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Geist als zentrale Kontrollinstanz und Innovationsgenerator im Betrieb
Holger Rust: Geist! Die Kraft der klugen Köpfe in Management und Marketing. Gabler. Wiesbaden 2007
Geist ist ein äusserst vielseitiger, alter und, ganz gemäss seinem Inhalt, eher diffuser Begriff. Er wird folgerichtig in den modernen positivistischen Wissenschaften, ja nicht mal mehr in der Analytischen Philosophie und der Sprachphilosophie, da er nicht eindeutig zu definieren ist und von zu vielen metaphysischen Bestimmungen und Gedanken geprägt wird, auch nicht behandelt.
Pneumon (gr.), spiritus (Wurzel des französischen, italienischen, spanischen etc. spirito/esprit), mens (lat.: Wurzel des engl. "mind". Mens sana in c orpore sano.), ruah/ruh' (hebräisch, arabisch: Wind, Hauch. Interessanterweise steht auch im Arabischen die Seele [nefs] dem Geist so nahe, dass die Begriffe synonym verwendet werden. Der Begriff Seele ist allerdings mit dem kleinen Problem behaftet, dass er einer dualistischen Auffassung, also der Trennung von Geist und Körper entspricht, die heute nicht mehr haltbar ist.) - Lebensatem - entwickelte sich bis zu Descartes zum Gesetz oder Lebensprinzip, zum Selbstbewusstsein des freien und denkenden Ich.
Bereits für die Stoa war Geist auch das Prinzip, das alles zusammen hält:
Das also könnte so wahrscheinlich nicht geschehen, da alle Teile der Welt untereinander im Einklang sind, wenn sie nicht von einem göttlichen und Zusammenhang stiftenden Geist zusammen gehalten werden.
Dieser Grundsatz kann heute noch gelten und eingesetzt werden gegen den Zerfall in Beliebigkeit, den die Postmoderne nahe legt. (s. Anwendung in Webphilosophie I und II).
Geist bedeutet selbst auch: Sinn, Bedeutung, Gehalt - aber auch das Vermögen, solche zu erfassen, also Scharfsinn, Witz, Esprit, oder, in etwas stärker betonierter Form: Die Gesinnung.
Nicht vergessen werden darf ob all dieser heroischen Definitionen aber, dass mit Geist auch der Geist des Alkohols bezeichnet wird ... und das folgerichtig auch Schnapsideen Produkte des Geistes sind!
Geist steht für Aristoteles zwischen dem reinen Geist, also Gott, also absolut; der Vernunft als menschlichem Geist der aus diskursivem Denken (Dialog, Kommunikation als Grundlage) erwächst, und dem Verstand, als Schauen der Grundsätze der Vernunft.
Der Heilige Geist der Christen personifizierte einen transzendenten, selbständigen, lebenden Geist/Gott. Er war zuständig für die Inspiration der Propheten und Apostel wie das Leben und Wachsen der Kirche mir ihren Aemtern und Sakramenten. Clemens von Alexandrien nennte den Heiligen Geist auch sapientia (Weisheit, das Erschmecken der Werte) und Lebenshauch (spiritus vivicans), als treibende Kraft des geistigen Lebens.
Geist(er) gab es übrigens für die meiste Zeit der Geschichte in der Mehrzahl. Der Begriff steht so auch heute noch für Wesen, die ohne materielle Grundlage auskommen können, wie Dämonen, Gespenster etc. - aber auch für "Geist des Gesetzes", böser Geist, Génie, anima, genius loci, spiritus sanctus, spiritus familiaris (Den Familiengeist ...) - bis hin zum üblen Geist des Kapitalismus, der in Sachen Boshaftigkeit und Gier dem kommunistischen Klassengeist in nichts nachsteht.
Bis 1795 bleibt der Geist in der Philosophie pluralfähig, bezeichnet also nichts Absolutes. Nach 1797 wird Geist bei Schelling und andern frei für eine neue Rolle, die als Komplementärbegriff zur Natur. Ab 1810 wird zwischen Natur- und Geisterwelt unterschieden. Die Philosophie entwickelt hier neue Spezialitäten wie zunächst die Kunstphilosophie, dann die Philosophie der Mythologie und Offenbarung.
Die Factur ist der Natur
entgegengesetzt.
Der Geist ist der Künstler.
Die Natur zeugt, der Geist macht.
Novalis
Der Geist erhält neu auch die Inhalte: Gemüt, Seele - als Potenz des individuellen Menschengeists: Der Geist soll das suchen, was über die Natur hinaus, oder was höher als die Natur ist, Gott. [Heinroth]. Obwohl hier Gott als absoluter Geist zur Idee des Fundamentalismus führen könnte, war auch das nie so gedacht, denn der Mensch ist von Geburt an bloss eine Anlage, ein Wesen, dass sich entwickeln muss. Dies gilt nicht nur für seine körperlichen Kräfte, sondern weit mehr für die geistigen. (Die Reduktion der geistigen Kräfte auf vermarktbare produktive Kräfte ist der heutige westliche Fundamentalismus - der sich gerade aus diesem Grund so am "irrationalen" Verhalten der Afrikaner und Araber stösst.).
Gott ist auch in einer rationalen Zeit nicht irrational, sondern als reiner Geist der rationalste Begriff den es überhaupt gibt. Irrational sind allerdings meist seine Vertreter, Institutionen, Interpreten, ghostwriter und "Uebersetzer" auf Erden, denen man nie intensiv genug auf die Finger sehen kann.
Objektiver Geist kondensiert sich in Sprache, Wissenschaft, Staat und Gesellschaft
Absoluter Geist, der zum Begreifen seiner selbst kommt, präsentiert sich in Kunst, Religion und Philosophie.
Der Geist war und ist allerdings NICHT eine Blaupause, die es bloss zu kopieren gilt, das war das Missverständnis des Mittelalters, das ist das Missverständnis autoritär-konservativer Bewegungen heute, egal ob religiös oder politisch motiviert.
Wo Geist herrscht, wird das Seiende als solches immer ... seiender.
Horkheimer wies, schon lange vor der Umweltbewegung und Technologiekritik darauf hin, dass die Verwissenschaftlichung und Versachlichung des Lebens tödlich ist für den Geist:
Auf ein solches Durchstreichen des Geistes, den Technik und Wissenschaft überflüssig machen, läuft aber der Gang der Gesellschaft hin, deren zukünftige rationale Struktur nur mit dem Verschwinden der Freiheit des Einzelnen und des Geistigen selbst erkauft werden könne.
[Philosophisches Wörterbuch: Geist, S. 153]
Geist
kann absolut frei sein, wird dann aber ab und zu als
"geistesgestört" bezeichnet, wenn er sich zu weit von dem entfernt, was in der
Natur zu finden ist (s. Normalität)
Natur regiert absolutistisch mit einer gewissen, d.h. beschränkten Freiheit/Varianz
Kultur ist die optimale Nutzung der Natur & die optimale Entfaltung des Geistes
Geist-er und die jeweilige Zuckerbrot-Peitsche-Kombination die sie antreibt:
| Geist | Zuckerbrot | Peitsche | |
| der Betriebsgeist/Erwerbsgeist, Unternehmensgeist | Gewinn, Mehrwert, Geld - und soziale Position - die Zugehörigkeit zur Goldenen Horde | Abhängigkeit, Armut, Sozialamt, Verarschung, Zwangsarbeit ... | |
| Der Betriebsgeist
wie der Geist der Produktivität sind nötig. Wer ihn im Betrieb vermissen
lässt, fliegt raus. Beide werden allerdings äusserst problematisch, wenn sie auf Familie oder Nation, besser Volkswirtschaft, angewendet werden. Im ersteren Fall werden die Kinder zu teuer und die Produktion wird eingestellt, im zweiteren wird das Problem vernachlässigt, dass tiefe Löhne und Arbeitslose auf Kosten der Nachfrage gehen, die dann durch den Sozialstaat künstlich erhalten werden muss (was nicht hindert, diesen kräftig zu treten als Sündenbock). Eben so tragisch ist, dass er auf ein Ziel hin normiert: Erwerb von Geld und Gütern. |
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| der Produktionsgeist - eine abartige Abart des Betriebsgeistes | Leistungslohn | kein Lohn | |
| Der Produktionsgeist, heute eher Leistungswille genannt, ist recht abartig, da er nur auf Bereiche angewendet wird, die bereits monetarisiert sind, in denen also für eine Tätigkeit ein Lohn bezahlt wird. Falls Leistung dort erbracht wird, wo sie nicht als Leistung in Geldwert definiert ist - was nicht nur bei der Hausarbeit so ist sondern in vielen künstlerischen u.a kulturellen Bereichen äusserst häufig vorkommt, zählen diese oft hart arbeitenden Menschen nicht unter die Leistungswilligen, sondern zu den Drückebergern, Schmarotzern und Faulenzern. Diese Kategorisierung ist insbesondere in rechten Kreisen beliebt, hat aber ihre ärgste Ausprägung unter Maos Kulturrevolution erhalten, in dem Intellektuelle wieder zu Bauern und Arbeitern gemacht werden sollten. Ähnliches passiert hier und heute allerdings leise und hintenrum über die Arbeitslosenkassen - per "Zumutbarkeit" - nach der bei Sozialämtern am liebsten gar nicht erst gefragt wird. (s. Restructuring and Reengineering - der Kulturkampf des Westens.) | |||
| der Arbeitsgeist | Lohn, Sicherheit - ehemals Berufsstolz | Arbeitslosigkeit - "Gulag" der Beschäftigungsprogramme oder verordneter Arbeit, also Zwangsarbeit | |
| Der Geist der Arbeit hat einen Januskopf. Auf der einen Seite soll Arbeit, in Form des Berufes, zur Selbstverwirklichung beitragen, zu einem selbständigen Lebensstil verhelfen - auf der andern Seite ist Arbeit seit jeher und immer noch eine Strafmassnahme - nicht nur in Sibirien. | |||
| der Familiengeist | Zusammengehörigkeit, Schutz, Geborgenheit | Einsamkeit | |
| der Nationalgeist | Identität ... " | " / die Notwendigkeit, sich allenfalls selbst um seine Identität kümmern zu müssen oder irgendwie "verloren" zu sein. Tritt häufig auf bei Kindern aus interkulturellen Verbindungen. | |
| der Schul-Klassengeist | Zugehörigkeit | Ausschluss, Aussenseitertum | |
ähnliche Geister, die oft in Ungeister ausarten, sind: Gruppengeist, Clanspirit, Cliquen- oder Stammesgeist etc.
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Der Schul-Klassengeist ist zwar meist eine äusserst lästige Angelegenheit (wie jede soziale Enge in Kleingruppen), ist aber auch eines der ersten Felder, in denen sich das Individuum einerseits gegen Vereinnahmung durch die Gruppe wehren muss - andererseits tolerant und bis zu einem gewissen Masse kompromissbereit sich in den Mehrheitswillen einfügen lernen muss. Wo allerdings dieser Geist zum Ungeist wird, und wie in letzter Zeit ab und zu auf Mobbing, bis hin zur Gruppenvergewaltigung drängt, muss ihm mit einem überzeugten Nein begegnet werden - was die Zivilcourage erfordert, die in der Betriebs-Wirtschaft immer mehr als störend empfunden wird. Dass hier die Gruppe eine derart überwältigenden Einfluss auf das Individuum ausübt, erklärt sich bereits aus der Definition von Clique: Jeder eines jeden Freund. Daraus gibt es folglich kein Entkommen, wenn man nicht auf Distanz zur Gruppe gehen will oder kann. |
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| der Klassengeist | Vertretung der gemeinsamen Interessen, gemeint meistens der arbeitenden Klasse. Ist längst gestorben. (s. Russland heute) | Gulag: Arbeitslager | |
| der Geist der Anpassung | survival of the fittest | Elimination | |
| Survival of the fittest heisst
eben nicht, das Überleben des Stärksten und Grössten - sondern das
Überleben dessen, der am besten angepasst ist (to fit = passen).
So haben grosse Firmen zwar immer bessere Chancen auf Grund der
economy of scale
- aber nur wenn sie die Fähigkeit beibehalten, sich rasch auf ändernde
Kundenwünsche und Marktbedingungen einstellen zu können. Innovation kommt da
erst an dritter Stelle - nach dem Schutz der eigenen Produkte vor
Nachahmung. Dieses Prinzip führt leider auch dazu, dass Schleimer meist
bessere Chancen haben als Denker, Anpasser bessere als solche Mitarbeiter,
die Innovationen - also Änderungen - vorschlagen. Diesem Geist entkommt allerdings der Kreativste nicht, denn auch ein relativ freier Geist muss - im Sinne der Wahrheitssuche - darauf achten, dass seine Denkstücke a) zusammen passen und b) Anschluss an die gegebenen Umweltbedingungen haben (womit Natur wie Gesellschaft und Wirtschaft gemeint sind). [s. Passung im Konstruktivismus] |
Wachstum - der Weg zu Grösse und Macht:
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| Der Geist des Kapitalismus | Präzise diesem Geist entspricht die
Geisteshaltung der Arier, deren "Herrenmenschentum" nur für eine ganz kleine
Elite galt. Da Herrenmenschen immer sehr vieler Sklaven bedürfen, entspricht
der ursprüngliche arische Geist dummerweise eben eher dem von Anpassern:
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| Die Dressur der Geister | Das Uebelste an der ganzen Geschichte ist nun, dass das Belohnungs- und Bestrafungszentrum im Hirn, die Basalganglien, auf Geld genau so reagieren wie auf Drogen: Entzug schafft grosse Schmerzen - Vermehrung grosse Freude - durch einen Schub an Endorphinen oder Opiaten. Geld macht süchtig. Und da hat jede Kultur und jeder Geist, die nicht von diesem Pferd gezogen werden - Probleme. | ||
1. Definition Geist nach Rust:
Geist ist : Die Haltung eines intelligenten und gebildeten Menschen, der sich auf der Grundlage der Lebenserfahrung und Weltgewandtheit in den grammatikalischen und semantischen Finessen der Sprachspiele zur Realitätsbewältigung zu bewegen weiss, die hohe Kunst einer tiefgründigen Mitteilung beherrscht und gleichzeitig zuhören kann.( = Bildung)
Der Geist zielt auf Stabilität und Vermeidung kognitiver Dissonanz.[S. 58]
Für mich ist Geist (wie Gott) (nur) ein Ordnungsprinzip, das gerne dazu ausgenutzt wird, Grenzen zwischen Menschen-Klassen zu ziehen, s. Bildungsillusion: grosse Geister, kleine Geister, Geist des Unternehmers, Arbeitsgeist.
Geist ist allerdings die höchste Ordnungsform - denn Geist liefert die Strukturmuster des Wissens
Geist strukturiert Wissen, Denken, Fühlen (das nur eine spezielle Form des Denkens ist, weshalb es ja eben z.B. die psychosomatischen Krankheiten gibt) und Handeln.
Geist ist der Gegenpol, der Kontrapunkt, zu Materie, und damit meist zu Natur.
Geist wird gegenüber Geld unterbewertet, obwohl die Hälfte der Wissenschaften sich mit ihm befassen, denn diese teilen sich auf in Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften, wozu meist auch die Sozialwissenschaften gezählt werden, oder wurden, da sie sich aus Gründen des Renommés heute lieber naturwissenschaftlich geben:
Reich der Natur <> Reich der Ideen und Werte
Soziologie
Psychologie
Rechtslehre
Theologie
Sprachwissenschaften
Philosophie
Geschichte
... s. http://www.brainworker.ch/Wissen/wissenschaften.htm#geisteswissenschaften
| Die variierende Stilistik von konsumorientierten Ausdrucksaktivitäten wird mit Kultur verwechselt, die Teilhabe an Zirkeln Gleichgesinnter mit Kommunikation. [S. 124] |
Auch, aber nicht nur, auf Grund des wirtschaftlichen Erfolges, der Verwertbarkeit, der Naturwissenschaften, gerieten die Sozial- und Geisteswissenschaften ins Hintertreffen, obwohl sie den 2. (oder 1., nicht wertend gemeint) Ast der Gabelung in wissenschaftliche Disziplinen darstellen. Aber nicht nur sie, sondern auch der Geist, der heute in einem lamentablen Zustand ist (wofür die exorbitanten Preise die für "Kunst" bezahlt werden kein Gegenbeweis, sondern gerade Beleg sind).
Der Geist ermöglicht uns, auch aus Erfahrungen anderer zu lernen, uns an Wissen zu orientieren, das über die persönliche Erfahrung hinaus geht. Geist ist damit insbesondere wichtig für die Handlungsorientierung.In der heutigen Zeit herrscht die kalt berechnende Intelligenz, die die Welt auf die Massgabe ihrer unmittelbaren Ziele reduziert: Optimierung von Marktzugängen und Maximierung der Erträge, globaler Wettbewerb und Innovationswettlauf. In dieser Welt erscheint der Geist vor allem in seiner instrumentellen Form als "Mind", als ein planvoll artikulierbares Produkt des "Brain", dessen sichtliche Regungen nun, einer sich selbst als neu und revolutionär deklarierenden Wissenschaft zufolge, der "Neuroökonomie", sogar gemessen und bildhaft dargestellt werden können.
Da Geist sich im Kontakt mit andern bildet, bedarf er der Kommunikation. Wahrer Geist entsteht nur aus Kommunikation mit andern ... wobei man Kommunikation aber auch hier nicht mit Geschwätz verwechseln darf. (s. Identität, Rolle, Persönlichkeit).
Geist ist somit ganzheitlich orientiert, was äusserst komplex und schwierig ist, da er als Ordnungsprinzip natürlich nach Widerspruchsfreiheit sucht - die Welt aber voller Absurditäten, Widersprüche und Paradoxien ist. Deshalb greift er zu Banalisierung oder zumindest Vereinfachung auf Modelle, Konstrukte, Theorien.
Wir suchen immer übersichtliche Erklärungssysteme, die uns erlauben, uns in der Welt zu orientieren und zielorientiert zu Handeln.
Oft werden diese Erklärungssysteme, die eigentlich nichts sind als geistige Konstrukte, als reale Welt genommen, und beeinflussen diese logischerweise entsprechend.
Das Konstrukt mit den aktuell übelsten Auswirkungen ist der Homo oeconomicus, der Mensch als Buchhalter.
Da dieses Konstrukt als "Wahrheit" genommen wird, reduziert sich das Weltbild und das gesamte menschliche Verhalten und Streben entsprechend. Es wird geistlos, verwirrt, verirrt:
Die sektorale Intelligenz als Strukturprinzip in Management und Marketing führt den Geist gern in die Irre. [S. 9-10]
Ganze Areale des institutionellen Gehirns liegen unvernetzt nebeneinander, was, in Analogie zu Schädigungen des menschlichen Gehirns, zu Autismus, Realitätsverlust oder anderen seltsamen Verhaltensweisen führt. [nach S. 13]
Aufgaben werden von Führungskräften diktiert, die Angestellten werden darauf abgerichtet, traditionelle Routinen möglichst effizient, d.h. produktiv, abzuarbeiten. Wozu also ein Studium, dass für wissenschaftliche Forschung trainiert, also offenes Fragen und die disziplinierte Suche nach Lösungen?
Seit langem fordern Managementwissenschaftler ein Auslüften der Gehirne, ohne dass es keine Innovation geben kann. Nicht konformes Verhalten, Störungen, Widerstand müssten als Bereicherung verstanden werden ... dem ist aber nicht so. Die Anpassungsbereitschaft an kaum bezweifelte Normen und Systeme ... derer, die über Posten und Positionen entscheiden ... herrscht uneingeschränkt.
Denn dort wo sie dies nicht tut, finden sich die Betroffenen in den Disziplinierungsanstalten der Arbeitsvermittlungen und/oder Sozialämter, die bald auch auf die Behinderten ausgedehnt wird.
2. Gegenwärtige Situation / Probleme
2.1 Innovationsstau
Die Wirtschaft beklagt Innovationsstau, mangelnde Kreativität, Motivationsverlust, mangelndes Interesse an Technik, Jammerkultur, Visionslosigkeit ... Rust meint dazu: Die Technikbegeisterung der Jugendlichen ist eigentlich intakt: SMS, Blogs, Internet, High-Tech-Spielzeug und Tools ... aber die soziale und kulturelle Kompetenz fehlt: Bedürfnisse erkennen, Märkte gestalten, kluge Innovationen ersinnen, Menschen begeistern - das ist die Idee des klassischen Unternehmertums.
Was bewirkt Innovationsstau? Was bremst die technische Entwicklung?
lähmende Bedingungen für Erfinder
Verfall der Forschung an den Universitäten
Verselbständigung in den grossen Forschungseinrichtungen in den Grossunternehmen
rechtliche Regelungen und bürokratische Hemmnisse (Gentechnologie, Architektur, Fahrzeugbau ....)
aber auch fehlende Regulation, weil die Richtung der Entwicklung unklar ist (s. UMTS, wofür Milliarden verlocht wurden ... die nichts einbringen)
steigender Abstimmungsbedarf (connectivity ....): Je mehr der technische Wandel in den verschiedenen Phasen auf den unterschiedlichen Feldern beschleunigt wird, desto stärker wird das Tempo der gesamten konzertierten Innovation gebremst. In einem heterogen verteilten System der Innovation wachsen nämlich die Koordinationsprobleme zwischen den unterschiedlichen Motiven und die Synchronisationsprobleme der unterschiedlichen Tempi an.
Seltsamerweise fehlt hier die wichtigste Frage: Stimmt der Eindruck des Innovationsstaus überhaupt? Verläuft die technische Entwicklung wirklich gebremst? Dann würde nämlich rasch klar, dass die Klage falsch formuliert ist, denn es geht nicht um einen Stau, sondern darum, dass sich Innovationen nicht immer noch schneller und in noch grösserer Zahl finden, entwickeln und vor allem vermarkten lassen. Wo Überfluss herrscht, ist es schwer, zur Produktion von noch mehr überflüssigem zu motivieren. (s. Oekonomie des Ueberflusses).
Dafür gibt Rust die Antwort, wie das Problem zu lösen sei, eine Antwort, die die Wirtschaft, insbesondere in Biotechnologie, Gentechnologie, Gentechnik, Pharma, längst einsetzt, über Netzwerke:
Es ist eine Illusion zu glauben, in der Bundesrepublik, dem Land der Ideen, herrsche nur ein Mangel an Umsetzungsbereitschaft. Es herrscht ebenso ein Mangel an zukunftsträchtigen Ideen, weil die Vernetzung von unterschiedlichen Akteuren noch zu gering ist. Dass die Neurowissenschaften, namentlich die Hirnforschung, sich in einen intensiven Diskussionsprozess mit der Philosophie begeben hat, sollte eigentlich in der Wissenschaft als Fanal verstanden werden, das Prinzip zu übernehmen. Stattdessen werden - in opportuner Affirmation - nur jene Teile der Neurowissenschaften übernommen, die sich in die alten Konzepte einfügen lassen.
Ideen sind Produkt intellektueller Tätigkeit, die sich aus vielen Impulsen nähren. In diesem Sinne ist auch aus Rammerts Überlegungen ein klares Fazit abzuleiten: "Wenn weder der ... risikofreudige Erfinder-Unternehmer noch der kapitalistische Konzern, weder der kreative Wissenschaftler noch die staatliche Grossforschung allein den Gang der Innovation bestimmen können, dann werden die Innovationsnetzwerke zu den bestimmenden Agenturen .. Neuerungen sind Netzwerkeffekte. Innovationen entstehen im Netz. Innovationsnetzwerke sind der neue Motor der technischen Entwicklung.
... auch hier fehlt die wichtigste Frage: Brauchen wir überhaupt noch technische Entwicklung? Was versprechen wir uns von noch mehr Technik? Was erwarten wir von der Technik ... ausser mehr Umsatz? DAS dürfte die kritische Frage sein.
Dass sich das Wachstumsproblem nicht allein auf fehlende Impulse zurückführen lässt, zeigt die Riskoeinschätzung unterschiedlicher Wachstumsstrategien: Am sichersten ist Wachstum aus dem eigenen Kernbereich heraus - am riskantesten neue Produkte die neue Produktionsanlagen nötig machen. Das erklärt, warum Unternehmer sich lieber erst 100 x um die eigenen Achse drehen bevor sie einen Schritt vorwärts machen ... von dem sie zudem nicht sicher sind, ob es nicht ein Schritt seitwärts oder gar rückwärts ist. Allianzen und Netzerke sind da immer noch eine Stufe sicherer als Übernahmen und Zusammenschlüsse - allerdings muss der Gewinn so geteilt werden.
Zudem stehen zwei weitere Erfolgsstrategien weit über der Innovation:
Den höchsten Erfolg verspricht eine Strategie der Anpassung (an die Wünsche des Marktes). Sie bestimmt (statistisch) 43% der Erfolgs
Gleich danach kommt der Schutz der eigenen Produkte vor Imitationen, der 27% des Erfolgs bestimmt.
2.1.1 Basisproblem: Defizit an stimulierenden Impulsen
Das Hirn wird durch Wechselwirkungen mit der Umwelt, der Alltagskultur, geprägt. Es muss dauernd neue pfiffige Reaktionsmöglichkeiten finden, um sie den Überraschungen der äussern Natur entgegen zu halten.
Das intellektuelle Problem besteht im Defizit stimulierender Impulse.
Abgesehen davon, dass ich die Aussage für falsch halte, denn die Natur ist an und für sich recht zuverlässig und überrascht uns eigentlich nur sehr selten, so selten dass es dem Menschen sehr leicht langweilig wird ... und das dürfte der Hauptgrund für die immerwährende Aktivität und Hetze des westlichen Menschen sein - lässt sich der Bedarf an Impulsen auch aus der Systemtheorie erklären: Je komplexer ein System, desto mehr Reaktionsmöglichkeiten braucht es um auf Änderungen reagieren zu können. So auch die Empfehlung von Jared Diamond in Kollaps:
First, the principle that really isolated groups are at a disadvantage, because most groups get most of their ideas and innovations from the outside. Second, I also derive the principle of intermediate fragmentation: you don't want excessive unity an you don't want excessive fragmentation; istead, you want your human society or business to be broken up into a number of groups which compete with each other but which also maintain relatively free communication with each other. And those I see as the overall priciples of how to organize a business and get rich. [S. 174]
Notwendig für das Funktionieren und Überleben der Gesellschaft und Wirtschaft ist das rechte Mass zwischen Freiheit/Individualismus/Separatismus/Kleinbetrieblichkeit - und Organisation, sei es gesellschaftliche, staatliche oder wirtschaftliche.
Soziales Lernen, emotionale Intelligenz, Empathie ... können auf hunderterlei Arten gelernt werden. Manager lernen vordergründiges, dem Erwerb unmittelbar nützliche Handgriffe, Regeln, Modelle, Rezepte: Tools. Die Forschung der Soziologie zeigt jedoch, das die Reaktionsmöglichkeit eines Menschen um so grösser ist, je mehr äussere Provokationen seinen Geist erreichen. [S. 24]
Der Mensch ist nicht bloss Buchhalter (homo oeconomicus), sondern auch (wenn auch meist beschränkt) ein Geschöpf das über ein gewisses Wissen verfügt (homo sapiens), dieses tätig (homo habilis) und spielerisch (homo ludens) umsetzt. Während die Elite sehr gerne spielt, am liebsten mit dem Geld und Schicksal anderer, dressiert sie die Untergebenen auf absolute Unterwerfung unter Vertrag und Auftrag:
James M. Citrin: Lessons from the top, schreibt sieben Jahre später: "Erfolgreiche Führungskräfte erlauben es sich sogar, sich in einem frühen Stadium ihrer Karriere treiben zu lassen, in einer grossen Vielfalt funktionaler Bereiche Erfahrungen zu sammeln und ganz selbstverständlich jene Dinge anzustreben, die sie am besten können und am meisten mögen. Sie versuchen nicht, sich die Karriereleiter hinaufzuzwingen. Es ist allerdings ein strategisches "Sich-Treiben-Lassen", ein Austesten verschiedener Punkte im Arbeitsleben um zu bestimmen, wo ihre wahren Stärken, Leidenschaften und Passungen liegen." [S. 175]
Obwohl die heutige Wirtschaft zum grossen Teil bereits recht überflüssigen Schrott produziert und verkauft, die Menschen dazu per Werbung verdummt, orientiert sich die Oekonomie offiziell noch immer am rational entscheidenden homo oeconomicus ... während dem sich Forschung und Marketing längst mit dem eher gefühlsmässig agierenden homo ludens bis homo gähniensis (oder schnarchsackus) befassen. Dass Kaufentscheide meist wenig rational sind wurde längst belegt durch Antonio Damasio, Luc Ciompi, Michael Rey (AID-A) und Daniel Goleman: Emotionale Intelligenz.
Der Mensch darf also nie vergessen, dass er ebenso ein Homo risibilis (Aristoteles) ist, was gerne als "lachendes Geschöpft", übersetzt wird, aber eigentlich meint: Der Mensch ist ein lächerliches Geschöpf. Er sollte also den Humor nie verlieren. Diese ernsthafte Angelegenheit unterstrich auch Diogenes, indem er den Gehalt Platons Definition des Mensch als eines federlosen Zweifüssers demonstrierte indem er einen gerupften Hahn vorstellte: Dies ist der Mensch Platons.
2.2. Anpassungstraining, Dressur und Disziplinierung der Talente - im Namen der Berechenbarkeit
Alle die von "Bildung" schwärmen, wie wichtig, unerlässlich, problemlösend, geisteserweiternd etc. blablabla sie sei, sollten sich McKinseys Aussage in War for Talents merken: Es geht darum, Talente für bestimmte strategische und operative Standards und daraus resultierende Aufgaben berechenbar zu machen ...[S. 117] d.h. es geht nicht darum, geistige Potentiale zur Entfaltung zu bringen, sondern diese auf Produktivität abzurichten, zu dressieren.
Definition Talente:
Talente sind wirtschaftliche verwertbare Personen. Talent = Highflyer = High Potential = die Besten = High IQs = Kandidaten mit Einserexamen *, vielen wirtschaftlichen Praktika, formatierten Lebensläufen und dem stets gepackten Rollkoffer unterm Bett, weil mobil, doch gleichzeitig auch irgendwie nachweisbar sozial engagiert - aber eben eher als Schmuckfarbe und Dokumentation der Anpassungsbereitschaft und weniger aus Überzeugung. Diese Talente tendieren dazu, sich in bestimmten Zentren zu konzentrieren - sowohl was die Ausbildung als auch was Wohnorte und Gewohnheiten betrifft. [S. 119]
* (Für die Schweizer: Mit Einser sind hierzulande die 6er gemeint). Hier schon der erste Widerspruch, denn meist nutzen Menschen mit hohem IQ ihre Zeit, über die sie reichlich verfügen, da sie sich weniger anstrengen müssen beim Lernen, für ihre Interessen. Wenn ihre Interessen einem durchgängigen Set von 1ern gilt, dürfte das eher auf eine gewisse geistige Beschränktheit als auf hohe Intelligenz deuten. Da ich hier als Zeuge nicht grad unverfänglich bin, so zusätzlich die Aussage des Nobelpreisträgers Richard Ernst: Mein Forschertrieb wurde nicht durch die Schule geweckt. Ich war ein Eigenbrötler und Querdenker und stellte alles in Frage. Wenn ein Lehrer etwas sagte, wollte ich das Gegenteil beweisen. [Tagesanzeiger 25. Juli 07. S. 12].
Diese Talente müssen (meist wollen sie auch, zumal die geistig beschränkteren darunter) lernen bereitwillig zu folgen - ohne die Position der Altvorderen zu gefährden!
Diese sektorale Intelligentia tendiert nun dazu, sich an bestimmten, symbolkräftigen Orten niederzulassen. Die Symbolkraft dieser Orte entsteht dadurch, dass sich schon andere dort niedergelassen haben, die dieselben Attitüden pflegten. Das Verständnis für die Umwelt verkümmert, die sektorale Intelligenz erhebt sich zur Norm und interpretiert die Umwelt der eigenen Tätigkeit nur noch aus dem Blickwinkel des Ertrags. [S. 113]
Etwa ein Drittel der heutigen Hochschulabsolventen zählt (sich selbst) zu den Nachwuchskräften dieser Art, die vor allem eines im Sinne haben - so zu werden wie die, die bereits in den Vorstandsetagen agieren, das heisst: Machtpositionen zu erreichen: Im persönlichen Kontakt mit den Spitzen des Unternehmens lerne ich, wie diese Manager denken und nach welchen Spielregeln sie ihr Geschäft betreiben. Der Journalist des Manager Magazins ergänzte dieses Interview mit einem 28-jährigen Leiter der Kommunikationsabteilung eines Energiekonzerns wie folgt: Ein unschätzbarer Vorteil für jeden, der Karriere machen will.
Nicht die Bildung generell, die Differenzierung der Geister, sondern die Fokussierung auf die wirtschaftliche Kompetenz steht hier im Zentrum der Übernahme einer gesellschaftlichen Aufgabe - Fokussierung auf die Kernkompetenzen. Der einzige "Geist" der hier transportiert wird ist der Geist der Unterwerfung unter die Gesetze des Kapitals und seiner Vermehrung.
Global cities sind die Hochburgen solch "symbolkräftiger Orte", an denen sich die Elite gerne niederlässt:
evp: employment value proposition - definiert durch alles was das Leben der jungen, hochklassigen Nachwuchskräfte herausfordernd und spannend macht: Kommunikative Innovation, kongeniale Atmosphäre, Stil und die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Immaterielle Belohnungssysteme, zu denen auch die Umwelt des Unternehmens zählt, die Alltagskultur, in der sie leben und die nahtlos in die Kultur ihrer Arbeitsumgebung anschliesst. Es geht um hervorragende medizinische Versorgung, um gute Schulen für eventuelle Kinder, es geht um Gastronomie und Kunstgenuss, um Entspannungsmöglichkeiten jenseits der normierten Massen-Wellness-Industrien, um Museen, Galerien und Kunstsammler und um Sportmöglichkeiten, ein angenehmes Ensemble an Architektur und die Möglichkeit, sich frei und gefahrlos zu bewegen. (Novartis Campus lässt grüssen ...) Es geht um den Zugang zu authentischen Kulturgütern, zu Weinbergen, vielfältigen Stadtquartieren, nahen erholsamen Landschaften, zu Kneippen und Gaststätten, zu Elementen eines Lebensstils, die alle dem Habitus der karriereorientierten hochklassigen Bildung entsprechen. [S. 122]
Nicht zu vergessen: Steuern, im Klartext: Wenig Steuern.
Mercer Quality of Living-Index (Zürich, Genf, Wien, die 3 Spitzenreiter in Europa.
Traditionell waren es aber eher Flüchtlinge (Hugenotten), oder zumindest landflüchtige Bauern, die in die Stadt zogen um die Welt neu zu gestalten und zu prägen, eine neue Weltordnung zu schaffen. Eine neue Weltordnung ... wird eben nicht (bloss) durch Politik, noch weniger durch Geisteswissenschaften, sondern primär durch die Gewalt und Vorherrschaft von Wirtschaftsräumen geschaffen.
Trotz der vielen Möglichkeiten tendiert die städtische Intelligenz zur Homogenisierung und Abgrenzung. Das Verständnis für die Umwelt verkümmert, die sektorale Intelligenz erhebt sich zur Norm und interpretiert die Umwelt der eigenen Tätigkeit nur noch aus dem Blickwinkel des Ertrags. [S. 123]
Dem britischen Fotographen Simon Wheatley zum Beispiel gelang es, die Sympathie der Outlaws in den Pariser Vororten zu gewinnen und ein Jahr lang zu dokumentieren, wie sie leben und denken. Wie sie arbeiten, war nicht zu dokumentieren, weil sie keine Arbeit haben. So sagte einer von diesen jungen Leuten zum Thema Bildung: "Tu joue le jeu, tu vas à l'école. Tu travailles, tu passes tes examens. Et puis là, le jeu s'arrête. Pas de boulot. "Game over".
Ein anderer fügte hinzu: "Tu deviens fou ici tellement il n'y a rien a faire. Quand to regards la télém tu vois des filles, des voitures. Et puis tu sors dehors et tu ne vois de rien de tout ça."
Bildung ja, aber dann, keine Chance.
Bildung ist sicher eine unabdingbare Bedingung für erfolgreiche Berufsarbeit ...aber ohne dass den nun immer besser gebildeten auch bessere Chancen geboten werden, führt das Konzept nur zu weiteren Konflikten.
Was nützt mir alle Bildung, was nützt mir das Engagement, wenn die da oben irgendwann entscheiden, dass wir zu teuer sind. ... Wenn die Chefs Leistung erbringen, kriege sie mehr Geld. Der Aktienkurs steigt, das ist ihre Leistung, und natürlich steigen dann die Tantiemen, aber nicht wie bei uns im realen Promillebereich, da geht es um zehn, 20, manchmal 30 Prozent Erhöhung. Und ich hab noch keinen von denen in einer Weiterbildungsveranstaltung gesehen.
Bildung ist dabei in drei Hinsichten zu definieren: als lebenslanger Prozess der Modernisierung von Fachkompetenzen, als gleichzeitige Pflege von Zusatzqualfikationen wie Sprachkenntnisse und technische Fertigkeiten sowie ebenfalls der Prozess des lebenslangen Lernens integrierter Pflege der so genannten Schlüsselqualfikationen wie der grundlegenden Kommunikationsfähigkeit und der Einfühlsamkeit in die Positionen anderer.
s. detaillierte Abhandlungen zu dem Thema:
2.4 Der Separatismus der Meritokratie: Elite distinguiert sich, d.h. sie verweigert die Anpassung
Während bei Immigranten, Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern alle a) über Bildung und b) über die Pflicht zur Anpassung schwadronieren, passiert am andern Ende der Gesellschaft präzise das Umgekehrte: Man(n und Frau) will sich vom Pöbel unterscheiden, "distinguiert", gebildet, gepflegt, kultiviert auftreten ... wobei allerdings meist der Schein reicht. Sorge bereiten schon die "Löhne", welche sich gewisse Manager meist gleich selbst zusprechen können (obwohl hier ein gewisses Missverständnis herrscht, da diese Manager eigentlich den Job des Eigentümers leisten, also einen Anteil am erzielten Mehrwert erhalten, und nicht bloss Arbeits-Lohn. s. Abzockerinitiative).
Soziologen warnen weit Mitte der 90er Jahre bereits vor einer zunehmenden Entfremdung der Elite von den Gesellschaften, aus denen sie entstanden sind. Manuel Castells zum Beispiel: "Eliten sind kosmopolitisch, Menschen sind lokal."
Solange Chancengleichheit herrscht, mag diese Meritokratie akzeptiert werden - um so mehr dann, wenn sie tatsächlich die Chancen anderer erhöht, am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, und kulturellen Reichtum teilzunehmen. Doch die Entwicklung läuft in eine andere Richtung. Die sektorale Intelligenz zerstört durch die Ignoranz gegenüber ihrer gesellschaftlichen Verantwortung die Grundlage ihres Arbeitens.
Die Elite, die über Strategien und Taktiken entscheidet, redet eine eigene Sprache und lebt einen "eigenen" Lebensstil (nur so weit "eigen", dass man noch dazu gehört. Dazu gehören ist DAS entscheidende Kriterium, dass diese Geld-Elite zum Pol macht (s. die goldene Horde), nach dem alle streben, die nicht dazu gehören, aber es gerne möchten, also die meisten.
Eine seltsame Trennung von geistigen Arealen entwickelt sich im Unternehmen, welche verhindert, dass sich ein Geist entwickelt:
Diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter repräsentieren aber noch einen ganz anderen Wert, der hinter dem weitläufigen Wort von der "wertvollen Ressource" verschwindet: Sie leben im Unterschied zu der jungen Elite der Nachwuchskräfte in sehr unterschiedlichen sozialen Milieus, sind also welterfahren. Doch diese Erfahrungen kommen dem Unternehmen nicht zugute, weil zwei Vernetzungssysteme nicht funktionieren:
erstens das der Kommunikation unterschiedlicher Szenen im Unternehmen;
zweitens das der Integration der individuellen Erfahrungen, die diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Welt ausserhalb des Unternehmens gesammelt haben.
Beides hängt eng zusammen, denn nur die lebendige Kommunikation im Unternehmen ermöglicht die Diskussion der Bedeutung von Erfahrung in der Welt draussen für das Unternehmen.
Hier haben wir das grösste Problem, das die Entwicklung einer "Kultur", "Philosophie", oder eines "Geistes" im Betrieb behindert: Die Mitarbeiter sprechen, nicht nur nach ihrer betrieblichen und sozialen Position getrennt, sondern auch auf Grund ihrer Ausbildung und Funktion, ihrer unterschiedlichen Spezialisierungen, Interessen, Ziele, Kulturen. unterschiedliche Sprachen. Das macht die Verständigung schwierig, weshalb die innerbetriebliche Kommunikation ja auch meist streng formalisiert, d.h. bürokratisiert ist..
Bereits hier wird Rusts Ziel, einen "Betriebsgeist" zu schaffen, illusorisch, eben so illusorisch wie der Versuch vieler gutmeinender sozialer Agenten, die in den Städten versuchen aus Anonymität Nachbarschaft zu kreieren. Die Anonymität hat auch den Vorteil der geringen sozialen Kontrolle, die, gerade von Menschen die vom Land kamen, meist als Befreiung von Zwängen empfunden wurde. Man kann (und muss) sich in der Stadt die Menschen, mit denen man was zu tun haben will, selbst aussuchen und, falls erwünscht, opportun und möglich, Netzwerke bilden.
Mitarbeiter eines Betriebes sind heute, dank Flexibilisierung und Globalisierung, eben so zufällig gemischt wie die Bewohner eines Wohnblocks ... die zunehmend nicht zu Kooperation ermuntert, sondern, zwecks grösserer Gefügigkeit und leichterer Verwaltbarkeit von der "Lagerverwaltung" sogar in der Kommunikation behindert werden. Hier in meinem wurden soeben sogar die Bänke aus der Lobby und im Hof entfernt, weil sich dort oft Kinder anderer Blöcke aufgehalten haben.
Eine Betriebsgemeinschaft ist als soziale Einheit der Nachbarschaft ähnlich, die man sich genau so wenig aussuchen kann wie die Mitarbeiter (wenn man nicht der Chef ist). Nachbar kommt von Nah-Bauer, bezeichnet also den nächsten Bauern, mit dem man kooperiert wenn man muss oder wenn er sympathisch ist, in der Verteidigung und Arbeitsorganisation, Wasserversorgung, Infrastruktur - dem man mit aalglatter Höflichkeit oder offener Feindschaft begegnet wenn es um Grenzstreitigkeiten (Lärm), Übergriffe, Diebstahl, Schädigung, Neid und dergleichen geht. (s- Jeremias Gotthelf). Städter sind da auf keinen Fall besser als die Bauern, sondern bloss besser isoliert, durch dicke Betonwände.
Wenn hier ein "Geist" helfen soll, dann offenbar ein Geist kindlicher Unschuld und Interessengetriebenheit.Dazu eine eindrückliche Schilderung aus Indien [Bruno Giussani: Das relevante Neue (III). GDI Impuls. Sommer 2007. S. 94-101]]: Mitra erlebte, wie Kinder aus dem Slum anderen beibrachten, im Internet zu surfen. Das Experiment wurde an verschiedenen Standorten wiederholt. Einmal brauchte das Kind acht Minuten, um die Funktion des Mauspads zu erlernen, aber am Abend hatten bereits siebzig Kinder den Computer benutzt - ohne einen Lehrer, ohne Handbuch, einfach durch Selbsterfahrung und Weitergabe der Information. <Schliesslich wiederholten wir den Versuch in einem Dorf, wo die Kinder noch kein Englisch konnten, und liessen den PC mit CDs im Laufwerk stehen, weil es keinen Internetanschluss gab.> Wochen später fand Mitra Kinder am Computer spielend, die ihm als Erstes auf Englisch mitteilten: "Wir brauchen einen schnelleren Prozessor und eine bessere Maus." Angesichts seiner Verblüffung erklärten sie: "Ihr habt diese Maschine hinterlassen, die nur Englisch spricht, also mussten wir Englisch lernen." Mitra sah, dass die Kinder auch im Gespräch miteinander bereits englische Begriffe benutzten. Nachdem sein Team das Experiment im grossen Rahmen mit ähnlichen Resultaten durchgeführt hatte, kam er zum Schluss, dass <Sechs- bis Dreizehnjährige sich in einer vernetzten Umwelt selbst instruieren können, ungeachtet von Bildungshintergrund, Englischkenntnissen oder der ökonomischen Situation.>
Hier, in diesem kurzen Abschnitt, steckt eine Menge an Informationen drin die unser Bildungs- und Selektionskonzept ganz gewaltig durchschütteln könnte:
- Kinder behalten Wissen nicht in strategisch-taktischer Verwertungsabsicht für sich, sondern teilen es mit andern. Wissen explodiert so quasi und erreicht innert kürzester Zeit fast alle (auch Kinder diskriminieren ...).
- Wo Kinder erkennen, dass Wissen nötig ist für einen bestimmten, ihnen interessant erscheinenden Zweck, organisieren sie sich dieses Wissen innert kürzester Zeit - sogar wenn sie dafür eine Fremdsprache lernen müssen.
- Kinder sind in der Lage, selbst zu lernen - ungeachtet des Bildungshintergrundes, ihrer wirtschaftlichen Situation und ihrer sprachlichen Kenntnisse.
Nimmt man diese Resultate ernst, so heisst das, dass unsere Kommunikations- und Selbst-Bildungs- und-Lern-Behinderung durch eben die Strukturen verursacht werden, die Bildung fordern und/oder vermitteln. "Distinktion" (Unterscheidung = Diskriminierung) ist und war aber immer primäres Anliegen der Elite .... das marktorientierte lebenslange Lernen ein Dressurakt, der Bildung behindert und Wissen verhindert.
3. Reduktionismus und Konstruktivismus
"Unsere Gehirne sind aufgrund evolutionärer Selektion darauf spezialisiert,
in der Welt, die uns umgibt, Modelle zu erstellen,
die uns erlauben, Voraussagen zu formulieren über das, was geschehen wird,
um Verhalten anpassen zu können.
Wolf Singer
Diese Modelle sind meist einfacher, metaphorischer Natur und treten auf als Geschichten, Mythen, Märchen, Sagen, religiöse Systeme, poetische Vergleiche, Modelle, Kennzahlen. All diese sind Ausdrucksformen eines Konstruktivismus, der die Welt versucht nach einer Ordnung zu beschreiben, zu verstehen, zu erklären, und aus dieser Folge die Handlungsentscheidungen zu begründen.
Ob die Plausibilität solcher Lösungen mit naturwissenschaftlicher Logik haltbar ist, bleibt zweitrangig. Wichtiger ist, dass sie funktionieren. So entsteht sektorale Intelligenz die auf Zweckerfüllung gerichtet ist. Leider verändert sich die Umwelt ... während dem die Modell bleiben (s. Paradigmen in Kuhns Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.). Der Mangel an offener Kommunikation behindert ihre Revision. [n. S. 31]
Weil nicht lineare und generell komplexe Systeme keine kausalen Voraussagen erlauben, werden Ergebnis und Ursache auf direkte lineare Beziehung herunter-banalisiert. Rust erklärt so z.B. den Zusammenbruch von LTCM mit irrationalem Verhalten der Anleger. Das Modell Homo oeconomicus hat hier nicht funktioniert, trotz Scholes/Merton wurden 4.6 Milliarden $ vernichtet, denn die Anleger flohen plötzlich in die Liquidität, d.h. in Geld.
Keine menschliche Spezies wird mit so vielen (untauglichen) Modellen, Konzepten, Regeln, Methoden, Strategien bombardiert wie die Manager [Einen umfangreichen Überblick bietet da: Management. Ein chronologischer und thematischer Überblick über Inhalt, Widersprüche und Entwicklung des Managements]: Diese sektorale Intelligenz verengt sich so stark, dass offensichtlich selbst noch die kleine gestalterische Bedeutung, die das Wort Management besitzt, eliminiert und der Begriff durch die Vokabel "Handling" ersetzt wird. Dieses Handling erstreckt sich auch auf den Geist, auf die Kraft des Denkens, die hier Brainpower heisst. [S. 45] Im Trend der Mechanisierung wird hier immer wieder versucht, auch das Denken zu normieren, zu automatisieren: Sektorale Intelligenz schafft raffinierte geistige Konstruktionen, um komplexe Herausforderungen im Hinblick auf eingegrenzte Fragestellungen mit simplen Modellen zu bewältigen.
Was die Wirtschaft(spsychologie/Verhaltensforschung/Hirnforschung) vor allem sucht, ist der Auslöser für Kaufverhalten:
Für die Apologeten der Neuroökonomie, diesem taufrischen Sammelbecken der Hirnforschung, in dem sich Neurologen zusammen mit Marktforschern, Oekonomen und Psychologen tummeln, liegt die Sache auf der Hand: Sollte es den Händlern gelingen, eine signifikante Aktivierung des "nucleus accumbens" im basalen Vorderhirn des Konsumenten zu erzeugen und gleichzeitig die Hemmung der "insula" im Grosshirn (über den Augehöhlen. Zuständig für Emotionen, Gefühle, Geruch, Geschmack) sowie synchron dazu die Aufrechterhaltung de Aktivität im "mesalen präfrontalen Kortex" (zentrale Kontrolle des situationsangepassten Handelns), ja dann muss uns um die Konjunktur nicht bange sein. [S. 60]
Seit einigen Jahren versucht man den Geist auf die Optimierung solcher Lösungen hin zu programmieren - bislang nannte sich dieses Verfahren "Mind-Management". Rust nimmt z.B. als Beispiel das Modell "Reich werden", wozu unzählige Bücher im Umlauf sind. Die Empfehlungen lauten etwas: (Ein) Wenig Intelligenz, viel harte Arbeit und grosse Risikobereitschaft. All die Versager, Verlierer und Verdrängten die mit genau dem selben Ansatz gescheitert sind, werden einfach systematisch ignoriert.
Management Hypes:
Radfahren ... denn auch Einstein führ mit dem Rad (er spielte allerdings auch Geige ...)
Laufen macht intelligent, erhöht den IQ von 99 auf 128 ....
positives Denken: Was man sich denkt, passiert auch, self fulfilling prophecy
mit Haien tauchen
durch unterirdische Labyrinthe hetzen, mit Pferden, Delphinen etc reden
Zurüstung der Minds durch Widerholung antrainierter Reaktionen, die für den richtigen Spirit sorgen. (Spirit heisst Geist).
soziale Kompetenz, emotionale Intelligenz, spirituelle Intelligenz
... und unzählige mehr
Der Geist sprengt einerseits alle Grenzen - sucht andererseits aber immer vordergründige Kausalitäten, Konzepte, bequeme Gleichgewichtszustände, immerwährende Harmonie. Abstrakte und komplexe Vorgänge werden auf bildliche Modelle verdichtet, die für ein Handlungsprinzip oder eine Welterklärung stehen. Szenarien, Rollen, Analogien, Fabeln, Märchen .... und natürlich
Modelle: best practice (s. Management)
Maps do not have to be ontologically true or false, nor do they have to map (or "represent") something at all. Maps may get their meaning or truth (or stability) or function only when being used within functional circles.
Oliver Elbs
Das heisst, dass es egal ist, wie die Landkarte beschaffen ist, wenn sie nur funktioniert, also hilft, neue, unvermutet getroffene Orte einzugemeinden. Wir haben hier also einen vulgären Induktivismus vor uns, der von einzelnen Begebenheiten, Strukturen, Zusammenhängen gleich auf das grosse Ganze schliesst. Als Hypothese ist so ein Schluss allemal zulässig - nicht aber als begründete Wahrheit die selbst wieder als Grund zur Handlung, Wertung oder was auch immer dient, denn:
We create tools and then we mould ourselves through our use of them.
John Zachery Young (1951):
Wir werden im Geiste so, wie die Werkzeuge, die wir selbst erschaffen haben, es uns vorschreiben. Und die umfassendsten Werkzeuge sind hier die Betriebswirtschaft und die Finanzwirtschaft ... leider aber nicht mehr die Volkswirtschaft.
Mehrere solcher geistiger Landkarten können in einem grösseren Bedeutungszusammenhang vernetzt werden ... wobei sie allerdings meist in die individuelle Karte integriert werden ... ein Vorgang, den man als "Lernen" bezeichnet, als strukturänderndes Lernen, wenn dafür die eigene Karte geändert werden muss. Ich hab den Satz bewusst etwas zusammenhangslos hier stehen lassen, denn er zeigt, dass "lebenslanges Lernen" und ähnliche, meist äusserst "gut gemeinte" Ratschläge, so ziemlich in die Hosen gehen können, wenn das Wissen das vermittelt wird, nichts taugt - was gerade betr. Wirtschaftswissen sehr häufig der Fall ist.
Hier steckt die grosse Gefahr drin, dass das einfachstes und genehme Modell (das den eigenen Interessen förderlich scheint) durch "opportune Affirmation, bequeme Bestätigungsstrategie, die sich immer weitere passende Beispiele sucht" sich etabliert, was dann auch "Tunnelblick" genannt wird, oder, im Journalismus: Thesenjournalismus.
Ordnung schaffen als Induktion sektoraler Intelligenz: Dahinter steckt eher der Wunsch als die These, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten von Menschen durchwegs einer universellen Logik gehorchen.
Die Idee(ologie) hinter solchen Publikationen wie Jeffrey K. Likers: Toyota, 14 Managementprinzpien:
Was gemessen werden kann, kann auch vorausgesagt werden.
Wenn alle ihre Firmen nach diesen Prinzipien führen würde, ginge es allen besser
4. Rusts Idee: Der Betriebs-Geist als zentrale Kontrollinstanz
Statt der Sicherheit, die vermeintlich aus berechenbaren Modellen, Systemen und Kennzahlen und der starren Kompetenzhierarchie im Unternehmen erwächst, wird eine neue Sicherheit der Zukunftsbewältigung durch die wachsame und vertrauensvolle Kommunikation begründet. Wichtige Voraussetzung ist die Realisierung der pragmatischen Metapher von der hierarchiefreien Entfaltung des Geistes. [S. 153]
Facts:![]() Fact is ... dass seit Jahren das Interesse der Mitarbeiter am Betrieb abnimmt. Man kann eben nicht gleichzeitig Flexibilität und Opferbereitschaft und Engagement - für mehr Arbeit und weniger Lohn - verlangen. Ganze 13% haben noch eine hohe Bindung an den Betrieb, wären also als Kontribuenten für eine Betriebs-Kultur zu haben. Der grösste Teil ist Mitläufer, machen "Dienst nach Vorschrift" - aber immer mehr fühlen sich dem Betrieb gar nicht verbunden oder greifen gar zur Sabotage. Umfragen, die ergeben dass 80% der Schweizer mit ihrer Arbeit zufrieden seien (s. CASH), ist mit äusserster Vorsicht zu begegnen, denn es steht zu vermuten, dass sie primär damit zufrieden sind, einfach eine Arbeit zu haben. Denn anders lässt sich die dennoch spitzenmässige Fluktuation nicht erklären: Fluktuationsrate bleibt hoch Gemäss der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) haben in unserem Land in den letzten zehn Jahren jährlich um die 300 000 Arbeitskräften die Stelle gewechselt. Im Gastgewerbe (17,9%), aber auch im Baugewerbe (12,3%) ist die Fluktuationsrate sehr hoch. In der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) ist sie leicht unterdurchschnittlich (8,9%), in der chemisch-pharmazeutischen Industrie sogar deutlich unterdurchschnittlich 6,6%). Insgesamt ist die Fluktuationsrate mit rund 10% recht hoch und liegt über dem europäischen Schnitt. Die hohe Wechselquote verursacht hohe
Transaktionskosten. Die Angestellten Schweiz fordern die Arbeitgeber daher
auf, etwas gegen Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ist Hauptmotiv für Wechsel. Jeder zweite Stellenwechsler wechselt auch die Branche Bei einer sehr hohen Branchewechselquote von über 50% muss damit gerechnet werden, dass in den Branchen einerseits ein grosser Teil der branchenspezifischen Kenntnisse laufend verloren geht und dass andererseits eine Knappheit an Brancheninsidern entsteht. Wechsel werden häufiger als wegen dem Lohn ins Auge gefasst, weil
56 000 Arbeitskräfte offenbar „unterbeschäftigt“ sind (d.h., gerne mehr |
Rust will die Interessen, den Geist, der im Betriebswesen untergeht, durch repräsentative Knotenpunkte (sample points) in den Betrieb bringen. Die Vielfalt der Umwelt, Milieus, Schichten, Zielgruppen - aller Perspektiven, die im Unternehmen bestehen soll so das Weltwissen personell Repräsentieren. Als ersten Ansatz, die bisher auf Gehorsam gedrillten Mitarbeiter zum Mitdenken und Mitreden zu bringen, schlägt er Fragen vor wie:
Was ist die gefährlichste Entwicklung auf dem Markt für uns?
Wie sieht das Unternehmen in zehn Jahren aus?
Welche Entwicklungen der Vergangenheit sind zu wenig beachtet worden?
...
Sorry, aber das ist Stuss. Da stecken derart viele Probleme und Illusionen drin, dass man gar nicht weiss, wo mit der Kritik anfangen. Positiv: Der einleitende Satz stimmt - auf die Gesellschaft bezogen - nicht aber auf die Enge des Betriebes, denn hier sind Fachleute am Werk die fachspezifische Probleme zu beantworten haben, die dem Laien meist so wenig einleuchtend wie interessant erscheinen.
Die Sache mit den sample points ist ein Witz. Solche Punkte gibt es ab und zu zufällig, wie etwa Gemeinden, deren Abstimmungsverhalten meist das nationale Resultat treffend voraussagt. Sie können aber, als Kerne, als Organisation, kaum geschaffen werden, denn:
Erstens:
Ein Betrieb ist keine Gemeinde, in der man wohl oder übel gewisse Interessen teilt, geteilt hat, für längere Zeit, sondern ein temporärer Ort der Beschäftigung, der Anstellung, den man sich immer weniger wählen kann.
Jeff Bezos hat seine Marketingabteilung abgeschafft: Die Leute kosten mehr, als sie bringen.
Zudem ist das Wissen einerseits hoch organisiert und streng nach Funktionalität (Mund halten, machen was gesagt wird - operativ - strategisch) stratifiziert, was Sachwissen betrifft. Frage 1 oben ist z.B. eine spezifische Frage an das Marketing, das, so es was taugt, Frage 3 eh schon beantwortet haben sollte. Die gefährlichste Entwicklung für die meisten Betriebe ist die, dass die Konkurrenten günstigeren Ersatz für die eigenen Produkte liefern, die so überflüssig werden - was zu verhindern Aufgabe des Marketing ist, die dazu über historische Infos wie Zukunftszenarios verfügen. Der Beitrag den ein Verwalter oder Operateur hier liefern kann, dürfte eben so minim wie zufällig sein, denn gerade Frage 3 verlangt a) detaillierte Kenntnis der Betriebsgeschichte und b) die Fähigkeit zur strategischen Analyse. Letztere ist aber nur in den höchsten Etagen zu finden, wo sie auch entsprechend bezahlt wird. Wer aus einer untergeordneten Position strategische Analysen liefert, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ernst genommen, ja sogar als Spinner bezeichnet. Die Wirtschaftsstrategen sind die Priester unserer Zeit. Sie wissen die Antwort auf die Heilsfrage: Wie machen wir mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr, mehr mehr .... Wenn sie das nicht wissen, sollte man sie entweder entlassen oder zumindest ihre Löhne kürzen, denn dann sind sie offensichtlich am falschen Ort oder gar Hochstapler.
- zufällig und eben nicht repräsentativ was privates Wissen und Geist betrifft.
Vor allem aber ist das Wissen, das in den sample points zum Tragen kommen soll, ist für den Betrieb in der jetzigen Form uninteressant (private Interessen, Aktivitäten, Kenntnisse).
Auch in den seltenen Fällten wo sich repräsentative Blöcke an Geist bilden liessen d, der streng nach Funktionalitäten strukturiert ist, eigentlich unsinnig ... ausser es gehe um Merkmale die ausserhalb der Struktur sind. Diese sind
Zweitens:
Die Mitarbeiter in den Betrieben haben so schon Mühe, ihre unterschiedlichen Interessen geltend zu machen, oft sogar Interessen, die gesetzlich geschützt sind wie Ruhezeit, Piket-Wartezeit (Arbeit auf Abruf), gleiche Löhne für Frauen, Schutz vor rassistisch motivierter Diskriminierung etcetc. Da dürfte die überschüssige Energie für die Kreation von Geist recht minim sein.
Eins-Zweitens:
Der Geist des Betriebes, der zum Geist der gesamten Ökonomie wurde (womit leider die Volkswirtschaft unterging), ist der Geist des Homo oeconomicus, der Geist der Buchhalter und des Controlling: Alles, wirklich alles, wird in Geld gemessen und gewertet. Andere Werte haben hier keinen Eingang, also auch Wissen der Mitarbeiter, dass nicht in das Geld- und Kapitalwertsystem passt. Hier fehlt schlichtweg die "connectivity". Im übrigen zeigt die bloss schon die Probleme des Datenaustausches ... ist aber weit weg davon, Daten zu Wissen zu verarbeiten oder gar zu Weisheit, die erst orientierungswert hat, also quasi synonym für Rusts Begriff des Geistes steht. Geist würde in einem sachlich-funktionell durchstrukturierten Betrieb bloss als Sand im Getriebe wirken - also schnellstens rausgeputzt aus der Firma.
Eins-Zweitens-B: Mitsprache
Als leitendes Prinzip des Managements wird Mitsprache und eine gewisse Autonomie der Mitarbeiter seit Mc Gregors Theorie x und y diskutiert, vermutlich schon früher. Durchgesetzt hat sich Dialog, Mitsprache und Selbstverwaltung aber nur dort, wo sie Kosten sparend eingesetzt werden konnten, wo also die Arbeitsgruppen die Leitungs- und Kontrollarbeit (Reportsystem) ehemaliger Chefs gleich selbst leisten - ohne für diese Mehrleistung entschädigt zu werden.
Humanistisches Modell - wissenschaftlich, technisches Modell des Managements:
Douglas McGregor (1906-1994): Theorie x und Theorie y
Theorie x:
Arbeiter sind im Grund faul und müssen überwacht und motiviert werden
Theorie y:
Menschen müssen nicht bloss arbeiten - sondern wollen arbeiten, streben nach Verantwortung - und sollten daher ermuntert werden, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv für die Belange des Unternehmens einzusetzen.
Elliott Jacques (1917-2003): Demokratie am Arbeitsplatz
Frederick Herzberg (1923-2000): Human Relations School
Reinhard K. Sprenger (1953-): Die Bedeutung des Vertrauens
Gerry McGovern: The caring economy (1999): Auf Menschen bezogene Regeln des Erfolges:
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Henry Ford (1863-1947): "wissenschaftliches" Management
Frederick Winslow Taylor (1856-1915): Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung
Al Ehrbar: EVA - Economic Value Added (1998)
Unterschiede im Management: Während dem der wissenschaftliche Manager das Maximum aus dem Betrieb herausholt für die Eigentümer, entwickelt der zukunftsorientierte humanistische Manager die Mitarbeiter und unterstützt sie dabei, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.
Taylors Vorschlag war, dass jeder Mitarbeiter an jedem Tag klare und deutliche Anweisungen dazu erhalten sollte, was und wie sie oder er seine Tätigkeit verrichten sollte. Diese Anweisungen waren peinlich genau zu befolgen, unabhängig davon, ob sie richtig oder falsch waren.
Dieses (meines Erachtens peinliche, undemokratische, kindische - kindisch, wie fast alles was vom Militär kommt) Prinzip wird heute noch vertreten, z.B. expressis verbis von Blocher (Matthias Ackeret (Biograph ... obwohl ... noch nicht tot ...): Das Blocher-Prinzip. Ein Führungsbuch. ... oder vielmehr: Wie man heute nicht mehr führen sollte ....]. Dieser Führungstyp besteht auch auf der Heiligkeit des Auftrags, den es absolut vorrangig zu erfüllen gilt ... und sieht sich selbst in, meist göttlichem, Auftrag ... sogar Katholiken, obwohl dies eindeutig die protestantische Version der Seelenheilsversprechung ist. [s. Max Weber]
Drittens:
Alles Reden und alle Hierarchiefreiheit im Betrieb nützt nix, wenn die Besitzer, das Kapital, die Börse, ihren Entscheid treffen. Beim Eigentum gibt es keine Mitsprache. Eigentum befiehlt diktatorisch. Eigentum kennt keine Demokratie. Wird der Betrieb übernommen, werden meist Leute gefeuert, ganze Strukturen abgebaut, die Arbeit härter ... und schlechter bezahlt. Vertrauensvolle Kommunikation? Ja woher denn ... Das Kapital kenn weder Einfühlsamkeit noch irgend welche Kennzahlen, die dem Betrieb nicht direkt dienen.
Im Dialog mit den Eigentümern sind nur die obersten Etagen, die auch an der Mehrung des Betriebswertes beteiligt werden. Die andern zahlen dafür durch höhere Arbeitszeiten, höhere Belastung ... oder gar Arbeitslosigkeit. Hier gibt es keinen Dialog.
Das ist auch die Antwort auf Frage 3: Wie sieht das Unternehmen in 10 Jahren aus. Das weiss kein Mensch. Man könnte also höchstens fragen: Wie würden Sie sich wünschen, dass es aussähe? Den Entscheid fällen allerdings die "Investoren" und Finanzeure.
Kritik:
Geist ist zwar offen und will immer dorthin, wo er noch nicht war, wo er nicht weiss.... hat aber Permanenz, ändert sich nicht dauernd, sondern ist orientiert ... denn sonst könnte er nicht selbst der Orientierung dienen. Wirtschaft muss sich sehr kurzfristig an ändernde Marktbedingungen anpassen, sie sucht zwar Machpositionen, muss ihre Burgen aber permanent den sich ändernden Bedingungen anpassen. Alles fliesst, gilt hier mehr als irgendwo. In einem Fluss können aber nur Ufer und Inseln als Orientierung dienen. [s. Troglologie]
Ein Synonym für Geist ist Gesinnung ... und dieses Synonym macht den Geist doch gleich etwas weniger sympathisch, da es deutlich belegt, wie sehr er missbraucht werden kann durch fundamentalistische oder sonstwie autoritäre Organisationen. Auch in weniger tragischen Fällen ... so ist doch vermutlich für viele der sog. (Schul-)Klassengeist - einer der fürchterlichsten Geister der Jugendzeit.
Im übrigen entstammen die meisten CEOs einer Ausbildung in den Geisteswissenschaften, sei es Jurisprudenz, Geschichte, Soziologie, Psychologie oder eben auch Oekonomie. Es waren also nicht die Ingenieure allein, die unsere Welt, insbesondere Umwelt, durch Technikbesessenheit versaut haben, sondern sie taten dies mit tatkräftiger Unterstützung verirrter Geisteswissenschaftler. Nach meiner, allerdings höchst persönlichen Ansicht, sollten sich die Ingenieure wieder mehr um die Gestaltung der Welt kümmern, denn sie sind die einzigen, die Systeme strukturell wie funktionell ganzheitlich durchdenken und planen können. Woran es ihnen mangelte, daran mangelt es nämlich auch der Wirtschaft: An der richtigen Wertung - die gemeinhin als Weisheit bezeichnet wird, die quasi Spitze, den Gipfel des Geistes bildet.
Eine noch tiefer greifende Analyse des Geistes in Das Gehirn und der Geist: Kybernetik des Geistes zeigt leider, dass die Zustände noch übler sind: s. 5.1 Geld hat längst die Steuerung des Geistes übernommen. Der Betrieb ist aber eigentlich der Ort, an dem das Geld am uneingeschränktesten herrscht: Der Lohn bestimmt den Wert, den Rang, die Freiheit, die dem Menschen zugestanden wird. Die Position in der Gesellschaft entspricht meist der Position in der Firma - und damit dem entsprechenden Geld-Wert. Dominant ist die Prägung durch den Betrieb auch, weil hier die gewichtigste Verbindung mit dem Geld-Belohnungssystem besteht, also am meisten Möglichkeiten der Prägung vorhanden sind.
Ausblick:
Da Geist sich vor allem in der Philosophie findet, ja fast ein Synonym für Philosophie ist, und der Betriebs-Geist folgerichtig das reflexive Selbstbewusstsein des Betriebes darstellt, liegt Rust insofern richtig, als Kommunikation die Grundlage ist - aber falsch, wo er diese für Ausreichend hält, also für das A und O, denn sie ist "nur" Grundlage des Denkens. Kommunikation liefert dem Denken Anstoss und Material - kann es aber nicht ersetzen. Ohne Denken kein Geist. Punktum. Da kollektives Denken äusserst schwierig ist (Mehrheitsentscheide sind keine kollektiven Gedanken, sondern mehr oder minder zufällige Entscheide), stehen wir hier erst am Anfang. Die Europäische Politik ist hier ein interessantes Experimentier- und Forschungsfeld.
Erfolg versprechendere Ansätze zur Schaffung eines humanen (bis humanistischen) Geistes in den Betrieben sind also:
s. auch:
Eunomie - die gute Ordnung
Ordnungsmodelle, z.B. Ivan Illichs Convivialidad
Aehnliche Probleme wie der Betrieb haben natürlich auch Gemeinden, Staaten und an oberster Stelle "die Weltordnung". Während dem in den meisten Gemeinden, sogar in relativ diktatorischen Staaten islamischer Länder, eine Art Demokratie herrscht (soweit Unterschiede im Reichtum diese eben zulassen), ist bereits das "Denken" von Staaten arg behindert durch die ideologische Aufsplitterung in Parteistrategien - während dem die Weltordnung zur Zeit noch recht kolonialistisch daher kommt: Die Spender wissen was gut ist für die Empfänger. Offen Märkte und freier Handel, Kapitalismus, sind das einzig vernünftige System. Wer dem nicht zustimmt, riskiert zum Schurkenstaat oder zumindest einem Hort von Terroristen erklärt zu werden.
Ein interessanter Fall ist hier Europa. Zur Zeit noch eher ein Basar, an dem weniger gedacht als Interessen lautstark wie hintenrum vertreten werden, müsste sich die Ordnung des Kontinents mit der Zeit aus einem europäischen Geist, einer europäische Kultur, einem kontinentalen (inklusive GB), also transnationalem Denken entwickeln. Die Identität, die bisher vor allem auf Abgrenzung basierte, muss durch eine Identität der Gemeinsamkeit ersetzt werden. [. Globalisierung und das Problem der <guten Ordnung>]
Korrektur der Kritik:
In der neusten Wirtschaftsforschung wird zwar die Innovation nicht von der Belegschaft erwartet, sondern als zu bringende Leistung der obersten Kader betrachtet - aber eine intensivere Auseinandersetzung der gesamten Belegschaft mit den Strategien des Betriebes gefordert, was, wie hier geschildert, nicht ohne eine offene Diskussionsstruktur möglich ist.
Dies als Teilaufgabe des Geistes, der dort allerdings etwas präziser "Kultur" genannt wird. Der Betriebskultur wird eine hohe Bedeutung beigemessen, denn sie soll Vertrauen und Sinn schaffen, ohne die kein Zusammenhalt möglich ist, also kein Betriebs-Geist (dort vorsichtiger als "engagierte Gemeinschaft" bezeichnet) entstehen kann.
Martin Herzog, Basel, 3.7.07