Nach: Alfred Bürgin: Geschichte des Geigy-Unternehmens von 1758 bis 1939. Ein Beitrag zur Basler Unternehmer- und Wirtschaftsgeschichte. [1958]
Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch diese nicht.
Georg Christoph Lichtenberger
Die Stadt Basel, der grösste und bedeutendste Handelsplatz der Schweiz, war für den Betrieb eines Handelsgeschäftes ein denkbar günstiger Ort. Gegen Ende des 18. JH beschäftigte die Seidenbandweberei etwa einen Drittel der Bevölkerung von Stadt und Land - also etwa gleich viel, wie heute Chemie und Pharma..
Die frühkapitalistische Gesinnung war nicht reine Freude am Erwerb und an Herrschaft, sondern es lockte noch die Musse des seigneurialen Lebensstils, der durch Geldbesitz mögliche Aufwand an Pracht und Repräsentation, wie auch das Pflichtgefühl für die Versorgung von Familie und Untergebenen. Der damalige Kaufherr hatte Zeit für allerlei Vergnügungen und Beschäftigungen; er wehrte sich gegen grundlegende Veränderungen im Geschäftsbetrieb; er wollte gute, nicht billige Waren produzieren und verkaufen; sein Trachten lag in der Erzielung eines hohen Nutzens, nicht eines grossen Umsatzes. [n. S. 18]
Die Stadt wählte ihre Bürger aus. Man war darauf bedacht, nur reiche, gelehrte und kunstfertige Personen ins Bürgerrecht aufzunehmen: Falls ein welscher reicher oder kunstfertiger Mann zu uns ziehen begehrt, von welchem die Stadt Nutzen, Ehre und Ruhm hätte, oder der um seiner Kunst willen hier nötig sein würde, wäre man bereit, ihm Aufenthalt und Bürgerrecht zu gewähren; andere hingegen soll man glatt fürwiesen und in der Stadt nicht dulden.
Ende des 16. JHs differenzierte sich die Nachfrage nach Spezereien und Gewürzen ausreichend, dass sich der Spezereienhandel spezialisieren konnte und musste. Heilmittel, Genussmittel und Apothekerwaren wurden als Materialien oder Drogen bezeichnet. Der Apotheker war, ohne Scherz und Hintergedanken, er wurde so genannt, der erste "Materialist". Drogen waren nichts anrüchiges, sondern einfach getrocknete pflanzliche und tierische Stoffe, Rohmaterial der Heilmittelproduktion. Bei der Beschaffung waren besondere Kenntnisse und Sorgfalt nötig, weshalb die Wissenschaft bereits damals an der Universität erforscht und gelehrt wurde. Nebst Rohstoffen für Medikamente mussten die Materialisten oder Drogisten aber auch Rohstoffe zur Farbproduktion beschaffen.
Dieser Materialwarenhandel war zu Beginn des 17. JHs von Refugianten eingeführt, und das ganze Jahrhundert hindurch von ihnen ausgeübt worden. Der erste Materialist Basels war Jacob Miville aus Genf, ehemaliger Bürger von Colmar, der 1606 in die Safranzunft aufgenommen wurde. Jakob Bernoulli, der Stammvater dieser berühmten, ursprünglich in Frankfurt und Amsterdam beheimateten Familie, war Sohn eines Materialisten und selbst Spezierer.
Apropos Spezierer: Das Zunftwesen machte die Sache damals etwas schwierig. Wer Drogenhandel en gros betreiben wollte, war in der Wahl der Zunft relativ frei, trat aber meist der Zunft zu Kaufleuten bei. Wer Kleinhandel betrieb, musste der Safranzunft beitreten. Wer die Materialien zu Medizin verarbeiten wollte, der Zunft der Apotheker. Grosshandel wurde aus Gründen der Versorgungssicherheit also liberal gehandhabt, während man mit dem lokalen Kleinhandel und Gewerbe eher arbeitsmarktpolitisch umging. Trotzdem entwickelte sich der Basler Drogenhandel im 18. JH zu einem der blühendsten Erwerbszweige der Stadt. Die von Johann Rudolf Geigy-Gemuseus und seinem ältesten Sohn Hieronymus Geigy-Sarasin aufgebaute Firma, hatte sich von1758 bis zur Jahrhundertwende bereits zur viertgrössten Drogen- und Kolonialwarenhandlung Basels hochgearbeitet. Gehandelt wurden damals Güter wie Kaffee, Kakao, Pfeffer, Tee, Zimt, Nelken, Vanille, Kautschuk, Schwämme, Gerbstoffe, Blauholz, Opium, Chinarinde (denn Malaria gab's damals auch noch in der Schweiz) etc.
Einen starken Einfluss auf Hiernomymus Geigy scheint sein Schwiegervater Jakob Sarasin ausgeübt zu haben, ein (pietistisch) frommer, aufgeklärter Patrizier, der sich intensiv mit dem Problem des Pauperismus und der sich entfaltenden Industrie befasste - und ganz und gar nicht auf die göttliche Hand alleine setzte:
Die durch die industrielle Entwicklung hervorgerufenen Missstände, "Inconvenienzen", wie er sie nennt, liegen nicht in der vermehrten Industrie, "sondern in der Vernachlässigung der Mittel, die man anwenden könnte", um dem Übelstande zu steuern. ""Gewerbsamkeit", Ackerbau und Kultur will er durch obrigkeitliche Fürsorge in ein Gleichgewicht gesetzt wissen. Er kann aber innerhalb der industriellen Entwicklung keine natürlichen, im Sinne einer Harmonievorstellung sich selbst entfaltenden Kräfte erblicken, die den Prozess des gewerblichen Fortschritts selbsttätig lenken oder sich durch staatliche Massnahmen lenken lassen. Die Ordnung der Wirtschaft ist ihm ein ethisches Problem.
Der Nationalökonom Christoph Bernoulli ist der lokale Apostel des Fabrikwesens. Er sieht im Industriellen den modernen Heilsbringer. Das Wort "Industrie" taucht 1806 erstmals in Frankreich auf. Bernoullis Ansichten sind allerdings nicht sehr neu, da er sich weitgehend an Smith und Ricardo hält. Allerdings wird er, durch die Eröffnung der Privatschule, "Das Philotechnische Institut", das zukünftige Kaufleute, Fabrikanten und Ökonomen ausbilden sollte, zum "wissenschaftlichen" Propheten des Liberalismus. Der Name, philotechnisches Institut, zeigt auch die Wurzel eines weiteren Problems, nebst der Erwartung unendlichen Wachstums, mit dem wir heute zu kämpfen haben. Ein Institut, das Liebe zur Technik vermittelt, riskiert doch, etwas unkritisch zu sein gegenüber den "Wohltaten" eben dieser Technik. Bernoulli sah die Zünfte, sowie generell persönliche Bindungen, im Einklang mit (Neo-)Liberaler Theorie als hemmend an für die Wirtschaft. Allerdings wandte er sich noch eben so stark gegen Monopole. Leider vertrat er aber in seinem Übereifer die selbe Geiztheorie, die heute unsere Wirtschaft bremst, weil sie den Kreislauf bricht (s. Say). Bernoullis Behauptung war damals so falsch wie sie es heute, dank des Finanzmarktes, gerade doppelt ist: "was erspart wird, auf eine andere Art wieder verwendet wird, die verwerflichste Sparsamkeit und der schmutzigste Geiz nimmermehr dem Einkommen der arbeitenden Klassen ... schaden kann. Allerdings griff er, nun aus soziologischer Erkenntnis (wie Adam Müller und List), auch auf Grundsätze des Merkantilismus zurück: Jedem Bürger jeden Staates und jeder Stadt sollten gewisse Vergünstigungen zukommen. Der Satz ist nicht überlebt, denn gerade dort wo die Steuerlasten unterschiedlich sind, heute bei Stadt und Land, müssen diejenigen, die mehr Steuern zahlen, auch sehen und spüren, was damit passiert, dass ihnen nichts weggenommen, sondern investiert wurde. (s. Steuern)
Der Liberalismus der nun gepredigt wurde, sagte der (gewissen, immer noch vorhandenen) Solidarität zwischen Herr und Knecht ab und setzte alleine auf eine wohlüberlegte, berechnende Erwerbshaltung. Es galt nicht mehr die Lehre vom gerechten Preis, der von der Kirche das ganze Mittelalter hindurch hochgehalten wurde, sondern die Erzielung grösstmöglichen Gewinns, die sogar für gottgefällig erklärt wurde. [Nebenbemerkung: Sie sehen, dass die Reformation zwar die Bibel in eine verständliche Sprache übersetzt und damit dem Volk zugänglich gemacht hatte, dass aber gerade die Protestanten gegenüber Wirtschaft, Geld und Reichtum eine derartige Toleranz ausübten, dass ein grosser Teil klar und deutlich ausgesprochener Werte und Inhalte der Bibel quasi herausgeschnitten wurden. So gesehen wäre Protestantismus eigentlich als Sekte zu betrachten. Das fiel bereits den Zeitgenossen auf, was in der zweiten Hälfte des 19.JHs eine starke Abwendung von der Kirche zur Folge hatte und den aufkommenden Sozialismus begünstigte. Leserbrief in der National Zeitung vom 4. Januar 1844:
Basel ist die Wunderstadt, drinnen die Reichen leichter in den Himmel kommen, als Kamele durchs Nadelör.
Die liberale Gewinnsucht wurde auch von Spitteler, vom Zürcher Gottfried Keller (s. insbesondere das Spätwerk Martin Salander), vom Berner Jeremias Gotthelf (etwa: Die Käserei in der Fehfreude), von Salis, - aber auch von Mitgliedern des Basler Daigs kritisiert. Jacob Burckhardt brandmarkte mit Besorgnis und Grauen die wirtschaftliche und technische Hypertrophie und Hetze seiner Zeit (was würde er wohl heute sagen ...?), und empfand die Ökonomisierung des gesamten Daseins als erschaudernd. Dieses Erschaudern ist nicht nur Gewohnheit gewichen. Die vollständige Ökonomisierung aller Vorgänge ist uns heute gleichsam zum Lebenszweck geworden. Die übelste Folge davon allerdings ist, dass damit wirtschaftliche Gesetze zu der Ordnung werden, die über alle Ordnung dominiert. Dass das nicht angeht, dafür fehlt heute das Verständnis leider weitgehend.
Carl Geigy (1798-1861) setzte sich auch politisch stark ein, insbesondere für die Fortführung der Elsässerbahn bis Basel. Dies war die erste Eisenbahnstrecke auf Schweizer Boden. Carl Geigy war auch Präsident des Direktoriums der Centralbahngesellschaft und eröffnete am 27. April 1858 den ersten grossen Tunnel der Schweiz, von Läufelfingen nach Olten, eine Strecke deren Schicksal dieser Tage entschieden wird.
Die Produktion der Geigys begann 1833-41 mit einer Holzmühle an der äussersten Ecke am Rhein im St. Albanquartier. 1842-58 wurde diese verlegt an das Eckhaus landeinwärts, an die Adresse St. Albantal 37. Mitte des 19. JHs lag das Geschäftsdomizil der Geigys, in dem sich die Buchhaltung, wie Lager und Muster befanden, im Lichtenfelserhof am Münsterberg, später vor den Mauern Kleinbasels an der Alten Bahnhofstrasse, dem heutigen Riehenring bei der Mustermesse.
1856 wurde dort die Firma J.R. Geigy & U. Heusler gegründet - am Teich, der zwecks Entsorgung der Abwässer unentbehrlich war. Wichtiger war damals aber bereits der Bahnhof, da die meisten Rohstoffe und Produkte mit der Bahn, nicht per Schiff, transportiert wurde. Eine "industrielle" Rheinschifffahrt wurde ja auch erst zu Beginn des 19. JHs entwickelt von Gelpke.
Als Wohnhaus wurde 1840 das "Haus zur goldenen Münz"
genutzt, das am Platz des heutigen Globus stand, dann die Villa auf dem Landgut Bäumlihof (also Riehen, noch nicht
Zug). Dazu wurden noch Lager beim Spital, an Barfüssergasse, Kaufhausgasse und Brunngässlein gemietet, insbesondere aber hinter, neben und sogar in Sakristei
und Chor der Barfüsserkirche, dem heutigen historischen Museum. (s. Bild
rechts). An diesem Ort soll das gegenwärtige Stadtcasino in 4 Jahren durch einen
Neubau der
Irakischen Architektin Zaha Hadid ersetzt werden. Die Kosten belaufen sich
auf 80 Millionen, wovon die Hälfte durch Spenden aufzutreiben ist, wovon
wiederum ein Drittel bereits zur Verfügung gestellt wurde (Stand 14. Sept. 05).
Johann Rudolf Geigy-Merian (1856-1883) beauftrage den genialen Autodidakten und Forscher, Sandmeyer mit der Suche nach einem einfacheren Verfahren zur Indigosynthese.
| Sandmeyers eigene Definition des intuitiven
Erfindungsprozesses: Es müssen wohl männliche und weibliche Gedanken im Kopf sich lieben und miteinander das Neue zeugen. |
Da damals die Sicherung der Firma durch gute Produkte noch über dem Ziele der Expansion und der Eliminierung der Konkurrenz durch immer neue Produkte stand, war Forschung nicht unbedingt der treibende Faktor - Sandmeyer verpasste also einige andere, nahe liegende Produktionszweige.
Die Begeisterung, mit der diese neuen Farben damals aufgenommen wurden, wird heute allenfalls noch von Harry Potter hervorgerufen:
Als in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten künstlichen Farbstoffe auf den Markt gelangten, bedeutete dies eine für uns kaum noch vorstellbare Sensation. Die ungewohnte Leuchtkraft begeisterte. Die Textilindustriellen rissen sich um jeden neuen Farbton und boten Phantasiepreise. Für das Kilo Farbstoff bezahlte man damals bis zu 2000 Fr. nach heutigem Geldwert. [S. 78]
Es war so die technische Entwicklung und gesteigerte Textilproduktion, nicht bloss die Seide, welche nun auch die chemische Industrie vorantrieb. Grundlage der chemischen Textilfarbproduktion war Schwefelsäure - von der nun der industrielle Fortschritt abhing. Lord Beaconsfield: Man wird ... die Behauptung nicht für übertrieben halten, dass die chemische Industrie eines Landes mit grosser Genauigkeit nach der Anzahl von Pfunden Schwefelsäure beurteilt werden kann, die man in diesem Land verbraucht. Ebenso Justus Liebig: Die Nachfrage nach Schwefelsäure stieg ins Ungeheure, von allen Seiten flossen die Kapitalien diesem gewinnreichen Gewerbszweig zu, ... man kam von Jahr zu Jahr auf bessere, einfachere und wohlfeilere Gewinnungsmethoden.
Aufs engste verknüpft mit der Schwefelsäurefabrikation war die Sodaindustrie: Seife, Glas, Textilien. Zu dieser Zeit wurden die meisten noch heute bestehenden Chemiegiganten gegründet wie 1865 die Badische Anilin und Sodafrabrik [BASF].
Die Schweiz war in einer vorteilhaften Situation. Da England und Frankreich ihre Färbstoffe billig aus den eigenen Kolonien beziehen konnten, Frankreich dazu noch den Anbau von Krapprot im Elsass staatlich subventionierte, hatten sie wenig Interesse an der Entwicklung technischer Syntheseverfahren. Obwohl ihre Forscher (Perkin, Griess) einige äusserst fortschrittliche Verfahren entwickelt hatten, gelang es ihnen nicht, Kapital für die Verwertung aufzutreiben. Einige französische Chemiker siedelten sich also in Belgien, Deutschland und vor allem aber Basel an. (Ach, immer diese Wirtschaftsflüchtlinge ... War aber offenbar damals ein Vorteil, dass man sie nicht in ein Durchgangslager gesteckt hat). Ebenfalls ein Vorteil war, dass die Schweiz keine merkantilistische Machtpolitik betrieb, die Schweizer Händler auf fremden Märkten also als Privatpersonen auftreten und handeln konnten, und nicht als Vertreter einer staatlichen Politik nationalen Eigennutzes gesehen wurden.
Die bedeutendste kulturelle Leistung Basels im 19. JH war die Pilgermission (kein zynischer Scherz meinerseits, steht so auf Seite 93)
Profitabel entwickelte sich Schönbeins Erfindung der Schiessbaumwolle. Manchmal reichte die Profitabilität allerdings nicht für den Schutz der Bevölkerung, wobei es damals nicht bloss um Immissionen ging, sondern ab und zu gar um Vergiftungen:
Die Anilinfabrikation zeichne sich vor allem dadurch aus, dass sie eigentlich mit Gift arbeitet und Gift ihr Lebenselement ist; dass sie dieses Gift in festem, flüssigem und gasförmigem Zustand dem Boden, dem Wasser und der Luft mittheilt, und dadurch, wenn ihr nicht strenge Schranken gezogen werden, eine langsame, aber sichere Zerrüttung aller normalen Gesundheitsverhältnisse herbeiführt. [S. 107] Do: Fontane: Der Stechlin.
Am 2. Januar 1862 kaufte J.J. Müller-Pack, an den Geigy-Merian die Extraktfabrik 1860 verkauft hatte, ausserhalb des alten Badischen Bahnhofs (also auf der andern Seite der Mustermesse) auf den sogenannten Rosenthalmatten über sieben Jucharten Wiesland (heutiger Standort der Syngenta), um darauf eine neue Fabrik zu erstellen. Als Fabrikstandort war dieses Gelände wegen der giftigen Abwässer der Anilinfarbenproduktion genau so ungünstig wie der der "innern Fabrik", was Müller schon damals erkannte; ursprünglich hatte er deshalb beabsichtigt, seine Fabrik auf der Klybeckinsel unterhalb Basels zu bauen. Die Ansiedlung war ihm aber vom Stadtrat verwehrt worden. Da Müller finanziell nicht dazu in der Lage war, die giftigen Abwässer in den Rhein zu leiten oder per Fass dahin zu fahren, wurde ihm gestattet, diese weiterhin in den Teich abzulassen. Als im Nachbarhause 7 Personen durch arsenikhaltiges Wasser vergiftet wurden (obwohl das Ablassen zu der Zeit bereits wieder eingestellt worden war), waren die Grenzen des Liberalismus offenbar überschritten. Müller wurde zu hoher Busse und Entschädigung, wie zum Verlegen von Rohrleitungen zum Rhein verurteilt. Durch diesen, nach ultra- (und neo-)liberalen Grundsätzen unzulässigen staatlichen Eingriff, geriet Müller in den Bankrott ... und Geigy 1864 wieder an die Firma, die er, wegen der beträchtlichen Gewinnmöglichkeiten, inzwischen doch bereits vermisst hatte.
Auch die weitere Entwicklung der Branche zeigt, dass man von "Eigenverantwortung" erst dann zu reden beginnt, wenn der Druck von Seiten der Anwohner oder des Staates geügend steigt. Bis 1945 wurden sämtliche festen und flüssigen Abfälle in den Rhein gekippt, zuerst vom Ufer, dann von einer Fähre aus: Mit dem direkten Einleiten von Abwasser in den Fluss entledigten sich die Fabriken praktisch kostenlos ihrer Abfallprobleme. Im Nutzungskonflikt zwischen der Fischerei und der Chemie gaben die Basler Behörden der chemischen Industrie immer den Vorzug. Geändert wurde die Praxis erst, als 1945 die Schleuse von Kembs gebaut wurden, und sich der Müll vor der Schleuse am Flussboden ablagerte. Man deponierte dann also in Kiesgruben in Weil, Grenzach und Muttenz. Da aber Gifte in das Grundwasser einsickerten, musste auch dies bald wieder eingestellt werden. Kurzzeitig gelang eine vermischte Deponie mit Bauabfällen (Römisloch, Letten) direkt hinter der Schweizer Grenze im Elsass - doch ganz so dumm und korrupt, wie man in Basel gehofft hatte, waren die französischen Nachbarn nicht. Ende der 50er Jahre waren Chemiemülldeponien im Basler Dreiländereck nirgends mehr realisierbar. Damit kam die Zeit von Bonfol im Französischen Jura, heute eine höchst akute Altlast. Diese musste allerdings ebenfalls wegen Durchlässigkeit 1976 geschlossen werden. Es folgten Kölliken, Teuftal (BE), Gerolsheim (Rheinland-Pfalz) und Schöneberg (DDR). [Martin Forter: Farbenspiel. Ein Jahrhundert Umweltverschmutzung durch die Basler Chemische Industrie. ]
Die protestantische Religion war immer noch der Treibstoff der Liberalisierung: Einem Missionar, der einen Schuster fragte, ob er sich religiös betätige, wurde zur Antwort gegeben: Ja, - ich mache Schuhe. (engl. Anekdote, S. 130).
Wenn Gott dir einen Weg zeigt, wie du erlaubterweise mehr verdienen kannst als auf andere Weise ..., und du greifst nicht zu und wählst den weniger ergiebigen Weg, dann handelst du dem Ziele deines Berufes entgegen und weigerst dich, Gottes Verwalter zu sein.
Die Bemerkung, dass die Wirtschaft die Religion ersetzt hätte, ist also nicht bloss eine zynische Notiz meinerseits, sondern wurde in der Zeit des aufkommenden Liberalismus echt so empfunden - und auch so gehandhabt.
Dass der Liberalismus in der Schweiz dennoch nicht ganz so üble Folgen hatte wie etwa in Manchester, wird darauf zurückgeführt, dass weder der schranken- und rücksichtslose Erwerbsgeist noch die calvinistische Ethik sich alleine durchsetzen konnten, sondern dass auch die Forderung der Revolution nach Gleichheit nicht ganz vergessen ging, und vor allem, dass Demokratie vielleicht nicht alle gleich macht - aber die Unterschiede zwischen den Herren und dem Pöbel doch etwas relativiert.
1852 kritisiert der Fabrikherr Carl Sarasin das Verhalten seiner Kollegen:
Dass der gute Wille, die Fürsorge - für die Erziehung der Fabrikarbeiterkinder Sorge zu tragen - ungeachtet aller Bitten bei Manchen nicht da ist, zeugt bei denselben ebenso von gewissenloser Missachtung ihrer Pflichten als von herzloser Gleichgültigkeit, die zwischen Maschinen und Menschen keinerlei Unterschied macht. [S. 145}
1868 geht er noch weiter und verlangt: Die Erfahrung lehrt, dass dem Industrialismus hie und da Zügel angelegt, zu Gunsten der der Industrie dienenden Klassen gewisse Schutzmassregeln aufgestellt werden müssen, ja sogar auch gegen den Willen der Arbeiter selbst (Arbeitszeit, Nachtarbeit, Kinderarbeit, Sonntagsruhe, Krankenvorsorge, Erwerbsausfall, Arbeitssicherheit etc.)
Die "alten Basler Geschlechter" drängten diejenigen, die zu Gunsten des Manchestertums argumentierenden, hier zurück. In einer Zeit, da Gewerkschaften verdächtigt wurden (und wieder werden), eigentlich bloss ein Hinderniss der freien wirtschaftlichen Entfaltung zu sein, tut es gut, gerade von einem der alten Aristokraten (Koechlin-Geigy, in einem Vortrag) eine andere Meinung zu hören (Also auch wenn patriarchalisch, der Humanismus hat doch noch seine Vorteile):
Es hiesse die Geschichte der Industrie vollständig misskennen, wenn man nicht zugestehen wollte, dass die Strikes dem Arbeiter von Nutzen gewesen seien zur Wahrung seiner Rechte und Würde als Mensch und ihn gerettet haben von allen den Akten kleinlicher Tyrannei und täglicher Misshandlungen ....
Er postuliert eine Verpflichtung des Kapitals, die ähnlich den Verpflichtungen des Herrn gegenüber seinem Untergebenen aufgefasst wird, allerdings mit dem noch zu erwähnenden Unterschied, dass die Beziehung Kapitalist - Arbeiter nicht auf einem patriarchalischen Untergebenen- und Treueverhältnis zu fussen hat, sondern auf einem unter Gleichberechtigten abgeschlossenen Vertrag. Die Englische Arbeiterbewegung wird als vorbildlich hingestellt, und dem Schweizer Arbeiter zur Nachahmung empfohlen. Aber insbesondere der letzte Satz des Zitats beschreibt einen Zustand, an dem wir, 150 Jahre später, immer noch arbeiten. Angestellte werden als Rädchen behandelt - und helfen durch Mobbing kräftig mit, die HerrundDiener-Struktur in jeden Winkel zu verbreiten und am Leben zu erhalten
Allerdings, Koechlin-Geigy war auch damals eher fortschrittlich. Seine Zeitgenossen Carl Sarasin und sein Bruder Rudolf strebten immer noch nach der Verwirklichung des christlichen Fabrikpatriarchentums, das den Arbeitern vor allem Genügsamkeit (kommt billiger) und Arbeitsamkeit (fördert die Produktivität) anerziehen wollte. Das zweitere Prinzip hat heute wieder Hochkonjunktur, wenn auch ohne das Adjektiv "christlich", das vollumfänglich und allgemein anerkannt durch "wettbewerbsfähig" ersetzt wurde. Das von Koechlin und Steinheil herausgearbeitete Dilemma wird dadurch aber nicht gelöst:
Was ist ein Fabrikant?
Ein Fabrikant ist ein Mensch, der seine Wahre möglichst wohlfeil producirt, dieselbe möglichst theuer verkauft und so recht viel Geld verdient.
So verstehen es die Meisten. Andere aber sagen:
Ein Fabrikant soll sein, ein treuer und kluger Knecht, den der Herr gesetzt hat über sein Gesinde, dass er ihnen zur rechten Zeit Speise gebe. Im harmonischen Zusammenschluss dieser beiden Gesichtspunkte liegt die Lösung. [S. 152]
Geigy-Merian nutzte vermutlich als erster die Vorteile der doppelten Buchhaltung voll. Diese trennt die Rechnungsführung von der Person des Unternehmers und erlaubt eine Beurteilung der Geschäftsabläufe nach rein sachlichen Gesichtspunkten. Wird diese Rechenhaftigkeit übertrieben, wird Unternehmertum allerdings seelenlos und damit asozial. Der extreme Liberalismus lobt genau diese übertriebene Haltung und macht damit eine Minderheit von Habenden zu Herrschern über eine Mehrheit von Kapitallosen. Auch wenn die ultra- oder neoliberale Haltung wirtschaftlich Vorteile hätte (für einige wenige), so ist sie dennoch untauglich, da zu wissenschaftlich, zu sehr isoliert vom Gesamtsystem. Sie muss am sozialen und politischen Widerstand scheitern - weshalb sie diesen mit allen Mitteln, Propaganda, Bestechung, Gesetz, Polizei und Militär zu unterdrücken versucht.
Die zunehmende Verflechtung wirtschaftlicher Prozesse, die erhöhten finanziellen Anforderungen der sich immer komplexer gestaltenden Produktionsprozesse, das antreibende Element des Profits, verlangten Organisation statt Improvisation und Planung statt Intuition. Alfred Bürgin bezeichnet bereits diese Stufe, die bei der Firma Geigy mit Johann Rudolf Geigy-Schlumberger, Carl Alphons Geigy-Hagenbach und den Vertretern der Familie Koechlin einsetzte, als Spätkapitalismus, womit er allerdings etwas früh dran war.
Geigy-Schlumberger geriet prompt in den Strudel der sozialen Bewegung. Die geigyschen Sozialwerke, die damals zu den fortschrittlichsten gehörten, wurden von N. Wassilieff 1905 abgelehnt, ha gar verhöhnt, da sie nicht auf "Verträgen zwischen Gleichberechtigten" beruhten, sondern gnädige Zugeständnisse der gnädigen Herren waren ... und jederzeit einseitig widerrufen werden konnten.
Carl Koechlin-Iselin, Sohn des oben erwähnten Koechlin-Geigy, leitete nicht bloss die Firma, sondern engagierte sich politisch. Das wichtigste Resultat seiner politischen Tätigkeit war die Einführung des Postchecks in der Schweiz.
Geigy-Hagenbach, humanistisch gebildet, scheute allerdings die Aufnahme fremden Kapitals und wehrte sich gegen Dezentralisierung der Produktionsbetriebe. Er war noch dem frühkapitalistischen Rentnerideal hold, dem es reichte, das Übernommene zu wahren und ein standesgemässes Einkommen zu sichern.
Am 1. Januar 1901 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.
Geigy-Merian brachte den Betrieb auf die nächste Ebene der Entwicklung, mit der der Liberalismus aber auch begann, seine eigene Grundlage zu zerstören. Der Geschäftsmann war in der Gründerzeit zum Helden der Moderne geworden. Mit den Aktiengesellschaften wurde er durch Angestellte, Funktionäre und andere Bürokraten ersetzt. Auch die heutigen CEOs, so gross und teuer sie sein mögen, sind Angestellte der Aktionäre (die sich allerdings je länger je mehr der Herrschaft und Aufsicht ihrer Auftraggeber entziehen, wie das auch ab und zu im Feudalismus vorkam.)
Der Manager gleicht dem Beamten. Sein Beamtentum unterscheidet sich nicht grundsätzlich vom Beamtentum des Staatsbeamten. Seine Bejahung des Privateigentums an den Produktionsmitteln liegt im wesentlichen darin begründet, dass er von den Besitzern der Produktionsmittel angestellt ist. Eine Anstellung, zumal eine gut bezahlte, löst immer eine gewisse Hingabe aus. [S. 178]
Diesen Satz sollten Sie den Leuten an die Wand nageln, die eben so dauern wie unspezifisch und unqualifiziert für die Freiheit (der Wirtschaft) und gegen den Staat wettern.
Allerdings löst auch das Modell der shareholder rights und einer verstärkten Aktionärsbeteiligung das Problem nicht. Was die Gruppe der Aktionäre betrifft, ist sie gleich weit von den Funktionen wie von der Haltung eines Eigentümers entfernt. Ihr Interesse ist darauf reduziert, eine möglichst hohe Dividende zu erhalten. Dieser Anspruch ist von jeder innerlichen Beziehung zum Unternehmen losgelöst. [S. 178] Genossenschaftlich-korporative Unternehmen verschwanden gegen Ende des 19.JHs zusehends.
Es ist nichts als logisch, dass eine Organisation, deren einziges Ziel es ist, die Profite zu vermehren, dies weitaus effizienter tun kann, als eine, die sich gleichzeitig noch um das Wohl der Standortsgemeinde, der Angestellten, der Umwelt und der zukünftigen Generationen sorgen will oder muss. Aber, und auch dass wussten die alten Basler Bezopften bereits: Da nun die Aktionäre das Risiko trugen, aber niemand mehr persönlich haftete, nahm die subsidiäre Haftbarkeit des Staates immer mehr zu. Der Staat, der die Entwicklung zum Monopolkapitalismus fördern half und dadurch ihm überlegene Machtpositionen aufkommen liess, sah und sieht sich dann in vielen Fällen genötigt, in die private Wirtschaft einzugreifen, wenn durch falsche Unternehmensentscheide Riesenunternehmen vor dem Ruin stehen. (s. Swissair, versch. Kantonalbanken, vergammelnde Ruinen bankrotter Skilifte und Seilbahnen etc.).
Die Widersprüchliche Haltung des Direktor-Unternehmens wird vollends dadurch klar, dass er sich als Vorkämpfer einer privat-liberalen Wirtschaft ausgibt, andererseits aber, im Verlustfalle nämlich, die Hilfe des Staates verlangt, ohne zu erkennen, dass die Sozialisierung der Verluste notwendigerweise eines Tages die Sozialisierung der Gewinne zur Folge hat.
| Um so absurder das Auftreten der Glatzköpfigen hier mit dem
Motto ... nein, nicht "die Schweiz den Schweizern", die hier sind noch
bekloppter: Basel den Baslern, den echten Beppis. Irgendwo
hier in der Nähe des Wiesenplatzes (Kleinbasel, Klybeck, Grenze
Kleinhüningen) muss ein Nest sein. Im 8er Drämmli schrie einer derart ins
Telefon, was von Arschloch, sofort nach Hause ... dass sich eine
ältere Frau doch einigermassen gestört fühlte (die einzigen, die sich noch
trauen, was zu sagen). Allerdings musste sie schwer büssen, denn sie wurde
während 20 Minuten beschimpft und beleidigt, sie sie wohl im Altersheim,
wohl nicht mal eine rechte Schweizerin. Er dagegen, 32, muskelbepackt, in
Shorts und Sporthemd, habe Militärdienst geleistet, würde aber erst auf
solche wie sie schiessen. etcetc. Quadratarschloch. Und das ein paar hundert
Meter neben einem der Könige der Globalisierung, der CIBA. Ich sagte bloss:
Gott sei dank bin ich kein Beppi, sonst müsste ich mich noch schämen. Gestern kam dann prompt die Telefonbefragung zum Rüttli: Rechtsextreme verbieten? Nö, wozu? Lasst ihnen ihren Auftritt. So dämlich darstellen, wie sie sich selbst, kann (oder darf) sie kein Cabaretist. Allenfalls das nächste Mal die Feuerwehr bereitstellen und kalt duschen, wenn's ihnen zu wohl wird. |
Da Frankreich1881 ausgesprochen hohe Schutzzölle auf Farbstoffe erhob, gründete die Firma Geigy eine Produktionsstätte in Frankreich, Maromme, nahe Déville-les-Rouen. Geigy hat also das Prinzip der Auslagerung, das im Zeichen der Globalisierung stark kritisiert wurde und wird, praktisch "erfunden", vor über 100 Jahren. Auch die USA erhoben zu dieser Zeit massive Schutzzölle (bis zu 49.5%) auf Farbstoffe. Dennoch gelang es ihnen nicht, die eigene Produktion zu entwickeln. Dies weil man noch auf elektrische Energie setzte und damit Teer als Ausgangsprodukt der Farbindustrie fehlte.
Des weitern wurde auch in Schweizerhalle Land erworben. Sooo eng wie man sich das heute vorstellt, waren wirtschaftliches und sogar politisches Denken auch damals nicht. Die Grenzen standen auch um 1900 offen, Arbeit und Kapital konnte frei zirkulieren. Grenzach fühlte sich, wie Muttenz oder Pratteln, als Vorort von Basel. Zudem lagen die Produktionskosten um die Hälfte bis zu zwei Dritteln tiefer als in der Schweiz und die Lohnkosten gar viermal tiefer. Die Errichtung der Fabrikationsstädte in Grenzach, auf deutschem Boden, hatte allerdings weniger mit Zollpolitik zu tun als mit der Tatsache, dass die Anlagen in Rosenthal veraltet waren, Lärm und Geruch die Anwohner belästigten, von denen sie nun umgeben war. 1863 ausserhalb der Stadt im Grünen erbaut, lag sie 1920 mitten drin und wird seit den 30ern nur noch für Verwaltung und Forschung verwendet, heute Sitz des berühmt-berüchtigten (Gentech-trojanisches Pferd golden rice) Agro-Chemie-Saatgut-Konzerns Syngenta.
Zudem war Deutschland bereits damals stark exportorientiert. Es beherrschte 1914, mit einem Anteil von 85% des Weltabsatzes an Farbstoffen, den Weltmarkt. Vom Rest kamen 8-10 % aus der Schweiz. Gemeinsam beherrschte man den Markt, hatte also praktisch das Monopol. So lässt sich angenehm globaler Handel betreiben. Und hier liegen diejenigen total schief, die allen, die heute nicht so ertragreich sind wie etwa die chemische und pharmazeutische Industrie Basels, eben diese quasi als Vorbild hin stellen. Dahinter steckt aber ein gewaltiges Kapital, über 150 Jahre Erfahrung im strategischen wie taktischen Abwiegeln, und der Erfolg des ganzen, nämlich Marktmacht.
Problematischer war die Energieversorgung. In gewittrigen Sommermonaten setzte die Stromlieferung oft tagelang aus, und die unentbehrlichen Maschinen mussten von Hand angetrieben werden.
Gearbeitet wurde von 7-12 und 13-30 bis 18-00. Von 9-00 bis 9-30 war Znünipause, von 16-00 bis 16-30 Zvieri. Bis 1910 fuhr dazu noch der Bierwagen vor, dann wurde ein generelles Alkoholverbot erlassen, da auch ab und zu über den Durst getrunken wurde und mach einer nach der Pause erst mal in einer stillen Ecke (die gab's damals noch) seinen Rausch ausschlafen musste.
Eine wichtige Entdeckung dieser Zeit, waren Baumwollfarbstoffe, die die bisher notwendige aufwendige Vorbehandlung der Baumwolle in 16 Schritten überflüssig machten. Das um vieles günstigere Färbverfahren half, die Verwendung der Baumwolle zu fördern.
Der 1. Weltkrieg führte zu einer starken Ausweitung chemischer Produktion in der Schweiz. Zuvor waren 86% der Teerdestillationsprodukte aus Deutschland in die Schweiz gekommen. Nun war die Ausfuhr verboten. Auch Schwefelsäure wurde knapp. Die Chemische Fabrik Uetikon belieferte vor allem die Ostschweiz. 40% des Bedarfs waren eingeführt worden. So errichtete man in Schweizerhalle Fabriken zur Produktion von Schwefelsäure, Salzsäure und eine Teerindustrie. Die Industriegesellschaft für Prodorite (SIP), die 1926 gegründet wurde, war eigentlich auf säurebeständigen Beton spezialisiert. In Genf war eine Gruppe beschäftigt mit der Gewinnung von Zucker und Teeröl aus Holz, wozu widerstandsfähige Materialien benötigt wurden. Da Pech, das verwendete Bindemittel, nicht mehr erhältlich war, errichtete man auch eine Bitumen und Teerölfabrik.
| Umsätze | Ciba | Geigy | Sandoz |
| 1908-1913 1914-1917 |
10'750'000 69'141'000 |
7'670'000 16'992'000 |
3'106'000 45'705'000 |
1938 wurden 26.3% des Umsatzes über Grenzach mit Deutschland gemacht, 11. 6% in den USA, 9.8% über Hüningen mit Frankreich, 7.3% über Italien - auch nach Albanien, 5.8% in und über England. Die Schweiz selbst nahm bloss noch 5.4% ab, gefolgt von Polen (4.4%), Skandinavien (3.7%), Tschechoslovakei (2.4%) etc. Geigy war also bereits von 70 Jahren nicht nur ein ein global tätiges Unternehmen, sonder ein bedeutendes global tätiges Unternehmen.
Die relativ geringen "Kriegsgewinne" von Geigy sind auf den Verlust der Produktion von Grenzach zurückzuführen.
Dass die Sache mit dem Wettbewerb, der Fortschritt, Wachstum und Wohlstand bringt, ein Mythos ist, zeigt sich nicht bloss bei einem Umgang im Industriegelände Basels, sondern bereits an der Tatsache, dass sich Ciba, Geigy und Sandoz bereits 1918 zu einer Interessengemeinschaft zusammenschlossen. Selbständigkeit und Besitzstand sollten gewahrt bleiben. Die Aufteilung nach Quoten erwies sich aber, der unterschiedlichen Strukturen und Entwicklungen wegen, als äusserst problematisch. Gefördert wurden unter anderem gemeinsamer Einkauf und die Vereinheitlichung der Verkaufsorganisation.
Ist Wettbewerb die Lösung des Problems Kartelle - oder Kartelle die Lösung des Problems Wettbewerb?
Da die Familie Geigy wenig Lust zur Gründung einer Aktiengesellschaft zeigte, hatte sie die Entwicklung weiterer Farbstoffe, wie anderer Küpenfarbstoffe nebst Indigo und der Alizarine, die den Krapp ersetzten, der Konkurrenz überlassen, ohne darüber grosse Bauchschmerzen zu empfinden. Alleine der Konkurrenzdruck, die Möglichkeit, in einem Preiskrieg durch andere zerquetscht zu werden, machte es nötig, Strategien und Taktiken zu entwickeln, die eben dies verhindern konnten:
Gegenüber den ausländischen Machtgruppierungen befand sich die Basler IG in der Lage eines wissenschaftlich und technisch leistungsfähigen, relativ wendigen, aber kleinen Aussenseiters. Es fehlten ihr vor allem die Ertragsquellen der Grossproduktion und eines grossen nationalen Absatzmarktes (ein Faktor, der immer die USA begünstigt, auch in einem vereinten Europa). Die ausländischen chemischen Industrien wären in der Lage gewesen, infolge einer breiteren Produktionsbasis für gewisse Produkte einen rücksichtslosen Preiskampf zu führen, dem die Basler IG auf die Dauer nur unter wesentlichen Einbussen ihres Produktionsapparates standgehalten hätte. Jedenfalls wäre es nicht möglich gewesen - insbesondere während der zweiten Weltwirtschaftskrise -, auf dem Farbstoffgebiet einigermassen stabile Einnahmen zu erzielen, gerade jene Einnahmen also, mit denen in den dreissiger Jahren die ausserhalb des Farbstoffgebiets in Angriff genommenen neuen Arbeiten finanziert worden sind. Aus diesen Gründen schien es angezeigt, diesen organisierten Konkurrenzkampf, der seinem Wesen und seiner Aufgabe nach etwas anderes bedeutet hätte als die freie Konkurrenz im Rahmen der liberalen Weltwirtschaft vor 1914, wenn immer möglich zu vermeiden und nach einer Verständigung zu suchen. [S. 253]
Man bildete also Kartelle - die vom Neoliberalismus als fast so schädlich angesehen werden wie der Staat. Sind Kartelle gut oder böse? Eine Frage, die Lesern von Wenn Denkfehler zum System werden ... Neoliberalismus? Bitte spülen! mindestens so aufgestossen sein müsste wie mir selbst als Verfasser. Denn eigentlich werden in dem Artikel Oligopole und Kartelle als Lösung dargestellt, die gegenüber dem Neoliberalismus einigen Vorteile hat. Sehen Sie, wie Bürgin mit dem Dilemma umgeht:
Die Schwarzmalerei neoliberalen Stils verkennt den Sachverhalt. Der technische und organisatorische Entwicklungsgrad der modernen Wirtschaft führte notwendigerweise zu marktregulierenden Organisationen, die nicht mehr Rückgängig gemacht werden können, ohne die historisch gewachsene Struktur zu zerstören (eine Zerstörung, die von Neoliberalen explizit verlangt wird. Von weniger Intelligenten sogar in extrem vom Goodwill und Geld der Bevölkerung abhängigen Strukturen wie der Waldwirtschaft) und damit die Funktion dieser Wirtschaft in Frage zu stellen. (Was die Neoliberalen nie begriffen haben und vermutlich auch nicht begreifen werden, denn es ist ja sooo schön, wenn man mit einem einfachen Dogma alle Gegner erschlagen kann). Die Verhinderung von Missbräuchen seitens der Kartelle müsste anders erfolgen als durch den nach ihrer Auflösung wieder herzustellenden marktwirtschaftlichen Wettbewerbsmechanismus und -Automatismus.
Keinesfalls ist der Vorwurf berechtigt, dass durch die Kartellorganisation der wissenschaftliche und technische Fortschritt behindert wurde. Für den Fall der Chemie trifft das Gegenteil zu.
Die Partner konnten ihre Quoten nur halten, wenn sie zumindest dieselben Produktionsverbesserungen zu erzielen trachteten.
Was die höheren Preise betrifft, die Kartelle erzielen können, da wäffelt Bürgin etwas rum. Also das sollte kontrolliert werden, funktioniert aber auch heute nicht, trotz Kartellverbots und Preiskontrollen. Wenn sich die Kunden den selben alten Sch... für den doppelten Preis andrehen lassen, einfach weil er neu verpackt ist ... hat das ja auch mit Kartellen wenig zu tun. Wer sich über den Tisch ziehen lässt, lässt das ja auch zu. Was den potentiellen Preis betrifft, wären Kartelle, auf Grund der langfristigen, schwierigen, komplexen und riskanten Entwicklungsphase besser in der Lage, Produkte effizient zu liefern. Atomistische Konkurrenz würde sie nämlich gar nicht liefern: Vollkommene Konkurrenz ist in dieser Hinsicht nicht nur unmöglich, sondern auch unterlegen.
Die Auswirkungen des Kartells haben nicht nur zu einer allgemeinen Preisstabilität geführt, sondern verhindern auch eine vorzeitige Kapitalvernichtung. Insbesondere was das drohendste Problem des Kapitalismus angeht, die Überproduktion, waren Kartelle eine optimalere Lösung als ein Preiskrieg, der nicht nur Betriebe, sondern ganze Regionen in den Strudel der Vernichtung zieht. s. China: Schuhe, Textilien, Maschinen, ...). Der Austausch der Kartellumsatzzahlen machte also eine Koordinierung und Abstimmung der Investitionspläne möglich; dies bedeutete innerhalb einer Weltwirtschaft, die wirtschaftlichen Wechsellagen unterworfen war und in der weitgehend die Märkte erschlossen waren, die einzige auf privatwirtschaftlicher Basis mögliche Verhinderung unökonomischer oder machtpolitisch bedingter Ausbaupläne (s Macht der Grösse ) [S. 256]
Ähnliche Vorgehensweisen haben lange Tradition in asiatischen Ländern, insbesondere wäre hier das keiretsu-System in Japan zu nennen. Firmen, die solchen Systemen angeschlossen sind, haben leichteren Zugang zu Krediten und ein weitaus tieferes Risiko, in Liquiditätskrisen zu geraten. Damit wird natürlich auch eine ev. wirklich notwendige Restrukturierung behindert ...
Die Bewertung historisch sich ändernder Einstellung gegenüber Wettbewerb bildet im Schlusswort das eigentliche Fazit des Werkes, mit dem Alfred Bürgin, obwohl im Auftrag der Firma Geigy, einen ebenso hervorragenden wie in die Tiefe gehende Übersicht über die Entwicklung eines unserer gegenwärtig erfolgreichsten und grössten globalen Unternehmens geschaffen hat. Lassen wir ihm darum das Schlusswort selbst:
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Wir sahen, wie sich die Auffassung über die freie Konkurrenz änderte: einst war sie verpönt, später galt sie als eine das Dasein der Menschen bestmöglich ordnende Kraft, heute wird sie als Ordnungsfaktor sinnvoller Lebensgestaltung und als Kriterium adäquater Bewältigung de neuen technisch-ökonomischen Mächte - der Atomenergie und der Automation - angezweifelt und vielfach abgelehnt. (Merke: Das wurde 1958 geschrieben!) Wir konnten verfolgen, wie die Fürsorge für die Untergebenen einst selbstverständliche Pflicht des Arbeitsherrn war und wie später der neuzeitliche Freiheitsbegriff, nämlich die Sicherung von Wohlstand und Sekurität für alle durch freie Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen und Verfolgen des Eigennutzes, das patriarchalische Arbeitsverhältnis auflöste; heute besteht eine gesetzlich geregelte Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf der Grundlage der bargaining power, eines momentanen duopolistischen Kräfteverhältnisses, das keinerlei ideologische Ansprüche mehr kennt, sondern auf einem rein sachlichen Aushandeln fusst. Sinn für Erwerb, Gebrauch und Wertschätzung des Privateigentums musste im Laufe der bürgerlichen Emanzipation notwendig entwickelt werden; später galt das Privateigentum als wirksamste Form zur Ausnützung der durch den natürlichen wirtschaftlichen Automatismus garantierten Wohlfahrt, war es verkörpert in der Person des Eigentümers, der es persönlich nutzte und mehrte; heute hat sich die Idee des Eigentums gewandelt: der Eigentümer und der dieses Eigentum im Produktionsprozess Verwendende sind nicht mehr ohne weiteres identisch; die Verpflichtung gegenüber dem Eigentum beruht auf Funktion, auf der Steigerung der "efficiency", und nicht mehr auf einer vom lebendigen Eigentum getragenen moralischen Treuepflicht. Lag einst der Sinn des Wirtschaftens in der Deckung eines durch Sitte und Stand bestimmten und vorgeschriebenen Bedarfs, so wurde durch die rechtliche Gleichsetzung der Menschen und durch die Entwicklung der Technik die Möglichkeit geschaffen, nicht nur einen jetzt durch keine Norm mehr begrenzten Bedarf zu decken, sondern neue Bedürfnisse zu wecken und zu befriedigen; heute spielt das Ziel der naturalen Versorgung innerhalb der industriellen Planung nur noch eine periphere Rolle; das Wecken immer neuer Bedürfnisse bildet das primäre Anliegen (sagt der, bereits 1958). Mit Hilfe der "kommerziellen Psychoanalyse" wird die Bedarfsdeckung wissenschaftlich betrieben; der "marketing manager" treibt "Tiefenpsychologie", um die unbewussten Kauftriebe aufzuspüren und zu reizen. [Folgerichtig investiert die Pharmaindustrie heute einen Drittel des Umsatzes in Werbung ... denk mal ....] Die notwendige Folge dieser nur bei einer dauernden Konsumexpansion funktionsfähigen Wirtschaft ist die Pflicht oder der Zwang zum Konsum (s. Zwangskonsum Krankenkasse, Bildung) sowohl im ökonomischen als auch im gesellschaftlichen Sinne. Dabei ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass der Konsumzwang der "freien Wirtschaft" sich à la longue auf die Verhaltensweise der Menschen sehr ähnlich auswirken könnte wie eine Diktatur; die alle unentrinnbar erfassende reklamegelenkte Suggestion von Aufwandstilen (s. lifestyle), der sich dauern ändernde Kodex der vorgeschriebenen "musts" (Mode) verhindern eine "Innensteuerung" des Verhaltens und ein Handeln nach persönlichen, von zufälligen marktdiktierten Wechseln unabhängigen Präferenzen. Auch die "Freizeit" muss konsumiert werden; freie Zeit bedeutet nicht mehr Freisetzung schöpferischer, kultureller oder politischer Leistung. Sie stellt höchstens ein Konsumgut höherer Ordnung dar; die Flucht in den Genuss der Künste, die sich notwendigerweise in Reizmittel für individuelle, nur noch ästhetische und unverbindliche, weil sozial nicht mehr verankerte, Interessen umformen, ist ein sicheres Zeichen für die Auflösung und die Zerstörung kultureller Gestaltung. Diese Entwicklung beruht auf spezifischen Grundlagen der abendländischen Kulturentfaltung. Ganz durchsetzen konnte sie sich vorläufig nur dort, wo weder traditionelle Mächte noch nationale Besonnenheit ernsthaften Widerstand entgegensetzten: in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Auf Widerstand stösst sie überall dort, wo die Gesinnung und die Verhaltensweise der Menschen immer noch durch überlieferte Normen geprägt und beeinflusst werden: in den Staaten Europas. |
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Die Querelen zwischen Frankreich und den USA haben ihren Grund also nicht bloss in der Verweigerten Gefolgschaft im Irakkrieg, sondern gehen seeeeehr viel tiefer.
Zu wünschen wäre eine ähnlich tiefe Bearbeitung der letzten 50 Jahre, in denen leider auch der Weg der Basler Chemie und Pharma noch weiter weg von der Idee eines Wirtschaftens für die eigenen Sicherung der eigenen Existenz, über notwendige und qualitativ hoch stehende Produkte, zu einem Streben nach Marktbeherrschung durch Macht (s. Neofeudalismus) und Psychologie des Überflusses genommen hat. Interessant ist hier insbesondere auch der Aspekt dessen, was auch Bürgin weggelassen hat, nämlich die Herrschaft des Unternehmens über Land und Immobilien. Dazu, so sich Daten finden lassen, demnächst mehr.
Die Industriegelände von Geigy in Kaisten, sowie die 91 ha von Hoffmann-Laroche in Sisseln bei Stein, waren bereit vor 1963 erworben worden, obwohl noch keine konkreten Nutzungs- oder Ausbaupläne bestanden. Die Eröffnung erfolgte dennoch bereits 1966. Die Orts-, Regional- und Landesplanung kommt da immer erst hinterher ... oder wird gekippt wenn sie stört, wie etwa in Galmiz. Bei den heute von links bis rechts politisch sich einigen Freunden des Wachstums, stossen Regelungen um so mehr auf Widerstand, als die Entfaltungsmöglichkeiten eh knapp werden. Aber was soll eine Beschleunigung der Baubewilligungsverfahren und die Abschaffung anderer, als nur noch hinderlich empfundener Verfahren wie etwa die Vernehmlassungen (Verbandeinspracherecht insbesondere), helfen? Sehen Sie sich die Entwicklung im Raume Basel an. Basel Stadt war bereits um 1900 vollständig überbaut, wächst seit 1950 praktisch nur noch auf der angrenzenden Landschaft und im Fricktal. Verlangt die Förderung von Wachstum und Wohlstand, dass nun die Betonklötze doppelt so hoch und breit werden? Oder sollen sie den letzten Rest an Grünfläche zudecken? Die Förderung unendlicher Bedürfnisse lässt sich auf beschränktem Raum nicht realisieren. [s. Die Entwicklung von Stadt und Land - am Beispiel Basels.]
Mit Wohnungsbau hatte die Firma 1924 in Grenzach begonnen. Grossprojekte: Augarten Rheinfelden, 1000 Wohnungen, 3000 Einwohner. Bedarf an Arbeitern - Rückfluss eines schönen Teils der Löhne in die eigene Kasse. Immer frühzeitig Land erworben. Land- und Immobilienbesitz dürfte einen beträchtlichen Anteil des Kapitals ausmachen, rentierte doch auch Feldschlösschen bereits vor Jahren besser durch Immobilienverwaltung als durch Bierproduktion.
Apropos Geigy und CIBA.s. http://www.novartis.ch/about_novartis/de/history_to_1970.shtml
1970 fusionierten die beiden zu CIBA-Geigy, später (1992) wieder CIBA, nicht CIGY, genannt. Geschichte s. http://www.novartis.ch/about_novartis/de/history_to_1996.shtml
1996 schlossen sich CIBA-Geigy und Sandoz zusammen zur heutigen Novartis. http://www.novartis.ch/about_novartis/de/history_to_present.shtml
Die gegenwärtige Strategie von Novartis zielt auf eine Ausdehnung des Geschäfts mit Selbstmedikation und Generika. [In weiser Voraussicht, dass die Krankenkassen bald nicht mehr alle Bedürfnisse befriedigen können]. Dazu wurde eben von Bristol Myers für 660 Millionen $ die nichtverschreibungspflichtigen Medikamente eingekauft (OTC). Dazu kommt allerdings auch heute noch ein ganzer Gemischtwarenladen von Tiergesundheit, Babynahrung, medizinische Nahrung, Kontaktlinsen ...
Der Vorsprung, den Novartis im Bereich Generika durch die Übernahme von Hexal und EonLabs (für 8.4 Milliarden $) vor wenigen Wochen erzielt hat, ist wieder dahin, da die Israelische Pharmafirma Teva den US-Konkurrenten Ivax für 7.4 Milliarden $ übernommen hat. Der Generikamarkt gilt, wegen der zunehmenden Anteile älterer Bevölkerung - und damit der Nachfrage nach günstigen Medikamenten - als Wachstumsbranche.
Auch in Sachen Ausnutzung internationaler Standortvorteile (sprich: Globalisierung) beherrscht Novartis das Spiel nach wie vor. Vor der Verlegung der Konzernspitze der Sandoz von Wien nach Holzkirch (Bayern, bei München) gelang es, die Gemeinde zu einer Senkung des Gewerbesteuersatzes um 30% zu bewegen. Eine Klage bei der Europäischen Wettbewerbskommission schlug fehl, da die Steuerreduktion für alle Betriebe Holzkirchens gilt und nicht bloss für Novartis .... na ja.
Alleine die Beträge, welche die Mitspieler hier aufwerfen müssen, zeigen den feudalistischen Charakter dieser "Marktwirtschaft":
Freiheit - nur für die Dollarkönige der Plutokratie.
Wie restriktiv und undemokratisch sogar innerhalb der
Aktionärskommune von den Grossen der Chemie verfahren wird, sehen sie anhand der
Hürden, die hier bestehen. Will ein Aktionär, noch nicht mal mitreden, sondern
um bloss einen Antrag an der Generalversammlung
einbringen, braucht er dazu bei Blochers Ems Chemie eine Beteiligung von
283 097 431 Fr, 10% Anteil des
Aktienkapitals, bei Roche 192 Millionen, 0.63%, und bei Novartis 126 Millionen
Fr. , 0.7%. (s. Die
Aktionärsdiktatur).
Den Vorsprung, den sich Geigy-Merian Ende des 19. JH. in der Farbproduktion sicherte, ist dahin und wurde für ein Butterbrot verquantet. Lag der Wert der Sparte vor Kurzem bei 1.2 Milliarden, bleiben der CIBA heute nach dem Verkauf an Huntsman noch 200 Millionen. Der Umsatz sinkt damit um 17% auf 6.1 Milliarden, der Personalbestand von 19'000 auf 14'000. Schuld daran ist in erster Linie die Verlagerung der Textilproduktion nach Asien, was auch die Färberei nach sich zog. Da die Asiatischen Fabrikaten günstiger produzieren wollen oder müssen, nutzen sie auch günstigere Farbstoffe.
Die Firma Hoffmann-Laroche war 1896 von Fritz Hoffmann-La Roche an der Grenzacherstrasse (wo sie heute noch steht) gegründet worden (also nur eine vorgängige private familiäre Fusion von Hoffmann und La Roche). Die ersten Produkte waren Schilddrüsenpräparate und ein Wundantiseptikum. Es handelte sich also anders als bei Geigy um eine Firma im Pharmabereich (s.o.), die aber von den globalen Erfahrungen Geigys sofort profitierte. Bereits 1897 wurden Tochtergesellschaften in Grenzach und Mailand eröffnet, 1903 in Paris, 1905 in New York, 1908 London, 1910 Petersburg. 1919 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Nach dem Tod des Gründers 1920 übernahm Emil Barell die Leitung und eröffnete Filialen in Tokio (1925), Nutley, USA (1928). 1928-31 werden Inhaber- und Genussscheine ausgegeben, das Kapital also weiter "neutralisiert". 1933 gelang die Synthese von Vitamin C, mit dem auch heute noch Geld verdient wird, und das Schmerzmittel Saridon. Die Vitamine A, B, E und K machen Hoffmann-LaRoche 1938 zum führenden Vitaminanbieter. Das heute noch äusserst nützliche und vermutlich ertragreiche Bepanthen wurde 1944 entwickelt (dank dessen ich noch Haut am linken Fuss habe, der sich 1992 im Jemen mal völlig schälte, wegen einer gesprungenen Tasse siedend heissen Tees, der sich über meinen Fuss ergoss: Glas, nun ohne Boden, wegwerfen, Socke ausziehen: Haut blieb dran. Autsch. 2 bis 3 Monate humpeln.). 1957 beginnt die Entwicklung von Beruhigungsmitteln und Psychopharmaka, wozu bald das heute noch viel verwendete Librium stiess. 1958 Übernahme der Laboratoires Sauter S.A., Hersteller von Heftpflastern und anderen Klebeverbänden. 1959 Supradyn, dass ich ab und zu in den Irak mitbringen muss. 1963 Valium - und Erwerb der Givaudan, Riechstoffe und Aromen. 1964 Calzium. 1966: Eröffnung der Filiale in Sisseln, Fricktal, der bedeutendste Standort heute. 1968 Eröffnung der Division Diagnostik und des Instituts für Molekuralbiologie in Nutley,USA. 1969 Bactrim, auch heute noch empfehlenswert für Tropenreisende., und Berocca, das Nerventonikum, das allerdings auch bei Vegetariern angesagt ist, da Reis und ähnliches meist zu wenig Vitamin B aufweist. 1971 Eröffnung des Instituts für Immunologie (aus dem im Jahr 2000 das Zentrum für medizinische Genomik wird.). 1971 Fansidar, gegen Malaria. 1975 erste Herstellung monoklonaler Antikörper, dank derer Diagnose und die Isolierung interessanter Proteine vereinfacht wird. Niels Kaj Jerne und Georges Köhler vom Institut für Immunologie erhalten dafür 1984 den Nobelpreis. 1976 Seveso ... wo heute noch Leute auf Entschädigung warten und eine Menge Schrott und Chemikalien immer noch rumliegt. 1977 Übernahme der Firma Maag: Insektizide, Fungizide und Herbizide. 1980: Kooperation mit Genentech, USA (völlig übernommen 1999). 1981 Benical Hustenmittel und Pretuval Erkältungs- und Grippemittel. 1985 Lariam und Fansimef gegen Malaria. ... Analysegeräte ... 1986: HIV-Test. 1989: Gründung der Roche Holding, die Roche den Zugang zu internationalem Kapital erlaubt. 1991: Übernahme der Firma Nicholas, Hersteller rezeptfreier Präparate. (Sinngemäss später ergänzt durch die Übernahme von Generikaherstellern. Erwerb der Rechte an der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), die eine raschere Kartierung von DNS, also der Erbsubstanz, erlaubt, von Cetus Corporation, USA. 1992 Hivid, ein Aids-Präparat. 1993: Pulmozyme gegen zystische Fibriose. 1994 Übernahme des US-Pharmaunternehmens Syntex Corporation und 1995 Umwandlung in Roche Bioscience. Xenical ... (scheiss drauf, trotz 130 kg). 1997: Übernahme der Corange-Gruppe mit Boehringer Mannheim und DePuy (wieder verkauft 1998). Damit wird Roche zum weltweit führenden Diagnostikaunternehmen. 1999 teure Bestrafung wegen Absprachen im Vitaminmarkt. / Tamiflu (das beim Ausbruch der Vogelgrippe ...). 2000 Börsengang Givaudan. 2001: Die BZ-Gruppe verkauft 20% der Roche Inhaberaktien an Novartis. / Allianz mit Chugai, Japan. 2003: Übernahme von Igen (Elektrolumineszenz), USA. 2004: Eröffnung des Forschungszentrums Schanghai.
Die vollständige Geschichte finden Sie auf der Homepage der Roche: http://www.roche.com/de/home/company/com_hist.htm Der Auszug reicht aber um zu zeigen, wie systematisch Roche seine marktbeherrschende Stellung ausgebaut hat.
Roche ist stark in Diagnostika, Pharma, insbesondere Krebs, wo Roche weltweit führend ist. Apropos Krebs ... diese Medikamente sind natürlich nicht ganz billig ... Aber wenn's ums Leben geht ... Der Ertrag von Roche ist 2005 um 14.4% auf 16'622 Millionen Fr. gestiegen, der Reingewinn um 3.9% auf 3'242 Milliarden. Die Beschäftigten um 2.3% auf 66176. Mit einer Betriebsgewinnmarge von 26.3% wurde auch der Hauptkonkurrent Novartis nun überholt, noch nicht allerdings mit der Reingewinnmarge von 19.5%.
Diese unglaubliche Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Markt verdankt Roche aber nicht bloss guten Produkten, Mut, Entschlossenheit, Unternehmerwillen und Fähigkeiten, sondern vielleicht auch der Tatsache, dass Roche alleine 30 bis 40% der internationalen Produktionskapazität an biotechnologisch hergestellten Medikamenten besitzt. Diese generieren 20% des Umsatzes.
Die drei Firmen Roche (24 Millionen), Novartis 21 Millionen und Syngenta (5.7 Millionen) haben 1998 bis 2004 das Lobbying im US-Kongress dominiert, in dem die führenden schweizer Multis rund 100 Millionen Dollar ausgegeben haben. Auslandfirmen beschäftigen in den USA rund 550 Lobbying-Firmen mit 3800 bezahlten PR- und Informationsberatern, um im US-Kongress für sie günstige Gesetze zu erreichen. Alles in allem wurden dafür in diesem Zeitraum über 13 Milliarden Dollar ausgegeben.
Martin Herzog, Basel, 17.7.05
p.s: Börsenschabernack
Was man gerne vergisst beim Betrachten der Börsencharts ist, dass es sich dabei nicht bloss um den Preis einzelner Papierchen handelt oder den Wert eigener Anlagen, sondern dass diese, von den Ideen und Wünsche mehr als vom Wissen der Anleger gesteuerten Marktwerte, zugleich den Wert der gesamten Institution repräsentieren. Fällt also, wie bei Clariant N, der Wert der Aktien von ca. 20 auf fast 10, so bedeutet dies (theoretisch), dass sie die Firma nun zum halben Preis kaufen können (nur theoretisch, denn sobald jemand der dazu ausreichend Geld hat sein Interesse manifestiert, steigen sofort die Preise wieder, da sich immer mehr Anleger wieder höhere Gewinne versprechen). So sind zur Zeit (Nov. 07) offenbar Rhodia, (Fr), Rohm & Haas (USA) und Basell (kein Schreibfehler, heisst so, gibts so) am Erwerb interessiert.

