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Geschichte der Stadt Rheinfelden

Karl Schib - für die Einwohnergemeinde Rheinfelden 1961

Rheinfelden - ein Ort zum Auswandern oder zum Ankommen?

Diese kurze Zusammenfassung zeigt, dass es eigentlich nichts Neues unter der Sonne gibt:

  • Waren es im Mittelalter eine Überzahl an Pfaffen, die den Bürgern das Geld aus den Taschen zogen um für deren Seelenheil zu sorgen, so sind es heute die Mediziner, welche ein langes irdisches Leben versprechen.

  • Eben so wenig scheinen Probleme mit Fremden etwas neues zu sein. Sind es heute die Jugos, waren's erst gestern die Welschen, und dies, obwohl die grössten Gründungen Rheinfeldens, Feldschlösschen und Salmen, das Werk von Asylanten sind.

  • Auch die grenzüberschreitende Agenda 21 scheint vor historischem Hintergrund Rheinfeldens beinahe eine Farce, kamen doch die Rheinfelder ursprünglich zu gleichen Teilen von beiden Seiten des Rheines. Rheinfelden entstand nicht an einer Grenze, sondern als Zentrum eines Wirtschaftsraumes der weit darüber hinaus ragte. Irgend wann wird auch die heutige Grenze bloss eine historische Episode sein.

  • Schreit heute jeder halbgebildete nach mehr Wettbewerb, wurde damals alles unternommen, den Wettbewerb zu beschränken - und die Zeiten waren die schlechtesten nicht.

  • Soll heute Wachstum durch weniger Steuern gefördert werden, sah Maria Theresia dafür, dass auch der Adel und die Geistlichen, damals die wohlhabende Oberschicht, ihren Obolus entrichteten, und verringerte so die Belastung der Bürger, während sie gleichzeitig ihre Erträge verdoppelte! 

Römer und Alamannen: Die Römische Warte beim Augster Stich, 4 km westlich v. Rheinfelden, sowie beim Pferrichgraben, 4 km  östlich, mit Gräberfeld einer Alamannensiedlung, lassen bei Annahme des "normalen Abstand" von einer römischen Meile zwischen solchen Warten auf zumindest eine schliessen, die auf Stadtgebiet gelegen hat.

Als römische Siedlung ist das Kastell Magidunum (keltisch für Feldburg) bekannt (Magden ist also älter als Rheinfelden ...), als alamannische Siedlung Höflingen, das im 15JH, wie so mancher Vorort auch heute noch, mehr Einwohner hatte als Rheinfelden, aber im Dreissigjährigen Krieg ausgelöscht wurde.

Die Johanniterkommende, am östlichen Rand der Altstadt, lag auch 1212 noch innerhalb der Pfarreigrenze Magdens und ausserhalb der Stadt Rheinfelden. Diese war Gut eines fränkischen Königs. Ihrem Patron, dem Heiligen Martin, verdankt auch die spätere Stadtkirche ihren Namen. Das Chorherrenstift entstand ab 1227 und erwarb sich enorme und weit gestreute Besitztümer.

Die Grafen von Rheinfelden: Rudolf, der spätere Herzog von Schwaben und um 1077 Gegenkönig Heinrichs des IV, siegte 1080 an der Elster siegte, verlor dabei aber seine rechte Hand und verblutete. Sein Besitz war auf den Trümmern von Hochburgund gegründet. Rheinfelden kam so in Besitz von Gütern bis ins Wallis, zwischen dem Grossen St. Bernhard und der Rhonebrücke in Genf, Langenthal-Bern, Napf-Tunersee bis Aare. Nach schweren Kämpfen, und der Heirat von Rudolfs Tochter Agnes mit dem Grafen Bernhold von Zäringen, gingen diese in das Erbgut der Zäringer über.

Bis zum Übergang Basels an das Deutsche Reich 1006 gehörte das linksrheinische Ufer ansonsten zum Königreich Burgund.

Konrad von Zäringen erweiterte 1130 die Altenburg (heutiger Standort des Hugenfeldschulhauses) auf dem linksrheinischen Felssporn zur Stadt.

1225 wurde in Basel eine Rheinbrücke erbaut, nachdem Laufenburg um 1207 und Rheinfelden vor 1198, vermutlich Mitte des 12 JH. eine solche gebaut hatten. Diese bildete das Bindeglied zwischen den zähringischen Besitzungen beidseits des Rheines. Berthold V., der Gründer Berns, war zudem ein massiver Förderer des Gotthards. Ein Teil des Fernverkehrs wird wohl auch über Rheinfelden gelaufen sein - aber Basels Triumph und Aufstieg war Rheinfeldens Niederlage.

Stadtrecht:  1225 wurde Rheinfelden von Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen zur freien Reichsstadt erklärt, allerdings ohne das Recht den Schultheissen zu wählen (was sie sich erst zwischen 1330 und 1415 erwarb), der ein dem Landesherren verantwortlicher Beamter war. 1290 wurden älterer Stadtrechte bestätigt. bei all diesen war allerdings keine Rede von Selbstverwaltung auf pfarrrechtlichem Gebiet. Religion hatte damals oft noch die Oberhand über die Politik. Im Kampf Friedrichs mit dem Papst stund z.B. Basel auf Seiten des Papstes, Rheinfelden auf Seiten Friedrichs.

Nach dem Tode Friedrichs des Schönen (1330) gingen die vier Reichsstädte Rheinfelden, Schaffhausen, Neuenburg am Rhein und Breisach an Habsburg-Oesterreich über. So waren die Rheinfelder beim Sieg der Schweizer über die "Österreicher", bei der Schlacht von Sempach, 1386, auf Seiten der Verlierer, hatten einige Gefallene zu beklagen und verloren zudem die Fahne.

Zu Beginn des 14 Jahrhunderts kam Rheinfelden in eine Frontstellung zwischen Österreich und der, beim österreichischen Adel verhassten, Reichsstadt Basel. So suchte sich Basel die Burg als Pfand zu erwerben, was die Rheinfelder Bürger unterbanden, und durch räuberische Streifzüge ins Waldenburgertal dankten. Nach dem Beitritt Basels zur Eidgenossenschaft wurde die Situation nicht besser, da die Eidgenossen von Basel die Kontrolle der vier Waldstädte und des Fricktals erwarteten.  1634 etwa, als die Kaiserlichen widerrechtlich einige Basler gefangen gesetzt hatten, wurden diese von den Baslern per Handstreich befreit.

1415 verloren die Habsburger den Aargau an die Eidgenossen.

1469 verpfändete der verschuldete Herzog Sigmund das Elsass, den Schwarzwald, die vier Waldstädte und Breisach an Burgund, was für Basel wie für Rheinfelden eine unannehmbare Situation war. Basel, Rheinfelden und die Eidgenossen bildeten gemeinsam eine Abwehrfront. 1474 wurde auch der erste Friede zwischen den Eidgenossen und dem Erbfeind Österreich geschlossen, die Ewige Richtung. Bei Nancy, Grandson und Murten waren die Rheinfelder diesmal auf der Seite der Sieger. Das Misstrauen gegenüber den Eidgenossen aber blieb bestehen, waren diese damals doch eher gefürchtete Eroberer als Garanten des Friedens.

Die Trennung zwischen Freund und Feind war allerdings nicht all zu scharf. Beim Aufräumen nach dem grossen Erdbeben von 1356 halfen jedenfalls auch Rheinfelder, und wer in Basel verbannt wurde fand of Asyl in Rheinfelden.

1418 vereinigte König Sigismund Stadt und Burg Rheinfelden, was der Stadt 1448 übel bekam, als sie von Hans von Rechberg erobert wurde..

1445 schlossen die Rheinfelder einen Bund mit Basel, das seinerseits bereits mit Solothurn und Bern verbündet war. Sie wollten die Reichsfreiheit erhalten und taten so einen ersten Schritt hin zur Eidgenossenschaft. Die Adligen der umliegenden Burgen brachten durch einen verlustreichen vierjährigen Krieg Rheinfelden wieder zur Räson - und zurück zum Reich. Basel konnte wenig Hilfe leisten, da es selbst unter Beschuss stand (die Armaniacen hausten immer noch übel im Elsass), nahm aber 400 Flüchtlinge für ein Jahr in seinen Mauern auf.

Rheinfelden konnte seine Unabhängigkeit aus eigener Kraft also nicht behaupten. Österreich bot aber die Garantie für Selbstverwaltung im Rahmen eines Staates.

Am 15. Juli 1633 wüteten nach über 200 Jahren zum ersten Mal wieder fremde Truppen, die Schweden und Franzosen, in der Stadt. Bereits im Oktober war aber Rheinfelden wieder in österreichischer Hand. Zwei Feiglingen, die über die Stadtmauer geflohen waren, wurde das Bürgerrecht abgesprochen. 1634 plünderten aber die abziehenden Schweden nochmals und verbrannten sogar die Stadttore. 1637, als die Franzosen aufzogen, musste Zinngeschirr eingeschmolzen werden für Kugeln und Wollreste für Lunten gesammelt werden. Es half nicht. Von 1638 bis 1650 war die Stadt besetzt. Das Elsass blieb bis heute von Frankreich besetzt.

Die Neutralität des Fricktals wurde also zum Anliegen aller Umlieger. 1691 verpflichteten sich die Eidgenossen, das linksrheinische Fricktal auf Kosten des Kaisers unter Schutz zu nehmen. 1707 wurden 268 Mann, 61 Soldatenfrauen und 66 Kinder verzeichnet. Da die Rheinfelder immer noch misstrauisch gegenüber den Eidgenossen waren, wurden sie vom Rat dazu angehalten, sich aller anzüglichen Reden gegen die Schweizer zu enthalten.

Die Vorliebe der Rheinfelder für die Österreichische Herrschaft ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass Wien ein bedeutendes Stück weiter weg ist als Bern, sondern auch auf eine recht soziale Politik Maria Theresias. Diese räumte mit Steuerprivilegien des Adels und der Geistlichkeit auf, lange vor die französische Revolution nach Gleichheit rief. Überraschend an der Steuerreform war, dass die Bürgerschaft weniger zu bezahlen hatte, sich der Ertrag für die Staatskasse durch die Leistungen des Adels und der Geistlichkeit verdoppelte. Dass weder Maria Theresia noch die französische Revolution zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft geführt haben, ganz im Gegenteil, sollte man bei neoliberalen Steuerreformen der Postmoderne in Betracht ziehen.

Bereits 1764 hatte Österreich auch eine staatliche Versicherung gegen Feuerschaden eingeführt. So waren bei Ausbruch der Französischen Revolution 1789 in Österreich kaum Revolutionsgelüste feststellbar, und auch noch 1830 war es in Rheinfelden nicht absonderlich, den Kaiser in der Not anzurufen.

Am 17 Juli 1796 wurde Rheinfelden von den Franzosen besetzt. Plünderungen, Kontributionen, Bauholzlieferungen und Dienstleistungen aller Art waren damit für Wochen an der Tagesordnung. Auch das Niederbrennen der Rheinbrücke konnte nicht verhindert werden. 1797 mussten sich die plündernden Horden zurückziehen. Der Zusammenbruch der benachbarten Eidgenossenschaft 1998 war den Schreibern keine Notiz wert. 1799 stiessen die Franzosen wieder ins Fricktal vor. Napoleon wollte es gegen das Wallis eintauschen. Die Schweizer zeigten allerdings wenig Interesse an diesem Handel. Der Verfassungsentwurf von Malmaison sah eine Teilung vor. Rheinfelden sollte zu Basel, Laufenburg zu Aarau kommen.

Die österreichische Verwaltung blieb noch weitere 11 Monate im Amt, bis am 6. Februar 1802 der Waldshuter Stadtarzt Karl Fahrländer den Kanton Fricktal gründete. Diesem wurde in der Mediationsakte bereits am 19. Februar 1803 der Garaus gemacht (dem Kanton Frickal, nicht dem Fahrländer, der wurde bloss eingesperrt).

Der Kanton Aargau, eine Schöpfung Napoleons, war ein künstliches und eher schwer zu regierendes Gebiet. Es wurde zusammengefügt aus den gemeinen Herrschaften,  ehemaligem Untertanenland der Grafschaft Baden; den Freien Ämtern, dem Kanton Baden; und Transjurassien, pardon, Fricktal. Unser Kanton besteht nicht wie so viele andere aus einem Volke, das seit Jahrhunderten zusammenlebte und durch das alte Band der Gewohnheit an das gleiche Schicksal gebunden war. Er ist aus Bewohnern von Gegenden zusammengesetzt, die, wenn gleich unweit von einander gelegen, in Religion und Sitten, in Gesetzen und Gebräuchen, in Grundsätzen und Meynungen von einander verschieden waren. Es war allen klar, dass viel Klugheit, Mässigkeit und Unparteilichkeit erforderlich sein werde, die unterschiedlichen Interessen und Ungleichheiten auszuebnen und alle Teile zu einem gemeinsamen Zweck zu verbinden.

Am 15. September 1803 versammelten sich die Rheinfelder Bürger in der Martinskirche, um den Treueid auf die Aargauische Verfassung zu leisten. Von 130 aargauischen Geistlichen weigerten sich allerdings 112 den Eid zu leisten. Von den 18 die ihn leisteten war die Hälfte aus dem Fricktal. Das Kapuzinerkloster, auf die Seelsorge rechts- wie linksseitiger Dörfer ausgerichtet, überlebte diese Jahre nicht. Das Stift zu St. Martin wurde 1870 aufgehoben.

Der damals geschaffene Staat war keine Demokratie im heutigen Sinne. Aktives wie passives Wahlrecht waren an Altersgrenzen und Vermögensbesitz geknüpft. Zudem wurde die Restauration bald wirksam. Bereits die Verfassung des Aargau von 1814 versuchte die demokratische Entwicklung zu hemmen. Die Amtsperiode der Gemeindebehörden wurde auf 12 Jahre verlängert, die Wahl des Gemeindeammans einer Bestätigung durch die Regierung unterstellt. Erst die Bundesverfassung von 1874 gewährt jedem niedergelassenen Schweizer das Stimmrecht in Gemeindeangelegenheiten.

Das allgemeine Wahlrecht und die Volksinitiative für Gesetzesänderungen wurden 1862 verankert. 1863 wurde den Gemeinden die Wahl ihrer Seelsorger zugestanden, die Kirche also demokratisiert. Aus diesem Hintergrund ist auch die Abspaltung der Christkatholiken zu verstehen, die sich 1870 gegen die Unfehlbarkeitserklärung stellten. Es war hier weniger der heute so gelobte Liberalismus, als der josephinische Geist des vorigen Jahrhunderts, der den Grundstein zu freiem und selbständigem Denken gelegt hatte. 1875 bildete sich hier die erste Christkatholische Gemeinde der Schweiz. Da 1885 die Selbstverwaltung der Kirchen auch durch die Verfassung garantiert wurden, war die Zeit für ein friedliches Nebeneinander unterschiedlicher Glaubensrichtungen angebrochen. [Die Schweizerische Verfassung garantiert Glaubens- und Gewissens-, wie auch Niederlassungsfreiheit, seit 1848]. Die Napoleonische Verfassung die Gewerbefreiheit - die allerdings durch kantonale Auflagen eingeschränkt wurde: Befähigungsausweis notwendig, der erworben wird durch Lehre, Wanderzeit von 2 Jahren und die Mitgliedschaft in einer Handwerksgesellschaft, welche die Ordnung und Qualität überwacht.

Die Stadt

In einer Zeit, wo Frieden die Ausnahme und Krieg die Regel war, bot die Stadt, im Vergleich zum Dorf, erhöhte Sicherheit.

Da die Häuser zum grossen Teil aus Holz gebaut waren, bildete Feuer eine grosse Gefahr. Die grösste Brandkatastrophe ausserhalb der Kriegszeiten legte 1396 30 Häuser in Asche. Die Beschiessung durch Créqui im österreichisch-französischen Krieg von 1678 zerstörte 20 Häuser und 25 Scheunen und beschädigte 47 Häuser schwer.

Die Stadt war eine Schicksals- und Wehrgemeinschaft. Heranziehende Feinde wurden von Dorf zu Dorf und in die Stadt gemeldet. Rheinfelden verfügte als Reichsstadt über volle Militärhoheit, als österreichische Festung musste sie sich später in das landesherrliche Verteidigungssystem einordnen. Die Wehrpflicht, die von Österreich angeordnet werden konnte, beschränkte sich allerdings auf die Verteidigung der Stadt. Harnisch, Hieb- und Stichwaffen hatte jeder Bürger auf eigene Kosten selbst zu beschaffen. Teure Feuerwaffen und Armbrüste kaufte die Stadt.

Mit dem Degen an der Seite in der Öffentlichkeit, der Zunftstube und sogar der Kirche zu erscheinen wahr Ehrensache - das Verbot Waffen zu tragen die schlimmste Demütigung. Wenn sich allerdings zwei Bürger mit oder ohne Waffen angriffen, obwohl ihr Streit geschlichtet worden war, bezahlten sie 2.5 Pfund Pfennige Busse und hatten die Stadt für ein halbes Jahr zu verlassen. Im friedlichen 16 Jahrhundert musste der Rat allerdings des öftern gegen Bürger einschreiten, die ihre Waffen verkauft hatten. Schiessübungen waren für alle Wehrpflichtigen obligatorisch ... wie heute noch.

Der Stadtrat

Gewaltentrennung war unbekannt. Der Rat erliess Gesetze, verhängte Bussen und richtete auch. Mit dem Amtgeheimnis hatte man offenbar bereits damals die selben Probleme wie heute unser Bundesrat: Kaum sei der Rat aufgestanden, könne man auf den Gassen oder hinter dem Thrunk vernehmen, was verhandelt worden sei. Sie kontrollierten Lebensmittel und Preise, insbesondere bei Brot, Fisch und Fleisch. Drei Bannwarte und ein Mattenmeister sorgten für Ordnung in Wald und Gärten. 8 Bauschauer beaufsichtigten die städtischen Bauten, 5 Mühlinherren die Mühlen.

Die Sauberhaltung der Stadt verursachte dem Rat grosse Mühe. Ein grosser Schritt war die Pflästerung der Marktgasse, die 1530 beschlossen wurde. 1597 befohl er das Webräumen der Misthaufen und das Laufen lassen von Gänsen, Enten und Hühnern.

Es wurde, ganz anders als heute, alles getan, um den Wettbewerb einzuschränken. Um den Bürgern die Gelegenheit zu bieten, sich auf dem Markte zur genüge mit Lebensmitteln einzudecken, durften diese bis 10 Uhr nur an direkte Verbraucher abgegeben werden. Erst danach wurde das Fähnlein gehisst und die Händler (Fürkäufer) durften sich bedienen. Diese kamen oft von recht weit her. Erwähnt sind Strassburg, Breisach, Neuenburg, Schönau, Istein und Riedt (Delle).

Die Mittelalterliche Stadt beschränkte ihre Tätigkeit auf Gerichts-, Militär- und Steuerwesen. Die geistigen Bedürfnisse der Menschen, also auch das Schulwesen, waren Angelegenheit der Kirche. (Die selben Verhältnisse herrschen heute noch in vielen islamischen Regionen. Dass Schulbildung auch für Arme wichtig sei, dämmerte einigen bereits im 15JH. Erst gegen Ende des 16JH entfaltete sich ein Interesse am Unterricht in deutscher Sprache, zuvor war Lateinisch die Schulsprache. Die Schulordnung von 1774 enthielt dann den fundamentalen Grundsatz: Die Bildung der Jugend beiderlei Geschlechts ist die wichtigste Grundlage für das Gedeihen der Völker.

Religion, Politik, Gesundheit, Arbeit und Feiertage

Da beim Rathausbrand 1531 alle alten Dokumente zerstört wurden, ist äusserst wenig über die Reformationzeit in Rheinfelden bekannt. Die kirchlichen Güter der Umgebung lagen danach in Zerfall. Scharf kritisiert wurde die Ehelosigkeit der Geistlichen, sowie das Mönchstum und die Pfaffheit generell. Rheinfelden, mit wenigen hundert Einwohnern, unterhielt 12 Chorherren und ein Dutzend Kapläne. Die Meinung war nun, dass ein Pfarrer auf 500 Einwohner wohl ausreiche (Man beachte die Parallele zum heutigen Problem der Ärztedichte, die zwar nicht mehr seelische dafür körperliches Wohl versprechen !) Geldverleih gegen Zins wurde zwar immer noch als schädlich angesehen, war aber längst gang und gäbe. Von Ärzten ist in Rheinfelden vor dem 17. Jahrhundert wenig zu hören. Oft war der Henker im Nebenberuf als Arzt tätig. Dr. Friedrich Eggs verlangte 1610, dass innert 14 Tagen aller Unrat und die Misthaufen von den Strassen zu beseitigen seien.

Der Rat der Landesherren, die auch heute noch Zustimmung finden dürfte, war, die Schwierigkeiten der Reformation in Rheinfelden ohne Geschrei, Krieg und Kosten zu überwinden. Ebenso wirtschaftsfreundlich ging der Rat um mit den Festtagen. Als 1606 der Niklaustag und Mariä Empfängnis zu öffentlichen Festtagen werden sollten, bat er um Dispens für den Sonderfall Rheinfelden, da nebst der Vielfalt an landwirtschaftlichen Arbeiten die Stadt an einer Landstrasse liege und die Mehrzahl der Bürger im Fuhr- und Gastgewerbe tätig seien. An den Festtagen müsse so das Gesinde vergebens erhalten werden. Dieser klassisch-bürgerliche Charakterzug blieb Rheinfeldern bis heute erhalten. Als 1805 der Martinstag zum gesetzlichen Feiertag erklärt werden sollte, weigerte sich der Stadtamman, mit der Begründung, dass erstens die österreichischen Gesetze, die nicht ausdrücklich aufgehoben wurden, noch gültig seien, und dass er keinesfalls zugeben könne, dass morgen die Bürgerschaft von der Arbeit, der sichersten Bewahrerin von Sünden, ruhen soll.

Wirtschaft, Handel, Infrastruktur

Bereits Mitte des 13 JHs waren die Handwerker zur wirtschaftlich tragenden Schicht der Stadt geworden und die 3 Zünfte Schmieden, Bäckern und Metzgern (später Kaufleuten) erhielten 3 Ratssitze. Das Zunftrecht war erblich, bei Zunftwechsel war nur die Hälfte der Einkaufssumme zu entrichten. Die Arbeit der Bäcker, Metzger, Müller und Ziegler war durch Ratsverordnungen so streng geregelt, dass sie fast den Charakter eines städtischen Amtes erhielten. Letzte Überbleibsel davon sind die Bedingungen im Spenglergewerbe und ähnlichem. Der Wagknecht Martin Armbroster wurde 1544 ermahnt, die Stadt jeden Freitag und Samstag mit Fischen zu versehen; wenn er solches nicht täte, alsdann solle er wib und khind an die hand nehmen und zu der stadt usziehen und miemermer darin.

Aber auch an die Armen wurde gedacht. 1468 ordnete der Rat an: Die kleynen vischlin soll man geben für 1 rappen den armen, die des begeren.

1381 wird zum ersten Mal der einheimische Rebberg erwähnt. Er befand sich am Abhang des heutigen Kapuzinerberges. Wein galt als unentbehrliches Getränk; Bier war unbekannt oder wurde wenig geschätzt. Die tägliche Ration die damals im Spital angeboten wurde, war ein Mass von 1.5 Litern!

Die Bauern der Umgebung waren frei und konnten sich auch um das Bürgerrecht bewerben. Sie dienten der Stadt zur Versorgung und als Bevölkerungsreserve. Zu Kriegszeiten diente die Stadt auch den umliegenden Dörfern als Schutz, da die Stadt der Versorgung durch das Land bedurfte. Rheinfelden war reich an Korn, insbesondere aus Möhlin.

Mit Fremden hatte man aber auch damals schon Mühe. 1545 erliess der Rat einen Beschluss, dass keine Welschen, die damaligen Jugos, mehr aufgenommen werden dürfen. Ansonsten konnte der Rat sich ab dem 17 JH. darauf beschränken, die steuerlich interessantesten Bewerber auszuwählen. Ein Bürger musste zudem ein Haus besitzen.

Die Wahl des Wohnorts war also nicht ganz so frei, und mit mehr Kosten verbunden als den Umzugskosten. 1531 wurde 1% Steuer erhoben vom Vermögen, das wegziehende Bürger mitnahmen.

Ab 1500 Recht am Hermanstor (westlich des heutigen Hotels Schützen) Zoll zu erheben und den ganzen Verkehr von Basel durch die Stadt zu leiten.

1592 musste der Friedhof vor das Kupfertor verlegt werden. Gottesacker-Kapelle (rechts) und Beinhaus stehen heute noch, im Stadtpark, und erstere wird für ökumenische Gottesdienste verwendet. Einige der Knochen und Schädel des alten Friedhofs wurden in den frühen 60ern zu Tage gefördert, als die Kantonalbank, auf dem Schulhof des Mädchenschulhauses, einen Schacht für ihren Öltank aushob.
Die Rheinbrücke war der Lebensnerf der Stadt. Nicht nur in Kriegen wurde sie oft zerstört, auch durch Fluten, wie 1340, schweren Eisgang (1408'7/08). Wichtig war zu dieser Zeit auch noch die Schiffahrt. Zürcher Schiffe transportierten Stahl und Eisen, Schaffhauser Salz. Auch Käse, Ziger, Wolle, Malvasier und Muskateller stunden auf den Zolllisten.

Die Schifffahrtsbetriebe der Rheinfelder stunden aber im Schatten der alterprobten Laufenburger und Basler. In den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts eskalierte der Streit um Schifffahrtsrechte und die Basler wurden nicht müde darauf hinzuweisen, dass die Rheinfelder nur Fischer und keine Schiffer seien. Der Basler Rat stellte 1763 fest: Es ist aber von Rheinfelder Schiffleuten so lange der Rheinstrom bewohnt wird, niemals etwas gehört noch in Schriften gelesen worden.

Nach der Französischen Revolution  hatte es die Stadt schwerer, sich in die neue Ordnung einzuleben als das Land. Gleichheit bedeutete den Abbau städtischer Vorrechte über das Land, Freiheit den Abbau der Zunftordnung.

Eine Wirtschaftskrise im schweizerischen Grenzland wurde verursacht durch den Beitritt Badens zum Deutschen Zollverein 1835. Bis zu einem Drittel an Umsatz gingen dadurch verloren. Man gelangte sogar an den Kaiser, mit der Bitte, Fricktaler Weine wieder in den Schwarzwald einführen zu dürfen.

1827: Gründung der Bezirksschule (alte Kaserne, Kupfergasse) durch Franz Joseph Dietschy, dem Gründer der Brauerei Salmen, die in den letzten Jahrzehnten des 20 JH. zuerst von Cardinal und dann von Feldschlösschen übernommen wurde - dass dann seinerseits übernommen wurde. Der Grossgrundbesitz der Rheinfelder Brauereien wurde also bereits damals angelegt. Dietschy stammt aus dem Wiesental, ist also ein Schwabe. Sein Schwiegersohn Karl Habich-Dietschy entwickelte die Brauerei weiter zur Grossbrauerei. Seit 1900 steht sie im Kloosfeld am heutigen Standort. Auch bei der Familie Habich handelt es sich um Asylanten, die als badische Freiheitskämpfer in Rheinfelden Zuflucht suchen mussten.

1821 entstand eine Papiermanufaktur, 1850 eine chemische Fabrik, 1854 die Zichorienfabrik, 1850 die Zigarrenfabrik Dillemann, die später von Liewen und heute von Wuhrmann geführt wird.

1861 wurde eine neue Bezirksschule eingerichtet im Hugenfeld, einem alten Adelssitz.

1863 wurden die Salzlagers in Schweizerhalle entdeckt, 1841 die in Kaiseraugst. 1843 gründete Theophil L'Orsa, unter Beteiligung von Francke, Hoffmann-Merian und Carl Günther, die Gesellschaft zur Salzgewinnung, die 1844 Salz fand und die Konzession zur Nutzung erhielt. Daraus entstand der Kurbetrieb des Hotels Schützen und Herrmann Keller entwickelte Rheinfelden zum Solebad und Kurort. Im Kurbrunnen floss dazu das heilende Wasser der Kapuzinerquelle.

Theophil Roniger, Sohn eines Kleinbauern aus Magden, und Johann Wütrich als Geld- oder besser Landgeber, gründeten 1874 das Feldschlösschen. Die Produktion wuchs rasant. 1876 wurden 4240 hl produziert, 1890 deren 36682, mit den 100'000 die bereits im Sommer 1898 erreicht wurden lag das Feldschlösschen an der Spitze der Schweizerischen Brauindustrie. Bier mit seinem geringen Alkoholgehalt und seinem Nährwert war damals eine Wohltat gegenüber den alten Gebräuchen, denn unmöglich kann en Mensch Monat für Monat ungefähr zehn Liter Schnaps vertilgen, ohne an Leib und Seele Schaden davon zu tragen. (Theophil Roniger gründete übrigens auch das Furnierwerk).

Die Eisenbahnlinie Pratteln-Rheinfelden-Bözberg-Brugg wurde erst 1875 gebaut, obwohl der 1. Bahnhof der Schweiz in Basel bereits 1845 entstanden war und 1857 der Hauensteintunnel zur Verfügung stand.

Der Bau des Kraftwerks begann 1894, der Betrieb konnte 1898 aufgenommen werden. Ursprünglich vorgesehen war eigentlich die Nutzung des Rheins bis zur Brücke, alleine Finanzierungsprobleme eines derartigen Bauvorhabens haben uns davor bewahrt. Mit der Elektrizität kam die Industrie, die sich insbesondere auf dem noch wenig überbauten rechten Rheinufer ansiedelte: Alusuisse (damals noch Aluminium-Industrie_Aktiengesellschaft) und das Calciumcarbidwerk Bitterfeld waren die ersten, denen viele weitere gifthauchende Fabriken folgen sollten.

Heute ist ein höheres Stauwerk mitten im Gwild bereits im Bau (rechts)
 

Wald

Früh bereits schenkte die Stadt der Bewirtschaftung des Waldes ihre Aufmerksamkeit. 1591 war der Landerwerb grossenteils abgeschlossen und Rheinfelden hat seit damals seine heute noch geltenden Grenzen.

Allerdings bereitete der Wald, bereits damals, der Gemeinde nicht nur eitel Freude. Da die Bauern das Recht hatten, ihr Vieh in den Wald zu treiben, protestierten sie 1594 aufs heftigste gegen die rücksichtslose Nutzung des Waldes, als die Rheinfelder in kürzester Zeit 87 Eichen fällten. Die Eichen und Tannen Rheinfeldens waren weitherum bekannt. Die Bekämpfung des Holzfrevels war nicht leicht, da manche Bürger mühe damit hatten, dass der Gemeindewald nicht auch ihr persönliches Eigentum sein sollte (Tragedy of the commons). Schädlich war insbesondere das Schinden, die Entfernung des Bastes der Linden, aus dem Seile hergestellt wurden. Als 1596 die Holzvorräte knapp wurden, befahl der Rat, Grünhecken als Güterzäune anzulegen, traf also sehr früh eine Massnahme, die heute unter Agroforestry laufen würde.  Köhler mussten vor Aufnahme ihrer Arbeit die vorhandenen jungen Eichen verpflanzen. Eine echte Waldordnung entstand aber erst im 18. JH. Dort wurde festgelegt, dass der Nachwuchs nicht mehr dem Zufall, also der Natur, überlassen wurde, sondern mit Sorgfalt aufgezogen und vor Vieh geschützt wurde. Die Viehweide war einzustellen, bis die Pflanzen dem Zahn der Viecher entwachsen waren. Rodungen und die Veräusserung des Waldes an Private wurden untersagt, Holzschläge unterstanden fortan der Kontrolle des Oberforstamtes in Freiburg und auch das Laubrechen erforderte eine Bewilligung. (Das mag heute seltsam oder gar lächerlich tönen, aber die starke Streunutzung hat gerade im 19 JH. viele Wälder arg in Mitleidenschaft gezogen, da sie dieselben ihrer Bodenbedeckung wie der Nährstoffe beraubt.

Einwohner

1516:
1529:
1532:
1541:
1650:
1792:
1850:
1900:
1930:
1960:
2000:
 184 volljährige Bürger und 34 hausbesitzende Witwen
 211 Haushaltungen
 215
 229   + Höflingen mit ca. 1200 Einwohner
 900 Einwohner
1400
1910
3349
3827 (Einwohnerzahlen 1930 bis 2000)
5176
10'673
Eine starke Bevölkerungsvermehrung setzt ein mit der Niederlassungs- und Gewerbefreiheit von 1815, aber Kindersterblichkeit und Seuchen hielten den Zuwachs doch noch einigermassen stabil. Der eigentlich Boom kam erst in der zweiten Hälfte des 20 JH - womit sich gleich die Frage stellen liesse: Ist die beste wirtschaftliche Phase aller Zeiten (1950-70) vielleicht gar kein Resultat irgend einer Wirtschaftspolitik, liberal oder nicht, sondern das Resultat der sich dank Antibiotika ungebremst vermehrenden Bevölkerung?

 

Auch dieser letzte Hafen am Rhein dient ebenso der Ankunft wie der Abfahrt. Rheinfelden, ein Tor zur Welt (während es mit der Brücke der Kulturen noch was hapert).

 

 

 

 

 

Martin Herzog, Webdesign, Rheinfelden, Juni 2004