Die <gute Ordnung> heute, zwischen Bünzlikratie, Demokratie und Oligarchie

Die Beiträge zum Thema <gute Ordnung> begannen mit dem Ziel der Ordnung, der Orientierung, einem Überblick/Rückblick zur <guten Ordnung>, einer Serie bekannter Modelle zur Einrichtung einer guten Ordnung (ohne die ganz grossen, also Kapitalismus und Kommunismus, sondern mit Schwerpunkt auf Alternativen). 5 Jahre später ist es mir nun möglich, die dort oft verwirrend daherkommenden Zusammenhänge etwas klarer darzustellen.

Ein Hauptpunkt ist die Erkenntnis, dass von <Werten> erst seit dem 19. Jahrhundert gesprochen wird. Zuvor hiess der selbe Topos <das Gute>.

Wenn wir also heute verständlich von einer <guten Ordnung> reden wollen, so müssten wir dies vermutlich eher unter dem Titel einer <nachhaltigen und gerechten Wertordnung, Wertesystems, Wertekonzepts> tun. <Nachhaltigkeit> zieht die natürliche Umwelt mit ein ins Konzept, <gerecht> die soziale.

Nach Werten sollen wir streben, sie sind die Leuchttürme, nach denen sich unser Wollen richten soll - Normen hingegen müssen wir befolgen, da auf Missachtung gesellschaftlicher Normen die Strafe der Missachtung - oder gar des Ausschlusses aus einer Gesellschaft steht, Missachtung gesetztlicher Normen, von Gesetzes wegen, als Verstoss, Vergehen oder Verbrechen bestraft wird.

Schweiz: Art 10 StGB:  

  1. Dieses Gesetz unterscheidet die Verbrechen von den Vergehen nach der Schwere der Strafen, mit der die Taten bedroht sind.
  2.  Verbrechen sind Taten, die mit Freiheitsstrafe von mehr als drei Jahren bedroht sind.
  3.  Vergehen sind Taten, die mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bedroht sind.

Deutschland ist hier weitaus strenger. Bereits wer mit mehr als 1 Jahr Haft gebüsst wird, ist hier ein Verbrecher::

Vergehen sind Straftaten, die im Mindestmaß mit einer Freiheitsstrafe von unter einem Jahr oder Geldstrafe bedroht sind (§ 12 Abs. 2 StGB). Alle anderen Straftaten sind Verbrechen.

Das Gesetz errichtet also eine Zwangs-Ordnung, während dem Werte "bloss" eine relativ frei wählbare Ordnung vorschlagen. Mit dieser Wahlfreiheit ist es allerdings um so weniger weit her, je kleinkarierter (schw. Ausdruck: bünzliger) eine Gesellschaft sich gibt. Das Carré steht für die Weit- oder eben Engmaschigkeit mit der Verstösse gegen die herrschenden Werte durchgehen können. Anhand des humanen Sandwiches können wir die Bünzlikratie definieren als:

Gemeinschaft, in der eine äusserst intolerante Werthaltung einzelner sich als generelle Norm der Masse durchsetzt. (Die SVP kann auch hier als Muster dienen. Faschismen sowieso).

Man muss dabei unweigerlich an Kant's kategorischen Imperativ denken. Der Vorschlag war definitiv nicht grad gut durchdacht.

Ebenfalls mit dem 19. JH. änderte sich die Bedeutung der Meinungsfreiheit massiv, womit Eunomie als Abstraktum obsolet wurde. Die <gute Ordnung> zu schaffen obliegt seither dem Bürger. Ist die herrschende Ordnung also eine mittlere Katastrophe, kann er niemandem die Schuld geben - ausser sich selbst. Kein Ausländer hat je die einheimische Ordnung bestimmt! (Es sei denn, er heisse Napoleon ....)

Ein individuelles Grundrecht auf Meinungsfreiheit war weder der Antike noch dem Mittelalter bekannt. In einem durch Eunomie geprägten Staatswesen, das die Stellung des Bürgers wesentlich von der vorgeordneten Gemeinschaft her verstand, blieb kein Platz für einen dem Staat gegenüber eigenständigen und von ihm garantierten Freiheitsraum des Einzelnen.

[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Meinungsfreihei]

Sei die herrschende Ordnung noch so ein Chaos, zurück in die Zeiten wo Priester und Könige darüber bestimmten, was die gute Ordnung sei, möchte vermutlich doch niemand. Die Bürgergesellschaft hat hier eine Kernaufgabe, der sie sich gerade in Zeiten der Krise besser bewusst werden sollte. (Kleine Randbemerkung: Sparen schafft die Voraussetzungen für Investitionen - aber nicht für eine "gute Ordnung".)

Hm. So weit so gut - aber, nicht nur dass <das Gute> im 19. JH durch <Werte> ersetzt wurde, denn letztere wurden im 20. JH (Anfänge im 19.) erst durch <Interessen>, und diese nach und nach sogar noch durch <Gewinnchancen> ersetzt. Die Politik tut nach wie vor dergleichen, wie wenn sie unterschiedliche Interessen aushandeln würde, während dem die Wirtschaft bereits völlig darauf ausgerichtet ist, Chancen (immer als Gewinnchancen verstanden) zu erkennen und zu realisieren. Wichtigstens "Erkenntnisinstrument" ist hier die Spieltheorie. Dies dürfte, ganz unabhängig von der Postmoderne, der Hauptgrund sein, warum wir uns immer mehr in einer unwägbaren, zufälligen, orientierungslosen Welt wähnen. Der Mensch der früher nach Erkenntnis, Erlösung oder "dem Guten" strebte, strebt heute eigentlich nur noch nach <Marktfähigkeit>. Verlust der Marktfähigkeit, insbesondere der Arbeitsmarktfähigkeit oder -Tauglichkeit führt sofort zum Verlust der Selbständigkeit, also von Selbstachtung wie Achtung der andern, damit von Würde. Das ist die gegenwärtig billigste Lösung, das Volk zu kontrollieren.

Seit der Einführung der Werte als Richtungsgeber schwankte die Orientierung auf Wellen. Die Romantik wurde von Pflicht abgelöst, der Positivismus suchte die alten ehernen Gesetze wieder festzuzurren, der Faschismus erklärte eine Willkürordnung von Herren per populistischer Machtstrategie zum absoluten Gebot, im New Age wollte man sich die Orientierung wieder im Osten holen (ex oriente lux) - geblieben ist jedoch nur - der Markt als Orientierung. Des öftern entsteht der Eindruck, dass sogar die Rechtssprechung sich am Markt orientiert, was nichts als logisch ist, da sonst Mehrheiten das Recht umstossen, oft in absurden Vorstössen (Minaretverbot und ähnliches).

Ordnung und Herrschaft zwischen Einfalt und Vielfalt

  Mon- Archie = Herrschaft Pluri-
Mono- absolute Monarchie/Gottesstaat/Plutokratie Feudalismus/Plutokratie Demokratur

Nomie  = Ordnung

konstitutionelle Monarchie Rechtsstaat Konsensdemokratie / partizipative Demokratie
Pluri- Präsidialstaat parlamentarische oder föderalistische Demokratie Anarchie

Ordnung ist die Grundlage der Orientierung. Die herrschende Ordnung erlaubt den Menschen, sich in ihrer Gesellschaft zurechtzufinden und am Aufbau teilzunehmen. Ziel, zumindest philosophischer Ordnungssuchender, ist hier immer die <gute Ordnung>, also ein Ordnung in der Gerechtigkeit, Freiheit und Friede herrschen. Dazu kommen, allerdings bereits in unterschiedlicher Ausprägung bei den unterschiedlichen Gruppen: Schutz der Schwachen & Förderung des Gemeinwohls. Es gab immer wieder Gesellschaften, nicht nur bei den Griechen die Spartaner, sondern auch bei den von den Netten und Lieben (Linken) geliebten Indiandern, bei denen Schwache ohne Rücksicht ausgeschieden oder gar ausgestossen, also dem Tod überlassen wurden.

Herrschaft und Macht sind die Mittel, diese Ordnung auch gegenüber Abweichlern durchzusetzen. Je einseitiger die Ordnung, desto härter muss die Herrschaft sein. Umgekehrt ist es leider allerdings auch so, dass geistig Beschränkte, die sich eine Ordnung mit Widersprüchen gar nicht vorstellen können (obwohl diese seit Gödel sogar in der Mathematik der Fall ist), dann lieber hart durchgreifen und ihre eigene Ordnung zum Weltgesetz machen (Kant hat uns da mit seinem kategorischen Imperativ nicht unbedingt einen Gefallen getan.)

Ur-Ordnungen:

  1. Die Familie: Ziel: Überleben, gut Überleben, Herrschen.
  2. Der Stamm: Ziel:      "                      "                     "
  3. Der Staat:                "                      "                     "
  4. Die Nation:              "                      "                     "
  5. Die Weltgesellschaft: Ziel:         "                    "

Die obige Zusammenstellung ist etwas zynisch und minimalistisch. Besser lassen sich die Oberziele vermutlich an der maslowschen Bedürfnispyramide erklären. Auch hier sind die wichtigsten eben die physiologischen, also Ernährung und Wohnung. Sicherheit gibt vor allem diejenige soziale Gruppe, auf die man sich verlassen kann, zu der man gehört, also in erster Linie die Familie, dann Stamm (Dorf, Stadt, Region), Nation. Innerhalb der selben Struktur sind ja auch soziale Beziehungen und soziale Anerkennung zu gewinnen.

Wir sehen anhand obiger List, dass dieses Ziel, die soziale Anerkennung, womit meist nicht die Anerkennung der eigenen Unterordnung gemeint ist, sondern ein möglichst hoher Herrschaftsstatus, also Macht, dazu führt, dass man andere Individuen, Stämme, Nationen eben auch mal auf die Rübe haut, um sich selbst besser zu stellen. Erst bei der Weltgesellschaft geht das nicht mehr, zumindest noch nicht, solange wir uns nicht mit Marsmenschen oder ähnlichen anlegen können. (Deshalb sind diese Utopien vermutlich so beliebt.)

Wir sehen auch, dass der höchste Punkt bei Maslow, der bei Leibe nicht der überflüssigste oder letzte ist (wie die Engländer treffend sagen: last - not least), also die Selbstverwirklichung, a) Grundlage ist um "gut Überleben" zu definieren, und b) auf jeden Fall verhindert, dass eine Weltgesellschaft auf einem mono-nomischen Prinzip, also einer einfachen, einheitlichen, allgemein verbindlichen Ordnung aufbauen kann. Eine Weltherrschaft mit dem Modell des Kapitalismus wäre ebenso eine Weltdikatur wie eine Weltherrschaft des Kommunismus.

Mononomie: Die Herrschaft einer zentralen Idee, z.B. Gott, d.h. christlich, jüdisch, muslimisch unterschiedliche Ordnungen, die sich nicht verständigen können und wollen. Die Eine-Ordnungs-Herrschaft ist effizient, erlaubt aber kaum Vielfalt, nicht mal von Meinungen. Sie herrscht also im Krieg, sie braucht Krieg um zu überleben, egal ob der Gott, die zentrale Ordnung, nun Allah, Jahve oder Mammon heisst. Diese Ordnungen können nicht zu den guten Ordnungen gehören, da sie immer die Würde des Einzelnen untergraben. Das Individuum ist hier eigentlich immer Objekt, das einen höheren Willen zu vollziehen hat, aber kein Subjekt mit freiem Willen. Er ist Mittel zu fremdbestimmtem Zweck, nicht mehr Zweck selbst. An den Persönlichkeitswerten Freiheit, Würde und Interesse scheitern also alle mononomischen politischen Modelle. Bei den mononomischen Modellen ist es auch relativ egal, ob der zentrale Machtträger nun auf religiöser, politischer oder ökonomischer Basis agiert. (Präsidialstaat ist ein Synonym für Dikatur, steht also für Staaten wie den Irak Saddams, Myanmar, Nordkorea etc).

Die Herrschaft einer Idee, aufgeteilt unter verschiedene Herrscher, haben wir klassisch im Feudalismus, heute in der Plutokratie.

Die Herrschaft einer Idee, die sich die Masse zur Leitidee gemacht hat, wird gefördert durch Populismus. Sie führt zur Demokratur, in der Minderheiten rücksichtslos unterdrückt werden, die Mehrheitsmeinung heilig gesprochen wird.

Medionomie: Die Herrschaft der Mittelmässigkeit (leicht boshaft interpretiert), des Mittelmasses - nicht der Medien. In der konstitutionellen Monarchie wird die Einherrschaft stark abgeschwächt dadurch, dass die wichtigsten Ziele des Staates, die der König oder die Königin zu befolgen hat, festgelegt sind, Regierungs-will-kür also unterbinden.

Je weiter die obersten Ziele durch Gesetze fest- und ausgelegt sind, je umfangreicher der Einfluss der Bürger wird, desto mehr entwickelt sich das Herrschaftssystem zum Rechtsstaat. Da Interessen allerdings oft widersprüchlich sind, müssen die Vertreter der unterschiedlichen Interessen einen für alle akzeptablen Mittelweg, Kompromiss genannt, finden. Im Rechtsstaat geschieht dies durch Entscheide von Oben, wozu hier auch Entscheide durch Volksabstimmungen im Mehrheitsverfahren gehören.

In der Konsensdemokratie geschieht dies durch die gemeinsame Suchen nach einem für alle Parteien akzeptablen Konsens, durch den keine Interessengruppe sich als (alleinige, primär betroffene) Verlierergruppe sehen muss.

Die Medionomie schreibt sich gesellschaftliche Werte auf die Fahne, die nie als Schlagworte bei irgend einer Revolution aufgefallen wären. Nicht um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder gar internationale Solidarität geht es, sondern um Lernfähigkeit, Dialogbereitschaft, Anerkennung, Zivilcourage, Engagement.

Plurinomie: Lässt unterschiedliche Ordnungssysteme zu, beschränkt aber deren Widersprüchlichkeit, oft ja Antagonismus dadurch, dass die Regierung in einer Hand bleibt, also ganzheitlich.

Die Herrschaft unterschiedlicher Ideen die durch verschiedene Gruppen vertreten werden, ist die Grundlage der parlamentarischen Demokratie.

Die Herrschaft unterschiedlicher Ideen die durch Individuen vertreten werden endet in Anarchie, denn hier löst sich die Herrschaft auf. In der Anomie führt das zu Ordnungslosigkeit, bei der sozialen Anarchie zur Kleinstbürgerordnung, bei der in den USA beliebten Wirtschaftsanarchie, der das leitende Prinzip der Anarchie fehlt: keine Herrschaft! - allerdings zu Feudalismus und Plutokratie.

Interessant ist etwa die Freiheit, die als oberstes Ordnungsprinzip immer wieder zitiert wird. Formell, also rein auf den Begriff bezogen, wäre eine solche Herrschaft mononomisch - inhaltlich allerdings, da jeder in Freiheit genau die Freiheit sieht, die ihm fehlt, eben plurinomisch. Genau diese Unklarheit erlaubt immer wieder die Usurpation der Freiheit durch andere Mächte, wie z.B. Geld.

Das Resultat von Plurinomien, nämlich der Verlust einer klaren, eindeutigen, höchstwertigen Orientierung führt dann oft dazu, dass einzelne Mononomien wieder dominant werden: Ehre, Nation, Souveränität, Tradition, wie sich das gerade gegenwärtig anhand eines generellen neokonservativen Regresses zeigt, nicht bloss in der Schweiz, sondern sogar in den USA. (s. Palin, der gegenwärtigernAnführerin der US-Bünzlikratie. s. auch Tea-Party):

Fazit

Sehen wir uns die heutige Situation an, so besteht ein eindeutiger Trend, vor allem in der westlichen Welt, zum Zurück, Zurück zur "guten alten Welt, zur guten alten Ordnung", die nie so gut war wie heute geträumt, denn sonst hätte man sich davon ja nicht befreien müssen.

Andererseits besteht gerade in vielen Staaten Europas ein Wunsch nach mehr Beteiligung der Bürger, nach mehr Basisdemokratie, wie sie in der Schweiz eigentlich vorhanden wäre - aber, ebenfalls dank Bünzlikratur, rechts-normativ, gesetztgebend, immer mehr kleinkarrierten Unsinn erzeugt. (Minaretverbot, lebenslange Verwahrung, Todesstrafe für Sexualverbrechen etcetc)

Nichtsdestoweniger wünscht sich weder in der Schweiz noch in den konservativsten Kreisen der USA irgend jemand die Rückkehr zu einer Monarchie oder gar präsidialen Diktatur. Die ganze linke (politisch wäre sie rechts) Kolonne fällt als als Alternative aus.

Beliebt sind jedoch mediokratischer Feudalismus und besonders die Plutokratie: Wer zahlt, befiehlt, alte Regel. (Dummerweise heute eher in der Form: Wer spart, befielt). Da das Volk zwar manchmal, aber nicht immer, bekloppt wählt, ist damit zu rechnen, dass es die hier ablaufenden Spielchen, trotz gegenläufiger Propaganda, irgendwann durchschaut.

Dann bleibt noch die Demokratur, sei es durch Lechts- oder durch Rinkspopulismus. Wie bei Zweiparteiensystemen löscht hier jeweils ein Programm die Arbeit des anderen aus, das Resultat ist also: NICHTS - mit viel Aufwand. Zwei, die sich gegenseitig ihre Vorschläge zerschlagen - aber nicht zu einem gemeinsamen Entwicklungskonzept finden können, sind nichts als mühsam, unergiebig.

Was bleibt sind also die Öffnung des Pluri- zu partizipativer Demokratie, was die Ordnung betrifft, zu einer stärker föderalistisch-parlamentarischen Demokratie was die Herrschaft betrifft. Anarchie ist nach wie vor ein schwarzes Tuch, beliebt bei den einen (die Revolution als Freizeitspass verstehen), verhasst bei den andern (die für die Schäden meist dämlicher Demos bezahlen müssen). Ausgenutzt wird dieses System der Herrschaftsfreiheit allerdings von internationalen Organisationen (global players, corporatocracy), die sich die besten Standorte für den Umsatz eben so frei global aussuchen können, wie den Standort, wo sie am wenigsten Steuern zahlen, sich also um ihren Beitrag an der gesellschaftlichen Entwicklung drücken können. Diese Freiheit wird aber nur für den eigenen Vorteil genutzt, nicht der Gesellschaft vermittelt, ja nicht mal den eigenen Mitarbeitern zugestanden.

Das "kleine Viertele" das hier als "Anarchie" verbucht ist, könnte man auch als Raum der Freiheit, der Phantasie, der möglichen, und nicht bereits bedingten oder vorherbestimmten Entwicklung, als Freiraum des Denkens und Handelns bezeichnen. Es ist der Raum der sich der Fremdbestimmung entzieht, in dem das ICH ich sein kann. Ein solcher Raum ist überall und unbedingt nötig, in der Politik genau so wie in der Wirtschaft, im Grossen genau so wie im Kleinen, also etwa der Zweierbeziehung. Nur wenig Menschen sind wirklich glücklich wenn sie total fremdgesteuert sind, sich an Werten orientieren müssen, die nicht wirklich die eigenen sind.

Vielleicht kann die Angst des Bürgers vor der Anarchie, die er zumeist mit Anomie verwechselt, dadurch verringert werden, dass er sich klar macht, dass Ordnung, wie er sie für sich als gut betrachtet, nicht bloss durch fehlende Herrschaft bedroht wird (An-Archie: Herrschaftslosigkeit) sondern noch mehr durch angemasste Herrschaft der Plutokratie wie durch Populismus ertrogene Herrschaft der Demokratur.

Vielleicht sollten auch die heutigen "Anarchisten" besser ihre Anliegen ein bisschen besser erklären, als schwarz vermummelt Scheiben einzuschlagen und Autos anzuzünden. Alles was zerstört oder beschädigt wird, also ersetzt oder repariert werden muss, trägt eh bloss bei zur Förderung des Bruttosozialproduktes, das von den Gegnern dann wieder dazu genutzt wird, um zu zeigen, wie gut es uns doch geht. Dass aber weder BSP noch BIP dazu taugen, über Wohlstand als Mass des Wohlergehens, des Glücks Auskunft zu geben, ist längst bekannt. s. Glücksforschung/easterlin paradox. Deswegen wurden schon im letzten Jahrtausend alternative Indizes geschaffen wie:

Wichtig ist, dass das Gute, durch Einhalten einer entsprechenden Werteordnung, weiter als Ziel erhalten bleibt, dass die Verfolgung von Werten ein generelles Ziel bleibt, und dass die Realisierung solcher Werte möglich bleibt.

Konzept der Wert-felder als historisch sich ändernde Spannungsfelder

Dieser Wertekatalog wurde bereits vor Jahren zusammengestellt, auf der Basis einer breiten Literatur. Er müsste also "literarisch" einigermassen vollständig sein. Dummerweise weiss ich nicht mehr, was ich damals alles an Literatur beigezogen habe.

Die Reihenfolge mag seltsam anmuten, da sich die ehemals höchsten Werte am Ende befinden. Da wir aber heute leben und nicht gestern ... Die Kirche hat ja heute bei weitem nicht mehr die Funktion im Westen wie etwa ähnliche, aber weitaus weniger zentralistisch geführte religiöse Instutionen im Islam. Der Islam lebt und entwickelt sich (hoffentlich), das Christentum lebt vorwiegen von Historie: Es war einmal ...

0 Das Glück

Eigentlich ist es der Begriff <Glück> der dann mit dem Aufkommen des Wirtschaftsliberalismus im 19. JH. wiederum den Begriff <Werte>, als Ersatz des alten <Guten> sehr rasch ersetzt hat. Seltsamerweise taucht aber Glück kaum irgendwo auf als Wert oder Gutes, nach dem es primär zu streben gälte - ausser in den USA, wo das Streben nach Glück als Recht sogar in der Unabhängigkeitserklärung verankert ist. Der Grund dafür liegt vermutlich eben in der relativen Zufälligkeit, worin Menschen ihr Glück finden können. (s. 2 Persönlichkeitswerte)

Das Glück hat im 18. JH. die alten Begriffe Erlösung/Heil (kirchlich), Erleuchtung (kirchlich wie philosophisch), Weisheit (unsere westliche Form des Nirwana: Einsicht, Wissen darüber, was man ändern kann, ev. ändern muss (Schmecken der Werte) - aber auch, was nicht zu ändern ist. Optimale Nutzung des Wissens - unter Anerkennung der enormen Räume des Nichtwissens, des Schicksals.) abgelöst.

Nach einer Zwischenphase (s.o.) herrscht das Glück heute wieder über alle Werte, leider aber in einer sehr unterwertigen Form, nämlich als Glücksspiel, als Anwendung von Spieltheorie zur Bestimmung von Gewinnchancen, und dies in Politik wie Wirtschaft, ja sogar bei der Wahl des Berufes.

1 Praktische Werte

Seit dem Aufkommen des Utilitarismus haben sich diese Werte, mit der Entwicklung des Kapitalismus, als völlig dominante durchgesetzt, ja per Globalisierung die Welt erobert. Einige sehen das als Ende der Geschichte - andere eher als Ende der Welt, wenn alles nur noch angenehm, nützlich, brauchbar und billig ist - Menschen inbegriffen.

2 Persönlichkeitswerte

Obwohl für die herrschende Philosophie, Politik und Wirtschaft, die alle dem Liberalismus zuzuordnen sind, die Persönlichkeitswerte dominant sind, das Individuum entscheidend, haben wir gerade mit diesem Individuum, mit seinem Charakter, mit dem, was es eigentlich ausmacht, einigen Probleme. Sogar die Psychologie redet heute höchst ungerne von Charakter. Dieser wurde zum Typ gemacht, was ein bisschen die Illusion fördert, man könne sich den passenden Typen, passend zur Rolle die grad ansteht auslesen. "Wissenschaftlich" wird heute meist von Persönlichkeit (2)geredet. Allerdings gibt es da fast so viele Persönlichkeitstheorien wie Universitäten. Ob ein Mensch die höchste Lust empfindet wenn er ausgepeitscht wird, gut isst, gut v..., viel Geld verdient, viel konsumiert, sich sportlich betätigt, oder vielleicht sogar denkt, entscheidet sich in frühester Jugend. Die interne Dressurmaschine, die Drüse die das Hirn mit selbstgebauten Drogen belohnt, wird in den ersten Lebensjahren kalibriert - woran auch die Psychoanalyse wenig ändern kann. Sie kann bloss a) Erkenntnis und so b) ev. alternative Verhaltensweisen fördern helfen. Insbesondere Persönlichkeitstests sind immer ein heikles Unterfangen, da die Typisierung a) das Individuum nie vollständig beschreibt, b) nur mässig zuverlässige Vorhersagen über dessen Verhalten unter bestimmten Situationen machen kann. Der Mensch ist, auch wenn typisiert, kein Automat.

3 Gemeinschaftliche Werte / Gesellschaftliche Werte / Nationale Werte

> Die Selektion der gemeinschaftlichen Werte hier scheint mir gut (Zusammenstellung aus unterschiedlicher Literatur), denn sie zeigt, ohne vorgehende Absicht, denn die Hälfte wurde vor Jahren erstellt, dass es bei gemeinschaftlichen Werten nicht um absolute Verhaltensgebote und Verbote geht, sondern darum, dass man sich mit seiner sozialen Umwelt konstruktiv abgibt, mit andern redet, ihre Meinung zumindest toleriert, wo man sie nicht annehmen kann - sich aber auch unter dem Druck von Mehrheiten nicht von einer Überzeugung abbringen lässt, wenn man davon überzeugt ist, sondern den nötigen Mumm aufbringt, dafür einzustehen, auch wenn man damit das Risiko der Desintegration eingeht.

Grundprinzip der Gesellschaft ist die Tatsache, dass der Mensch alleine nicht überlebensfähig ist. Er braucht Unterstützung, Dienstleistungen anderer, und seien es bloss Strassen, Nahrungsmittel, Wohnraum, Arbeit und Einkommen, die er nicht selbst aufbauen kann (was leider im letzteren Fall um so mehr zur Tatsache wird, je teurer Arbeitsplätze werden, je mehr Aufwand, finanziell wie bildungsmässig, für eine selbständige Tätigkeit nötig sind.

Ein Sozialdarwinismus wie er insbesondere von reicheren und konservativen Mitmenschen gefordert wird widerspräche eben gerade dem Prinzip, dass der Mensch ein geselliges Wesen ist und der gegenseitigen Unterstützung in der Gruppe bedarf: "Eigenverantwortung" kann also nicht darüber hinaus gehen, sich verträglich mit seinene Mitmenschen auseinander (oder besser zusammen) zu setzen. Autonomie und Autochthonie können sich nur diejenigen leisten, die im globalen Nirwana steuertechnisch und verantwortungsmässig unfassbar bleiben. Dem kleinen Bürger bleiben sie verwehrt, er hat sich anzupassen an das Gesetz und die Ordnung, die nun eben halt mal grad herrschen, weshalb er dann, ohnmächtig, gerne noch eins drauf haut und die ganze kleinkarrierte Gesetzlichkeit heiligt und damit zur Bünzlikratie macht.

4 Geschaffene, kulturelle Werte

> Kultur könnte man meinen, sei das Grösste, das wichtigsten, DAS non-plus-ultra, das den Menschen zum Menschen und die Zivilisation zivilisiert macht. Pustekuchen. Zum Ersten ist der grösste Teil des Kulturbetriebes heute "Unterhaltungskultur" als Erwerbskultur (s. Kulturwirtschaft). Zum zweiten wird die Kreativität eigentlich bloss dort gefordert, insbesondere aber gefördert, wo sie neue und verkaufbare Produkte und Dienstleistungen verspricht. Gerade in der Kultur vermischen sich Werte immer stärker mit Preisen. (s. Kunsthandel / Kunst und Erkenntnis).

5 Aesthetische Werte - absolute Schönheit

> Zumeist verkommen zu einem Präsentationsfaktor im Marketing. Ganzheitlichkeit wird eigentlich nur in der Oekologie ernst genommen, wobei allerdings auf Grund der Disziplinarität der Naturwissenschaften und immer noch fehlender wirklich Disziplinübergreifender Wissens- und Denkstrukturen die Sache mit der Ganzheitlichkeit auch hier noch nicht so ganz heitlich klappt.

6 Naturwerte

> Dass die Natur ein Wert ist, hat sich erst mit dem Aufkommen von Natur- und Umweltschutz in den letzten Jahrzehnten des 2. Jahrtausends durchgesetzt. Zeitweise wurde der Trend so stark, dass der Naturwert über alles dominierte und die Vorsilbe Natur- oder Oeko- alles besser machte (na ja, besseres versprach), bis hin zur Politik.

Obwohl auch hier bloss an 6. Stelle, ist die Natur unabdingbar, sie ist die Basis des Ueberlebens und Lebens. Richten wir die Natur zugrunde, richten wir uns und alle Kultur zugrunde.

7 Ethische Werte beschreiben als Modell die absolute Güte - die praktische Tugend sucht Wertorientierung im rechten Mass

Das selbe wie für die ideellen Werte, die Wahrheit (outdated, kontraproduktiv für die Karriere) gilt heute für viele ethische Werte. Weisheit? Da macht sich jemand bloss lächerlich, wenn er danach sucht. Leiden als Wert - unverständlich. Güte? Da wird man als <Gutmensch> deklassiert. Diese, von kirchlicher Vorherrschaft befreiten, eher philosophisch begründeten Werte, sind (womit ich meine: scheinen) heute genau so obsolet wie religiöse und philosophische Wahrheit. Man muss sich allerdings auch klar darüber sein, dass diese heroischen Werte des Geistes, die uns von den Griechen überliefert sind, nicht alles ist, was das damalige Griechenland ausmachte. Es gab auch Herrschsucht, imperialistisches Streben, Kriegsgurgeln (Spartaner) und Schlaumeier (Händler, inklusive einige Philosophen.) Dennoch war Griechenland dem imperialen Drang Roms nicht gewachsen. Zwischen 200 BC und 30 BC wurde ganz Griechenland inkl. Kleinasien und Aegypten zu römischen Provinzen. Das griechische Geistesleben allerdings überlebte.

Zu den ethischen Werten gehören vor allem auch Bewusstsein, Willensfreiheit und Voraussicht. Eine Welt ohne diese Werte wäre folglich eine Welt des bewusstlosen Strebens (nach Geld) oder Gehorchens (dem Chef, den Marktkräften), oder eben ein Spiel, das allerdings immer weniger Spass macht, sondern längst zum Sachzwang wurde.

8 Ideelle Werte - absolute Wahrheit

Die religiösen Werte wurden dank des Aufkommens der rationalen Philosophie durch die Ethik (praktische Philosophie) abgelöst. Philosophie suchte in Weisheit Wahrheit per se, Wahrheit nicht nur in kausalen Beziehungen, sondern auch Wahrheit (eher als richtiger, gerechter, guter Entscheid) im Eingehen auf finale Kausalitäten: Intentionen, Wünsche, Begehren, Ziele, Träume, Absichten ...

> Das Wahre interessiert heute wenig. Vernunft, Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit sind nun wirklich nicht diejenigen persönlichen Merkmale, die einen in Wirtschaft, Politik, Kunst, Gesellschaft weiter bringen. All die heren Anschauungen der alten Philosophen sind hier und heute really outdated ... leider.

Obwohl diese Werte, nach der von mir geschätzten Priorität, bloss an zweitletzter Stelle liegen, hängt die weitere Entwicklung davon ab. Ein Leben das nur auf dem Spiel mit kurzfristigen Chancen beruht, zerstört mittel- und langfristig ausgerichtete Strukturen - und damit vor allem jegliche Kultur. Ein Entscheidungssystem das nur auf Chancen - nicht aber auf Wahrheitssuche ausgerichtet ist, wird zufällig, beliebig, postmodern, ja nihilistisch.

> Warnung: Es sind nicht bloss die Finanzmärkte die immer kurzfristigere Spiele betreiben, sondern auch die Produktionswirtschaft wie Dienstleistungswirtschaft.

9 Religiöse Werte - Heiligkeit

Religiöse Werte hätte ich eigentlich gerne beiseite gelassen, aus dem einfachen Grund, da sich hier immer Menschen als Stellvertreter Gottes aufspielen. Es ist uns kein einziger Fall bekannt, in dem wirklich ein Gott ein Land regiert hätte - dafür um so mehr, in denen Stellvertreter Gottes ihr Volk in Krieg und Verderben gehetzt haben - im Namen Gottes. Glaube als Wert taugt, so betrachtet, kaum zu einer guten Ordnung, da sich die Regierung - im Namen Gottes - der Verantwortung vor dem Volk entzieht, was meist der Hauptgrund ihres Interesses ist für Anhänger theistischer, fundamentalistischer Bewegungen. Zu früheren Zeiten, also insbesondere in der Frühgeschichte und im Mittelalter, waren die religiösen Werte dominant für die Gesellschaft - der Wert des reinen Überleben allerdings für das Individuum.

> Der Glaube ist gut, schafft das Gute und verbietet das Böse. (Schön wär's, wenn das so einfach wäre, aber was heute sehr beliebt ist, z.B. Armut, in Form von Betteln verbieten, klappt einfach so nicht.)

Denkanstoss vom 11.12.2010. Martin Herzog, Basel