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Angst, nicht nur vor kriegerischen Ereignissen, Angst vor Diebstählen, Angst vor Entführungen, Angst in eine Schiesserei zu geraten, und generell, Angst als eine Form extremer Perspektivenlosigkeit.
Neuigkeiten ueber Schiessereien verbreiten sich in Bagdad blitzartig, da das Radio rasch informiert und von grossen Teilen der Bevölkerung immer noch als Informationsquelle genutzt wird. Passiert an einem Ende der Stadt ein Überfall, verschwinden innert kuerzester Zeit saemtliche Verkehrstaus und die Strassen leeren sich (und man lernt schnell, Verkehrsstaus als Lebenszeichen wieder zu schaetzen!) Die Bagdadis verziehen sich hinter ihre eigenen vier Waende.
Dieses Verhalten wird langsam aber sicher zum Dauerzustand und führt zur inneren Emigration. Viele moechten eigentlich bloss noch weg hier, haben aber weder eine Ahnung wohin, noch eine Chance.
Also wandern sie aus ins innere Exil, kapseln sich ab.
Auffaellig sind insbesondere auch die Auswirkungen auf Kinder. War
frueher ein normaler arabischer Junge tagsueber
auf der Strasse und gewohnte sich so an den Umgang mit Kollegen, so verbringen
heute immer mehr den ganzen Tag vor dem Fernsehen. Sie kennen jede Folge der
laestigen japanischen Kartoons und brechen in Schreikraempfe aus, wenn sie mal
wegen Nachrichten auf eine Pokemon Sendung verzichten muessen. Ihre Sprache
gleicht der ihre Cartoon-Vorbilder, sie beginnen sich zu bewegen wie
Cartoon-Figuren. Ein bisschen erfasst dieses
Phaenomen auch Erwachsene, sogar Beruemtheiten (und die Architektur. s. Bild
rechts). So bezeichnete etwa der
beruehmteste Propagandaminister aller Zeiten, Mohammad as Saqaf, die Koalition
als Alutsch. Viel wurde geraetselt, was dieses Wort wohl bedeute und
woher es denn kaeme. Es ist kein arabisches Wort, trotz des al. Es stammt aus
der Science Fiction Serie Kriegsschiff Andromeda, in der die Niztscheaner alle
so bezeichenen, die nicht von so reinem Gebluet, von solcher geistiger und
koerperlicher Kraft sind und nicht den selben unstillbaren Kampfgeist haben wie
sie selbst, das Elitevolk der Nitzscheaner.
Nach wie vor leben die meisten in Grossfamilien, in der sich
aber Eltern wie Kinder immer oefter einkapseln und isolieren. Was sich hier sehr
leicht beobachten laesst, duerfte vielleicht auch in der Schweiz und den
Nachbarlaendern die Erklaerung zunehmender Probleme mit Autismus und
Hyperaktivitaet sein. In einer orientierunglosen Welt, insbesondere einer
orientierunglosen Familie, bleibt den Kindern ja kaum ein Ausweg, als sich auf
sich, im Extremfall in sich, selbst zurückzuziehen. In einer Welt in der jeder mit ich selbst
beschäftigt ist, wie sollen Kinder da ihre Energien abfuehren und in sinnvolle
Aktivitaeten umsetzen? Waehrend es im Irak generell schwierig ist, fuer Kinder
geeignete Aktivitäten zu schaffen, da die Schulen auf Grund der prekären
Sicherheitslage (sowie der grassierenden Feiertage: muslimisch, kurdisch,
schiitisch, christlich, orthodox, aschurisch ...) fast die halbe Zeit
geschlossen sind, leidet die Schweiz und industrialisierte Laender vielleicht
daran, dass praktisch alle Aktivitäten (wie z.B. Musse, Spiel um der Freude willen)
die sich nicht in Geld auszahlen oder durch andere
monetarisierte Vorteile wie Schönheit, Fitness,
Entspannung, Bildung etcetc als weitgehend sinnlos betrachtet werden.
Im Quartiersbereich kommen die gated communities hinzu, welche Verkehr und Beziehungen erschweren, im politisch-administrativen Bereich dieVerparteiisierung, die alle zu einer recht zersplitterten Ordnung führen. Sunniten misstrauen Schiiten, Schiiten misstrauen Sunniten und beide misstrauen den Kurden ... Wenig wundert's, dass viele religiöse Führer, die als einzige noch in der Lage sind, ein einigermassen konsistentes Weltbild zu präsentieren, immer mehr Anhänger finden.
Diesbezüglich haben sich die USA natürlich wieder voll in die Nesseln gesetzt, als sie Muqtada as Sadr gerichtlich verfolgen liessen. Natürlich geht es nicht an, dass sich religiöse wie Stammesfürsten ihre eigene Armee halten. Da as Sadr aber für viele ein religiöser Führer ist, und die privaten Truppen anderer Herren offenbar nicht zu interessieren schienen, verlor die doch recht sinnvolle Strategie an Rückhalt. Erst spät nun (s. Shallabi) wird versucht, auch nichtreligiöse Führer nach dem selben Prinzip zu beurteilen und zu behandeln.
Allerdings, wer liefert denn hier das Vorbild? Die ausländischen Arbeitskräfte und Experten die trotz allem im Land verbleiben müssen unter enormem Aufwand geschützt werden. 10 bis 20% der Kredite für den Wiederaufbau gingen dafür drauf, heute 30 bis 40% und erwartet werden 50%. Ein lukrativer Markt für Sicherheitsfirmen. Blackwater Corporation setzt für 36 Millionen $ über 1000 Leute ein. SSA-Marine erhält 14 Millionen für die Bewachung des Hafens Um Qasr. Total sollen 15-20'000 Sicherheitskräfte im Irak tätig sein, 50 wurden letzten Monat getötet. Haliburton hat 24'000 Mitarbeiter im Irak, die Hälfte davon Amerikaner. Jeder der 33 Experten hat 2 Bodyguards mit Monatssalären von bis zu 20'000 $. Die meisten der Bewerber für solche Jobs scheinen jedoch aus den Südstaaten der USA rekrutiert zu werden. Es handelt sich häufig um working poor, die so ihre Schulden, Arztrechnungen, Schulkosten für die Kinder etc. bezahlen können. Die Versicherungskosten sind auf 30% des Lohnes angestiegen, eine Repatriierung im Zinksarg inbegriffen.
[Walter Niederberger, New York: Die Mobilmachung der Working Poor. Tages-Anzeiger, 24. Mai 2004, S. 27]
Eine Lösung ist kaum in sicht, da die naechste Aufsplitterung bereits vorbereitet wird. Die bis anhin weitgehend vom Staat (oder vielmehr von Saddam und seiner Familie) kontrollierten Unternehmen werden (oder wurden bereits, falls man den Besitz durch Saddam & Co als Privatbesitz werten will) weitgehend privatisiert. Sogar die Iraqi Airways, inclusive Baghdad International Airport, sollen bereits fuer ein Butterbrot an die Royal Jordanian verkauft worden sein. Die Koalition hat aus den Privatisierungen in Russland und Ostdeutschland offenbar rein gar nichts gelernt. Die naechste Katastrophe und damit ev. die naechste Revolution bereitet sich hier bereits vor, wenn die Irakis in Zukunft statt fuer Saddam (der zwar ein Tyrann, aber immerhin Iraqi war) mehrheitlich fuer auslaendisches Kapital Frondienst leisten.
Keine valable Lösung ist auch der zur Zeit wieder etwas grassierende Nationalismus. Obwohl mehr Irakis entfuehrt werden als Auslaender, wecken die Entfuehrungen bei einigen wieder nationalistische Gefühle (Wir sind die besten) und lassen Ausländerfeindlichkeit wie die Scheinlösung wieder gedeihen: Die Auslaender sind an allem schuld. Wir brauchen die bloss los zu werden.
Vorerst allerdings wird noch alles unternommen um zu belegen, dass Ausländer sogar fuer die Zerstörung irakischer Institutionen ueberfluessig sind. Die konstruktiven Gespräche zum Wiederaufbau der Laboratorien der Mustansiriya Universitaet fanden erstens kein Echo bei der politischen Vertretung. Man warte mal, wie die Wahlen ausfallen. Zudem erhalte jedes Departement Anfangs April ein Budget. Die Wahlen stehen noch aus, die Budgets sind gesprochen, sie reichen gerade fuer die Moebel. Diese werden gebraucht, da gerade gestern Anhaenger von Muktada as Sadr wieder an der Mustansiriya Universität demonstriert haben, wobei ein grosser Teil des Mobiliars zerstoert (oder gepluendert) wurde. Dies, nachdem vor einem Jahr die Wiedereröffnung freudig begruesst, vor einem Monat der Rektor entführt und enthauptet wurde (was zwar so vom coalitionskontrollierten Fernsehen reportiert wurde, in der Zwischenzeit aber wieder als Gerücht dargestellt wird ... ein weiteres Beispiel für die Schwierigkeiten, in Bagdad zwischen Sein und Schein zu unterscheiden), da er das Aufhaengen religiöser Plakate als unpassend fuer eine wissenschaftliche Institution bezeichnete.
Doch auch bei Privatpersonen herrscht Angst vor Ueberfaellen und Diebstählen. Auch Reiche leisten sich nicht mehr alles, was sie könnten, aus Angst Eifersucht und Rachegelüste zu wecken.
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| Kebab-Zelt an der Karade Dahil, kurz vor der gesperrten Hängebrücke.
Auf der andern Strassenseite wäre die Einkaufsstrasse für Lampen und Möbel. Im Hintergrund die unverkennbare Silhouette des Hotels Babylon Oberoy - vor 10 Jahren noch eine Unterkunft der Superluxusspitzenklasse. |
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Nur noch wenige trauen sich in die immer noch
zahlreich vorhandenen und nach wie vor qualitativ nicht ganz so desolaten
Restaurants Bagdads, obwohl Restaurants besuchen immer ein beliebtes
Freizeitvergnügen für die Abende und insbesondere den Freitag waren.
Imbisszelte wie das auf dem Bild rechts rechts, basierend auf der neuen
Freiheit, gedeihen allerdings eher auf Grund der prekären finanziellen Situation
der meisten Familien. Im Gegensatz zu dem hier herrscht in den etablierten
Restaurants und Hotels eine Besetzungsquote von weniger als 5% (= mehr Personal
als Gäste). Ohne
Wiederbelebung des Tourismus und der Wirtschaft generell wird hier der Krieg
noch einige bedenkliche Spätfolgen zeigen.
Zur Zeit riskiert der Irak in einer kollektiven und
cholerischen Depression zu versinken.
Angst und Sorgen immobilisieren, lähmen, verhindern Entscheidungen, verhindern Bewegung und Entwicklung.
Bei den wenigen die sich dieser wirtschaftlichen Totenstarre entziehen können handelt es sich entweder um solche, die an der Einkapselung verdienen (Fernsehgeräte, Satellitenschüsseln, Haushaltelektronik etc.), mit Boden- und Bau spekulieren – oder, auch die gibt's, wirklich weitsichtig sind und in die Zukunft investieren.
Martin Herzog, Bagdad, 14.4.04