1. Autorität - das Fundament von Faschismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus und anderer Formen von ethnozentrischer Ausländerfeindlichkeit
  2. Orientierung - Planung, Kultur und Bildung zwischen den Polen Geld und Werte.
  3. Vom 3. Weg zum 4-fachen Pfad: Modellvorstellungen zu einer nachhaltigen, "natürlichen", "guten Ordnung"
  4. Die Bedeutung von Kultur für die Entwicklung
  5. Forstethik: Ingenieursethik, Planungsethik, Wissenschaftsethik,  Ethik der Politik, Publikationsethik
  6. Politik, Staat und Freiheit, Politik und Auftrag

  7. Wettbewerb - und seine Grenzen

  8. GUTE ARBEIT
  9. Freiheit                  
  10. Lebensqualität bedeutet möglichst freie Wahl des Lifestyles. Je besser die Bedingungen für ein erfülltes Leben, desto höher die Lebensqualität

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Anomie heisst das Fehlen sozialer Ordnung - nicht Anarchie!

Definition:

Anomie stammt vom griechischen "nomoi", "die Gesetze, während An-archie nicht das Fehlen von Gesetzen, sonder die Abwesenheit von Herrschaft, die Herrschaftslosigkeit, bezeichnet.

Nomie kommt auch vor in:

  • Autonomie: eigene Regelung, Selbstbestimmung
  • Gastronomie: Bauch-Ordnung, Kochkunst
  • Ökonomie: Haus-Ordnung
  • Taxonomie: systematische Ordnung
  • ...

Anomie bedeutet Gesetzlosigkeit, Gesetzeswidrigkeit. Der Begriff war ursprünglich, vor allem im England des 16/17.JHs., ein Ausdruck für das Brechen religiöser Gesetze. In der Soziologie bezeichnet Anomie einen Zustand geringer sozialer Ordnung.

Anomie hat heute weniger mit Gesetzen als mit "Regeln" und "Normen" zu tun, also dem Wertesystem einer bestimmten Kultur, Gesellschaft oder Gemeinschaft, nach dem sich das Individuum orientieren sollte oder könnte.

http://www.definition-info.de/Anomie.html

Ursprung der soziologischen Anomieforschung war die sozialpathologische Beobachtung von E. Durkheim, ab 1890, dass mit der zunehmenden Arbeitsteilung des Industriezeitalters auch die Selbstmorde anzusteigen scheinen. Robert K. Merton verfeinerte die Theorie später, indem er sich mit den sozialen Fehlanpassungsmechanismen der Individuen beschäftigte.

Anomieforschung lässt sich wissenschaftlich betreiben, da es messbare Indikatoren für Anomie gibt, wie etwa :

Weltweit sterben mehr Menschen durch Selbstmord (1 Million pro Jahr) als durch Krieg und Mord! Der Anteil der Männer ist dabei etwa doppelt so hoch wie der der Frauen .  Von den schätzungsweise 10 bis 20 Millionen Selbstmordversuchen geht allerdings ein deutlich höherer Anteil von Frauen aus, für die es offenbar häufig eher ein letzter Hilferuf ist als ein Abschluss. Namen früher Selbstmorde zu mit dem Alter, so steigen in letzter Zeit die Selbstmorde unter 15 bis 25jährigen alarmierend. [http://www.who.int/mental_health/prevention/suicide/suicideprevent/en/] Auslöser sind meist Armut, Arbeitslosigkeit, Verlust nahe stehender Personen, Streit, berufliche Probleme ...  [s. auch Robert Kurz: Der Todestrieb der Konkurrenz. In Wettbewerb http://www.brainworker.ch/Wettbewerb/index.htm & Zynismus: Camus' Umgang mit dem Absurden und demSelbstmord: http://www.brainworker.ch/zynismus/sisyphus.htm ].

Auch die andern Anomiefaktoren zeigen sämtliche steigende Tendenz. Wir befinden uns also auf einer schiefen Bahn in Richtung zunehmender Anomie. Was sind die Ursachen dafür, und vor allem, wie wäre dem zu begegnen?

 

Die Orientierung der traditionellen Gesellschaft verschwand mit dieser .. genau wie die Sozialisation durch die Familie

In der traditionellen, der geschlossenen, Gesellschaft, war und ist ein Übermaß an Normen und Kontrolle vorhanden. Das Individuum kann nicht oder nur sehr begrenzt zwischen verschiedenen Lebensoptionen wählen. Unter Umständen kann man auch von einer "Hypernomie" sprechen, wenn das Individuum und seine Wahlmöglichkeiten von den herrschenden Normen geradezu erdrückt wird.

Traditionelle Gesellschaften sind also das Gegenteil von Poppers offener Gesellschaft. Die Moderne und Postmoderne hat also über Befreiung von Regeln auf der einen, zu Verunsicherung auf der andern Seite geführt. Die stärksten Störungen traditioneller Orientierung, von Martens als die drei Erniedrigung des Menschen bezeichnet, waren:

  1. Die Erde dreht sich nicht um die Sonne. Somit steht der Mensch nicht mehr im Zentrum des Universums. Die Probleme der Anerkennung des heliozentrischen Systems hatte also weitaus tiefer greifende Gründe als bloss die Sorge der Kirche, die Bibel könnte an Glaubwürdigkeit verlieren.

  2. Der Mensch steht als ein nackter Affenähnlicher am Ende einer Jahrmillionen währenden Evolutionskette. Gott hat die Welt also nicht in sechs Schöpfungstagen vollendet, wie es die Genesis verheißt. Auch hier geht es nicht bloss um ein theologisches Problem (Gott, die Bibel und Rechtgläubigkeit), auch hier fand ein substantieller Orientierungsverlust statt und gleichzeitig ein schwer zu ertragender Verlust and persönlicher Wertschätzung. Der Mensch als Produkt einer zufallsbedingten Evolution ist eben schon nicht das Selbe wie der Mensch als Ebenbild Gottes (Obwohl, auch bei der alten Sachlage musste sich Gott eigentlich recht verkohlt vorkommen).

  3. Der Mensch ist als triebgesteuertes Wesen dem Tierreich näher als Gott.

Wer für alles offen ist,
kann nicht ganz dicht sein.

alternativer Zynismus

All diese Erkenntnisse haben zu einem riesigen seelischen Loch geführt, und die Abwesenheit verlässlicher Orientierung, insbesondere im Westen, führt nun auch noch dazu, dass wir uns immer mehr wie Affen benehmen (uns an die Forderungen des Marktes anpassen) anstatt versuchen, zu Menschen zu werden.

Verhaltenswissenschaften, Soziologie und Psychologie haben uns gezeigt, dass wir oft nicht wie Menschen frei handeln, sondern wie Tiere auf Reize reagieren. Diese Tatsache wird nun nicht als Grund genommen, sich wirklich zum freien Handeln zu befreien, im Gegenteil. Durch Marketing wird das Tier im Menschen noch gefördert: Geiz ist geil!  Diese Wissenschaften wurden bisher kaum genutzt um Sinn zu stiften, eher um Unsinn anrichten. Dahinter steht vor allem das Problem der wissenschaftlichen Wertfreiheit. Sinn ist aber ein Wert, ein Wert der zugleich die wichtigste Orientierung darstellt. Sinn findet sich also in Wissenschaften nicht und wird durch Wissenschaften auch nicht gefunden.

Die Vermittlung (= Tradition) allgemein anerkannter Regeln und Normen einer Kultur war Aufgabe von Predigt und Schule.  Die grossen Leitlinien, der Kompass, die Orientierung, die früher von der Kirche im Übermass geliefert wurde, fehlen oder noch schlimmer, werden durch haltlose, oft gar zerstörerische, Polit-Marketing-Slogans ersetzt. Vielleicht hat die SVP und andere autoritäre Parteien ja derart Erfolg, weil sie den Verirrten Orientierung verspricht, weil sie genau weiss, was zu geschehen hat. Vielleicht zieht Autorität gerade darum, weil eigentlich niemand eine Ahnung hat, was läuft, also viele Halt suchen ... wenn auch bei Leuten, die ihre Besserwisserei mit nichts als haltlosen Gemeinplätzen und Slogans begründen. Funktioniert hat das in Algerien für die Fundamentalisten (leider nur für diese, nicht für das Volk), funktioniert hat dies ebenso bei den Nazis, die 1933 behaupteten, die Terroristen greifen an, wir müssen die individuellen Freiheiten beschränken zum Wohle des Ganzen (erinnert ein bisschen an 11/11, nicht?) und das 1000-jährige Reich gründeten. Hat zwar nur 12 Jahre gehalten. War aber eine mordsmässige Ordnung im Zuchthaus Deutschland, die 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, mehr als die Hälfte davon Zivilisten, 6 Millionen Juden. Fazit: Autoritäre Personen und Parteien liefern kaum je empfehlenswerte Orientierung für die Mehrheit, da sie sich selbst über Alles stellen.

Da heute bereits 35 % der Kinder Einzelkinder sind und weitere 40 %, mit steigender Tendenz, sog.. "Scheidungswaisen" sind, fällt die Sozialisationsinstanz "Familie" ganz oder teilweise weg. Die drei weitern bedeutenden Sozialisationsinstanzen, nämlich Schule (überfordert), Gleichaltrigengruppen und Medien (kommerzialisiert) sind auch bloss noch äusserst beschränkt wirksam.

Unter Sozialisation verstehen wir übrigens alle Prozesse, die das Individuum zu einem sozialen Wesen machen, d.h. zu Interaktion mit anderen Menschen befähigt. Darunter fällt auch, Fähigkeiten zu erwerben, sich an soziale Ansprüche anzupassen bzw. sich gerade eben nicht anzupassen. All dies hat aber als allererste Voraussetzung, dass überhaupt noch irgend welche gesellschaftlichen Normen existieren, an denen sich das Individuum orientieren kann.

 

Fehlende Koordination in der offenen Gesellschaft:

Die Unbrauchbarkeit von Eigenverantwortung, Leistung, Wettbewerb & Produktivität als neue Orientierung - und der rhetorische Trick mit der Eigenverantwortung

Die offensichtlich fehlende Sozialisation bestätigt, dass die offene Gesellschaft in schwer koordinierbare Subsysteme zerfällt. Unter diesen herrscht Wettbewerb, immer mehr ein atomistischer Wettbewerb, aber es fehlt weitgehend die, auch in komplexen Systemen, notwendige Koordination! Die fehlende Sozialisation bringt dem Individuum zwar einen enormen Zuwachs an persönlicher Freiheit, führt aber in einem solchen Ausmass zu Vereinzelung, dass Helge Martens dies sogar als gesellschaftlichen Autismus bezeichnet. Die Folgen sind:

Sein durch Haben hat sich ganz offensichtlich nicht zum Erfolgsmodell einer nachhaltigen Orientierung entwickelt.

Die "Befreiung" Ostdeutschlands zeigt heute noch die Probleme, die durch neue "Freiheiten", d.h. die Entfernung von Ordnung und Regeln, entstehen können. Die Ostdeutschen erhielten nicht nur Pressefreiheit und die Freizügigkeit zu Reisen, von ihnen wurde nun plötzlich erwartet, dass sie eigenverantwortlich ihr Leben in die Hand nehmen würden. In diesem, rechts so geschätzten, Schlagwort der Eigenverantwortung steckt echt einige Schlagkraft. Diese löst sich allerdings auf in ein diffuses Wattbällchen, wenn man sich die Bedeutung von Eigenverantwortung bewusst macht. Verantwortung beinhaltet "Antwort", sie ist eine zu gebende Antwort auf etwas. Dieses Etwas ist eigenes Tun und Lassen. Zudem kann niemand rechtlich oder moralisch für Zufälle verantwortlich gemacht werden [wie z.B. den Zustand des Arbeitsmarktes!!!], sondern nur für bewusstes Tun und Lassen.

Die Realisierung bewussten und gezielten Tuns bezeichnen wir als Leistung. Und hier haben wir den zweiten Bock den der Ruf nach Eigenverantwortung schiesst. Die offene Gesellschaft sagt, sie basiere auf Leistung. Sie anerkennt aber fast nur wirtschaftliche Leistung ... und diese hängt enorm von den Ressourcen ab ... und diese sind höchst ungleich verteilt. Eigenverantwortung zu übernehmen ist aber nur möglich, wenn verlässliche Regeln bestehen die ein gezieltes Handeln ermöglichen. Gerade dieses wird aber in der anomischen Gesellschaft um so schwerer, je stärker sich die Anomie ausprägt. Die Karriere, der Lebensweg, ist in der offenen Gesellschaft zwar offen und frei, das heisst aber auch, mit einer Menge Kosten, Risiko und Aufwand (trial and error ... or fraud) verbunden. Deshalb erfüllen sich die Versprechungen dieser offenen Gesellschaft für die meisten nicht. Es entsteht eine schmerzhafte Diskrepanz zwischen möglichen Lebenszielen und dem, was effektiv von den meisten erreicht wird, überhaupt erreicht werden kann.

Die Heilsversprechung des Wettbewerbs ist eine zynische:
Du hast 80% Chancen zu den Verlierern zu gehören, nutze sie!

Eine derart einseitige Ausrichtung gesellschaftlicher Ordnung führt nicht zu Sicherheit, im Gegenteil. Wettbewerb stellt also für die Mehrheit absolut keine taugliche allgemein gültige Orientierung dar.

Den Erfolg bewussten und gezielten Tuns bezeichnen wir als Produktivität. Auch die ein beliebtes Schlagwort unserer Tage. Alles ruft nach mehr Produktivität. Mehr Produktivität soll zu mehr Wachstum verhelfen. Mehr Wachstum soll zu mehr Wohlstand führen. Für mehr Produktivität und Wohlstand wird gefordert, dass die Arbeitszeiten zu verlängern seien  (die monatlichen wie die Lebensarbeitszeit). Auch hier sollte man mal checken, ob da eigentlich lauter Bekloppte an den Schreibtischen sitzen ... oder ob die bloss mit lauter Bekloppten als Rezipienten (Empfänger der Botschaft) rechnen. Produktivität ist per definitionem Produkt pro Zeiteinheit

 verbessert sich nicht dadurch, dass wir mehr Arbeiten (Verlängerung der , sondern dass wir in der selben Zeit mehr produzieren. Doppelt gemoppelt .... wozu und warum... ausser darum, weil das Mittel (Produktion und Konsum) zum Selbst-Zweck gemacht wurde. Warum noch mehr produzieren, wo es am Absatz hapert? http://www.brainworker.ch/WAP/Forst-Wirtschaft.htm

 

Orientierungslosigkeit führt zu Ohnmacht und Ohnmacht zu absurdem oder gewalttätigem Verhalten

Den Menschen verlangt zwar nach Freiheit, der Umgang mit Freiheit muss aber offenbar gelernt werden. Durch die Zerstörung der Werte (ah, ja, Nitzsche, der war da auch noch beteiligt) wird ein neues, ideales Menschenbild gesetzt, nämlich der Macht-Mensch, der Mensch der sich selbst schafft (macht ... kein Witz - Macht kommt von "machen können"), der allseits aktiv, interessiert und kompetent ist, das Schöpf.

Wenn sämtliche übergeordnete verbindliche Wertesysteme wegbrechen, das Individuum also ein Übermaß an persönlicher Freiheit zur Gestaltung des eigenen Lebensweges erfährt, muß davon ausgegangen werden, daß jede Handlung einen Präzedenzfall darstellt, der einzelne also nur durch das "Versuchs- und Irrtumsprinzip" weiterkommt. ... Dort, wo allgemeinverbindliche Maßstäbe zur Orientierung fehlen, muß jeder einzelne unter großem Aufwand diese selbst konstruieren.

Der 1910 geborene amerikanische Soziologe und Parsons-Schüler Robert K. Merton sieht die Anomie präzise als diese "Diskrepanz von Lebenszielen und Lebensmöglichkeiten, bzw. als Problem, diese auf einem legalen Wege (ohne fraud (Betrug): Fair is foul and foul is fair!) zu erreichen.

Als, allerdings wenig taugliche; Reaktionen auf Anomie sieht Parsons 4 Typen: Regression,  Konfrontation und  Resignation. Regression sieht Parsons in Zusammenhang mit Opportunismus, Verdrängung und unbewußter Problemabwehr ("Aufschieben und Vertagen von Problemen"). Auch der Infantilisierungshabitus der "Dauerkinder", die sich einem verantwortungsvollen Erwachsenenleben verweigern und den Lebensabschnitt der Spätpubertät ins Unendliche ausdehnen, fallen unter dieses Stichwort. Bei der Konfrontation ist eine offensive Abwehrreaktion festzustellen: Die Rebellion, also die Auflehnung gegen und die Zerstörung von noch bestehenden Normresten ist das Ziel dieses Typs. Die bewußte Verneinung verbliebener Normen kann kriminelle Züge erreichen. Resignation, welche mit Ratlosigkeit, Passivität, Entschlußunfähigkeit und sich verschärfender Orientierungslosigkeit einhergeht, steht den beiden anderen Handlungstypen gegenüber, da bei Regression und Konfrontation zwar negative, aber immerhin neue Werte aufgebaut werden, welche dem anomischen Subjekt einen gewissen Halt geben. Bei der Resignation wird die Erfahrung der Machtlosigkeit, der eigenen Bedeutungslosigkeit zentral. Dem Individuum wird sämtliche Bestätigung (gesellschaftliche Rückkopplung) versagt. Aber gerade diese Anerkennung durch andere ist konstitutive Voraussetzung zur Identitätsbildung (vgl. Hegel). Das Ohnmachtsgefühl wird Dauerzustand.

Eine sehr akute Reaktion auf Anomie ist der Fundamentalismus. Fundamentalisten sind Antimodernisten. Sie versuchen, den Modernisierungsprozess aufzuhalten und rückgängig zu machen. Wir finden ihn insbesondere in der arabischen Welt, weil dort das Scheitern der Verwestlichung auf kultureller Ebene ein massives kollektives Identitätsproblem hinterlassen hat. Die Modernisierung und Globalisierung, die den meisten arabischen Ländern seit 200 Jahren durch Kolonialmächte aufgezwungen wird, hat nicht den erwarteten progressiven Effekt der Befreiung, sondern den reaktionären des Fundamentalismus erzeugt. Wenn sich heute die USA diesen als grösstes Problem vorzunehmen haben, so müssten sie sich vielleicht erst darüber klar werden, dass er zu grossen Teilen ihr eigenes Produkt ist (wobei Frankreich allerdings auch nicht ganz so unschuldig dasteht, wie es im Irakkrieg den Anschein erweckt hat.)

Vielleicht ist der von mir identifizierte schleichende Übergang der Macht von Gesellschaft und Politik an Betriebe die Lösung, die der Kapitalismus dem Anomieproblem bietet: Die Betriebsordnung als Nomie, als Gesetz. s. Problem Betriebswirtschafliches Denken dominiert über Volkswirtschaft

Zitate alle aus: Anomie und Fundamentalismus. 26. Vortrag vor der Humboldt-Gesellschaft am 3.7.1996 von Helge Martens http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=anomie#C.

 

Zur Lösung des Anomieproblems taugen also keine starken Herrschaften und Herren, sondern verlässliche Wertorientierung, die den Menschen Ihre Würde wieder gibt und ihrem Leben einen Sinn.

Heute reden alle von Geld, wie lässt sich Geld am besten erwerben, anlegen, vermehren ... Wozu? Um damit möglichst billiggeizig geil zu werden? Ist doch Schrott. Wie lange hält der Kaufrausch? Hält er schon nur bis zu Hause? Was doch eigentlich fehlt ist sinnvolle Tätigkeit die sinnvolles schafft. Konnte Louis der 14. noch Lorbeeren ernten, indem er jedem Franzosen am Sonntag ein Huhn im Topf versprach (und schaffte!), so können heute vermutlich sogar viele Arbeitslose Hühner nicht mehr sehen (riechen leider schon, da sie oft derart nach Fisch stinken).

Da der zunehmende Wettbewerb nicht den allgemeinen Wohlstand zu fördern scheint, sondern eher die 80/20 Gesellschaft, ist es wichtig, diese Angelegenheit mal aus der Seite der 80% her zu betrachten, die in dem System überflüssig werden. Per Selbstverantwortung pressen Sie keine 20 Leute die eine Stelle suchen in eine Stelle die Angeboten wird (Hartz lässt grüssen). Existenzsicherung die Almosen verteilt und von den Almosenempfängern noch erwartet, dass sie auf allen vieren kriechen, übersieht das wichtigste: Es geht in der menschlichen Gesellschaft nicht bloss ums Überleben, dies sogar äusserst selten, auf jeden Fall nicht bei uns - es geht aber sehr stark um Würde, Anerkennung, einen kleinen Platz an der Sonne von Macht und Bedeutung. Der Markt arbeitet nach eigenen Gesetzen, deren sich einige bedienen können, die meisten aber nicht. Diese, dem Marktgesetz von Angebot und Nachfrage unterworfenen dann zusätzlich noch entwürdigenden Prozeduren der Existenzsicherung zu unterwerfen, schafft Gewaltpotential, nicht Ordnung, verstärkt also die Anomie.

Wie im Beitrag Freiheit, Macht, Herrschaft und Gewalt dargelegt, führt Ohn-Macht zu Gewalt und ist Terror die Waffe der Machtlosen. Das wichtigste Prinzip im Kampf gegen Anomie wäre also, jedem seinen Anteil an Macht zu gewähren. Macht ist vielleicht ein grosses Wort. Auch Anerkennung dürfte reichen, allerdings nicht in der Form eines jährlichen Weihnachtskärtchens oder Geburtstagsgrüsschens. Etwas substantieller muss das schon sein. Würde wäre vielleicht das treffendere Wort. Vielleicht entsprechen ja die (von mir ganz und gar nicht geschätzter, aber trotzdem) sich immer weiter verbreitenden duseligen Container- und Starshows (Big Brother, Kübelböck & Co) ja diesem Bedürfnis, jedem Bürger sein kleines Podest und seine 5 Minuten Ruhm zu bieten. Leider wurde hier ein effektives Bedürfnis nach (Selbst-)Achtung und (Selbst-)Verwirklichung, also Würde, durch Event-Vermarktung bereits derart veräppelt, dass es schwer sein wird, dem Ding wieder einen humanistischen Gehalt zu geben. Solche Shows bringen vielleicht kurzen Ruhm - nicht aber Würde. Es handelt sich dabei um Tittytainment in Reinkultur.

 

Suchstrategien bei fehlender Orientierung, also bei Anomie:

Reicht lineare Orientierung für die Entwicklung unserer komplexen Gesellschaft überhaupt aus?
Oder sollten wir vermehrt auf iterative, spiralförmige Suchstrategien setzen?

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Chapter 13: Object Oriented Design: The software lifecycle. Cay Horstmann.

http://www.cs.waikato.ac.nz/~marku/130/ch13/ch13.html

Die Arbeiten von A.A. Schaeffer (Spiral Movement in Man. Journal of Morphology and Physiology. Bd 45, S. 293. ca. 1920) wie von E. Johnson: Der innere Kompass. Walter Verlag 2004) zeigen, dass "sich verirren" unter Umständen System hat. Es passiert häufig, dass Verirrte immer wieder am selben Ort landen, also im Kreise gehen. Dabei handelt es sich offenbar um einen Schutzmechanismus der Evolution, der garantieren soll, dass Säugetiere, die nach überstürzter Flucht vom Wege abgekommen sind, ihr Territorium wieder finden, denn dort kennen sie sich am besten aus, dort sind ihre Überlebenschancen am höchsten, dort haben sie einen kompetitiven Vorteil. Im Kreise gehen ist also die traditionell konservative und bewahrende Strategie ... auch in Politik und Wirtschaft. Die lineare Orientierung, die Orientierung an Polen, setzt insbesondere unter Erschöpfung, Stress und Panik jedoch aus - und wandelt sich in spiralförmiges Suchen, was eigentlich eine iterative und damit äusserst sinnvolle Strategie ist ... die unser lineares Denken zu oft vernachlässigt. Warum entwickelt die Wirtschaft ihre Produkte und Verfahren über Analysen, strategischer und taktischer Planung, Modellen und Experimenten bis sie zur Realisierung schreitet, während wir von der Politik erwarten, dass Probleme erkannt (am besten ohne kostspielige Analyse ...) und durch Gesetze direkt gelöst werden (am besten ohne zeitraubende Diskussionen ...), und sowieso ohne Tests und ohne Modelle. Die Spirale ist das Grundprinzip der Evolution (und wie Prof. H.H. Bosshard immer wieder belegte, auch das grundlegende Bauprinzip von Holz, Baum und Pflanzen) .

Die Kreissymbolik zeigt uns auch prächtig, was in der Schweiz (wie anderswo) die letzten 10 Jahre so abläuft: Wir kehren immer wieder zum selben Ausgangspunkt zurück, gelangen aber nie an den Ursprung, das Zentrum des Kreises. Immer schneller, immer mehr Umsatz, immer mehr Konkurrenz, immer mehr immer mehr ... da können Sie noch so lange im Kreis rum rennen, da kommen Sie nie raus. Um weitere Bereiche zu erschliessen, muss die Bahn verlassen werden. Es braucht dazu also die Quer-Denker, die erst mal gedanklich die alte Bahn verlassen. Dann braucht es die Pioniere und Aussenseiter, welche der Bewegung einen Impuls seitwärts verleihen.

Hier haben aber auch einige Retro-Querdenker, die Fundamentalisten, ihren Platz und ihre Funktion, denn sie fragen nach dem Ursprung, der Grundlage, der eigenen Kultur.

Allerdings, quer alleine reicht nicht. Diese Bahn verliert sich in der Unendlichkeit. Ein gewisses Mass an Anomie immer nötig. Absolute Nomie wäre vermutlich eben so tödlich langweilig wie absolutes Chaos. Eunomie (eigene Wortschöpfung: die gute Ordnung. Na ja, denkste. Eine Abklärung hat ergeben, dass das Wort vor 2500 Jahren von Solon geschaffen wurde. Weiteres dazu demnächst in diesem Theater.) ist also ein Optimierungsproblem. Entwicklung braucht also konservative wie progressive Kräfte gleichermassen. Gesellschaft ist niemals statisch, nur die Geschwindigkeit der Dynamik verändert sich. Zeiten der vermeintlichen Stagnation, welche meist nur ein Verschleppen von natürlichen Prozessen unter der Oberfläche sind, wechseln ab mit Phasen sich selbst übersteigernder Dynamik. Gerade in solchen Situationen treten anomische Tendenzen auf: Wenn Altes abgelöst wird durch etwas Neues, Unberechenbares. Geraten die Kräfte ins Ungleichgewicht gerät das System ins Trudeln. Zu viel Konservativismus bedeutet ewiges Kreisen um einen unbekannten Pol, bei zu viel Innovation fliegt die Entwicklung aus der Bahn. Da wir uns seit über 10 Jahren im Kreis drehen ... da die Entwicklung völlig entgleist ist, fehlen offensichtlich zur Zeit Gleichgewicht wie Orientierung ... wir befinden uns also in einer ausgeprägt anomischen Phase.

[Dieser Paragraph war Teil des Artikels Orientierung und führte zu diesem Ausflug in die Anomie].

Martin Herzog, Webphilosoph [mit umfassender, selbst entwickelter Webphilosophie, als Wahrheitssuche durch intuitives Denken!], Rheinfelden, 9. September 2004