Oesterreich: Landesstrukturen und Geschichte - Landwirtschaft - Forstwirtschaft

Tourismus (Fragment)

Elisabeth Lichtenberger: Oesterreich: Geobraphie, Geschichte, Wissenschaft, Politik. Länderkunden. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmststadt. 2002

Österreich ist das Fremdenverkehrsland No 1 in der EU! Im Jahr 2000 beliefen sich die Einnahmen aus dem Tourismus auf 1526 Euro pro Kopf, 13% des BIP, 6% der Deviseneingänge. 586000 Personen hängen direkt oder indirekt davon ab. Im Gegensatz zur lange institutionalisierten Hotellerie der Schweiz ist in Österreich die Vermietung von privaten Zimmern weitaus mehr verbreitet, allerdings mit abnehmender Tendenz durch zunehmende Kommerzialisierung. Die prosperierende bauliche Erscheinung im Westen Österreichs, Einfamilienhäuser mit über 150 m2 Wohnfläche, muss allerdings relativiert werden, da die Bevölkerung einen beträchtlichen Teil des eigenen Wohnraums vermarktet.

Der Tourismus der Schweiz aus österreichischer Sicht:

In der Schweiz ist, gestützt auf ein mächtiges Bankenwesen und strikte privatkapitalistische Prinzipien, im Rahmen der Wohnungswirtschaft ein bedeutender Immobilienmarkt entstanden. Die Vermarktung des Wohnraumes in Form der Parahotellerie und der Zweitwohnungen hat sich weitgehend vom Tourismus klassischer Art abgekoppelt. Das Bedürfnis nach Sachwertanlage und das ausländische Fluchtkapital haben das Immobiliengeschäft zum Hauptgeschäft werden lassen. Es ist folgender Circulus vitiosus entstanden: örtliche Kapitalgeber treten als Grundstückkäufer auf, vergeben Bauaufträge an zum Teil örtliche Bauunternehmen, die ebenfalls zum Teil mit auswärtigen Kräften die Objekte errichten, in erster Linie Apartmentwohnungen, in zweiter Linie Chalets. Ein Heer von Realitätenbüros und Agenturen vermarktet diese, wobei auch Ausländer Zugang gewinnen können, wenn auch durch die jeweilige Gesetzeslage in unterschiedlicher Form. Dadurch tritt eine Nachfrageverstärkung ein, es erhöhen sich die Preise weiter, und es wird wieder Freizeitwohnraum auf "Vorrat" erzeugt.

In der Schweiz übertraf 1993 das Bettenangebot in der Parahotellerie mit 830'000 das Angebot an Hotelbetten (270'000) um rund das Dreifache, nachdem das Verhältnis zu Beginn der 1950er Jahre noch ausgeglichen war. Hierzu kommt noch die Zahl von ausschliesslich eigengenutzten Zweitwohnungen in der Grössenordnung von rund 740'000 Betten. Konkret bedeutet dies, dass jede achte Wohnung in der Schweiz eine Ferien- oder Zweitwohnung ist.

Im Gegensatz dazu entfallen in Österreich nur 16.1% der Betten auf Zweitwohnungen, 7.1% auf sonstige Unterkünfte wie Jugendheime, alpine Vereine, (zusammen also 23.2%) und 17.1% auf Privatquartiere (bei allerdings sehr geringer Auslastung), davon 31.2% alleine in Bauernhöfen. Das heisst, das die meisten Touristen in Oesterreich in Hotels nächtigen, die meisten Touristen in der Schweiz aber in Zweitwohnungen. Es wundert also wenig, dass die Bedienung in Österreich freundlicher ist, da es sich in der Schweiz ja primär um Selbstbedienung handelt .... womit schon wieder ein Rätsel gelöst wäre.

Ein Erfolgsmodell war und ist der Urlaub auf dem Bauernhof - trotz fallender Besucherzahlen:

1980: 28940

1990: 21276

2000: 15486

Entgegen dem sonst herrschenden Trend im Tourismu stiegen hier aber die Umsätze. Die Ferienbetten allerdings nehmen ab, die Ferienwohnungen zu. Von 114 Millionen Nächtigungen fielen allerdings nur 3.2 Millionen auf Privatquartiere in Bauernhöfen und 1.8 Millionen auf Bäuerliche Ferienwohnungen und Ferienhäuser. Es gab 8000 bäuerliche Betriebe, die Privatzimmer vermieteten, und 4200, die Ferienwohnungen und -häuser im Angebot hatten (von insgesamt 74'000 Beherbergungsbetrieben mit 1'162'100 Betten. Jeder sechste Beherbergungsbetrieb war somit ein bäuerlicher Betrieb. Die angebotenen 117'000 Betten stellten etwa 1/10 des gesamten österreichischen Bettenangebotes dar. Die Auslastung war allerdings mit 50 Tagen nur halb so gut wie der österreichische Durchschnitt.

1980 bot in Tirol ein Drittel aller land- und forstwirtschaftlichen Betriebe Fremdenzimmer an, was mehr als ein Viertel aller bäuerlichen Fremdenzimmer in ganz Oesterreich entsprach. Mitte der Neunzigerjahre betrieben rund 60% der Höfe eine bäuerliche Zimmervermietung. Im Jahr 2002 entfiel etwa ein Viertel der Ankünfte (184'634 von 742'418) bzw. Nächtigungen (1'075'992 von 4'125'184) im Privatzimmerbereich auf die bäuerliche Zimmervermietung. An dem starken Anstieg des Wintertourismus konnten sich diese allerdings nicht beteiligen, da sie oft abseits der Touristikzentren lagen und ihnen auch die Mittel für Neu- und Umbauten fehlten.

 

 

Nur Tirol und Vorarlberg sind uneingeschränkte Domänen des Ausländertourismus.

Zweitwohnungen sind vor allem in Nieder- und Oberösterreich verbreitet (Sommerfrische der Wiener ...), sowie im westlichen Grenzland Kärntens und die Ferienregion Kitzbühel-Kufstein.


 

http://www.statistik.at/karten/kartogramm/kartogramm238_02.shtml

http://www.statistik.at/karten/kartogramm/kartogramm011_03.shtml

http://www.statistik.at/karten/kartogramm/kartogramm010_03.shtml

http://www.statistik.at/karten/kartogramm/kartogramm211_02.shtml

Martin Herzog, Basel, 31.12.06

Vergleich Oesterreich-Schweiz

In den 50ern lag die Schweiz weltweit an fünfter Stelle im Tourismus, quasi eine Tourismus-Weltmacht. Das hielt sich knapp bis in die 70er, wonach der Zusammenbruch des Weltwährungssystems zu einem starken Anstieg des Wechselkurses des Schweizer Frankens führte, und zu entsprechender Schwächung im Markt. Auch hier ein Grund, eher auf gross und teuer zu setzen als auf klein und bescheiden. (s. Schluss), Dennoch stammen auch heute noch ca. 60% der Einnahmen von ausländischen Gästen - unter denen natürlich entsprechend zahlungskräftige gefördert werden (Indien, China, Golfstaaten, Russland).

Die Graphik rechts (aus: Das Schweizer Gastgewerbe: Eine Branche im Wandel. Die Volkswirtschaft 1/2 2007) zeigt zwar, dass Österreich in den letzten 25 Jahren ein bisschen besser da stand als die Schweiz, wo der "Zuwachs" für die Periode negativ war (- 0.5%/Jahr), dass aber auch Österreich nicht mit Spanien, den USA etc. mithalten konnte.

Die folgende Karte unten zeigt gleich warum, denn eine ausgeprägte Bedeutung hat das Gastgewerbe nur in relativ wenigen gebirgigen, abgelegenen und dünn besiedelten Regionen, dort allerdings bringt es über 25% des BIP. Ohne verlässlichen Schnee im Winter, und bald ohne Gletscher, dürfte sich das wohl weiter eher negativ entwickeln.


Regionale Bedeutung des Gastgewerbes für die Schweiz 2005

als Anteil am jeweiligen BIP

In den letzten Jahren hat sich das Bild wieder gekehrt: Österreich stagniert touristisch, die Schweiz hat Rückenwind. 2007 wurden die seit 1960 höchsten Besucherzahlen (Logiernächte) verzeichnet, 37 Millionen Nächte, inkl. Belegung durch Inländer.  Zurückgeführt wird dies vor allem durch den relativ zum Euro günstigen Franken, wie auch den Fokus auf wohlhabende Touristen aus Indien, China, Russland und den arabischen Ölstaaten einerseits, wie durch den zunehmenden Bestand an hoch qualifizierten Deutschen die in der Schweizer Wirtschaft tätig sind - und aus Deutschland besucht werden.

Zudem wurde in den letzten 3 Jahren gewaltig investiert, vor allem in die Luxushotellerie:

  1. Dolder Grand Hotel Zürich
  2. Grand Hotels Bad Ragaz
  3. Trois Rois Basel
  4. Carlton Hotel St. Moritz
  5. Le Richemont Genf
  6. Tschuggen Grand Hotel Arosa
  7. Baur au Lac Zürich
  8. Badrutt's Palace St. Moritz
  9. Victoria Jungfrau Collection
  10. Beau-Rivage Palace Lausanne

 

440 Mio Fr.
150
120
  75
  70
  60
  40
  35
  28
  25
___
1043 Mio Fr.

Weit weniger gut allerdings sieht die Siutation von Kleinhotels aus, "die sich besser vermarkten sollten". Na ja, woher nehmen und nicht stehlen. Einerseits. Andererseits brauchen die ja auch weniger Gäste, sollten also ihr Zielpublikum eher direkt - und besser ansprechen, sich also quasi eine "Community" basteln, in der bekannt und anerkannt ist, dass klein auch fein sein kann, und dass günstig nicht immer schlechter ist als teuer, sondern primär anders:

Der Schweiz gelingt also zum Teil zumindest der Umstieg von "klein und billig" zu gross und teuer, modern, luxuriös. Unverfreulich für kleine Hotels und Restaurants, unerfreulich für die Mehrheit, die sich diesen Luxus nicht leisten können, aber wirtschaftlich der einzige Ausweg bei konstanten Besucherzahlen noch Wachstum, durch Qualität, zu erzeugen: