IRAK

Handelsvermittlung

2006 erhielt Bagdad von Mercer zum dritten Mal den letzten Rang in der Attraktivität der Städte. Das ist kompletter Stuss ... wäre es nicht lebensgefährlich, dort zu leben. Aber ich möchte wieder hin. Also bitte bringt wieder Ordnung in die Stadt, ich hab Heimweh. Dass Zürich Platz 1, Genf Platz 2 und Bern Platz 9 erreichen, vermag mich darüber nicht zu trösten.

Eine Reise nach Bagdad im Juni 2003

Neuster Stadtplan Bagdads mit den wichtigsten Strassen und Quartieren
 

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Hier die telegene Shahid-Moschee beim Hotel Sheraton, Saadoun Strasse.

Nach einem rund sechsstündigen Flug langen wir mitten in der Nacht in Amman an. Wir werden am Flughafen abgeholt von einem Bekannten, einem Iraki, der allerdings mit dem vorgehenden Regime keine guten Erfahrungen gemacht hat, da sein Geschäft, der Geldwechsel, offiziell verboten war. Nun betreibt er die von den USA so geschätzte Geldvermittlung zwischen Irak und dem Ausland, die weder Bankauszüge noch Spuren im Internet hinterlässt, sondern alleine auf Vertrauen, persönlicher Bekanntheit und mündlichen Zusagen beruhen.

Da die Fahrer nur Tagsüber die kritische Zone im Irak um Ramadi durchqueren, fällt die Nachtruhe aus. Wir müssen am Morgen bereits an der Grenze sein. Khaldoun vermittelt uns einen Fahrer aus Ramadi, präzise der Zone der Unruhen, deren Bevölkerung noch weitgehende hinter Saddam steht. Dieser soll sich im Übrigen unter dem Schutz der Stämme in der Wüste aufhalten.
Wie Überfälle und Entführungen am besten zu bewerkstelligen sind erfahren wir dabei auch gleich: Man muss nur sehen, welche Gruppen teure jordanische Fahrzeuge mieten, dann kann man mit reicher Beute an Kameras und Ausrüstung rechnen.
Zur Zeit gelten also wieder die traditionellen Regeln, dass man sich als Reisender quasi unter den Schutz des Stammes stellt, dessen Gebiet man durchquert. Die Region um Falluja und Ramadi leistet bis heute am meisten Widerstand. Einheimische begründen dies damit, dass die meisten bekannten sunnitischen Imame aus dieser Gegend kommen, und dass diese Saddam treu ergeben sind. Sie haben z.B. Saddam beim Hadsch in Mecca vertreten, den er aus einsehbaren Gründen nicht selbst begehen konnte oder wollte. Sie profitierten so, als Vertreter einer religiösen Minderheit (ca. 1/3) vom Schutz der Minderheitenregierung.

Kurz vor der Grenze, also nach über 200km, bemerkt der Fahrer entsetzt, dass er seinen Pass in Amman vergessen hat. Sein Kollege hatte ihn kurz ausgeliehen, um sich im Duty Free eine Stange Zigaretten zu besorgen, wozu offenbar nicht der eigene Pass nötig ist.

 

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Karade Kharidje, die äussere Karade, Einkaufsstrasse für Haushaltgeräte aller Art.

Wir halten bei einem der kleinen Läden, die wie Garagen aussehen, gefüllt mit Gebinden von Pepsi, Mirinda, Seven, Süssigkeiten, etc., also Dinge, die traditionell von Reisenden in den Irak mitgenommen werden. (Das Bild links aus Baghdad, Qarade, zeigt allerdings, dass Sprudelgetränke (und Alkohol) auch bereits an den Strassen von Bagdad angeboten werden). Vor dem Krieg waren die Preise dafür ausserhalb des Irak oft tiefer - zur Zeit kehrt sich die Situation allerdings eher um, da der gesamte Irak zur zollfreien Zone wurde.

Schade ist, dass die traditionellen Saftläden am Verschwinden sind. Diese, mit einer reichen Auswahl an kühlen Fruchtsäften, wie Kishmisha (Bild unten) sind wahre Stätten der Erlabung und Erholung.

Ein Anruf mit dem beliebten Satellitentelefon Suraia - und bereits nach 1.5 Stunden ist der Kollege auch schon hier - und weiter geht die Reise an die nahe Grenze, wo wir endlich im Orient anlangen, also warten … und uns in Geduld üben. Der jordanische Zoll öffnet erst um 6-00. Der Raum der Zollkontrolle ist kaum zu einem Viertel voll, trotzdem werden wir etwa eine Stun

de warten auf das Ausreisevisum und dann nochmals eine halbe Stunden, bis die drei- bis vierhundert Autos die diese Nacht die Reise antreten, als Konvoi durchgelassen werden, nach erneuter zweimaliger Kontrolle des Ausreisevisums. Das Gepäck wurde übrigens weder in Amman noch hier kontrolliert.

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Derartige "Saftläden" waren früher, wie heute noch in Damaskus, überall in Bagdad zu finden. Da heute ein Sprudelwässerchen aber 1/3 eines frischen Fruchtsafts kostet (1500 Dinar = 1 Dollar, April 04), muss man diese suchen. Am nördlichen Ende der Karade Dahil, der Inneren Karade, befindet sich dieser hier und ein günstigerer gegenüber.

Der Eisverkäufer und die zwei Gemüsehändler (s.u.) befinden sich an der selben Strasse, die seit langem ihre Zentrumsfunktion behalten konnte, immer noch sehr romantisch ist, aber nach und nach ein bisschen verkommt.

Nach vielleicht 20 km kommt der Konvoi erneut ins Stocken. Lehmwälle und Stacheldraht zeigen, dass die Irakische Grenze erreicht ist. Die 6 Spuren der Autobahn, sowie das Bankett und ein Streifen nebendran, füllen sich mit Autos. Ein Riesenbandwurm, der wartet, denn die Irakische Grenze wird erst um 8-00 geöffnet.
Die Temperatur ist mit ca. 35 ° C noch recht angenehm, die Vorhersage, dass es in Baghdad wärmer sei, bewahrheitet sich leider später.
Die Grenze wird nur von einem US-Panzer, einer Soldatin und zwei Soldaten bewacht (zumindest sind nur so viele sichtbar). Die Kontrolle besteht aus einem Blick auf den Pass, wir werden durchgewunken, und sind im besetzten Irak, ohne Kontrolle, ohne Visa). Am Strassenrand allerdings stehen kilometerlange Kolonnen von Lastwagen, beladen mit allen möglichen Gütern für den Irak, vor allem mit Haushaltgeräten, Satellitenschüsseln und Klimaanlagen. Diejenigen die über ausreichend Geld verfügen, nutzen offensichtlich die Zeit der Zollfreiheit. Nahrungsmittel oder Medikamente sind kaum zu sehen, der Mangel daran ist offenbar mässig.

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An der Karade Kharidge befindet sich dieses Fischrestaurant, Al Mahar. Im Gegensatz zu den ebenso berühmten am Ufer des Tigris bei Abu Nuwas und Mesbah, wo der Fisch über Holzfeuer gegart wird, wird hier der Fisch im Tanur (Tonofen) zubereitet, genau wie der jemenitische Masguf - allerdings nicht so scharf gewürzt.


 

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Nach der Kontrolle machen wir einen kurzen Abstecher in die Wüste, wo sich hunderte von Benzinkleinlieferanten den Zusammenbruch der Benzinversorgung zunutze gemacht haben, und die Taxis mit Kanistern und Fässern beliefern, die sie auf ihre Pickups und andere Kleintransporter gebunden haben. Die Preise sind entsprechen hoch, etwa das vierfache der Vorkriegssituation. Für einen $ erhält man also nur noch knapp 40 Liter Benzin.

Nachdem wir wieder mit Treibstoff versorgt sind, nehmen wir die restlichen 400 km unter die Räder. Die Luft flimmert nun, um 10-00 bereits über der Strasse und erzeugt Trugbilder von Wasserflächen, die berühmte Fata Morgana. Hier ist die Wüste lehmig-braun, mit Steinen durchsetzt, von wenigen Dornsträuchern bewachsen. Reist man allerdings im Frühjahr, kurz nach einer ergiebigen Regenzeit, durchquert man hunderte von Kilometern grüner Wiesen und Blumen und wundert sich, wo die Wüste geblieben ist. Die Strasse ist in gutem Zustand, nur zwei Brücken wurden zerbombt. Wenn ich mich recht erinnere, die selben wie bereits 1991.

Im Restaurant Um al Qura, der "Mutter aller Dörfer" sind wir als Gäste zu dritt - das Personal zu siebt. Trotz Zollfreiheit hat diese Handelsstrasse und die Shops und Restaurants die sie säumen, also auch schon bessere Zeiten erlebt.

Nun befinden wir uns schon in den Vororten von Bagdad. Offensichtlich haben hier einige Schlachten stattgefunden, denn die Strasse wird gesäumt von dutzenden von Panzern, die offensichtlich im Dreck versunken sind. Im Vergleich zu dem, was man vom Fernsehberichten her erwartet, sehen sie in der Realität allerdings um einiges kleiner aus.
Die nächste grössere Ansammlung von Panzerleichen findet sich in der Umgebung ehemaliger Kasernen kurz vor Bagdad. Die Kasernen machen heute einen desolaten Eindruck. Alles was irgendwie für verwendbar befunden wurde, wurde mitgenommen, auch die Dachbedeckung. Auch die nördliche Umfahrungstrasse von Bagdad wird von Panzerleichen gesäumt. Am frühen Mittag erreichen wir das Haus der Familie in Dora, einem Stadtteil im Südosten Bagdads.

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In der ersten Woche sind wir positiv überrascht, denn wir hatten pro Tag so etwa 2 Stunden Strom erwartet. In der Tat mussten wir nur etwas 2 bis 8 Stunden Stromunterbrüche hinnehmen. Dies änderte sich allerdings in der zweiten Woche genau ins Gegenteil. Oft gelang es den Generatoren kaum mehr, die Lampen zum flackern zu bringen, worauf der Versuch, das Quartier mit Strom zu versorgen offenbar eingestellt wurde und nur noch der private Kleingenerator stundenweise für etwas Linderung sorgte. Bagdadis werfen also keinen Blick auf die Sonne und die Wolken, sondern eher einen auf die vier Kamine des Kraftwerks. Rauchen zwei, stehen die Chancen auf Strom gut. Raucht nur einer, ist es besser, Eis nach Hause zu bringen.

Situation 2004: Die Koalition beschreibt die Entwicklung in Sachen Stromversorgung des Irak wie folgt: Im Mai 2003, also direkt nach dem Krieg, wurden 300 MW produziert, 6000 MW sind für die Versorgung des Landes nötig. Im Sommer 03, zur Zeit diesen Berichtes, waren es bereits 1000 MW und im Sommer 04, also jetzt, sollen es bereits über 4000 MW sein. Dass im Irak offensichtlich immer noch alle unzufrieden sind lässt sich aus der Verteilung erklären. Während unter Saddam Bagdad und Tikrit meist 18-20 Stunden Strom pro Tag erhielten, waren es in Basra noch 2-6 Stunden. Heute ist das offenbar gerechter verteilt. Allerdings erhalten so die Bagdadis einiges weniger - und die andern bei weitem immer noch nicht ausreichend. 

COALITION PROVISIONAL AUTHORITY BRIEFING SATURDAY, MAY 22, 2004

Die Hitze, und die bei Stromunterbruch ausfallendem Klimaanlagen (oder zumindest die als Heissluftschleudern wirksamen Ventilatoren), schlägt am meisten auf die Verfassung. Zum Vergleich: Die Schweiz hatte in der selben Zeit eine Hitzeperiode, den heissesten Monat seit Messbeginn, mit Temperaturen von 32 bis 38 °C. In Bagdad sind dies präzise die Temperaturen die morgens früh, vor Sonnenaufgang herrschen, also als recht erfrischend empfunden werden, gemessen an den 48° C tagsüber (Juni, im Juli/August ist mit bis zu 58° zu rechnen).  Bei 35-40 Grad in der Nacht schlafen allerdings auch die Einheimischen schlecht. Das Minimum ist ein Ventilator - der Luxus eine Aircondition.

Die fehlende Kühlung ist allerdings bei weitem nicht das einzige Problem, nicht mal das wichtigste, das durch Stromunterbrüche verursacht wird. Noch härter ist der Einfluss auf die Wasserversorgung. Wasser kommt jeweils für ein paar Stunden - und wird dann von den Wohlhabenderen in einen Tank auf dem Dach gepumpt - woraus es dank leckender Dichtungen oft rasch wieder entfleucht. Zudem hat jeder Hauseigentümer in Bagdad der etwas auf sich hält, hat einen Garten mit ein paar Obstbäumen, Rosen, Blumen und einem Stück Rasen. Auch hier werden gelbe oder kahle Flecken als Versagen des Gärtners betrachtet, was bei dem Klima zu einem enormen Wasserverbrauch führt.
Einsparungen wurden möglich, da die traditionelle Kühlung durch Trommeln in denen Luft durch verdunstendes Wasser gekühlt wird,  mehr und mehr durch zentrale Kühlsysteme ersetzt werden, die mit Kühlmitteln in geschlossenen Kreisläufen arbeiten.

7 Die dauernden Stromunterbrüche führen natürlich auch zu dauerndem auftauen und wieder einfrieren der Nahrungsmittel in Eisschrank und Tiefkühltruhe, was nicht nur bei Ausländern zu beträchtlichen Darmverstimmungen führt, insbesondere da Hackfleisch für die Irakis ein Grundnahrungsmittel ist. Abhilfe bieten hier bloss noch Eisblöcke, die man, aber nur wenn man Glück hat, am Strassenrand für rund 1000 Dinar (2/3 Dollar) erstehen kann.

Als Ursache für die Stromunterbrüche kann man kaum den Krieg heranziehen, da die meisten grossen Kraftwerke wieder arbeiten. Aus meiner Sicht wären es die Unmengen an neuen Elektrogeräten, insbesondere die stromfressenden Klimaanlagen. Ein auf den Petrobereich spezialisierter Händler führt allerdings die Probleme mit Stromversorgung nicht auf den ungebremstem Import, sondern auf den Export zurück. Da im Irak nun Freiheit und Demokratie herrschen, kaufen sich ein paar gewitzte lokal billigen, weil subventionierten Diesel und Benzin ein, die sie mit Gewinn an die Nachbarländer verschachern. Während im Irak Überschüsse an Heizöl vorhanden sind, herrscht akuter Mangel an Benzin und Diesel. (s. Bild oben: Warteschlangen vor Tankstelle).

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Am 15. um Mittag fällt der Strom wieder mal aus. Ich lass mich also zum Friseur schleppen. Obwohl ich meinen Bart bereits vor der Reise um zwei Drittel gekürzt hatte, laufe ich hier immer noch unter Shi'a, was in Bagdads Businesswelt nicht so gut ankommt. Im übrigen fällt bei 44 Grad im Schatten der Widerspruch schwer. Anstatt halbiert wie abgemacht, wird der Bart allerdings auf einige graue Stoppeln reduziert.
Dann unternehm' ich den erste Versuch mit einem Sonnenbad. Ein halbe Stunde - ohne Rötungserscheinungen. Die Kinder spielen Fussball. Bald mit Wasser. Fatima bespritzt sie - und das in den letzten 3 Stunden in Flaschen abgefüllte Wasser dient als Munition einer Wasserschlacht. Erfrischend, sehr erfrischend
Wenn nicht gerade so verrückte Ausländer zu Besuch sind, kämme es keinem Iraki in den Sinn, sich in die Sonne zu setzen. Den Irakerinnen noch weniger, denn je heller die Haut desto schöner, so sieht die Wertung hier aus. Asmat hätte zwar Lust länger mit den Kindern an der Sonne herumzutollen - aber sie werde rasch braun und dann sei sie weniger schön, ist sie überzeugt. Den Kindern wird rumtollen an der Sonne ansonsten schlichtwegs verboten. Sie sehen also - unabhängig von der Temperatur - entsprechend bleich aus, sogar für schweizer Verhältnisse.

Hier noch ein paar Preise, damit Sie den Lebensstandard abschätzen können, den die von den Amerikanern und einigen NGOs empfohlenen Monatslöhne von 20$ erlauben:

 

Menge

Preis in Dinar

Preis in $ *

Wasser

Süssgetränke / Sprudel

 

 

Melonen

Gurken

Brot

Öl

Fleisch

1.5 l-Flasche

3 dl

1.5 l

2.25 l

kg

kg

kg (3 Stk)

2 L

kg

350-500

4-500

800

1000

700

250

100

4-5000

4000

0.22 - 0.32

0.25 - 0.32

0.5

0.63

0.44

0.16

0.06

2.5 - 3.2

2.5

9

Der Kurs lag zu Beginn der Reise bei 1600 Dinar / Dollar, fiel in der zweiten Woche auf 1400 und soll auf etwa 1000 weiter fallen, da die Besatzer natürlich beträchtliche Mengen davon in Umlauf  bringen.

Die vorgeschlagenen 20$ reichen also gerade für 270 Gramm Fleisch, dem Grundnahrungsmittel der Irakis, pro Tag, für Familien mit meist 4 bis 8 Mitgliedern. Wen wundert's, dass diese so wenig von ihren Besatzern wie von manchen NGOs halten.

Die Wirtschaft Bagdads basiert auf KUs (oft KO) - ohne MUs, denn diese, und insbesondere grössere Unternehmen, waren meist staatlich. Der Wettbewerb ist enorm, da eigentlich alle die selben Güter verkaufen. Also sind auch die Margen minimal. Die verbleibende Gewinnspanne erlaubt also gerade das Überleben. Satellitenschüsseln z.B. kosten rund 250 $. Der Gewinn des Händlers beträgt 10 bis 20 $, die Installationskosten nochmals 20$. Trotzdem geht es den Händlern heute viel besser als noch vor ein paar Monaten, unter Boykott. Dass in Bagdad heute Früchte aus Südafrika und Äpfel aus Südamerika angeboten werden, zeigt zwar, dass der Markt offen ist, aber nicht unbedingt, dass er irgendwie sinnvolle Prioritäten setzt. (Im Hintergrund übrigens ein Aushang für Wahlen).

10

Am Samstag den 21. Juni besuchen wir das Gesundheitsministerium, um Exportchancen für Schweizer Firmen abzuklären. Die Amis sind heute nicht hier, weder vor noch im Haus, dafür eine grosse Demo von Leuten die ihren Lohn sehen möchten. Büros mit Tischen uns Stühlen sind sichtbar am Zunehmen. Es wird wieder palavert … nach Arbeit sieht es noch nicht aus. Immerhin ist die Rezeption wieder in Betrieb, die Auskunft geben können sollte, wer im Gebäude wo zu finden ist. Ein kleines Zeichen der Reorganisation.

Vor dem Convention Center, das heute, wie die meisten ehemaligen Paläste, von der "Koalition" besetzt ist, finden heute ebenfalls Demonstrationen statt, diesmal von Schiiten. Da diejenigen von gestern mit tödlichen Folgen auf beiden Seiten endeten, haben sich die Amis sich zurückgezogen. Die Kontrolle wurde an den Eingang der Strasse, die mal am Sheraton vorbeiführte, verschoben. Eine Gruppe Einheimischer wartet. Wir werden mal durchgelassen, vermutlich weil meine Schweizer Identitätskarte für einen Ausweis des roten Kreuzes gehalten wird (was überall in Jordanien und im Irak funktioniert.)
Der Direktor des Irakischen Fernsehens wurde vorgeladen, muss aber von dem, der ihn bestellt hat, am Tor abgeholt werden. Wir werden durchgelassen, aber nach 50m am nächsten Checkpoint wieder angehalten, von einem eher verbissenen Leutnant.

Die sog. Grüne Zone (Green Zone), ist das Gebiet, in dem sich die Verwaltung der CPA niedergelassen hat. Da sich selbst die Bewohner der so eingeschlossenen Viertel an den Checkpoints ausweisen und ihre Autos checken lassen müssen, verursacht dies eine enorme Verkehrsbehinderung und Staus. Dies insbesondere als die ehemals stark frequentierte Hängebrücke für den normalen Verkehr vollständig blockiert ist.

Hier einige Bemerkungen zu den amerikanischen Truppen. Generell kann man ihnen kaum Vorwürfe machen, die einheimische Bevölkerung schlecht zu behandeln. Sie versuchen zumindest ab und zu zu lächeln und zu winken. Einige von ihnen, besonders diejenigen die Familie in den USA haben, möchten gerne so rasch wie möglich wieder nach hause. Gefährlich dürften die Kleinen, Unsicheren und Verbissenen, die Ebenbilder ihres Präsidenten, sein. Zwei Tage zuvor sass am selben Checkpoint einer am Maschinengewehr, dem man den Stress derart anmerkte, dass man bloss hoffen konnte, dass kein Reifen platzt. Die Folgen wären katastrophal gewesen.
Andererseits ist allerdings auch der legere Umgang mit den Irakis fahrlässig, den tagtäglich verlieren mehrere Amis so das Leben. Der Grund für die verschärfte Kontrolle war ein Vorfall, bei dem der Kontrollposten zu einem Auto gerufen wurde um zu helfen - eine Geste, die er mit seinem Leben bezahlte.
Nachdem uns also der verbissene Leutnant höchstpersönlich zum Tor des von der Koalition besetzten Sheraton gebracht hatte, wurden wir dort gefragt, wen wir im Innern besuchen wollten. Da es mir aber erst mal darum ging, herauszufinden, wer sich dort überhaupt aufhält, mit wem allenfalls Geschäfte zu machen wären, verlief der Versuch im Sande.
Die etwas kritische Bemerkung von Fatima, dass es für Ihn sicherer wäre, nach Hause zu gehen, quittierte der Leutnant mit der Bemerkung, dass er sie einsperren könne, wenn sie mit ihm argumentiere. Demokratie wird im Irak offensichtlich nur ausserhalb der Besatzungszone eingeführt.
Auf den Vorschlag, mir im Hauptgebäude eine offizielle Besucherkarte ausstellen zu lassen, verzichtete ich dann, da zu vermuten stand, dass diese Leute den Unterschied zwischen einer Schweizer Identitätskarte und einem Rotkreuzausweis wohl kennen würden.
Irgend wann wird sich das Tor zum Schloss wohl wieder öffnen, denn ein Land lässt sich äusserst schlecht aus einem Bunker heraus verwalten.

11 Im übrigen scheint es den Besatzern langsam aber sicher langweilig zu werden. Die Nacht vom Samstag auf Sonntag, wie von Sonntag auf Montag (21/22; 22/23), schreckten jeweils zwei gewaltige Explosionen die Bewohner von Dora aus dem Schlaf. Insbesondere die Kinder zitterten, da sie an das schwere Bombardement während des Krieges erinnert wurde. Erwähnt wurden die Explosionen allerdings weder im Radio noch in den Zeitungen. Am Morgen stellten wir fest, dass Saddams Hosen, die er in der Eile offenbar zurücklassen musste, nun auch verschwunden waren, und die beiden lädierten Standbilder von Che Saddam (rechts, vor dem Durchschuss), aus massivem Eisenbeton, durchschossen waren. Offensichtlich hatten gelangweilte Panzerfahrer Schiessübungen veranstaltet.

Am Tag der Abreise werden wir programmgemäss um 6-00 geweckt, allerdings nicht durch den Fahrer, der uns abholen soll, sondern durch eine amerikanische Patrouille. Es hat wieder Tote gegeben, und sie suchen nach Waffen. Erlaubt sind weiterhin eine Handfeuerwaffe und ein Gewehr. Der Hausherr wird begleitet und die Waffen inspiziert. Beim Verlassen des Hauses werden wir und unser Gepäck auch überprüft, dasselbe nochmals am Ende der Strasse, das Selbe nochmals am Ausgang des Quartiers, am Stadtrand, zwischen Bagdad und der Grenze sowie an der Grenze.

© Martin Herzog, Rheinfelden. 6. Juli 2003

 

Bagdads wichtigste Strassen und Quartiere - Ein Beitrag zum neusten Stadtplan von Bagdad (E: Rich Baghdad <> Poor Baghdad):

Kommen Sie nach Bagdad -

hier herrscht immer eine BOMBENstimmung!

Bilder no 2, 4, 5 und 8 stammen alle von der Karade Kharidge, einer der 7 wichtigsten Strassen Bagdads. Sie erstreckt sich, mit einer Länge von ca. 5km, von der Einmündung der Doppeldeckerbrücke und der (zur Zeit geschlossenen) Hängebrücke im Südwesten bis weit über die ehemalige Deutsche Botschaft im Nordosten hinaus. Hier finden sich nebst den oben abgebildeten Haushaltsgeräten/Elektronik auch Abu Afif, mit den besten arabischen Süssigkeiten Bagdads, der Werde Supermarkt (ca 400 m2), der allerdings den Ausländern vieles bietet was sie sonst vermissen, seit einiger Zeit auch Takeaway, incl. Kubba - und last not least befindet sich hier, präzise gegenüber dem Ministry for Industry and Mineral Ressources, Al Mahar, das beste Fischrestaurant Bagdads für Fisch (Mesgouf) im Backofen (Tanour).

Obiger Kartenausschnitt aus der neuen Geckomap-Karte zeigt diese Einkaufsstrassen, die Kerade Dahil, oben, die Kerade Kharidge, die Äussere Kerade, in der Mitte und die Luxusstrasse Arrassat al Hindiya zwischen Kerade und Mesbah, der Uferstrasse entlang des Tigris. Die Uferzone ist allerdings im mittleren Teil mit Villen überbaut, die von den neuen Parteien, Institutionen und den neuen wichtigen Leuten des Irak besetzt werden.

Die Nummern entsprechen den Photos im Text.

Die südwestliche Fortsetzung der Strasse nennt sich logischerweise Jame'a Road, denn sie führt zur Universität, die übrigens von Gropius erbaut wurde (s. Architektur). Im südlichsten Teil finden sich beidseits der Strasse mehrere Gartenrestaurants, in denen man sich unter Palmen von der Hitze erholen kann. Das grösste Gartenrestaurant wäre allerdings die Garden City an der Kindi Road.

Karade Dahil (Bilder 3, 7, 9 und10): Dies ist eine alte und immer noch romantische Strasse für "normale" Einkäufe aller Art. Die Kerade (oder Karade, liegt, was die Aussprache betrifft, etwa dazwischen und wird im arabischen nicht geschrieben) war nie eine Luxusstrasse wie Mansur oder heute Arrassat al Hindiya. Man findet dort ebenso Gemüse, Obst und Küchenbedarf, wie Möbel, Kleider, Schmuck, 1 der 3 in Bagdad noch vorhandenen Geschäfte die Alkohol verkaufen und auch einige kleinere Restaurants.

 

Saadoun Street: Die Saadoun Street war die Hauptstrasse Bagdads, und sie ist es heute noch, was Tourismus, Hotels, Reisebüros, Fluggesellschaften und Restaurants betrifft (letztere vor allem im östlichen Teil zwischen Fatesh Square und der ehemaligen Deutschen Botschaft). Sie ist auch heute noch eine Art psychologische Zentrum, denn niemand hat den Amerikanern recht geglaubt, dass sie wirklich in Bagdad sind, bis sie Bilder vom Firdous Square lieferten, der die Strasse gerade etwa in zwei Hälften teilt. Am nordwestliche Ende gruppieren sich die Fachgeschäfte für Labor- und Spitalbedarf. Auf der nordwestlichen Seite finden sich noch Überreste des jüdischen Viertels, da die Juden hier wie in Europa gerne ausserhalb der Stadtmauern angesiedelt wurden. Hier finden sich auch heute noch traditionelle Backsteinbauten, ebenso in den südlich angrenzenden Stadteilen Betawin und Beit al Abieth (Weisses Haus).

Aadamiya: Dieses Viertel, insbesondere die Strandpromenade, die Corniche, war in den 80ern, nebst Mansour, die beliebtes te Flanierzone. Mit den wachsenden Spannungen (und zeitweiligen Schiessereien) zwischen dem Schiitischen Kadhimiya auf der gegenüberliegenden Seite des Tigris, sowie mit dem Aufkommen der Rubaiyhy-Strasse und der Arrassat al Hindiya, verlor Aadhamiya an Attraktivität und damit an Besuchern.

Reiches Bagdad

Rubaiyhy Street: Die Rubaihy Street entwickelte sich in den 90er Jahren zur gehobenen Einkaufsstrasse. Viele Restaurantspaläste (oft zweifelhaften architektonischen wie kulinarischen (Hamburger & Co) Geschmacks säumen sie. Am nördliche Ende haben die Händler für Haussicherheitsanlagen ihren Platz gefunden.

Es gibt natürlich nicht nur Strassen für gehobenen Bedarf, sondern auch gehobene Wohnquartiere. Abgesehen von den Ufern des Tigris, die immer für Villen (Saddams) herhalten mussten, war früher mal Waziriya (1) ein gehobenes Wohnquartier, das in den 80ern von Masbah (2) abgelöst wurde, welches seinerseits in der Gunst der Betuchten Mansur (3) weichen musste. Dies zeigt sich auch heute noch in der Verteilung der Botschaften. Nur noch einzelne finden sich in Waziriya, wenige ebenfalls (die Schweizer z.B.) in Mesbah, die meisten heute noch in Mansour - während sich bereits eine gewisse Verlagerung (USA, GB, Dänemark + 2 Undercover Embassies, die keine Auskunft geben wollen, wen sie vertreten) in die grüne Zone (4) abzeichnet, dies allerdings eher aus Gründen der Sicherheit. Die USA haben offenbar die Absicht, im Irak ihre weltweit grösste Botschaft einzurichten, mit ca. 1000 Personen an Personal - was so ziemlich an die Verhältnisse im ehemalig marxistischen Südjemen erinnert, wo die UDSSR von 1990 eine Botschaft selben Ausmasses betrieb.

Armes Bagdad

Als Gegenpol gehobener Wohnquartiere gilt den meisten sunnitischen Bagdadis die ehemalige Saddam City, heute (noch) Sadr City, früher mal Thaura City. Sie wurde bereits vor 40 Jahren als Siedlung für landflüchtige Schiiten aus dem Süden angelegt - sagen die einen, die andern halten's für eine Zwangsumsiedlung, z.B. für billige Arbeitskräfte der Nahrungsmittelindustrie des angrenzenden, teilweise gehobenere Bauten beherbergenden, Jamila Quartiers. Der schlechte Ruf dieses Stadteils wird ihm nicht gerecht. Es gibt keine andere Gegend in Bagdad die gleichermassen von geschäftigem Treiben erfüllt ist. Die drei westlichen Strassen des Quartiers, Juader, Dahil und insbesondere die mittlere, die Fallah Street sowie ihre Querstrassen, insbesondere die als Schwarzmarkt verrufene Umreidi Street, pulsieren dermassen von geschäftigem Leben, dass man sie nicht missen möchte. Märkte finden hier immer noch vor allem auf der Strasse statt, so wie das in ganz Bagdad noch vor 20 Jahren war.

Wirklich traurige Zustände herrschen allerdings in New Bagdad am Ostrand der Stadt. Um dieses Viertel hat sich weder Saddam gekümmert, noch tun dies die neuen Herren. Die Menschen wohne dort in Zellen, die mehr Garagen gleichen. Das Abwasser läuft durch die Strassen und bleibt in Pfützen um die Siedlung liegen - so wie es bei uns im Mittelalter war, oder heute (vermutlich immer noch) in der Altstadt von Ibb, Jemen.

Auch mitten im Zentrum gibt es Zellen des Zerfalls. Die belebteste Gegend sind Rashid Street und Khulafa Street, insbesondere im Bereich des Shorja Suqs, des grössten Marktes von Bagdad. Der Verkehrstau ist dort permanent. Mit dem Auto braucht man ca, 1 Stunde pro Kilometer, und auch zu Fuss schafft man nur wenig mehr. Benutzt man allerdings eine Seitengasse und besucht die Quartiere hinter den geschäftigen Fassaden, gelangt man sofort in Lehmbausiedlungen die aussehen, als wären sie bombardiert worden. Hier war es allerdings nur der Zahn der Zeit, der zu dem Zustand geführt hat. Die Quartiere wurden neu angelegt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem eine Flut praktisch die ganze Altstadt zerstört hatte.

Diese Informationen und vieles mehr finden Sie auf dem neuen Stadtplan von Bagdad:

  • 902
    Baghdad / Bagdad
    Baghdad Downtown1:9'000
    Baghdad City 1:25'000
    Baghdad Vicinity 1:850'000
    ISBN: 3-906593-36-3

Preis:

  • EURO 11.80
  • SFR 19.80

 

 

 

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