Basel, vom Rande her - 2:

Kleinhüningen

[1: Dreiländereck, Klybeck, 1b: Lange Erlen- Riehen, Wiese, Inselstrasse, 2.1 Das "Abfallproblem" Kleinhüningens, 3: St.-Johann, St. Louis, 4: St. Louis Grenze bis Allschwil. / Wirtschaftsentwicklung]

 
Am 11.7.05 eröffnete die Burgergemeinde einen beschilderten Rundgang. Einige der Tafeln finden Sie hier photographisch wiedergegeben.
Bilder von 1953 zeigen die Rücksichtslosigkeit

Kleinhüningen wurde ca. Mitte des 5. JHs  begründet, der Sage nach von Attila, dem Hunnen. (Belegt ist auf jeden Fall, dass er mehrfach hier lagerte). 1640 kaufte es die Stadt Basel dem Markgrafen von Baden ab, um zwischen Kleinbasel und Baden über ein gewisses Puffergebiet zu verfügen.

Sehenswert, nebst Dreiländereck, Sas schweizerische Schiffartsmuseum.

Kleinhüningen war ein Dorf. Hier stösst das dörfliche Idyll mit unerhörter Brutalität auf die globale Produktions-, Transport- und Speicherarchitektur des nordwestlichen Stadtrandes von Basel.


 

Ähnliche Beispiele finden sich in Kleinhüningen viele.

Links etwa das Grossbürgeridyll: Villa mit Lagerhaus;

rechts das Kleinbürgeridyll: Garten mit Sicht auf Hochkamin.

Idyllisches Strässchen mit idyllischen Häuschen auf der einen, Hafenanlage auf der anderen Strassenseite.


Chemie - auch hier in beruhigendem Grün gehalten
Industriebrache - auf dem sog. Stucki(Stücki- von der Stückfärberei, die mal hier war)-Areal und auch hier das immer beliebte Tarngrün.

 

Doch bereits bevor die Industrie kam, musste das Fischerdorf dem Hafen weichen.

 

 

Das Restaurant Schifferhaus, eine grüne Insel zwischen Industrie und Wohnsilos.

Die Küche die sie hier erwartet, entspricht auch eher der gehobenen Architektur des Hauses, als dem Namen. Sie kriegen hier keinen öltriefenden Fisch aus der Friteuse, sondern gastronomische Delikatessen, vegetarische und carnivorische, aus thailändischer wie einheimischer Küche - zu absolut akzeptablen Preisen.
 

 

An diesem seltsamen, damals aber sicher noch gemütlicheren Ort, am Rande Basels, am Rande der Schweiz, hat auch Carl Gustav Jung seine Jugend verbracht, das Gymnasium besucht und Medizin studiert.

Diese Tafel, zwischen Acker- und Rastätter Strasse, zeigt die alte Gemeindegrenze, die nicht mit der heutigen Quartiersgrenze (Wiese) identisch ist. Kleinhüningen hat aber bereits 1908 seine Selbständigkeit verloren und wurde in die Stadt Basel integriert.


 

Auszug aus Zonenplan & Legende


Martin Herzog, Inselstrasse 62, 4057 Basel. 19. Mai 2005

Aktuelle Entwicklung [s. auch: Neutraler Quartierverein Pro Kleinhüningen]

Kleinhüningen wehrt sich zur Zeit gegen noch mehr Verkehr, präziser gegen die Durchführung eines Trämmlis ins angrenzende deutsche Weil am Rhein. Kleinhüningen war immer der äusserste Rand Basels, und bekam so die Dinge, die die "obere Stadt" lieber in einiger Distanz hatte, wie die Chemische Industrie, den Hafen, Industriegeleise, Öltanklager, die Kläranlage und eine Auto-Hochbahn. Sie sehen es leicht anhand der Karte oben, dass Kleinhüningen von 3 Seiten umzingelt ist: Im Westen Hafen und Öllager, bald neuer Standort des Hafens St. Johann auf der andern Seite des Rheins, der für 100 Millionen Fr. an Novartis Campus geht. Im Norden und Nordosten legen sich Hafenbecken 1 und 2 samt Lagerhäusern wie eine Festungsmauer um das Quartier, und im Osten bildet eine Pufferzone aus chemisch-pharmazeutischer Industrie den Übergang zu Geleisen, Autobahn - und noch mehr Geleisen des Deutschen Güterbahnhofs.  All dies wurde mit der Zeit und mit dem Wachstum der Stadt von Wohnquartieren durchwuchert.

Nun ist Basel voll bis zum Rand und braucht, ganz im Zeichen der Entwicklung zur "global City" - mehr Peripherie, das heisst grössere lokale Einflussgebiete für Politik und Wirtschaft, grössere lokale Märkte, mehr billige Arbeitskräfte etcetc. Im Zuge dieser Entwicklung wird die innerstädtische Peripherie gleichzeitig zum Transitgebiet degradiert, so etwa wie der Kanton Uri, der, obwohl im Zentrum der Schweiz, wirtschaftlich doch eher peripher ist.

Es handelt sich dabei um eine "Spätfolge", ein Aktionsprogramm der Konsenskonferenz Werksta(d)tt Basel 1997-98, für das nun eben Geld zur Verfügung steht, das weg muss. Das tönte damals so [Die drei Impulsprojekte des Aktionsprogramms Stadtentwicklung Basel S. 39]:

Sollten allerdings die Basler am 24. September diese Überbauung ablehnen, so kommt ein Logistikzentrum hin, das, trotz Lastwagenzufahrten, keine Sonderbewilligung braucht - oder ein Lagergebäude, mit 40 m hohen Mauern - so der Projekt-Initiant und ehemalige Basler Baudirektor Christoph Stutz. Dies sei aber keine Drohung ....  Apropos Stutz: Kein Architekt ?. (Das Internet gibt 0 Auskunft darüber, um welche Art von Dr. es sich handelt). Ehemaliger Grossrat und (bauwütiger) Baudirektor (eben ...), 1996 abgewählt, mit 11'000 Fr. Pension pro Monat.. Büro Dr. Christoph Stutz Projektmanagementaktiengesellschaft. Patronatskomitee Biovalley Basel (veraltete Website von 2005). Mitglied des Verwaltungsrates von Geothermal Explorers, Präsident Gasverband Mittelland, Verwaltungsrat Pax

> Die Abstimmung ging - aus der Perspektive des Quartiers - verloren. Basel kriegt ein neues Einkaufsparadies - Kleinhüningen zusätzlich 4000 Autos pro Tag.

Die nächste Abstimmung zur Landhof-Initiative (2, 3) versucht ein grünes Sportgelände im Wettsteinquartier, nahe der Mustermesse, also an der Grenze zum Rosentalden, vor der Überbauung zu retten. Liegt zwar nicht in Kleinhüningen - aber ansonsten selbes Problem.

Früher war es ein gern verwendetes Gleichnis, die politische Beschränktheit, die enge Perspektive unserer Urkantone, die immer wieder per Ständemehr fortschrittliche Abstimmungvorhaben zu Fall bringen, darauf zurückzuführen, dass die Alpler in ihren Tälern eben einen sehr engen Horizont haben - und kaum in der Lage sind, die Sonne zu sehen. Nun müsste man aber erkennen, dass Aelpler immer die Möglichkeit haben, aus dem Tal auf einen Berg zu steigen, und eine unvergleichliche Rundsicht zu geniessen. Während dem der Städter, egal wohin er in seiner Stadt geht, nichts sieht als, eben, Beton. Wen wundert's also, dass unser Weltbild etwas gräulich ist heute .... Häuser rot und grün zu bemahlen hilft da eben nur wenig.

Kleinhüningen: Hochbergerplatz als neues Zentrum

Das Mündungsgebiet der Wiese in den Rhein ist ein städtebaulich vernachlässigter Ort mit grossem Potenzial. Durch die Umgestaltung des Raums Wiesendamm/ Hochbergerplatz soll ein Platz mit gewerblicher und sozialer Zentrumsfunktion entstehen. Das Entwicklungspotenzial der Rheinhäfen ist in die Projektierung einzubeziehen und mit geeigneten Massnahmen zu erhalten.

Mit der Neugestaltung des Raums Wiesendamm/Hochbergerplatz erfährt Kleinhüningen eine Gesamtaufwertung. Angesichts der geographischen Randlage des Quartiers trägt ein solches Projekt dazu bei, dass Kleinhüningen als potenzielles Wohnquartier attraktiver wird und die Stadt im Norden ein neues Subzentrum bekommt, welches die städtebauliche Achse Claraplatz–Weil am Rhein deutlich aufwertet und zudem über die Landesgrenzen hinaus ausstrahlt.

uiuiuiui ... da muss ein Werbetexter am Werk gewesen sein ... Das strahlende Zentrum wurde vorgestern, am 24.9.09 eröffnet. Mit wenig Prunk, und schon mit gar nix gratis, aber bei voll besetzten 824 Parkplätzen, Staus, und vollem Laden. Ein neuer Konsumtempel ist geboren. Erlebnis-Shopping der Sonderklasse, so die Werbung. 120 Shops und Restaurants auf 32'000 m2. Eine Kathedrale des Konsums ... oder Kaserne? Rauchen verboten, Alkohol verboten, ausser an den dazu bestimmten Stätten, wer des Hauses verwiesen wird muss dem umgehend Folge leisten, alles andere wird als Hausfriedensbruch geahndet. Sitzbänkge gibt es keine. Na ja, vielleicht taugt es ja als Sportersatz. Ein Rundgang auf den zwei Stockwerken hat immerhin eine Länge von 2 km. Das Silo, das in der Nacht mit farbigen Streifen leuchtet, muss offenbar das Stücki-Hotel sein. Jou, genau. Hab mich doch schon lange gewundert, ob das allenfalls ein automatische Garage sei.

Tatsache ist, dass heute absolut keine Klarheit über die Entwicklung des Hafens besteht, aber Pläne bestehen, Den Hafen St. Johann, der Novartis Campus weichen muss, nach Kleinhüningen zu verlagern:

Planung 2004 http://www.wsd.adminbs.ch/Dokumente/SRH_Vn_Verzeichnis.pdf

p.s: Apropos Erdbeben im Zusammenhang mit den Thermalbohrungen ... vielleicht eine günstige Methode Kleinhüningen frei zu machen für das geplante Gross-Containerterminal? Na ja, eigentlich soll dieses ja die hauptsächlich von Ausländern bewohnten Wohnquartiere ersetzen, die eher im Westen liegen ... aber die Sache ist offensichtlich nicht ganz so präzise planbar und wird auch beim Deutschen Nachbarn als störend empfunden, dem die Epizentren quasi unter der Grenze durch geschoben wurden.

Erdbebenaktivitäten in der Umgebung des Bohrlochs (+)

Obwohl eigentlich (fast) alle Fakten für die Rheinschifffahrt sprechen, nimmt deren Bedeutung offensichtlich laufend ab. Jedes Binnenschiff ersetzt 100 Lastwagen auf der Strasse oder 50 Eisenbahnwaggons auf der Schiene. Mit 1 PS können auf dem Wasser 4000 Tonnen bewegt werden, auf der Schiene 500 kg und auf der Strasse sogar nur 150 kg. Mit 1 Liter Treibstoff kann 1 Tonne auf dem Wasser 100 km weit transportiert werden, auf der Schiene 67 km und auf der Strasse 20km! [Zahlen aus: Die Alternative im Hintergrund. Handelszeitung Nr  44, 1.-7. Nov. 06. S. 95]

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p.s: Wenn Sie die Quellen ansehen, die Verfasser der angegebenen Berichte und Studien, so fällt Ihnen vielleicht auch auf, dass da Architekten ziemlich übervertreten sind. Man ist also in dem Falle gut beraten, deren Beiträge unter dem dreifachen Aspekt der Kommunikationsanalyse zu betrachten, also

  1. der sachlich-objektiven,

  2. der persönlichen, subjektiven - und

  3. der zielorientierten, strategischen Ebene.

Architekten erstellen Bauten - wollen also möglichst viel Baulandreserven, die (am liebsten von ihnen selbst) zügig Stück für Stück überbaut werden. Auch Abriss und Neubau sind von Interesse, ebenso Umnutzungen - falls sie zu mehr Bauten führen. Und wo's nicht mehr in die Breite geht, da muss man eben in die Höhe bauen. Und wo die Leute nicht so gern übereinander wohnen, da braucht's eben eine andere Strategie. Architekten stellen einen beträchtlichen Anteil der Heerführer (Herzog: der vor dem Heere zog) der neofeudalen Plutokratie.

 

Fazit:

cave architectem - hüte dich vor den Baumeistern!

Glaub mir, glücklich war die Zeit vor den Architekten.

Aeneus Seneca, Epistulae morales 90

Wo immer Architekten politische Statements abgeben die Empfehlungen zu Neuerschliessungen, Umnutzungen und Neu-Bauten enthalten, müssen SIE (nein Sie, der Leser, nicht der Architekt) sich bewusst machen, dass das für Architekten so normal ist wie für den Priester, Sie zum Gebet (und zu Spenden) anzuhalten. Der objektive Wert der Empfehlung darf so als politische Handlungsempfehlung für die Allgemeinheit nicht überbewertet werden.

... und warum die Basler Bevölkerung, trotz beträchtlichem politischem Gewusel, eigentlich nichts zur Stadtentwicklung zu melden hat.