietet, ist bekannt. Dass die Ökonomie sich dafür als nicht zuständig betrachtet ebenso.

Fazit:

Soziologen ans Werk! Wenn Ökonomen sich offenbar das Recht heraus nehmen dürfen, Menschen, wenn sie unter die Kategorie Arbeiter/Angestellte fallen, als überflüssig zu erklären und auf die Strasse zu setzen, muss man letzteren wohl auch zugestehen, ersteren einen Tritt in den Hintern zu versetzen. Eine Ökonomie die weder ausreichend Arbeitsplätze noch existenzsichernde Löhne produziert, taugt ganz offensichtlich nicht als dominierendes Orientierungskonzept für die Gesellschaft.

Randall Collins (1941-): Konflikttheorie - das soziale Leben wird durch Konflikte der Über- und Unterordnung strukturiert, weil Menschen vor allem um seltene Güter wie Macht (Politik), Prestige (Kultur) und Reichtum (Wirtschaft) kämpfen. Collins hängt also nahtlos bei Parsons an.

Peter Blau (1918-2002): Positions of authority over many employees are the source of most authority in contemporary societies. [p. 94]

Blau begrüsst die horizontale Differenzierung (z.B. die Vielfalt an Berufen), weil diese erhöhte Heterogenität sozial von Vorteil ist. Sie fördert eine offene, mobile und individualistische Gesellschaft die für soziale Unterschiede tolerant ist. Im Gegensatz dazu steht das grösste soziale Übel, die soziale Ungleichheit die eine geschlossene, statische Gesellschaft fördert in der die Individuen stark kontrolliert werden durch Gruppen, die sich feindlich gegenüber stehen.

Charles Wright Mills (1916-62) [p. 97-104]: The power elite. / White collar: The American Middle Class. Mills, von Waco, Texas (er weiss also, wovon er redet), sieht in den Nachkriegs-USA eine zunehmende Konzentration der Macht in den Händen wirtschaftlicher, militärischer und politischer Führer. Diese elitäre Führungsmacht wird von Generation zu Generation weiter gegeben. (Bush! ist also der letzte, der "orientalischen" Ländern einen Mangel an Demokratie vorwerfen darf). Die Konzentration von Geldmacht hat, parallel zur Konzentration in der Wirtschaft, weiter zugenommen.

Die Herrschaft einer Elite aus Kriegs(wirtschafts)führern, Unternehmensleitern und politischen Grössen wurde nie so sichtbar, wie anlässlich des Irak-Krieges. Ebenso die Steuerung der Massen durch Medien und eine unpersönliche Administration und die Tatsache, dass die amerikanische Gesellschaft, wie jedes totalitäre System, sich durch die Abwesenheit öffentlicher Debatte (TV-Geplärr ist keine Debatte! Bush redet nur mit Freunden, nicht mit Gegnern!), und sozialen Bewegungen, welche die Ausrichtung der Gesellschaft beeinflussen (können).

Wirtschaftlicher Wettbewerb, Kleinstadtdemokratie, protestantischer Individualismus, kamen mit der Expansion der "juristischen Gesellschaften", also der Betriebe, zu einem Ende. Kommunikation, Transport, Klein- und Mittelbetriebe machten riesigen Handelsgesellschaften platz, die von bezahlten Managern geleitet werden die nicht Eigentümer sind (s. Lehensnehmer) und bemannt (vorwiegend) sind durch eine Armee von Verkäufern, Werbern und PR-Fachleuten, Rezeptionisten, SekretärInnen, Datenverwaltern, Buchhaltern, Juristen und Technikern. Die Macht geriet in die Hände der Management- und Business-Elite. Die Mittelklasse verblieb machtlos.

Mit Ausnahme der höchsten Ebenen, sind die Angestellten weder Miteigentümer noch an Entscheidungen beteiligt. Sie vollziehen Anordnungen vom oberen Ende der Bürokratie (s. Auftrag).  Sogar Berufe wie Juristen, Mediziner und andere Akademiker gerieten in zunehmende Abhängigkeit von bürokratischen Institutionen, womit sie einen beträchtlichen Verlust an wirtschaftlicher Autonomie und sozialer Macht erlitten.

Voll beschäftigt mit Selbsterfüllung im Privatleben, verwechselten die Angestellten (white colar workers) die Freiheit des Konsums und des Arbeitsvertrags mit eigentlicher Autonomie. Sie wurden zu einer Kolonie glücklicher Roboter (oder Ameisen). Und die Intellektuellen blieben unkritisch.

Mills grosses Thema war der Aufstieg der sozial entpolitisierten, amorphen und lenkbaren Masse, manipuliert durch Konsum und soziale Eliten. Bis 1990 träumten die Marxisten weiter von der kommenden Revolution - und den Liberalen blieb die Kritik, dank des kalten Krieges, der dem konservativen Patriotismus äusserst förderlich war, erspart. Auch die Gewerkschaften werden von Eliten geführt, die wenig mehr verlangen, als bessere Löhne und Arbeitsbedingungen - während der Status quo erhalten bleibt. Unter dem Damoklesschwert von Entlassungen akzeptieren sie die Argumente betr. geringen Wachstums und unmöglicher Umverteilung, was dem Wachstum des Kapitals in den letzten 15 Jahren äusserst zuträglich war. Eliten teilen die selben Interessen in der Erhaltung ungleicher Verteilung von Macht, Prestige und Reichtum. Diese Elite, die eine politisch amorphe Masse führt, bleibt meist unkritisiert und verhält sich entsprechend nicht immer verantwortungsvoll, vor allem was soziale Belange betrifft. 

Mills sah Soziologie als öffentlich engagierten Diskurs. Theorie hatte eine bescheidene Rolle: Konzepte, wie empirische soziale Analysen zu bewerkstelligen sind. Mills wollte eine öffentliche Soziologie schaffen.

Das Problem wurde auch 1969 von Ferdinand Lundberg (Die Reichen und die Superreichen: Finpols) wieder aufgegriffen und wurde durch den medialen Betrug, dank dessen Bush im Volk eine Mehrheit für den Angriff gegen den Irak erhielt, noch deutlicher. Lösungen sind aber noch kaum in Sicht. Die Medien sind eben doch their masters voice.

Robert Bellah (2)(1927-):  Bis zur Mitte der Siebziger hatte sich Bella entfernt vom engen Expertenzirkel der Sozialwissenschaften und Akademiker um direkt zu den Amerikanern zu sprechen. Er hat so versucht Soziologie in öffentliche Philosophie zurückzuverwandeln. Gegen den Trend hielt Bella auch daran fest, dass Soziologie nicht bloss wertorientiert ist, sondern sich klar für Werte einsetzt.

Wo eine Kultur fehlt die das Individuum dazu anleitet, nach sozialen Zielen und einem gemeinsamen Leben zu streben, verkommt die Gesellschaft in Krieg (oder zumindest Wettbewerb) - jeder gegen jeden. Für Bellah wie vermutlich für die meisten "Nichtwettbewerbsfanantiker" ein zutiefst inhumaner Zustand.

Die religiöse Gesellschaft mit biblischer Tradition sieht Selbstverwirklichung verbunden mit ethischem und spirituellem Leben.

Die republikanische Tradition sieht das Selbst als Mitglied einer politischen Gesellschaft, das aktive Gegenwart und Zukunft derselben mit bestimmt. So weit eigentlich eine äusserst sympathische Tradition, weitaus sympathischer als eine sozialistische, welche die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft einer Parteielite überlassen will. Aber -

Die klassische republikanische Tradition wurde jedoch von individualistischem Utilitarismus überwuchert. Dieser sieht den Zweck von Institutionen nur instrumentell, wie z.B. mehr Reichtum anzuhäufen, Sicherheit zu garantieren, Wettbewerbsvorteile und Macht zu erlangen. [Wenn Sie die Worte der Freunde der Freiheit unter den Aspekten analysieren, finden Sie rasch raus, worum es geht.]

Institutionen sind also entweder dem eigenen Fortkommen und der Selbstverwirklichung nützlich (die Firma) oder hinderlich (der Staat, der sich für Arme oder Umwelt einsetzen will und dafür auch noch Steuern verlangt). Erfolg heisst persönlicher Gewinn. Gerechtigkeit heisst: Jeder nach seiner Leistung. Hier haben wir präzise das Problem formuliert: Des einen Macht ist des andern Unfreiheit.

Die heutigen Republikaner verschweigen, dass die Demokratie die De Tocqueville für America als soziales Ideal formulierte, aufbaute auf kleinen Gemeinden, einer Unternehmerkultur, die sich Risiken stellte, einer partizipativen Demokratie, Solidarität der Familie, Freiwilligenorganisationen und Kirche. Die heutige soziale Umwelt der USA erlaubt es den Amerikanern aber nicht mehr, ihre gemeinsamen Ziele, ihre moralischen Verpflichtungen zu erkennen, ihre Institutionen als Welten sozialer Solidarität zu sehen und Bande zu spannen zum öffentlichen Leben. Diese Ideale zu erwecken wäre so etwa die Grundaufgabe der Agenda 21 gewesen. Die Resultate zeigen, dass wir den USA mit diesen Problemen zwar noch etwas hintendrein sind, aber nur etwas ...

Bellah formuliert eine höchst eigenwillige Lösung, wie dem Problem beizukommen sei, den expressiven Individualismus:  Eigeninteressen sollen wohl maximiert werden - dies aber nicht beschränkt auf Eigentum. Es gilt alle eigenen Kapazitäten zu maximieren, oder wie Walt Witman sagte: A life richt in experience, open to all kind of people, luxuriating in the sensual as well as the intellectual, above all a life of strong feeling, was what he perceived as a successful life.

Marx, Weber und Durkheim schrieben für das gebildete Bürgertum. Bellah sah Soziologen als Teil einer laufenden Diskussion über die Gesellschaft was gemeinsame Interessen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Armut, Krieg und Gemeinschaft betrifft.

Jürgen Habermas (1929-): Zu der von Habermas begründeten Frankfurter Schule / kritische Theorie gehörten auch Marcuse, Loewenthal, Fromm, Horkheimer und Adorno. Diese hatten den Eindruck, dass die marxistische Orthodoxie kommunistischer Parteien oft nur noch eine beschränkte Auswahl der Ideen von Karl Marx berücksichtigt(e). Vor dem historischen Hintergrund des Scheiterns der Revolutionen der Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg und des Aufstiegs des Nationalsozialismus in einer ökonomisch, technologisch und kulturell fortgeschrittenen Nation begannen Horkheimer und Adorno die marxschen Gedanken daraufhin zu untersuchen, inwiefern sie zur Analyse sozialer Verhältnisse geeignet seien, die zu Marx’ Lebzeiten noch nicht bestanden hatten. Dabei griffen sie auf die Ergebnisse anderer zeitgenössischer wissenschaftlicher Disziplinen zurück. Von besonderer Bedeutung waren hierbei die Sozialwissenschaft Max Webers und die Psychoanalyse Sigmund Freuds (v.a. bei Herbert Marcuse).

Die Betonung der kritischen Komponente der Theorie entsprang den Bemühungen, die Grenzen des Positivismus, eines Materialismus und der Phänomenologie zu überwinden. Die Frankfurter Schule griff hierzu auf die kritische Philosophie Kants und seiner Nachfolger im deutschen Idealismus zurück. Insbesondere Hegels dialektische Philosophie mit ihrer Betonung von Negation und Widerspruch als inhärenter Eigenschaften der Realität.

Die Frankfurter Schule erweiterte also die bereits in Aristoteles' Topik angelegte Ideologiekritik beträchtlich, allerdings mit der Fokussierung auf die Analyse von "Paradoxien der kapitalistischen Modernisierung". Das Forschungsprogramm soll in die Bereiche:

unterteilt, interdisziplinär die verschiedenen Aspekte der kapitalistischen Modernisierung und ihrer Widersprüche analysieren.

Aus der Kritik des Kapitalismus wird zunehmend eine Kritik der westlichen Zivilisation als Ganzes. Der Vernunftbegriff der westlichen Zivilisation wird als Fusion der Herrschaft mit einer technischen Vernunft entlarvt.

Habermas versuchte Philosophie und empirische Wissenschaft zu reintegrieren mit dem Ziel, Beiträge zur moralischen Kritik und für soziale Entwicklung zu liefern. Theorie sollte nicht nur erklären, sondern eine Kraft der Änderung darstellen, da sie die Perspektive der sozialen Akteure verändert. Da Wissen aber durch Interessen strukturiert wird, ist Kritik unerlässlich. Soziologie sollte so zur menschlichen Freiheit beitragen.  [s. komplexe Argumentation]

Soziologie unterscheidet sich also substantiell von den empirischen wie den Humanwissenschaften. Empirische analytische Wissenschaft will Gesetzmässigkeiten fassen - um in der Lage zu sein, Vorhersagen zu machen: Wetter, Erzlagerstätten, Anbaumethoden der Landwirtschaft, chemische und physikalische Produktionsverfahren etctetc.

Die Humanwissenschaften dienen dem Zweck, die Verständigung zwischen Menschen und Kulturen zu erleichtern, Texte, soziale Aktionen und Ereignisse zu interpretieren und zu klären.

Habermas kritische Wissenschaft (Soziologie) sollte helfen, unnötige innere (psychologische) und äussere (soziale, umweltbedingte) Beschränkungen menschlicher Freiheit zu identifizieren, zu eliminieren und den Menschen zu mehr Autonomie zu verhelfen. Habermas und Marcuse sahen Marxismus nicht als Diktatur des Proletariats sondern als Befreiung von der Ideologie (bei Marx vor allem von der Ideologie des Kapitalismus natürlich). Etwas mehr kritische Analyse täte zur Zeit not, da der Staat sogar von Volksparteien, die eigentlich die Enterbten vertreten sollten, dazu angehalten wird, die Interessen des Kapitals zu favorisieren, also Steuerbefreiung zu gewähren und aktives Standortmarketing zu betreiben. Aufgabe des Staates und der Politik wäre aber eigentlich, zwischen allen Interessen abzustimmen und systemische Fehlentwicklungen zu korrigieren. (s. Parsons).

Die von Mills beschriebene Entmündigung der Bürger durch die Elite wird erleichtert durch die technokratische (expertokratische) Gesellschaft, in der die Experten (Eliten) dem Volk das Denken und die Entscheidungen abnehmen.

Habermas Antwort darauf ist vor allem die kommunikative Ethik.

Stuart Hall (1932-) machte darauf aufmerksam, dass es neben der hohen Kultur (Literatur, Musik, Kunst, Theater, Museen, Galerien ...) auch noch eine "normale" gibt, die durch Musik, Filme, populäre Lieder, Ferienrituale, Massenmedien, Volkskultur etc. verbreitet wird. Diese Volkskultur bestimmt aber über Bedeutungsinhalte, Normen, Werte, Glauben und Ideale. Diese Volkskultur formt damit unser Verhalten, also sind die Medien die sie tragen politische Medien. Diese Volkskultur  wird aber vor allem verbreitet durch Massen-Zeitschriften und -Zeitungen, -Bücher, -Filme und populäre Musik.

Die Medien machen mehr als nur Neuigkeiten verbreiten, sie verbreiten Wertungen, kulturelle Kodierung: Mehrheit/Minderheit, normal/abnormal, moralisch/dekadent, reif/unreif, gesund/ungesund, heterosexuell/homosexuell, überlegen/minderwertig, Rasse, Geschlecht, Nationalität. Sie klassifizieren - bereits durch die Auswahl: Wer kommt zu Wort, welche Inhalte werden als Zeitungswürdig betrachtet. Sie legitimiert eine ungleiche soziale Ordnung.

Hierin liegt der Grund, warum Medien nicht gleich zu behandeln sind wie andere Waren und Dienstleistungen, denn Medien machen Politik. Wenn Sie sich die Besucherzahlen entsprechender Websites ansehen, wird klar, welche "Kultur" eine Mehrheitswirkung entfaltet. Und es ist ganz sicher nicht die "hohe Kultur". Aus diesem Grund meine eigene Definition von Kultur, die etwas quer in der Landschaft zu stehen scheint, die soooo viel auf Ästhetik und Aussehen setzt.

Antony Giddens (1938-) war ebenfalls der Meinung, Soziologie erkläre uns nicht nur die Natur der sozialen Welt, sie sollte auch helfen, diese zu gestalten. Giddens betont die Reflexivität unserer Gesellschaft: In vormodernen Kulturen lenkte die Tradition das alltägliche Verhalten. Diese basierte auf "best practice".  In der (post-)modernen Gesellschaft ist das Wissen dauernd im Fluss. Die Trends und damit das Wissen, das als wichtig erachtet wird, ändern bald schneller als Sie die Zeitung oder gar ein Buch lesen.

Der Anschlag auf die wissenschaftliche Neutralität und Objektivität erscheint weniger brutal, wenn man sich klar macht, dass Expertenwissen, wie es von Wissenschaftlern in Institutionen erzeugt wird, nicht bloss die Praxis der Forschung und der betroffenen Institutionen ändert, sondern auch individuelles Verhalten betroffener oder gar unbeteiligter Bürger. (Aktuelles Beispiel: Gentechnik).

Wir finden hier einen beträchtlichen Unterschied zwischen Amerikanischen Intellektuellen und Französischen. Während die einen (wie die Schweizer und die Deutschen): wissenschaftliche Studien verfassen, die von Mitglieder der selben Disziplin (manchmal) gelesen werden, strebt der französische Intellektuelle nach originellen Perspektiven, die sich an ein breites Publikum wenden (aha ... darum ist mir vermutlich in der französischen Schweiz wohler ....). Dieser sozial engagierte Intellektuelle trennt nicht zwischen Wissen, Politik und Ethik und bleibt mit seinem Wissen im Elfenbeinturm, sondern engagiert sich sozial, d.h. politisch und öffentlich.

Pierre Bourdieu (1939-2002): Auch Bourdieu wollte Kultur ins Zentrum der Soziologie bringen, um die Dynamik sozialer Beherrschung zu analysieren. Die herrschende Klasse setzt gerne ihre kulturellen Standards und Geschmäcker, vor allem aber ihr Urteil, als erlesen über andere. Um Mitglied dieser Klasse zu werden, muss man dann diese Art Kultur schätzen und teilen. Dies dürfte der Hauptgrund sein, warum der in ... kritisierte Fall eintritt, dass das Grundkonzept von Kultur, nämlich Pflege und Hege, schlicht und einfach untergeht hinter schönen Fassaden.

Frankreich erlebte die Rebellion gegen westliche "Kultur" in den Kolonien (50er) aktiv, wie die Rebellion der Jugend 1968. Bereits 1968 verschwanden in Frankreich (wie sonstwo) die kleinen Familienbetriebe, das Fundament der französischen Wirtschaft und Gesellschaft.

Die postindustrielle Gesellschaft ersetzte die Kultur der harten Arbeit und der Anhäufung von Reichtum ging über in eine Kultur von Konsum, Vergnügen, Selbstverwirklichung, Demokratie und Menschenrechte. Der Staat wuchs zwar, wurde aber dennoch schwächer. Die Multinationalen und internationale Bewegungen gewannen an Einfluss und Macht, Medien beeinflussen unser tägliches Leben auf unerwartete Weise und die Grenze zwischen Wissenschaft und Politik wird verwischt.

Menschen die in den selben Strukturen leben, erleben die selben sich wiederholenden Erfahrungen, was ihr Verhalten und ihre Einstellung bestimmt. Trotzdem sind sie weder völlig frei noch völlig gebunden an vorgegebene Verhaltensmuster, also Produkte von Strukturen. Das soziale Leben ist also weder völlig individualistisch, subjektiv und frei - noch völlig bestimmt durch soziale Strukturen und Prozesse.

Hier unterscheidet sich Bourdieus Ansatz vom Strukturalismus (Lévi-Strauss, Althusser), der individuelles Verhalten auf Grund struktureller Dynamik, also des Marktes, sozialer Klassen, Bevölkerung und Organisationen erklärt. Vorteil des strukturalistischen Ansatzes ist, dass er über individuelles Bewusstsein und intersubjektive Bedeutung hinaus geht (Glauben und Werte). Aber - Durch die Betrachtung sozialer Prozesse als autonome Dynamik geht aber der freiheitliche Aspekt individuellen Handelns verloren. Individuen werden zu Produkten sozialer Strukturen (und wer will das schon ... oder, wer glaubt das schon?).

Der Kernbegriff um Bourdieus Konzept zu verstehen ist Habitus: interpretatives Schema, unbewusst, verborgen (tacit) am Werk, erzählt der Habitus wie die Welt funktioniert, wie Dinge zu verstehen sind und woran sich Handlung orientiert. (Also so ziemlich das, was ich unter Weltbild verstehe).

Jacques Derrida (1930-): Poststrukturalismus basiert wie Strukturalismus auf Sprachanalyse (Linguistik), beschränkt sich aber nicht mehr darauf, Strukturen und Muster sprachlicher und sozialer Ordnung zu entdecken, sondern erklärt diese als instabilen Ausdruck eines Willens zur Macht. Diese versteckten Machtansprüche will die Dekonstruktion aufdecken (womit sie eigentlich nichts weiter ist, als eine Weiterentwicklung der Topik).

Jean-François Lyotard (1924-98): Beschreibt den Wechsel des Wissens:

In der Vormoderne hatten wir die Erzählung, eine Geschichte mit Drehbuch, Ablauf, linearer Sequenz, Anfang und Ende, gut und böse. Diese Geschichten wurden als Wissen betrachtet, nicht weil sie Fakten vermittelten, sondern weil sie sozialen Regeln folgten die festlegten, wer das Recht hat zu sprechen, zu wem und wann. Solange dies galt, hatten Geschichten und ihre Erzähler Autorität - und förderten sozialen Zusammenhalt.

In der Moderne wurden Erzählungen (Religion, Mythen) zu Aberglaube. Wissen sei nur durch Wissenschaft zu finden zum neuen Glauben. Dieser neue Glaube wurde die Grundlage der technokratischen Gesellschaft - die aber längst in Auflösung begriffen ist (s. Postmoderne), vor allem weil wissenschaftliches Wissen keinen sozialen Zusammenhalt fördert, aber auch, je nach Perspektive, sehr unterschiedliche Wahrheiten produziert. Dies sogar in den bisher für verlässlich gehaltenen Naturwissenschaften. (s. Klimadiskussion. Do Goedel, Heisenberg). Die Postmoderne stellt uns bewusst in ein Wissen das unvollständig, durch Machtansprüche verzerrt, provisorisch und perspektivisch ist. Die grosse Theorie wird fallen gelassen zu Gunsten der lokalen, pragmatisch konzeptionalisierten und kontextualisierten Strategie.

Jean Baudrillard (1929-) kritisiert, der Marxismus habe einen Kern utilitaristischer und produktivistischer Idelogie, welche die Gesellschaft, genau wie der Kapitalismus, zur Ressource (statt zum Zweck) von Produktivität, Wachstum, Macht und Reichtum erklärte. Macht ist heute diffus, durchtränkt aber das gesamte soziale Feld. Macht funktioniert heute weniger über Zwang als über Verführung des Individuums durch von Massenmedien verbreitete Bilder und Sinnkonstrukte: Mit Produkt xy sind sie was besonderes!

Michel Foucault (1926-84): Poststrukturalist. Beim Wissen geht es mindestens eben so sehr um Macht wie um Wahrheit und bei Wahrheit geht es ebenso sehr um Macht - wie um den Willen zu wissen.

Foucault formuliert in seiner Genealogie eigentlich das denkerische Konzept der Postmoderne: Linke Politiker müssen ihre vereinende und totalisierende Strategien aufgeben zugunsten lokalen, flexiblen, kritischen Verstehens, dessen Wert sich durch politisches Engagement erweist. Die Rolle der Theorie scheint mir nur diese: Nicht eine globale systematische Theorie zu formulieren in der alles seinen Platz hat, sondern die besondern Mechanismen der Macht zu analysieren, die Verbindungen und Erweiterungen zu lokalisieren, und nach und nach strategisches Wissen aufzubauen.

Foucault sieht starke Verbindungen zwischen Institutionen und Diskurs und setzt das Ziel, den herrschenden Diskurs zu stören. (s. Zyniker).

Zygmunt Bauman (1925-): Vormoderne Gesellschaften setzten sich zusammen aus einer Menge selbstversorgender Gemeinschaften, jede mit ihrer eigenen Tradition und ihrem Lebensstil. Diese Gesellschaften waren stark stratifiziert und durch die dominierende Religion stabilisiert, wie durch eine etablierte soziale Hierarchie der Machtbeziehungen. Trotz oft beträchtlicher sozialer Ungleichheit oder gar Ungerechtigkeit (horizontale Differenzierung), respektiert Bauman ihren Respekt für die hohen sozialen Unterschiede, die lokalen Traditionen und die soziale Vielfalt die auch in prämodernen Gesellschaften möglich war. (s. The priority of Arguments over Power: Consensus)

Bauman sieht den modernen Geist als rücksichtslosen und unentwegten Drang alles auszulöschen, was chaotisch, zwiespältig, zweifelhaft, anders und unsicher ist:

Die Moderne ist charakterisiert durch ein vielschichtiges System der Kontrolle, das Gesetz, disziplinäre Massnahmen und ideologische Kontrolle umfasst. Der Zentralstaat mit Armee, Polizei und Verwaltung ist das Fundament der Moderne und drückt aufs Beste deren Geist aus: Die Kontrolle der natürlichen und sozialen Abläufe.

Der Staat führt einen Krieg gegen unterschiedliche lokale kulturelle Traditionen. Im Namen von Fortschritt, Säkularisierung, Wissenschaft, Demokratie, Freiheit, Individualismus und öffentliche Gesundheit entwurzelt der moderne Staat lokale Kulturen, zerstört eigenständige Traditionen und einzigartige regionale, ethnische und kulturelle Gemeinschaften. Die Geburt der Moderne wurde begleitet von einem unaufhörlichen Ansturm gegen lokale Traditionen, sozialen Pluralismus, Unordnung, Zwiespältigkeit und Unsicherheit. Dieser hemmungslose Drang alles zu ordnen, zu klassifizieren und zu kontrollieren ist das Herz der Moderne.

Der Anspruch der Wissenschaft auf objektives Wissen hat nichtwissenschaftliches Wissen zum schweigen gebracht. Damit aber auch die gesellschaftlichen Erfahrungen die dahinter standen. Die Idee der Aufklärung, die Formbarkeit der Menschen, die Doktrin des sozialen Fortschritts, die Einheit der Menschen, und die Wahrheit der Wissenschaft, sollen dazu beitragen einen Typ von Gesellschaft zu schaffen der darauf ausgerichtet ist, Ordnung durch Gesetz herzustellen, die Störenfriede zu kontrollieren, und diejenigen als Abweichler zu markieren die sich unterscheiden oder die nicht konform gehen mit Normen der Gesundheit, Fitness, Schönheit und Tugend.

In der postmodernen Gesellschaft braucht der Staat die Intellektuellen nicht mehr, um sich zu legitimieren, da soziale Kontrolle durch Verführung geschieht. In der postmodernen Gesellschaft sind die Bürger sozial integriert und ihre institutionelle Loyalität gesichert durch die Macht des Marktes. Individuelle Bedürfnisse, Wünsche, Identitäten und soziale Lebensstile sind mit Konsum vermählt. Das Postmoderne Ich modelliert seine Identität und soziales Leben durch Konsummuster. Sie werden zur Konformität verführt durch die Phantasien und Hoffnungen die Gütererwecken sollen. Die Strategie sozialer Kontrolle, von Überwachung bis zu medikamentöser Behandlung sozialen Verhaltens, haben ihr Augenmerk von der allgemeinen Bevölkerung auf Randgruppen verschoben die ausserhalb der Reichweite des Marktes liegen, also die Armen und die Aussenseiter (die schrägen Vögel ohne Migros-, Coop-, Kredit- und. andern Karten z.B.).

Die Postmoderne steht für eine dezentralisierte soziale Ordnung die idealerweise institutionelle Räume für einen fortlaufenden Diskurs schaffen sollte, in dem Wettstreit und Verhandlungen zu den endemischen soziopolitischen Konflikten möglich sind. Baumann nimmt an, dass der Charakter der Soziologie mit der sozialen Rolle der Intellektuellen eng verbunden ist.

Die Intellektuellen wurden in der Postmoderne enteignet. Der Staat braucht ihr Expertenwissen kaum mehr um sich im Diskurs zu legitimieren. Auch ihre Rolle als Vermittler zwischen Kulturen ist beträchtlich geschrumpft. Da die Domäne der Kultur zunehmend kommerzialisiert wird und sich mit der Welt der Unterhaltung und des populären Konsums vermischt, hat eine neue kulturelle Elite von Galleriebesitzern, Managern der Massenmedien, Publizisten und Unternehmer der Massenkultur die Intellektuellen hinausgequetscht.

Dieweil Intellektuelle soziale Autorität in ihrer legislativen Rolle verlieren, nehmen sie eine Rolle als Interpretatoren an. Ihr Ziel ist so weniger Standards zu diktieren als die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Traditionen und Gemeinschaften zu erleichtern. (s. Der Entwicklungshelfer als kultureller Übersetzer).

 

Dorothy Smith (1926-) macht aus feministischer Perspektive darauf aufmerksam, dass in den westlichen Gesellschaft soziale Dominanz meist durch Texte operiert: medizinische Protokolle, Volkszählungen, Spitalberichte, psychiatrische Fallstudien, Eheverzeichnisse und Anstellungsdokumente. Diese Texte erleichtern soziale Kontrolle. Wie bei der psychiatrischen Intervention geht ihre Wirkung über Diagnose, Beschreibung und Behandlung hinaus. Sie schaffen soziale Identität und erleichtern soziale Einordnung: krank - gesund, Lohnbezieher (unter Kontrolle) - Arbeitsloser (zu kontrollieren), verheiratet - geschieden, ledig (sozial eingebunden - verdächtig), weiss - sonstwas (einheimisch - fremd), kriminell - noch nicht erwischt worden, Besitzer vieler Kredit- und Konsumkarten - seltsamer Querulant.

Die Feministinnen zäumen die Sache vom Schwanz her auf.

(Werner Schneyder, österr. Kabarettist, Schriftsteller u. Sportreporter, *1937)

Judith Butler (1957-) ist überzeugt, dass der Feminismus, soll er wieder Bewegen, die Idee der dominanten geschlechtlichen Identität aufgeben muss. Appelle an die einheitliche Identität der Frauen sind nicht nur inkohärent, sie stellen, was eigentlich gegen jede Absicht ist, die Trennung in typisch männlich und typisch weiblich wieder her. Damit verschärfen sie eigentlich den "Stammeskrieg", den es aufzulösen gälte.

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Immanuel Wallerstein (1930-) ist der Schöpfer der world-system-theory. Laut dieser sind Stämme und sogar Nationen nicht wirklich souverän. Individuelle Gesellschaften bestehen nur in Netzwerken von Beziehungen. Diese sozialen Netzwerke sind unterschiedliche Gruppen und Typen von Beziehungen, verbunden durch wirtschaftliche, politische und kulturelle Stränge. Sie werden charakterisiert durch Machtdifferenzen und damit auch durch Ungleichheit und soziale Konflikte. Die world-system-theory unterscheidet primär zwischen:

  1. kapitalistischem Zentrum mit starker zentralistischer Regierung
  2. semiperipheren Staaten, also Staaten, die entweder einmal zum Zentrum gehörten oder auf dem Weg dahin sind
  3. Peripherie: schwache Regierung, versorgt Zentrum mit Rohstoffen (worunter heute oft auch Arbeit, Kapital, Wissen gehandelt werden).

Die Geschichte des Kapitalismus beginnt laut Wallerstein 1400-1640, konsolidiert sich bis 1815, wird bis 1917, unter britischer Herrschaft, zum Weltimperium. Ab 1917 wird die Führung nach und nach von den USA übernommen.

Das Imperium gerät aber bereits in die Krise. Japan, Brasilien, Deutschland, China, Indien lösen sich von der wirtschaftlichen und nach und nach auch politischen Dominanz der USA. Die Kluft zum Islam und insbesondere zu den Arabern vertieft sich. Wallerstein sah allerdings noch keinen Zusammenbruch des Systems, da dieser erst erfolgt, wenn ihm im Kerngebiet ausreichend Widerstand erwächst. Davon kann sich das System allerdings immer noch freikaufen durch die Erhöhung von Wohlfahrtsausgaben, oft sogar billiger aber durch das "schwarze Schaf-Prinzip": Die Ausländer, die Armen, die Arbeitslosen ... sind schuld! Auch das tönt irgendwie bekannt, nicht? Wurde aber lange geschrieben, bevor es heute zur Anwendung kommt. 

Weltsysteme entstehen aus Allianzen mit freundlich gesinnten und aus Abwehr (wirtschaftlich) feindlich gesinnter Nationen. Interessant ist vor allem diese Aussage, welche die Urkritik von Marx am Kapitalismus aufnimmt (Überschüsse durch dauernde Rationalisierung) und die Konsequenzen zeigt, die sich, heute deutlich sichtbar, daraus ergeben: Auf dem Höhepunkt werden dem Kapitalismus die nationalen Grenzen zu eng. Er schafft eine globale wirtschaftliche "Ordnung", wenn nicht friedlich dann durch Krieg. Imperialismus ist so die natürliche Folge von Kapitalismus.

Das kommt einem doch bekannt vor, nicht? Globalisierung, Irakkrieg; Erdöl, Absatzmärkte, Krieg als Wirtschaftsfaktor ... ist aber uralte Theorie ... von Marx. Dass sich Bush auf so was einlässt! Neiaberau.

Edward Said (1935-): Um 1800 beanspruchte der Westen 55% der Erdoberfläche, beherrschte aber bloss 35 % als Kolonien, Protektorate, Commonwealth etc. 1878 waren es bereits 67% und 1914 85%. Der Westen beanspruchte Überlegenheit in jeder Beziehung, insbesondere gegenüber dem Orient, der als unreif, unterentwickelt, gar entwicklungsunfähig, korrupt, despotisch, in dauernde Fehden verwickelt, kindisch - aber zu fürchten ist, wie die Gelben Horden, die Mongolen, die Kommunisten, die muslimischen Fundamentalisten, Saddam, die Chinesen, die Koreaner .... Sozialer Fortschritt und Freiheit könne nur aus dem Westen kommen.

Michael Hardt (1960-) & Antonio Negri: Neoliberalismus ist die Basis der Globalisierung. Dadurch dass Güter und Dienstleistungen frei fliessen und die Nationen miteinander in Kontakt kommen, sollen Diktatoren geschwächt und der Lebensstandard gehoben werden. Kritiker sehen allerdings eher, dass sich die Vorherrschaft der USA sich eben so ausweitet wie Armut und autoritäre Regierungen, während lokale Kulturen und Gemeinschaften untergehen.

 

Fazit:

Seidman hat Lust an und auf Postmoderne. Er zeigt, dass diese nicht nur ein Verlust an Sicherheit ist, sondern eine Chance, der Normierung und Klassifizierung durch engstirnige Wissenschaften zu entkommen, insbesondere auch eine Soziologie aufzubauen, die nicht mehr alles autoritär in ein Schema zwängt. So betrachtet wäre die Postmoderne also das Totenlied des Positivismus:

Soziologie entwickelt sich im disziplinären Rahmen seit ca. 1970. Dabei lassen sie die politische Theorie mehr und mehr aussen vor. Machiavelli, Locke, Hobbes. Ebenso die Ethnologen wie Malinowski, Margaret Meade, Franz Boas, Lévi-Strauss, Mary Douglas. Soziologie wurde zur wissenschaftlichen Inselprovinz.

Von Condorcet über Durkheim, Parsons und Bourdieu war es nur Wissenschaft alleine, die für fähig gehalten wurde, soziale Wahrheit zu produzieren. Philosophie, Literatur, common sense, journalismus, Tradition liefern Voreingenommenes, Vorurteile. Von den Kritikern wird gerade "Wissenschaften" wie Psychologie und Soziologie aber vorgeworfen, solche Vorurteile erst eigentlich zu schaffen: Frau/Mann, Gesund/Krank (insbesondere geistig), normal/abweichend. Heute brechen diese Grenzen wieder auf, Soziologie wird postdisziplinär (ausser an der ETH natürlich). Die meisten Probleme und Debatten darüber lassen sich heute eh nicht einzelnen Disziplinen zuordnen sondern bilden Cluster (Klumpen). Diskussionen über Globalisierung oder die Zivilgesellschaft finden nicht in soziologischen Zeitschriften statt, sondern unter Titeln wie: Public Culture, Social Text, Theory, Culture, Society, Constellation.

Um an diesen Dialogen teilnehmen zu können, deren unterschiedliche Teilnehmer ganz verschiedene Fachsprachen reden, ist Vertrautheit mit der klassischen Soziologie, Neo-Marxismus, Identitätstheorie (wie Feminismus), Poststrukturalismus, Kritischer Theorie, psychoanalytischer Theorie und oft auch postkolonialer Theorie und Rassentheorie nötig.

Jedes Cluster adressiert seine eigenen Probleme mit eigenen Methoden und Argumentationsformen. Die Cluster verbinden sich durch Referenzierung und Nutzen.

Hier allerdings endet das Buch von Seidman. Er teilt seine Begeisterung für die Postmoderne deutlich mit - so deutlich, dass er nicht an eine Weiterentwicklung denkt. Wissen das sich nur über Referenzierung und Nutzung verbindet ist eher ein Problem als eine Lösung. Wenn die Teilbereiche sich nur zitieren, nicht aber kritisieren und wo nötig auch massiv an den Karren fahren dürfen, wird sich kaum eine systemische Selbstorganisation entwickeln. Wenn Teilbereiche sich unbehelligt von andern Teilbereichen entwickeln und präsentieren, bleibt auch das wichtigste Problem gesellschaftlicher Stabilität ungelöst, das Problem von Macht und Ohnmacht.

Zur Entwicklung der Postmoderne braucht es meines Erachtens eben eine intensivere Vernetzung der Teilsysteme. Diese sollte aber nicht per wissenschaftlicher Definition, noch weniger per Gesetz, sondern im ersten Anlauf über philosophischen (wahrheitssuchenden) Diskurs erfolgen, also über Webphilosophie statt multidisziplinärer, also tribal-propagandistischer, Clusterphilosophie.

Nötig dazu ist eine Vertrautheit mit Rhetorik, insbesondere Topik, Systemtheorie und qualitativer Soziologie - nebst den Inhalten der behandelten Disziplinen natürlich.

Martin Herzog, Rheinfelden, 21. Februar 2005

Alles eine Sache der Perspektive: