UNITED NATIONS DEVELOPMENT PROGRAMME. ARAB FUND FOR ECONOMIC AND SOCIAL DEVELOPMENT.
ARAB HUMAN DEVELOPMENT REPORT 2003
Building a Knowledge Society
http://www.undp.org.sa/Reports/AHDR 2003 - English.pdf
Zusammenfassung & Uebersetzung von M. Herzog
Es wird kaum möglich sein, dass sich die arabische Kultur weiterhin von der Welt
abschottet, während andere Mächte in alle Ecken und Enden der Welt vordringen,
die Sphäre des Wissens, des Verhaltens, des Lebens, der Produktion und
Innovation dominieren. Eine der wichtigsten Ursachen für die Probleme der
arabischen Wirtschaft ist die starke Abhängigkeit von Rohmaterialen,
insbesondere Erdöl, die eine Rentnerökonomie geschaffen hat. Der Import von
Wissen ist natürlich schneller und wirtschaftlich effizienter, beraubte und
beraubt aber die arabische Gesellschaft der Chance, lokale Expertise aufzubauen
und anzuwenden. So hängt ein grosser Teil der arabischen Bevölkerung weiterhin
ab von der Landwirtschaft, die immer noch sehr traditionell betrieben wird, und
von der Produktion von Konsumgütern, die allerdings stark auf ausländischen
Lizenzen baut. Der Anteil der Kapitalgüter, insbesondere an Hochtechnologie,
schrumpft. Der Bedarf an Industriegütern ist auf Grund des relativ kleinen
Marktes gering. Dazu kommt die geringe Wettbewerbsfähigkeit der arabischen
Wirtschaft, ihre "Intransparenz", Unberechenbarkeit und der vorherrschende
Favoritismus, welche eine Öffnung erschweren.
Sogar die Produktivität der
fortschrittlichsten arabischen Länder liegt tiefer als die von Argentinien.
Während China einen jährlichen Produktivitätszuwachs von 15% erzielt, sind es in
Korea 8%, in Indien 6% - aber bei keinem arabischen Land mehr als 4%; weniger
als 1% sogar in Saudi Arabien und den Emiraten.
Weitere grosse Probleme sind auch die hohe Arbeitslosigkeit und die sehr ungleiche Verteilung von Einkommen, Eigentum und Macht.
2 Politische wie religiöse Loyalitätsansprüche behindern freie Forschung und Meinungsbildung
Eine
Folge der instabilen
wirtschaftlichen und politischen Situation ist auch, dass wissenschaftliche
Institute sich nach politischen Strategien und Machtkonflikten ausrichten
müssen. Das Management solcher Bildungsinstitute muss sich mehr an politischen
Loyalitäten orientieren, als an Effizienz und Wissen. Der Report verlangt
die Einrichtung einer unabhängigen Wissenssphäre, in der Wissen ohne politischen
Druck (der Druck von religiöses Seite wird im Report wohlweislich nicht genannt.
Da aber eine grosse Zahl arabischer Staaten nicht, oder nicht wirklich, säkular
sind, muss für Aussenstehende darauf aufmerksam gemacht werden. Überall wo also
von politischer Loyalität, Druck etc. die Rede ist, muss gleichzeitig an die
religiösen Strukturen gedacht werden).
Die Einrichtung einer freien Sphäre des Denkens ist nur möglich durch die Demokratisierung des politischen Lebens und des Wissens. Von der Grundeinstellung her, auch was das Verhalten betrifft, sind eigentlich alle Araber sehr freiheitsliebend, was nebenstehende zwei Graphiken bestätigen. Da sie allerdings oft die eigene Freiheit über die des Nachbarn stellen (die SVP lässt grüssen), ist das Resultat oft ein diktatorischer Staat.
Wenn die Araber nach fortschrittlichem Wissen in allen Domänen der Kreativität und Innovationen suchen wollen, so ist Freiheit eine Grundbedingung dazu. Wenn die Araber eine humane Entwicklung durch Wissen suchen wollen, so ist Freiheit der erste und alles bestimmende Schritt dazu. So sind Freiheit und Wissen die Grundgleichungen menschlicher Entwicklung. Meinungsfreiheit, Freiheit der Rede und Versammlungsfreiheit garantieren andere Formen menschlicher Freiheit. Freiheit trägt bei zur humanen Entwicklung.

| Wir haben uns
daran gewöhnt, kriecherische Unterwerfung als höfliche Ehrerbietung;
Servilität als Kultiviertheit; Speichelleckerei als Beredtheit;
Bombastigkeit als Inhalt; das Akzeptieren von Erniedrigungen als
Bescheidenheit; das Akzeptieren von Ungerechtigkeit als Gehorsam; und das
Streben nach Menschenrechten als Arroganz zu betrachten. Unser verkehrtes
System macht aus dem einfachsten Streben nach Wissen ein Vorurteil;
das Streben nach einer Zukunft zum unmöglichen Traum; Mut zur übertriebenen
Dreistigkeit; Inspiration zur Verrücktheit; Ritterlichkeit zu Aggression;
freie Rede zu Frechheit und freies Denken zu Häresie. Abdul Rahman al-Kawakibi: The Character of Despotism. |
Dies ist jedoch kein historisch-kulturell bedingter Charakterzug, dem nur schwer zu entkommen wäre. Die arabische Geschichte hat nie die Erkenntnis durch religiöse Texte oder, bei den Sufis z.B, auch durch direkte mystische Erfahrung, als "unwissenschaftlich" abgelehnt. Und dennoch waren es arabische Pioniere, die in diesem Umfeld die Grundlagen zu einer rationalen Philosophie gelegt haben. Arabischen Forschern und Philosophen verdanken wir, nebst der Vermittlung griechischer Philosophie, indischer und chinesischer Weisheit, vor allem folgende Grundpfeiler:
|
If anyone travels on a road in search of knowledge, Allah will cause
him to travel on one of the roads of Paradise.
Sunna: " Knowledge is one of the few human resources that does not perish, but rather proliferates through consumption. |
3 Die Globalisierung erfüllt ihre Versprechungen nicht
Es
ist eine allgemeine Erfahrung, dass multinationale Firmen ihr Wissen, wie wissensintensive
Produktionsvorgänge für sich behalten. Die substantiellen Investitionen der
reichen arabischen Länder führten nicht zu einem wirklichen Technologietransfer.
Transferiert wurden Produktionsmittel, nicht die Techno-Logie, also das
Wissen über die Technik. Immer noch arbeiten über 50% der AraberInnen in
der Landwirtschaft, die aber nur 10% des BSP erzeugt. Neue Technologien
müssen eingekauft werden, da die arabische Welt am falschen Ende der Technologieleiter
steht. Es gibt fast keine industriellen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen.
Es fehlt die Erkenntnis und die Anerkennung, dass Unternehmer (mehr als Händler!)
natürliche und notwendige Motoren der Wirtschaft sind. Dazu sind die Finanzinstitute
der arabischen Welt immer noch nicht wendig genug, schnell auf neue Chancen
einzugehen, insbesondere wenn es darum geht, kleinen Unternehmen Kredite zu
gewähren.
Die ausländische Entwicklungszusammenarbeit setzt ebenfalls eher auf
traditionelle Gebiete: 51% natürliche Ressourcen (Erdöl), 21%
Landwirtschaft und 14% Gesundheit.
Forschungs- und Entwicklungsprojekte, selbst finanzierte (l) wie in Kooperation mit der EU (r) sind zudem höchst ungleich verteilt:
![]() |
![]() |
Der
Report der UNCTAD von 1997: Trade and Development - Globalization, Growth
and Distribution, betont, dass das freie Spiel der Marktkräfte die Beschränkungen
der lokalen Märkte aufgebrochen und diese einem weltweiten Wettbewerb geöffnet
hat. Das Wirken der neuen unsichtbaren Hand bleibt ebenfalls unsichtbar; die
Vermutung, dass weltweiter Wettbewerb mehr Wachstum bringen würde und sich dadurch
die grossen Unterschiede bei Einkommen und Lebensstandard verringern würden,
hat sich als eher optimistisch erwiesen. Die Einkommensverteilung wurde seit
1980 immer ungleicher. War 1965 das Verhältnis der durchschnittlichen Einkommen
in den sieben reichsten Ländern zum durchschnittlichen Einkommen in den sieben
ärmsten Ländern noch 1/20, so war es 1995 bereits bei 1/39. Der zunehmende Unterschied
zwischen den Ländern wurde begleitet von wachsenden Unterschieden innerhalb
der Länder selber. Der Report führt diesen Trend auf die Liberalisierung der
Wirtschaft zurück, die gewisse soziale Klassen fördert, in reichen wie in armen
Ländern. Das Kapital wurde auf Kosten der Arbeit gestärkt - der Gewinnanteil
stieg, der Anteil der Arbeit fiel. Unter den Lohnarbeitern stieg der Anteil
der Hochqualifizierten und Händler, zu Lasten der Produzenten. Als Resultat
der raschen Liberalisierung der Finanzmärkte stiegen die Schulden bei Privaten
wie Staaten, was zu höheren Zinszahlungen führte. Da in Entwicklungsländern
die Vermögensverteilung ungleicher ist, wurden diese noch stärker betroffen.
Die Zunahme öffentlicher Schulden bedeutet eine Umverteilung von den Armen zu
den Reichen.
Zudem wurden diese zunehmenden Geldströme bei den Reichen, von diesen immer weniger investiert, was hätte Wachstum bewirken können. Das Geld floss in Spekulationen, floss immer schneller um die ganze Welt, auf der Suche nach einem raschen Profit und hohen Zinsen, wobei längerfristige Investitionen in die Produktion auf der Strecke blieben. Während das Kapital sich immer freier bewegen kann, gilt diese Freiheit noch in gewissem Masse für hoch Qualifizierte. Für die Niedrigqualifizierten allerdings wird die Welt immer enger.
Es zeigt sich am Beispiel der arabischen Welt besonders gut, wie scharf darauf
zu achten ist, Liberalismus nicht auf einseitige wirtschaftliche Liberalsierung
zu beschränken, was einseitig die Wohlhabenden begünstigt. [s. Kritik
an arabischen Regimen und einseitig
ökonomischer Liberalisierung]
4 Armut und sehr ungleiche Verteilung führen zu Emigration und Brain Drain
Es wird geschätzt, dass 1976 23% der arabischen Ingenieure, 50% der Ärzte und 15% aller BSc-Absolventen, emigrierten. 1995/96 war es ein Viertel aller Absolventen. Zwischen 1998 und 2000 emigrierten mehr als 15'000 Ärzte. Als Grund für die Emigration wird der Mangel an einem positiven sozialen Umfeld und an Chancen angegeben, die es ihnen ermöglichen würden, eine Rolle im Wissenssystems und in der Entwicklung ihres Landes zu spielen.
Einen
enormen Einfluss auf den Wissenserwerb hat die Frage der Verteilung. In einigen
Gesellschaften wirkt sich die Akkumulation von Reichtum positiv aus, wenn die
Auserwählten gewillt sind, den Wissensbereich durch philanthropische Spenden
zu fördern (wie Basel z.B., mit dem dichtesten Netz an Museen der Schweiz).
In andern Gesellschaften, der Situation der arabischen Welt näher liegend, versuchen
die Reichen, vorwiegend durch Spekulationen und Immobilien, schnelle Profite
zu machen und damit anzugeben (Zürcher-Zuger Modell). In solchen Gesellschaften
vermindert die Akkumulation von Reichtum die Chancen der Gesellschaft auf Wissenserwerb
und Fortschritt. In den arabischen Ländern (wie anderswo:
Blocher, der reichste
Bundesrat in spe) ist Reichtum oft mit Macht gekoppelt. Die Suche nach persönlichen
Vorteilen, die Bevorzugung des Privaten vor dem Gemeinschaftlichen, soziale
und moralische Korruption, das Fehlen von Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein,
wie manch andere Krankheiten, sind alle verbunden mit ungleicher Verteilung
von Macht und den daraus resultierenden sozialen Ungleichheiten. Auch das
Recht wurde Opfer dieser Verhältnisse (Italien unter Berlusconi belegt, dass
"arabische Verhältnisse" auch in Europa herrschen). In
der Schweiz liegt der Anteil der Kapitaleinkommen am BSP seit einigen Jahren
höher als der Anteil des Staates, aber immer noch wird von rechts gegen den
Staat gewettert, der an der persönlichen Unfreiheit der Lohnsklaven schuld sei,
wegen der Zwangsabgaben. Die Zwangsabgaben über Zinsen und Miete, welche die
Steuern längst überflügeln, werden geflissentlich übersehen. In Ägypten waren
allerdings die Veränderungen durch die Liberalisierung noch tragischer (s. Graphik
rechts).
Der
Gini-Koeffizient sank von 1994 mit 28% auf 37% 1997. Bei einem Wert von
0 wären alle gleich gestellt, bei einem Wert von 100% würde einer alles besitzen.
Die Tabelle rechts zeigt, dass Aegypten damit von einem mitteleuropäischen
Standard der Verteilung auf den Italiens abgerutscht ist.
(Aus: http://homepage.uibk.ac.at/homepage/c404/c40412/makro2.pdf wo sich auch sonst noch einige interessante Grundlagen, z.B. zur Steuergerechtigkeit, finden).
Der rechts ersichtliche,
recht soziale Gini für die Schweiz, wird allerdings erst nach einer gewissen
Korrektur durch die Steuern erreicht. Ohne diesen Ausgleich läge er auch
in der Schweiz bei 0.31.
Details, z.B. Stadt-Land, die Entwicklung in Russland, Fiskalquote s. http://www.vwi.unibe.ch/policy/pdf/Zusammenfassungen%20Fiwi%20Seminar.pdf
Eine
generelle Übersicht über Armut, und die extrem unterschiedlichen Situationen,
in verschiedenen arabischen Ländern gibt die Graphik rechts:
5 Probleme des Bildungssystems
<Wissen
wird in erster Linie durch den Prozess der Sozialisierung verbreitet,
wie auch durch Bildung, Massenmedien und Übersetzer. >
Als
Ursache für diese Probleme sieht der Report vor allem den Mangel an einem effektiven
System der Innovation und der Wissensproduktion. Diese Probleme werden verstärkt
durch die irrigen Annahmen, dass eine Wissensgesellschaft durch den Import von
Wissen begründet werden kann, ohne in die lokale Produktion von Wissen investieren
zu müssen, durch Kooperation mit Universitäten entwickelter Staaten. Wo
lokale Strukturen fehlen, die Wissen schaffen, fehlen aber auch die Stellen
und Forschungsstätten für Absolventen ausländischer Universitäten. Als Folge
dieser Politik nahm die Anzahl arabischer Studenten in den USA von 1999 bis
2002 um einen Drittel ab (wobei es in dem speziellen Fall vielleicht noch
andere Gründe gäbe ...).
Ausbildung in den arabischen Länder ist eher Angebots- als Nachfragegetrieben. Der Fokus liegt bei Quantität statt Qualität. (auch dieses dürfte nicht nur dort gelten, wenn man die seltsame Angebotsentwicklung in der Schweiz ansieht). Mit wenigen Ausnahmen ist das höhere Bildungssytem nur schlecht an die Bedürfnisse des Wissenschafts- und Technologie-Marktes angepasst. Der Arbeitsmarkt für Akademiker ist, gelinde gesagt, unterentwickelt:
Kritik der Lehre: Es gibt unterschiedliche Mittel um Informationen und Wissen zu vermitteln [s. Bildung]: Vorlesungen, Seminare, Workshops, Gruppenarbeit, Labor und vieles mehr. In den arabischen Universitäten dominiert aber die Vorlesung. Den Studenten bleibt wenig als auswendig lernen, rezitieren, büffeln. Die am meisten verwendeten Mittel sind Schulbücher, Notizen, Blätter, Zusammenfassungen. Die Didaktik ist derart, dass das in Büchern formulierte Wissen als ein festes, und nicht diskutierbares, aufgefasst, auswendig gelernt und geprüft wird.
Mangel
an Übersetzungen: Abgesehen davon, dass Bücherwissen überschätzt
wird, fehlt es auch an Büchern, insbesondere an Übersetzungen. 1970 bis 75 stieg
die Anzahl an Ubersetzungen von 175 pro Jahr auf 330 - ein Fünftel dessen, was
alleine in Griechenland übersetzt wurde. Die Summe aller Uebersetzten Bücher
von der Zeit al Mamuns bis heute beschränkt sich auf 10'000 - gerade die Menge,
die Spanien in einem einzigen Jahr übersetzt. Von 1980 bis 85 wurden 4.4 Bücher
pro Million Araber übersetzt, während die entsprechenden Zahlen für Ungarn bei
519, für Spanien bei 920 liegen.
Übersetzungen sind jedoch einer der wichtigsten Kanälen des Informationsaustausches mit dem Rest der Welt. Das Übersetzungswesen in der arabischen Welt bleibt jedoch statisch bis chaotisch.
Mangel an Büchern: Forschung und Entwicklung beschäftigt nur 371 Wissenschaftler und Ingenieure pro Million Einwohner, also etwa einen Drittel des weltweiten Durchschnitts von 979. Für Absolventen literarischer Fächer ist die Situation noch schwieriger. Auf Grund der immer noch tiefen Alphabetisierung vieler arabischer Länder, sowie der tiefen Kaufkraft arabischer Leser, ist ihr Markt recht klein. Obwohl die Araber 5% der Weltbevölkerung stellen (was den Fokus auf arabisch-islamischem Terrorismus doch recht relativieren dürfte), werden nur 1.1% der weltweit publizierten Bücher in arabischer Sprache verfasst. 1996 waren dies 1945 Bücher, 0.8% der Weltproduktion, weniger als etwa die Türkei produzierte, deren Bevölkerung 4 mal geringer ist als die arabische.
|
Apropos Bücher ... brauchen
Sie |
Der
arabische Buchdruck ist in der Krise. Die Anzahl der Publikationen nehmen ab,
der Umfang der Auflagen ebenfalls. Manchmal werden nur noch einige hundert Leser
erreicht (was dem Zustand bei wissenschaftlichen Publikationen in der Schweiz
entspricht, wo zwischen 3 und 500 Exemplaren, meist auf Kosten des Forschungsprojekts,
gedruckt werden, die dann in Bibliothekslagern verstauben.) Dieser Trend
ist ein Problem für die Branche, die es, genau wie hier, möglichst vermeidet
seriöse wissenschaftliche und kulturelle Bücher zu publizieren, die Wissen vermitteln,
das in die Tiefe geht. (Genau so wie unsere Presse zunehmend davon abkommt,
komplexere Probleme aufzugreifen, da sie darauf achten müssen, dass ihr
Blatt für die Inserenten attraktiv bleibt, und da auch auf dem politischen
Parkett die Zeit der einfachen Lösungen gekommen scheint.)
Die Gründe für die Krise des arabischen Buches:
Die Zensur ist um so beschränkender, je populärer ein Artikel, Film oder Theaterstück ist. Insbesondere kritische arabische Schriftsteller und Autoren werden rasch beschuldigt, im Solde fremder Interessen zu stehen. Das Aufdecken eigener Schwächen stärke den Feind. (Könnte direkt von der SVP sein).
Was von den meisten Intellektuellen hoch geschätzt wird, wenn sie Informationen brauchen, wird problematischer, wenn sie eigene Informationen vermarkten wollen - das fehlende Copyright, der fehlende Schutz geistigen Eigentums. Dass sehr viel plagiiert und kopiert wird, untergräbt den Büchermarkt.
5.1 Die Vernetzung zur globalen Informationsgesellschaft
Die arabisch-islamische Wissenschaft war seit jeher anwendungsfreundlicher als die logisch-abstrakte Epistemologie griechischer Provenienz. Der Wert des Wissens liegt hier nicht in seinem abstrakten Gehalt, sondern in seinem Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme.
Die
meiste Produktion in arabischen Ländern ist traditionell, sei es in der Landwirtschaft
oder andern Gebieten. Sogar die Produktion von Haushaltsgütern und Nahrungsmitteln
greift auf Franchisen und Lizenzen zurück, die von Ausländern angeboten werden.
Dies vermindert ebenso die Nachfrage nach lokalen Denkleistungen, wie es die
Abhängigkeit vom Ausland zementiert und den Aufbau einer eigenen Wissenssphäre
behindert.
In einem funktionierenden Wissenssystem müssen allerdings der Wissenssektor, die Unternehmen, die Gesellschaft, ihre Organisationen und der Staat in einem dynamischen Netzwerk verbunden sein. Die beste Ausbildung in einem technischen Gebiet kann nur zur Uebernahme einer sozialen Rolle führen, wenn der Bildungssektor starke Beziehungen zum Markt, zu Firmen, Unternehmen, Produzenten und Fabriken verfügt.
Innovation, als Fähigkeit kreativ die Bedürfnisse des Marktes wie der Gesellschaft zu befriedigen, bedarf unterschiedlicher Akteure, die neues Wissen produzieren. Innovation ist nicht nur Sache der Universitäten, sondern hängt ab von den Interaktionen der Forscher und ihrer Institute untereinander wie auch mit der Öffentlichkeit.
Ein grosser Schritt vorwärts ist nötig, und es braucht dazu neue Software für Textbearbeitung, Indexierung, Abkürzungen, Suchstrategien, also Knowledge Management, sowie Dokument Management. Offenheit, Interaktion, Assimilation, Absorption, Revision, Kritik und Prüfung des Wissens müsste auch die arabische Kultur auf kreative neue Wege führen.
6 Alle Kommunikationsmedien - ausser dem direkten Gespräch - sind nur wenig entwickelt

Obige Graphiken zeigen jedoch, dass es nicht bloss um das Medium Buch schlecht bestellt ist, und das nicht alle Araber lieber vor dem Fernsehen sitzen als vor einem Buch. Sogar die einigermassen passiven Medien Fernsehen und Radio sind in der arabischen Welt nur in unterdurchschnittlichem Masse zugänglich.
Alle diese Medien leiden zudem an einem Mangel an unabhängigen Informationsquellen. In erster Linie hängen Sie ab von ausländischen Quellen, speziell Nachrichtenagenturen. Auch wenn die meisten arabischen Staaten ihre eigenen Nachrichtenagenturen haben, so sind diese doch zumeist in staatlichem Besitz und in erster Linie dazu da, staatliche Propaganda zu verbreiten. Die meisten sind unterfinanziert, technologisch nicht up to date und verfügen kaum über Auslandskorrespondenten. Auch Archive und Bibliotheken sind, wenn vorhanden, meist veraltet, insbesondere was die Informationstechnologie betrifft.
Der Schwerpunkt wird durch die offiziellen Nachrichten gebildet, von höheren Beamten vorgetragen. Dazu kommen Berühmtheiten, Seltsamkeiten Humor und Streitigkeiten als wichtigste Themen - (also präzise wie bei uns:) wenig, dass dem Publikum zu einem besseren Verständnis einer immer komplexer werdenden lokalen und internationalen Welt verhelfen könnte.
Die Medien werden autoritär gelenkt. Autoritäten bestimmen die Themen, Werte, Details, Prioritäten und Zeiten. Präsentationen sind meist eindimensional, d.h. dass andere Standpunkte ausgeschlossen werden. Die meisten arabischen Medien können kein Thema aufgreifen, bevor sie von der Politik dazu ermächtigt wurden. In vielen Fällen umgibt eine Aura der Heiligkeit die Beiträge und bestimmt die Richtung des Diskurses.
6.1 Moderne Medien
Dass unter solchen Bedingungen das Internet noch wenig verbreitet ist, wundert kaum. Dass bei der Diskussions- und Palaverfreudigkeit der Araber allerdings sogar das Telefon nur äusserst schwach verbreitet ist, erstaunt tatsächlich.
![]() |
![]() |
Der
Prozentsatz an Internetnutzern stieg von 1% im Jahr 2000 auf 1.6% (4.2
Millionen) im Jahr 2001. Schuld an der geringen Nutzung des Internets sind wiederum
in erster Linie die Zensur, aber auch die Kosten, Analphabetismus und speziell
Computeranalphabetismus. Schulische Computerausbildung steht noch in den Kinderschuhen.
Die Oberflächlichkeit der zugänglichen Inhalte verstärkt den passiven Umgang
mit dem Medium.
7 Zusammenfassung: Grundbedingungen der Entwicklung des arabischen Raums:
Folgende vier unverzichtbare und gegenseitig voneinander abhängige Ziele müssen erreicht werden:
Übersetzung und Webdesign: Martin Herzog, Rheinfelden, 23. Oktober 2003
p.s: Auch wenn hier bereits sehr viele Probleme der arabischen Welt präsentiert werden, so ist der Katalog nicht vollständig. Es fehlt insbesondere das akuteste Problem für viele arabische Länder, das Wasser, Quelle der islamischen Ingenieurskunst.