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Geschichte der Stadt Basel seit der Reformation

nach Paul Burckhardt: Geschichte der Stadt Basel. Von der Zeit der Reformation bis zur Gegenwart. Helbing & Lichtenhahn. Basel. 1942

 

Die Reformation: Basels Wandel vom Bischofssitz zu einer der Hauptstätte des Protestantismus

Dass sich Basel und Genf einem recht rabiaten Protestantismus zuwandten, lässt darauf schliessen, dass das Kirchenregiment nicht unbedingt ein mildes war. Die rabiate Abwendung der Basel-Landschäftler von der Stadt zeigt später, dass das Stadtregime auf dem Lande vielleicht auch nicht ganz so humanistisch war, wie es sich aus der Perspektive der Stadt darstellte.

Seltsamerweise übernahm der Basler Protestantismus, genau wie Calvin in Genf, das, was er am Katholizismus kritisiert hatte: Die überweltliche Botschaft der Kirche war scheinbar unauflöslich mit weltlichem Besitz, Vorrechten und Genüssen aller Art verknüpft. Was die Humanisten in geistreicher Weise verspotteten und beklagten, griff das Volk in derbster Weise an. [S. 5] Es ging also bei der Reformation nicht bloss um Geistiges, sondern auch um eine Neuverteilung der Besitztümer, welche die Kirche über die Jahrhunderte angehäuft hatte, mittels des damals grössten juristischen Apparates, wie auch handgreiflicher Söldnern, verteidigte. Seit der Verfolgung der Katharer (hier die Grundlage des Wortes Ketzer) und Albigenser zu Beginn des 12. Jahrhunderts  waren Gläubige, die von einem armen Jesus als Vorbild der Kirche ausgingen, als Ketzer exkommuniziert, oder gleich ganz von der Welt getilgt worden.

Die Pietisten hatten eine ablehnende Stellung zu allem, was Welt hiess ... ausser zum Geld: Welt sah der damalige Pietist vor allem im Geist der Revolution, in der Sonntagsentheiligung durch Lustbarkeiten, im Theater und in der Fastnacht; schwer erkannte er sie in der Macht des Geldes. So konnte ein gescheiter, aber massloser Kritiker, der in den Vierziger Jahren ein umfassendes Bild seiner Vaterstadt entwarf, behaupten: Geld und Frömmigkeit seien die beiden Lebensprinzipien Basels, die einander in der Praxis klug auszuweichen verstünden. [S. 226].

Geld dürfte in Basel früher eine wichtige Rolle gespielt haben als in Zürich, das erst im 19. JH als Hauptstadt der Gnomen bekannt wurde. Wurden in Zürich und Winterthur vor allem Wolle, Flachs und Leinen gesponnen und verarbeitet, also ein günstiges Landesprodukt, verlangte der Handel und die Verarbeitung von Seide beträchtliches Kapital. Seide ist ein Luxusgut, und zwang daher auch von Anfang an zur Globalisierung. Sie kommt aus der grossen weiten Welt, und die Produkte gehen ebenfalls in diese zurück. Basel ist nur Drehscheibe, in der sich Produktion und händlerisch-organisatorisches verbünden. Präzise die selbe Funktion erfüllte das Basler Kapital später mit Chemikalien, Farben, Pharmaka etc.

Religion dürfte hier in Basel ein eben so heikles Thema gewesen sein wie heute bei den Muslimen. Dadurch dass Calvin und Zwingli Reichtum zum  Zeichen von Gottes Wohlwollen bereits auf Erden erklärt hatten, schufen sie nicht bloss eine der übelsten Ketzereien die es je gab, sie verbanden auch nur wenig Vereinbares, nämlich das Streben nach Sein mit dem Streben nach Haben - mit dem idiotischen Ausdruck "nachhaltiges", verstanden als ewiges, Wachstum, unser ärgstes Problem heute. Calvin und Zwingli haben die Anstrengung ums Kapital, damit die Verehrung des goldenen Kalbes, salonfähig gemacht. Die katholische Kirche hat hier wohl darum derart kläglich in der Aufklärung versagt, da sie selbst in erster Linie ihre Schätze und Güter hütete. Angriffspunkt der Reformatoren war ja, dass sie mehr Gewicht auf weltlichen Besitz und Genüsse lege, als auf das ewige Heil. Streichen der Genüsse, nicht jedoch den, der Macht des Besitzes.

Die Bauern, die sich von der Reformation die Befreiung aus Knechtschaft erwartet hatten, sahen sich mit den neuen Herren bald genau so getäuscht wie mit den alten. Waren sie zuvor bloss auf Grund irdischer Macht- und Eigentumsverhältnisse Untertanen, wurden sie es nun "dank göttlicher Vorsehung ....". Der Ruf nach Gerechtigkeit oder gar Gleichheit wurde als Ketzerei verdammt. Generell gesprochen. Die Umwohner Basels waren da offenbar in etwas glücklicheren Umständen. Das Begehren der Münchensteiner, Basel solle ohne die Zustimmung ihrer Gemeinde keiner fremden Macht Zugeständnisse machen, wurde als frech empfunden und zurückgeschickt mit: Gat sy nüt an. Für die Landgemeinden und Bauern aber wurde die Leibeigenschaft wie der "kleine Zehnten" abgeschafft und ihnen kleine Freiheiten für das Holzen, Fischen und Jagen versprochen ... falls sie Gehorsam schwuren.

Mit der Reformation kam aber nicht nur der Protestantismus, sondern auch andere alte, ehemals als Ketzereien verdammte, Glaubensrichtungen schwappten wieder nach oben. In Basel insbesondere die Täufer, die man heute als Fundamentalisten bezeichnet. Sie sind ja immer noch da, vor allem in den USA, als Evangelikale. Sie verweigerten nebst Kindertaufe und Waffentragen, allerdings auch Treueeid und die Bezahlung von Steuern (von Zinsen sowieso), falls diese für Projekte eingesetzt würden, die mit ihrer Anschauung nicht konform gingen. Die heutigen haben ihre Anschauungen, was Zinsen und staatliche Macht betrifft, längst den Gegebenheiten angepasst. Aber auch in Basel hielten sich die Wiedertäufer zäh. Mit Stolz berichtet Alfred Bürgin in: Geschichte des Geigy-Unternehmens von 1758 bis 1939 wie stark die pietistische Glaubenshaltung die Geschäfte der Geigys mit bestimmt hat.

 Die Widertäufer waren aber nicht die einzigen, die zwischen Reformierten und Katholiken stunden. Die Reformierten Luther und Zwingli selbst entzweiten sich. Zwingli wollte den neuen Glauben mit Gewalt an den 5 alten Orten einführen. Aber er unterlag bei Kappel, wo er selbst fiel. Nicht nur Basel, sondern alles Landvolk, das den Hauptharst des militärischen Aufgebots stellte, waren allerdings nicht willig in diesen Krieg gezogen, sondern eher gestossen worden.

Das Bistum Basel hatte die Reformation zwar überlebt, versuchte aber in der Gegenreformation das Blatt zu wenden. Der Bischof machte die alten Rechte geltend und verlangte Rückgabe des Münsters und seiner Schätze. Die Basler hatten grosse Lust, die Sache mit Waffengewalt zu klären. Verschiedene Einsprachen führten dazu, dass der Fall durch eine Vermittlungskommission in Baden geregelt wurde: Das Burgrecht  Basels gegenüber den bischöflichen Untertanen wurde aufgehoben. Basel durfte allerdings weiterhin die Bewohner der Birseck und des Laufenthals seine Bürger nennen. Die ehemaligen Rechte des Bischofs wurden mit 200'000 Gulden abgegolten, dazu 50'000 für den Goldschatz und das Münster. Der zweite Teil trat nie in Kraft, da die Domherren die Hoffnung nie aufgaben, im Münster wieder Messen zu lesen. Ein Rechtsstreit zog sich  hin, bis 1693 der Rat antwortete, er werde ein für alle Mal nichts mehr antworten. [S. 42]. Mit den Villmerger Kriegen 1712 war die Vormacht der katholischen Kirche in der Schweiz endgültig gebrochen. So erhielten sie nichts mehr für den Kirchenschatz- ausser den Reliquien, die ihnen 1833 übergeben wurden.

Probleme gab es bald aber auch in den katholischen Gebieten um Basel. 1875 wurde etwa der Benediktinerkonvent Mariastein (heute im Verkehrsverbund Basels einbezogen), wie die Chorherrenstifte St. Leodegar in Schönenwerd und St. Urs und Victor in Solothurn die korporative Selbständigkeit entzogen, womit sie aufhörten, eine juristische Person zu sein. Das Vermögen fiel an den Staat. Bibliothek, Archiv und Kirchenschatz wurden nach Solothurn gebracht, und ein Jahr später das Kloster Mariastein von Polizei besetzt und die Insassen in die Verbannung geschickt. Grund dafür war Papst Pius IX, den man heute wohl einen Fundamentalisten nennen würde. Er startete einen Kulturkampf gegen den Geist des Modernismus, im Syllabus formuliert. Als er das Dogma der Unfehlbarkeit verkündete, spaltete er aber die katholische Kirche, insbesondere in der Nordwestschweiz oft grad in zwei ähnlich grosse Teile. Er forderte mit dem Dogma, ähnlich wie die Ashariten im mittelalterlichen Islam, dass sich der Staat und die Wissenschaften unter die Gebote der Kirche ordnen und etwa die zivile Trauung nicht anerkannt wird. Bischof Eugène Lachat in Solothurn bekannte sich zu diesen Grundsätzen - und wurde prompt 1873 abgesetzt. Das Vermögen des Bistums wurde eingezogen, begünstigt von der Tatsache, dass die Eidgenossenschaft die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan abgebrochen hatte. Die Insassen des Klosters fanden Asyl im St. Gallus Stift bei Bregenz, von wo sie aber 1941 von der Gestapo vertrieben wurden. 1971 allerdings wurde die Abtei staatsrechtlich wieder hergestellt, 1977 das Klosterarchiv und 1998 die Klosterbibliothek zurückgegeben.

Akzént. Basler Regionalmagazin. August 2005. S. 16-18

Stadt über Land: Steuern, Bauernkriege, Demokratie von oben

Der Acker dem Landmann,

Das Handwerk dem Städter.

Während die Stadt Handel und Gewerbe betrieb, war es nach landläufiger Meinung des Mittelalters Sache der Landbevölkerung, mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Rohstoffen und oft Fronarbeit den Bedarf der Stadt zu decken. Dieses mittelalterlich feudalistisch herrschaftliche Einstellung konnte nur mit den Revolutionen von 1789 und 1848 korrigiert werden. Dies allerdings mit mässigem Erfolg, da bald der geld- und kapitalbasierte Feudalismus den ehemals durch Herrschaft über Boden ausgeübten, ersetzte.

Wein- und Metzgersteuer waren, nach Zins und Fron, die verhasstesten Abgaben. Zu Recht, denn sie war definitiv ungerecht. Während die Bauern ihren selbst angebauten Säuerling tranken und noch besteuern mussten, taten sich die Städter an Importwein gütlich, der natürlich nicht besteuert wurde. Die Metzgersteuer, im Baselbiet z.B. im 18. JH eingeführt,  allerdings relativ unbedeutend, da vom Landvolk eh wenig Fleisch verzehrt wurde.

Dazu kam, dass die Städter über die Verwendung der Steuern bestimmten: Ausbau des Strassennetzes, der städtischen Infrastruktur, Erneuerung der Schifflände - davon hatten die Landschäftler definitiv keinen Nutzen.

In der zweiten Hälfte des 16. JH. kamen viele Auswanderer aus dem Süden und Osten Frankreichs nach Basel sowie meist adlige Refugianten aus Oberitalien. Die Welschen brachten die Bändel- und Bortenweberei nach Basel, die Italiener die Samt- und Seidenspinnerei, damit die Grundlage der heutigen chemischen Industrie. Deutsche Einwanderer brachten die Kunst der Papierfabrikation mit. Es ist aber insbesondere die welsche Lebensform, die Basel prägte. Noch heute stimmt Basel, und mit ihm das untere Fricktal, so, wie das Welschland.

Kurz vor dem 30.jährigen Krieg raffte die Pest 3400 der damals 15'000 Bewohner dahin.

Der 30jähriger Krieg wütete intensiv in der Nachbarschaft Basels, bei Rheinfelden und Breisach. 1634 wurde Basel, nach der Schlacht von Nördlingen, von Flüchtlingen überflutet. Meist aber waren die Basler Geschäftsleute mit ihrer Lieblingsbeschäftigung beschäftigt, nämlich damit, Geschäfte zu machen - und die unterschiedlichen Parteien von Übergriffen wegen kriegsgewinnlerischen Handels der Städter mit allen Parteien, also auch der Gegenpartei, zurückzuhalten.

Der Westphälische Friede von Münster und Osnabrück brachte 1648, durch die Vermittlung von Hans Rudolf Wettstein, dem Sohn eines Basler Neubürgers aus dem Zürichbiet, die Staatsrechtliche Anerkennung der Unabhängigkeit der Schweiz und die definitive Ablösung vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.  Bürgermeister Wettstein verhandelt, ohne von den Mächten eingeladen oder von den Schweizern delegiert zu sein (sympathischer Geselle ..., bei der sonst typisch schweizerischen Beamtenhaltung wären wir also vielleicht heute noch ein kratzbürstiges Anhängsel des Deutschen Reiches ... ).

Die Bauernkriege von 1653 griffen vom Entlebuch und dem Bernbiet auch auf die Schafmatt und den Hauenstein über. Basel sendete übereilt Soldaten nach Aarau. Dafür nahmen radikale Elemente im Waldenburgertal regierungstreue Untertanen gefangen und misshandelten sie, worauf der Basler Rat Liestal mit 300 Mann besetzen liess. Die Basler mussten aber vor der Übermacht wieder in die Stadt zurückweichen. Im Bundesbrief wollten sich die Bauern gegen alle unguten Neuerungen der Obrigkeit wehren. Die guten alten Zeiten sollten wieder hergestellt werden (... so ähnlich tönt's ja heute noch  ...). Ein Stein des Anstosses war die von den Freiwirten so geschätzte Scheidemünze, quasi eine "Spätbrachiate". Deren regelmässige Entwertung musste vor allem von den Bauern hingenommen werden, die die Münze von den Städtern als Entgelt für Nahrungsmittel entgegennahmen und sie wertspeichernd (s. Geldfunktionen) hielten, bis periodisch notwendige Investitionen in Saatgut oder zur Aufstockung des Viehbestandes nötig wurden.

Obwohl ausser verschiedenen Zusammenrottungen (heute würde man das Demos nennen) kein grosses Unglück geschehen war, liess der Basler Rat 6 Rädelsführer enthaupten und Ueli Schad aufhängen. Liestal wurde gedemütigt, denn es verlor das Recht, seine Räte selbst zu wählen.

Basel hatte immer aber auch gewichtigere Nachbarn als zornige Bauern. Direkt vor ihren Toren hatte Kriegsminister Louvois und Festungsbauer Vauban1681 die Festung Hüningen erbaut.

Die Basler Verfassung galt im Ausland als demokratisch, da es keinen geschlossenen Kreis regimentsfähiger Familien gab wie in Bern, Solothurn, Luzern oder Freiburg; keine Junker wie in Zürich oder Schaffhausen. Tatsächlich aber war das Regime in den Händen von Grosskaufleuten, Fabrikanten, Juristen und höheren Offizieren, die mal in fremden Diensten gestanden hatten. [Diese stammten vor allem aus dem bischöflichen Beamtentum.] Vor allem herrschten die 4 Zünfte der Weber, Gerber, ... und ? Seit 1533 war der grösste Teil der Bürger machtlos. Die Herren herrschten im Turnus. Ämter wurden gekauft, Angehörigen und Freunden zugeschanzt, die Wähler bestochen. Ende des 17. JHs. war die Macht in den Händen zweier Familien konzentriert, den Burckhardts (zekadete, wie der Autor der Basler Geschichte,. Daig, obwohl ursprünglich eingebürgert) und den Socins (ebenfalls eingebürgerter Daig, aus Siena). Der Volkszorn richtete sich erst gegen die Burckhardts, dann gegen die Socins ... so dass diese zusammen fanden, wie das heute die Grossen, wenn sie wegen Wettbewerbs in Bedrängnis geraten, immer noch tun. Eine Rotte bewaffneter Kleinbasler verlangte, dass die Rädelsführer Dr. Henric Petri, Fatio Johannes, eingesperrt würden. Da der Rat weder ja noch nein sagte, nahmen sie die Sache selbst in die Hände.  Die Rädelsführer wurden am nächsten Morgen auf dem Marktplatz enthauptet (Henric Petri hatte sich dem allerdings durch Flucht entzogen und schrieb in der Ferne seine Schmähschrift: Basel, Babel.. Von Gerichtsverfahren hielt man wenig, Genfer Konvention gab's ja noch nicht]. Die Zünfte verloren das Recht, ihre Vorgesetzten selbst zu wählen. Die ganze Gewalt war auf den Grossen Rat übergegangen ... Bestechung und Korruption gingen weiter wie gehabt.

Heusler ist auch hier äusserst kritisch gegenüber der gesamten damaligen Gesellschaft: Der stürmische Verlauf und der klägliche Ausgang dieser Revolution stellt die damalige Bürgerschaft in kein schönes Licht; wir haben es mit einem Spiessbürgertum zu tun, das aus seiner behaglichen Letargie durch Sorgen der Nahrung aufgestört, zuerst raisonniert, dann in der Hand von Agitatoren durch gewaltsame Ausschreitungen gegen die Regierung sein Mütchen kühlt, aber eben so rasch seine Führer preisgibt und seine Haut in Sicherheit bringt, sobald die Regierung ernst macht und ihm den Meister zu zeigen entschlossen ist. Dadurch hat es selber die Reaktion verschuldet, die nun eingetreten ist, und das Gute, das es im ersten Anlaufe errungen hatte, wieder verloren.

1691 findet in Basel eine revolutionäre Bewegung statt, bei der es ebenfalls darum geht, bei welcher Instanz die eigentliche Souveränität liegen soll. Das sogenannte 91er Wesen führt dazu, dass sich der Grosse Rat zum eigentlichen Inhaber der Souveränität aufschwingt, das Familienregiment der Bürgermeister aushebelt und sich die Kompetenz gibt, das Fundamentalgesetz des Standes Basel jederzeit ändern zu können.

http://www.markuskutter.ch/print/praeambel_print.htm

Im Spanischen Erbfolgekrieg bekämpften Frankreich und Oesterreich einander auch in äusserster Nähe zu Basel. Die Festung Hüningen wurde verstärkt. Den schwersten Neutralitätsbruch begann aber der österreichische General Mercy der über Augst, Pratteln und Muttenz ins Elsass einrückte, was zu schweren Vorwürfen von Seiten der Franzosen wie der Eidgenossen gegenüber Basel führte. Das Elsass war in der zweiten Hälfte des 17. JHs von Ludwig XIV erobert worden, eine Festung vor den Toren Basels entstanden.

1586 Die [katholischen] Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg, Solothurn und Appenzell kündigen die Allianz mit Mülhausen (1261 ?, 1466, 1515) aus religiösen Gründen.

1648 hatten die Franzosen den habsburgischen Besitz im Elsass erhalten. Bis 1681 erobern die Franzosen Stück um Stück bis zur Unterwerfung von Strassburg und dem Treueschwur des elsässischen Adels zu Frankreich. 1685 wird Französisch im Elsass zur Amtssprache ... bis 1871. Im Lachsfangstreit  um die Schusterinsel bei Kleinhüningen zündelte Frankreich auch mit Basel und der Eidgenossenschaft.

 Die 2. Villmerger Kriege (1712) verschärften den Hass zwischen den Konfessionen wieder - und lösten die ehemalige Vorherrschaft der Katholiken in den Gemeinen Herrschaften (s. Karte) durch die Protestanten ab.

Das Interesse an öffentlichen Dingen erlahmte. Während dies in Deutschland durch die absolutistische Herrschaft der Landesherren begünstig wurde, die den Städten jede Selbstverwaltung nahmen (Selbstverwaltung ist die Voraussetzung für Eigenverantwortung, nota bene), übernahmen in der Schweiz mehr und mehr eine Oligarchie finanziell unabhängiger Geschlechter die Regierung. Die Zünfte wurden auf ihre eng begrenzten handwerklichen Interessen zurückgedrängt und wurden, in diesen kleinen Verhältnissen, wo grosse Aufgaben fehlten und hohe Ziele nicht vor Augen standen, selbst kleinlich, engherzig, selbstsüchtig, kriechend vor den regierenden Herren und dafür sich entschädigend durch Tyrannei gegen Gesellen und Lehrlinge und durch Knechtung des Handwerks auf der städtischen Zunft.  ... Es wehte kein frischer Wind, weder in Wissenschaft noch Kirche.

Die Französische Revolution und ihre Folgen

1798 hatte die Französische Revolution den Basler bereits einiges gebracht - obwohl sich einer der international bekanntesten des Geschlechts der Burckhardts, Johann Ludwig (1784-1874, Entdecker von Petra, erster Europäischer Besucher von Mekka und Medina, Begraben unter seinem arabischen Namen Scheich Ibrahim in Kairo), darüber empörte, wie die Napoleonische Diktatur eine aufkeimende Demokratie vergewaltigt habe.

Die negativen Auswirkungen auf die Oberschicht Frankreichs brachte Basel erneut Emigranten - oft mit profundem Wissen. Dazu wurde die französischen Konkurrenz in Seiden- und Bändelindustrie ausgeschaltet.

Die Querelen mit der Landschaft wurden für kurze Zeit sistiert. Man wollte hinfort als ein Körper in brüderlicher Eintracht miteinander leben. Die Realität holte den frommen Wunsch rasch wieder ein, denn da die Aufhebung des Zehnten rasch zu einer Finanzmisere führte, musste dieser wieder eingeführt werden, was wiederum zu einem Sturm unter den Landleuten führte: Lieber alles Unglück tragen als länger Bodenzins und Zehnten zahlen. Also wer das Gefühl hat, wir seien heute doch soooo viel klüger, der soll doch mal Zeitung lesen. Geht heute genau so weiter.

Die importierte Revolution zog Kosten mit sich. Und genau wie bei der Befreiung Kuwaits oder des Irak holten sich die Kriegsführer das Geld bei andern. Als sich Basel sich zierte zu bezahlen, quartierte General Massena 4000 Mann in der Stadt ein und verlangte die doppelte Summe als Anleihen.  Ein reicher Basler, der sich dem Aderlass entziehen wollte, wurde in Hüningen eingsperrt.

Die Mediation macht die Schweiz zur Conföderation, die sie heute noch ist, also zu einem lockeren Gefüge aus den damals 19 Kantonen/Bundesstaaten.

Von nun an kann seine (Basels) Geschichte von der Geschichte des ganzen (der Schweiz) nicht mehr getrennt werden.

Peter Ochs, Peter Ochs, in Frankreich geboren, in Hamburg aufgewachsen, moderierte Helvetik und Mediation zwischen Napoleon und der Schweiz.

Das Fricktal sollte damals dem Kanton Basel angefügt werden. Während das obere Fricktal am liebsten einen eigenen Kanton gegründet hätte. Dden gab's auch von 1802-04 (s. Sebastian Fahrländer). Die Idee wurde von Rheinfelden positiv beantwortet, doch von Bernhard Sarasin hintertrieben. Die protestantische Aristokratie der Stadt Basel wollte keine Verstärkung ländlicher, bäuerlicher und insbesondere katholischer Elemente. Das Fricktal war aber zu 2/3 katholisch, später zu je ein Drittel Reformiert, Römisch-Katholisch und Alt-Katholisch. (Die letzteren sind diejenigen, die dem Papst die Sache mit der Unfehlbarkeit nicht abgekauft haben). Wir sehen auch daraus, dass die Isolation Basels, die Trennung von Stadt und Land, nicht bloss auf die Verbohrtheit der Landschäftler, sondern genau so auf die dünkelhafte Schnösligkeit  der Städter zurückzuführen ist. Diesen Standpunkt städtischer Überlegenheit vertrat Paul Burckhardt 1942 noch vollster Überzeugung. Hat sich die Situation heute gebessert?

Vorbehalte gegenüber der überheblichen Haltung der Baselstädter kamen aber auch aus der Stadt selbst. Ein Auslandbasler stellte kurz nach Napoleons Sturz seine Heimatstadt so dar: sie sei verhältnismässig eine der reichsten Städte in Europa, und doch eine der ärmsten an glücklichen Menschen, da man es in Basel wohl verstehe, seine Kasse zu füllen, aber nur wenige ein wahres Glück fänden. [S. 134]

Die 100 Tage der Rückkehr Napoleons von Elba versetzten Europa, und Basel, in Schrecken.  Als Vergütung für die Kosten des Durchzugs der Alliierten wollte Österreich Basel Teile des alten Bistums zuschieben. Man fürchtete aber, wie damals bez. Rheinfelden, den Zuzug von Katholiken .... und die Kosten der Entwicklung dieser Landschaft. Bern, das auf den Kanton Aargau verzichten musste, bekam so das Bistum als Ersatz - was Anlass bot für jahrzehntelange Geburtswehen des Kantons Jura. Basel Landschaft wurde um den Bezirk Birseck ergänzt, in dem die Ausübung des katholischen Glaubens ausdrücklich garantiert war. Die zum Schutz von Basel herbeigeeilten eidgenössischen Truppen erstellten damals die Batterie auf dem Bruderholz. Da Basel wieder den Alliierten Durchgang gewährt hatte, mussten sie mit Retorsionen von der Festung Hüningen rechnen. Als diese von den Österreichern umzingelt wurde, beschoss General Barbanègre die Stadt. Das selbe tat er erneut, als disziplinlose Schweizer Truppen in der Freigrafschaft marodierten.  Die Festung kapitulierte am 26. August und wurde bald darauf geschleift.

Der Wiener Kongress (1815), auf dem die Diplomaten verdarben was die Generäle errungen und in einem Intrigenspiel ohnegleichen die Karte Europas (und der Schweiz) neu gestalteten, veränderte die Schweiz nicht nur politisch sondern auch geographisch:

Mit der Revolution war das Problem der 300 Jahre älteren Reformation noch nicht erledigt. Die Universität setzte hier immer wieder einen Kontrapunkt zum etwas kleingeistigen Lokalen. So wurde der Theologe De Wette, ein ausgesprochener Liberaler, von den herrschenden pietistischen Konservativen gar als Ungläubiger bezeichnet. Karl Gustav Jung wurde als Professor der Medizin einem Basler vorgezogen. Dies allerdings mit der Empfehlung des Genies Alexander von Humboldt.

Pietismus und der zweite Bauboom

Um 1800 hatte die Stadt Basel 16'000 Einwohner, was mehr waren als Zürich und Bern. Die "Untertanen" im Baselbiet waren allerdings mit 29'000 deutlich in der Mehrheit. Zudem war nun nur noch die Hälfte de Stadtbewohner Bürger. Die Seidenbandindustrie hatte sich zum wichtigsten Erwerbszweig entwickelt. Die bei Kleinbürgern eh gross geschriebene Sparsamkeit wurde durch die religiöse Grundhaltung der Pietisten noch gefördert.

Vater des typisch baslerischen Pietismus ist Hieronymus d'Annone (1697-1770), Pfarrer in Waldenburg und Muttenz. Graf Zinzendorf (1700-1760) ist der Begründer der Brüdergemeinde der Herrnhuter. Die  1815 gegründete Basler Mission stand lange nicht nur quer zu den Katholiken, sondern auch zu den Protestanten [s. http://www.dhs.ch/externe/protect/textes/d/D45256.html], da sie pietistisch-elitär war. Dem elitären Ansatz verdanken wir heute allerdings ein bedeutendes historisches Bilderarchiv: http://www.ref.ch/rna/meldungen/7224.html. Da einer der grössten Erfolg der Mission die Verbreitung der Kakaobohne war, trennte sich bald die Basler Handelsgesellschaft http://www.dhs.ch/externe/protect/textes/d/D43012.html von ihr ab. Das Missionarische fand aber auch im 20. JH. noch Boden in Basel. Die Pilgermission St. Chrischona wurde hier tatkräftig unterstützt: http://www.relinfo.ch/chrischona/infotxt.html

Die wichtigsten erhaltenen Bauten dieser Zeit sind :

Die ganze Aeschen- u. St. Johannsvorstadt ist in der ersten Hälfte des 19. JHs entstanden, als sich die vornehme Gesellschaft in der Vorstadt und noch mehr in den neuen Strassen vor dem ehemaligen Aeschen- und Albantor ansiedelte. Dabei wurde vor allem das Westplateau (Gellert: gelichtete Hard) stark besiedelt (allerdings erst nachdem der dort zuvor beheimatete Galgen entfernt worden war), während im Osten und in Kleinbasel die Bevölkerung zurück ging.

Die Basler Universität war damals nicht sehr beeindruckend, um nicht zu sagen unbedeutend. Die Löhne der Professoren reichten nicht mal um zu überleben. Die Gelehrten, meist aus den einheimischen Familien, waren, wie vermutlich auch anderswo, von ordentlichem Mittelmass (S. 85)

Vor 1831 gab es in Basel keine Parteien. Publizistisch war es eine Einöde. Politisch interessierte mussten sich den Schweizerboten des einstigen Regierungsstatthalters H. Zschokke  im Aargau besorgen. Zensurfrei frech war damals allerdings nur die Appenzeller Zeitung.

 

Die Trennung von Stadt und Land 1830-33

Die Basler wollten weder von der Helvetik noch von deren teils reaktionären, teils ultraliberalen Nachfolgern etwas wissen. Sie hingen weiter am paternalistischen Humanismus. Insbesondere in den Wirren um die Kantonstrennung von 1830-33 bildeten Bürger und Niedergelassene, Handwerker und Fabrikanten, Gebildete und Ungebildete, Fromme und Weltleute, Pietisten und Humanisten, Liberale und Konservative im gemeinsamen Kampf um das Recht der Stadt eine geschlossene Front, wie sie die Stadt noch selten erlebt hatte. [S. 159]. Hier schlägt die Stimme Burckhardts, selbst aus einem DER Geschlechter Basels, um. Statt kühlen historischen Pro und Contras, liefert er Polemik und wirft den Führern der Landschaft Populismus vor:

Es waren Herren oder Halbherren aus kleinstädtischem oder ländlichem Milieu, Advokaten und Journalisten, einzelne Fabrikanten, viele Ärzte, Tierärzte und bekannte Wirte, nur sehr wenige eigentliche Bauern. Diese Führer brachten die ländlichen Massen in Bewegung. Für die Dinge im Kanton Basel war es verhängnisvoll, dass gerade hier in der Frühzeit der Regeneration die Rohheit und Gewalttätigkeit besonders hervortrat. Dadurch wurden nicht nur die Konservativen und gemässigten Liberalen Basels, sondern auch die pietistischen Kreise zu Stadt und Land, und alle, die die humanistische und tolerante Basler Tradition hochhielten, von vornherein abgestossen. Die Schlagworte der Zeit, die einer vielfach urteilsunfähigen Menge von Volksrednern und Journalisten eingehämmert wurden, die noch rohe aber wirksame Kunst der Propaganda, die unbedenklich auch wirkungsvolle Lügen als Mittel zum patriotischen Zweck brauchte, der Terror, der wie bei frühern Aufständen gegen die Regierungstreuen angewendet wurde, das alles erweckte den tiefen Abscheu der Konservativen. Aber auch die vielen politisch und wirtschaftlichliberal gesinnten, die in Basel vorhanden waren, verkannten die vorwärts drängende Kraft der Regenerationsziele; sie befürchteten, ein nach der Kopfzahl bestelltes Regiment zerstöre die städtische Kultur, eine Angst, die auch von den Zürcher, Berner und Luzerner Freisinnigen geteilt wurde und die tatsächlich nicht unberechtigt war.

Als Beispiel verweist er auf den Alkoholismus, der von Jeremias Gotthelf so trefflich beschrieben wurde. 

Damals war die wirtschaftliche Konstellation umgekehrt wie heute. Die Stadt lieferte 2/3 der Steuererträge, das Land jedoch verfügte über 2/3 der Stimmen. (Ein Grund für die meisten Separatismen, so etwa bei den Basken, den Kurden, Norditalien etcetc.) Das beste aber ist der Zusatz: ... und dass Basel in viel grösserem Mass als die Landschaft imstande sei, politisch geschulte und gebildete Männer zu stellen. Der Hass der Landschäftler auf die Stadt wird als blödsinnig bezeichnet. Die Fähigkeit, offen und demokratisch abzustimmen wird bezweifelt: Die Abstimmung musste eine offene sein; auch das war eine der vielen wohlgemeinten, aber verkehrten Massregeln der Regierung; sie setzte eine Selbständigkeit und Zivilcourage der Baselbieter voraus, die beim Zustand des Landes nicht zu erwarten war.

Obwohl genau der selbe Autor wenige Seiten vorher schrieb, dass es eigentlich auch in der Stadt keine öffentliche Politik gab. Man wollte also das alte Herrenregime einer auserwählten Minderheit erhalten, auch gegenüber einer Mehrheit. Die Landschäftler werden geschildert wie kleine Kinder, die vom erwachsenen Onkel in der grossen Stadt an der Hand genommen und durch eine ihnen unverständliche Politik geführt werden müssen.

Es kam wie es unter diesen Bedingungen kommen musste. Der Kanton wurde geteilt, seine Güter ebenfalls im Verhältnis 2/3, und sogar stadtnahe Gemeinden wie Binningen und Bottmingen schlossen sich dem neuen Halbkanton Baselland an. Diepfligen, das mit einer ganz kleinen Mehrheit bei der Stadt bleiben wollte, wurde von den Nachbarn derart drangsaliert, dass daran nicht zu denken war.

s. auch http://www.baselland.ch/3/blgeschichte/522trennung.html

Die Städter fühlten sch gedemütigt und Beraubt. Basel kam sich als besiegte Partei vor. Der Wiederaufbau von Stadtvermögen und besonders der Universität durch die erste Progressivsteuer der Eidgenossenschaft erfolgte auf dem Fuss. Die progressive Steuer war ein liberales Unikum, das sich die als Aristokraten, Freiheitsfeinde und Geldsäcke freiwillig selbst gegeben hatten, womit sie dem Freisinn weit voran waren und sind. Schwächung der politischen Bedeutung.

Das Verhalten von Bettingen und Riehen bei der Kantonstrennung

Der städtisch überhebliche Dünkel der aus diesen Zeilen spricht, macht es vermutlich auch Nichtbasellandschäftlern möglich, die Abneigung zu verstehen, die auf dem Land noch heute herrscht und eine Widervereinigung als frommen Wunsch aussehen lässt.

Allerdings, obwohl das Argument gut tönt, ist es nur eine zweite Variante städtischen Denkens. Die hehre Rede von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit; Menschen- und Freiheitsrechte, war bereits damals eine Angelegenheit der städtischen Intelligenzija, der Gutmenschen. Auf dem Lande war man praktisch und wollte vor allem weniger, am besten gar keine, Steuern, Fron, Zinsen, Abgaben. Wohl aber praktische Rechte wie freien Bierausschank, Berufs- und Handelsfreiheit, einen Teil der Gerichtsbarkeit, Abberufung der städtischen Schultheisse. Die Stadt ging mit keinem Wort auf diese Forderungen ein. Genau gleich gingen die Landschäftler mit Abel Merians Vorschlag um, die Leibeigenschaft abzuschaffen. Stadt und Land redeten also damals aneinander vorbei ... genau so wie heute.

Dabei wird vor allem vergessen, dass ein grosser Teil der Landschaft, insbesondere die Birseck, noch zum Bistum Basel gehörte. Dessen Untertanen beklagten fehlende Unterstützung bei Missernten, Frostschäden und dergleichen. Während in den welschen Teilen im späteren 18. JH. Aufstände ausbrachen, verhielten sich die deutschen ruhig, beklagten sich aber über Fron und Vögte. Diese und die Domherren durften jagen, wobei sie nicht nur den Wildbestand beträchtlich reduzierten, sondern immer wieder die Felder der Bauern schädigten. Während Wild- und Holzfrevel in den gemeindeeigenen Wälder relativ gering war, wurden die bischöflichen Besitztümer dadurch beträchtlich in Mitleidenschaft gezogen.  Ein einfacher und banaler Satz, aber darin steckt einige Erkenntnis betr. Privatisierung. Erlauben Sie mir drum eine kurze Abschweifung.

Randnotiz zur Privatisierung

Privatisierungsfreunde begründen den Vorteil der Privatisierung dadurch, dass sich Besitzer besser um ihr Eigentum kümmern als Nutzer gemeiner, geteilter Ressourcen (s. tragedy of the commons <> Kollektivgüter, service public). Dies gilt aber nur bis zu einem gewissen Umfang der Besitztümer, nämlich so weit, als sie der Besitzer nutzen will, weil er davon leben muss, und verwalten kann. Das Prinzip verkehrt sich ins Gegenteil, wo Besitz brach liegen gelassen wird, weil dem Besitzer das Interesse, das Geld, die Arbeitskraft oder was immer fehlt. Das Problem besteht praktisch überall dort, wo Grossgrundbesitz herrscht. Die grossen Landbesitzer haben Land quasi "zum Wegwerfen", die kleinen haben nichts. In solchen Fällen, insbesondere wenn weit weg wie Argentinien, reden nicht bloss Sozialisten sogar konservative Politiker gerne von Landreform. Wenn es aber um übergrossen, schlecht genutzten Kapitalbesitz geht, sieht die Sache offenbar ganz anders aus.

Entscheidend ist also nicht, ob Kapital persönliches oder allgemeines Eigentum ist, entscheidend ist die persönliche Nähe, die Beziehung zwischen eigenem Aufwand und Nutzen. Natürlich wehrten sich die Bauern gegen Steuern und Fron, da sie von der damit erstellten Infrastruktur nicht profitierten. Strassen, Eisenbahn, Wasserver- und Entsorgung, das war den Städtern nützlich, nicht ihnen. Damit erklärt sich auch das entgegengesetzt Abstimmungsverhalten zwischen Stadt und Land heute. Städter nutzen ihre, IHRE, Infrastruktur, Trämmli, Bus, Theater, Parks - und schätzen sie. Je weiter weg man von der Stadt ist, desto geringer die Infrastruktur, desto mehr müssen Sie für sich selbst sehen. Aus der Perspektive sind höhere Steuern in den Städten, tiefere auf dem Land, eigentlich selbstverständlich.

Entscheidend ist gerade bei öffentlichen Gütern nicht, wem etwas gehört, sondern wer sich drum kümmert, also wer das Interesse aber auch die Macht hat, ein Gut zu beschützen. (s. Forestry Yemen)

Dass ausgebildete Manager auch fremdes Eigentum besser Managen als die Eigentümer, hat ja gerade dazu geführt, dass die NGOs heute wirtschaftlich hintennach hinken.  [s. Der Erfolg der Kapitalgesellschaften widerlegt Überlegenheit des Privatbesitzes über Staats- oder Gemeinschaftseigentum.]

In der Zwischenzeit entwickeln die Herrschaften der beiden Halbkantone erfolgreich Projekte in der Form von Interessengemeinschaften oder -Verbänden. Aber die Sprache scheint immer noch eine recht unterschiedliche zu sein. Im Gegensatz zum Stadtbasler Dünkel, herrscht auf dem Land eher so was wie der Geist, der extrem bei den Libyschen Volksbüros anzutreffen ist. Man muss hier auch darauf hinweisen, dass Geldgier nicht bloss bei Reichen vorhanden ist. Oft ist es fast umgekehrt. Während Reiche Geld eben haben und als selbstverständlich ansehen, ist es für Arme oft das grösste Begehren. Ich war selbst während 6 Jahren im Jemen, einem der ärmsten Länder der Welt. Obwohl auch sehr umgänglich und sozial - ich war in keinem Land sonst, in dem so viel von Geld geredet wird, wie im Jemen. Eben weil man's nicht hat. Mit dem alten Baselland dürfte die Sache ähnlich gelegen sein. Bauern waren und sind arm, sie müssen jeden Räppler zweimal umdrehen, bevor sie ihn ausgeben. So kam es des öftern vor, dass von Kandidaten für Lehrämter die billigsten gewählt wurden, die aber selbst nicht lesen und schreiben konnten. Andererseits waren aber auch städtische Lehrer, die alles unternahmen um ihr klägliches Gehalt aufzubessern, nicht gern gesehen und wurden als unersättlich betrachtet. Heute wird eben diese Unersättlichkeit geradezu als unentbehrlicher Antrieb der Wirtschaft und ehr-geizig gierige Streber als Führer betrachtet. Auch hier steckt wieder einiges drin, was uns zu Erkenntnissen über unsere gegenwärtige Wirtschaftsform hilft:

Genügsamkeit ist in praktisch allen Religionen ein hehres Ziel, auch in der Wirtschaft, aber nur solange es um Löhne geht. Vielleicht machen sich unsere Herren einfach alte Erkenntnis zu nutze, wenn Sie heute alle Predigen: Ihr müsst mehr, schneller, länger, besser, härter arbeiten, damit es Euch besser geht. Es scheint nämlich, dass die Bedürfnisse der Menschen gar nicht so unendlich sind, wie eine ins unendlich wachsen möchtende Wirtschaft es gerne hätte. Die Heimarbeiter im Baselland hatten die üble Gepflogenheit, die heute noch Einwohnern der 3. Welt, insbesondere Südländern und Arabern vorgeworfen wird, nur so lange zu arbeiten, bis ihr Einkommen ausreichte. Das erhöhte den Aufwand, da eine Produktionserhöhung eine höhere Anzahl Webstühle erforderte - während die Herabsetzung der Löhne die Leute ganz einfach dazu zwang, länger zu arbeiten. .... na ja, got it? Alter Trick offenbar.

Im Zeichen der im 18. JH florierenden Physiokratie erfuhr die Landwirtschaft allerdings im 18. JH doch einige Achtung und erzielte beträchtliche Fortschritte - auch durch Liberalisierung. Durch die Aufhebung alter Flurordnung wurde der Wechsel von Getreidebau zu Viehzucht möglich, diese wiederum begünstigt durch den vermehrten Anbau von Klee, den Gebrauch von Mist, der durch die neue Stallfütterung erst anfiel, als Dünger. Dazu weitete sich der Kartoffelanbau, und nach der Hungerkrise von 1770 auch der Rübenanbau aus. Da gleichzeitig die Nachfrage nach Seidenbändern nachliess, auf Grund einer eidg. Handelssperre zwecks Fernhaltens der Pest, sahen sich viele Bandweber, vor allem im hintern Frenkental, gezwungen auszuwandern. Hier schenkt uns die Wirtschaftsgeschichte eine weitere Erkenntnis, die wir auf heutige Zustände anwenden können: Trotz der Krise wollte man die meisten, die an den Rand der Existenz gelangt waren, weder ziehen lassen noch unterstützen und noch weniger in Arbeitsprogramme eingliedern. Man befürchtete:

  1. bei Wegzug: fehlende Arbeitskräfte beim nächsten Aufschwung, und damit höhere Lohnkosten.
  2. bei Unterstützung: fehlendes Engagement, sich für praktisch nichts an Lohn anzustrengen.
  3. bei Arbeitsprogrammen: Konkurrenz zur Heimarbeit, also auch hier Lohn- und damit Kostensteigerungen.

Den Unternehmern war bereits damals klar, dass nach einer Baisse eine Hausse folgt. Da die meisten Mitarbeiter nebenbei noch einen Bauernhof betrieben oder bäuerliche Verwandtschaft hatten, konnte man sich darauf verlassen, dass sich diese irgendwie über Wasser halten konnten - ohne Anstrengungen und Ausgaben seitens der Unternehmer. Eigenverantwortung! Wir haben hier den Ursprung der neoliberalen Härtewirtschaft. Allerdings vergessen die Vertreter derselben, das Kernproblem: Wer heute aus der Arbeit fällt, hat keine Subsistenzmöglichkeit, keinen Bauernhof, keine Verwandten, die ihn durch die Flaute füttern. Auch hier wieder ein ziemlich banaler Zusammenhang, der beträchtliche Auswirkungen hat: Wie lässt sich in einer primär im Dienstleistungssektor tätigen Gesellschaft Subsistenzwirtschaft betreiben, welche die Existenz sichert? > s. Ulrichs Grundlohn!

Es war aber nicht bloss eigene Bescheidenheit, die die Landschäftler von Handel und Produktion fern hielten. Auf dem Land konnte praktisch nur Milch, lokale Gebrauchsgüter und Vieh gehandelt werden. Bereits Kessler, Korbmacher und Bürstenbinder wurden als arbeitsscheue Landplage betrachtet und ihr Handel verboten. Die Sperre der Stadt für handwerkliche Produkte vom Land führte zu einigen Zollkleinkriegen und wurde natürlich auch durch Schmuggel umgangen.

Aber nicht nur die Produkte des Landes wurden von der Stadt, zum Schutz des eigenen Gewerbes, ferngehalten, auch die Händler. Webern aus der Landschaft war es verboten, Seide in der Stadt selbst abzuholen oder die Produkte in die Stadt zu bringen. Fremden Verlegern, aus Solothurn z.B., wurde verboten, auf der Landschaft tätig zu werden, da sie die Lohnkosten in die Höhe getrieben hätten. Der Versuch schlug allerdings fehl, die selbständige Produktion auf dem Lande zu unterbinden. Welsche, abgewiesene Gesellen, Flüchtlinge die in der Stadt keine Aufnahme fanden, bildeten den Kern einer Vorindustrialisierung der Landschaft. Die 200 Bandmühlen die es dort Ende des 17. JHs gab, vermochten allerdings die Abhängigkeit von der Stadt noch nicht zu untergraben.

Auch war die ländliche Ober- und Mittelschicht nur schwach ausgebildet und gebildet. Die politische Bildung fehlte ihnen in der Tat. Burckhardt hatte also recht, so übel es tönt. Den weit gereisten und Weltgewandten Herren aus der Stadt standen auf dem Lande allenfalls Wirte, Müller, Bäcker, Landärzte, Veterinäre, Schulmeister und Handwerker gegenüber. Konnten die einten nicht, gehoben argumentieren, so wollten die andern nicht. Sie erwarteten von ihren Untertanen, dass sie sich der ihnen erwiesenen Wohltaten würdig erzeigen, und immer mehr bestrebt werden, unser liebevolles obrigkeitliches Zutrauen zu verdienen ... [In: Die soziale Differenzierung in Stadt und Landschaft Basel als Ursache der Kantonstrennung 1833. Martin Maurer. Liestal 1985] P. Ochs, 1822, Bd 8, S. 110]

Diese Besessenheit mit Geld, das man nicht hat, führt zu einer Rappenspalterei, Pfennigfuchserei und Knickrigkeit, gegenüber der die protestantisch-städtische Sparsamkeit sich fast als Verschwendung ausnimmt. Aus diesem Grund kann Sparen immer wieder zum Wahn werden, der die Wirtschaft in die Sackgasse reitet. Auch damals sassen die Herren offenbar auf ihrem Reichtum. Weit weniger als im vorhergehenden Jahrhundert wurde er gezeigt, ja nicht mal ausgegeben. - Hier allerdings widerspricht sich Burckhardt etwas selber, denn wenige Seiten später berichtet er, dass es Mitte des 19. JHs in Basel 2500 Fabrikarbeiter und eben so viele Gesellen, Commis und Lehrlinge des Gewerbes gab. Erstaunlich aber sei die Zahl männlicher und weiblicher Dienstboten, 4000 an der Zahl. Jeder siebte in der Stadt und Riehen fand also eine Stellung als Bediensteter. Noch scheint generell die traditionelle liberale Begründung des Vorteils einseitiger Geldäufnung zu stimmen: Verdienen die Reichen, stellen sie mehr Leute an. Der Widerspruch zeigt aber, dass sich die Dinge langsam wendeten. (S. Frühkapitalismus: Geld zeigen und Ausgeben).

Liberalismus bis zur Konter-Revolution 1848

1833 hatte Basel 24'000 Einwohner, davon nur noch 1700-1800 aktive Bürger, Genf 30'000, Zürich 14'000. 1847: 27'000, 35% Bürger, 44 % Schweizer aus anderen Kantonen, 21% Ausländer, vorwiegend Badenser.

Auf dem Land fanden zu dieser Zeit 16'000 Menschen Arbeit und Unterhalt in und durch die Bändelindustrie, meist im Verlagssystem betrieben. Es ist in Anbetracht des Umgangs zwischen Stadt und Land nicht zu erwarten, dass die Weber von Basel besser behandelt wurden als anderswo.  Die Landschaft wurde allerdings bereits Mitte des 19. JHs elektrifiziert und begann auch selbst, maschinell zu produzieren. Die Verdienste waren allerdings so gering, dass zusätzlich noch Nebenerwerb und Sonntagsarbeit  nötig war. Diese "soziale Frage" wurde bereits damals, es war die hohe Zeit des Liberalismus, eher als Sicherheitsproblem betrachtet: 1841 erklärte der hohe Rat: 6000 Menschen leben in unserm Bann nur von einem Tag auf den andern und müssen daher polizeilich überwacht werden! [S. 209] Humanismus? Streiks und Vereinigungen der Arbeiter wurden verboten. Gewerkschaft und Streik gelobt hat erst Koechlin-Geigy 1868.

Ein Streik der Weber im Revolutionsjahr 1848 kam nur teilweise zustande. Die Herren überstanden ihn ohne die geforderte Lohnerhöhung von 10-12% ausrichten zu müssen, hielten aber den Deckel auf dem Topf, indem sie in den Hungerjahren dem Staat durch Kredite ermöglichten (... na ja) Vorräte an Mehl einzukaufen und vergünstigt abzugeben. 8 Jahre später finanzierte der reiche Christoph Merian eine solche Brotvergünstigungsaktion sogar selbst. Humanismus ... oder den Deckel auf dem Topf halten?

1840 wurde ein gerechteres Steuersystem eingeführt. Die Einkommenssteuer ersetzte die Umsatzsteuer. Kleine  Einkommen von 100 bis 800 Fr. (damals pro Jahr. Das war die Zeit, in der auch viele Schweizer noch mit 1$ pro Tag leben mussten.) wurden mit 2-4 Fr. belastet. Höhere, bis 3000 Fr., mit 1%, bis 6000 mit 2% und darüber mit 3%. Diese Progression wurde von Socin begründet: Der Staat muss eben für seine Bedürfnisse die in Anspruch nehmen, die höhere Steuern zahlen können. Es gab aber bereits damals, und auch in Basel, die Meinung der SVP, die von La Roche vertreten wurde, der Socins Aussage als Sprache eines Räuberhauptmanns bezeichnete. Mit steigendem Bedarf der Staatskasse stieg der Maximalsatz auf 5% und auch eine Vermögenssteuer trat hinzu. Die von Bernhard Socin vorgeschlagene scharfe Progression der Erbschaftssteuer, "als Anrecht des Gemeinwesens auf unverdienten Vermögenszuwachs einzelner", wurde abgelehnt.

Im liberalen Zürich hatte man 17 Steuerklassen gebildet, von denen die untersten, mit bis zu 200 Fr. Einkommen, einen Batzen bezahlten, die Reichsten 200 Franken als Maximum. Ein Traum für die heutigen Neoliberalen! Die Vermögenssteuer musste von allen bezahlt werden. Unabhängig von der Grösse des Vermögens betrug sie 1%.

Die Vorstellung, die in Basel von Demokratie herrscht(e?), erläutert Bernhard Socin:

Ein jedes Volk hat das Recht und den freien Willen, sich eine Obrigkeit zu wählen;
ist sie gewählt, so tritt diese in die unmittelbare Aufsicht und Leitung Gottes, der sie schon dafür finden wird, wenn sie ihre Pflicht nicht erfüllt;
dem Volk aber oder dem Untertanen gebührt das Richteramt nicht.

Die Basler Aristokratie verstand sich also, wie die Mittelalterlichen Könige und Kaiser, als eigentlich von Gott erwählte, vom Volk bloss noch so am Rande bestätigte, Herrschaft. Zwischendurch wundert sich sogar Burckhardt, obwohl er dem selben Klüngel angehört: Es gehört zur Eigenart der baslerischen Geschichte, dass sich im Gegensatz zu den andern Schweizerstädten, ein solches Regime, getragen von einer Aristokratie des Vermögens, der wirtschaftlichen Kapazität und der Bildung erstaunlich lange halten konnte. Er zeigt auch gleich, wie es dazu kommt, nämlich genau gleich wie heute: Und zwar waren es die Leute aus dem Mittelstand selber, die immer wieder die gleichen Herren in die Räte wählten. Bereits damals waren solche Aemter auch wenig gesucht, da sie zwar viel Kleinarbeit brachten, aber nicht entschädigt wurden. Die bloss niedergelassenen waren eh vom Wahlrecht ausgeschlossen. Es ist richtig, dass in der Stadtrepublik Basel eine kleine Zahl von Familien (der sog. Daig), relativ viele finanziell unabhängige und auch zugleich gebildete, lebenstüchtige und verantwortungsbewusste Männer dem Gemeinwesen liefern konnte. Ach, wie nett, man dient, als Patrizier, also aus reiner Menschenfreundlichkeit. Eine kleine Korrektur dieses Bildes vom patriarchalisch-patrizischen Gutmenschen liefert Burckhardt aber grad selbst, bereits im nächsten Abschnitt: Für Basel, dessen Bevölkerung seit undenklichen Zeiten durch Zuwanderung immer erneuert worden ist, war es aber lebenswichtig, dass die fremden Elemente von der gesunden Eigenart der Stadt erfasst und innerlich zu Baslern gemacht wurden, auch wenn sie als scharfe Oppositionsmänner gegen das jeweils herrschende System auftraten.

Irgendwie nervt der Ton einfach ... allerdings, gar so unrecht wie's tönt hatten sie nicht mal, die Basler Herren. Basel war zu der Zeit fast die einzige Stadt, die ein liberal-konservatives Regime hatte, das vom internationalen Handel lebte, also möglichst freie Produktions- und Handelsbedingungen suchte - allerdings nicht zu dem Preis, der uns heute als notwendig dazu geboten wird, nämlich dem Preis rücksichtsloser Zerstörung überlieferter Strukturen, ohne Rücksicht auf Argumente ausserhalb der Produktivität: Basel war 1848 die erste schweizerische Handelsstadt und der eigentliche Stapelplatz des wachsenden Warentransportes. Kein anderer Kanton hatte schon damals, wie noch heute nach 100 Jahren, einen so starken Transit.

Der Rat von Basel gratuliert der neuen konservativen Regierung Zürichs nach dem Umsturz 1839. Obwohl sie den Putsch als rechtswidrig verurteilten, sahen sie doch mit einiger Schadenfreude den Zusammenbruch der liberalen Herrlichkeit. In Luzern errang die katholische Volkspartei auf gesetzlichem Weg den Sieg über den unpopulären Regierungsliberalismus, in Solothurn und im Aargau ging die Obrigkeit in aller Härte gegen das Volk vor. Der Aargau hob sogar die Klöster auf, die er der Mitschuld am Aufstand bezeichnete. Obrigkeitlich angeordnete Demokratie, wie heutzutage im Irak.

Dies mag wenig demokratisch erscheinen. Es ist jedoch in der Tat so, dass in katholischen Gegenden die Vertreter der Religion das Überkommene im Namen Gottes unter Schutz stellten, also für Fortschritt und Freiheit eben so hinderlich waren, wie für die wirtschaftliche Zerstörungswut gegenüber allem Überlieferten und Überkommenen, also der Tradition. Das liberal-konservative Regime Basels versuchte also die Quadratur des Kreises, eine "konservative Modernisierung".

Von der Revolution von 1848 bis zum Deutsch-Französischen Krieg

Wieder einmal bewachten Basellandschäftler die Tore Basels während des badischen Aufstands. Der radikale (progressive) Bundesrat warf dem konservativen Basler Rat Mangel an Strenge gegen die Flüchtlinge vor.

Die Bundesverfassung von 1848 wurde in Basel mit 62% angenommen, also vergleichbar der Bejahung der Europäischen Verfassung in Luxemburg.

Der Deutsch-Französische von Krieg 1870 fand zwar ganz in der Nähe Basels statt, hatte aber grösstenteils positive Folgen für die Stadt, da der grösste Konkurrent, Frankreich, anderweitig beschäftigt war stieg der Seidenbandexport gewaltig an. Das selbe wiederholte sich im 1. Weltkrieg, dann allerdings was Farbstoffe und Chemikalien betraf.

1860 waren von 38'000 Einwohnern 10'000 in der Bandfabrik und Florettindustrie (Spinnerei, die Seidenabfälle verarbeitet, also frühes Recycling betrieb) beschäftigt.  52.6% der Bevölkerung innerhalb des Stadtbannes lebten von der Industrie, chemische Industrie und Färberei. Das weibliche Personal hatte stark zugenommen, d.h. natürlich, seine Zahl. Ansonsten war bei einem Lohn von 1.15 für 10 bis 11 Stunden Arbeit die Gefahr des Zunehmens recht gering und damit Produkte wie Xenical einigermassen überflüssig.

 

Die Modernisierung Basels bis 1929

Die 1. Hypothekenbank der Schweiz wurde aber nicht in Basel Stadt, sondern 1848 von J.J: Speiser im Baselland gegründet.

Die Bahn:

1844 erhielt Basel, als erste Stadt der Schweiz, einen Bahnhof, nämlich den Kopfbahnhof der französischen Bahn. Dazu musste eine Bresche in die noch vorhandene Stadtmauer geschlagen werden, was nicht nur ein technisches Problem war. In den hitzigen Diskussionen wurde diese Öffnung gegenüber "dem leichtlebigen (katholischen) Mülhausen" und die üble Negoziation mit dem unaufrichtigen Franzosenvolk (Nikolaus Bernoulli) kritisiert, ja der Bahnhof zum trojanischen Pferd hochstilisiert.

St. Johann ist auch heute wieder eine Baustelle mit internationalem, wissenschaftsphilosophisch aber leicht zweifelhaftem Renommee, da hier der Novartis Campus am entstehen ist.

Was die Schweizer Bahn, von Zürich über Baden, dem Rhein entlang nach Basel, betrifft, die insbesondere von Zürich gefördert wurde, versagte das Basler Kapital. Zürich hatte bereits 1847 die erste Bahnstrecke der Schweiz gebaut, die sog. Spanisch-Brötli-Bahn, nach Baden. (Spanische Brötli sind gebackene Blätterteigstengel, auch heute noch ein geschätztes Aperitifgebäck, auf das die Haute Societé von Zürich damals offenbar derart versessen war, dass diese für kurze Zeit fast der Hauptzweck der Bahn waren.

Die Nordbahn sollte nach Koblenz, und dann auf deutscher Seite bis zum Grenzacher Horn führen. Später, mit Anschluss an Deutsche Bahn, bis nach Karlsruhe. Doch wollte der Rat dem Grossherzogtum Baden die Oberhoheit über den Bahnhof nicht zugestehen. [Hinter dem vermaledeiten Staatsvertrag von 1852 steckt also beträchtliche politische Kleinarbeit.]

Baselland argumentierte auf dem selben Intelligenzniveau und erklärte (man imitierte, wie heute die Untergebenen ihre Chefs,den autoritären Stil der Herren hinter den Stadtmauern), man stimme nur für das Zentralbahnprojekt, wenn jeder Zug auf dem Birsfeld halt mache.

1855 konnte der Badische Bahnhof, auf dem Geländer der heutigen Mustermesse, eröffnet werden.  Zur selben Zeit entstand auch das Postgebäude an der Freien Strasse.

1854-58 wurde das Kernstück der Strecke Basel-Olten, der vom Basler Geologen Peter Merian geplante Tunnel durch den Hauenstein erbaut. Er war, obwohl nur 2.5 km lang, der erste grosse Eisenbahntunnel der Schweiz und kostete 150 Arbeitern das Leben.  1916 verlor er an Bedeutung durch den Bau des Basistunnels bei Läufelfingen an Bedeutung. Die Bahn von Sissach nach Olten, Läufelfingerli genannt, steht zur Zeit in Diskussion, da sie auf Busbetrieb umgestellt werden soll. Diese Pläne wurden vom Kantonsgericht vorerst gestoppt, wegen Kompetenzüberschreitung der Regierung. 2006 werden die Züge also noch verkehren (Im Nov. 05 wird bekannt gegeben, dass die Bahn ein weiteres Jahr in Betrieb bleiben wird). Zur Rettung ist ein touristisch attraktiver Betrieb mit Dampflokomotive in Diskussion.  Details der ersten Entwicklung des schw. Eisenbahnnetzes.

Der Bau der Bahn lag Mitte des 19. JHs noch in den Händen privater Unternehmer. Die Renditen waren mässig. Die Zersplitterung enorm. Die Gesamtwirtschaft erlitt dadurch schwere Schäden: Die kantonalen Rivalitäten hatten im Eisenbahnwesen viel Unheil über über das Land gebracht [S. 267] Trotzdem hat das Volk 1898 den Erwerb der Zentralbahn durch den Bund abgelehnt. Baselstadt, obwohl mehrheitlich freisinnig, hatte jedoch mit grossem Mehr für die Verstaatlichung gestimmt.

Ähnliche Erfahrungen wurden übrigens mit der Wasserversorgung gemacht, deren Liberalisierung heute wieder von verspäteten Neoliberalen in höchsten Tönen gepriesen wird. Basel musste 1875 die Wasserversorgung aus den Händen einer höchst selbstherrlichen Gesellschaft übernehmen, um allen Bürgern eine sichere Versorgung mit sauberem Wasser garantieren zu können. Das selbe passiert mit dem Gaswerk:

Es war einer der letzten Beschlüsse, die die Behörde des alten Basels vollzogen; mit Energie war der noch mehrheitlich konservative Rat dafür eingetreten, dass das allgemeine Wohl über die Interessen einer Unternehmergruppe siege. [S. 275]

Ich verweise an mehreren Orten meiner kritischen wirtschaftlichen Überlegungen darauf (1, 2, 3, 4, 5, 6 ...) dass die hohe Zeit des Liberalismus das 19. JH war, und dass dort Erfahrungen gemacht wurden, die wir nicht wegen ein paar vorlauter Neoliberalisten wiederholen müssen. Die Erfahrungen sind da, wir müssen nur daraus lernen.

1860 kam der Bahnhof auf den heutigen Standort, damals am Rande der Stadt, am Elisabethenbollwerk und wurde mit dem "trojanischen Pferd" (s.o.) der französischen Bahn verbunden.

Mit der Eröffnung des Bahnhofs als neuem Verkehrszentrum wurde auch das sog. "Kaufhaus" neben der Barfüsserkirche (dort, wo heute der Musiksaal ist) an den Bahnhof- Dreispitz verlegt. Dieses Kaufhaus war eine kulturell-architektonische Katastrophe, die aber um so härter den Zerfall aller Werte - ausser dem Geldwert - symbolisiert. Die 3 Riesentore standen für die Waren aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Als Lager genutzt wurde sogar die Barfüsserkirche.

1895 wurde die erste, über den Marktplatz führende Linie der elektrischen Strassenbahn (s Drämmli) eröffnet.

Zu Münzeinheit und Post sagte man in Basel ein zögerliches jein, da sie zwar der Wirtschaft Vorteile, den Kleinstaaten aber Nachteile brachten. Schöpfer der eidg. Postorganisation war der Bankier Benedikt La Roche, ein vornehmer Grandseigneur alten Stils.

Details s. auch: Die Bauliche Entwicklung der Stadt Basel. Klein-Basel, Vorstädte, Heutige Stadt. Rudolf Kaufmann. 127. Neujahrsblatt. GGG. 1949. Helbing & Lichtenhahn

Sanitäre Probleme

Während der Cholera von 1855 starb die Hälfte der Infizierten. Betroffen waren vor allem die Quartiere der Industriearbeiter. Nach dieser Epidemie wurde das Schlachthaus vor die Stadt verlegt, die Birsig, der wichtigste Abwasser und Kehrichtentsorgungskanal,  korrigiert, Strassen gereinigt, eine Trinkwasserversorgung und Kanalisation erstellt und Kosthäuser (Restaurants) beaufsichtigt.. Wie heute noch in vielen Städten, vor allem Randstädten der 3. Welt zu beobachten (spezieller Fall: Altstadt v. Ibb im Jemen oder die Randbezirke von Bagdad), beschränkt sich der Putzeifer auch wohlhabender Bürger auf das Innere der Häuser - während Strassen und öffentliche Anlagen hemmungslos zur Deponie jeglichen Unrats verwendet wurden/werden. Dennoch: All dies bedeutete staatliche Eingriffe in das Privatleben der Bürger, die dem konservativen und dem liberalen Denken widerstrebten. Es brauchte ein halbes Jahrhundert, bis die Forderungen durchgesetzt waren. Den erlahmenden Anstrengungen half die Typhusepidemie von 1865 wieder auf die Sprünge, bei der 400 von 4000 Infizierten starben

1879: Eröffnung der 2. Brücke über den Rhein, der Wettsteinbrücke, der die 3., die Johanniterbrücke , bereits 1882 folgte .

Bis zu Beginn des 20. JH waren die meisten Quartiere gebaut - und die alten Befestigungen abgebaut worden.

Vier der sieben alten Tore wurden dem Verkehr geopfert, nicht alle um einer zwingenden Notwendigkeit willen; vielmehr machte sich bei vielen politisch freisinnigen oder konservativen Bürgern und Einwohnern eine gewisse rohe Lust geltend, alles Alte, das nicht materiellen Vorteil brachte, grundsätzlich zu zerstören. [S. 272]

Positiver war die Weitsicht in Sachen Grünanlagen. Basel verfügt heute über einen Kranz alter Parkanlagen die auf den erhaltenen Schanzen und über den ehemaligen Gräben, errichtet wurden. Begünstig wurde dadurch aber vor allem Grossbasel, das zusätzlich noch 1874  den Tierpark einrichtete, das Margarethengut und die Solitüde kaufte. Hier muss man auch mal was positives über die Basler Pfeffersäcke sagen. Bei meinen ersten Stadtumgängen stiess ich auf ausgedehnte Grünflächen, die insbesondere was St. Jakob-Brüglingen und St. Margarethen betrifft, auf Basellandschaftlichem Boden liegen. Ist doch nett von den Landschäftlern, der Stadt so viel Fläche zur Verfügung zu stellen, dachte ich mir dabei. Wie ein bisschen historische Lektüre zeigt, hat hier Nettigkeit allerdings rein gar nichts damit zu tun. Beide Güter wurden nämlich von der Stadt (Margarethen) oder Privaten, denn Brüglingen-St. Jakob ist von Christoph Merian seiner Stadt zum ewigen, also unveräusserlichen, Lehen geschenkt worden. Bei aller Kritik scheint der Pietismus hier doch so etwas zu fördern, das dem islamischen Waqf (Beispiel) entspricht.

Im übrigen ist auch die Ausdehnung Basels weit über den Rhein hinaus nicht kriegerischen Erfolgen bei Eroberungen zu verdanken. Kleinbasel wurde 1392 von Grossbasel den Erben Herzog Leopolds (Bischof Friedrich von Blankenheim) abgekauft, für 29800 Gulden. Um 1400 erwirbt die Stadt von Bischof Humbert von Neuenburg (1399-1417) die Herrschaften Liestal, Waldenburg und Homberg. Damit setzt ein Prozess ein, der erst mit der Erwerbung von Binningen und Bottmingen 1534 zum Stillstand kommt. Hier haben wir auch schon den Kern des Problems: Da Land und Leute von der Stadt zu Eigentum erworben wurden, nahm sich die Stadt eben das Recht heraus, diese auch so zu behandeln ... was bei Menschen eben meist schief geht.

1912: Sicherung der Energieversorgung der Stadt, Eröffnung des Kraftwerks Augst.

Basel sozialdemokratisch-aristokratisch

Seit 1840/46 waren in Basel immer wieder Konsumvereine gegründet worden, mit dem Ziel, gemeinsam, en gros, günstiger einzukaufen und der Bevölkerung eine günstige Versorgung zu sichern. Interessant, nicht. Es gäbe also offensichtlich auch andere Gründe Betriebe zu gründen und zu führen als den Profit .... Vorbild waren hier englische Vorläufer. Als Organisationsform wurde die Genossenschaft gewählt, da die Form der Aktiengesellschaft dem Ziel nicht gerecht wird.

Gewerkschaftsbewegung. Das Problem des Missbrauchs des Freiheitsbegriffs schon damals von Arbeitervertreter J.F. Frei und Raatsherr Koechling kritisiert:

Diese berühmte Freiheit  des Fabrikarbeiters besteht nur darin, nicht arbeiten zu dürfen oder dann vom Hans zum Heiri gehen zu können, wo er unter dem gleichen Druck stehe.  Er wies mit Recht darauf hin, dass die Vorteile der Maschinenarbeit und die Fortschritte der Technik nicht in gleichem Masse den Menschen zu gut gekommen seien wie dem Geschäftsgewinn; ob die Menschen wirklich zu nichts da seien als dazu, mehr und billiger zu produzieren?  [S. 307-8]

Lebten in Basel 1860 noch 26% der Bevölkerung von der Seidenindustrie, waren es 1870 21%, 1880 17% und 1888 16%. Durch den Umstieg in die chemische Produktion und Handel stieg in der selben Zeit die Anzahl der Industriearbeiter von 24'000 auf 38'000, der im Handel tätigen von 8500 auf 13'000 und insbesondere der im Transportwesen tätigen von 3000 auf 6000. Die Arbeitskräfte kamen vorwiegend aus dem Badischen (s. Bevölkerungsentwicklung], das zwar noch mit Österreich assoziiert war, aber seit Friedrich II. nach einem Deutschen Reich unter Preussischer Führung strebte. [Zahlen aus: Ruedi Hotz: Basels Lage und ihr Einfluss auf die Entwicklung und Geschichte der Stadt. Wissenschaftliche Beilage zum Bericht über das Gymnasium Schuljahr 1893-94. Reinhard, Unversitätsdruckerei. 1894.]

Die Frage des Schulgelds wurde lang und breit diskutiert. Man wollte erst die kostenmässige Beteiligung der Eltern, entschloss sich aber später für den freien Unterricht, da dieser dazu dient, das Gemeinschaftsbewusstsein zu fördern und bei der Überbrückung sozialer, konfessioneller und politischer Gegensätze hilft!

Die Idee der  Krankenkasse wurde 1887 vom Volk verworfen, ebenso 1900, und erst. 1912, auf eidgenössischer Ebene, angenommen. Die liberalen Parteien Basels beschlossen Stimmfreigabe, denn das Bewusstsein, dass das Gemeinwesen die wirtschaftlich Schwachen in weit stärkerem Umfang tragen müsse, als die früheren Generationen es für erlaubt und richtig gehalten hatten, war nun in den weitesten Kreisen durchgedrungen. (Also ganz so daneben sind die Basler Bezopften offenbar doch nicht immer, wenn sie am politischen Verstand des gemeinen Volkes Zweifel äusserten ... 1894 Recht auf Arbeit: verworfen, 1900: Arbeitslosenversicherung: verworfen, 1977: Mieterschutz verworfen ... bekloppte Bande ...).

Die Neunzigerjahre brachten eine starke Zunahme der proletarischen Bevölkerungsschichten, und viele Arbeiter wanderten vom freisinnigen ins sozialistische Lager über.

1896 wurde Eugen Wullschleger von Basel zum ersten sozialdemokratischen Nationalrat, 1902 zum ersten Regierungsrat seiner Partei im Kanton Basel-Stadt.

1905 wurden die Proporzwahlen eingeführt, was prompt zum Sturz der freisinnigen Grossratsmehrheit führte. Die Sozialdemokraten wurde bis zum 1. Weltkrieg die stärkste Partei, auch wenn sie nicht viel mehr als einen Drittel der Sitze innehatten.

Mit der Verfassungsänderung von 1910 wurde die seit einem halben Jahrhundert geforderte Trennung von Kirche und Staat Realität. Genf hatte diesen Schritt bereits 1907 vollzogen. Der Grund dafür ist allerdings weniger liberal als man denken könnte. Die erzprotestantischen Basler hatten wieder mal Angst vor der erfolgreichen Verbreitung des Katholizismus.  Die enorme Bautätigkeit hatte zu einer starken Zuwanderung katholischer Italiener geführt. Basel nahm hier, auf engem Raum, die spätere Entwicklung der ganzen Schweiz voraus.

Genau aus diesem Grund ist Basel auch heute, nein, nicht Vorbild, aber vielleicht doch immer noch das Zukunftslabor für den Rest des Landes. Zürich hat Macht und Grösse, Zürich wächst und kann wachsen. Zürich hat Platz, so mitten im Mittelland und mitten in der Schweiz. Basel steckt in der Enge, von zwei Seiten von Ausland umzingelt - und muss das Problem lösen, auf das auch der Rest der Schweiz früher oder später stossen wird: Leben ohne Wachstum - oder mit einem Wachstum ohne Bevölkerungswachstum, ohne zusätzlichen Landverbrauch, ohne Gewinn an Freiräumen wie grössere Wohnung, Garten, Einfamilienhaus etc. Nach einer 1. Phase der Kolonialisierung der Nachbarschaft, Muttenz, Pratteln, Binningen, etc, zahlt sich das für Basel nicht mehr aus, da die Steuern nicht in Basel anfallen. [Zahlen und Graphiken zur Entwicklung Basels seit 1829.]

1896 wurde die Weltfirma Hoffmann-La Roche gegründet, die in wenigen Jahren nachvollzog, was CIBA-Geigy vorgemacht hatte.. Bereits ein Jahr später expandierte man ins deutsche Grenzach und nach Mailand, 1903 nach Frankreich, 1905 New York, 1908 London, 1910 Russland, 1925 Japan etcetc. Globalisierung in R(h)einkultur.

1916 wird eine Reduktion der Räte von 130 auf 100 verworfen - ein Thema das übrigens auch heute noch diskutiert wird: s. http://www.verfassungsrat.bs.ch/bericht-301.pdf

Im 1, Weltkrieg wurde die Versorgung prekär. Der Krieg wirkte sich insbesondere negativ auf die Schichten aus, die ohnehin knapp versorgt waren. Es entstand ein Kranz von 10'000 Pflanzgärten in den Aussenquartieren und vor der Stadt. Dieser Grüngürtel ist heute noch vorhanden. Meine Spitzigen Bemerkungen betr. Schrebergärten trifft also nur teilweise zu. Es kann auch die Idee der Selbstversorgung dahinter stehen, und, insbesondere bei unsern südlichen Nachbarn, ein rechtes Stück Lebensfreude an frischer Luft. Die politische Folge kriegsbedingter Knappheit war, dass bei den Grossratswahlen von 1917 die Sozialdemokraten fast die Hälfte der Sitze eroberten .

Während des Landesstreiks von 12. Nov. 1918 wurden wieder mal die Landschäftler aufgeboten, um als Landwehr Übergriffe zu verhindern. In Zürich und Bern hatte General Wille das Militär aufgeboten. Dass zu dieser Zeit auch Schweizer Militär auf Schweizer schoss, im Namen der Mehrheit auf die Minderheit, ist eine der übleren Begebenheiten unserer Geschichte und zeigt die Grenzen der Mehrheitsdemokratie. Es starben allerdings weitaus mehr Menschen, nämlich 400'000, an der Spanischen Grippe als an Kugeln (3, in Grenchen) .

1929 erfolgte ein Verbot des Schulgebets - das nach einem Referendum wieder aufgehoben wurde. Auch dieses Verbot war weniger im Zeichen von Toleranz und Liberalisierung ausgesprochen worden. Es ging mehr darum, die offenbar religiös überzeugungsfähigeren Katholiken zurückzubinden. Auch die Verbote gegen die Jesuiten beruhten darauf, dass die Kerle einfach hochintelligent waren und zu überzeugen vermochten. Verbot statt Gegenargumente ist aber immer ein schlechter Rat. Man sorgte sich, dass insbesondere in katholischen Schulen (die Basler Bevölkerung war bereits zu 1/3 katholisch), die Schüler dem (protestantischen) Gemeinwesen entfremdet werden .... und die Katholiken irgendwann die Mehrheit hätten. Ein ähnliches Zeichen setzt die Verwendung der Barfüsserkirche (s. Bild rechts, Kommentar: Kulurbanausen. Ein besseres Bild dafür, wie sehr der materialistische Geist die Kirche bedrängt, sogar wenn er sich pietistisch nennt, gibt es wohl kaum.). War die im 19. JH selbst hemmungslos als Handelsdepot benutzt worden, so verwandelte man sie nun lieber in ein Museum als sie den Katholiken zur Verfügung zu stellen. Schön wäre es auch, wenn Basel mal eine Moschee bekäme, mit einem Minaret, von dem man zumindest am Freitag zur Dschumah, den Ruf über die Stadt erschallen hörte. Immerhin sind die Muslime nun zahlenmässig, nach Protestanten und Katholiken, die drittwichtigste Religion. Im Jahr 2000 wurden in Basel-Stadt: 12'643, Basel-Landschaft: 11053 Muslime gezählt. Die meisten Muslime in Basel wohnen in Kleinhüningen, im Klybeck-, Matthäus- und Gundeldinger-Quartier und um den Voltaplatz.

1933 schlug, wie bereits 1861, ein Versuch der Wiedervereinigung mit dem Baselland fehl. Die Antwort von dort war: Man werde niemals ... Besonders auf dem Land konnte die Idee kaum offen ausgesprochen werden, da viele eine Wiedervereinigung quasi als Hochverrat betrachten.

Vielleicht können wir die Wiedervereinigung einfach umgehen, und grad zum Kanton Nordwestschweiz schreiten. Die Idee ist nicht übermässig neu. Sie wurde vor 100 Jahren bereits vom Ingenieur und Rheinschifffahrtspionier Rudolf Gelpke formuliert:

Die Grenzen müssen fallen, weil der eingeengten Stadt der nötige Platz für grosse Betriebe fehlt und die landschaftlichen Vororte unter der Gemeindelast litten.

Was die enormen Aufwendungen für Infrastruktur der Vororte betrifft, so rentieren die allerdings inzwischen und werden mehr als nur vergütet durch Steuereinnahmen.

Martin Herzog, Basel, 12. Juli 2005

Meine Begeisterung für den Kanton Nordwestschweiz hat in letzter Zeit allerdings ziemlich gelitten, a) weil die Landschäftler offenbar lieber ein rechtes Käseblatt lesen mit dem selben Trend wie die Aargauer, b) weil sich dieses bünzlig-autoritäre Getue gerade auch noch äussert darin, dass Baselland als erster Kanton und ohne Absprache mit den Nachbarkantonen die Abgabe von Alkohol an unter 18-jährige verboten hat. Ein autoritäres Bünzlistan offensichtlich, das doch besser an Blocheristan anzuschliessen wäre als an Basel Stadt.

 

Basel und der Katholizismus

Die dauernde Abwehr der Basler gegenüber dem Katholizismus war "umesunscht". Im Jahr 2000 lebten hier gleich viele Katholiken wie Protestanten ... aber 1.5 mal so viele "Ungläubige", oder besser: "an den Atheismus glaubende". Die leitende Funktion des Pietismus in Politik und Wirtschaft dürfte damit dahin sein und der Humanismus, der in Restbeständen noch zu finden ist, eher ein sozialer als ein patriarchalischer (generally speaking ... denn es gibt sie schon noch, die Patriarchen, seltsamerweise auch weibliche.).

Dominant ist der Glaube, der katholische, noch in Luzern, woher er sich allerdings noch kaum wirtschaftskritisch oder sozial engagiert verlauten liess.

http://www3.stzh.ch/internet/stat/home/publikationen/spezial-publikationen/2005_A_005.ParagraphContainerList.ParagraphContainer0.ParagraphList.0002.File.pdf/A_05_2005.pdf