
GUTE ARBEIT II: Hintergründe der geistigen Verwirrung um die Arbeit.
Freiheit, Macht, Herrschaft und Gewalt
Orientierung - Planung, Kultur und Bildung zwischen den Polen Geld und Werte.
Beziehungslehre: Ich und Du - Wir - die Andern - der Andere (Die Sozialphilosophie Emmanuel Levinas')
welfare - workfare - forced labour fair: Der autoritäre Markt hat den sog. "freien" längst ersetzt
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Inhalt:
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Die wichtigste Unterscheidung ist diejenige zwischen Autorität des Wissens (epistemische Autorität) und Autorität der Anordnung, der Weisungsbefugnis (formelle Autorität). Bei den Menschen, die wir als echte Autorität bezeichnen, ist der formelle Aspekt meist vernachlässigbar. Sie wirken als Autoritäten, weil ihre Auskünfte sachlich richtig sind und ihre Handlungsempfehlungen (meist) zu den gewünschten Resultaten führen.
Autorität wird leider oft von Leuten beansprucht, Autorität ist begründet in der Lust der einen an Gehorsam und Gefolgschaft der andern. Bereits diese Begründung macht deutlich, warum Autorität a) nichts mit Wahrheit und faktischem, sachlichem "recht haben" (Wahrheitsfindung, Lösungsfindung) zu tun hat, sondern mit Lust an Herrschaft, also in Bildung ebenso unbrauchbar ist wie in Politik und Wirtschaft - insbesondere, als sich im Falle des Irregehens, gerade autoritäre Führer gerne auf die fehlende Eigenverantwortung der andern berufen. |
Autorität durch Wissen hatten mal Professoren, Ärzte, Forscher. Autorität der Weisung, also meist formelle Autorität, haben Staatsangestellte, insbesondere Polizei und Armee, aber auch Chefs und leitende Angestellte in Firmen.
Definition Autorität: [von lat. autor/auctor, der Urheber]. Autorität ist der Einfluss einer Person, Institution oder Sache, die auch ohne dauernde Einflussnahme gegeben ist. Autoritäten gibt es auf verschiedensten Gebieten, vor allem den Wissenschaften, Religion, Wirtschaft, Politik und Erziehung. Ein Autorität übernimmt eine Führungs- oder Vorbildrolle indem sie Ziele und Normen bestimmter Gruppenordnungen repräsentiert und durchsetzt. Autorität kann auf verschiedensten Eigenschaften basieren wie Intelligenz, Fachwissen, Überzeugungskraft, Bildung - aber auch Besitz. Autorität kann aber auch stellvertretend gewährt sein (formale oder zugeordnete Autorität), wie bei Ämtern und Hierarchien.
Autoritär ist ein sozialpsychologischer Fachausdruck zur Beschreibung einer Persönlichkeitsstruktur, die sich durch einen persönlichen Macht- oder Überwertigkeitsanspruch gegenüber anderen charakterisiert und für Identifikation mit Autoritäten anfällig ist.
Disziplin ist die Anerkennung des Überwertigkeitsanspruchs und Vorrangs der Autoritäten, des Meisters und Lehrers durch die Untergebenen, die Schüler, also die Rückseite der selben Münze. Loyalität und Teamgeist scheinen etwas feingeistiger und sensibler, drücken aber sehr oft den selben Sachverhalt der Unterordnung aus.
Der Begriff Disziplin stammt aus dem Schul-, Universitäts- und Forschungsbereich.
Disziplin steht für Zucht und Ordnung an Schulen und im Militär,
in den Wissenschaften für die Unterwerfung unter die geltende Methodik, das
geltende Paradigma.
Sie sollte deshalb nicht überbewertet werden als Ordnungsprinzip, da es auf Angst, Unterwürfigkeit und Gehorsam beruht, nicht aber auf Freiheit ausgerichtet ist. Ein Gebiet, das Feyerabend im Bereich wissenschaftlicher Disziplinen ausführlichst kritisiert hat.
Peinliches Beispiel Tagesanzeiger 30. Juni 07, S. 10: Problembärmutter wurde festgenommen. Die als undiszipliniert bekannte Jurka ist in Südtirol geschnappt worden. Es handelt sich dabei wohlgemerkt um eine wilde, nicht um eine dressierte Bärin. Die anerzogene Ordnung, eben die Disziplin, wird hier auf einen Bereich ausgedehnt, wo sie nichts zu suchen hat, auf die Natur.
Für Disziplin gilt die selbe Kritik wie für Autorität: Nach Meyers Onlinelexikon bezeichnet der Begriff das Einhalten von bestimmten Vorschriften oder Regeln. Sie ist also meist fremdbestimmt, verlangt Anpassung an meist unreflektierte Normen. Sie behindert also, präzise wie die Autorität, selbständiges Denken und die Entwicklung der Persönlichkeit, des Ich. Disziplin steht in Opposition mit Offenheit, Flexibilität und Innovation - Werten die heute eben so ausgiebig rumposaunt werden, von den selben Leuten, wie der Ruf nach mehr Disziplin und Strenge.
Disziplin hilft auch den Gruppengeist unerbittlich durchzusetzen, Menschen in Scheingemeinschaften zu dressieren. Ein gutes Beispiel dafür sind Fastnachts-Cliquen (meist nachkommen der ehemaligen Zünfte, die auch zünftig dressierten), Sportvereine (die meist in Nähe militärischer Ausbildung standen, wie die Pfandfinder und ähnliches), die ehemaligen Kaninchenzüchtervereine, Studentenverbindungen (in denen jede Kritik am Status quo erbarmungslos in Schnaps und Bier ertränkt wird) etc.etc. Ob ich da nicht ein bisschen übertreibe? Vielleicht, aber nur ein bisschen. Grad heute Morgen (7.7.07), um 6-30, also an einem Samstag, hör ich Lärm von draussen, und denk, wie man das als Schweizer halt so tut, dass da sicher wieder ein Jugo das Autoradio zu laut aufgedreht hat. Nach einiger Zeit aber werden die Töne klarer: Es handelt sich offenbar um Übungen, vermutlich im Tramdepot, einer Fastnachtsklique. Sieht man sich das mal präziser an: 1 Jahr lang üben, oft schon morgens früh oder abends spät, höchst diszipliniert, ohne aufzufallen - um dann während 3er Tage (die drei schönschte Däg im Johr ... + ein paar mehr, an denen sie den Nachbarstädten und -Kantonen auf den Geist gehen dürfen) ein bisschen Rabatz machen zu dürfen und ein bisschen angriffige Sprüche rauszulassen ... die sonst unter dem Jahr auch hier offenbar bloss gesammelt, nicht aber dem Problem an den Kopf geworfen werden. Für 3 Tage disziplinierter Aufmärsche in der Öffentlichkeit lassen sich die Basler 362 Tage in dunklen Kellern ruhig stellen. Proscht Nägele - da waren die Römer mit ihrem Panem et circenses aber rechte Anfänger dagegen.
Apropos disziplinierte Aufmärsche ... da hab ich mich doch bereits 1974 fast auf den Kopf gestellt, als ich in Cambridge mein Englisch verbesserte. Die Musik, die von der königlichen Garde in Windsor gespielt wird, ist nämlich weithin die selbe, die an der Fastnacht zu hören ist. Fastnachtsmusik oder Militärmarsch ... die Huhn-oder-Ei-Frage stellt sich hier nicht, der Krieg ist älter. Die Aufmärsche der Fastnacht also eine liberal-humoristische Version - aber auf keinste Weise eine Persiflage oder Kritik - disziplinierter Truppenaufmärsche.
Autorität wirkt nicht bloss als persönlicher Einfluss per se, sie wird meist negativ verstärkt durch Angst oder positiv durch Vertrauen, durch Erfolg, durch Reputation - durch die Erfahrung, dass eine Autorität mehrheitlich richtige Empfehlungen ausgesprochen hat. Die Komplexität der realen Welt hilft hier tätig mit, den Einfluss von "Autoritäten" zu begrenzen. Nehmen wir als Beispiel die SVP. Sie ist eine Autorität in Sachen Populismus: Wir sind die Stimme des Volkes - wir sagen, wo's lang gehen soll, womit sie in den letzten Jahren einen Wahlerfolg nach dem andern produziert hat. Wenn es allerdings um die Autorität der Anordnung geht, um praktische Politik und Gesetze, um die Exekutive, so fällt sie ein ums andere Mal auf die Schnauze. Ihre eigenen Wähler wollen sie weder im Ständerat noch in der Exekutive der Kantone oder Städte, da ihre Rezepte, sobald es um reale Politik geht, ganz einfach zu extrem, zu einseitig und von zu katastrophaler Wirkung wären. So steht die populärste Partei in der Realpolitik dann genau so dumm rum wie die andern, oder noch dümmer, da die guten Leute die sie hat, diejenigen die fähig sind in demokratischen Prozessen politisch tragfähige Lösungen zu erarbeiten, von der eigenen Partei gleich selbst fertig gemacht werden.
Max Webers Dreiteilung in legal-rationale, traditionelle und charismatische Autorität ist für ein mal zu beschränkt, da sie nur auf dem politisch-sozialen Begriff von Autorität basiert.
Bevor wir uns nun, was Sie ja von einem autoritären Antiautoritären (und logischerweise Zynikers) erwarten dürfen, auf die im Titel versprochene Kritik der Autorität stürzen, hier noch eine kurze Übersicht über einige Bereiche, in denen eine gewisse Autorität nötig ist:
Militär, Polizei, Staat, Wirtschaft, Bildung und Erziehung - Ein gewisses Mass an Autorität ist also dort nötig:
Die antiautoritäre Erziehung wurde nicht, wie oft beklagt, übertrieben, sondern falsch interpretiert. Weder Neill noch Summerhill haben darunter je verstanden, dass allem Drängen von Kindern einfach freier Lauf zu lassen sei. Auch sie haben Grenzen gesetzt. Die antiautoritäre Erziehung will aber keine Untergebenen bilden, sondern freie Menschen. Die Grenze findet sich dort, wo die Erzieher, wie andere Autoritäten, Verantwortung tragen für das Verhalten der ihnen Unterstellten. Wenn Kinder Schaden anrichten, haften die Eltern - also müssen sie auch so viel Autorität haben, ihre Kinder davon abzuhalten, Schaden anzurichten. Schule ist meist nicht sehr unterhaltsam, aber notwendig, um das Rüstzeug zu erwerben, sich in Wirtschaft und Gesellschaft seine Position zu erarbeiten. Da den jüngern Auszubildenden dieses Wissen fehlt und da bis zur Volljährigkeit eh die Eltern verantwortlich sind, bedarf es eines gewissen Rechts auf Autorität, Kinder zu ungeliebten Anstrengungen zu verpflichten. Nicht alles lässt sich als Event vermarkten ....
Wir sehen hier aber bereits den wichtigsten Anker der Autorität, nämlich die Verantwortung:
Wer Verantwortung trägt, muss über entsprechende Autorität verfügen.
Der Satz lässt sich aber auch umkehren, was leider viel zu wenig oft getan wird: Wer keine Verantwortung übernimmt, hat auch keinen Anspruch auf Autorität. Dies gilt nun insbesondere für Parteien und Politiker, die gerne alle Probleme über Eigenverantwortung gelöst haben möchten, aber dennoch immer sehr autoritär auftreten. Dies ist der selbe faule Zauber wie die Sache mit der göttlich gegebenen Autorität der mittelalterlichen Kirche wie der damaligen Fürsten. Im Namen Gottes regierten sie autoritär. Da aber niemand das Recht hat, Gott zur Verantwortung zu ziehen, dessen weiser Entschluss den Untergebenen verborgen bleibt, herrscht so, durch angemasste Autorität, reine Willkür .
Wer auf Eigenverantwortung plädiert, entledigt sich selbst jeglicher Autorität!
Denn: Wer befiehlt, soll auch die Folgen tragen!
Autorität wird dort, wo sie angebracht ist, meist mit dem Argument durchgesetzt, sie wolle das Beste für die Abhängigen, sie werde bloss zum Wohle der Untergebenen eingesetzt. Hier darf aber dennoch kritisch die Frage gestellt werden: Wer entscheidet denn, was dem Wohle der Betroffen dient? (Beispiel: USA-Irak, Aerzte-Krankenkasse ...). Die Autorität des Staates etwa wurde den Staatsangestellten gegeben, damit sie sie für den Bürger tun, was der Bürger will, nicht damit sie mit dem Bürger tun, was sie wollen (nach De George s. 285)):
Autorität, die zum Wohle
der der Autorität Unterworfenen eingesetzt wird,
muss diesen zumindest Einspruch oder Mitspracherecht gewähren
- oder sich argumentativ erklären können.
Eine weitere Begrenzung der Autorität findet sich im Mass der Autorität, in der Balance zwischen Autorität und Freiheit. Lernen erfordert die Anpassung eigenen, sehr individueller Wissensstrukturen an neue Informationen, kann also nicht systematisiert werden, bedarf also eines ausreichenden Masses an Freiheit. Politik findet primär lokal statt, auch wenn die hohe Kunst der Politik die Politik zwischen Staaten sei. Alles Lokale unterscheidet sich, also müssen generelle Gesetze der lokalen Entwicklung ausreichend Freiraum lassen:
Je komplexer Systeme sind, desto mehr Freiheitsgrade sind nötig, damit sich die Subsysteme selbständig entwickeln und anpassen können. In komplexen Systemen, und dazu gehören praktisch alle politischen Systeme, gibt es keine absolutistische autoritäre Führung. Zukunftsgerichtete Entwicklung bedarf zudem, nicht nur was die Wirtschaft betrifft, immer einiger Kreativität. Und Kreativität lässt sich nicht anordnen. Kreativität wie Intuition bedürfen der Freiheit und der Musse. Politisch formuliert:
Die freiheitliche
Entwicklung von Subsystemen (politischen Einheiten, Kindern,
Wirtschaftszweigen ..)
darf nicht autoritär beengt oder gar festgelegt,
sondern höchstens gelenkt werden.
Aus dieser Erkenntnis ergibt sich die hohe Bedeutung der Orientierung, des Wissens darum, wohin wir wollen und was wir wollen. Da dieses Wissen zukunftsgerichtet ist, die Zukunft offen und (mindest teilweise) frei wählbar ist, gibt es keine Autorität die hier zu bestimmen hätte. Autorität ist also, genau wie Moral, eine Frage des rechten Masses zwischen Autoritarismus und Anarchie!
[Literaturempfehlung: Noch heute ein Standartwerk zum Thema Autorität dürfte Richard T. De George's The Nature and Limits of Authority sein. (University Press of Kansas. 1985). Sie finden dort das Thema weitaus differenzierter behandelt als in dieser kurzen Übersicht hier]
Joseph M. Bochenski versucht in Autorität, Freiheit, Glaube. [Sozialphilosophische Studien. Philosophia Verlag München 1988], sowie, kürzer und verständlicher in Was ist Autorität. Einführung in die Logik der Autorität. Herder Bücherei Bd. 439. Freiburg i.Br., Basel, Nürnberg 1974] Wittgenstein's systematische Philosophie, die der ältere Wittgenstein selbst aufgegeben hatte, wieder zu beleben. Obwohl es sich generell gesehen um ein ziemlich grässliches und schwer geniessbares Beispiel dafür handelt, welchen Schabernack man mit analytischer Philosophie so treiben kann, sind doch eine Sammlung an Aussagen zusammen gekommen, welche den Begriff Autorität zu klären vermögen:
Satz 1.1: Die Autorität ist eine Relation. (Autorität spielt sich immer in einem sozialen Netzwerk ab. Der Autor)
Satz 1.2: Die Autorität ist eine dreistellige Relation zwischen einem Träger, einem Subjekt und einem Gebiet.
Satz 3.9: Der Träger einer Autorität missbraucht die Autorität, wenn er sie im Hinblick auf ein Subjekt oder auf ein Gebiet auszuüben versucht, für welches bzw. in welchem seine Autorität unbegründet ist.
Dieser Satz ist insbesondere zu berücksichtigen, wenn Gen- und andere Forscher über praktische Anwendung und wirtschaftlicher Verwertung ihrer Forschung reden, oder wenn Betriebswirtschaftler die Volkswirtschaft nach den selben Prinzipien zu organisieren versuchen.
Satz 5.3: Die Anerkennung der grösseren Kompetenz und der Wahrhaftigkeit des Trägers auf dem Gebiet ist eine notwendige Bedingung der Anerkennung der epistemischen Autorität.
Satz 5.4: Die Annahme einer epistemischen Autorität ohne jede Begründung ist aus moralischen Gründen zu verwerfen.
Denn: Entweder man folgt blind einer Autorität - oder man braucht die Vernunft. Die Scholastiker sagten sogar: "Das Argument, das sich auf eine Autorität stützt, ist das schwächste unter allen."
Satz 6.5: Kein Wissenschaftler ist als solcher Träger der Autorität im Gebiet der praktischen Sätze.
Satz 6.5: Kein Wissenschaftler ist als solcher Träger der Autorität im Gebiet der Wert-Sätze.
Satz 7.7: Die Annahme einer deontischen Autorität ohne jede Begründung ist aus moralischen Gründen zu verwerfen.
Dieser Grundsatz ist besonders für den Umgang mit politischen und andern Fundamentalisten von Bedeutung, da diese eben präzise dies versuchen: Handlungsanleitungen durchzusetzen, ohne diese Begründen zu müssen, Handlungsanleitungen also durch göttliches Gesetz, eigene bessere Einsicht oder Erleuchtung zu begründen, ohne sich rationaler Argumentation stellen zu müssen.
Satz 9.1: Jede deontische Autorität ist entweder eine
Sanktions- oder (auch) eine Solidaritäts-Autorität.
Satz 10.7: Jede politische Freiheit ist entweder Sanktions-
oder Solidaritätsfreiheit.
Autoritäten fügt man sich ja meist nicht einfach so, weil diese es verlangen, sondern aus zwei Gründen:
Sanktions-Autorität - also Angst: Typisch für Betriebe und Militär, in denen der Untergebene der Gehorsamspflicht unterstellt ist und bei Weigerung bestraft (oder im Falle der Betriebe) entlassen wird. Politische Freiheit bedeutet also, dass Verstösse z.B. gegen Parteirichtlinien nicht bestraft werden.
Solidaritäts-Autorität - also Anerkennung, Wertschätzung - bis hin zur Liebe: Auch diese kann bei Militär und Betrieben mitspielen, vor allem wenn es um den Sieg, oder gar ums Überleben geht und es gilt, die Kräfte zu bündeln um ein Problem gemeinsam zu lösen. Die Solidaritäts-Autorität war (und ist es in vielen Kulturen noch) besonders lästig als sozialer Zwang, als Gruppenzwang: Man darf doch nicht, man macht das doch nicht, man muss sich halt anpassen ... (s. Diktatur der Gruppe) Solidaritätsfreiheit bedeutet, dass die freie Wahl und freie Entscheidung erhalten bleibt - was z.B. gerade im Falle der Krankenkasse nicht mehr gegeben ist und was von Anarchisten z.B. auch bezüglich der Steuern häufig kritisiert wird (s. Henry Thoreau's Walden, in dem er z.B. ablehnt, Steuern für die Armee zu bezahlen).
Satz 10.3: Ein Subjekt ist in einem Gebiet genau dann politisch frei, wenn es in diesem Gebiet keine deontische Autorität für das Subjekt gibt.
Dieser Satz bestätigt eindeutig die in vertretene Meinung, dass autoritäre Parteien, die ihren Mitglieder vorschreiben, wie sie abzustimmen haben, keine Freiheits-Parteien sein können.
Satz 10.12: Die Annahme des radikalen Anarchismus macht das Erreichen des Gruppen-Ziels unmöglich, wenn die Umstände nicht extrem einfach sind.
Bei Satz 10.7 zur Solidaritäts-Freiheit wurde die Kritik eingefügt, dass diese heute immer stärker untergraben wird. Satz 10.12 zeigt nun die andere Seite der Medaille. Es scheint gewisse gemeinsame Aufgaben in der Gesellschaft zu geben, die eine Unterordnung unter die Solidaritäts-Autorität zwecks Erreichen der Ziele notwendig macht. Diese verpflichtende Solidaritäts-Autorität darf aber nur durch den demokratischen Prozess entstehen - nicht durch eine angemasste, unansprechbare und nicht zur Verantwortung zu ziehende Autorität.
Satz 10.13: Der Totalitarismus ist eine Lehre, nach welcher es deontologische Autorität in allen Gebieten geben soll.
Religiöser Fundamentalismus, allerdings oft bereits auch Orthodoxie, tendieren stark in diese Richtung. Ein extremer Fall ist hier der Talmud, der sogar festlegt, mit welchem Bein zuerst aufzustehen sei.
Die Analyse der Ursachen, die zur fast globalen "tausendjährigen" Ausbreitung faschistischer Herrschaftssysteme geführt haben, begann mit der Arbeit von Theodor Adorno: The authoritarian personality. [Adorno, Frenkel-Brunswik, Sanford, Levinson 1950]. Literarisch unübertrefflich treffend beschrieben wurde der autoritäre Charakter allerdings bereits 1919 von Heinrich Mann in Der Untertan.
Die psychologischen Charakterzüge dieses Menschentyps, des Stratums jeden Typs von Faschismus, wurde 1948 von Bernd Schaffner in Father-Land, The Study of Autoritarianism in the German Family analysiert. Er sah die Ursache für autoritäres Gebaren noch primär in der damals herrschenden Vatergestalt:
Das Familienleben dreht sich um die Figur des Vaters. Er ist allmächtig, allwissend und allgegenwärtig, soweit ein Mensch das alles sein kann. Er ist die Quelle aller Autorität, aller Sicherheit und aller Weisheit, die seine Kinder zu erhalten erwarten. Jedes andere Familienmitglied hat geringeren Status und weniger Rechte als er. Der Vater befiehlt und erwartet Gehorsam. Im Falle von Auseinandersetzungen oder Ungehorsam richtet und entscheidet er.
Der Vater ist auch Vorbild für seine Kinder. Er erwartet, dass alle seine Kinder ihm prompt und unbedingt gehorchen. Für den Rest seines Lebens erwartet der Vater Dankbarkeit und Respekt von seinen Kindern. Wie alt die Kinder auch sein mögen, sie müssen sich seinem Urteil beugen. Er selbst ist so demütig und nachgiebig in der Beziehung zu seinem eigenen Vater wie er herrisch und streng gegenüber seinen Kindern ist. (s. Radfahrer)
Im Falle von Aufsässigkeit oder Unfolgsamkeit straft der Vater prompt, heftig und gerecht ... im gerechten Zorn. Ein Vater möchte nicht als weich oder unentschieden gelten. Einem deutschen Vater geht es nicht darum, ob seine Kinder ihn lieben. Er zieht es vor, dass sie Ehrfurcht vor ihm empfinden.
Gehorsam der Autorität gegenüber, nicht Unabhängigkeit, wird als Ideal gepriesen. Dem Kind wird Geborgenheit im Gehorsam gegenüber der Autorität vermittelt. Es passt sich an und stellt diese Anpassung zur Schau. Das vermittelt ihm seelische Befriedigung. Später verursacht jedes Abweichen von diesem Weg Angst und Beklemmung.
Neuere Forschung hat diese ausschliessliche Orientierung an einem dominanten Vaterbild etwas verfeinert - und auch die Behauptung widerlegt, dass die antiautoritäre Erziehung der Nach-68er daran schuld sei:
Zwei Erziehungsstile zeigen signifikante Zusammenhänge:
(1) Der autoritär-rigide Erziehungsstil der Mutter geht mit höheren Autoritarismuswerten einher.
(2) Ein autoritativer Erziehungsstil von Vätern und Müttern weist negative Korrelationen mit Machtorientierung und Feindseligkeit auf. (Das Kind macht das Gegenteil von dem, was erwartet wird.).
Die Analyse des Zusammenhangs von Erziehung und Rechtsradikalismus kommt zu dem Ergebnis, daß nicht antiautoritäre bzw. emanzipatorische Erziehung Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus erzeugt, sondern daß autoritäre Erziehung autoritäre Charaktere schafft, und daß jugendliche Rechtsradikale einen autoritären Vater und eine schwache Mutter haben.
Wir sehen hier einen gewissen Widerspruch. Wenn beide Elternteile autoritär erziehen, muss das Ergebnis also nicht ein Faschist sein, sondern können, da Kinder ja gerne das Gegenteil von dem tun, was man ihnen sagt - oder weil ihnen auffällt, dass Erziehungsforderung und Vorbild nicht übereinstimmen, also weder konsistent noch authentisch und damit einfach unglaubwürdig sind, sich genau so gut zu Anarchisten entwickeln. Erziehung ist also ein typischer Fall eines komplexen Systems, bei dem es kaum vorhersagbar ist, wie es reagiert.
Merten, Roland: Erziehung - Rechtsextremismus - Gewalt: zur politischen Sozialisation Jugendlicher, in: Hans-Uwe Otto, Roland Merten (Hrsg.): Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland : Jugend im gesellschaftlichen Umbruch, 1993, S. 126-146, ISBN: 3-89331-170-X
do in: Autoritäre Reaktion und Erziehungsstil: zur Entwicklung autonomer Persönlichkeit, in: Hans-Peter Kuhn, Harald Uhlendorff, Lothar Krappmann (Hrsg.): Sozialisation zur Mitbürgerlichkeit, Opladen: Leske u. Budrich, 2000, S. 37-57, ISBN: 3-8100-2913-0 (Standort: UB Bonn(5)- 2001-1443)
Der autoritäre Untertan verlangt für sich Sicherheit und Ordnung. Pflichterfüllung und Gehorsam stehen an oberster Stelle ihrer Werteskala. Diese Werte werden von der eigenen Person und von anderen als selbstverständlich abverlangt und dürfen nicht hinterfragt werden. Im Zentrum des autoritären Verhaltens steht die Unterwerfungsbereitschaft, ein negatives Menschenbild, die Aufteilung der Welt in Oben und Unten, Starke und Schwache etc. Weitere typische Charaktereigenschaften:
Mit dem Konzept "Rechtsradikalismus " wird ein umfassendes Einstellungssyndrom erfasst, das von natürlichen Ungleichheiten ausgeht, das Recht des Stärkeren betont, Gewalt befürwortet und autoritäre Strukturen akzeptiert. Es schließt als solches mehrere Subdimensionen wie Ausländerfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Nationalismus, Autoritarismus, Demokratiefeindlichkeit usw. ein. Die Ergebnisse verdeutlichen einen indirekten Zusammenhang zwischen Erwerbslosigkeit und rechtsradikalen Einstellungen, wobei Erwerbslosigkeit dazu führen kann, dass die eigene Wirtschaftslage schlechter eingeschätzt wird und in der Folge politische Unzufriedenheit und rechtsradikale Einstellungen verstärkt werden.
Von den sechs Komponenten rechtsextremer Einstellungen, die in der Studie unterschieden wurden, sind in der Bevölkerung die Ausländerfeindlichkeit, der Chauvinismus und - weniger deutlich - der Antisemitismus am stärksten verbreitet. Wenig Zustimmung erfahren hingegen die Befürwortung einer rechten Diktatur, sozialdarwinistische Vorstellungen und die Verharmlosung des Nationalsozialismus. Die wenigen vorliegenden vergleichbaren Daten aus früheren Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich die Einstellungen zu einer rechten Diktatur und die chauvinistischen Orientierungen im Zeitablauf nicht wesentlich verändert haben. Auch die Ausländerfeindlichkeit zeigt über die Zeit hinweg keinen eindeutigen Trend und verharrt auf hohem Niveau. Auffallend ist jedoch eine deutliche Zunahme des Antisemitismus und der Verharmlosung des Nationalsozialismus im Westen der Republik. erklären?
Brähler, Elmar; Niedermayer, Oskar: Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland: Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung im April 2002, (Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum, Nr. 6), Berlin 2002, 24 S. (Standort:http://www.polwiss.fu-berlin.de/osz/dokumente/PDF/BraeNied.pdf ; Graue Literatur)
Autoritäre Persönlichkeiten lehnen alles Neue und Unbekannte ab, weil es sie verunsichern könnte, sie verhalten sich rigide, weil sie mit gewohnten Verhaltensmustern meinen, Gefahren zu vermeiden und sie entwickeln starke Aggressionen gegen alles Fremde."
Oesterreich, Detlef: Flucht in die Sicherheit: zur Theorie des Autoritarismus und der autoritären Reaktion, (Fragen der Gesellschaft), Opladen: Leske u. Budrich 1996, 189 S., ISBN: 3-8100-1688-8
Das 'Faschismus-Syndrom', weitgehend identisch mit Adornos 'autoritärem Charakter', ist der immer noch fruchtbare Schoß, der aufgrund einer massenhaften Regression zu primärprozeßhaftem Denken und Fühlen die Monster gebiert. Unter existentiellem Druck beginnen sich immer mehr Menschen so zu verhalten wie Borderline-Persönlichkeiten. Das ist die Stunde der rechtsextremen Führer und Aktivisten, deren ressentimentgeleitete Heilsversprechungen nun wie magisch geglaubt werden. Dagegen müssen - und können - die Kräfte der Vernunft geweckt und soziale Solidarität mobilisiert werden."
Modena, Emilio (Hrsg.): Das Faschismus-Syndrom: zur Psychoanalyse der Neuen Rechten in Europa, (Bibliothek der Psychoanalyse), Gießen: Psychosozial-Verl. 1998, 435 S., ISBN: 3-932133-04-8
s. auch: Autoritäre Persönlichkeit. Zur Aktualität eines Konzepts. Helmut M. Artus. Informationszentrum Sozialwissenschaften Bonn 2003 - eine vorzügliche Arbeit! http://www.gesis.org/Information/SowiNet/sowiPlus/ADORNO/Autorit%C3%A4re-Pers%C3%B6nlichkeit.pdf
Ronald Inglehart basierte seine Analyse auf zwei Grundannahmen und leitet daraus das autoritäre Verhalten ab:
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| Bild "Morgenapell" von Michael Wolf, Bildagentur Laif. Gewann den ersten Preis von World Press Photo 2005 als Wirtschaftsbild des Jahres 2004 |
1 Die Wertprioritäten eines Individuums sind von seiner sozioökonomischen Lage abhängig.
2 Die grundlegenden Werte eines Menschen spiegeln die Bedingungen wider, die während seiner Jugendzeit vorlagen.
In der Altersgruppe der 1937-46 Geborenen und in der Bundesrepublik Aufgewachsenen wird das Erziehungsziel „Pflicht und Leistung“ vor allem durch die Schichtzugehörigkeit und den Schulabschluß des Vaters beeinflußt.
Es sind, wie Kohn auch zeigte, die Eltern der Arbeiterschicht, die autoritäre Erziehungsziele höher bewerten als die Eltern der Mittelschicht. Es zeigt sich ein kausaler Zusammenhang zwischen der Schichtzugehörigkeit der Eltern und dem Schulabschluß der Väter in den Altersgruppen der 1917-26 Geborenen und den beiden Altersgruppen aus der BRD. Eltern, deren Väter einen niedrigen Schulabschluß haben und die selbst der Arbeiterschicht angehören, stufen autoritäre Erziehungsziele wichtiger ein als Eltern, deren Väter einen höheren Schulabschluß haben und die der Mittelschicht angehören. Hat der Vater einen niedrigen Schulabschluß, dann bewerten auch die Kinder „Erziehung zu Pflicht und Leistung“ höher als die Eltern, deren Väter einen höheren Schulabschluß haben.
Die eigentliche Generation des Konsums sind jedoch die Geburtsjahrgänge von 1957- 1966. Sie erlebten in ihrer Jugendphase die Selbstverständlichkeit des Wohlstandes und sie wurden von den vielfältigen gesellschaftlichen und pädagogischen Erneuerungen bestimmt. Mitte der 70er Jahre erlebten sie in Westdeutschland die Krise des Wachstums.
In Ostdeutschland erlebten die Jugendlichen in den 80er Jahren die Stagnation des Systems sowie die Unfähigkeit des Herrschaftsapparates zu Reformen.
Diese Dekade umspannt Krisen, Kriege, Besetzungen, Katastrophen in aller Welt sowie Beunruhigungen, Polarisierungen und Wechsel in der Bundesrepublik Deutschland. Der zweite Oelschock dramatisiert die Weltwirtschaftsschwierigkeiten und löst eine zweite große Welle von Arbeitslosigkeit in allen Ländern aus. Dürrekatastrophen in Afrika signalisieren die Brisanz der Dritte-Welt-Problematik. Im Inland verschärfen sich die Gegensätze um Umwelt, Kernkraft, Abrüstung, Arbeitslosigkeit, Frauenemanzipation, Abtreibung. Erst gegen Ende der Dekade kündigen sich weltweit und in der Bundesrepublik unter Mißerfolgen dennoch positive Entwicklungen in Ökonomie, Abrüstung, internationaler Kooperation und Ökologie an.
Die deutsche Bevölkerung schrumpft und geht mit Zwischenstufen auf einen stärkeren Rückgang zu. Die deutschen Jugendjahrgänge haben zwischen 1970 und 1980 um 20% zugenommen: sie überfüllen alle Institutionen. Sie treten in ihre generative Phase ein. Das verlängerte Bildungsmoratorium erfaßt immer weitere Kreise. Gründe sind die Bildungsexpansion, Warteschleifen und überdehnte Ausbildungs- und Studienfristen.
Trotz Stabilität und Einfluß der Elternfamilie zeigen sich generell spezielle Erosionen:
Weitere Geburtenbeschränkung, hohe Scheidungsraten, zahlreiche Scheidungswaisen, Alleinerzieher, Ehen ohne Trauschein, Kommunen, Problemfamilien (- also alle Zutaten zu einer ausgewachsenen Anomie). Dagegen steht eine neue Besinnung auf den Stellenwert und die Aufgabe der Familie. Auch von Seiten der Jugendlichen wird mehrheitlich eine Familiengründung - eventuell nach längerer Vorphase - angestrebt. Die erneute Problematisierung der Kombination von Ehe und Beruf (speziell von Frauen) wird von den Jüngeren nicht angenommen.
Die Kapazitäten der mittelqualifizierten Berufe werden unterschätzt und die der höherqualifizierten überschätzt. Arbeitslosigkeit erfaßt allmählich auch die Hochqualifizierten. Und den Minderqualifizierten droht der Ausschluß aus dem Arbeitsmarkt. Die Entwicklung der Einkommen und Vermögen bleibt generell günstig - jedoch in scharfem Kontrast zu den Arbeitslosen. Die Sozialhilfekosten steigen beachtlich.
Eine partielle Veränderung der Werte - weg von zu starker Aufgabenbindung und Pflichtbeanspruchung und hin zu stärkerer Selbstbestimmung und befriedigenden Individualfreiheiten - vollzieht sich nicht gleichermaßen und gleichzeitig in allen Sozialschichten, sondern zunächst in der höheren Bildungsschicht, die anfänglich weniger von Schwierigkeiten betroffen ist und die vor allem andere Realitätserfahrungen macht als die werktätige Jugend.
Gleichzeitig wird die Jugend als Absatzmarkt entdeckt und umworben. Jugend und Jungsein wird zu einem gesellschaftlichen Leitbild.
Selbstverwirklichung wird zu einem der wichtigsten Ziele - aber immer weniger praktikabel. Sie verlangt Bereitschaft zu schulischer und beruflicher Leistung, die gefördert werden durch den Wunsch (und meist auch die Versprechungen der Ausbildenden) nach konkreten, verwertbaren Bildungsresultaten. Andererseits verschärft sie Streit und Konkurrenzen sowie Frustrationen bei Einmündungen und Übergängen durch die zeitweilige Überfüllung aller Bildungsinstitutionen und verfehlte Wahlentscheidungen - die um so häufiger werden, je differenzierter die Berufsausbildung und je höher die Anzahl der Diplome (s. Problem der Berufswahl). Und sie trägt zu einer Polarisierung und Entmischung zwischen einfacher und höherer Bildung bei, was sich in unterschiedlichen Meinungen und Verhaltensweisen niederschlägt.
Melvin Kohn hat 1969 hervorgehoben, daß sich strukturelle Gegebenheiten auf die spezifische Auswahl von Wertorientierungen und somit indirekt auch auf die Erziehungseinstellungen auswirken. Danach bedingt eine spezifische Arbeitsorganisation und deren Arbeitsabläufe eine stärkere Wertschätzung äußerer Konformität bzw. eine stärkere Autoritätshörigkeit in Arbeiterberufen, während dagegen in Angestellten- und Beamtenberufen selbstbestimmtes Handeln stärker betont wird.
Eltern aus der Unterschicht legen weitaus größeren Wert auf Gehorsam gegenüber elterlichen Befehlen als Eltern aus der Mittelschicht. Unterschichteltern bewerten Gehorsam, Ordentlichkeit und Sauberkeit höher als Mittelschichteltern und diese bewerten Wißbegierde, Glück, Rücksichtnahme höher als Eltern aus der Unterschicht Demnach sind die Angehörigen der Mittelschicht gut qualifiziert, haben eine hohe Autonomie im Beruf, sind selbstbestimmt und ihre Erziehungsziele sind Autonomie.
Unterschichtangehörige sind wenig qualifiziert, haben eine niedrige Autonomie am Arbeitsplatz, neigen zu Anpassung und erwarten auch von ihren Kindern Konformität mit Autoritäten.
Ein gebildeter Mensch kann für sich selbst sorgen, ist unabhängig und hebt sich dadurch von anderen ab. Daher ist der Wunsch der Eltern aus der Mittelschicht, die selbst eine solche Form von Autonomie und Selbstbestimmung erfahren, daß auch ihre Kinder Eigenschaften erwerben, die sie zu eben solchen autonomen Persönlichkeiten.
Bei den Mittelwertvergleichen der Items zeigt sich bis auf eine Ausnahme, daß mit steigender Schulbildung Autoritarismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus als auch Eigengruppenidealisierung abnehmen.
Stöss, Richard: Die extreme Rechte und ihr gesellschaftlicher Rückhalt, in: Gewerkschaftliche Monatshefte: Zeitschrift für soziale Theorie und Praxis, Jg. 51/2000, H. 11, S. 601-607 (Standort: FES Bonn(Bo133)-X1085; UuStB Köln(38)-Haa950; Kopie über den Literaturdienst erhältlich)
Unter Anomie litt und leidet insbesondere Ostdeutschland durch den "Umbau" der DDR. Hier wird insbesondere die Theorie mehrfach untersucht, ob die Bevölkerung der ehemaligen DDR wirklich anfälliger ist für Rechtsextremismus:
"Rechtsextremismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen: jeder siebte bis achte Bundesbürger ist durch ein rechtsextremes Weltbild geprägt. Besonders die neuen Bundesländer sind tief greifenden Umbruchprozessen ausgesetzt, Globalisierung und Modernisierung wirken auf viele Menschen bedrohlich, was das Bedürfnis nach einem starken Nationalstaat, nach mehr Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit entstehen lässt."
Stöss, Richard: Die extreme Rechte und ihr gesellschaftlicher Rückhalt, in: Gewerkschaftliche Monatshefte: Zeitschrift für soziale Theorie und Praxis, Jg. 51/2000, H. 11, S. 601-607
Die DDR war zwar obrigkeitlich gestaltet, mit vielen Restriktionen, aber eine überschaubare, klare Ordnung, die nach der Wiedervereinigung verloren ging.
Die Ergebnisse bestätigen die zentralen Annahmen über den Zusammenhang zwischen Autoritarismus und politischen Orientierungen. Aus ihnen geht hervor, daß ostdeutsche Jugendliche weder autoritärer noch rassistischer oder rechtsextremistischer als westdeutsche Jugendliche sind. Die aufgeflammte Welle von Gewalt gegen Ausländer ist vielmehr das Ergebnis einer ökonomischen Krisensituation, verknüpft mit Identitätsproblemen und der Enttäuschung über die uneingelösten Schutz- und Sicherheitsversprechen politischer Instanzen."
Oesterreich, Detelf: Autoritäre Persönlichkeit und Gesellschaftsordnung: der Stellenwert psychischer Faktoren für politische Einstellungen ; eine empirische Untersuchung von Jugendlichen in Ost und West, (Jugendforschung), Weinheim: Juventa Verl. 1993, 243 S., ISBN: 3-7799-0429-2 (Standort: UB Bonn(5)-93-9858)
Es wird die These vertreten und belegt, daß die Menschen in der ehemaligen DDR nicht autoritärer im Sinne des Konzepts der Autoritären Persönlichkeit sind, daß sie auch nicht in stärkerem Maße zu rassistischem und rechtsextremem Denken neigen als die Bürger in den alten Bundesländern; vielmehr sind aufbrechende Ausländerfeindlichkeit, Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt und der zunehmende Rechtsextremismus Konsequenzen der ökonomischen und psychischen Verunsicherungen (hoffnungslose berufliche Zukunftsperspektiven, Identitätsprobleme, politische Orientierungslosigkeit).
Oesterreich, Detlef: Leben die häßlichen Deutschen im Osten?: Vergleich von Ost- und Westberliner Jugendlichen, in: Hans-Uwe Otto, Roland Merten (Hrsg.): Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland : Jugend im gesellschaftlichen Umbruch, 1993, S. 182-188, ISBN: 3-89331-170-X (Graue Literatur)
Während Väter aus der Arbeiterschicht autoritäre Erziehungsziele wichtiger bewerten, präferieren Eltern aus der Mittelschicht das Erziehungsziel „kooperativer Individualismus“, eine Art Individualismus, der die Beziehung zu anderen, das Verständnis für andere sowie Verantwortungsbewußtsein und Kritikfähigkeit beinhaltet.
Schmidt, Peter; Heyder, Aribert: Wer neigt zu autoritärer Einstellung und Ethnozentrismus, die Ost- oder die Westdeutschen?: Eine Analyse mit Strukturgleichungsmodellen, in: Richard Alba, Peter Schmidt, Martina Wasmer (Hrsg.): Deutsche und Ausländer: Freunde, Fremde oder Feinde? : empirische Befunde und theoretische Erklärungen, Opladen: Westdt. Verl., 2000, S. 439-483, ISBN: 3-531-13491-4
http://www.maxwell.syr.edu/maxpages/faculty/merupert/Research/far-right/berlet.html Armed Militias, Right Wing Populism, & Scapegoating by Chip Berlet, Political Research Associates, April 24, 1995
Aehnliches zeigt sich heute sogar in der "demokratischen" Schweiz. Je unsicherer die Zeiten, desto rascher der Ruf nach extremen Strafen:
Hier organisieren sich einige Probleme:
Dieser Artikel basiert, wie die meisten bei Brainworker und Diskussionsforen, auf einer Literatur- (6 Bücher, davon 2 Dissertationen) und Internetstudie. In keinem der Beiträge wurde das vielleicht wichtigste Fundament von Autorität erwähnt:
Wer zahlt - befiehlt!
Seltsam, nicht? Diese Autorität des Auftraggebers, sowie der Umgang damit, wurde von mir bereits zu einem früheren Zeitpunkt unter dem Aspekt "Der Auftrag" abgehandelt. Da die Widersprüche zwischen politischer Demokratie und wirtschaftlicher Plutokratie erst einer Minderheit klar sind, wird uns das Thema noch Jahre beschäftigen.
Korrektur: Bei der Suche nach Slooterdijks Kritik der zynischen Vernunft hab ich mir gleich noch Richard T. De George's The Nature and Limits of Authority aus der Bibliothek mitgenommen. Und der machte offenbar bereits 1985 (s. 165-185) deutlich auf das Problem aufmerksam, dass Eigentum mit Autorität verbunden ist (Eigentum verpflichtet fehlt auch hier, aber das wäre eben vermutlich unter Ethik zu suchen).
Der Auftrag des Volkes an die Wirtschaft war, zu wachsen, Gewinne zu erzielen, Konsumgüter zum günstigsten Preis bereit zu stellen - Jobs zu schaffen und den Lebensstandard zu verbessern. (Da wären die Amerikaner der Schweiz mal voraus, denn unsere Wirtschaftsführer streichen den zweiten Teil dieses Satzes.)
Heute verlangt das Volk aber auch soziale Verantwortung. Wird diese von den Betrieben nicht war genommen, so wird dies ein weiteres Ansteigen der Kontrolle durch die öffentliche Verwaltung - und damit auch der Kosten und der Staatsquote die Folge sein. Die beliebte Forderung: "Runter mit der Staatsquote" würde also bedingen, dass die Wirtschaft selbst mehr soziale Verantwortung übernimmt! Dies als Folge des Axioms: Wer befiehlt, trägt die Verantwortung! > Wer entlässt, bezahlt! Geld dass sich inzestuös selbst vermehrt und keinen Wohlstand und Arbeitsplätze schafft, wird kastriert.
Eine Wirtschaft die nur noch Verantwortung übernimmt gegenüber
Eigentümern und Shareholdern,
verliert ihre Autorität gegenüber Angestellten wie dem Volk.
Auch die Grundfrage der Umweltnutzung wird vom traditionellen liberalen Modell nicht beantwortet: Wer hat die Autorität darüber zu entscheiden, welche natürlichen Ressourcen genutzt werden - und welche erhalten bleiben sollen?
Die Uridee der Liberalen war eine freie Wirtschaft freier Menschen, ein innovationsfördernder Wettbewerb unter vielen gleich gesinnten Kleinbetrieben. Die Idee hat sich aber pervertiert in Marktbeherrschung durch Grösse und Macht. Die Aktivitäten privater Betriebe übertreffen in ihrer Wirksamkeit heute die Regierungstätigkeit - ohne allerdings öffentlichen Anliegen zugänglich zu sein. Während der Bürger in der Politik Macht an Vertreter und Institutionen delegiert, zur Förderung des Gemeinwohls, usurpiert die Privatwirtschaft Macht und Autorität, indem sie sie kauft. Diese Macht der Wirtschaft ist weder demokratisch legitimiert noch kommt sie von unten. Die Wirtschaft organisiert sich eher wie das Militär, setzt seine eigenen strategischen Ziele und nutzt ihre eigene Taktik. De George warnt aber:
Genau wie das Militär, so
muss sich auch die Wirtschaft irgend wann auf das Gemeinwohl ausrichten;
tut sie dies nicht wird sie zur Gefahr, gegen die sich die Gesellschaft
verteidigen wird.
Gewerkschaften waren ein Versuch, dieser Macht einen Gegenpol gegenüber zu stellen. So betrachtet sind heute verbleibenden Aktivitäten der Gewerkschaften, wie GAVs und Lohnverhandlungen, ziemlich kläglich. Hilfreich jedoch ist De Georges Empfehlung: Wer sich einer Autorität unterwerfen muss, soll dies nur tun, wenn es zu seinem eigenen Vorteil ist! Wer seine Arbeitskraft verkauft, verkauft damit weder seine Rechte noch seinen Selbstrespekt. Er unterläuft damit erfolgreich die sich häufenden Bestrebungen, harte wirtschaftliche Massnahmen als "im Interesse der Betroffenen" zu verkaufen.
Weitere Meinungen zur Beziehung zwischen Gesellschaft, Staat und Wirtschaft:
"Der Artikel geht dem in der Literatur umstrittenen Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein demokratischer Institutionen und dem wirtschaftlichen Wachstum nach. Es wird argumentiert, dass die Zunahme der politischen Partizipation in Autokratien eine Umschichtung des Haushaltes von der Gewährleistung von Rentengewinnen für eine Oligarchie zu verstärkten Investitionen in öffentliche Güter hervorruft. Diese Hypothese lässt ein höheres Wirtschaftswachstum in politisch relativ partizipatorischen Autokratien erwarten. Eine mit variierenden Operationalisierungen und Methoden durchgeführte quantitative Studie bestätigt die Hypothese."
Plümper, Thomas: Die Politik wirtschaftlichen Wachstums in autoritären Staaten, in: Politische Vierteljahresschrift : Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, Jg. 42/2001, H. 1, S. 79-103 (Standort: UuStB Köln(38)-XE00036; Kopie über den Literaturdienst erhältlich)
Der "neue Kapitalismus" (Sennett) trägt nicht zur Integration der Gesellschaft bei.
Heitmeyer, Wilhelm; Heyder, Aribert: Autoritäre Haltungen: rabiate Forderungen in unsicheren Zeiten, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände : Folge 1, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002, S. 59-70, ISBN: 3-518-12290-8
Die These von Heitmeyer unterstützt meine eigene Analyse unter Wie vertragen sich Freiheit und Wirtschaft?
Der Autor geht von der These aus, dass sich gegenwärtig ein autoritärer Kapitalismus herausbildet, der vielfältige Kontrollverluste erzeugt, z.B. auf politisch- institutioneller, politischer, sozialer und individuell-biografischer Ebene, welche auch zu "Demokratieentleerungen" beitragen, so dass neue autoritäre Versuchungen durch eine staatliche Kontroll- und Repressionspolitik wie auch ein rabiater Rechtspopulismus befördert werden.
Heitmeyer, Wilhelm: Autoritärer Kapitalismus, Demokratieentleerung und Rechtspopulismus: eine Analyse von Entwicklungstendenzen, in: hrsg. v. Dietmar Loch und Wilhelm Heitmeyer: Schattenseiten der Globalisierung : Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und separatistischer Regionalismus in westlichen Demokratien, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001, S. 497-534, ISBN: 3-518-12093-X
Folgende Graphik zeigt dazu noch, dass die selbständige Tätigkeit, die am ehesten gegen Gefügigkeit wappnet, bei Arbeiterschicht wie Mittelschicht deutlich abgenommen hat. Während bei den 37-46 geborenen noch mehr als die Hälfte der Mittelschicht selbständig arbeitete, waren es bei den 57-66 geborenen nur noch 33%. Bei der Arbeiterschicht hat sich der Anteil von 30 auf 16 gerade halbiert, dafür der Anteil derer, die auf Anweisung arbeiten, mehr als verdoppelt.

Auf seine Grenzen stösst Autoritarismus in der Wirtschaft vor allem deshalb, weil Macht und Grösse nur ein Mittel ist, weiter zu wachsen und die Macht auszudehnen. Immer wichtiger wird jedoch Innovation, also neue Ideen, und damit auch Intuition, Phantasie und Kreativität - und genau diese werden durch Autorität behindert statt gefördert. Autorität wirkt somit Wettbewerbs behindernd, insbesondere was den Ideenwettbewerb betrifft..
Der Befehl: Flucht und StachelDer Befehl ist älter als die Sprache, sonst könnten Hunde ihn nicht verstehen. Man nimmt ihn als etwas, das immer war, er erscheint so natürlich wie unentbehrlich. Von klein auf ist man an Befehle gewöhnt, auch das ganze erwachsene Leben ist durchsetzt von ihnen, ob es nun um die Sphären der Arbeit, des Kampfes oder des Glaubens geht.
Der Befehl ist wie ein Pfeil. Er wird abgeschossen und trifft. Der Befehlshaber zielt, bevor er abschiesst. Jeder Befehl besteht aus einem Antrieb und einem Stachel. Der Antrieb zwingt den Empfänger zur Ausführung, und zwar so, wie es dem Inhalt des Befehls gemäss ist. Der Stachel bleibt in dem zurück, der den Befehl ausführt. Der Herr befiehlt seinem Sklaven, eine Mutter befiehlt ihrem Kind. Die Befehlsempfänger, denen am gründlichsten Mitgespielt wird, sind die Kinder. Dass sie unter der Last von Befehlen nicht zusammenbrechen, dass sie das Treiben ihrer Erzieher überleben, erscheint wie ein Wunder. [S. 338] Der Befehl in der Armee stellt Gleichheit her, stellt lenkbare Masse her, die keinen eigenen Willen mehr hat - und präzise das ist es, was sie gefährlich macht. Der Soldat lebt immer im Zustand der Befehlserwartung, und das ist eben nicht die Erwartung einer Begebenheit, über die nachgedacht werden müsste. Disziplin, ohne Murren, ohne Widerspruch macht das Wesen der Armee aus .... und man sollte sich vielleicht doch mal fragen, ob es richtig ist, akademisches Spezialwissen ebenfalls "Disziplin" zu nennen .... Gerade im Soldaten sammelt sich der Stachel des Befehls in ungeheuerlichem Masse. Er schluckt und schluckt Befehle - und für jeden Befehl den er ausführt bleibt ein Stachel. Er gehorcht - und wird immer starrer - bis er befördert wird, und sich der Stachel entledigt, indem er nun selbst befiehlt. (Was ich meist durch die Machttreppe ausdrücke. Eine ähnliche Funktion sich des Stachels zu entledigen, eben so unwirksam und dämlich wie selbst befehlen, ist Mobbing.) Hier entsteht eine zweite, eine geheime Disziplin, angefeuert durch den Drang, all die gespeicherten Befehlsstachel nun zu verwerten, einem andern anzuhängen. Der Stachel drängt danach, wieder zum Pfeil zu werden. Hierin basiert die autoritäre Erziehung und Führung, hierin scheitert sie.
Der <freie> Mensch ist nur der, der es verstanden hat, Befehlen auszuweichen, und nicht jener, der sich erst nachträglich von ihnen befreit. [Elias Canett: Masse und Macht:. Fischer. Frankfurt. a. M. 1980] |
Während in Demokratien Macht und Autorität nach in der Verfassung festgelegten Normen verteilt wird:
monopolisieren autoritäre Regimes den Machtanspruch, lassen also weder eine Kontrolle der Exekutive noch Beteiligung anderer politischer Gruppierungen zu. Meist entstehen sie aus dem Zerfall demokratischer Ordnungen. (Achtung!).
nach: Meyers Grosses Taschenlexikon
Politisch autoritäres Gebaren macht sich in den letzten Jahren immer breiter. Nach Haider, Berlusconi, Blocher hat es nun definitiv auch die USA erfasst, wo Bush zur Zeit eine Jasager-Regierung etabliert. Das Fundament dazu wurde allerdings bereits von Reagan gelegt. Da die UDSSR als Feindbild (Reagans: Reich des Bösen) ausfiel, müssen heute andere Schurkenstaaten (die Achse des Bösen) als Feindbilder dienen:
Der Autor analysiert in seinem Beitrag die "Sozialpsychologie des Reaganismus" und warum es in den USA zu einer "Renaissance des autoritären Charakters", wie er von Adorno beschrieben wurde, gekommen ist. Der Erfolg der Irrationalität der amerikanischen Gegenwartsprobleme läßt sich eben nur mit dieser "Renaissance" erklären, wo es einem politischen Führer gelingt, "auf der Grundlage seines weltanschaulichen Angebots und der von ihm neu inzenierten Mythen der Vergangenheit die neurotischen Wünsche der Massen zu mobilisieren, um zur Macht zu gelangen". Charakteristisch für diese Politik, so die Meinung des Autors, ist es, daß die narzistische Wut eines verletzten Selbstgefühls, entstanden unter dem Druck sich verschärfender wirtschaftlicher und politischer Konflikte in den USA, in pseudomythischer Verklärung auf die Sowjetunion (Reich des Bösen) projeziert wird. Die Identifizierung der Sowjets mit den derart gehaßten Selbstfragmenten führt letztlich zu jener Form von "Verfolgungsangst", die sich vor einem sowjetischen Überfall nie sicher wähnt und darum eine Politik der Stärke forciert. Die Identifikation mit den neuen Waffen hat zu einer Steigerung des Selbstbewußtseins und zu einem mit Allmachtsglauben durchsetzen Selbst geführt. (HM)
König, Hans-Dieter: Zur Renaissance des autoritären Charakters der USA, in: Prokla : Probleme des Klassenkampfs. Zeitschrift für politische Ökonomie und sozialistische Politik, Jg. 12/1982, H. 48 = Nr. 3, S. 156-173
"Seltsamerweise" produziert dieser Rechtsrutsch vor allem rechtsextremen Widerstand durch verschiedenste Verschwörungsgruppen, Milizen und populistische Bewegungen, welche die Regierung als tyrannisch empfinden. Leider sind diese Bewegungen weder demokratisch noch einigermassen rational, sondern entsprechen selbst präzise dem Bild autoritärer Bewegungen, wie z.B. white supremacy & der Klu Klux Clan, die verschiedenen Waffenligen, die sowohl gegen Schwarze wie antisemitisch sind. Häufig treten rein faschistische Gruppen auch im Namen der Religion auf wie Christian Identity, Christian Patriots, Christian Reconstructionists, Posse Comitatus oder gar als apokalyptische Endzeitkrieger. Einer der übelsten Führer ist Pat Robertson, Christian Coalition, also ein Evangelikaler. Man rechnet mit rund 5 Millionen Mitglieder, 10 bis 20'000 davon bewaffnet. Die Sündenböcke dieser extremen Gruppen sind, mit Ausnahme der Regierung selbst und Israels, die selben, wie für die gegenwärtige Regierung:
Das Hauptproblem mit diesen Schwarzschafkonspirationstheoretikern ist, dass ein ernsthafter Dialog und damit ein demokratischer Prozess auf der Ebenen nicht möglich ist. (s. Fundamentalismus)
http://www.maxwell.syr.edu/maxpages/faculty/merupert/Research/far-right/berlet.html
Ausgezeichnete und umfangreiche Grundlage mit vielen weitern Angaben
Wie kam es zu dieser Wandlung von einer Urdemokratie zu einem präemptiv und unilateral agierenden Imperium? Oder:
Je chaotischer die Welt wird, desto mehr suchen Verwirrte wieder Ordnung und Orientierung herzustellen - durch Autoritäten, die ihren eigenen Überwert repräsentieren und denen sie Gefolgschaft leisten können. Die autoritäre Persönlichkeit entspringt also meist einem Gefühl der Minderwertigkeit.
Rechtskonservative autoritäre Gruppen florieren zur Zeit wohl, weil sie einen doppelten Bonus haben: Erstens sind es genau diese Gruppen, die dem Volk Angst machen vor Überfremdung, vor unkontrollierbaren Einflüssen von aussen, vor Verlust der Kontrolle - zweitens sind es aber genau die selben Gruppen, die den geistig minder bemittelten dann die Lösung über starke und allem feindlichen (=fremden) gegenüber rücksichtslose Führung versprechen. Der eigene Überwert wird dadurch gefördert, dass man andere nieder macht.
Dieser Charakterzug wurde von W. Reich 1930 in Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral als "autoritäre Unterjochung" (weiter unten im Text als autoritäre Aggression) bezeichnet und beschreibt die so genannte "Feldwebelnatur": sich nach oben ducken, nach unten herrschen, was heute als "Radfahrer" bezeichnet wird: Nach oben (in die Kamera) lächeln, nach unten treten. Dem typischen autoritären Charakter fehlt es also an Zivilcourage. Darum delegiert er die Führung an andere.
Autoritäre Personen zeigen laut Altemeyer die Tendenz, "Rechts" zu wählen.
Als Faschismus wird das von Mussolini in Italien (1922-45) eingeführte Herrschaftssystem bezeichnet. Der Begriff leitet sich vom lat. fascio ab, dem Rutenbündel (wie auf dem Wappen St. Gallens, ganz oben links), das, wenn als Symbol verwendet, meist eine Axt umgibt. Das Symbol steht für Vereinigung der Vielen zu einem Ganzen (: Gemeinsam sind wir stark) - wie dem Willen, dann auch Gewalt (die Axt) einzusetzen, um die gemeinsamen Interessen durchzusetzen (wobei meist natürlich "zu verteidigen" gesagt wird) zeigt deutlicher als die vielfältigen Definitionen, worum es geht. Faschismus ist gebündelte, zentrale, hierarchisch organisierte Macht. Im Faschismus trägt und stützt die Masse den Führer, dem sie blind folgt. Die Grundidee das Symbols: Stärke durch Bündelung der Kräfte, durch Gemeinsamkeit ist natürlich fast jedem Bündnis eigen. Jedes Dorf, jeder Stamm, jedes Volk verteidigt, genau wie jede Nation, erst einmal das Eigene. Insbesondere liesse sich auch die bewaffnete Neutralität der Confoederatio Helvetica so symbolisieren. Das erklärt, warum dieses, im 20. JH schon fast grauslich gewordene Symbol, auch ruhig weiter auf dem Wappen bleiben darf und St. Gallen, seines Wappens wegen, noch lange nicht vom Faschismus bedroht ist (obwohl natürlich das Grün schon die Farbe des Islam ist ...). Auch hier handelt es sich um eine Frage des Masses. Nachdem in der Schweiz z.B. die Armee von einem der höchsten der Gefühle zu einem "na ja ..." verkam, geniesst die redimensionierte Armee nun im Volk eigentlich fast allseitigen Respekt. Der Militarismus wurde also überwunden. Ebenso ziehen sich Chauvinismus und Nationalismus immer mehr in die Köpfe ohne Haare zurück, je mehr die SchweizerInnen an-erkennen müssen, dass der "Sonderfall Schweiz" nur ein Sonderfall unter vielen ist. Urständ hingegen feiert das Führerprinzip immer öfter und immer stärker in der Wirtschaft! Begleitet von Demokratiefeindlichkeit (Erschwerung der Referenden, Abschaffung der Einsprachemöglichkeiten für Verbände etc, etc.), Sozialdarwinismus (= Eigenverantwortung), richtige Gesinnung (lieber gratis arbeiten als gar nicht), Machtstreben in der Form des Mobbing, etc (s.o.)
Faschismus ist unlogischerweise kein politisches Programm (es sei denn, man betrachte die Durchsetzung des Überlegenheitsanspruch der eigenen Rasse, Region, Clientel als solches) sondern beruht auf Ressentiments und Ablehnung (antimarxistisch, antiliberal, anti-wasauchimmer, also eine Neinsagerpartei ...), obwohl (oder gerade weil?) er sich auf bürgerlichen Kapitalismus stützt. Faschismus setzt auf Gewalt zur Durchsetzung seiner politischen Ziele, nicht auf Verhandlung und Demokratie. Faschismus verlangt den Einparteienstaat, also die absolute Macht. So gelangten Mussolini wie Hitler durch Überredung, Erpressung und Gewalt an die Macht.
Faschismus, Kommunismus und Kapitalismus sind sich ähnlich, da es sich bei allen um totalitäre (fundamentalistische) Systeme handelt - mit dem Wunsch nach (autoritärer) Führung, also Orientierung und dem Streben nach Macht und Beherrschung, im letzteren Falle über möglichst grosse, marktbeherrschende Firmen:
Die wichtigsten Elemente des Faschismus (s. wikipedia, das in diesem Falle ausgezeichnete Infos bietet):
| Ideologie: Philosophie aus Fertigbauteilen. (Horst Dieter Schlosser, dt. Germanist, *1937) |
Das Führerprinzip: Eine einzige Ideologie wird als verbindlich erklärt und durch strenge, autoritäre, hierarchische Organisation durchgesetzt. Widerspruch wird nicht geduldet! (Tönt ein bisschen nach SVP, nicht?)
Seine Demokratiefeindlichkeit ergibt sich daraus von selbst.
Eine brutalere Folge des Führerprinzips ist der Sozialdarwinismus: Der Stärkere soll siegen - der Verlierer hat sich zu fügen - was auch als Superiorismus bezeichnet wird. Dies erleben wir gerade deutlich in der Wirtschaft. Reden Sie mal mit einem Kleinbauern oder einem Kleingewerbler, oder einem eher schwachen Schulabgänger, oder einem der nicht der Norm entspricht und ein bisschen auffällt, ...
Die Macht der getreuen Masse mit der richtigen Gesinnung: Faschismus setzt nicht auf wissenschaftliche, philosophische oder sonst welche Analysen der Wahrheit, die als Anleitung zu richtigem Handeln dient, sondern, weil er weiss was gut ist, auf Beeinflussung, Propaganda, Polemik, und vor allem Populismus.
Eine mystisch-irrationale Ideologie als Grundlage: Gerade weil der Faschismus die gehorsame Masse braucht, kann er nicht differenziert argumentieren, sondern muss seine Aktionen auf einem möglichst einfachen, meist extrem banales Weltbild begründen: Wir gut - Ausländer schlecht.
Nationalismus: Das eigene Land ist der Ausgangspunkt für alles Gute. Früher hiess das: Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen. Heute: Der amerikanische Lebensstil befreit die Welt.
Gewaltsames Machtstreben: symbolisch ausgedrückt durch die Axt - wird praktisch meist als Verteidigung der eigenen Interessen, der Freiheit, etc getarnt.
Militarismus - die logische Folge davon. Faschismus glaubt an eine Lösung aller Probleme a) von oben, b) für das eigene Land, c) durch Gewalt
Der äussere Feind: Traditionell war das der Kommunismus. Da dieser heute dafür nicht mehr zu gebrauchen ist, hat der Westen auf den Islam umgeschwenkt. (s. der sozialhygienische und politische Bedarf an Aussenseitern und Feinden)
Faschismus ist rassistisch - nicht bloss antisemitisch: Traditionell waren die Andern, die Bösen, die "verderbten Verderber" meist Juden.
Zusammengefasst:
Faschismus basiert auf Nationalismus - Militarismus und Chauvinismus
Wir hätten hier also 10 recht präzise Anhaltspunkte um Faschismus identifizieren zu können. Wollen wir diese doch mal vergleichsweise auf "Die USA" und "Den Islam" anwenden:
| Faktor | USA | ISLAM |
| Das Führerprinzip - die ausschliessliche Ideologie | Sie ist die einzige Weltmacht, die global
"präventive Verteidigung" betreiben kann.
|
Im Islam gibt es höchst unterschiedliche
Richtungen, die sich im Irak z.B. gerade auf das blutigste bekämpfen. Die
Kampfweise ist terroristisch - und
Terrorismus
hat per Definitionem keine zentrale Führung und keine hi erarchische
Ordnung - sondern operiert, genau wie die moderne Wirtschaft, über
Netzwerke.
Dennoch lässt es sich nicht wegreden, dass der Islam in vielen Köpfen noch
auf dem mittelalterlichen absoluten ausschliesslichen weltweiten
Herrschaftsanspruch beharrt. |
| Demokratiefeindlichkeit | äh ... wie war das mit den Wahlen? Wie ist das mit der Ideologie der Evangelisten, der Neokonservativen und anderer autoritärer Gruppen? | Islamischer
Fundamentalismus ist demokratiefeindlich - aber: Islamische
Fundamentalisten gehen den meisten Muslimen fürchterlich auf den Keks. Die
meisten Staaten versuchen also eh, diese Bewegung unte r
Kontrolle zu halten. Allerdings neigen zugegebenermassen die meisten
islamischen Regierungen zu Autoritarismus. |
| Sozialdarwinismus |
Die
Reichen werde immer reicher - die Armen ärmer ...[s. Postkapitalismus] |
Der Islam kennt, ungleich dem Protestantismus, keine einzige Regel, nach der Reichtum auf der Erde ein Zeichen der Gnadenwahl Gottes sei. Jeder Muslim ist gehalten, Bedürftige zu unterstützen. [s. Die Araber] |
| Die Macht der Getreuen |
Die
gegenwärtige US-Regierung ist kriegstreiberisch,
belügt, wenn sie einen Krieg führen will auch ihr eigenes Volk mit
der Unterstützung regierungstreuer Massenmedien. |
Alle Muslime werde für ihren Glauben einstehen - aber nur eine Minderheit für einen verquerten, engstirnigen Islam der durch einige wenige zu deren persönlichem Machtinstrument umfunktioniert wurde. |
| banales Weltbild |
In
Sachen banalem Weltbild dürfte Bush Weltmeister sein. |
Die islamischen Fundamentalisten stehen ihm da nicht weit nach - Aber die sind nicht "Der Islam". |
| Nationalismus | unentschieden - die meisten arabischen Staaten dürften genau so nationalistisch wie chauvinistisch sein wie die USA. | |
| Gewaltsames Machtstreben | Von Bush und Co weltweit betrieben | Von islamischen Regierungen und fundamentalistischen Gruppen primär lokal, zeitweilig global (Terrorismus) betrieben. |
| Militarismus | unentschieden - die meisten arabischen und islamischen Staaten dürften genau so militaristisch sein wie die USA - allerdings mit einem vergleichsweise lächerlichen militärischen Machtpotential.. | |
| Der äussere Feind | Kommunismus > Islam > Terrorismus -
meist eine
herbeigeredete, auf jeden fall bloss potentielle Bedrohung. |
Der Westen, die ehemaligen und neuen Kolonisatoren - in allen Islamischen Ländern eine reell erlebte gewalttätige Besetzung - die als wirtschaftliche und politische Bevormundung bis heute weiterlebt.. |
| Rassismus und Antisemitismus | Fragen Sie einen Schwarzen, Latino, Chino oder sonstigen Einwanderer, der noch Tellerwäscher ist und nicht Milliardär | Da vielfach Nationalismus und Chauvinismus dominieren, ist leider auch der Rassismus verbreitet, das Gefühl, den "Andern" überlegen zu sein. Antisemitismus sicher nicht, denn die Araber sind selbst Semiten - also höchstens Antizionismus. |
| Fazit: | 4 / 1 führt die USA als Hort des Faschismus vor dem Islam (bei 5 "Enthaltungen/Unentschieden"). Bush sollte als das Maul nicht zu voll nehmen, denn die USA stehen dem Islam in Sachen faschistoider Tendenzen nicht nach, im Gegenteil! | |
Definition Rechtsextremismus: Rechtsextremismus, generell rechtsradikale Bewegungen wie z.B. der Neonazismus, werden in Meyers Taschenlexikon Neofaschismus gleich gesetzt.
Rechtsextremismus (bzw. Rechtsradikalismus) ist eine politische Auffassung, die den demokratischen Verfassungsstaat durch eine völkisch oder rassisch definierte Volksgemeinschaft ersetzen will.
Rechtsextremisten verneinen die fundamentale Gleichheit der Menschen. Menschen seien durch biologische oder kulturelle Herkunft soweit vorgeprägt, dass eine friedliche, gleichberechtigte Koexistenz unter ihnen unmöglich ist.
Rechtsextremisten streben eine Art der Volksgemeinschaft an, in der die sozialen Unterschiede der Menschen eines Volks aufgehoben oder irrelevant sind. Die genaue Form dieser Gemeinschaft kann variieren, meist wird sie aber nur vage umrissen. Institutionen wie ein Mehrparteiensystem oder eine demokratische Opposition werden als die Volksgemeinschaft zersetzend abgelehnt.
http://www.matheboard.de/lexikon/Rechtsextremismus,definition.htm
Der National-Sozialismus versuchte, in einer Zeit höchster Unsicherheit und Ungerechtigkeit, für die einfachen Leute wieder eine akzeptable Ordnung herzustellen. Er fokussierte sich dabei einzig und alleine auf das Wohl dieses einen, auserwählten, als überwertig bezeichneten Volkes und setzte diese Ordnung durch ein straffes, hierarchisches Herrschaftssystem durch: Erst die Gemeinschaft - dann das Individuum (wenn überhaupt...). Der Bürger hatte der nationalen Gemeinschaft und dem. von einer "Elite" geleiteten National-Staat, als höchstem Wert zu dienen. Solche "Ordnungen", die straff hierarchisch herrschen, das Wohl der Organisation weit über das der Untergebenen setzen, die nichts anderes suchen als den Vorteil der eigenen Gruppe, machen heute den Kern der Gesellschaft aus. Das Wort National ist ersetzt worden durch Markt, sozial durch frei - und der Staat durch Betrieb:
Die Bevorzugung straffer Ordnung und Herrschaftssysteme finden wir politisch meist rechts (und in den Betrieben ...) - obwohl von den Selben behauptet wird, sie stünden für Freiheit und gegen einen herrschaftlichen Staat.
Die Bevorzugung des eigenen Volkes, oft auch nur Volksteiles (und oft eher begüterten, nicht unterdrückten, Volksteiles), oft verbunden mit einem Überlegenheitsanspruch, finden wir in allen rechtsextremen Parteien (und den Wirtschaftsbetrieben, die niemandem verantwortlich sind als den Eigentümern/Shareholdern).
Die Durchsetzung einer allgemeinen Ordnung zum Wohle des Volkes, durch die Vertreter des Volkes, den Staat, wird von Links gewünscht.
Man wähle ...
Der Glaube und die Autorität(en) stehen seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte (der kreativistischen, nichtdarwinistischen zumindest) auf dem Kriegsfuss: Eva und der Apfel der Erkenntnis. Das Resultat ist bekannt. Der Mensch wollte keine Marionette sein im Paradies, sondern selbst erkennen und frei entscheiden - eine Freiheit die ihm von Gott ganz offensichtlich zugestanden wurde, sonst hätte er den Baum ja ganz einfach entfernen können. Eva war also nicht bloss die erste Frau, sondern gleich auch die erste Emanze, die sich väterlicher Autorität widersetzt hat und ihrem Mann, Adam, gleich mitzog. Es gibt eben doch nichts Neues auf der Erde ...
Die Kirche war allerdings seit der Christianisierung Europas bis zur Französischen Revolution die Mutter aller Autorität in Europa. Sie terrorisierte nicht bloss die Massen mit Hölle und Teufeln, sondern mischte auch tätig mit bei der "göttlichen Wahl" der Kaiser. Ihre Autorität basierte auf ihrer Stellung als Statthalterin Gottes. Das Wort Gottes war ja, da lateinisch und griechisch, der Mehrheit bis zu Luther nicht verständlich - und vor Gutenbergs Entwicklung des Buchdrucks auch nicht erschwinglich.
Mit Luther änderte sich allerdings nur wenig, vor allem wenig zum Guten. Vertreter der selben Religion, Interpretatoren des selben Textes, bekämpften sich während Jahrhunderten bis aufs Blut. Zudem wurde die These der Gottvertreterautorität bloss durch die Antithese einer übertriebenen Buchstabengläubigkeit ersetzt. An der Synthese, einem freien Streben nach dem göttlichen Ideal (also eigentlich bloss an der Menschwerdung), nagen wir heute noch, egal ob Muslim, Christ, Buddhist or whatsoever.
Mit der Befreiung des Volkes von Kirche und Grundherren übernahmen neue Herren die Macht und die Autorität: Die Fabrikherren. Und die haben sie heute noch (solange sie nicht bankrott gehen).
Dennoch beklagt nicht nur die Kirche, sondern auch Schulen, Politiker, Vorgesetzte, Polizei und Armee den Verlust an Autorität. Was geschah mit ihr? Die Antwort ist, für die Bereiche wo die Aussage zutrifft, einfach, sie musste sich:
dem freien Willen unterwerfen
der Wahrheit unterwerfen
pragmatisch bewähren
argumentativ und funktionell legitimieren
Eine Autorität die sich diesen Bedingungen nicht fügt, basiert folglich auf Gewalt und Macht.
Leider argumentieren viele Religionen auf dieser Ebene, betrieben (und betreiben zum Teil immer noch) also eigentlich geistigen Terror mit der Angst vor Hölle einerseits, betreiben Seelenmarketing mit den Versprechungen des Paradieses andererseits. Dieses Konzept ist eigentlich nicht bloss für Christen ein verrottetes, da ihre Religion sich eine Religion der Liebe nennt, sondern wurde auch von islamischen Sufis kritisiert (s. Rabi'a al-'Adawiyya). Der Gläubige sollte sich Gott zuwenden und göttliche Wahrheit zu verstehen suchen aus Liebe (Rabi'a sagt es noch neutraler: Gottes ewiger Schönheit wegen) - nicht aus Furcht und nicht aus dem Streben nach Belohnung. Das ist aber nur möglich, wenn der Mensch frei ist, auch frei vor Furcht und dem Streben nach Belohnung. Autoritäre Religionen führen also leicht in die Irre, da die Autorität des Ursprungs (Gottes), die meist in Texten verankert ist, durch die Interpretatoren und Vertreter Gottes verzerrt und in deren eigenem Interesse uminterpretiert wird. Autoritäre Usurpation der Interpretation ist gleichbedeutend mit Fundamentalismus. In seiner Lehre ist der Islam aber genau so liberal oder gewalttätig wie das Christentum: So heißt es bindend im Heiligen Koran: "In Glaubensdingen darf es keinen Zwang geben" (Sure 2 Vers 257), oder: "Laß den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will" (Sure 18 Vers 30). Dass die Praxis oft eine andere ist liegt an den Interpretatoren und nicht am "Islam" als solchem. Als Vertreter göttlicher Autorität konnten Moses, Abraham, Jesus und Mohammed gelten, nicht jedoch deren Nachfolger! Diese sollten, als second-hand-Interpreten, weitaus bescheidener auftreten und sich mit dem Respekt und der Autorität begnügen, die sie sich selbst verdient haben.
Es ist aber nicht bloss der Islam(ismus), der Probleme hat mit der autoritaristischen Ausnutzung göttlicher Autorität. Dies trifft genau so für andere Regierungen zu, die sich als moralische Regierung deklarieren. Während Europa der Türkei rasch und unnachgiebig klar machte, dass so was nicht in die Tüte kommt (Bestrafung von ehelicher Untreue), bla(sphe)miert sich die USA mit präzise dem selben moralischen Ansatz. Dabei wird aber übersehen, dass Moral in der Moderne (von Postmoderne schon gar nicht zu reden) zur Privatsache wurde. Moral ist ein Orientierungssystem, keine betonierte Einbahnstrasse. Ein politisches System das individuelle Freiheit hoch hält, also jede Demokratie, muss es dem Bürger möglich machen, seine moralische Entscheidung auch zu leben. Gerade hier verstossen aber die Moralisten, wie die meisten andern Fundamentalisten, gegen die eigenen Prinzipien. Muster:
Du sollst nicht töten - wird lauthals hochgehalten wenn es um Abtreibung geht.
Wenn es aber um Krieg geht, dann sollst Du deinem Präsidenten ohne Widerrede folgen - oder Du bist kein Patriot sondern ein Terrorist.
Weitere Beispiele s. Bush wie die Evangelikalen verstossen aber gegen 4 der Tugenden, während sie 5 der Todsünden frönen
Apropos Bush .. da diese Oberpfeife zur Zeit der Welt erklärt, er kämpfe gegen den islamischen Faschismus, hier kurz eine Analyse.
| Auctoritas, non
veritas facit legem. [Autorität, nicht das Wissen, macht Gesetze.] Thomas Hobbes |
Gesetzte
sind die Autoritäten, um die eigentlich keiner herum kommt. (Na ja, kommen sollte:
Der reiche Betrüger entkommt, der kleine Dieb wird gehängt, das dürfte nicht nur
in den USA und Saudi Arabien so sein). Deshalb hat
die Justizia ja verbundene Augen, weil sie das Recht ohne Ansehen der Person und
des Standes sucht (nicht weil sie, wie oft interpretiert, blind ist). Da
Gesetzte klar und eindeutig sein müssen, stellen sie dar. Hier herrscht
also ganz klar der Fundamentalismus. Auch bei den Gesetzgebern ist normalerweise
nicht mit parteiloser Unabhängigkeit und Objektivität zu rechnen, sondern mit Meinungskartellen.
Entschieden wird oft nach dem Grundsatz der "herrschenden Meinung".
Und präzise hier findet die Kritik der Anarchisten, sogar am Gesetz, doch
einigen rationalen Grund.
Gerade weil Gesetze derart fundamentalistisch Autoritär sind und kaum Dialog möglich ist, muss die Demokratie ihre Bürger nicht nur vor Missbrauch der Gesetze schützen, sondern gewährt ihnen auch die Möglichkeit, andere Meinungskartelle anzurufen, also Gerichtsentscheide weiter zu ziehen.
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Eine weitere Möglichkeit, sich das Gesetz (oder andere Autoritäten) vom Leibe zu halten, ist die List: Unsere Topverdiener, also Verwaltungsräte und CEOs (Betriebsleiter), erhalten ja nicht so viel Geld, weil sie so viel wissen. geschweige denn, weil sie so viel leisten würden (leisten im normalbürgerlichen Verständnis von Arbeitsleistung). Topsaläre werden bezahlt, weil diese Leute bewiesen haben, dass sie List profitabel für den Betrieb einsetzen können. Eine der wichtigsten Hinter-Listen des kapitalistischen Systems ist die Pareto-Verteilung, durch die 80% "ausgemünzt" werden, weil sie am wirklich lukrativen Geld- und Finanzmarkt gar nicht mitspielen können. |
Die epistemische Autorität, die Autorität des Wissens, erscheint uns meist weitaus weniger problematisch als die Autorität, die befehlen kann. Sobald wir dem Typ an Autoritarismus aber einen Namen geben - Expertokratie - mag's bei Ihnen läuten: Ärzte > Krankenkasse, Ingenieure > Atomkraftwerke, Ökonomen > Neoliberalismus, Biologen > Gentechnologie, Bush > Moral ...
Da der Arzt die Autorität ist in Fragen von Gesundheit und Krankheit, traut sich der Patient kaum, ihm zu widersprechen. Er wirft allenfalls die, oft überflüssigen, Medikamente in den Abfall. Hier hat der Patient kaum die Möglichkeit auf gleicher Ebene mit zu reden, und wie die Folgen zeigen, wird diese Autorität weidlich ausgenutzt. (s. Krankenkassen).
Universitäten, die Horte des Wissens und der Experten, sind auch Horte der Autoritäten epistemische, paternalistische, operative, politisch-rechtliche, moralische, charismatische - alle sind sie dort zu finden. Damit der Staat diese Ansammlung von Autoritäten nicht für seine Zwecke ausnutzen kann, sind Hochschulen frei in Forschung und Lehre. Sie sollen objektives Wissen (eine Beschreibung der Dinge wie sie sind, nicht wie sie sein sollten) suchen, erhalten und weiter vermitteln. Objektivität basiert auf kritischem Denken wie dem Prüfen und Testen von Fakten und Zusammenhängen, was nur in einem ideologiefreien Raum möglich ist. [Vergessen wird hier heutzutage gerne, dass auch Liberalismus eine Ideologie ist und das Vermarktung die Forschung einschränkt, da sie Marktfähiges bevorzugt - und damit die Universität zum verlängerten Finger der Wirtschaft macht]. Die Universität sollte ein Hafen (oder für einmal einpositiv betrachteter Elfenbeinturm) sein, von dem aus Gesellschaft und Politik evaluiert werden, ohne selbst eigenen politische Ziele einfliessen zu lassen, aber auch ohne Retorsionen von Seiten der Gesellschaft oder Politik fürchten zu müssen. Die Absolventen von Universitäten sollten als kritische Denker die demokratische Gesellschaft vorwärts bringen. (Auweia, von dieser Forderung De Georges ist auch nicht mehr viel geblieben ...)
Industrielle oder private Forschung hält ihre Resultate geheim. Patente und Lizenzen sind dort gefragt, nicht die Förderung des allgemeinen Wissens. Private Organisationen (auch NGOs und NPOs!) wollen ihre eigenen Ziele und Denkweise durchsetzen. Ihnen ist leider meist wenig an einer offenen Debatte gelegen. Demokratie erfordert aber die Freiheit zu Widersprechen, sich also Autoritäten, welcher Art auch immer, zu widersetzen. Es gibt keine Person und keine Institution die über alles Wissen verfügt, das die Gesellschaft benötigt. Dazu ist immer eine freie Diskussion aller Ideen nötig. De George hielt die Universität für die einzige Stätte an der eine solche radikale Kritik an Autoritäten möglich sei und die so als "Gewissen der Gesellschaft" agieren könne. Ein Idealbild. Das was ich selbst von Universitäten kenne entspricht eher (oder wieder) der Kritik der Sechziger, also der Universität die mit dem ehemaligen militärisch-industriellen Komplex, dem heutigen Global Players zusammenarbeitet und generell den Status Quo eher lobt als kritisiert. Heute ist nicht kritisches Denken und gesellschaftliche Entwicklung gefragt, sondern Produktion: Spin Offs, Technologietransfer, Unternehmertum. Obwohl die Universität sich offiziell nie vom Auftrag objektiver Forschung losgesagt hat, ist sie heute eher ein Zulieferer für die Wirtschaft, die fähige, aber wenn möglich nur beschränkt weit denkende autoritätsgläubige Untergebene braucht. Ich kriege langsam aber sicher den Eindruck, dass in dieser Beziehung eine Neuauflage der 68er notwendig wird.
So ähnlich sieht das die Berliner Tageszeitung:
In den letzten Monaten wurde Bildung oft per se mit Berufsqualifikation gleichgesetzt. Unter dem Deckmantel betriebswirtschaftlicher Reorganisation der Hochschule kam die Forderung auf, den kritischen Antagonismus zwischen Universität und Gesellschaft aufzulösen - und die Uni mit wirtschaftlichen Interessengruppen enger zu verflechten.
Reorganisation der Hochschule nach betriebswirtschaftlichen Modellen:
Die Universität soll sich durch das Etablieren von Angebot und Nachfrage, Wettbewerb und Profilbildung in ein modernes "Dienstleistungsunternehmen" mit hierarchischer Managementstruktur verwandeln. Sie soll sich wie ein Konzern auf bestimmten Märkten bewegen: Auf dem Forschungsmarkt soll sie durch die Vermarktung ihrer Patente und Analysen Gewinne und Drittmittel erwirtschaften. Wie jeder Marktteilnehmer muss sie dann die Rentabilität ihrer Tätigkeit prüfen.
Gelingt es so, den Namen einer Uni in ein Label zu verwandeln, bedeutet dies den Aufstieg zu einer Eliteuni. Das ist der Hintergrund, wenn ständig von Vorbildern wie Harvard oder Yale die Rede ist.
Die Ähnlichkeiten mit den neuen Zielen der ETH sind frappant. Auch im Bildungsbereich wird offenbar das Wohl in weiterer Privatisierung und einer Liberalisierung des Bildungsmarktes gesucht. Aber:
Gerade vor dem Hintergrund, dass der Einfluss von Lobbyisten und Medienkonzernen scheinbar unaufhaltsam zunimmt, ist es notwendig, Hochschulen als Orte kritischer Selbstverständigung zu verteidigen.
http://www.taz.de/pt/2004/09/01/a0230.nf/text
Detlef Gürtler geht in seiner Kritik noch weiter:
Die Universität hat ihre Funktion als zentraler Wissenserzeuger und -vermittler der Gesellschaft längst eingebüßt.
Sie ist statt dessen zum weltweit größten Edutainment-Anbieter geworden. Ihr großes Unterhaltungsversprechen heißt »Genieße deine Individualität!«
Einige Fächer, wie Jura, die Fremdsprachen oder die Medizinen, ähneln einer auf fünf Jahre verlängerten Berufsausbildung, nur mit mehr Theorie und weniger Praxis.
Einige Fächer, wie Physik, Informatik oder Maschinenbau, ähneln fünfjährigen Berufsvorbereitungskursen für den Einstieg im Konzern um die Ecke - natürlich ohne finanzielle Beteiligung des davon profitierenden Konzerns.
Einige Fächer, wie Soziologie, Politikwissenschaft oder die Ökonomien, zeichnen sich nicht nur durch Realitätsferne, sondern oft sogar durch Realitätsignoranz aus.
Einige Fächer, wie Geschichte, Archäologie, Musikwissenschaft, ähneln aufgebrezelten Volkshochschulkursen.
Vielleicht würde es ja tatsächlich reichen, wenn die Universität sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren würde. Weg mit den ganzen Fakultäten, Prüfungsordnungen, Fachbereichsselbstverwaltungen. Universität, das hieße dann nur noch: Denken lernen. Universität, das wäre dann: die Eintrittskarte zum Universum des Wissens.
http://www.die-humane-revolution.de/Debatten/Uni/Uni_Grundtext.html
Während die Bestände an Wissen immer gigantischer werden, schwindet der Überblick - und damit die Autorität des Wissens immer mehr. Dem ist eigentlich gut so, denn meist war diese Autorität auf recht einseitigem, eben disziplinärem Wissen begründet. Die Autorität dieses akademischen Wissens ist aus 3 Gründen sehr begrenzt:
Wissenschaften sind wertfrei - weshalb sie sich gerne aus allem heraus halten, was mit Werten zu tun hat. Die entscheidenden Fragen in Politik und Wirtschaft drehen sich aber eben genau um Werte.
Die Reaktionen komplexer Systeme lassen sich nicht vorhersagen, also nicht wissen.
Die Postmoderne hat den umfassenden Erklärungsmodellen eine Absage erteilt.
| Die grössten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen. Goethe |
Das heisst nun aber alles nicht, dass die Wissenschaften und die Philosophie überflüssig geworden wären. Je grösser das Unwissen, desto wichtiger wird es, noch über gesicherte Inseln des Wissens zu verfügen, von denen aus Brücken geschlagen werden können. In den Gräben und Wüsten, welche die Berge disziplinären Wissens trennen, liegt noch weitaus mehr Wissen verborgen, als in den Elfenbeintürmen gelagert wird. Um dieses Wissen aber erschliessen zu können,
müssen die Forscher ihre Festungen verlassen, müssen sie von der autoritären Verteidigung ihres Inselwissens abgehen, und sich auf eine offene Diskussion mit andern Wissensinseln und anderen Wissensformen (Naturwissenschaften <> Sozialwissenschaften <> Geisteswissenschaften <> Gnosis, Intuition, Kunst, etc) einlassen. Da die Wissensexperten meist in ihrer eigenen, dem Volk weitgehend unverständlichen, Sprache reden, genau wie die Priester des Mittelalters, verhindern sie Verstehen, Mitdenken und Mitreden. Aus diesem Grund wären eigentlich weitaus mehr Anstrengungen in Sachen "Volksbildung" nötig.
müssen die Forscher (oder Philosophen) ihre komplexen Modelle verständlich erklären - zur Diskussion stellen - und mit andern Modellen verknüpfen. Insbesondere dort, wo es um die Umsetzung und Anwendung geht, geraten dann auch wissenschaftliche Modelle in den Bereich der Werte, wodurch die Angelegenheit noch komplexer wird. Gerade wo Wissen die Schwelle zur Anwendung überschreitet (Gentechnik, Keimzellen, Bio-, Nano- andwhatsoever-Technologie), dürfen Entscheidungen also nie alleine (auf Grund wissenschaftlicher Autorität) über die Köpfe der Betroffenen hinweg gefällt werden - und sei die Sache noch so kompliziert und schwer zu erklären!
Aktueller Kommentar zum Thema Fernleihgebühren:
Der Zugang zu Wissen verteuert sich, was zu einer tieferen Nutzung führen wird, obwohl bei der gegebenen rasanten Zunahme des Wissens genau das Gegenteil angesagt wäre.
Hiermit spreche ich (zur Zeit) nicht mal die Erhöhung von Studiengebühren an, die ein weiteres dazu tun, dass Wissen und Macht den Wohlhabenden erhalten bleiben, sondern die Gebühren für Fernleihe, wie sie ab 1.1.05 vom Bibliotheksverbund Basel erhoben werden sollen. Aus Kostengründen spezialisieren sich Bibliotheken ja schon seit längerem auf spezifische Bereiche, die an der zugehörigen Universität unterrichtet werden. Spezielle Literatur ist also zerstreut in vielen Spezialbibliotheken vorhanden. So befindet sich sämtliche Literatur zu Journalismus in Bern, wie auch ein grosser Teil der modernen Literatur zu Soziologie und Politik. Da Kommunikation zwischen Bereichen der Wissenschaft, aber vor allem mit der Oeffentlichkeit, für die Wissenschaften immer bedeutender wird (s. Aufgaben der Wissensarbeiter zu Beginn des 21. Jahrhunderts), muss diese Literatur muss auch Studenten zugänglich sein, die nicht Politologie, Soziologie oder Journalismus studieren. Bis anhin konnte diese über das zentrale System abgerufen und am gewünschten Ort abgeholt werden. Nun soll für Ausleihen aus andern Bibliotheken, die sog. Fernleihe, eine kostendeckende Gebühr erhoben werden. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine Kleinigkeit, sondern sage und schreibe um 7 bis 10 Franken! Der Protest dagegen, mit dem Motto: Wissen ist keine Wahre! Für den kostenlosen Zugang zu Büchern! wird von der Aktionsgruppe gegen UB-Gebühren, vom Aktionskomitee Uni-Personal, dem Komitee gegen Fächerabbau, dem Forum demokratische Uni und der Studentischen Körperschaft der Uni Basel (skuba) unterstützt. Wenn Sie sich einige der Links ansehen so wird Ihnen klar, dass hier offenbar einiges am Kochen ist und meine etwas flapsige Bemerkung zu den 68ern vielleicht doch nicht bloss flapsig ist...
Universitäten haben ihre Position als autoritäre Hüter des "richtigen" Wissens ja schon weitgehend verloren. Die Zunahme an Diplomen und Spezialausbildungen widerlegt diese Behauptung nicht, sondern bestätig sie. Sie sollten vermutlich auch nicht versuchen, diese Position wieder zu erlangen (da es sichere Aussagen in komplexen Systemen .... etc), aber dafür sollten sie vielleicht die Rolle einnehmen als Hüter der Objektivität, Rationalität (auch wenn diese grad' nicht so in Mode ist) und Neutralität der Wissensgebiete, die von Bedeutung sind für die Weiterentwicklung der Gesellschaft.
Kommentare zu den Vorschlägen der ETH die Studenten von Hand zu verlesen, also ein Guru-System einzuführen, s. unter Zynismus.
Die entscheidende Autorität der Demokratie ist die herrschende Meinung, die Volksmeinung, wobei hier andauern und gerne Meinung mit Wissen verwechselt wird. Diese ist meist weiteren Autoritäten verhaftet, sei es rückwärts gewandt, der Tradition, oder vorwärts gewandt, dem Trend. Dummerweise weiss heute aber kaum noch jemand, was Topik bedeutet (das wäre eben die Methode, herrschende Meinungen zu erkennen) und damit werden Meinungen immer stärker durch die Medien beeinflusst, die ihrerseits ganz und gar nicht demokratisch sind, sondern Werkzeug der Geldaristokratie (s. Plutokratie).
Autoritäre Regierungen lieben die asymmetrische Kommunikation. Medien informieren das Volk zu ausgewählten Themen, meist nur als Präsentation von Meinungen, wie sie von "Autoritäten" geäussert werden, ohne Argumente, oder höchstens mit volkstümlichen mehrheitsfähigen Argumenten (s. Populismus). Um Mehrheiten zu gewinnen ist rhetorische Akzeptanz, also die Topik, wichtiger als die empirische Faktizität, die Wahrheit.
Medien kolportieren Meinungen von ausgewählten Autoritäten. Eine logische Argumentation, eine konsistente Begründung, entsteht dadurch aber äusserst selten (braucht halt auch mehr Platz als man dem Leser zumuten kann). Argumentieren ist anspruchsvoll. Argumentieren verlangt, den eigenen Standpunkt, die eigenen Meinung klar formulieren zu können, sich die Mühe zu nehmen, abweichende Standpunkte zu analysieren und zu verstehen versuchen - und aus Widersprüchen zwischen eigener und anderen Meinungen zu lernen. Und damit ist offenbar eine Mehrheit überfordert - also folgt sie den Meinungsführern, den Autoritäten.
Medienfachleute, also Journalisten, sind aber Autoritäten auf dem Gebiet des Schreibens, meist nicht auf sachlicher Ebene. Medienartikel wie medial geförderte "Experten" und andere Autoritäten sollten nicht alleine auf Grund ihrer medialen Präsenz als zuverlässige Führung anerkannt werden, sondern auf Grund sachlich richtiger Argumentation.
Da in komplexen Systemen wie der Politik oder der Volkswirtschaft niemand wirklich wissen kann, wie sich Massnahmen auswirken, sind Massnahmen um so kritischer zu bewerten, je mehr sie einzelne Gruppen (und insbesondere die Mehrheit) benachteiligen. Ohne Sicherheit über die Wirkung von politischen und wirtschaftlichen Massnahmen ist die optimalste Strategie:
Der Weg ist das Ziel
War früher der Kommunismus dafür berüchtigt, seine Gläubigen auf eine bessere Zukunft zu vertrösten, so geschieht heute das Selbe im Kapitalismus: Eine bessere Zukunft gibt es nur, wenn mehr und härter gearbeitet und weniger verdient, mehr geleistet und weniger gefordert wird! (Wenn Sie dem nun zustimmen, sollten Sie vielleicht doch nochmals ganz oben von vorne anfangen mit Lesen ...)
Der Spruch ganz oben links ist zugegebenermassen ziemlich boshaft. Er sollte auch nicht zur Stützung intellektueller Überheblichkeit dienen, denn Intelligenz ist eh zu einem grossen Teil vererbt, also keine persönliche Leistung. Aber wenn Sie nur die Hälfte der Argumente in diesem Artikel gelesen haben, dann dürfte Ihnen klar sein, dass in der Politik immer wieder Mehrheiten geschaffen werden über rhetorische Irreführung, was sogar in Demokratien möglich ist (s. public lies & Fundamentalismus). Wenn Massen Autoritäten folgen ohne deren Aussagen kritisch zu prüfen, ist das ein Grund zur Sorge.
Fazit:
Emanzipation wäre eigentlich die Befreiung aller - von autoritärer Führung
Definition Emanzipation:
Mancipia waren die "Unmündigen", die bei der Hand zuFührenden, Hörige, Abhängige (s. Bauern, Boden und Herrschaft). Emanzipation bedeutet also Freilassung von Individuen oder Gruppen aus sozialer, rechtlicher, politisch-sozialer, geistiger oder psychischer Abhängigkeit, bei gleichzeitiger Erlangung von Mündigkeit und Selbstbestimmung. Dies ist das wichtigste Ziel der Demokratie. Im römischen Recht wurde mit Emanzipation die Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Herrschaft verstanden. Im mittelalterlich-deutschen Recht das Erlangen wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Söhne. In der Moderne die soziale und politische Gleichstellung der Bürger mit den ehemaligen Herren (Adel, Militär, Geistlichkeit). Die wirtschaftliche Unabhängigkeit der arbeitenden Klasse vom Kapital ist immer noch ein (Alb)Traum. (Traum für die Angestellten, Albtraum für die Kapitaleigentümer).
Der Begriff wird also, eigentlich fälschlicherweise, heute primär für die Emanzipation der Frau verwendet, Emanzipation von männlicher Dominanz, Vorherrschaft und Autorität. Da sich aber Männer und Frauen nicht nur dort unterscheiden, wo's bekannt und interessant ist, sondern halt eben doch auch in Körperkraft, Denken, Fühlen und vielem mehr, wird oft versucht, ungleiches gleich zu behandeln oder gleich zu machen, was oft schade ist (und beileibe kein Argument gegen gerechte Löhne, also gleichen Lohn für gleiche Arbeit). Aber wenn wir Männer und Frauen gleich machen, brauchen wir uns eigentlich nicht zu wundern, dass von diesen seltsamen Zwitterwesen keine Kinder mehr erzeugt werden ...
Im übrigen zeigt uns die Geschichte der Industrialisierung Russlands (wie vermutlich überall) den eigentlichen Grund, warum Frauen tiefere Löhne erhalten:
Die Leichtindustrie fasste Fuss, und baute sofort eher auf Frauen als auf Männer, da diese mit geringerem Lohn zufrieden und zudem leichter zu managen waren.
Wir haben hier ein Problem, dass in der heutigen Diskussion um Gleichstellung völlig untergeht: Frauen erhalten nicht weniger Lohn als Männer weil sie weniger wert sind oder weil ihre Leistung minderwertig ist - sie erhalten weniger Lohn weil sie sich nicht dagegen wehren. Eine Emanzipation, die also von Männern verlangt, den Frauen gleiche Löhne zu garantieren, obwohl diese nicht willens sind, sich selbst dafür zu engagieren, was immer auch ein sich Exponieren beinhaltet, ist eigentlich keine Emanzipation - sondern bloss ein weiterer Antrag auf "Unterschutzstellung" von Schwächeren, also Ungleichen.
Ziel der Emanzipation sollte also wieder werden, Macht, Herrschaft und Autorität so weit als möglich zu beschränken, um freie Entwicklung und Selbstverwirklichung für möglichst viele zu ermöglichen.
Autoritäten sind nur dann
als Autoritäten zu akzeptieren, wenn sie
- dank der Beherrschung ihres Fachgebiets -
über bessere
Argumente verfügen.
Grundlage der Willensfreiheit ist der Wille zu Wissen
Oder wie Plato sagte:
Ich glaube es, wenn's
vernünftig ist.
Ich schwöre nicht auf die Worte eines Meisters.
Kritik und Topik müssten also wieder zu Allgemeinwissen werden.
Martin Herzog, Rheinfelden, 25. November 2004