Basel - Die Strukturen der Stadt, photographisch erkundet, vom Rande her:

Lange Erlen - Wiese - Riehen

[1:  Dreiländereck, Klybeck, Wiese, Inselstrasse, 2: Kleinhüningen,  3: St.-Johann, St. Louis, 4: St. Louis Grenze bis Allschwil  ... 8:  Wettsteinbrücke-Hörnli-Bettingen / Wirtschaftsentwicklung]

In knapp einer Stunde gelangt man von Basel nach Riehen, zu Fuss, einzig gestört durch den hier extremen Lärm der Vögel (alles ist relativ), einige wenige Jogger, Hündeler, Velofahrer und die offenbar konstant präsenten Basler Industriellen Werke. Die Hauptaufgabe dieser Wälder ist - nebst Erholung - die Anreicherung von Grundwasser. Auf dem ganzen Areal finden sich verstreute Pump- (s.u.) und Aufbereitungsanlagen für Trinkwasser.


 

Im Hintergrund die Brücke zwischen Riehen (rechts) und seinen rechtswiesischen Besitztümern, die sich Deutschland nun über Strassenbau gerne wieder aneignen würde. Die Zollfreistrasse würde am linken Bildrand, hinter den Bäumen, durchführen.


 

Einige der Be- und Entwässerungskanäle weisen ausreichend Gefälle auf für die Energieerzeugung.

Hier liegt der Ursprung der Basler Industrie, speziell der Chemie:

Diese werden heute zur Grundwasseranreicherung genutzt, flossen aber bis zum Bau des Badischen Bahnhofs durch Kleinbasel in den Rhein. Dies nicht bloss um den Schmutz zu entfernen, sondern auch als primärer Energielieferant für Mühlen und Sägen, als Rohstoff für Färbereien (den Vorläufern der chemischen Industrie). Aus präzise diesem Grund, der hohen Qualität und dem tiefen Kalkgehalt des Wiesewassers,  siedelten sich derart viele Färbereien in Kleinhüningen und Kleinbasel an.

Der Kanal, Riehenteich genannt, gabelte sich bei der Isteinerstrasse in einen Zweig der über Riehenstrasse-Claragraben wieder in den krummen Teich lief. Dieser zog sich zwischen Drahtzugstrasse und Clarastrasse bis zum Claragraben, wo er sich in drei Läufe aufteilte die nördlich und südlich der Webergasse-Rappoltshof, parallel zur Greifengasse in den Rhein floss. Daher der Name Teichgässlein! 1928 standen noch 21 Mühlen an diesen 3 "Teichen", sowie eine Schleife, eine Sägemühle und ein Grundwasserpumpwerk. Unter Mühlen darf dabei nicht nur Getreidemühlen verstanden werden. Auch Gips, Farbstoffe (Farbholz), Oelsaat und weitere Rohstoffe mussten gemahlen werden.

Die bereits damals intensive Re- und Umstrukturierung ist Haus für Haus im Detail beschrieben in: Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt. Band VI: Die Altstadt von Kleinbasel. Profanbauten. Thomas Lutz. Gesellschaft für Sch. Kunstgeschichte, Bern. 2004

Nebst dem Riehenteich versorgten bereits im 12. JH noch der Rümelinbach und der St. Albanteich (bei "Neuewelt", unterhalb Münchensteins aus der Birs abgeleitet) die Stadt mit Wasser, Energie für Getreide-, Oel-, Farb- und Walkmühlen (Papier), Schmiedehämmer - und Entsorgten ihren Müll und ihr Abwasser (Bader, Färber, Gerber). Die Birsig war bis ins 19 JH eine üble Kloake.

Die Herkunft der Basler Chemie aus dem Färbereigewerbe und den Farbholzmühlen Kleinbasels:

Details s. Geschichte der chemischen Industrie von Basel

http://www.novartis.ch/about_novartis/de/history_to_1996.shtml

Grösse und Alter (Erfahrung) sind sicher ein Vorteil. Aber ohne strategisches Gespür und taktische Gerissenheit kann auch dies schief gehen. Die Liste der Schweizer Unternehmer zeigt etwa, dass die 1778 von Johann Sebastian Clais und Johann Heinrich Ziegler in Winterthur-Neuwiesen gegründete Firma, die Schwefelsäure, später auch Salzsäure, Soda, Chlorkalk, Salpetersäure und Kupfersulfat herstellte; in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts zur grössten schweizerischen Chemiefirma wurde, aber bereits 1854 schliessen musste. Auch die CIBA war nicht von der Entstehung her auf das angelegt, was sie heute ist. Es war ein dauernder Kampf. Die Produkte mussten immer wieder geändert werden, die Partner wurden oft geändert, oft bereits nach 1 Jahr. Der Standort wurde mehrfach gewechselt, vom Dalbenloch zur "Goldenen Münz" (durch Globus ersetzt), dann, 1858 an den Teich beim Riehener Tor, in der Nähe des alten Badischen Bahnhofs (1862 eröffnet, 1913 verlegt), also dem heutigen Messegelände.  Der Riehenring hiess damals auch Bahnhofsstrasse.  Bereits 1862 musste wieder verlegt werden, an den heutigen Standort Rosental, beim heutigen, verlegten, Badischen Bahnhof. Die Absicht, die Fabrik auf der Insel bei Klybeck zu bauen, wurde von der Stadt verwehrt. Entscheidend für die Standortswahl waren jeweils der Bahnanschluss und das Vorhandensein von viel Wasser zur Entfernung der Abfälle. Da diese mit der Anilinfabrikation extrem giftig wurden, kam die Firma J.J. Müller 1864 dermassen in die Breduille, dass Geigy sie übernehmen konnte. Aufgrund von Arsenvergiftungen in der Bevölkerung war dem Betrieb auferlegt worden, das Arsen mit Rohrleitungen in den Rhein abzuleiten, statt in den Teich. Noch deutlichere Beispiele für die Grenzen wirtschaftlicher Freiheit braucht es wohl kaum.

Sie sehen aber auch anhand der Liste der ältesten Firmen der Schweiz , dass viele der heutigen grossen und erfolgreichen Firmen ihre Wurzeln im vorletzten Jahrhundert hatten, und durch Zukauf, Übernahmen, übernommen werden, wuchsen und sich ihr Revier sicherten. Das macht, nebst dem Risiko der sunk costs, deutlich, warum sich ein global tätiges und auf globalem Kampfplatz konkurrenzfähiges Unternehmen nur höchst selten aus dem Boden stampfen lässt, dass also die "gutmeinenden Empfehlungen" betr. träger interner und fitter internationaler Schweizer Betriebe ein ziemlicher Stuss sind. Gerade an diesen Firmen zeigt sich auch, dass der Erfolg derselben vielleicht weniger mit Konkurrenz, als mit Aufteilung des Schlachtgebiets und "vorsichtiger" Kooperation, bis totalem Zusammenschluss, zu tun hat. Wenn Sie durch das Industriegebiet Kleinhüningens wandern, finden sie an ein und demselben Tor bis zu 5 oder 6 Anschriften unterschiedlicher Firmen. Bei den andern erfolgreichen, den Banken und Versicherungen, spielt der Wettbewerb ja eh nicht. Das ganze Geschrei um mehr Wettbewerb könnte also vielleicht was ähnliches sein wie die Arena zu Zeiten der Römer: Das Fussvolk streitet sich, die oberen sehen amüsiert zu. Die Gemeinden ruinieren sich im Standortwettbewerb, die Feudalherren lassen sich Boden schenken, da ja nur sie wissen, wie er richtig (profitabel) zu nutzen ist.

Hier, zwischen Basel und Riehen, findet sogar im Stadtkanton Basel ein klein bisschen Landwirtschaft statt.


 

Mohnfelder wie bei Monet, aber nur 3/4 Stunden zu Fuss von Basel.
 

Der Blick aus der grünen Waldkulisse entlang der Wiese, auf Riehen, das offenbar noch Reserven an Bauland hat.

Riehen ist wirklich vorzüglich ein Wald- und Wiesland eingebettet. Aber nicht nur dem wird es seine Klassierung als Stadt mit dem höchsten Wohnattraktivität der Schweiz verdanken, sondern dazu kommen:

  1. - Ein intakter Dorfkern (Dorf mit Stadtanschluss)

  2. - Herrschaftshäuser, die dem ganzen Dorf einen Hauch von aristokratischem Landsitz geben.

  3. - Baulandreserven, die auch den Traum von Bünzliwil ermöglichen.

  4. ...

  5. Allerdings sind mir bei meiner Wanderung auch Riehemer begegnet, die an der Hauptstrasse oder der Eisenbahnlinie wohnen, und es hier eigentlich nicht so toll finden.

Weiteres von Riehen  ...
 

Beyelers Kunstmuseum, zur Zeit, Anfangs Juni 05, von monets Mohnwiesen geziert. Im Hintergrund der Fernsehturm, mitten im grünen Wald-Rand von Basel.


 

Die Landschaft, durch die die Zollfreistrasse führen soll, ist wirklich speziell. Der Ortsname "Schlipf" deutet darauf hin, dass es recht feucht und lehmig ist. Der Widerstand ist also nicht bloss notorisch obligates grünes Gequängel, sondern berechtigt.

 

 

Detaillierter Plan zur Linienführung

Website der Regio ohne Zollfreistrasse: www.roz.auenpark.ch
 

Rebgärten - im Schlipf, gerade oberhalb der geplanten Zoffleihstr. ... pardon, Zollfreistrasse.

Vernehmlassung des Basler Naturschutzes (SBN - Vorläufer der Pro Natura) am 26. Juni 1984) zum kantonalen Richtplan vom 31. Mai 1984 S. 30: Zollfreistrasse Riehen (RP 32.21)

Wie bei der Umfahrungsstrasse Riehen soll hier eine Strasse mitten durch die Natur geführt werden. In den "Dringlichen Massnahmen 17.3.72" war diese Ebene noch als Grünzone enthalten. Der anschliessende, in Deutschland liegende Terrassenrand steht unter Landschaftsschutz.

Die Zollfreistrasse zerschneidet ein bis anhin zusammenhängendes Stück Natur, sie zerstört ein weiteres Stück Landschaft und (billiges?) Ufer, damit auch ein Stück Erholungswert der Wiesenuferpromenade.

Auf die Strasse sollte in dieser Linienführung verzichtet werden.

Über 20 Jahre Kampf ... umesunscht?

Nein. Die Initianten nehmen nochmals Anlauf und starten eine Volksinitiative. Die Abstimmung Wiesen-Initiative: 12. Februar 2006 wurde angenommen.

Am selben Tag fand die Abstimmung über die Verbauung der Aussicht am Wasserturm-Batteriestrasse statt. Die Änderung des Zonenplans, die eine Überbauung erlaubt hätte, wurde eben so stark abgelehnt wie die Wieseninitiative angenommen. HEUREKA!
 

Die Zollfreistrasse sollte sich an die Aufschrift auf diesem Schild halten. Nieder mit dem Staatsvertrag!

... Na ja, wie die meisten politischen Slogans "verhebbt au däh nid":

1. stammt der Staatsvertrag von 1852 - und enthält eine Menge ungeklärter Finanzierungsfragen ... also sollte man ihn vielleicht doch in Frage stellen.

2. Beanspruchen natürlich umgekehrt auch die Schweizer gerne Land bei den Nachbarn ... auch für Strassen, insbesondere jedoch zur Ausdehnung der beschränkten eigenen Landwirtschaftsflächen.

Offenbar gibt's aber dennoch Möglichkeiten, denn Art 22 Absatz 2 sagt:

Ergeben sich bei der Durchführung des Vertrages erhebliche Schwierigkeiten oder ändern sich die bei seinem Abschluss bestehenden Verhältnisse wesentlich, werden die Vertragsstaaten auf Verlangen eines Vertragsstaates in Verhandlungen über eine angemessene Neuregelung eintreten."

In der Zwischenzeit ist es den Initianten des Widerstandes gelungen, 6 Millionen Fr. an privaten Spenden aufzutreiben, die einen Tunnel (wenn's denn schon unbedingt sein muss ...) als Lösung möglich machen. http://www.roz.auenpark.ch/

Dieses Bild zeigt die freie Schweizer, und überbaute Deutsche Seite nordwestlich der Wiese. Hier würde die Zollfreistrasse, nachdem sie unter dem Freibad durchgeführt wurde, wieder auftauchen.

Gerade dieses Bild zeigt doch, dass sich eigentlich auch Weil gegen die Strasse wehren müsste, da hier, einfach nach dem Motte: Wo's grün ist lassen sich Strassen billiger bauen, eine einzigartige Landschaft verschandelt und verlärmt wird.


 

Kein Durchgang für Mehrverkehr und Lärm.

Martin Herzog, Inselstrasse 2, 4057 Basel. 3. Juni 2005

p.s: Ein Wermutstropfen:

Der Bau der Zollfreistrasse entlang der Wiese war offenbar ein Tauschgeschäft der Stadt Basel mit der Gemeinde Weil am Rhein, in der bis zu den sechziger Jahren die Deutsche Autobahn endete, was zu einem enormen Verkehr durch die Stadt führte. Ursprüngliche Pläne sahen vor, die gesamte Autobahn durch die Langen Erlen und das Bäumlihofareal zu führen, also einen Anschluss am Deutschen Bahnhof herzustellen. Dagegen liefen die Basler Sturm. Die Zollanlage wurde auf teurem und knappem Bauland von Friedlingen erstellt. Als Gegenleistung wurde von Basel der Bau der Zollfreistrasse zugestanden.

Aus der Perspektive der Nachbarn, eben "vom Rande her", sieht da die Basler Politik plötzlich nicht mehr so sozial, uneigennützig, umweltfreundlich und hehr aus. Die Stadt hat ihr Land an den meisten Stellen bis an den Rand hin voll gebaut, bis an und über die Maximalhöhe hinaus (s. Novartis). Auch die Zollanlage am Übergang zu Frankreich, mit riesigen Parkflächen für Lastwagen, liegt auf günstigerem fremdem Land. Insbesondere die Grenze zu Frankreich bei Allschwil (Baselland), zeigt, wie extrem dicht und intensiv Land auf Schweizer Seite genutzt wird, und wie grün die andere Seite (noch) ist. Von da her muss man schon anerkennen, dass es eben vermutlich nicht angeht, selbst den letzten Quadratmeter profitabel zu nutzen, und dann den andern Schutzgebiete aufzuschwätzen (Was die Städter allgemein sehr gerne in der Dritten Welt, in den Tropen - neuerdings auch in den Alpen tun, die von Stadtarchitekten zur unrentablen Brache erklärt werden).

Fazit:

Wer seine eigene Um-Welt versaut, hat wenig Berechtigung, beim Nachbarn zu reklamieren.