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Netzwerke, Cliquen, Clans und Clubs - Herrschaftsstrukturen über die Masse

Ein ost-westlicher Diwan über Rationalität und Filz in der sog. <freien Marktwirtschaft>

[W. Elsner; A. Biesecker: Neurartige Netzwerke und nachhaltige Entwicklung. Komplexität und Koordination in Industrie, Stadt und Region.
Institutionelle und Sozial-Oekonomie. Bd. 14. Peter Lang. Europäischer Verlag der Wissenschaften. Frankfurt a.M. 2003
Stefan Schweizer: Politische Steuerung selbstorganisierter Netzwerke. Schriften zur Rechtspolitologie Bd. 16. Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden. 2003
M. Trappmann, H. J. Hummell, W. Sodeur: Strukturanalyse sozialer Netzwerke. Konzept, Modelle, Methoden. Studienskripten zur Soziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2005]

Der Markt entscheidet ... am Markt entscheiden Preis, Menge, Qualität - also Leistung.

So die Behauptung der Ökonomen. Sieht man sich aber an, wie die Wirtschaft sich organisiert, wird sofort klar, dass das Kukuruz ist. Marktwirtschaft basiert auf Diskrimination (= Unterscheidung) zwischen erwünschten und unerwünschten Menschen wie Gütern, Prozessen, Normen, ja sogar Einstellungen persönlicher Art. Der Markt will alles (was rentiert) - aber nicht alle sich daran beteiligen lassen. Deshalb die Aversion der Marktgläubigen gegen Gesetze. Nicht dass sie keine Gesetze möchten, aber sie möchten nicht Gesetze, die für alle gelten, d.h. für die andern schon, aber nicht für sie. So möchten sie vor allem ihre eigenen Gesetze, also die Garantie des (eigenen) Eigentums (dasjenige anderer ist nur eine notgedrungene Folge davon). Deshalb sind Clique, Clan und Cluster die optimale Organisationsform der Netzwerk-Wirtschaft, denn hier herrscht die <rechte Gesinnung> (leicht zweideutig gemeint ...).

Die Organisationsform mit der sich diese Wünsche günstig umsetzen lassen ist insbesondere das globale Netzwerk. Vermutlich liegt darin auch ein wichtiger Grund, warum Juden immer verfolgt wurden, denn sie waren die ersten die global agierten. Sie hatten ihre Clans in Babylon, in Aegypten, später in Rom, wurden bereits im frühen Mittelalter, eben wegen ihrer "internationalen Netzwerke" und ihrer Fähigkeit, internationalen Handel in Gang zu setzen, ins Rheinland gerufen. (s. auch: Psychologie und Soziologie als "jüdische Wissenschaften, Juden im Rheinland).

Netzwerke sind heute struktur- und dadurch oft funktionsbestimmend. Netzwerke wurden aber, noch stärker als die Systemtheorie generell, ziemlich vernachlässigt *, was insbesondere für die Politik ein Problem ist, da Netzwerke sich zwar willkürlich schaffen und gestalten lassen - sich aber von aussen, eben von der Politik, nur schwer kontrollieren lassen, weil sie eben die flächenhafte Organisation der Politik, das Hoheitsgebiet, meist nur punktuell nutzen und die Funktionen, welche die Politik steuern möchte, dann eben in ein anderes Hoheitsgebiet verlagern: Steuern dort zahlen, wo keine anfallen, Arbeit dort verrichten lassen, wo sie am günstigsten ist, Verarbeitung die Umweltverschmutzung erzeugt dort betreiben, wo es keine Umweltschutzgesetze gibt etcetc.

* Ich muss das bereits leicht korrigieren, denn das gilt natürlich nur für Laien, die sich wenig mit Netzwerktheorie befassen und denen Manuel Castells (spanisch, umfassender) - sinnigerweise von La Mancha - kein Begriff ist und die sein Opus mit 3 Bänden und 1400 Seiten über Das Informationszeitalter (The information age - eine Kritik die gleich beantwortet, dass sich Castells nicht wie sein Landsmann Don Quichote de la Mancha auf einen Kampf gegen Windmühlen einlässt, sondern den neuen Wind einfach, immer aber sozial-kritisch, beschreibt.) nicht gelesen haben.

Netzwerke wurden in den letzten 30 Jahren nicht bloss absolut unkritisch betrachtet, sondern sogar als beste, ja einzige Lösung für fast alle Probleme hochgejubelt, insbesondere von den Linken und Alternativen. Netzwerke wurden idealisiert, was sich deutlich im Vorwort [S. 6] zeigt:

Netzwerke sind hier stets als i.w.S. innovationsorientierte, nicht als restriktive kartellhafte Koordinationsformen verstanden. Dabei ist nicht auszuschliessen, dass sie einem Lebenszyklus ausgesetzt sind, frühzeitig "altern" und "petrifizieren" und so die Trennlinie zu einem restriktiven Wirken überschreiten können.

Diese "Definition" von W. Elsner in "Neuartige Netzwerke und nachhaltige Entwicklung" zeigt eine idealistische Nutzung des Begriffs Netzwerk ausdrücklich auf! Alterung und Petrifizierung ist beileibe nicht die primäre Ursache dafür, dass Netzwerke restriktiv werden. Vielmehr ist es die hochgradige organisatorische Effizienz von Netzwerken und ihre <Eigengesetzlichkeit> (eindeutig zweideutig gemeint), die scharfe Ein- und Ausschlussbedingungen ermöglichen, Netzwerke dafür also geradezu prädestinieren.

Die Eigengesetzlichkeit, die netzinternen Struktur- und Wachstumsregeln, die allen selbstorganisierenden Systemen zu eigen ist, könnte man in dem Falle vermutlich auch erklären durch sich überlagernde Netzwerke. So bei den Juden das Beziehungsnetz über den Glauben, die alte Heimat, das das Handelsnetz trägt. Bei den Ostasiaten das familiäre oder lokale Beziehungsnetz, das das Wirtschaftsnetz trägt. Bei den modernen Clustern Logistik- und Wissensnetze, die Einsparungen und Absicherung vor technologischen Missgriffen durch beschränkte Kooperation ermöglichen  Etc.etc. Ein Netzwerk kann kaum alleine überleben, oder andern diktatorisch seine eigenen Regeln aufzwängen, da bei den multiplen gegenseitigen Abhängigkeiten die Reaktion unvorhersehbar ist, also vorsichtig gemanagt werden muss. DER grosse Vorteil der Netzwerke ist, dass Kosten, insbesondere Transaktionskosten, externalisiert, und damit die Risiken gestreut werden.

Netzwerke sind nur insofern Netzwerke unter Gleichen, als sie Ungleiche, Andere, Fremde, Unerwünschte ausschliessen. Ungleich sind auch meist die Positionen innerhalb der Netzwerke, denn meist sind die Beziehungen nicht völlig ausgebaut und auch nicht zweiseitig. Die zentrale Positionen in den "Nabe und Rad-Strukturen> der Wirtschaft und Politik erlauben zentrale Kontrolle, trotz Netzwerk. Eine vollständige Vernetzung existiert praktisch nur im Clan, der dadurch zwangsweise relativ klein bleiben muss. So betrachtet ist die Graphik oben rechts, das Spinnennetz, ein guter Hinweis, denn in fast allen Netzwerken sitzt irgendwo eine Spinne, welche die Beute fort trägt ...

Politiker aber auch Laien sollten sich so unbedingt intensiver mit Strukturen und Funktionen von Netzwerken befassen, denn "Filz" ist nicht bloss ein boshaftes (s. Eristik: Emotionalisierung-Ideologisierung), sondern ein reelles Synonym für Netzwerk.

1 Strukturanalyse

Begründer der soziometrischen Netzwerkanalyse sind u.a. Jakob Levy Moreno, der das Soziodrama entwickelt hat. L.C. Freeman hat allerdings darauf aufmerksam gemacht, dass bereits zuvor mehrere Konzepte entwickelt worden waren, diese Leute aber einfach nicht so berühmt wurden - was auch hier eben schon damit zu tun haben könnte, dass sich Moreno des jüdischen Netzwerks wissenschaftlicher Publizistik bedienen konnte.

Wissenschaftliche Ansätze zur Strukturanalyse von Netzwerken:

Ein Netzwerk besteht aus Einheiten (Akteuren. / Knoten) und Beziehungen zwischen diesen (Kanten). Da Beziehungen vieldeutig sind, wird dies zu einer enormen Vielfalt an Netzwerken und Netzwerktheorien führen: Freundschaft, Finanzen, Hierarchie (Befehls- und/oder Kontrollnetze), Information/Kommunikation, Tausch/Handel ...

Netzwerkstrukturen bilden sich nicht erst ereignisbezogen und temporär heraus, sondern besitzen definitionsgemäss eine gewisse Stabilität und Dauer.

Erfolgreiche Steuerung von und in Netzwerken, networksculpting genannt, geschieht durch Sprache und den gezielten Einsatz von Geschichten. Netzwerke gehören damit eindeutig zu den geschaffenen Realitäten, sind also Objekt des Konstruktivismus und keine Naturgesetze.

Kennzahlen von Netzwerken:

Reichweite (range): Verbindung mit verschiedenen Sets anderer Akteure


Aktoren 5 und 2 sind in der Mitte des Geschehens, mit vielen Beziehungen und Mitglied unterschiedlicher Gruppen.

Aktor 6 ist nur über eine Diade mit dem Netzwerk verbunden und nicht Mitglied einer Teilgruppe. Diaden, zweierbeziehungen, sind die häufigste Art der Verbundenheit.

http://faculty.ucr.edu/~hanneman/nettext/C11_Cliques.htm

Verbundenheit (degree): Anzahl der Einheiten, die sich in direkter Nachbarschaft befinden, mit denen direkte Beziehungen herrschen, wobei noch nach eingehenden, ausgehenden, oder bilateralen Beziehungen unterschieden werden kann. Stark verbundene Akteure besitzen hohe Prominenz, können viele Ressourcen mobilisieren, als Makler neue Verknüpfungen herstellen - und den Informationsfluss beeinflussen, ev. gar zum eigenen Wohl ausnutzen.

Erreichbarkeit: Verbundenheit des Akteurs mit seiner Nachbarschaft und deren Verbundenheit mit ihrer jeweiligen Nachbarschaft.

Dichte/Kohäsionsgrad: Wurde oft synonym zu Verbundenheit benutzt und beschreibt, wie schnell sich eine Information verbreiten kann. Zentrale Akteure erhalten Informationen schneller, solche am Rand spät oder gar nicht. Politische Akteure müssen hohen Verbundenheitsgrad und Dichte besitzen.

Prominenz: Beschreibt eher die Qualität der Akteurbeziehungen. Wird in Zentralität und Prestige aufgeteilt.

Zentralität: Beziehungsreichtum eines Netzwerkakteurs (rechts spez. Akteure 5 und 2). Ist nicht ganz identisch mit der Verbundenheit, wenn die Beziehungen nach Prestige gewichtet werden, wie das z.B. Google tut: Der Rang einer Webseite wird nur dann höher durch hinführende Links, wenn die hinführenden Links von Webseiten stammen, die selbst über ein gewisses Prestige verfügen, also gut besucht und häufig zitiert sind. Eine Menge Links von Websites die nichts zu sagen haben und schlecht besucht sind fördert auch den neu Verlinkten nicht.

Prestige: Wertschätzung, Autorität, Achtung

Macht:

Prominenz, bedingt durch Zentralität und Prestige, verleiht Macht durch Einfluss.

Strukturelle Autonomie:

Ein Akteur geniesst um so mehr strukturelle Autonomie (Freiheit), je diversifizierter seine eigenen Aussenbeziehungen zu Akteuren mit anderen Netzwerkpositionen sind, je schlechter die Chancen dieser Akteurgruppen ihrerseits zu Absprachen und kollektiven Aktionen sind, und je besser die Chancen für die eigene Akteurgruppe ist, die Zwänge von Austauschbarkeit und Konkurrenz untereinander in den Griff zu bekommen. Je stärker ein Netzwerkakteur die Diversifizierung seiner Aussenkontakte voran treibt, desto grösseren Informationszufluss erhält er aus verschiedenen Quellen. Folglich steigt damit auch sein Status als Informationslieferant. [S. 198]

 

Homophilie - äusserliche (Kleidung) wie innerliche (esprit de corps) totale Assimilation bis zur Uniformierung

Interorganisationsnetzwerke weisen wie persönliche Netzwerke eine starke Tendenz zu Homophilie auf. Das heist nicht, dass sie schwul sind, sonder unter Homophilie versteht man die überzufällige Ähnlichkeit von Merkmalen und Einstellungen bei Personen, die durch eine soziale Beziehung verbunden sind.  Die Gründe dafür sind einfach, denn eine Entscheidung für eine Kooperationsbeziehung basiert meist auf Vorerfahrung mit Partner oder Partnern des Partners. Die Wahl bekannter Partner ist unproblematisch was Vertrauens-Risiken betrifft - führt aber tendenziell zu cliquenhaften Netzwerkstrukturen, auf deutsch Filz genannt.

Dieses Selektionskriterium kann absurde, ja lächerliche Formen annehmen. So werden es z.B. grosse Menschen, insbesondere Frauen, immer schwer haben, von kleineren Chefs angestellt zu werden, Dicke von Magersüchtigen, schöne von hässlichen, Kurden von Türken - und Umgekehrt, Frauen in Männercliquen - aber auch Männer in Frauencliquen (Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitswesen). Die Chinesen (s. u. Taiwan) wählen ihre Netzwerkpartner sogar nach Name, Herkunft und Dialekt aus.

Von da her wäre Kleiderzwang in Firmen ganz anders zu sehen als er meist gepredigt wird: Respekt gegenüber den Kunden. Es geht gar nicht um den Kunden, es geht dabei um die Ein- und Unterordnung in und unter die Gruppe, immer gemäss dem von der Gruppe zugestandenen Status. Ein interessantes, viel zu wenig untersuchtes Gebiet der Soziologie und Psychologie, denn ganz offensichtlich spiegelt sich hier ganz deutlich wieder, wie wenig solche Strukturen mit der von ihnen hochgejubelten Freiheit zu tun haben.

Unter der Perspektive ist auch das Tarnwort für Netzwerkkompatibilität, nämlich <Teamfähigkeit>, nicht immer so positiv im Gehalt wie es tönt, sondern ruft oft nach Aufgabe der eigenen Persönlichkeit und nicht hinterfragter Übernahme der Werte und Normen des Netzwerkes. Netzwerke sind so häufig eine moderne Form eines sozialen oder wirtschaftlichen Chauvinismus.

http://www.schmidtmitdete.de/pdf/handout_schaudersteinadler.pdf

Diese Teilgruppen, seien es Clique, Cluster, Clan oder Club, sind nun gleichzeitig wichtigster Grund -aber auch grösstes Problem der Netzwerke:

 

Das Wort Familienbande hat den Beigeschmack von Wahrheit.

Karl Kraus

1.1 Teilgruppen

1.1.1 CLIQUE

1.1.2 Cluster (s. Beispiele Wirtschaft und Politik, Kapitel 2)


1.1.3 CLANS

Die Clan-Organisation ermöglicht eine hochgradige Zielkongruenz aufgrund sozialisierter Ziele bzw. internalisierter Werte und Normen. Die Informationen werden in Clans nicht wie auf Märkten mittels Preisen oder in der Hierarchie mittels expliziter Regeln (Weisungen), sondern in Form von impliziten Regeln (Traditionen) weitergegeben.  Die Bürokratie unterscheidet sich vom Clan insofern, als Autoritätsbeziehungen eine formelle Organisation voraussetzen, während internalisierte Werte und Normen informelle Organisationen kennzeichnen.

Bei hochspezifischen Investitionen ist die Clan-Organisation im Vergleich zu Markt und Hierarchie effizient, weil das Problem der Interessenkongruenz durch internalisierte Werte und Normen und damit das Kontrollproblem transaktionskostengünstiger und gelöst wird. [S. 59]

Persönliche Bindungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit des Einhaltens der Vereinbarung bzw. minimieren die Risiken von Fehlverhalten. Sie sind langfristig ausgerichtet und umfassen oftmals mehrere Interessen, was zu einer zusätzlichen Verhaltensstabilisierung führen kann. [S. 61]

1.1.4 CLUBS

Netzwerke können keine beliebige Anzahl von Mitgliedern aufnehmen, wenn sie allokationseffizient sein sollen. Ein Zusammenschluss zum Zweck der gemeinsamen Reduktion von Vertragsunsicherheiten lässt sich auch als Club modellieren. Netzwerke wären demnach clubähnliche Arrangements zur Reduktion von Vertragsrisiken bzw. zur Internalisierung der Tauschexternalitäten. [Güllner S. 100] d.h. zur Umgehung des offenen Marktes. Punkt.

Die Clubtheorie unterstellt, dass Ein- und Austritt freiwillig sind und dass Mitglieder durch den Beitritt einen positiven Nettonutzen erzielen, der höher ist als die Kosten der Mitgliedschaft.

Eines der wichtigsten Probleme von Clubs, wie von Netzwerken, ist die optimale Auswahl von Mitgliedern, was die optimale Diskrimination von Nichtmitgliedern mit einschliesst.

Exklusive Netzwerke können allerdings zu einer Aufteilung/Spaltung der Gesellschaft führen, die sich gesamtökonomisch negativ auswirken würde.

Inklusion und Exklusion basieren hier leider nicht auf dem gelobten Prinzip der Leistung, sondern häufig und ganz traditionell auf Prinzipien, die per Antirassismusgesetz eigentlich nicht angewendet werden sollten, also auf Namen/Familien/Clans (Rothschild Bank, Medici Banken, nur chinesische Namen, russische, schweizerische akzeptiert),  Rassen- und oder Glaubenszugehörigkeit (jüdischer Diamanthandel, Mafia (Sizilien, Neapel, Russland ...), Chinesen in Südostasien, Libanesen praktisch überall ...)

Netzwerke, Clubs und Clans erzielen also ihre Stärke primär aus den gemeinsam geteilten Werten, Absichten, Interessen - und der Möglichkeit, ihre eigenen Gesetze schaffen zu können. Da diese meist auf Vermehrung von Geld und Besitz (nur der Beteiligten natürlich) ausgerichtet sind, werden andere Werte unterdrückt. Auch die Werte der eigenen Angestellten, die sich, nebst Geld, vor allem auf Rang/Position/Macht, Würde, die eigene Bedeutung und den Sinn des eigenen Tuns, damit des eigenen Lebens primär ausrichten. All dies wird eigentlich in Mitleidenschaft gezogen.

Die Möglichkeit, ein Netzwerk nach eigenen Gesetzen und Werten zu betreiben erklärt perfekt die notorische Abneigung der Profitnetzwerke gegen Staat, gesetzliche Ordnung und Gesellschaft. Nur den eigenen Gesetzen will man gehorchen. Wer davon nicht profitiert ist nicht Problem des Netzwerks, sondern Problem der davon ausgeschlossenen.

Netzwerke als Ordnungsprinzip sind äusserst wettbewerbsfähig bei unvollständigen Rechtsordnungen. Einerseits ... Andererseits stellen Netzwerke die die nationalen Ordnungsrahmen überschreiten und dadurch oft in rechtsfreien Räumen arbeiten eben die flächendeckende Rechtsordnung der Staaten in Frage ... und dies meist nicht der Freiheit der Bürger wegen, sondern um des Profits willen: Die Kosten fallen dort an, wo sie jemand anders bezahlt (Umwelt, Gesellschaft, Staat), die Gewinne dort, wo möglichst wenig Steuern bezahlt werden müssen.

Die Netzwerk-Wirtschaft schätzt ein Ordnungsprinzip das den Club der Reichen und Superreichen begünstigt, also ihre eigene Ordnung, unterläuft damit aber jegliche "gute Ordnung", jegliche soziale und nachhaltige Ordnung, die halt immer auch Unterhaltskosten (Umverteilung oder zumindest Beteiligung) verursacht.
 

 

1.2 Strukturelle Löcher

[Ronald S. Burt in: Structural Holes: The Social Structure of Competition. Harvard University Press. Cambridge, Massachusetts, London. 1995]

Strukturelle Löcher entstehen an Verbindungspunkten zwischen zwei Netzwerken;
es herrschen dort wenig Hierarchien und dadurch wenig strukturelle Zwänge vor.

Strukturelle Löcher finden sich zwischen nicht verbundenen, also nicht redundanten Kontakten. (s. rechts)

Hier trifft die Netzwerktheorie auf meine Idee der Troglologie, der Lochforschung, denn wo heute neue Wissenschaften und neues Wissen entsteht, so geschieht das meist in den Gebieten zwischen den Disziplinen, also Bio-Chemie, Bio-Technologie (Gentechnik z.B.), Nanotechnologie zwischen technischer Physik und Bio-Chemie.

Burt untersucht Wettbewerb anhand der Netzwerkstrukturen, da jeder Mitspieler im Wettbewerb mit andern verbunden ist, ihnen traut, unterstützt wird oder unterstützen muss - oder durch sie in seinen Aktivitäten beschränkt wird. Völlige Freiheit herrscht eigentlich nur im Chaos, etwas beschränkter in der Anarchie, da diese bereits ein ethisches Korsett hat, nämlich die Freiheit der Andern eben so zu achten wie die eigene, eine Norm, die von den Freunden absoluter Wirtschaftsfreiheit nicht im geringsten respektiert wird. In einer organisierten Gesellschaft oder Wirtschaft bilden meist eher Netzwerke als flächendeckende Hoheitsregimes die Norm, Anyhow. In beiden Fällen sind Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten vor allem in den Lücken zwischen den Flächen, in den von Netzen nicht erfassten Punkten und zwischen den Netzen zu finden. In der Wirtschaft nennt man das auch "Marktnischen", in der Politik rechtsfreie Räume und in der Jurisprudenz Gesetzeslücken.

Wo keine strukturellen Löcher bestehen herrscht perfekte Rendundanz (Ueberfllüssigkeit), die zwar Sicherheit durch Mehrfachbesetzung, also vollständige Kontrolle gewährleistet - aber Gewinn an neuen Informationen und Innovationen erschwert.

  1. In Situation A können Sie die zwei Kunden oder Lieferanten gegeneinander ausspielen - das nennt sich Markt.
  2. In Situation B wie C sind sie in der schwächeren Position, wie fast alle individuellen Arbeitnehmer gegenüber den organisierten Arbeitgebern. Hier haben Sie nur die Wahl, sich den Wünschen des "Partners" unterzuordnen - oder die Verbindung zu kappen.
  3. Im Spezialfall C können Sie eventuell den einen gegen den andern Führer ausspielen - also ein strukturelles Loch schaffen.

 

Netzwerk-Wachstum und -Effizienz    

 
 

 

  Anzahl Kontakte    
  primär sekundär effektive Grösse Effizienz
Figure 1.1
Netzwerk A
Netzwerk B
Netzwerk C

  4
  8
16

0
0
0

4
4
4

1
0.50
0.25
Figure 1.3
Netzwerk A'
Netzwerk B'
Netzwerk C'

  4
  4
  4

  0
  4
12

4
4
4

1
1
1
Figure 1.4 (rechts)
before
after

  5
  5

10
24

3.4
5

.68
1

 

1.2.1 Der Weg durchs Netzwerk:

Hier ist vor allem zwischen aufgabenorientiertem und Opportunitätsnetzwerk zu unterscheiden.

Anfänger, auch bei hochrangigen Managern, beschränken ihr Netzwerk auf die nähere Umgebung, konzentrieren sich auf ihren Job, versuchen ihre Arbeit zur rechten Zeit in der rechten Qualität abzuliefern. Frauen bleiben meist bei diesem Fokus und beschränken ihre Netzwerke auf die Gruppe, in der, mit der sie arbeiten.

 Hier erfolgt die erste Sozialisierung nach den strukturbestimmenden Normen und Werten des Netzwerks - ganz im Sinne des Clans werden hier Werte und Normen internalisiert, der Neuling zum Insider gemacht - oder abgestossen.

Der karrierebewusste Manager jedoch muss, nachdem, erst nachdem er richtig integriert ist, seinen Fokus ändern, über die Tagesaufgabe hinaus sehen, die Tätigkeit der Konkurrenten ausserhalb der Firma beachten, generell die Veränderungen der Umgebung, der Märkte. Tut der Neuling gut daran, sein Netzwerk nicht zu weit vom Chef zu spannen, so ist das beim Aufsteiger gerade umgekehrt: Je näher beim Chef, desto geringer die Aufstiegschancen. Förderlich für die Karriere - NACH gelungener Integration - sind Netzwerke mit Kontakten ausserhalb des aufgabenzentrierten Netzes, ausserhalb der Arbeitsgruppe.

Wer allerdings als Mann zu früh (als Frau generell) Opportunitätsnetzwerke fördert, riskiert an die Kandare genommen zu werden, also lange auf Beförderung warten zu müssen. Was für hochrangige Manager sehr gut ist - ist umgekehrt für Anfänger und Frauen extrem schlecht. Zudem müssen hochrangige Manager mit Aufstiegsproblemen rechnen, wenn sie sich zu sehr auf die Sache statt auf die Gelegenheit konzentrieren, also nicht rechte Opportunisten sind.

Die Arbeit wird mit steigendem Rang immer politischer, und technisch anspruchsvoller, komplexer. Die Glasdecke, oder moderner der firewall, den nur wenig Frauen bewältigen (s. Frauenlöhne/gender gap), an dem allerdings auch viele Männer scheitern *, ist der Übergang vom Lohnarbeiter im Auftrag der Firma zum Mit-Gestalter der Firma, zum Netzwerkskulptor, zur Spinne. Deshalb lassen sich auch Löhne von Managern mit denen von Angestellten nicht direkt vergleichen. Manager schaffen Mehrwert nicht (nur) über Produktions- und Verkaufsleistung, sondern primär über Wertsteigerung durch Re-Konstruktion (Umbau), Aufbau oder Neubau der Firma - womit sie direkt Reichtum für die Eigentümer arbeiten ... was sie natürlich wissen, und sich deshalb einen rechten Anteil diesen Mehrwerts abzwacken.

* "scheitern" ist ein interessanter Ausdruck. Die Schuld für das Scheitern wird ja jeweils dem Verlierer zugehalten, allerdings gibt es keinen Wettbewerb, in dem nicht die Mehrheit scheitert, also auf tiefere Ränge verdrängt wird. Interessanterweise verwendet hier die Ökonomie das aus der Oekologie bekannte Lotka-Volterra-Modell (s. S. 17 ff), betrachtet also Gewinner als Räuber - Verlierer als Beute. Darüber wäre noch etwas nachzudenken, denn das zeigt doch eine ganz andere Perspektive der Wirtschaft, die zumeist geflissentlich unterschlagen wird.

Relative Erfolgsaussichten in hierarchischen und flachen Netzwerkstrukturen :

Für hochrangige männliche Manager sind flache Netzwerkstrukturen und insbesondere unternehmerische Netzwerktypen karriereförderlicher als hierarchische Netzwerktypen ( kurzfristig auf Aufgaben in der eigenen Abteilung orientierte Netzwerke verschlechtern Beförderungschancen für hochrangige Manager)

Für Frauen und Jungmanager ist die Situation umgekehrt (hierarchisches Netzwerk u. soz. Beziehungen in eigener Abteilung sind karrierefördernd)

 

1.2.2 Die Strategie des Tertius - des lachenden Dritten

Das strukturelle Loch wird meist durch den Tertius, den lachenden Dritten, ausgenutzt. Wir müssen, um Netzwerke zu verstehen, also die klassische Sozialpsychologie, die sich um ich und du und wir kümmert, um die Dialektik zwischen widerstreitenden ichs oder wirs erweitern. Überall wo eine Spannung zwischen zwei Individuen oder Gruppen herrscht, besteht ein strukturelles Loch, das durch Dritte eventuell überbrückt werden kann, wobei der Dritte, der Mediator, der Dealer, eventuell gut verdient ... oder erdrückt wird und drauf geht. Was viele Wissensarbeiter dabei übersehen (ähum ...) ist die Tatsache, dass es nicht reicht, etwas zu wissen was andere nicht wissen und dies mitzuteilen. Man muss die zwei Pole zusammen bringen die durch Nichtwissen getrennt sind - und diese Dienstleistung verkaufen können. Jemand der auch irgend was weiss ist uninteressant, nicht aber jemand, der das strukturelle Loch konstruktiv nutzen kann.

Motive, solch unternehmerische Tätigkeit anzustreben sind etwa:

Erklärung zu Graphik rechts: Cluster B, C und E z.B. sind reich an strukturellen Löchern. Mit ihnen ist also leichter zu verhandeln als mit den besser organisierten Clustern A, D und F.

Entschliesst sich einer der 4 redundanten Kernspieler (schwarz), sich vor allem mit Cluster B, C und E zu befassen und die andern 3 den andern drei Kernspielern zu überlassen, ist er nicht mehr redundant, weil sich sein Netz von den andern unterscheidet und ein strukturelles Loch geschaffen wurde.

andere Seite: Management der Einschränkungen durch fehlendes structural hole: eine Seite:

Entwickle die Informations- und Kontrollgewinne eines strukturellen Loches

redundante Kontakte sind im Spiel nichtredundante Kontakte sind im Spiel
Rückzug Ziehe dich von einem Kontakt zurück zugunsten des Mitbewerbers Ziehe dich aus einem Kontaktcluster zurück und konzentriere dich auf ein anderes - mit strukturellen Löchern
Expansion Bring den Kontrahenten/Wettbewerber eines Kontaktes mit ins Spiel

Muster: Zweite Offerte

Füge dem Netzwerk ein neues Cluster hinzu
Eingliederung Schaffe eine zweite Verbindung zum Kontakt, um diesen besser unter Kontrolle zu kriegen

Muster: Matrixorganisation

Schaffe eine zweite Verbindung zu einem oder beiden Kontakten, um diese besser kontrollieren zu können

Hier nochmals klarer die Vorteile (opportunity: Gelegenheit, Chance) struktureller Löcher, die Nachteile (constraints) straff organisierter Netzwerke wie Cliquen, Clans und Clubs:

  1. Im ersteren Fall (opportunity), in dem Sie gut organisiert sind, die Andern aber (Lieferanten und Kunden z.B.) als "Markt". d.h. nicht verbunden, ohne gegenseitige Information, nur von Ihren Preis/Leistungsinformationen oder was immer abhängig, können Sie mit den zwei fast machen, was Sie wollen.
  2. Im zweiteren Fall (constraint), in dem Ihre Verhandlungspartner (Kunden/Lieferanten - Gewerkschaft/Umweltschutz) gut organisiert sind (Oligopol) und sie nicht, wird eher mit Ihnen "gemacht" als dass sie machen, Sie stehen also unter Zwang, haben Einschränkungen (constraints).
     

Unternehmerische Freiheit besteht, wo beim Partner viele strukturelle Löcher vorhanden sind -a aber keine auf ihrer Seite. Wohl organisierte Wirtschaftsinteressen <> schlecht organisierte Interessen der Arbeitnehmer, der Gesellschaft, der Natur. Deren Organisation wird noch schlechter werden, das heisst noch mehr Freiheit für die Wirtschaft, durch den angestrebten Abbau des Verbandseinspracherechtes. Darum der Hass der Neoliberalen auf Verbände (mit Ausnahme der eigenen natürlich ...), denn Verbände des Landschafts-, Umwelt-, Natur-, Heimatschutzes und viele mehr besetzen meist strukturelle Löcher zwischen weit divergierenden Interessen. Ein massives strukturelles Loch findet sich zwischen Wirtschaft und Ethik. Dieses konnte allerdings noch nicht zufriedenstellend besetzt werden, d.h die bisherige Kompromisslösung der sozialen Marktwirtschaft hielt nur so lange, als das Wirtschaftsmodell Kapitalismus noch durch das Alternativmodell Kommunismus/Sozialismus wirklich bedroht war ... wenn auch kaum wirtschaftlich, so halt durch Atombomben.

Und obwohl der tertius eine einträgliche Position einnehmen kann - ist er in einer schwierigen Position, denn nur wer im Netzwerk drin ist, gehört dazu und wird ernst genommen, respektiert, erfährt Vertrauen. Wer nicht dazu gehört ist ein Aussenseiter. Von da her das Misstrauen aller Stammesgesellschaften gegenüber den freien Händlern (aber auch Denkern), die die Grenze des eigenen Bannes und Netzes immer wieder überschritten.

Outsider müssen also versuchen, mit prestigereichen Insidern in Verbindung zu kommen. Darum werben Unternehmen mit den möglichst prestigereichsten Aufträgen die sie erfüllt haben, Stellenbewerber mit möglichst Prestige reichen Referenzen.

Outsider sind auch Neulinge, Neuabsolventen, Berufsanfänger - und Frauen, die dank ihrer meist temporären Anstellung immer wieder von vorne anfangen müssen ihre Netze aufzubauen. (s.o.)

1.2.3 Netzwerke als Problem (=Filz)

Netzwerke sind, gerade wegen ihrer scheinbaren Durchlässigkeit und "Offenheit", eine ziemlich schwer zu durchschauende Angelegenheit (was der synonyme Begriff "Filz" weitaus deutlicher macht). Es reicht nämlich nicht, sich von einem Netzwerk fangen zu lassen - da werden Sie zur Beute - und gefressen. Man muss Spinne sein, um vom Netz zu profitieren, also network skulptur, dealer, structural hole colonialist. Es ist der erschwerte, selektive Zugang zu Netzwerken, der seine Stärke und einen Teil seiner Problematik ausmacht. Es ist die Position in der Netzwerkstruktur, die Freiheit beschränkt oder gibt. Die Bedeutung, die Netzwerke heute haben, immer hatten, zeigt auch die Bedeutung einer adäquaten Netzwerkanalyse:

  1. Es reicht nicht aus, die Personen zu kennen, die ein Netzwerk bilden.
  2. Es reicht nicht aus, die Strukturen zu kennen, die diese Personen verbindet.
  3. Es reicht nicht aus, die Funktionen der Personen und Strukturen zu kennen, um die Wirkung des Netzwerks beurteilen zu können ... solange man die Strukturpläne nicht kennt, den Sinn, die dahinter stehenden Normen und Werte.

Um in ein Netzwerk zu gelangen, muss man vom Aussenseiter zum Insider werden. Wo in der Natur, ausserhalb der menschlichen Kultur, gibt es so hinterlistige Netzwerke, die Beute nicht bloss einfangen und festkleben, sondern sogar gleich danach verlangen, sich aktiv als Klebfaden ins Netzwerk zu integrieren? Was bringt Menschen dazu, nicht ihren eigenen Werten zu folgen, sondern die eines Netzwerks zu übernehmen? Vermutlich meist symbiotische Vorteile, also entweder gemeinsame oder sich ergänzende Interessen. So wie der Pilz der Pflanze Wasser und Nährstoffe verschafft, von ihr aber über Zucker und andere Stoffe mit Energie versorgt wird, versorgt das Netzwerk seine Symbionten mit Geld, Aufträgen, Aufmerksamkeit - Publicity - beim rechten Publikum.

Man muss sich also bewusst bleiben, dass Netzwerke vor allem spezifische Gruppenstrukturen darstellen - also den selben Regeln folgen wie Gruppen und die selbe Dynamik entwickeln können. Also werden auch Netzwerke oft durch einen eher unheiligen Team-Geist beherrscht. Netzwerke haben den Vorteil, dass viele davon nebeneinander her laufen, also die Mitgliedschaft in unterschiedlichen Netzwerken möglich ist - was allerdings zu einer gewissen Rollen-Schizophrenie führen kann.

So ist es auch logisch, dass unterschiedlichste Netzwerke nebeneinander und übereinander bestehen, sich zum Teil fördern (Wirtschaft - rechte Politik), zum Teil bekämpfen (Wirtschaft - linke Politik), zum grössten Teil aber einfach ignorieren oder das Gegenüber einfach als "Event" wahrnehmen, für das man sich halt nicht interessiert ... es sei denn, es nütze grad mal. (s. Wirtschaft - Ethik).

1b Strukturen der Masse

[Elias Canett: Masse und Macht. Fischer. Frankfurt. a. M. 1980]

Eigenschaften der Masse:

  1. Der Drang zu wachsen ist die erste und oberste Eigenschaft der Masse. Der Urtrend ist die möglichst grosse Nachkommenschaft, der möglichst grosse Hof, Staat, Betrieb - dann der möglichst grosse Haufen Geld und Gold ... allenfalls Aktien. Massenproduktion erlaubt Grösse - Massenproduktion braucht Massen als Konsumenten, die durch vielfältige Verpackung in der Illusion gehalten werden, Individuen zu sein.
  2. Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit
  3. Die Masse liebt die Dichte (also die Stadt)
  4. Die Masse braucht eine Richtung (also den Führer).
  5. Die Masse besteht, solange sie ein unerreichtes Ziel hat.

Sonderformen der Masse:

Ursprüngliche Formen der Masse:

In den Ländern, die besonderen Wert auf das >Proletariat< legen - wo grosse Anhäufungen von Kapital in den Händen einzelner verhindert werden -, stehen Probleme der allgemeinen Verteilung theoretisch gleichwertig neben denen der Vermehrung. In den andern ... ist die Verteilung einfach ungerecht.

 

Die Lenkung der Massen:

Massenkristalle sind eine kleine, rigide (fundamentalistische) Gruppe von Menschen, fest abgegrenzt und von grosser Beständigkeit, die dazu dienen, Massen auszulösen. Es ist wichtig, dass diese Gruppen überschaubar sind, dass man sie mit einem Blick umfasst. Auf ihre Einheit kommt es viel mehr an als auf ihre Grösse. Ihre Verrichtung muss vertraut sein, man muss wissen, wozu sie da sind. Ein Zweifel an ihrer Funktion würde ihnen jeden Sinn nehmen; am besten ist es, sie bleiben sich immer gleich. Eine Uniform oder ein bestimmtes Verrichtungslokal kommt ihnen sehr zustatten. 

Massenkristalle der heutigen Massenkonsums-Konsumentenmassen sind also die Eliten, speziell die Finanzeliten. Ihr Problem: Der Stachel

Der Befehl: Flucht und Stachel

Der Befehl ist älter als die Sprache, sonst könnten Hunde ihn nicht verstehen. Man nimmt ihn als etwas, das immer war, er erscheint so natürlich wie unentbehrlich. Von klein auf ist man an Befehle gewöhnt, auch das ganze erwachsene Leben ist durchsetzt von ihnen, ob es nun um die Sphären der Arbeit, des Kampfes oder des Glaubens geht.

Der Befehl ist wie ein Pfeil. Er wird abgeschossen und trifft. Der Befehlshaber zielt, bevor er abschiesst.

Jeder Befehl besteht aus einem Antrieb und einem Stachel. Der Antrieb zwingt den Empfänger zur Ausführung, und zwar so, wie es dem Inhalt des Befehls gemäss ist. Der Stachel bleibt in dem zurück, der den Befehl ausführt.

Der Herr befiehlt seinem Sklaven, eine Mutter befiehlt ihrem Kind. Die Befehlsempfänger, denen am gründlichsten Mitgespielt wird, sind die Kinder. Dass sie unter der Last von Befehlen nicht zusammenbrechen, dass sie das Treiben ihrer Erzieher überleben, erscheint wie ein Wunder. [S. 338]

Der Befehl in der Armee stellt Gleichheit her, stellt lenkbare Masse her, die keinen eigenen Willen mehr hat - und präzise das ist es, was sie gefährlich macht. Der Soldat lebt immer im Zustand der Befehlserwartung, und das ist eben nicht die Erwartung einer Begebenheit, über die nachgedacht werden müsste. Disziplin, ohne Murren, ohne Widerspruch macht das Wesen der Armee aus .... und man sollte sich vielleicht doch mal fragen, ob es richtig ist, akademisches Spezialwissen ebenfalls "Disziplin" zu nennen ....

Gerade im Soldaten sammelt sich der Stachel des Befehls in ungeheuerlichem Masse. Er schluckt und schluckt Befehle - und für jeden Befehl den er ausführt bleibt ein Stachel. Er gehorcht - und wird immer starrer - bis er befördert wird, und sich der Stachel entledigt, indem er nun selbst befiehlt. (Was ich meist durch die Machttreppe ausdrücke. Eine ähnliche Funktion sich des Stachels zu entledigen, eben so unwirksam und dämlich wie selbst befehlen, ist Mobbing.) Hier entsteht eine zweite, eine geheime Disziplin, angefeuert durch den Drang, all die gespeicherten Befehlsstachel nun zu verwerten, einem andern anzuhängen. Der Stachel drängt danach, wieder zum Pfeil zu werden. Hierin basiert die autoritäre Erziehung und Führung, hierin scheitert sie.

Von welcher Seite immer man ihn betrachtet, der Befehl in seiner kompakten, fertigen Form, wie er sie nach einer langen Geschichte heute hat, ist das gefährlichste einzelne Element im Zusammenleben von Menschen geworden. Man muss den Mut haben, sich ihm entgegenzustellen und seine Herrschaft  zu erschüttern. Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, den grösseren Teil des Menschen von ihm freinzuhalten. Man darf ihm nicht erlauben, mehr als nur die Haut zu ritzen. Aus seinen Stacheln müssen Kletten werden, die mit leichter Bewegung abzustreifen sind. [S. 371]

Der <freie> Mensch ist nur der, der es verstanden hat, Befehlen auszuweichen, und nicht jener, der sich erst nachträglich von ihnen befreit.

2 Anwendung der Netzwerktheorie in der Wirtschaft: CLUSTER

[D. Rehfeld: Clusterentwicklung und Clustermanagement im Vergleich. Fallstudien aus drei Regionen in NRW. S. 177-196]

Die Chemische Industrie (s. Die Geschichte der chemischen Industrie in Basel / Die Grundlage der Pharmaindustrie und Biotechnologie: Geheimes Wissen, verschwiegenes Wissen, nur halbpatzig publiziertes Wissen .... sich dauernd änderndes Wissen) gehörte seit Ende des 19. Jahrhunderts zu den Schlüsselbranchen de deutschen Wirtschaft. Für die Clusterbildung ist sie insofern interessant, weil es sich bei ihr um die am frühesten und am intensivsten globalisierte Branche in Deutschland handelt. Exportanteil 68%, Weltmarktanteil 14%.

Wesentlich für die Standorte im Rheinland ist ein dichtes Pipeline-Netz, über das die Standorte innerhalb der Region miteinander verflochten sind. Die Grundstoffchemie im Rheinland befindet sich im Zentrum eines Nordwesteuropäischen Verbundsystems, dessen Eckpunkte die niederländischen und belgischen Standorte im Westen, die Standorte des nördlichen Ruhrgebiets im Norden und Ludwigshafen im Süden bilden. Diese stoffliche Vernetzung (Verbundproduktion) ist es, die grundlegend für den Chemiecluster ist. Alle wesentlichen Bereiche der Grundstoffchemie werden abgedeckt. Neben dem Pipeline-Netz gehören aber auch Skaleneffekte aus der Verbundproduktion dazu sowie die Dienstleistungen, die von den Service-Gesellschaften angeboten werden. Zu diesem Cluster sind zudem weitere, an verschiedenen Standorten der Region zu findende Aktivitäten zu zählen, die vor allem auf Transport und Logistik ausgerichtet sind: spezialisierte Gefahrguttransporteure, Behälter- und Kesselbau für die chemische Industrie, Teile des Maschinen- und Anlagenbaus oder die jüngst gegründete Knapsack Cargo GmbH (KCG), mit der im kombinierten Ladungsverkehr die Möglichkeiten einer Verlagerung von der Strasse auf die Schiene erweitert werden.

Im Rheinland befindet sich ebenfalls der wohl einzige integrierte Kunststoffcluster in Deutschland. Kernelemente des Cluster sind:

Netzwerkerfordernisse Netzwerkversagen
  • gemeinsame core beliefs ("Glaubensgrundsätze", Werte)
  • Entwicklung gemeinsamer Perspektiven
  • Klare Vorstellung über Form, Zweck und Inhalt der Vernetzung
  • Entwicklung von Vertrauen
  • Formulierung der Eigeninteressen
  • Freie organisatorische Kapazitäten
  • Fachliche Kompetenz
  • Technisch, finanzielle Mittel
  • Gemeinsame Problemanalyse und darauf aufbauende Problemlösungsstrategie
  • Kompromissfähigkeit
  • Verstetigung der Akteursbeziehungen
  • Hohes Mass an Transparenz
  • Reziprozität
  • Politisch-ideologische Differenzen
  • Hohe Fluktuation
  • Problem der grossen Zahl
  • Eigennutz ist gegenüber dem Gesamtsystem unangemessen
  • Konkurrenz
  • Spannungsverhältnis von Umwelt und Binnenwirkung
  • Langwierige Entscheidungsprozesse
  • In-Group-Verhalten mit der Gefahr der Schliessung nach aussen - closed shops
  • Definitionsmacht einzelner Akteure/Personen
  • Ungeklärte Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Akteuren
  • Externe Restriktionen
  • Unzureichende Selbstreflexion

[Tabelle 2. S. 236]

Sehen wir uns die von Castells erwähnten Cluster hochmoderner Dienstleistungsanbieter an, so besteht hier auch ein offensichtlicher Widerpruch zur Euphorie gewisser Kreise betr. der global cities. Diese Cluster befinden sich nämlich am Rande der grossen Ballungsräume, in den weniger entwickelten Regionen, der sog. Peripherie, manchmal grad auch in weniger entwickelten Ländern:

Hier werden die grossen Massen geringer Qualifizierter Arbeitskräfte beschäftigt ... vor allem Frauen aus den Vorstädten, die leicht ersetzbar oder "wiederverwendbar" sind, wenn sich die Technologie weiter entwickelt und die wirtschaftliche Achterbahn weiterrollt. [S. 441]

Weitere Beispiele zu Clusters:

wirtschaftscluster SchweizDie Karte zeigt deutlich, dass hier ein grosser Teil der Schweiz ziemlich am A... ist - sogar wenn sie mitten drin in so einem Cluster wohnen - aber damit nichts zu tun haben (wollen).

2.1 Wirtschaftliche Netzwerke in Taiwan

[P.S. Güllner: Netzwerke als Ordnungsprinzip. Eine institutionenökonomische Analyse von Unternehmensnetzwerken in Taiwan. Diss. Freiburg, Schweiz. 2000.]

guanxi - Beziehungen, ist ein Schlüsselbegriff der chinesischen Wirtschaft. Er bezeichnet die Arbeitsteilung zwischen kleinen und mittelständischen Familien-Unternehmen als Netzwerk, das auf persönlichen Beziehungen und Vertrauen basiert

Unter Chinesen finden gesellschaftliche Interaktionen vorwiegend innerhalb von Beziehungsnetzwerken statt und sie stellen in der chinesischen Gesellschaftsordnung ein historisch dominantes Ordnungsprinzip dar, welches noch heute die chinesische Wirtschaftsordnung prägt. Dieses Ordnungsmuster wird in der Chinaforschung mit dem Schlüsselbegriff "guanxi" (Beziehungen) beschrieben. [S. 1)

Bei uns läuft es im Prinzip ja genau so. Der Fachbegriff heisst hier "Vitamin B" oder Filz ... aber man redet nicht so gerne drüber, da dieses exklusive Konzept irgendwie nicht so ganz im Einklang steht mit der offenen Gesellschaft und dem viel gelobten freien Markt. Man verschleiert die Tatsache also per "Netzwerk", "B2B", Cluster etc.

"Freier Markt" und Netzwerke:

Bei Diskussionen um den sog. "freien Markt" ist also darauf zu achten:

  1. wie weit der durch Netzwerke beherrscht wird,

  2. welche Ziele diese Netzwerke verfolgen,

  3. wer an den entscheidenden Knotenpunkten sitzt und dadurch den Markt wie beeinflusst - vor allem durch agenda setting, network sculpting und - not last, but rather first -

    wer, wo und warum neue Geschichten kreiert die allgemein akzeptierten Sinn schaffen.

Netzwerke sind eine dritte Koordinationsform nebst Markt und Hierarchie, mit einer Art Hybridstellung, denn Netzwerke sind nicht offen wie der Markt (theoretisch), und nicht alle Knoten eines Netzwerks haben die gleichen Möglichkeiten.

Horizontale und vertikale Netzwerke erlauben es auch kleinen Firmen eine economy of scale (Skalengewinne) zu realisieren, sind aber flexibler als Grossfirmen.

Taiwan produziert so günstig, nicht bloss weil die Löhne immer noch relativ tief sind und die Vernetzung optimal, sondern weil ebenfalls ein grosser Binnenwettbewerb herrscht, der die Preise drückt. Die Kleinstrukturiertheit hat den Vorteil geringer Einstiegschancen (sunk costs) - aber eben damit auch den "Nachteil" hoher Beteiligung = grosser Konkurrenz.

Rahmenbedingungen: Die Verfassung Taiwans gewährleistet die bürgerlichen Grundrechte und die wirtschaftlichen Grundrechte der Berufs- und Gewerbefreiheit, Vertragsfreiheit, Recht auf Eigentum. Laut Güllner schränkt diese Verfassung zur Realisierung der Volkswohlfahrt (minsheng) diese Grundrechte jedoch ein, weil sie den Ausgleich der Bodenrechte, die Kontrolle des Kapitals, die Förderung der Industrialisierung sowie den sozialen Wohlfahrtsstaat fördert, pardon, fordert, laut Originaltext.

Entwicklungsstrategien in Taiwan 1949-1999

  Entwicklungsphase Wirtschaftspolitik
1950er Jahre Strukturwandel des Agrarsektors.
Importsubstitution im Bereich der Leichtindustrie.
Agrarreform
Staatliche Planung
1960er Jahre Exportindustrialisierung: Elektronikindustrie als Standbein Aussenhandelspolitik
Steuer- und Fiskalpolitik
Export Processing Zones
1970er Jahre Importsubstitution im Bereich der Schwerindustrie Staatliche Industriepolitik
Infrastrukturpolitik
Staatsunternehmen
1980er Jahre Industrielles Upgrading Selektive Industriepolitik
Selektive FDI-Politik (foreign direct investment)
Sicence-based Industrial Park
1990er Jahre Dienstleistungsorientierung Liberalisierung (APROC)
Strategische FDI Allianz
Go South FDI Policy

Diese 50 Jahre Entwicklungsgeschichte lehren uns einiges:

  1. findet der bedeutsame Strukturwandel der Landwirtschaft bereits im Übergang zur Industrialisierung statt. Wer heute mit den selben Rezepten den letzten Rest an Landwirten auch noch wegputzen will, ist also irgendwie mindestens 50 Jahre hintendrein.

  2. Produktion für Export braucht Strukturen, Wissen, Märkte - und Qualität, ein Problem mit dem grad (Festland-)China zu kämpfen hat. Tiefe Löhne können also auch kontraproduktiv sein. Staatsunternehmen wurden nach dem Krieg gegründet, um notleidende Veteranen zu beschäftigen. Dass zu Anfang der 50er Jahre die Hälfte der Industrie in staatlichem Besitz war, ist vor allem ein Resultat der Auflösung kolonialer Besitztümer. Diese Auflösung zeigt präzise, was bei Privatisierungen passiert:

    Rentable Betriebe lassen sich rasch verkaufen - unrentable will keiner. Sind grosse Investitionen nötig mit unsicherer Rendite, muss der Staat herhalten (75-90).

  3. Industrielles Upgrading, also die Produktion von spezialisierten qualitativ hochwertigen Waren erfordert noch mehr Wissen und Können, Sorgfalt - und Vertrauen bei den Kunden. Wissensbasierte Industrie braucht aber auch und vor allem Forscher und Erfinder die weniger aus Interesse am Wissen als aus Profitdenken forschen und erfinden. Diese zwei grundsätzlich unterschiedlichen Arten der Forschung sollten nicht vermischt werden. (s. Forschungspolitik: öffentliches Wissen - privates Wissen)

  4. Die Dienstleistungsorientierung, also das Wachstum des 3. Sektors, ist eine logische Folge der Rationalisierung in der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion, wurde aber bis anhin oft von recht einseitigen Vorstellungen betr. <Dienstleistungen> geprägt, also primär von Dienstsleistungen die zu noch schnellerer Produktion von noch mehr Überflüssigem führen. Den 3. Sektor zum 4. zu machen, zur Domäne von Kunst, Musse, Befreiung und Selbstverwirklichung des Menschen ... ist noch Utopie. (s. Ueberflussökonomie)

Taiwans Entwicklung 1952-98

Jahr 1952 1985 1998
Bevölkerung 8.1 Mio 19.3 Mio 21.9
BSP nominal 1.7 Mia $ 63.1 Mia $ 262.3 Mia. $
BSP pro Kopf 196 $ 3'297 $ 12'040 $
Anteile am BIP:
Landwirtschaft
Industrie
Dienstleistungen

32.2
19.7
48.1

  5.8
46.3
47.9

  2.9
34
63.1
Ateile am BSP in %
Export
Import

  8
14.1

53.3
39.8

48.8
46.8
Exchange Rate NTS/USD 40.05 39.8 32.2
Forex Reserven < 100 Mio $ 22.5 Mia $ 90.3 Mia. $

In weniger als 50 Jahren hat sich Taiwan von einem Agrarstaat zur 14. Exportnation der Welt entwickelt. Nota bene, offenbar doch intelligenter als die Exportschreier hierzulande (und in Deutschland) wandte sich Taiwan ab von dominanter Exportförderung und hat heute ein recht ausgeglichenes Import-Export-Portfolio.

Nebeneinander - Miteinander von grossen und kleinen Firmen:

 Taiwan hat den grössten Staatssektor und den grössten KMU-Sektor im Vergleich mit Japan und Südkorea, während letzteres einen grossen privaten Grossfirmensektor aufweist.

Die Taiwaner (Taiwanesen?) verfügen offenbar über ausgeprägten Unternehmergeist. Auf 20 Einwohner kommt ein Unternehmen, also auch ein Unternehmer (laoban). Auf die Arbeitende Bevölkerung umgerechnet heisst das, dass 1 von 10 Arbeitskräften Unternehmer ist. Das zeigt natürlich sofort auch, dass es sich um sehr kleine wirtschaftliche Strukturen handeln muss. Hier zeigt sich ein grosser Unterschied zwischen dem ostasiatischen Wirtschaftswunder Taiwan und dem ebenfalls ostasiatischen Wirtschaftswunder Südkorea. Im ersten Fall organisieren sich Klein- und Kleinstproduzenten in horizontalen Netzwerken - im zweiteren werden sie vertikal integriert in Grossbetrieben.

1983 waren bei den Kapital- und Investitionsnetzwerken  84 der 96 Topunternehmen in Familienbesitz. Produktionsunternehmen werden häufig gegründet von Menschen, die im Upstream- Bereich Erfahrung gesammelt haben, also vom Verkauf oder Management her den Markt und seine Bedürfnisse kannten, und dann selbst neue Produkte in diesen Markt einbrachten oder Bestandteile, Vorprodukte günstiger oder in besserer Qualität lieferten. Oft bleiben sie in Verbindung mit dem ehemaligen Arbeitgeber, was also in etwa dem Outsourcing entspricht, nur dass es in diesen Fällen aus eigenem Drang und Wille erfolgte, und nicht aus Spargründen gefordert wurde. Solche Spinoffs und Outsourcing wird oft von ehemaligen Arbeitgebern auch darum gefördert, um zu verhindern, dass firmenspezifisches Wissen an die Konkurrenz gelangt.  Andere Betriebe entstanden, weil sie von Importsubstitution selbst auf Export umstellten.

Mitglieder der Netzwerke werden oft nach Details wie etwa dem Dialekt, also dem Herkunftsort ausgewählt, weil die einen für vertrauenswürdig gelten, die andern nicht. Nichtchinesen haben da nur sehr geringe Chancen der Beteiligung- und/oder sehr hohe Kosten (sunk costs), sich das Vertrauen zu erwerben oder in Form einer Risikoprämie dafür zu bezahlen. So zahlen etwa Chinesen in Saigon bei chinesischen Geldverleihern nur halb so viel Zins wie Vietnamesen ... so viel zum freien Markt in dem nur Preis, Leistung, Menge und Qualität zählt. .... alles Schwindel ..

In Japan sind Wirtschaftsgruppen um Netzwerke von Firmen herum organisiert, die untereinander Aktien handeln. Die zwei wichtigsten Typen sind:

Diese stabilen Wirtschaftsgruppen kontrollieren praktisch den Kernbereich der japanischen Wirtschaft, indem sie ein dichtes Netzwerk gegenseitiger Verpflichtungen, verzahnter finanzieller Abhängigkeiten, Marktabsprachen, Personaltransfers und gegenseitiger Informationen organisieren. Ein entscheidend wichtiger Bestandteil des Systems ist die allgemeine Handelsgesellschaft für jedes Netzwerk, die als allgemeine Vermittlerin zwischen Lieferanten und Konsumenten arbeitet und für die Koordination von Ressourcen und Produktion sorgt. Sie integriert das System.

[Castells. Bd I, S. 201-2]

Die koreanischen Netzwerke (chaebol), sind zwar historisch durch die japanischen zaibatsu angeregt worden, sie sind aber sehr viel hierarchischer als ihre japanischen Gegenstücke. ... Die Gründerfamilie übt eine strikte Kontrolle aus, indem Familienmitglieder, regionale Bekannte und enge Freunde für die obersten Management-Posten der chaebol ernannt werden. Anders als in den japanischen keiretsu spielen kleine und mittlere Unternehmen eine geringe Rolle. ... Die vier grössten koreanischen chaebol (Hyunday, Samsung,  Luciy Gold-Star und Daewoo) gehören heute zu den grössten Wirtschaftskonglomeraten der Welt und erwirtschafteten 1985 45% des koreanischen BIP. [S. 209]

Ohne einen zuverlässigen Staat zur Durchsetzung von Eigentumsrechten braucht man nicht Konfuzius zu sein, um sein Vertrauen eher in Verwandte als in einen Vertrag aus Papier zu setzen. Wie North gezeigt hat, war es im Westen gerade die aktive Beteiligung des Staates am Geltendmachen von Eigentumsrechten und nicht das Fehlen staatlicher Intervention, was zum kritischen Faktor bei der Organisation wirtschaftlicher Tätigkeit entlang von Transaktionen auf dem Markt zwischen freien, individuellen Akteuren wurde. Wo der Staat wie in China nicht handelte, um den Markt zu schaffen, taten dies Familien auf eigene Faust. Sie handelten am Staat vorbei und betteten die Marktmechanismen in gesellschaftlich aufgebaute Netzwerke ein. [S.209]

Obwohl tendenziell die Selbständigkeit abnimmt, eröffnen sich auch immer wieder neue Nischen für relativ autonome Beschäftigung. Hier sind die Entwicklungen je nach Land recht unterschiedlich::

Entwicklung der Selbständigkeit in %
 
1950 1955 1970 1975 1980 1985 1990
USA 17.6    

    8.8
Kanada     8.4  

  9.7
Japan     19.2  

14.1 + 8.3 = 22.4 mithelfende Familienangehörige
Deutschland   13.8

9.5

  8.9
Frankreich       12.8   12.8  
GB     7.6     13
Italien         24.8    

Shanghai sollte die Steuerzahler Grossbritanniens nichts kosten und zum Schaufenster des wohltätigen britischen Kolonialismus werden: Es gab tausende von Fabriken in Hochhäusern - als "Etagenfabriken" bezeichnet-, die wesentlicher Bestandteil des öffentlichen Wohnungsbauprogramms waren und niedrige Mieten zahlten. Ausserdem senkten die Subventionen für das Programm die Arbeitskosten erheblich, und das so geschaffene Sicherheitsnetz ermöglicht es Arbeitern, sich ohne übermässiges Risiko an die Gründung eines eigenen Unternehmens zu wagen (dabei wurden durchschnittlich sieben Anläufe nötig, bevor sich der Erfolg einstellte). In Taiwan bildeten, als Folge der Beharrungskraft der Landwirtschaft in den industriellen Gebieten, das ländliche Wohnhaus und das Familiengrundstück den Sicherheitsmechanismus, der es ermöglichte, sich zwischen Selbständigkeit und Lohnarbeit hin und her zu bewegen. [S. 216]

Hier zeigt sich das selbe Muster, das noch im 19. JH. weitgehend für die Landbevölkerung der Schweiz galt (s. Basel Stadt und Land) - und von dem rechte Kreise weiterhin träumen (Eigenverantwortung), obwohl es längst nicht mehr da ist.

Nicht zu vergessen der Ursprung aller Netze, das Arpanet, das die US-Wissensindustrie mit der US-Armee verband - aber andere ausschloss. Der klassische Vorläufer des militärisch-industriellen Komplexes.

Multinationale Firmennetzwerke:

  1970 1993 1998
Anzahl multinationaler Firmen 7000 150'000 203'000 mit 415'000 Tochterfirmen
Arbeitskräfte   70 Millionen  
Produktion   5.5 Milliarden $
ein Viertel des gesamten Welthandels
 

 

3 Anwendung der Netzwerktheorie in der Politik

In der Politik herrscht vor allem ein riesiges Strukturloch zwischen links und rechts, das aber schwer für Vermittlungsgewinne durch die Mitte-Parteien zu nutzen ist. Vor allem aber zeigt sich, wenn man mal überlegt, welche Strukturen die Linke verfügt, über welche die Rechte, eine rechte Diskrepanz. Rechts gibt es nicht nur den starken Führer, der den Dialog so dominiert, dass er alle Parteien nach rechts zieht, egal ob er nun im Bundesrat ist oder nicht, sondern auch die Presse (womit ich nicht die Weltwoche meine, die ist eh überflüssig, sondern die Propagandaaktionen von economiesuisse und avenir suisse. Diesen sog. Stink... pardon thinktanks hat die Linke nichts entgegen zu setzen. Die einzige (ehemals) geschlossene und straff organisierte Organisation war die Gewerkschaft, die heute nur noch eine Minderheit beeindruckt. Die meisten Netze links verbinden Klein- und Kleinstgruppen ohne Reichweite. Dass diese zumeist auf einer Widerstandsidentität aufbauen, allenfalls auf einer eben so exklusiven Projektidentität, erklärt die fehlende Kooperation. (s. Aufbau von Identitäten)

 

 

 

Burt (1992) wendet seine Theorie der Vorteile struktureller Löcher auf eine Analyse von unternehmensinternen Karrieremustern von Managern eines amerikanischen Technologiekonzerns an und fand:

 

3.1 Politische Steuerung von und mit Netzwerken

[Stefan Schweizer: Politische Steuerung selbstorganisierter Netzwerke. Diss. Schriften zur Rechtspolitologie Bd. 16. Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden. 2003]

Definition politische Steuerung:

Generierung und Realisation gesamtgesellschaftlich bindender Entscheidungen

zur Gestaltung sozialer Entwicklungen.

Die autoritäre Allokation von Werten für die Gesellschaft (Easton)

Es müssen nicht alle entscheiden ... aber es muss und wird für alle entschieden ...

Regelungsbedarf ergibt sich jeweils aus der Differenz von Erwartungen zur reellen Entwicklung der Umwelt. Je rascher sich diese ändert, desto schneller muss auch die Politik werden.

Steuerung ist jedoch problematisch in komplexen Gesellschaften/Systemen, da diese oft unerwartete Reaktionen zeigen können. Das Verfehlen von Steuerungszielen erzeugt Politikverdrossenheit ... obwohl oft die Verdrossenen ja selbst die Politik verhindern, weil jede Teilgruppe auf ihren Maximalforderungen und ihrem reinen System beharrt.

Da multikulturell rechts bereits zum Schimpfwort wurde, könnte man es mit Polyperspektivismus oder Pluralität versuchen, denn jede(r) sieht die Welt und ihre Zukunft aus einer anderen, subjektiven Perspektive. Die erwünschte Entwicklung ist also immer ein Kompromiss zwischen unterschiedlichen Perspektiven, auch schon ohne Multikulti, mit um so mehr.

3.2 Planung

Staatliche Planung ist eine Problemlösungsstrategie. Wird der Staat hierbei behindert, indem man ihm z.B. die Finanzen entzieht oder die Zuständigkeit abspricht (Verbandseinspracherecht!), wird die Lösung von Problemen verhindert, die durch Clans, Clubs, Netzwerke einseitiger Orientierung (Profit) verursacht wurden. Die Abschaffung des Staates bringt so (leider) nicht unbedingt mehr Freiheit, insbesondere nicht für alle.

Der planbasierte Steuerungsoptimimus kulminierte 1969, mit dem Beginn der sozialliberalen Aera, wich aber einer Phase zunehmender Zurückhaltung. Dies nicht weil die Anarchisten aus dem Staat Gurkensalat gemacht hätten, sondern weil ihm die Wirtschaft zusehends ganz einfach die Mittel entzog und ihn durch Standortswahl erpresst(e).

Planung basiert immer auf Erhebungen und Annahmen. Zum Basismodell der sozialen und politischen Planung wurde der Homo oeconomicus, der sich durch positive und negative finanzielle Anreize fast beliebig steuern lässt. Leider hatte diese sog. Marktsteuerung zur Folge, dass die Ausrichtung allen Denkens, Fühlens und Wollens aufs Geld noch mehr verstärkt wurde, Bildung zur Schulung verkam und Kultur zur Handelsware wurde.

Systematik des Planungsprozesses:

  1. Konzeption: Problem-Abgrenzung und -Formulierung und Abklärung der Ziele durch Zielinterpretation, -präzisierung und -setzung.

  2. Information: Suche nach relevanten Informationen, Datensammlung Politik und Umwelt

  3. Analyse: Modellbildung - Szenarios, Ermittlung zielrelevanter Alternativen und Abschätzung der Konsequenzen (Risiken) derselben. Effektivitäts- (Soll/Ist) und Effizienzprüfung (Kosten/Nutzen).

  4. Interpretation: Entscheidungskriterien für die Auswahl: zielmaximierend, kostengünstig, risikominimierend, machbar, mehrheitsfähig etc.

  5. Programmentwurf:

Notwendig ist hier die Lernfähigkeit der Systeme betr. der Veränderungsbedürftigkeit von Systemstrukturen, die Identität und Flexibilität verbinden.

3.3 Steuerungstheoretische Hypothesen (S. 298ff.):

SH 1: Wenn der politisch Steuernde innerhalb eines Netzwerkzusammenhangs - also intrasystemisch - extrasystemische Dynamiken im Sinne einer Zielrealisierung in Gang setzen möchte, so muss er versuchen, via lancierten Perturbationen und darin implizierten Steuerungsmedien netzwerkinterne Strukturveränderungen dergestalt anzustossen, dass die daraus resultierenden Konsequenzen Entwicklungspfade gemäss seiner Steuerungsvorstellungen eröffnen.

Einfacher ausgedrückt ist das präzise die Methode des therapeutischen Anstosses, also der Systemtherapie (s. auch Planung als Diagnose und Design / und insbesondere  Wie lässt sich Politik betreiben, wenn sich komplexe Systeme nicht lenken lassen?)

SH1' : Wenn es im Sinne politischer Zielrealisierung entscheidend ist, Akteurbeziehungen (vor allem als Tauschvorgänge fokussiert) zu initiieren, dann müssen dafür die strukturellen Löcher überbrücken könnenden Maklerpositionen vom politischen Steuernden instrumentalisiert bzw. selber besetzt werden.

Durch diese Instrumentalisierung oder Besetzung von Maklerpositionen wird aktives Networkskulpting und damit Strukturveränderungen und Aenderungen von Akteurpotentialen möglich.

SH 2: Wenn bestimmte Netzwerkakteurhandlungen hervorgebracht werden sollen, dann ist es für den politisch Steuernden nötig, entweder entsprechend (direkte oder indirekte) Tauschinhalte zu offerieren oder die Netzwerkstrukturparameter dergestalt zu verändern, dass die Wahrscheinlichkeit der intendierten Handlung durch den anvisierten Netzwerkakteur so gross wie möglich wird.

Dabei kommt es massgeblich auf die Definition der Akteurinteressen an. Die Akteurinteressen werden nach Burt - und das ist vollständig TSK-kompatibel - durch die Maximierung der subjektiv zu erwartenden Nutzens definiert. Dieser subjektive Akteurnutzen wird durch die strukturelle Einbettung definiert. Die analytische Lehre und Abstraktheit des Nutzenbegriffs ermöglicht dabei einen grossen empirischen Anwendungsbereich. Nutzen können demnach Sachverhalte materieller (Geld, Güter, etc.), aber auch immaterieller Art (Macht, Information, Kontakte etc.) darstellen.

SH 3: Je mehr der politisch Steuernde über die Beschaffenheit der Sozialorientierung der Netzwerkakteure im Sinne von informationeller Grundlage weiss, desto mehr steigt die probabilistische Chance via perturbatorisch eingesetztem Steuerungs- und Tauschmedien, das anvisierte Steuerungsziel realisieren zu können.

Sozialstrukturelle Ausgangsbedingungen für möglichst erfolgreiches steuerungstheoretisches Networksculpting ist also hautsächlich aus der Position des Maklers und dem primär damit verbundenen Streben nach unternehmerischem Gewinn zu suchen. Dies ist jedoch wieder vom Grad der strukturellen Autonomie des Maklers abhängig. Die strukturelle Autonomie definiert sich ja über das Vorkommen struktureller Löcher und dem damit verbundenen Maklerpotential, die Entrepreneur-Position zum Brückenbau über diese strukturellen Löcher hinweg zu nutzen. Diejenigen Akteure, auf deren eigener Seite sich so gut wie keine strukturellen Löcher befinden, im anderen Bereich unter den kontaktierten Akteuren sich jedoch viele strukturelle Löcher auftun, besitzen einen hohen Status an struktureller Autonomie, wodurch sie an den bestmöglichen Netzwerkplätzen sitzen, die hinsichtlich der Informations- und Kontrollvorteile eingenommen werden können.

SH 4: Da die jeweilige sozialstrukturelle Position eines Akteurs dessen Nutzenabwägungen beeinflusst, muss diese motivstiftende Akteurpositionierung modelliert werden.

Die Formulierung ist grässlich (wissenschaftlich) - zeigt aber ein Kernproblem: Motive, die Idee über Nutzen, also Interessen sind der kritische Punkt - aber sie können, ja sie müssen unter Umständen verändert werden, was vor allem über die Sinnfrage, präziser die Gestaltung von Sinn(vollem) möglich ist.

SH 5: Wenn die jeweilige sozialstrukturelle Position eines Akteurs dessen Akteurinteressen beeinflusst, dann muss die Wirkungsbeziehung zwischen Sozialstruktur und Interessenprägung modelliert werden.

SH 5' : Wenn ein Netzwerkakteur sich seiner sozialstrukturellen Einbettung als Makler bewusst ist, dann läuft seine Interessenprägung bzw. Sozialorientierung auf eine möglichst hohe Profitratengenerierung hinaus.

Zu Deutsch: Wer die Möglichkeit hat, seine Position für die Vermehrung des Kapitals auszunutzen, der tut dies auch. Das wäre soweit normal ... allerdings wird auch hier bereits durch die Sprachverwendung klar (Profitratengenerierung), dass es um Geld und Sach-Werte geht, womit andere Werte eben wegen dieser einseitigen Bevorzugung unter die Räder geraten.

SH 6: Wenn die Akteurposition und das Akteurinteresse das Akteurhandeln bestimmen, dann muss diese Wirkungsbeziehung modelliert werden.

SH 6' : Je höher der Grad der strukturellen Autonomie eines Akteurs ist, desto grösser ist die Chance einer anvisierten Handlungszielrealisierung.

SH 6'': Je stärker und besser es gelingt, selber als Makler strukturelle Löcher zu überbrücken bzw. Makler zur Überbrückung der strukturellen Löcher zu instrumentalisieren, desto grösser nehmen sich die Zielrealisierungschancen aus.

SH 7: Wenn das Akteurhandeln die Sozialstruktur modifiziert, dann muss diese Wirkungsbeziehung modelliert werden.

SH 8: Je grösser die Anzahl der strukturellen Löcher in oder zwischen Netzwerken, desto höher ist die steuerungstheoretische Funktion der strukturellen Löcher.

Und das gibt Anlass zu Optimismus, denn je detaillierter die einen ihr Gebiet (die Wirtschaft) organisieren, desto grösser werden die Löcher im Gesamtsystem. Das heisst, dass man sich nicht von den goldenen Versprechungen (Erzählungen) einzelner Netzwerke blenden lassen soll, sondern eigentlich eher die Löcher unter die Lupe nehmen muss, die diese Netzwerke lassen, oder oft erst schaffen.

SH9: Das steuerungstheoretische Potential hat dann sein Optimum erreicht, wenn eine möglichst hohe Koordinationsfähigkeit zwischen und in Netzwerken mit einer gleichzeitig hohen, eigenen strategischen Kontrollmöglichkeit gegeben ist.

 

4 Sinn als primäres Selektions- und Orientierungskriterium und seine Vermittlung über die Erzählung

Politische Steuerung versteht sich als höchst komplexe strukturelle Koppelung innerhalb eines Interaktionsnetzwerks von politischem System und dem anderen, zu steuernden Teilsystem.

Politische Steuerungsversuche können für die Adressaten nur dann handlungsrelevant werden, wenn die Massnahmen wahrgenommen werden und motivierend wirken - also als <sinn-voll> wahr genommen werden.

Vielleicht verständlicher ausgedrückt, falls sie das Kapitel über strukturelle Löcher gelesen haben: Politik wird gemacht durch Setzen und Bearbeiten von Themen - was zugleich network sculpting ist, oder zumindest sein kann, worauf ja auch der Ausdruck "agenda setting" hinweist.

Bedeutung der Erzählung:

Summa summarum werden Identitäten in narrative Strukturen und den daraus resultierenden Geschichten eingebettet,
wobei jede Identität nach Kontrolle strebt.
Kontrollkämpfe arbeiten mit strong and weak ties. Unter dem (sozialen) Druck anderer Akteure entstehen aus erzählten Geschichten ein Set von stereotypischen Geschichten, welche sich in der Netzwerkpopulation verteilen.
Eine soziale Beziehungsart ist also eine stereotypische Geschichte, und ihre Hinweise auf Akteurpaare können als abgetrenntes (egozentriertes bzw. dyadisches) Netzwerk betrachtet werden.
[Schweizer S. 242]

Tönt kompliziert (muss es wohl, wär's verständlich, wär's ja keine Wissenschaft/Dissertation), ist aber nicht so schlimm:

- Identität wird vermittelt durch Sprache, durch eine Geschichte
- Identitäten sind egozentrisch, kennen sich in einer frühen Entwicklungsphase nur selbst, anerkennen Andere und deren Interessen nur auf einem höheren kulturellen Niveau. Nach den Stufen moralischer Entwicklung wie sie Kohlberg vorschlägt, wäre z.B. das Beharren auf einer Ordnung die sich nicht nur an der eigenen, sondern auch an Rollen/Identitäten anderer orientiert, erst Stufe 3 und 4 von 6 (Stufen welche die SVP generell noch nicht zu erreicht haben scheint ...).
- Identität kann auf Abgrenzung gegen Andere basieren, was eine recht negative Form der Identität ist, sie kann auf Imitation von Vorbildern basieren, was meist auch nicht weiter führt, oder sie erwächst aus der Persönlichkeit und repräsentiert den eigentlichen Kern des Ich.
- Da sich in einem Netzwerk verschiedene Ichs aufeinander treffen, wird die Identität so lange abgeschliffen, bis sie im besten Falle zum Du wird oder zumindest eine gemeinsam geteilte Minimalidentität darstellt, die zur narrativen Charakterisierung des WIR taugt. Einfacher: Eine Gruppe kann nur ent- und bestehen, wenn die beteiligten diese klar und kurz benennen und beschreiben können: Population A: Schweiz: Wilhelm Tell - Freiheit / oder Population B: Schweiz: Schweiss und Geiz, Banken, Filz und Käse.
- Je nach dem welcher Geschichte die Netzwerkteilnehmer anhängen, lassen sie sich einordnen.

Festlegung des Sinns:

  1. sozialer Sinn: die für die jeweilige Situation kollektiv geltenden Oberziele

  2. der subjektive Sinn des Handelns: Angemessenheit des Tuns vor dem Hintergrund eigener Motive, Absichten und Wissens über die angemessenen Mittel

  3. der nomische Sinn, der durch die Kultur geschaffen wird (meist unbewusst, gehört eher zum kollektiven Unbewussten als zum klar erkannten, bewussten, formulierten/konstruierten - und dadurch reformulierbaren/de- und rekonstruierbaren Wissen. Dieser Sinn wird als fraglose Ordnung im Chaos einfach vorausgesetzt - und kann dementsprechend von den Sinnskulptoren ge- aber auch missbraucht werden, wie das eben mit der Bedeutung des Geldes, des Strebens nach Geld, also des Wirtschaftens, geschehen ist.)

Der Sinn (it makes sense / Sinn haben, sinnvoll sein (neudeutsch ebenfalls Sinn machen)) ist die höchste und prioritäre Orientierung des Menschen:

  1. Die Wissenschaft gibt auf Sinnfragen allerdings keine Antwort,

  2. die Wirtschaft hat Gelderwerb zum einzig rationalen Sinn gemacht.

  3. Die Religion beantwortet die Sinnfrage durch Gott.

  4. Da bleibt also nur die Philosophie um nach Sinn oder Unsinn von Sinn zu fragen. Sie sollte dies unbedingt intensiver tun, denn die Ökonomie hat den Sinn und Zweck des Lebens so ziemlich verhunzt.

Interessanterweise bieten Netzwerke hier wieder eine Chance. Da der Erwerbs-sinn und die Produktionsge-sinn-ung in einem Flächenbrand alle andern Werte ausser dem Geldwert verkohlt haben und kein Wert gilt, der kein Geld wert ist, braucht es auch Ethiknetzwerke, Netzwerke der sog. moralischen Unternehmer. s. Politische Orientierung zwischen individuellen Interessen und Moral

Neue Wirtschaftsformen lassen sich so aufbauen, wie insbesondere der Erfolg der Biobetriebe zeigt und wie er sich hoffentlich bei Fairtrade und ähnlichen noch einstellt.

 

FAZIT:

Die Kernfragen bei Netzwerken sind immer: Wo sitzt die Spinne? Auf welche Beute wartet sie? Wie werd' ich zur Spinne? (aber nicht zum Spinner)

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel 23.8.07

Alternativen Ideen der Organisationsstruktur