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Oesterreich: Landesstrukturen und Geschichte - Forstwirtschaft - Tourismus

Landwirtschaft zwischen Industrialisierung und Hausfrauisierung

Österreich ist das grösste Bergbauernland Europas. Erfreulicherweise hat sich in jüngster Zeit in der EU die Einsicht durchgesetzt, dass die Leistung der Bergbauernbetriebe nicht mit ökonomischen Wettbewerbsparametern gemessen werden kann, sondern dass an der Grenze zur Anökumene die Erhaltung der Kulturlandschaft honoriert werden muss. [S. 165]

 

Was zeichnet den Bauern aus, was verbindet den Flachland- mit dem Gebirgsbauern? Rastloser Fleiss, die beharrliche Ruhe und das stolze Selbstbewusstsein der eigenen Kraft, die Liebe zum Heimatboden, der erdverbundene Bauernsinn, der am Althergebrachten mit Zähigkeit und Liebe festhält und Neuerungen und Fremdem misstrauisch gegenüber steht. Trotz des realistischen Denkens, das immer auf den eigenen Vorteil bedacht ist, hält der Bauer aus Überzeugung, auch weil es das Herkommen verlangt, dem Väterglauben die Treue. Bedroht war dieser "echte" Bauer durch den Liberalismus und die Zwänge der Marktgesellschaft. Der Agrarhändler erscheint in dieser Darstellung als "kalter Rechner", als wucherischer Geschäftsmann, als herzloser Blutsauger .... [. 27]

Die Graphik rechts und die Karte unten zeigt Oesterreichs "Mittelland-Alpen"-Problem. Die grössten und rentabelsten Betriebe befinden sich in den relativ flachen Gauen des Nordostens, die unrentablen Kleinbetriebe in den alpinen Hochlagen. In der Schweiz empfehlen Oekonomen, hier nun für einmal im Einklang mit Oekologen, die Extensivierung der Alpen und die Konzentration der Entwicklung auf Städte und Flachland. (s. Städtediktat und Alpenreservat)

Die unterschiedlichen Bedingungen haben auch zu unterschiedlichen "demokratischen" Strukturen und unterschiedlichen Entwicklungen geführt:

Die Entsiedelung im Westen war das Resultat eines wirtschaftlichen Verdrängungskrieges: (Reiche) Talbauern kaufen Hangbetriebe und Weiden der (armen) Bergbauern. Solche Bauernkönige waren und sind auch im Pinzgau (Salzburg) bekannt (wie natürlich in der Schweiz ....).

Im Nordosten findet sich vorwiegend Grossgrundbesitz. Der entstand, da die grossbürgerlichen Wiener gerne "herrschaftliche" Jagd betrieben, um den feudalen Lebensstil nachzuahmen. Jagd ist ein Herrenrecht und besitzt auf Grund dieser historisch elitären Position auch heute noch ein exklusives institutionelles Prestige. Dies nicht zuletzt, weil das Jagdrecht an Eigentum an Grund und Boden gebunden ist!

Aber auch in Österreich ist es klar, dass die Landwirtschaft nicht als Machtwirtschaft betrieben werden kann: Aus den umfangreichen Unterlagen ist zu entnehmen, dass nur durch staatliche Subventionen ein Fortbestand der überwiegenden Mehrheit der Betriebe, besonders im Berggebiet, möglich ist. [S. 153]



 

Die ländliche Gesellschaft als Urtyp hierarchisch-autoritärer Gesellschaftsordnung

Was vielen, sogar Deutschen, in der Schweiz als äusserst lästig auffällt, ist die Hierarchisierung der Beziehungen. Ein Deutscher hat das mal so ausgedrückt: Wenn zwei Schweizer sich treffen, so verhandeln sie zuerst darüber, wer der Chef ist. Im Prinzip basiert natürlich unser ganzes wettbewerbsorientiertes Wirtschaftssystem auf diesem, meines Erachtens äusserst lästigen Konzept. Dieses ist aber weder eine schweizerische, noch eine städtische Erfindung, sondern bereits bei den Bauern nachzuweisen. Knechte und Mägde wurden nach Alter und Arbeitsrollen definiert. Der Moar (Meier, Verwalter, in der Schweiz als traditionell als Meisterknecht bezeichnet), teilt die Arbeit ein. Die Einhaltung der Rangordnung wurde nicht nur von Oben, sondern auch innerhalb des Dienstpersonals aufs genaueste beobachtet und beachtet. Das Bauernhaus war nicht immer ein Ort der Eintracht, sondern, genau wie die heutige Firma, Schauplatz alltäglicher Machtkämpfe. "Treue und Gefolgschaft", heute Loyalität genannt, gingen einher mit Hinterlist und Widerspenstigkeit, "Schutz und Hilfe" (heute in Arbeitsverträgen, Arbeitsrecht und Gesamtarbeitsverträgen geregelt), gingen einher mit Missgunst und Unterdrückung. [II: 626] In diesem selben Prinzip liegt der tiefere Grund für die meisten heutigen Mobbing-Attacken. Im Bauerndorf wurde der Zusammenhalt dennoch abgesichert durch nichtmonetäre Bindungen, also kleine Kredite, Gaben von Nahrungsmitteln, Geschenke, eine Tasse Kaffee, Transporthilfe, Patenschaft für Kinder von Untergebenen - womit die bereits finanziell Abhängigen auch moralisch-politisch gebunden wurden - der Unternehmer-Bauer aber auch das Wohl der Angestellten nicht so weit aus dem Auge verlieren konnte, wie das in Aktiengesellschaften möglich ist. Apropos Patriarchat. Die Auflösung desselben ging nicht einher mit mehr Freiheit. Der Patriarch wurde zum Unternehmer und/oder gleich zum Despoten.

Zwar wurde aus der gemeinsamen Schüssel gegessen, doch der Grossknecht begann als Erster, bekam das grösste Stück Fleisch, erhielt als erster den Mostkrug (Frauen erhielten dabei eh nur halbe Mostkrüge). In manchen Häusern steckte die Bäuerin in das Fleischstück das dem Grossen Knecht zustand, ein kleines Holzsteckerl. Die Reihenfolge, in welcher sich die Dienstboten die Fleischstücke aus der Rein nahmen, entsprach ihrer Stellung am Hof. Nur beim Essen an heiligen Tagen, also Weihnachten, Dreikönig, Ostersonntag, Pfingstsonntag, durfte sich jeder selbst ein Stück vom Braten schneiden, natürlich wieder in der richtigen Reihenfolge. [S. 272]

Dass der Bauer nahe dem Herrgottswinkel sass und wie die übrigen Männer auf den beiden wandfesten Bänken platz nahm, der Bäuerin der einzige vorhandene Stuhl zustand und die Mägde mit der lehnenlosen, beweglichen Bank vorlieb nehmen mussten, verband Sitzordnung mit Sitzkomfort. [S. 273]

Es sind präzise diese Rangordnungen, die in vielen arabischen Volkskulturen weitaus weniger ausgeprägt sind, ja sogar systematisch tagtäglich in Frage gestellt werden, die der Überheblichkeit des Westens, allein der Demokratie fähig zu sein, eine klare Absage erteilen. Ich habe selbst im Irak und im Jemen an Sitzungen mit dem Landwirtschaftsminister teilgenommen, an denen nebst Bauern auch Taxifahrer ihre Voten einbringen konnten. Bei den alltäglichen Qat-Sitzungen im Jemen gibt es keine garantierte Sitzhierarchie. Natürlich ist der Platz am Fenster und möglichst weit weg von der Tür der Top-Platz. Wird der aber von einem Dienstboten oder gar Landstreicher besetzt, wird ihn niemand vertreiben, sondern ihm als Mensch unter Menschen den Vorzug für einige Stunden gönnen.

Die soziale Hierarchie unter Bauern wurde quasi in Pferdestärken gemessen:

  Grösse in Joch (0.56 ha) Betriebe Viehbestand pro Betrieb Pferde pro Betrieb Knechte Mägde Taglöhner pro Betrieb und Jahr Saisonarbeiter pro Betrieb und Jahr
  < = 1 225 1.5 0        
Söllner 1 - 15 56 4 0   1 .09 .09
Halbbauer (Zweirössler) 15 - 30 60 9 2 3 3 .8 1.17
Ganzbauern (Vierrössler) 30 - 55 71 17 4 5 4 3 1.5
Sechsrössler 55 - 90 34 23 6 6 5 3.5 2.25
Achtrössler 90 - 130 1 29 8 8 6 5 3.5
Zehnrössler 130 - 180 1 38 10 11 7 7.5 4.5

Ein Vollbauern brauchte also 4 Pferde, die allerdings eher als Mass für die Grösse des Ackerlandes stehen. Das Joch war ursrprünglich nämlich so definiert, als Grösse eines Ackers der in einem Tag umgepflügt werden konnte. Also, jeh mehr Land, desto mehr Joche und Pferde die sich unter diese anspannen liessen.

Die bei Max Weber beschriebenen Häusler und Inwohner erlaubten auch in Oesterreich eine flexible Anstellungspolitik die in der Landwirtschaft, auf Grund saisonalen Spitzenbedarfs an Personal bei der Ernte, längst üblich ist. Diese Dienstleute waren, da man ihnen Haus und Garten, ev. etwas Landwirtschaftsland und/oder auch Nahrungsmittel zur Verfügung stellte zur Existenzsicherung, sofort und immer auf Abruf zur Verfügung. Für einen Acker von 50 Schritt mussten sie einen Tag arbeiten. Sie arbeiteten zudem als Hausweber, Forstarbeiter, in der Fabrik oder als Taglöhner (vor allem Frauen). Zudem waren das Tirol und Vorarlberg ein Reservoir an Arbeitskräften. Die Bedingungen waren dort - aber auch in der Schweiz (!) so übel, dass viele Kinder als Verdingkinder (Schwabenkinder) nach Württemberg geschickt wurden.

Es versteht sich vor dem Hintergrund leicht, warum Bauern politisch meist am andern Ende sitzen als die Sozialdemokraten. Allerdings zeigt sich gerade hier, dass die Zweiteilung in Rechts und Links eine höchst unbrauchbare Banalisierung der Politik ist, denn die Wirtschaft verlangt zwar einerseits Zucht und Ordnung - andererseits aber ein dauerndes Streben nach Neuem, und das war und ist nun eben die Sache der Bauern nicht:

Der Bauer war stolz auf seine Arbeit. Über Arbeit zu klagen war die grösste Schande, schreibt Franz Innerhofer. Es war ein eigener Stolz, schon in jungen Jahren mit der Sense mähen zu können, das erste Mal den Pflug führen zu dürfen, melken zu lernen, schwerste Lasten wie Erwachsene zu bewältigen. [S. 291

Es war ein eigentümlicher Wettkampf, als Erster mit der Heuwerbung, Getreideernte und Drescharbeit fertig zu sein und nie und nimmer den Eindruck von Untätigkeit und Müssiggang aufkommen zu lassen. Im Selbstverständnis vieler Bauern lag der prägende Unterschied zwischen Stadt und Land in der Arbeit und im Arbeitsethos: Der Städter, den man vorwiegend als spazieren gehenden Urlauber kannte, verachtete man, während man selber auf den Feldern arbeitete und nie und nimmer den Eindruck aufkommen liess, man hätte für einen Spaziergang oder gar einen Urlaub Zeit oder auch nur das Recht. [S. 293]

Sich hinsetzen und nichts tun entsprach nicht dem bäuerlichen Selbstverständnis. Solche Füllarbeiten, die nichts kosteten, weil man die Leute ohnehin verköstigen und zahlen musste, wurden häufig zur Routine, die kaum mehr auf ihre Sinnhaftigkeit hinterfragt wurde. Rationalisierung war daher ein mühsam zu erlernender Begriff.  [S. 289]

Dennoch wurde bei den Bauern nicht alles gemessen. Der Markt funktionierte auch ohne genaue Preise. Geschenke und Gegengeschenke waren ein wesentlicher Bestandteil der bäuerlichen Wirtschaft. Man schenkt, nimmt das Geschenk, nimmt aber nur so viel, wie man auch bereit ist zu geben. Auch Bettler handelten innerhalb dieses Systems. Sie brachten eine Arm voll Brennholz mit für die Küche, ein Paar Pilze oder ein Körbchen Waldbeeren für die Bäuerin und die Kinder - und erhielten eine warme Mahlzeit.

Es herrschte also damals, wie heute, ein hoher Konformitätszwang, geleitet vom Primat des Hofes und der Arbeit. Der soziale Umgang miteinander, sogar innerhalb der Familie, war oft grauenhaft. Gefühle behielt man für sich. Es herrschte eine starke Neigung, Konflikte mit Gewalt auszutragen. Raufen war für viele, insbesondere die Holzknechte, DAS Volksvergnügen auf dem Lande.

Soziale Integration -aber auch konformes Verhalten - wurde, ähnlich wie in der Schweiz, auch durch die vielen Vereine (Blasmusikkapellen, Gesangsvereine, Schützenvereine) und andern Organisationen gefördert. Für die Bauern die wichtigste war und ist die Landwirtschaftskammer, bei der für Bauern Pflichtmitgliedschaft herrscht und die Beteiligungen an Abstimmungen erreicht wie sie sonst nur aus Diktaturen bekannt sind, also mit oft über 90%.

Aber auch die katholischen Organisationen waren vielfältig. In der Erzdiözese Wien gab es 1938 für 2.3 Millionen Katholiken 548 Pfarrer, 120 Bibelrunden, 1150 Vereine, darunter 266 Kongregationen, 258 Bruderschaften, 53 Dritt-Orden, 404 Standes-Verbündnisse, 30 Wallfahrts-, 28 Kirchenbau- und 84 Kirchenmusikvereine. Die Angst vor der ewigen Verdammnis war nicht mit der Renaissance beendet, sondern wurde bis in die Fünzigerjahre durch den katholischen Katechismus genährt und wach gehalten.

Eine wichtige Rolle in der Sozialisation bildeten nebst den Familien und Schulen vor allem die Burschenschaften und Zechen - die man heute Cliquen nennen würde. Das 1. Gesetz derselben ist nach wie vor das selbe:: Loyalität, Zusammen halten, also sich der Gruppe ein oder oft eben auch unterordnen. Damals (?) dienten diese männlichen Organisationen aber auch Kontrolle des weiblichen Verhaltens. Die Mädchen durften weder zu willfährig (Schlampe), aber auch nicht zu stolz (alte Jungfer) sein. Abweichendes Verhalten wurde (und wird) durch massives Mobbing bestraft.

Das Herz des gesunden Bauernhauses verkörpert die Bäuerin. Sie ist die treueste Helferin des Bauern, die gute Mutter, die treffliche Erzieherin, die treue Bewahrerin von Sitte und Brauchtum. Sie lebt den Kindern die Religion vor. Die Arbeitsteilung im Bauernhaus ist eine natürliche: Der Mann schafft nach aussen hin, die Bäuerin kümmert sich um das Hauswesen. [S. 28]

Das trifft interessanterweise ziemlich präzise das Frauenbild des Islam.

Das Bild ändert sich allerdings auch in der Landwirtschaft, aber laaaaaaangsam.1999 wurden 85'209 von 215'224 Betrieben von Frauen geleitet, also 40%. Innerhalb der EU hat Oesterreich mit 29% den höchsten Anteil an Frauen an den regelmässig beschäftigten Arbeitskräften.

Die Entwicklung zum "Einmann"- und Nebenerwerbsbetrieb hat einen ganz anderen Bäuerinnentyp hervorgebracht. In den Nebenerwerbsbetrieben, die bereits zwei Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe Oesterreichs ausmachen, tragen häufig die Bäuerinnen die Hauptlast der Arbeit. Die modernen Bäuerinnen sitzen auf dem Traktor, tragen Hosen bei der Arbeit und füllen Rollen im öffentlichen Leben aus. Sie machen nicht mehr nur Dirndlnähkurse und Einrexkurse, sondern auch Fremdenbeherbergungs-, EDV- und Rednerkurse. ... Aber ... das würde auch ein verstärktes Engagement der Männer in der Hauswirtschaft erfordern, was aber gerade in der Landwirtschaft teilweise noch ein Tabuthema darstellt. [S. 270]

 

Entwicklungsphasen

 

Die liberale Phase 1860 bis 1880

Die wirtschaftspolitische Hauptrichtungen des 19. JH. vom Liberalismus bis zum Sozialismus waren von der Überlegenheit des Grossbetriebes überzeugt. Die entstehenden konservativen und christlichsozialen Bauernparteien setzten auf die stabilisierende Wirkung des bäuerlichen Mittelbetriebes. Viele Sozialreformer hingegen sahen im Kleinbetrieb die Lösung sozialer Probleme.

100 Jahre weiter in der Geschichte sind wir sachlich leider immer noch genau gleich weit. Dass Grossbetriebe von Liberalen wie von Sozialisten erwünscht sind, macht die Wirtschaftspolitik nicht einfacher, macht dafür aber klar, worum es diesen Leuten beider Lager geht: Um Macht, nicht um soziale Reformen und nicht um Gerechtigkeit und nicht um Freiheit für den oder die Einzelne(n).

Auch damals führte der liberale Weg nicht für alle direkt zum Glück. Steigende Weltmarktpreise + Zölle + Inflation führen dazu, dass Fleisch für die Arbeiter fast unerschwinglich wird ... so unerschwinglich wie für die Bauern selbst, um präzise zu sein. Dennoch wurden die Bauern von de Sozialdemokraten als "Volksverhungerer" tituliert.

Noch schlimmer wurde die Versorgung mit der Abspaltung der Kronländer im Osten, was zu einer echten Unterversorgung in Wien führte und einen Abbau der Landwirtschaft unmöglich machte. Man wollte Ordnung, also patriarchalische Verhältnisse und wandte sich gegen die Judendiktatur, womit die Rätediktatur (der Sowjet) von Marx gemeint war. Man misstraute der Sozialdemokratie: Heute kommt der Grossgrundbesitz dran und morgen vielleicht die Bauern! Dies ist präzise das Prinzip, nach dem auch heute noch politisch argumentiert wird: Wenn ihr den Mietern, Angestellten, Arbeitslosen etc. zu viele Rechte gebt, dann habt ihr keine Freiheit mehr ... falls ihr noch blöd genug seid zu glauben, dass ihr selbst mal zu denen gehören werdet, die Angestellte haben und Wohnungen vermieten können, was offenbar eine Mehrheit ist.

Eine ähnliche Argumentation wurde gegen die Einführung der Krankenkasse angebracht: Was der Bauer nicht hat, brauchen die Angehörigen auch nicht. Präzise das selbe Argumentationsmuster wird auch heute noch verwendet, von Bürgerlichen z.B. im Aargau, wenn es wieder mal um die Verkleinerung von Schulklassen geht: Wir waren 50 bis 60 in unserer Klasse, und aus uns ist auch was geworden! Die Lehrer werden immer fauler, die sollen sich anstrengen und was leisten.

Freie Teilbarkeit und Handelbarkeit des Landwirtschaftslandes (heute wieder gefordert in der Schweiz) führt zu steigender Verschuldung der Bauern und zum Bruch mit dem Liberalismus.

Die konservative Phase bis 1890

Die zunehmenden Probleme führten also bereits vor 100 Jahren zu Agrarpessimismus, anders als heute aber zu einer recht eigentlich antikapitalistischen Agrarkrise. Die freie Teilbarkeit der Güter wurde wieder aufgehoben --- aber auch die Landarbeiter von Schutzbestimmungen der Sozialpolitik ausgeschlossen, was wenig verwunderlich ist, denn auch heute wenden sich die Bauern z.B. gegen eine Verbesserung der Situation der Papierlosen, da diese noch die letzten sind, die gewillt sein müssen, unter den dort herrschenden, mehr als prekären Bedingungen, zu arbeiten!

Es herrschte das Patron-Klientel Verhältnis zwischen Herr und Knecht. Die moralische Ökonomie basierte auf landesüblichen Vorstellungen von gerechtem Lohn, gerechter Arbeitszeit, gerechten Arbeitsverhältnissen. Der Bauer war verpflichtet, die Dienstboten auch in arbeitsarmen Zeiten zu behalten, eine gewisse Vorsorge im Krankheitsfall zu gewähren, im Einzelfalle auch eine marginale Altersvorsorge zu sichern. Als Ausbeutung wurden nur Verletzung der ortsüblichen Standards verstanden.  [S 98]

Ende des 19. JH

1939

1960

1990
 

4.02 Knechte und 3.7 Familienmitglieder pro Hof als Arbeitskraft tätig

Auf  56 Familienmitglieder kommen nur noch 25 Familienfremde

1 Bauer, 1.7 Familienmitglieder, 0.9 Familienfremde

auf kleinen Höfen nur noch Zweimannbetrieb, Vater und Sohn, oder Ehefrau - und immer häufiger sogar Einmann- oder Einfraubetrieb.

Südoststeiermark

1902

1930

 

20'230 Dienstboten, 43'663 Familienarbeitskräfte

10'795    "                46'736              "

An längsten hielt sich das Gesinde im Pinzgau, der vom Verkehr abgeschlossen war, die Viehzucht unter der Knute der Händler war und sich der, meist von Deutschen Grossgrundbesitzern eingeführten militärischen Ordnung einer Betriebswirtschaft lange widersetzten. Man arbeitete, weil es dem Menschen so bestimmt ist, nicht weil es rentierte. Diese vorkapitalistische Haltung wird heute noch vertreten, allerdings nur gegenüber Arbeitslosen: Lieber was Sinnloses tun als gar nichts (oder gar was, das Spass macht. So weit kommt's noch). Das fehlen des nüchternen Rechnens wird hier als Kritik angebracht. Inzwischen sind wir allerdings so weit, dass nur noch das gemacht wird, "was sich rechnet", und das kommt auch nicht besser raus, denn das Problem Niederösterreichs, dass 80% arbeitslos werden wenn 20% sich die wirtschaft effizient organisieren, bleibt nach wie vor ungelöst.)

Das Problem einer schrumpfenden Gesellschaft entstand unter diesen Umständen bloss deshalb nicht, weil Verhütungsmittel fehlten. Um 1900 waren im Pinzgau 91.4% der 25 bis 29-jährigen Männer nicht verheiratet, da sie in der Situation weder Kapital bilden noch sich eine Existenz aufbaue(r)n konnten. In der Obersteiermark waren nur 2.4% der Dienstboten verehelicht. Die Anstellungsform in der "Grossfamilie" führte quasi zu einem wirtschaftlich bedingten Zwangszölibat. Eine Folge davon war, dass nirgends so viele uneheliche Kinder geboren wurden (Pflegekinderanteil 1934 18.6%). Und diese Biographien vererbten sich: uneheliche Geburt, frühe Trennung von der Mutter, Aufwachsen als Ziehkind, Jugend als Knecht oder Magd in fremden Haushalten, und wieder uneheliche Kinder. * Nach dem 2. Weltkrieg setzte aber auch hier eine starke Abwanderung ein - vor allem in Richtung Schweiz.

* Vermutlich sollte man daraus auch einige Schlüsse für die Gegenwart ziehen. Heute führen "wilde" Beziehungen eben nur noch selten zu Kindern, seihen sie ehelich oder nicht. Wo also keine Zukunft gesehen wird für eine Familie - keine Kinder. Wo die Zukunft im wirtschaftlichen Erfolg gesehen wird - keine Kinder. Ob dieses Problem durch Kinderhorte zu lösen ist, wo man dieselben abgeben kann, scheint doch fraglich.

Das Leben in der bäuerlichen "Grossfamilie" war bei weitem nicht so romantisch, wie es sich in Büchern liest. Gewalttätigkeiten gegenüber Frau, Kindern, Personal lagen an der Tagesordnung. Die meisten Landarbeiter waren in Ställen und auf Dachböden untergebracht, ohne Heizung und unter hygienisch katastrophalen Bedingungen.

Eine besondere Gattung waren die "Holzknechte": die Unzivilisierten, die Wilden, wilde Hunde, Raufer und Wegelagerer. Mit dem Aufkommen des Tourismus wurden viele davon zu Saisonarbeitern im Strassenbau und bei der Erstellung von Liftanlagen - oder sind heute immer noch auf der Strasse mit den berühmt-berüchtigten österreichischen Holzernteunternehmen. .

1930 lebten von 248'708 Knechten und Mägden bereits 58993 ausserhalb der Hausgemeinschaft (s. Kossäten, Häusler, Gärtner etc.) Dies zeigte wie Kost und Logis beim Bauern durch Lohn, eigenständige Verpflegung und Wohnen, ersetzt wurde. Herbstentlassungen häuften sich. Jahreslohn wurde durch Monatslohn ersetzt, körperliche Züchtigung verboten. Regulierend war aber weniger das Gesetz, als die Frage: Was sagen die Leute? - d.h. die soziale Integration DER ARBEITGEBER! Dennoch blieben auf dem Lande der Achtstundentag, die Arbeitslosenversicherung und Urlaubsansprüche Fremdkörper. Die Dienstboten erwarteten für gute Arbeit gute Kost - der Bauer erwartete von seinen Dienstboten, dass sie der guten Kost arbeitsmässig wert seien.

Die pragmatische Phase bis 1900

Nach der Welle der Liberalisierung und der konservativen Gegenwelle versuchte man sich an einem "organisierten" Kapitalismus. Der 1. Weltkrieg und damit der Zusammenbruch der k.u.k Monarchie verursachten allerdings Umstrukturierungen gewaltigen Ausmasses, die erst nach und nach bewältigt werden konnten.  Selbstversorgung war nicht ausreichend schnell zu erreichen. Die Pfadabhängigkeit der Entwicklung, die insbesondere von den USA total ignoriert wird bei ihrem Umgang mit andern Kulturen, zur Zeit insbesondere mit dem Islam (s. Irak), zeigte sich besonders anhand der Milchproduktion. Obwohl Milch in Wien eine Mangelware und rund um Wien eigentlich leicht zu produzieren, dauerte es recht lange, bis 1924, bis "der Markt" wieder funktionierte.

Milchwirtschaft ist soziologisch ein interessantes Gebiet. Im Alpenraum scheinen präzise die selben Ideen gewirkt zu haben wie bei den Beduinen und Semibeduinen der arabischen Halbinsel. Milch war ein Gastgeschenk. Es galt als Ehrensache, Milch zu verschenken, also primär für den Eigengebrauch, und nicht für den Markt zu produzieren.

Prof. Wickens berichtete 1873 von einer Studienreise, dass die Verhältnisse in der Westschweiz am besten seien, musterhaft im Allgäu, Hoffnungsvoll in Vorarlberg, aber trostlos in Tirol und Salzburg. In Wien brach die Milchversorgung nach dem Krieg völlig zusammen und erreichten das Vorkriegsniveau erst wieder 1924. Bis 1930 war allerdings der Markt schon so überlaufen, dass Zollschutz, Milchausgleichsfonds (1931), Milchpreisverordnung (1934)  und ein Milchverkehrsgesetz eingeführt wurden. Die Absatzförderung durch Schulmilch begann schon 1928/29 in den grösseren Städten, Arbeitslosen-Käseaktionen 1933/34. Im Unterschied zu den Westalpen blieben Milch- und Käse eine weibliche Domäne.

Eine Mechanisierung (Melkmaschinen) erfolgte hier nur zögerlich. Noch um 1940 gab es in Deutschland kaum Melkmaschinen, in Dänemark und den USA bereits in 10% der Betriebe, in Grossbritannien bei 30%, in Schweden bei 35% und in Neuseeland bei 90%. In Oesterreich begannen sich diese erst ab ca. 1950 durchzusetzen.

Nach 1920 verlor die Landwirtschaft ihre Dominanz. Der Hunger drängte nach Importen, die Industrie nach Exporten. Es folgte wieder eine Phase der Liberalisierung. Melioration, Unterricht, Förderung der Viehzucht, Milch und Almwirtschaft. 1932 meinten Agrarexperten, dass der preussische Weg des Getreidebaus der falsche sei. Oesterreich müsse den "Schweizer Weg der alpenländischen Veredelungswirtschaft gehen. [S. 101 ... hört, hört] - womit sich die österreichische Käse und Milchüberproduktion auf die Schweizerische häufte. Dass die Schweiz damals führend war in Milchproduktion und Verarbeitung zeigt sich auch daran, dass "Schweizer" ein stehender Ausdruck war für Melker.

Die Erfahrung, dass die Unterstützung primär in die Taschen der Verarbeiter fliesst, wurde übrigens schon 1931 gemacht ...  Geschichte sollte offenbar dringend zu den Grundlagenfächern der Ökonomen gehören.

Der Nationalsozialismus

Die politische Lagerbildung zeigt auch für Österreich das Problem neuer Demokratien, also der Weimarer Republik ... bis hin zum heutigen Irak, wo die Dinge präzise nach dem selben Muster (schief) laufen: Die politischen Lager erhoben den Anspruch auf das "Ganze"; es ging jeweils um Totalentwürfe der Gesellschaft, des Lebens (womit erst die Postmoderne definitiv gebrochen hat).

Alle Bereiche der Wirtschaft, der Sozietät, der Kultur, des Alltags sollten einbezogen werden - von der Geburt bis zum Tod. Man war bestrebt nur mit den eigenen Leuten zu verkehren; die Kinder besuchten möglichst die eigenen Schulen; man las nur die eigene Presse und feierte die eigenen Feste. Selbst die Wirtshäuser waren parteipolitisch zuordenbar. Das jeweilige Lager entwarf stereotype Feindbilder, die, aggressiv getönt, das "Andere" vom "Eigenen" möglichst deutlich und möglichst negativ abhoben. In der Propaganda war man bemüht, den "Feind" im Innersten zu treffen. [S. 101]

Die Beschreibung der Situation macht deutlich, dass sich die Gesellschaft eigentlich noch nicht vom Standesdenken befreien konnte, sondern sich gleich in neue Kästchen einpuppte. Man war fundamentalistisch. Die Bauern standen dabei auf der Seite der Besitzenden, denn, auch wenn ihnen der Hof oft kaum genug zum Leben bot, er war ihrer, er war und ist ihr höchsteigenes und privates Kapital - dass sie nur verwerten konnten und können, wenn sie noch ärmere ausbeuten, damals die Landlosen, heute die Papierlosen.

Länder und Parteien gewannen grossen Spielraum. Die Länder weil sie sich gegen das rote Wien wendeten. Nur 2% aller Orte Österreichs zählten 1934 mehr als 5000 Einwohner. Das "rote Wien" beherbergte mit 29% der Bundesbürger 60% aller NSDAP-Mitglieder Österreichs - aber dennoch einen Anteil von 45% stimmfähiger Wiener, die der Sozialdemokratie angehörten.

Da Hitler is kema, wie a Hergot für die kloan Leit ... aber

Wenn ein einfacher Gebirgsbauer 1939 öffentlich sagte: "I spür nix, dass es besser worden is", dann musste er mit Sanktionen rechnen.

Autorität - die Grundlage von Faschismus, gedieh gut auf den Bauernhöfen. Neben der Autorität des Patriarchen gab es eigentlich nur noch die Autorität der Kirche, die man bedingungslos anerkannte.  Auf der einen Seite harte Arbeit, auf der anderen Seite Zucht und Ordnung; die Menschen behandelten sie schlechter als das Vieh. Der Vater schlug den Sohn bei jeder Gelegenheit mit einem alten Lederriemen, der er selbst fünfzig Jahre vorher schon zu spüren bekommen hatte von seinem Vater. :  [S. 117] ... 

Warum wurde der Bauernsohn Johannes Renzl Nationalsozialist? Es gibt den religiösen Glauben an den Führer und Erlöser Adolf Hitler. Aber dann klafft ein Nichts. Nur die alten militärischen "Tugenden", Pflichterfüllung, Solidarität mit den Kameraden, die im Ersten Weltkrieg neu akzentuiert wurden, füllen dieses Nichts. Bricht der Glaube an Hitler zusammen, wie spätestens 1945, bleibt jene alte Werthierarchie bestehen. Sie ist inhaltlich so leer, dass sie für jedes politische System und für jeden Krieg eingesetzt werden kann. [S. 122] ... oder auch für die Wirtschaft(skriege): als Leistung und Loyalität gegenüber dem Betrieb.

Die Menschen wurden von oben nach unten mit neuen Normen ausgerüstet:

Rationalisierung der Produktion und der Menschen hiess die Devise, die Umwandlung der Bauern von "fleissigen" in "produktive" Menschen begann. 

Die bisher - für den Staat unberechenbar, unkalkulierbar arbeitenden Bauern sollten für die ökonomischen Erfordernisse des NS-Staates umfunktioniert, berechenbar, kalkulierbar gemacht werden.

Die bäuerliche Bevölkerung musste vordergründig politisch unterworfen werden, um in Folge ihre ökonomische Nützlichkeit zu steigern. Politische Unterwerfung hiess Unterordnung der eigenen Person, Zurücknahme des dörflichen Eigensinns und Brechung der bäuerlichen Autonomie, ökonomische Nützlichkeit hiess effektives Funktionieren in der NS-Produktionsmaschinerie. Was hier seine Wirkung entfaltete, war jene Mikrophysik der Macht, die seit dem 17. Jahrhundert immer weitere Bereiche des Gesellschaftskörpers eroberte. Was in den Kollegs begann, sich in den Elementarschulen fortsetzte, in das Spital- und Militärwesen eindrang und schliesslich die Fabriken eroberte, hat Michel Foucault als den historischen Augenblick der Disziplinen geortet:

Jene Kunst des menschlichen Körpers, die nicht nur die Vermehrung seiner Fähigkeiten und nicht die Vertiefung seiner Unterwerfung im Auge hat, sondern die Schaffung eines Verhältnisses, das in einem einzigen Mechanismus den Körper um so gefügiger macht, je nützlicher er ist und umgekehrt.

[II: Kaser, Stocker, Vreca: Vom Selbstversorger zum Nebenerwerbslandwirt. S. 320]

Es gab aber auch Widerstand: Franz Jägerstätter, Bauer aus Oberösterreich: Man kann nicht Gott und dem Nationalsozialismus dienen! und Dieser Krieg ist kein Verteidigungskrieg! das waren die wichtigsten Kritiken. "Wie kann der ungebildete Bauer, das entscheiden, wenn die Bischöfe doch "Ja" zu diesem Krieg gesagt haben? so die Gegenfrage der Autorität. Wozu hat Gott dem Menschen freien Willen gegeben, wenn es ihm nicht mal zusteht, zu entscheiden, ob dieser Krieg den Deutschland führt, gerecht oder ungerecht ist? Jägerstätter wurde am 9. August wegen Wehrkraftszersetzung in Brandenburg enthauptet.

Die Bilanz des Krieges war für Österreich: 261'000 tote Menschen [für die k.u.k. Monarchie über 1 Million Menschen und 1.25 Millionen Pferde], 1/4 der Generation die zwischen 1921 und 1925 geboren worden war.

1942 arbeiteten 75'000 Kriegsgefangene in der Forst- und Landwirtschaft. Die Zahl ziviler ausländischer Arbeitskräfte stieg von 94'000 (1942) auf 196'000 (1944), um die 1.3 Millionen eingezogenen Männer zumindest teilweise zu ersetzen.

 

Die zweite Republik

Oesterreich sollte mit dem Marshall-Plan der US-Wirtschaft angeglichen und als Markt verfügbar gemacht werden: Mehr Wettbewerb - weniger Planung. Oesterreich konnte jedoch, mit Hinweis auf seine politisch exponierte Stellung, einen mittleren österreichischen Weg einschlagen mit Sozialpartnerschaft und einen teilweise regulierten Markt. So steht's in Band I. In Band II wird allerdings klar, dass die USA den Marshall-Plan intensiv dazu nutzte, den Bauern die amerikanische Wirtschaftskultur einzubläuen: Ertrag, Ertrag, Ertrag - Rationalisierung, Mechanisierung, Düngung, Spezialisierung etc. - wobei man sich die "disziplinierende Vorarbeit" der Nazis zu nutze machte. Wenn man den konservativen Bauern natürlich über Jahrzehnte derart ein neues Konzept einbläut, dann hat man's eben. Wenn also heute manch einer einen "Krieg der Kulturen" für nötig erachtet, so sollte sich dieser vielleicht doch weniger gegen den Islam richten, sondern auf eine Entamerikanisierung unserer Einstellungen.

Seit 1950 allerdings wurde diese "Kultur der aktiven Produktionsgesinnung" durch das Oesterreichische Produktivitätszentrum propagiert. Der Betriebserfolg oder Unternehmenserfolg wurde zum obersten Kriterium der bäuerlichen Wirtschaftsweise erklärt. Wie wir heute sehen, nicht bloss oberstes Kriterium der bäuerlichen Wirtschaftsweise, nicht bloss der Wirtschaft, sondern wirtschaftlicher Erfolg wurde zum generellen Kriterium von Erfolg überhaupt. Kaser, Stocker und Vreĉa machen selbst darauf aufmerksam, dass hier ein Schritt geschieht, der wenig mit Freiheit und Rationalität zu tun hat:

Ein Blick in Meyers Taschenlexikon zeigt, dass der Begriff "Gesinnung" die Gesamtheit ethischer Vorstellungen und Motivationen des Menschen bezeichnet. Verbindet man nun das Wort Gesinnung mit dem Wort Produktion, so müsste ein Mensch, der sich durch Produktionsgesinnung auszeichnet, alle seine ethischen Vorstellungen und Motivationen auf die Produktion ausrichten. Damit wurde vom ÖPZ de facto die Unterwerfung des Menschen unter ein ökonomisches Nützlichkeitsdenken zum Programm erhoben. [II: S. 328]

Das Programm hatte, wie man heute sieht, "Erfolg".

Es folgte ein starker Ausbau der Verkehrsnetze. In der Landwirtschaft führte der zunehmende Einsatz von Kunstdünger und Maschinen bald zu Überproduktion auf der einen, zu Entagrarisierung und Urbanisierung (Verhäuselung) des Landes auf der anderen Seite. Dies wurde zuerst sichtbar in Milchschwemmen und Butterbergen, später in Weinseen. Bauern lebten immer mehr vom Verkauf von Bauland, als von der Produktion. Zweitwohnungen und touristische Bauten entstanden. (Da die Schweiz nur halb so gross ist wie Oesterreich, aber fast die selbe Bevölkerung aufweist, sind die Auswirkungen dieses Baubooms dort noch stärker zu sehen. s. Entwicklung von Basel) Das Schicksal der Dörfer wurde nicht mehr durch die Dorfoberen, aber auch nicht durch die Einwohner bestimmt, sondern durch den Markt. Nicht nur Bauern, sondern auch Dorfhandwerker und Händler, Schmiede, Drechsler, Wagner, Schneider, Sattler hatten bald keine Arbeit mehr und verschwanden, samt ihren Berufen. Das Dorf war nunmehr Reservoir für den steigenden Bedarf an Arbeitskräften im sekundären und tertiären Sektor.

In den späten 50ern begann die Periode der Massenkonsumgesellschaft. Der Durchschnitt der Menschen begann nun so zu leben wie es sich im 19. JH bloss die Oberschicht leisten konnte und ist heute betr. Vielfalt an Nahrungsmitteln sowie gesundheitlicher Dienstleistungen besser gestellt als alle Könige und Kaiser der vergangenen Jahrhunderte.

Die politischen Utopien der zwanziger und dreissiger Jahre wurden durch die weniger blutige Politik des Konsums ersetzt. Der Kampfplatz der hochgerüsteten Parteien wurde durch den Marktplatz der friedlichen Konkurrenz der Parteien und durch die ökonomische Konkurrenz der Waren abgelöst. [S. 171] Das war das Idealbild Europas, das bis vor 10 oder 15 Jahren galt: Wir streiten nicht mehr mit Waffengewalt um Ruhm und Ehre, sondern nur noch am Markt über Preise. Mit dem Verlust der regionalen und nationalen Massstäbe durch die Globalisierung wurde allerdings die ökonomische Konkurrenz zum Wirtschaftskrieg, mit höchst ungleich langen Spiessen, und die friedliche Konkurrenz der Parteien wurde auf populistische Schlammschlachten reduziert. Seit den späten Siebzigern steigt die Ungleichheit. Arbeitslosigkeit und Armut nehmen auf der einen Seite eben so zu wie die Anhäufung ungeheurer Reichtümer auf der andern Seite. Als erstes fiel aber auf, dass vermehrter Konsum auch mehr Abfall, Abwasser, Abgase, also Umweltbelastung bedeutete, die zu weniger Wohlstand führt, also im BIP eigentlich als negative Grösse eingehen müsste, genau so wie die Ausgaben für Arbeitslosigkeit, "Individualisierung", Frühpensionierung, lebenslange Verschulung etc. s.

Beide Faktoren führten nach und nach in den 80ern zur Anerkennung der Notwendigkeit einer gewissen Landschaftspflege.

Haider tritt auf als "Alternativer", der die Interessen der Kleinbauern gegenüber den Grossen vertritt, also so ähnlich wie Blocher. So wie letzterer als Milliardär hier kaum ehrlich ist, so wenig ist es Haider, der einen Betrieb mit 1600 ha besitzt. Beide nutzen die psychologische Tatsache, dass die Bäuerliche Schicht und ihre Nachfolger, die Kleingewerbler, auf autoritäres Verhalten positiv ansprechen, hemmungslos aus für ihren verlogenen Populismus.

 

Wandel in der Aera des Produktivismus

Ich bin überzeugt,
dass wir viel zu wenig langsam sind.

Robert Walser

Heute produzieren 4-6% der Beschäftigten - 1 bis 2% des BIP in Einmann-, oder, immer häufiger, Einfraubetrieben.

Die Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft erbrachte im 20. Jahrhundert  Verdreifachung der Milchleistung der Kühe, eine Verfünffachung der Hektarerträge, eine Verzwanzigfachung der Arbeitsproduktivität.

Um die Jahrhundertwende erzeugte ein Angestellter in der österreichischen Landwirtschaft den Nahrungsbedarf von 2 Menschen, um 1950 von 5, und 1970 von 16, 1987 von 37 und 1980 von 60-70 Personen.

Verdient dieser Mitarbeiter nun entsprechend mehr? Nicht die Bohne, immer noch gleich viel.

Verdient also das Kapital, der Betrieb, entsprechend mehr? Nicht die Bohne, eher im Gegenteil.

Je höher die Produktivität, desto tiefer die Preise, die Margen, die Einkommen (von Gewinnen ist eh längst nicht mehr zu reden bei den meisten, insbesondere den kleineren).

Der Forderung nach höherer Produktivität ist also mit Vorsicht zu begegnen!

Die massiven Ertragssteigerungen zeigten bereits in den 60ern äusserst negative Nebenwirkungen. Der all zu reichliche verwendete Dünger düngte, vergiftete und erstickte durch Nitrate und Phosphate die Bäche und Flüsse, aber auch das Grundwasser. Pestizide fanden sich nicht bloss am Nordpol wieder, sondern auch in Obst, Gemüse, Milch und Fleisch. Antibiotika, Beta-Blocker, Asthma-Medikamente, Antiparasitika, Kreislaufmittel .... bald genau so.

Der Grenzwert von 45 mg/l (Schweiz heute 40 mg/l) wurde mit 50 bis 70 mg stark überschritten
Mechanisierung / Traktor

Man produzierte um 1900, in manchen Gegenden bis nach dem 2. Weltkrieg, auf mittelalterliche Art mit Sichel, Sensen, Rechen, Gabel, Pflug und Egge, Wagen, Ochs und Pferd. Allerdings waren die Oesterreichischen Sensen auch berühmt, insbesondere der "Schwarze Graf", Steyr, Teichl und Steyrling, Ybbs und Erlauf und viele mehr. 1850 gab es in Oesterreich 125 Sensenwerke die 4 Millionen Sensen und 1 Million Sicheln pro Jahr erzeugten.

Wer ist der beste Maschinenverkäufer? - Jener, der einem Bauern ohne Stromanschluss eine Melkmaschine verkauft und dafür die letzte Kuh als Anzahlung nimmt.

Stehende, mit Strom betriebene Dreschmaschinen übernahmen einen Teil der Arbeit, stellten aber mit ihrem enormen Verbrauch, da alle zur gleichen Zeit ernten, Anforderungen an die Stromversorgung, denen die damaligen Netze meist nicht gewachsen waren. Der Elektrozaun wurde ab 1910 eingeführt.

1946  waren 30.5% der Landwirtschaftsbetriebe Österreichs mit Strom versorgt, 1957 65.1%, der Rest verfügte allerdings oft zumindest über Teilanschlüsse. Zwischen 1950 und 1965 wurden weitere 142'000 ans Stromnetz angeschlossen. 1957 waren nur noch 7.2% der Betriebe total ohne Stromversorgung.

Für die notwendigerweise mobilen Maschinen fehlte im 19. JH noch der Treibstoff. Ebenfalls erlaubte die gebirgige Lage kaum die Anlage riesiger, flacher Felder wie sie für die Bewirtschaftung mit Dampfmaschinen nötig waren. Zudem war ein beträchtliches Kapital für die Anschaffung erforderlich. Zwei Gründe, warum die Landwirtschaft Englands und der USA weitaus schneller mechanisiert und rationalisiert wurden. So wurde auch der erste Traktor der Welt 1889 von John Charter in Illinois gebaut und John Deere, Case, International Harvester beschäftigten sich schon vor 1900 mit dem Bau von Traktoren. Ford begann im 1. Weltkrieg mit der Produktion des Fordson (22 PS) und revolutionierte damit die Landmaschinenindustrie eben so wie bereits die Autoindustrie.

Auch in Oesterreich gab der 1. Weltkrieg den Anstoss zur Verwendung von Traktoren, denn der Krieg hatte 1.25 Millionen Pferden der österreichisch-ungarischen Armee das Leben gekostet.

Die Vorreiter kauften bereits gegen 1950 eine Traktor, die Aufgeschlossenen in den Fünfzigern, die Mehrheit in den Sechzigern, die Nachzügler in den Siebzigern. Einen ersten Gipfel erreichten die Neuerwerbungen bei Traktoren 1960, einen zweiten 1970 und einen letzten, den höchsten, 1975-88, je nach Region. Seither sind alle Höfe mit Traktoren versorgt und es wird nur noch Ersatz beschafft.

Als aber der Traktor Statussymbol wurde, stieg auch der letzte Bauer auf Traktor um, allerdings mit relativ hohem finanziellem Aufwand, den er nur durch Schulden abdecken konnte. Solche Betriebe wurden leicht zu Opfern des so genannten Fortschritts. Das Gemälde führt uns ein Paradox der landwirtschaftlichen Mechanisierung vor Augen: Die erhoffte Arbeitserleichterung entpuppte sich für manche Menschen als Erschwernis. [II: S. 692]

So für den Nebenerwerbsbauern Johann Schornsteiner aus Rabenstein. Auf Drängen von Freunden und Nachbar kaufte er einen gebrauchten 26er Steyr für 20'000 Schilling. Reparatur, Reifen, Treibstoff überstiegen aber bald die Kosten für den Traktor um nochmals den selben Betrag: Ich hätte ihn am liebsten weggeworfen, deutete Johann Schornsteiner in seiner Verzweiflung an. Die beträchtlichen Zahlungsverpflichtungen zwangen ihn zur Aufnahme einer Lohnarbeit im Baugewerbe, seine Ehefrau führte den Kleinbetrieb bis in die Neunzigerjahre allein weiter. Und der Traktor? Es klingt wie eine Ironie des Schicksals: "Und jetzt ginge er recht gut". [II: S. 599]

I

Wenn die Sowjetunion
50 Mio. Tonnen Roheisen produziert,
60 Mio. Tonnen Stahl,
500 Mio. Tonnen Kohle und
60 Mio. Tonnen Oel,
dann werden wir vor jeglichem Ungemach gefeit sein.

Stahlin, Rede im Februar 1946

m Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.
Er pfleget und pflanzet all Bäume und Land.

Im Märzen der Bauer den Trecker anspannt.
Es qualmt und es tuckert im Land penetrant.
Er streut sackweis Stickstoff, er versprüht Herbizid.
Es sterben die Kräuter, es lacht der Profit.

 

Die Veränderung der Bodennutzung

Dass heute kaum mehr Hafer gebraucht wird, liegt daran, dass Traktoren, ungleich Pferden, denselben nicht so gerne fressen. Nachkriegszeit brachte bei Weizen und Roggen eine Verdoppelung, bei Mais eine Vervierfachung der Erträge. Eine Fülle an Arten ging bei der Mechanisierung der Backwirtschaft verloren. Dinkel, Spelz, Hirse, Buchweizen, Gerste, Roggen kamen erst durch die Biolandwirtschaft in Verbindung mit gesunderer Ernährung wieder auf den Markt. Während dem die Hektarerträge bei Weizen seit 1942 auf das Fünffache gesteigert werden konnten, wurde bei den andern Getreidearten "nur" eine Verdoppellung erzielt.

Dass so wenig Haferflocken konsumiert werden, ist ernährungstechnisch ein Fehler, denn Hafer enthält weitaus mehr Vitamine als andere Getreide und ist zudem äusserst schmackhaft.

150 g Hafer decken den Tagesbedarf an Biotin, dem wichtigsten Element das die Energieverteilung im Körper regelt und für gesunde Haut, Nägel und Haare sorgt. Gleichzeitig wird der Tagesbedarf an Vitamin B1 gedeckt, das wichtig ist für die Nerven, also bei Stress. Gleichzeitig werden 1.5 Tagesbedarfs an Vitamin K geliefert, das gerade im Alter für die Stabilität der Knochen wichtig ist (Osteoporose).

Der starke Anstieg auch der Flächen für Mais ist auf die zunehmende Silofütterung zurückzuführen. 1890 wurde das Verfahren erstmals beschrieben. 1927/28 wurden Silos aktiv gefördert, denn während in den USA bereits über 2 Millionen davon bestanden, stunden in England,  Frankreich und Italien jeweils etwa 50-50'000 Stück, in Deutschland erst 4000 und in Oesterreich ganze 200.

Die starke Abnahme des Kartoffelanbaus ist auf den besonders hohen Preisdruck bei solch "geringwertigen" Agarprodukten zurückzuführen.

Dass die Kartoffel ein solches Schicksal erleiden ist unverdient, denn diese verdient nach wie vor ein Lob. Die Tartoffoli, Erdäpfel, Erdbirnen, Grundbirnen produzieren zwei bis viermal mehr Nährwert pro ha als Getreide, 8-10 mal mehr Ertrag als Fleisch pro ha.. Dazu sind sie gesünder. Eine ausschliessliche Ernährung mit Kartoffeln führt nicht zu Mangelerscheinungen, im Gegensatz zu ausschliesslicher Ernährung mit Reis, Mais, Sorghum u.a..
 

Oesterreichische Kartoffelrezepte:

Erdäpfel mit Kraut, mit Kompott, püriert (Kartoffelstock), gekocht, gebraten, kalt und warm, mit Butter, Essig, Milch, zu Mittag, Abend oder auch am Morgen.


Art der Bodennutzung nach Bundesländern:

TIROL

Nach den missglückten Bauernaufständen des 16. JH. verschlechterte sich die Lage der Bauern zusehends. In Vorarlberg, Tirol, eingeschränkt auch Salzburg, herrschte das Erbbaurecht, das die persönliche Freiheit der Bauern garantierte, das waffenfähige, politisch selbstbewusste Freibauerntum ...[s. Aufstand des Andreas Hofer 1809 gegen Napoleon.] Dennoch haben auch die Tiroler zu kämpfen, denn ein Bauerhof der einst das Überleben sichert, tut dies, zusätzlich belastet um die Kosten der Mechanisierung, eben nicht mehr.

Besonders schön zeigt sich im Tirol die zunehmende Bedeutung der Gemüseproduktion ab 1980.
STEIERMARK

Die Südoststeiermark war im ausgehenden 19. JH eine der ärmsten Regionen des heutigen Österreichs. Da man von Subsistenz lebte, hatte allerdings auch der Einbruch nach dem 1. Weltkrieg wenig Auswirkungen. Da aber dem nun extrem verkleinerten Österreich die Nahrungsmittellieferungen aus der Provinz fehlten, wurden die Bauern zu "freiwilligen Abgaben" verpflichtet. Dies, verbunden mit eh tiefen Preisen, führte gerade in der Steiermark um 1920 zu einigen Aufständen die mittels Militäreinsatz unterdrückt wurden. Wenn wir heute nur noch vom unternehmerischen Denken bei den Bauern reden, so vergessen wir, dass bis vor kurzem die Bauern den Auftrag hatten, die Ernährungssicherheit zu garantieren, dass ihnen regelmässig von Staates wegen der Befehl gegeben wurde, zu produzieren, mehr oder weniger zu produzieren, zu verkaufen - oder nicht zu verkaufen.

Auch für die Steiermark lässt sich eine ähnliche Entwicklung deutlich zeigen. Alle Anbauflächen wurden reduziert - mit Ausnahme des Maisanbaus.

 


Die Erträge steigen hier nicht nur auf Grund der grösseren Flächen, sondern insbesondere durch Düngung und Wässerung. Da der Mensch lieber Bier als Wasser trinkt, steigt nun auch wieder die Gerstenproduktion. ... na ja, denkste .... lag weniger am Bier als an den Schweinen, die man zunehmend mit Gerste füttert.


Zum Bier genehmigt er sich allerdings nicht Mais ... sondern ein Hühnchen, das mit eben dem Mais gefüttert worden ist.

Die Steiermark erzeugt auch 15% des Energiebedarfs durch Biomasse, womit sie führend ist in Oesterreich, ja in Europa. Auch was Biobetriebe betrifft liegt sie auf dem 2. Platz. Allerdings spielt auch im Biolandbau das Gesetz der Grösse - und die Zahl der Biobauern nimmt seit nun 10 Jahren eigentlich eher ab als zu.

Die ARGE bäuerlicher Selbstvermarkter öffnet den Konsumenten mit einem Gourmetpass die Tür zu 650 steirischen Direktvermarktern. Spezialitäten sind: Weine (Schilcher z.B.),  Edelbrände, Aepfel, Porki-Qualitätsschwein, Styria Beef, Styria Lamm, Almo und - Kürbiskernöl.

Auch ländliche Erotik ist im Zeichen der Zeit bereits am Aufkommen. Der Jungbauernkalender war 2001, als er zum ersten Mal erschien, innert 3 Tagen ausverkauft.


Oberösterreich

Oberösterreich ist das, was das Emmental, generell das Mittelland, für die Schweiz. Flaches Land, grossbäuerliche wohlhabende Höfe. 1842 meinte der Biedermeierreisende I.G. Kohl, diese Bauern hätten die höchste Stufe von Wohlbefinden und Freiheit erreicht und nannte den damals viel besuchten "Mayer in der Tanne". Vor allem wunderte man sich über die "feiernden" Zimmer, die häufig gar nicht die Schlafräume für die Herrenleute waren, auch nicht einmal Gästezimmer, sondern demonstratives Zurschaustellen des Wohlstands und der Vorräte im oberen Stocke. Man erzählte mir, dass weiland der Kaiser Franz den russischen Kaiser Alexander, als er mit ihm durch Oberösterreich reiste, zum Mayer in der Tann geführt habe, um ihm zu zeigen, welche wohlhabenden Bauern er in seinem Staate habe. Typisch für die Landesgegend waren die Vierkanter. Wohnhaus, Gesinderäume, Ställe, Scheunen wurden geschlossen um einen grossen Innenhof herum gebaut.

In der Moderne wurden die Vierkanter aber eher zum Problem. Da die meisten Betriebe nur noch Einmannbetriebe sind, waren die zahlreichen Schlafräume überflüssig. Die Schüttböden wurden längst durch Lagerhäuser ersetzt, die Scheune nicht mehr gebraucht, die Tore sind für die modernen Maschinen zu klein, die riesige Hoffläche "Verschwendung", die Ställe lehr, da für Melkmaschinen nicht geeignet. Nur wenige Vierkanter werden vermutlich als Touristenattraktion überleben.

Oberösterreich liegt hervorragend zwischen den städtischen Absatzmärkten von Wien, Linz und Salzburg. Linz expandierte seit dem späten 19. JH zudem prächtig, eine Entwicklung die mit der nationalsozialistischen Gründungspolitik noch antrieben wurde.

Man profitierte auch stark vom neuen Anbau der Zuckerrüben, der allerdings so erfolgreich war, dass bereits 1934 Überkapazitäten bestunden und eine Kontingentierung eingeführt werden musste. Für die beschwerliche Arbeit mit den Rüben wurden slowakische Wanderarbeiter angestellt. ... und das zur Zeit einer Krise ... Auch hier lässt sich aus der Geschichte lernen, dass "polnische Spargelstecher" nicht einfach durch "Arbeitslose" ersetzt werden können, auch nicht in Krisenzeiten.

Warum Zuckerrüben bei Bauern beliebt sind sehen Sie an der Tabelle mit der Produktivität pro ha, rechts:

Oberösterreich war das erste Bundesland, das eine Landarbeiterordnung einführte. Streiks waren nun erlaubt und das Koalitionsrecht gesichert. Die Arbeitszeit wurde festgelegt für Sommer von 5 bis 18 Uhr, Winter 6 bis 18 Uhr, Lohnfortzahlung bei Unfall und Krankheit für 1 Monat.

Bekannt sein dürfte Pfanner, Grossproduzent von Fruchtsäften, dessen Produkte sogar im Jemen (wo sie ab und zu illegal vergoren wurden ...) und im Irak zu finden sind (von Aldi & Co ganz zu schweigen). (Die Orangen stammen allerdings aus Brasilien, die Ananas aus Thailand, nicht aus Oberösterreich ...). do Rauch, der ist allerdings in Vorarlberg beheimatet.

 

Niederösterreich

Niederösterreich liegt zwar günstig und hat die günstigsten landwirtschaftlichen Strukturen - gehört aber dennoch eher zu den problematischen Randregionen. Die Entvölkerung ist hier sehr stark, was eben auf die dominante Nutzung durch die Landwirtschaft und fehlende Städte zurückzuführen sein wird. Auch das eine Warnung vor zu viel Euphorie betr. "global cities". Wien alleine reicht eben doch nicht, um eine ganze Region wirtschaftlich "glücklich" zu machen. Das Hochland des Mühl- oder Waldviertels gehört zu den stärksten Milchproduzenten Oesterreichs und erzielt pro Betrieb die höchsten Umsätze aus der Rinderhaltung.

Während hier das Einkommen pro ha Wald gleich hoch ist wie das pro ha Landwirtschaft, ist das Einkommen pro Arbeitsstunde 3 bis 10 mal höher im Wald, da das Holz praktisch von selbst wächst, die Bäume weder gefüttert noch gemolken werden müssen. Dass sich hier der heutige Stil neoliberalen Denkens nicht durchsetzte, liegt daran, dass man wusste, was da passiert, wenn alleine nach der Rendite entschieden wird. Hätte man die gesamte Fläche als Wald genutzt, wäre der Ertrag der selbe geblieben, der Aufwand hätte sich massiv vermindert ... aber die Hälfte bis zu 80% der Bevölkerung wären arbeitslos geworden, und kaum einer der existierenden Betriebe wäre noch ausgelastet gewesen! - so viel zur Rationalität des freien Marktes ...

Jahres-Löhne der Angestellten in der ersten Hälfte des 20. JH: 

+ Leinwand für Kleidung, Verpflegung (150 Gulden pro Jahr - also 2/3 des Lohnes). In Euros wäre das heute etwa das 5 bis 10-fache, also so oder so minim.

Die Veränderung der Viehbestände (ganz Oesterreich)

Während dem Ziegen und Pferde am Verschwinden sind, konnten sich Rinder, Hühner und Schafe halten, Schweine bis 1980 sogar zulegen. Die starke Zunahme der Truthühner dürfte auf Schweinpest, Rinderwahnsinn und ähnliche Unappetitlichkeiten zurückzuführen sein.

Im Tirol zeigten die Schweinebestände ein Kulmination zwischen 1960-70, wonach sie wieder auf den Bestand von 1900-1930 zurück gingen. Präzise gegenläufig verhielten sich die Schafbestände, die 1970 auf ein Minimum von gut 30'000 tauchten und sich dann bis 1980 wieder auf das Niveau von 1890-1944 von 70-80'000 Schafen zu erheben und dieses 1995 mit über 90'000 noch zu übertreffen. Bei den Ziegen war diese erneute Popularität nicht ganz so hoch, sie erholten sich nur auf die halbe Höhe der Bestände zu Beginn des Jahrhunderts (35'000), die Pferde do auf min. 8 von 10'000 .

Die nach dem 1. Weltkrieg notwendige Umstellung vom Hörndlbauer (Viehzüchter) auf Körndlbauer, wegen einbrechenden Fleischkonsums und Preise, die an mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten der Bauern scheiterte, hat in den letzten 30 Jahren auf andere Weise stattgefunden. Die Mehrzahl der Bauern sind Körndlbauern und Hendlzüchter geworden.


http://www.statistik.at/karten/kartogramm/kartogramm214_02.shtml

Almwirtschaft

Die Statistik zeigt für Österreich noch nicht das, was zu befürchten steht, wenn die Landwirtschaft "dem Markt" überlassen wird. Die Almen werden weiter genutzt, die Stückzahlen sind konstant, nur die Verwertung für Futter hat rund 20% nachgelassen.

Die Einkünfte in Zone 4 (Bergbauern) sind allerdings mit 8067 € noch katastrophaler als in der Schweiz. Dies um so mehr als im Jahr 2000 diese Zone 46% aller landwirtschaftlichen Betriebe umfasst die 70% des Alm- und Grünlandes bewirtschaften und dadurch 75% der Erträge der Forstwirtschaft und 65% der Erträge der Milchwirtschaft produzieren. Nebst wesentlich tieferem Konsum besteht in der Zone auch ein deutlich höheres Investitionsniveau.

Tirol und Vorarlberg betreiben 59% bzw. 62 % der Betriebe auch Fremdenverkehr.

 


 

Die Verminderung der Betriebszahlen

Super, toll ... präzise das wird von der Wirtschaft gelobt: Weg mit kleinen Betrieben. ... Dass sich Oesterreich aber 50 Jahre Zeit dafür liess, die Betriebszahl zu halbieren, dass diese Halbierung auch stattfand, weil sie durch Mechanisierung möglich wurde und durch die Abwanderung der Arbeitskräfte in ertragreichere Wirtschaftszweige nötig wurde, wird geflissentlich übersehen ....

 

Selbstversorgung

Die Ernährungssicherheit, also die Selbstversorgung eines Landes, war aus kriegsstrategischen Gründen so lange von Belang, bis die Kriege eh zu Wirtschaftskriegen wurden. Seit dem 2. Weltkrieg kommt eine Unterversorgung mit Nahrungsmitteln ja kaum mehr vor ... höchstens als Unterversorgung mit Geld.

Die Selbstversorgung Oesterreichs mit Kartoffeln, Eiern und Kalbfleisch hat abgenommen, da diese anderweitig vermutlich billiger produziert werden. Stark zugenommen hat die Versorgung, besser gesagt die Überproduktion, mit Brotgetreide (korrigiert seit 1985), Rindfleisch, Schlachtfetten und pflanzlichen Ölen.
 

Obstbau

Die starke Abnahme der Obstgärten ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Most durch Bier,, später aber vor allem durch Mineralwasser, Coca Cola und ähnliche chemische Lösungen ersetzt wurde: Most gilt bis Mitte des Jahrhunderts als das bäuerliche Getränk schlechthin. Im frühen 20. JH. war die Qualität des Mostes des Bauern ganzer Stolz. Brot und Most ist dem Bauern sein Kost.

Die Anpflanzung von Obstbäumen entlang Wegen und Rainen war im späten 18. JH stark gefördert worden.  Das Idealbild des erfüllten Lebens, war auch hier, ein Haus zu bauen, einen Sohn zu zeugen und einen Baum zu pflanzen. Joseph II erhob es 1789 das Pflanzen von Obstbäumen zur Pflicht für alle neu verheirateten. 1912 wurden 1520 Einzelsorten gezählt. Steirisches Obst wurde sogar am Zarenhof geschätzt. Die Apfelsorten Deutschsüdtirols galten als "die feinsten und berühmtesten, welche überhaupt in der ganzen Welt erzeugt werden.  [Kaltenegger: Feldbau]

Obst wurde zum Eigengebrauch zu Most, Schnaps und Dörrobst verarbeitet. Einen  Markt gab es noch kaum dafür. Mit den ausgehenden 50ern wurden die Hochstämme ersetzt und Intensivkulturen angelegt, die leichter mechanisch zu bearbeiten waren.

Aepfel, Pfirsiche, Birnen, Marillen, und Beerenobst (Johannisbeeren, Himbeeren, Erdbeeren) trugen im Jahr 2000 6.5% zur Endproduktion der Landwirtschaft bei, also gleich viel wie der Weinbau und deutlich mehr als der Getreideanbau oder die Hackfrüchte.
 

Obsternten in 1000 Tonnen                   stark steigend
1985   1990   1995   1999   2000    
intensiv extensiv intensiv extensiv intensiv extensiv intensiv extensiv intensiv extensiv  
Winteräpfel 94.4 114.5 103 122.9 150.4 132.8 183.5 133.3 191.3 173.4 +
Sommeräpfel 6.6 25.3 8.8 33.8 6.2 34.8 4.9 36.2 4.7 48.1 ++
Mostäpfel   52.3   69.3   59.8 4 51.8 4.3 72.9 +
Winterbirnen 5.5 25.9 4.8 25.6 4.8 29.4 1.7 28.2 1.7 37.3  
Sommerbirnen 1 11.6 0.8 9.9 1.4 11   10.4   12.9  
Mostbirnen   73.8   59.5   77.2   69.7   74.1  
Kernobst total 107.5 303.4 117.4 321 162.8 345 194.1 329.6 202 418.7 +
Weichseln 0.7 2.8 0.5 3.6 0.4 4.6 0.3 4.2 0.3 4.8  
Kirschen   22.8   20.2   28.7 0.7 24.2 0.5 29.5  
Marillen   4.1   4.8   5 5 5.2 3.1 5.3  
Pfirsiche 7 13.6 6.8 10.7 6 17 4.5 17.7 4.4 10.8  
Zwetschgen   76   25.6   40.8 4.1 40.8 4.1 57.3 +
Walnüsse   6.9   12.3   13.4   14.8   17.1 +
Steinobst total 7.7 126.2 7.3 77.2 6.4 109.5 14.6 106.9 12.4 124.8  
Johannisbeeren. rote u. weisse 1.2 18.9 0.8 16.6 0.4 12 0.4 13.2 0.4 15.7 ++
Johannisbeeren. Schwarze 3.6 5.3 0.9 5.8 0.6 4.8 0.8 5.1 0.7 6.1 +
Ananaserdbeeren 10.8 1.3 11.1 1.6 11.8 1.9 16.4 1.7 17.9 1.8 +
Stachelbeeren   4.6   2.5   1.9   2   1.7  
Beerenobst total 15.6 30.1 12.8 26.5 12.8 20.6 17.6 22 19 25.3  
Total 130.8 459.7 137.5 424.7 182 475.1 226.3 458.5 233.4 568.8  
Summe extensiv + intensiv 590.5   562.2   657.1   684.8   802.2  

 

 

Der österreichische Weinbau

Weinsorte Anbaufläche 1965 in % 1996 in %
Grüner Veltliner
Müller Thurgau
Welschriesling
Neuburger
Weisser Burgunder
Rheinriesling
Frühroter Veltliner
Muskat Ottonel
Brauner Veltliner
Traminer
Sonstige Weissweine
Zweigelt
Blauer Portugieser
Blaufränkisch
Sonstige Rotweine
Mischanlagen
20
8.5
8.7
4.3
2.8
2.8
2.6
2.7
2.2
2
5

3.9
6.5
4.2
26.8
37
8
9
2
5
3

1


12
8
5
5
5
 

Wein wird in Oesterreich seit den Kelten angebaut. Zu Beginn des 19. JH verursachten Rebenkrankheiten einen dramatischen Einbruch der Nachfrage, ebenso die Weltwirtschaftskrise in den 30er, und 1980 der  Glykolskandal, durch den der österreichische Wein böse niedergemacht wurde.

Die Tendenzen sind klar. Während dem die Obstplantagen flächenmässig auf einen Fünftel schrumpften (bei entsprechender Intensivierung des Anbaus), sind die Reben wieder so weit verbreitet, wie zu Beginn des 19. JH.  Die Weingärten werden heute allerdings so angelegt, dass alle Arbeiten, ausser Rebschnitt und Lese, mechanisch ausgeführt werden können: Abstand zwischen den Reihen 3.5 m, 1.2 m zwischen den Stöcken, Höhe 1.5 m

Die Entwicklung zeigt deutlich, dass ein Wechsel von Mischweinen zu sortenreinen Weinen erfolgte. Mit dem Blick über Weinseen wurde Qualität statt Quantität auch in Oesterreich zum Leitsatz. Die starke Zunahme der Weissweine macht auch klar, woher die Konkurrenz für die Schweizer Weinbauern kommt, zumal die eher süssen Weine den Massenkonsum in Deutschland weitaus besser ansprechen. Qualitativ wurden die Weine auch besser ... sagt man. Gerade Veltliner & Co versuchen das Image des Billigweins los zu werden. Mein erster Versuch mit einem grünen Veltliner, Biowein, aus der Wachau, endete allerdings trotzdem mit Kopfweh.

Von 1980 bis 2000 stiegen die Literpreise für Fasswein von 6 auf 10 Schilling, für Flaschenweine (0.7 l) von 18.05 auf 41.79 Schilling. Wein ist hier das einzige Landwirtschaftsprodukt, bei dem die inelastische Nachfrage überwunden werden konnte, da sich gute Weine der Massenproduktion entziehen und zu oft bedeutend höheren Preisen vermarktet werden können. Der Aufwand dafür ist allerdings beträchtlich.

 

 

Subventionen versus bäuerliche Innovationen und Engagement

1991 wird der Protektionsgrad der österreichischen Landwirtschaft auf rund 52% des Produktionswertes geschätzt. Das führte zur Produktion von Überschüssen, bis es ab 1992 über die Multifunktionalität nach ökologischer Verträglichkeit und regionaler Ausgewogenheit zu entscheiden und insbesondere Rücksicht auf die Benachteiligung der Berggebiete zu nehmen.

Vor dem Beitritt zur EU forderten in Österreich die Ökonomen, wie hier und heute die avenir suisse, eine schnellere und stärkere Reduktion der Betriebe und der in der Landwirtschaft tätigen (Ziel: 2%, heute: ) Von den 280'000 Betrieben sollten nur noch 28'000 übrig bleiben - mit einer optimalen Grösse von 3'000 ha. Die Landschaftspflege kam eben so unter Beschuss wie hier und wurde als Symptomkurierung und Landschaftsbehübschung veräppelt.

Die Benachteiligung der österreichischen Landwirtschaft gegenüber derjenigen der EU ist aber vergleichbar mit derjenigen der Schweiz. Die Erzeugerpreise de EU lagen um 30% unter denen Oesterreichs, bedingt vor allem durch Klima, Höhenlage und Kleinbetriebe. Hatte ein Durchschnittsbetrieb der EU 37 Rinder, so ein österreichischer Betrieb, also ein echter Kuhlandbetrieb, bloss deren 17. Bereits vor dem Beitritt zur EU bestand Konsens darüber, dass die EU-Strategien für die Erhaltung einer bäuerlichen Landwirtschaft im Alpenraum ungeeignet sind und die Existenzsicherheit der Mehrheit der Bergbauernbetriebe in Österreich selbst bei maximaler Ausnützung der Förderungsrahmens unter den Bedingungen der EU-Strukturpolitik nicht gewährleistet ist. [S. 332]

Die Bevölkerung stimmte aber mit grosser Mehrheit (2/3) dem Beitritt zu (enorme Förderung der Exportmöglichkeiten!) - und der Rohertrag der Landwirtschaftsbetriebe sank um 1/4! Insbesondere die Molkereien gerieten in starke Bedrängnis. Die Löhne wurden durch Ausgleichszahlungen aufgefangen und blieben so nach dem Beitritt auf der selben Höhe (oder Tiefe, im Vergleich mit sonst marktüblichen Löhnen) - allerdings erhielten nun die österreichischen, gleich wie heute die Schweizer, Bauern, die Hälfte ihres Lohnes vom Staat. Die öffentlichen Mittel für Land- und Forstwirtschaft stiegen von 1.1 Millrd. Euro vor 1994 auf 2 Milliarden Euro. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Gesamtsumme der Subventionen ungefähr ein Drittel des Einkommens der Landwirte. Sie wurde jedoch seither reduziert. 1999 1.3 Milliarden.

Obwohl der Umfang der Produktion unverändert blieb, gingen die Einnahmen der Bauern von 1990 bis 98 von 5.8 Milliarden auf 4.5 Milliarden zurück, also um 22.4%. Nun stellen Sie sich mal vor, was Banken, Versicherungen und die Grossindustrie wohl alles von der Politik gefordert hätten, wäre es ihnen gleich ergangen?

  durchschnittlicher Bruttolohn Industriearbeiter durchschnittliches landwirtschaftliches Einkommen Differenz
1981

1992

150'000 Schilling

251'000

90'000

95'000

  60'000

156'000

Nach positiver Entwicklung in den Siebziger und Achtzigerjahren kämpft die Landwirtschaft ab 1990 wieder mit Einkommenseinbussen. Dem aber nicht genug. Der Abstand zu den im industriellen und im Dienstleistungssektor üblichen Löhnen wird grösser, die relative Kaufkraft also noch geringer.
 

WICHTIG:

Solche "Kosten" der neoliberalen Wirtschaft werden in allen Ländern versteckt, oder, noch schlimmer, gleich den Weg-Rationalisierten als Verlierern und Versager angelastet. Der heute allgemein verbreitete Ruf nach Wachstum basiert auf nichts als dem BIP, und übersieht, dass hier negative Effekte auch aufsummiert werden, statt subtrahiert, dass Kosten die dem Staat und der Gesellschaft durch die Rationalisierer aufgelastet werden, nicht gesondert aufgeführt werden, sondern ebenfalls positiv als Wachstum erscheinen. Es ist höchste Zeit, diese Wohlstands-Wachstumsbuchhaltung zu korrigieren, die Kosten ehrlich aufzuzeigen, die die neoliberale Wirtschaft dem Staat und der Gesellschaft verursacht und auf grund einer solchen ehrlichen Buchhaltung die rechten Schlüsse zu ziehen: s. Index of Sustainable Economic Welfare (ISEW)


Nebenerwerb:

Wenn man für die vorindustrielle Zeit einen Anteil an agrarischer Bevölkerung von 80% annimmt, so heisst das nicht, dass diese ausschliesslich Ackerbau und Viehzucht betrieben. Sie produzierten für Eigengebrauch wie für Markt durch Tätigkeiten und Betriebe wie: Spinnen, Weben, Sticken, Köhlerei, Kalkbrennen, Schindeln, Holzschnitzen, Zimmern, Töpfern, Mühlen, Sägereien, Bierbrauereien, Schnapsbrennen, Transporte, Schneeräumen, Handel, Gastgewerbe. Bauern sind aber im 20. JH immer mehr zu Rohstofflieferanten geworden. Verarbeitung und Vermarktung wurde von Nahrungsmittelindustrie und Grossverteilern übernommen.

Nebenerwerbstätigkeiten der Landwirte ergeben eine umfangreiche Liste, die aber auch die Probleme heute zeigt: Textilien, Schuhe, Holz- und Eisengeräte werden in Grossbetrieben hergestellt, Dachschindeln kaum mehr gebraucht, Müllerei ist eine Grossindustrie, das Transportwesen wurde zur Logistik perfektioniert. Bereits die Frühindustrialisierung, speziell der Bau der Eisenbahnen 1820-1880 führte zu einem Niedergang des Saumhandels und des Hausgewerbes, und damit eine Reagrarisierung. Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer, denn auch heute wird zwar gerne von Re-Strukturierung geredet, aber viele, die aus restrukturierenden Betrieben rausfliegen und keine Chance mehr haben, eröffnen selbst einen Betrieb in atomistischer Konkurrenz und beuten sich selbst aus. Dieses Problem war und ist besonders akut bei kleinen Baubetrieben, Restaurants und im Detailhandel. Diese "Selbständigkeit" wird heute genau so romantisiert wie damals die Reagrarisierung. Die Folge der zusätzlichen Belastung durch Nebenerwerb war, dass die überlebenden Kleinbetriebe immer mehr den Frauen und Rentnern überlassen werden, während dem sich die Männer in andern Bereichen suchen.

Wolfgang Meixner und Gerhard Siegl formulieren das Problem in "Bergbauern im Tourismusland" [Bruckmüller, Hanisch, Sandgruber, Weigl: Geschichte der österreichischen Land- und Forstwirtschaft im 20. Jahrhundert.  Ueberreuter2002. Bd. II: S. 138] deutlich:

Diese Zwergbetriebe waren im Laufe des 20. Jahrhunderts nicht mehr im Stande, auf dem Markt zu bestehen. In Ermangelung wirtschaftlicher Alternativen blieben jedoch über lange Zeit unverhältnismässig mehr Menschen als in anderen Bundesländern dem landwirtschaftlichen Produktionszweig verhaftet.

Die Forderung, Landwirtschaft im "Nebenerwerb" zu leisten ist leicht ausgesprochen, aber hart durchzuführen. Vielen Bauern blieb so vom Tag nicht mehr als 5 Stunden ... für den Schlaf. Ist das Fortschritt? Wohlstand?

Frustrierend ist, dass nicht nur kleine Betriebe und nicht nur Bergbetriebe auf Unterstützung angewiesen sind, sondern diese generell nötig zu sein scheint ... oder unter dem Vorwand der "Gleichbehandlung" an grosse wie kleine im selben Massen verteilt wird (s. Veränderung der Betriebsgrössen):

 

Biologische Landwirtschaft

86% der Bergbauernbetriebe sind Biobetriebe. Die Beteiligung ist hier doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Insbesondere das Burgenland und Vorarlberg sind mit 10% Spitze in Europa. Im Jahr 2000 schien mit 20'000 Biobetrieben aber das Maximum erreicht. Alternative Produkte wie Raps, Soja, Sonnenblumen, Grünbrache (23'000 ha 1986 - 275'000 ha 1994), Stilllegungen, Trockenwiesen, Feuchtbiotope werden gefördert - aber auch Bioenergie (13 Millionen Schilling 1988, 115 Millionen 1194).

Eine Verbesserung der Einkommen wird auch erzielt durch Verkauf ab Hof, Bauernmärkte, Direktvermarktung - die allerdings auch einen enormen Aufwand bedeuten, dies zusätzlich zu den deutlich geringeren Erträgen im Vergleich mit der traditionellen Landwirtschaft (s. Tabelle rechts)

Programm zur Förderung der Umwelt in der Landwirtschaft: öpul
 

Ausbildung

 

Verteilung der höchsten abgeschlossenen Ausbildung in der Land- und Forstwirtschaft
   
1981 in % 1991 in %
Pflichtschule 68 45
Lehre 17 33
Fachschule 14 19
AHS 0.5 1
BHS 0.5 2
Hochschule 0.3 1
Total 290'000 214'000

Land- und Forstwirtschaftliche Schulen in Oesterreich

Die erwünschte Folge der Restrukturierung ist: weniger Personal. Weniger Personal bedeutet aber auch: weniger Auszubildende, weniger Schulen. Theoretisch ... Da aber die in einem Gebiet überflüssig gewordenen sich in ein anderes einarbeiten müssen, sehen die Schulen und die Ausbildenden die Flexibilisierung vermutlich eher als Chance (für die Erhaltung des eigenen Jobs). Auch dieser Aufwand der permanenten Weiter- und Umbildung bei zunehmender Unsicherheit betr. der Verwertbarkeit der Ausbildung, wird im BIP nicht erfasst, oder eben falsch erfasst, da positiv erfasst. Lebenslanges Lernen hätte nur dann etwas Positives, wenn es zu einer besseren Erkenntnisfähigkeit, zu besserem Verständnis führen würde - nicht aber, wenn es sich auf das Erlernen neuer, meist unverstandener Fähigkeiten beschränkt, irgend welche isolierten Geschäftsprozesse abzuwickeln. Besonders frustrierend ist dies für die zunehmend besser Gebildeten, deren Wissen immer umfangreicher und komplexer wird, aber vom Markt ebenfalls immer rascher entwertet, oder als nicht marktfähig gar nicht beachtet wird. Den erdigen Ackern, die ihre Bauern nicht ernähren können, gesellen sich immer mehr Äcker geistiger Tätigkeit hinzu, die eben so wenig Ertrag abwerfen. (s. generation p)

Als Lösung scheint offensichtlich das Standartrezept - Noch mehr Arbeiten für noch weniger Lohn - wenig tauglich, was bei Überproduktion ja eigentlich jedem Trottel verständlich sein sollte. Aber Oekonomen sind offenbar eine spezielle Gattung, die eine eigene Rationalität haben, die "Laien" eben nicht verstehen. Die Peitsche die diese offensichtlich sinnlose Maschine antreibt ist die Rendite. Es ist also zu prüfen, warum einzelne Branchen "Überrenditen" erzielen, wie sie dies tun, ob sie diese zu Recht beanspruchen, und vor allem, ob es rechtens ist, niedrig Produktive einfach per Sachzwang zu vernichten, also alle und alles auf maximale Produktivität zu trimmen. Der arabische Kulturraum, ja weite Teile des Islamischen Kulturraumes verweigern sich dieser totalen Unterwerfung unter den Zwang der Verwertung aller Menschen und Dinge - und vor allem der totalen Usurpation der Zeit durch wirtschaftliche Tätigkeiten. Es wundert wenig, warum sie für die USA generell das Reich des Bösen darstellen.

Dummerweise sind hier die Bauern nicht die Lösung, sondern der Ursprung des Problems. Ihr dumpfer, unreflektierter Arbeitswille, ihre (meist erzwungene) Unterwürfigkeit unter die Herrschaft des Zinses, bildet die Basis der Industrie- und Arbeitergesellschaft, formt aber auch das Kleingewerbe, und damit die Auftragnehmer der neuen Feudalisten, der global agierenden Grossunternehmen, die auf lokale Zustände und Kosten scheissen, so lange sie nicht dafür bezahlen müssen.

Auflösen kann sich dieses Paradoxon des Wohlstands nur, wenn wir uns darauf besinnen, was Wohlstand eigentlich meint, was wir unter Wohlstand verstehen, was Wohlstand uns bringen soll - und ihn nicht auf Lohn, Gewinn und Aktienindizes reduzieren. Das bedeutet vor allem, die Gleichsetzung von Zeit mit Geld wieder zu brechen.

Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH. Basel, 22.12.06