Hauptzweck
des Staates, vom Herrschaftsstaat zur partizipativen Demokratie:. Die
gerechte Vermittlung zwischen individuellen und gemeinschaftlichen Interessen
durch Information, Koordination und Regulation.Die politischen Dimensionen der Globalisierung: Krisenszenarien und Zukunftsvisionen. Staat und Gesellschaft im Globalisierungsdiskurs.
[Dissertation Hanne Weisensee
. 415 S
http://hss.ulb.uni-bonn.de/diss_online.
Dort finden Sie nebst einer umfangreichen Bibliographie auch die detaillierten
Zitathinweise]
Die Tatsache, dass es offenbar inzwischen eine Dissertation braucht, um einen halbwegs vollständigen und klaren Überblick betr. Globalisierung zu schaffen, zeigt am besten, wie verheddert Wissen und Dialog hier sind. Es ist äusserst positiv zu werten, dass es solche Dissertationen auch gibt, denn der Standard ist ja immer noch diejenige, die ein weiteres Detail zu den andern Details hinzufügt und möglichst lang und breit - oder tief, auswälzt.
Interessant ist die Parallele zwischen Wirkungen und Problemen der Globalisierung, und den ganz ähnlich aussehenden der Moderne II, der reflexiven Moderne oder, auf schabernackcisch, der "NachPostModerne". War die Moderne der Versuch, die "objektive Ordnung der Welt" "wissenschaftlich" zu ergründen - und zu gestalten (was eh nie "wissenschaftlich" war, nach keinerlei Definition), so ist die Postmoderne die Zeit des ungeordneten und nicht organisierbaren Chaos - welches sich selbst mit "Design" übertünchte, also einen An-Schein von Kultur, die immer auch Ordnung ist, gab. Der florierende "Kunstmarkt" ist ein Produkt dieser Ideologie (+ natürlich des nach Vermehrung drängenden Anlagekapitals).
Für die 2. Moderne gilt nun:
Risiken sind somit nicht mehr extern verursacht (Naturkatastrophen), sondern vom Menschen selbst gemacht (Klimakatastrophe, Atomwaffen, Raubbau usw.). Daher kann die Jetztzeit als „reflexive Modernisierung“ bezeichnet werden. Sogar das Individuum selbst und damit seine Identität sind reflexiv geworden. Das Ich ist Gegenstand von Entscheidungen.
Diese Definition zeigt auch gleich, wohin es wie geht, nämlich mit Konstruktivismus in eine Welt der Möglichkeiten, die aber jeweils zu prüfen und deren Auswirkungen zu korrigieren sind (wenn negativ).
....
Frustrierend sind die Resultate dennoch. Es ist äusserst positiv, dass Weisensee Globalisierungsexperten aufgeteilt hat in "Schwarzseher", die vor allem Probleme und Gefahren sehen, und solche, die vor allem die Potentiale, neuen Möglichkeiten, also Chancen der Globalisierung sehen. Dass diese beiden Seiten so ca. im Verhältnis 1/1 vertreten sind geht nämlich in der öffentlichen Diskussion meist unter, da gibt's nur noch schwarz oder weiss. Wichtig ist hier auch die Beobachtung, dass Befürworter nicht ungedingt rechts und Kritiker eben so wenig links sein müssen.
Frustrierend ist dennoch, dass von den erwähnten Lösungsansätzen bisher eigentlich keiner funktioniert, ja eigentlich keiner funktionieren kann:
Auch hier wurde das grösste Problem der Globalisierung übersehen: Die flächendeckende Verantwortung wird aufgelöst. Jeder Staat hatte ein Hoheitsrecht, und dieses war und ist an die Fläche gebunden. Es gab keine rechtsfreien Räume und wer auf dieser Fläche präsent war, unterstand auf jeden Fall den im Staat geltenden Regeln. Netzwerke kümmern sich nur um die Mitglieder. Was zwischen die Maschen fällt, existiert nicht.
DAS Problem das wir zu lösen haben heisst also: Wie gestalten wir Politik ohne Flächenhoheit, ohne Ort, ohne Zuordnung? Wie könnte Netzwerkpolitik aussehen, d.h. erst einmal, ist Netzwerkpolitik überhaupt möglich?
Bildung als Lösung des Ausschlussproblems ist ein bitterer Witz, denn über Bildungsselektion erfolgt ja ein grosser Teil des Ausschlusses. (s. Bildungswahn und Bildungschancen)
Der sog. 3. oder 4. Sektor, wie der 3. Weg ... haben nicht die erwünschten Resultate gezeigt sondern blieben für die einen Tittyttainment, für die andern eine Plattform sich zu profilieren.
Die in dieser Dissertation geäusserte Kritik am politischen Modell Europa ist massiv - und bestärkt eigentlich sämtliche Vorbehalte, die in der Schweiz verbreitet sind. Insofern ist es eigentlich ein Glücksfall, dass die Schweiz (noch) nicht Mitglied ist, denn, so überheblich, so "sonderfallmässig" es tönen mag, was die Basisdemokratie, den Einfluss des Volkes auf die Politik betrifft, so wird sich Europa auch in Richtung Schweiz bewegen müssen. In vielen Regionen Europas passiert das ja, entsteht Basisdemokratie. Die Schweiz soll also nach Mitgliedschaft streben - aber so stachelig bleiben wie sie ist: Wir wollen Europäer sein, an der Gemeinschaft teilnehmen - aber wir verweigern den Hut auf der Stange zu grüssen, den irgendwelche Bürokraten dort aufspiessen, ohne dass das Volk dabei was zu melden hätte oder auf politischem Weg die Entfernung eines solchen Hutes, oder allenfalls die regionale Ausnahme aus der Hutgrüsspflicht, anregen und anstreben könnte. In Sachen Föderalisierung hat Europa noch einen weiten Weg zu gehen. Die Begleitung des kleinen streitbaren Igels könnte hier hilfreich sein ... für beide ...denn auch die Schweiz ist gar so demokratisch nicht, wie sie sich gerne sieht. Kleines Beispiel: Interkantonale Verträge werden oft bloss zwischen den entsprechenden Direktoren (Finanz-, Verkehrs-, etc) ausgehandelt. Die Bevölkerung hat dazu nichts zu melden. Das mag harmlos tönen, nach technischer Verwaltung, kann aber Folgen haben, die weiter reichen als Gesetze. Z.B. in meinem Hausbereich, der Forstwirtschaft, haben die Forstdirektoren ab ca. 2002 auf einen neoliberalen Kurs gesetzt mit Restrukturierung, Personalabbau, etc. Das Personal hatte nichts zu melden - sondern wurde gefeuert wenn es protestierte. Hier wurden nicht bloss betriebliche Verhaltensvorschriften formuliert, sondern die Einstellung und Ideologie definiert, die man gefälligst zu haben habe. (s. Galileo etc.)
Die Entstehung, d.h. Thematisierung der Globalisierung:
Wie gezeigt wurde, existiert das Schlagwort Globalisierung bisher eher als Modewort - oder wie Richard Münch schreibt, als „Kampfbegriff“10 - und ist kaum definiert, wenig konkret umrissen, aber trotzdem ständig im Gebrauch.11 Globalisierung kommt in den politikwissenschaftlichen Fachzeitschriften bis 1995 nicht als eigenes Schlagwort vor: Es wird beispielsweise im Register von Aus Politik und Zeitgeschichte erstmals 1995 eingeführt. Auch in der Bundestagsbibliothek, eine der größten Parlamentsbibliotheken in Europa, macht sich Globalisierung erst ab 1995 - und hier mit lediglich 12 Titeln - als Schlagwort bemerkbar. Im Januar 2004 sind es bereits 1587.
Der sog. "Globalisierungsdiskurs", also das Palaver oder Geschrei, je nach Temperament, über die Globalisierung ist eine Folge der wirtschaftlichen und politischen Veränderungen nach 1989, d.h. nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, d.h. dem Ende des Kalten Krieges, d.h. aber auch mit dem Ende der bisher eigentlich einzigen wirtschaftlich "alternativen" Veranstaltung, dem Kommunismus (dem viele den Sozialismus gerne gleich hinterher werfen würden).
Diese Drohung, die über den Häuptern der Ausbeuter stets schwebende Hammer und Sichel, war der Zwang, der die ach so "freie" Wirtschaft in gewissen sozialen Banden doch noch gehalten hat, aber auch die Gesellschaft im geistigen Widerstand gegen eine als unfrei empfundene gewalttätige Ideologie zu einer gewissen Einheit verband.
Weisensee analysiert in ihrer Dissertation die Beträge zum Thema Globalisierung von 16 Koryphäen auf dem Gebiet Soziologie und Politik - aufgeteilt in Schwarzseher und Optimisten.

Ralph Dahrendorfs Zusammenfassung der Probleme und einiger Lösungsansätze:
Nach Dahrendorf schließt die Freiheit auch Unterschiede ein, endet allerdings dort, wo Ungleichheit die Teilnahmerechte der Benachteiligten zu beschneiden droht. Wenn Ungleichheit also zur sozialen und politischen Exklusion führt, muss sie bekämpft werden.
Die Ökonomie öffnet den Raum, die Politik muss dieser Entwicklung folgen.1280 Vor allem die Demokratie sei nach den Hoffnungen von 1989 mittlerweile wieder gefährdet.1281 Politik werde immer mehr zur „Show“ und zum Medienprojekt, was sich an den Beispielen von Großbritannien (Blair) und Italien (Berlusconi) zeige: „Populistische Herren und verselbständigte Apparate der früheren Parteien verbinden sich zum Autoritarismus einer neuen Nomenklatura.“1282 Dahrendorf beklagt den zunehmenden Verlust von Kontinuität in der Politik und die Dominanz des Kurzfristigen.1283
Zudem werde das Parlament zugunsten der Exekutive immer weiter entmachtet. Die damit einhergehende Gefahr bestehe in der Zunahme des politischen Desinteresses und der Apathie, was wiederum die Tendenz eines neuen Autoritarismus unterstütze.1284
Auch in der vielerorts zu beobachtenden Sehnsucht nach einer ethnisch homogenen Heimat sieht er eine Gefahr, die er als die Kehrseite der Globalisierung bezeichnet. Denn homogene Gesellschaften seien nach innen intolerant, nach außen aber oft protektionistisch und aggressiv.
Genauso wie Beck konstatiert er allerdings, dass es dennoch nicht zu einem neuen „Klassenkampf“ der Unterprivilegierten gegen die Gewinner kommen werde, weil es keine Klassen im traditionellen Sinn mehr gibt. Die Individualisierung mache es unmöglich, dass sich die Benachteiligten als Gruppe organisieren. Die Globalisierungsgegner, die sich am Rande der verschiedenen Weltgipfel äußern, seien zwar eine Stimme des Protestes, könnten aber aufgrund ihrer inhaltlichen und organisatorischen Zersplitterung keine wirkliche Gegenmacht darstellen.1297 Es geht bei den Verlierern also um eine „Menge ohne klare Gestalt“.
Dies ist sozial-politisch ein äusserst kritischer Punkt, da die Organisation der Verlierer um so schwieriger ist, als die Vertretung der Interessen der Verlierer politisch uninteressant. DAS Lebensziel aller ist es eigentlich, reich (und mächtig) zu werden. Die Geldelite, die goldene Horde der Neuzeit", setzt also den Massstab, den Leisten, an dem alle anderen gemessen werden. (s. Sozialpolitische Lager, Milieustufen und "die gegenwärtige Ordnung")
Die Globalisierungsgewinner sind für Dahrendorf die neu entstehende globale Klasse und ihre Helfer. Er bezeichnet sie auch als „Weltklasse der Kosmopoliten“, die sich durch die Geisteshaltung und immaterielle Schätze auszeichnen, die da lauten: Konzepte, Kompetenz und Kontakte.1303 Zwar konstatiert Dahrendorf, dass die globale Klasse noch klein ist, dank ihrer Helfershelfer und Zuarbeiter aber kontinuierlich wachse. Zudem setzt sie Trends, schafft neue Werte und ist Träger einer neuen Geisteshaltung, die Dahrendorf mit „vage und unpolitisch“ etikettiert. Denn - so sein Fazit - die Interessen der globalen Klasse werden durch die neoliberale Wirtschaftspolitik definiert.
Generell kann ihm aber insoweit zugestimmt werden, als sich einige der Forderungen von Beck und Giddens (und auch Albrow) mit den Aspekten decken, die Dahrendorf als zentral für das neue „globale Klassenbewusstsein“ identifiziert: Chancen zu vermehren, um mehr Menschen - vor allem durch Bildung - den Aufstieg in die globale Klasse zu ermöglichen. Neue Lebens welten sollen so geschaffen werden.
Die nächste Forderung Becks folgt der Annahme, dass Arbeit durch Wissen aufgewertet oder umgestaltet werden muss, wenn es zutrifft, dass Arbeit durch Wissen und Kapital ersetzt wird. Investitionen in Bildung und Forschung sind die Konsequenzen, da die Bürger bestimmte Fähigkeiten brauchen, um sich in dem transnationalen Umfeld der Weltgesellschaft bewegen zu können.1177 Ein adäquates Mittel wäre für Beck die Verlängerung der Ausbildung sowie eine Lockerung von deren Fixiertheit auf bestimmte Berufe. Der Fokus müsse dabei auf der Ausweitung von breit anwendbaren Schlüsselqualifikationen liegen. Neben lebenslangem Lernen und Flexibilität müssen ebenso Sozialkompetenz, Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Kulturverständnis, vernetztes Denken und der Umgang mit Unsicherheiten trainiert werden, wobei die Ausbildung eines eigenen Ichs als Handlungs- und Orientierungszentrums das Ziel sein müsse.11
Daher könnten - so Dahrendorf - auch die Konzepte des „Dritten Wegs“ Bildung mit dem Begriff der Gleichheit verbinden. Denn Bildung eröffne Berufschancen und diese wiederum eröffnen Wohlstand.1308 Wie Beck plädiert er dafür, dass Bildung mehr sein müsse als die bloße Vorbereitung auf Berufstätigkeit: Selbstverantwortung und Eigeninitiative seien dabei zentral.
Hier begeht Dahrendorf den selben Denkfehler wie Beck, ein Denkfehler dem sich Eliten wie Massen in Massen angeschlossen haben. Die Auflösung von Diskriminierung durch Bildung schafft nicht mehr Gleichberechtigung, insbesondere mehr Chancen für die Schwachen, sondern definiert "schwach" einfach anders, nämlich über den IQ. Wer den von seinen Vorfahren nicht mitbekommen hat oder zumindest ausreichend Geld um trotzdem, mit einigem Mehraufwand, an die notwendigen Zugangspapiere zu kommen, der ist im System das Einkommen per Bildungs-Leistung verteilt genau so am A... wie in irgend einem Wettbewerbssystem. Einzig eine gewissen Chance besteht für minderbegabte (IQ < 80) doch noch mitzumachen, da es ihnen aufgrund ihrer beschränkten Auffassungsgabe auch leichter fällt, den ganzen Unsinn einfach mitzumachen. Ab 115 muss sich ein Manager ja quasi dauernd selbst belügen. Eigentlich ist die Begeisterung für Bildung auch bei Dahrendorf verwunderlich, denn er stellte selbst fest, dass die Arbeit, die für die Vielen gefunden wird, meist überflüssige Arbeit ist, also präzise das, was man Beschäftigungstherapie (oder Beschäftigungsprogramm, AAM) nennt:.
Eben so problematisch bleibt die Ausbildung des eigenen Ichs. Philosophisch wie psychologisch unbestritten die erste Aufgabe des Individuums, wird das ich, seine Bedürfnisse, vor allem aber die Anforderungen daran, die Ausbildung des Ich durch Belohnung und Bestrafung, aber längst durch Geld, also durch die Wirtschaft übernommen. (s. Prägung/Konditionierung). Ganz im Gegensatz zu den Anforderungen der persönlichen Identiät, der "Psychohygiene", des Charakters, wie man das früher mal nannte, fordert heute "der Markt" spezifische, zudem dauernd ändernde - Rollen - die nicht nur im Widerspruch zum Ich stehen können, sondern meist selbst bereits jede Menge an Widersprüchen enthalten. Hierin liegt der Grund für die gegenwärtige fast kollektive schizoide Störung.. (s. Der Neoliberalismus fördert also aus psychologischer Sicht Normen, die in mehrfacher Beziehung zu gestörtem Verhalten führen)
Als zentrales Problem, das die angesprochene Ungleichheit manifestiere, identifiziert Dahrendorf zudem, wie bereits vor ihm Rifkin, Gorz, Beck und andere, dass künftig die Menschen ohne oder mit wenig Bildung Arbeit verrichten würden, die von der globalen Klasse nicht mehr gebraucht werde: „Die Arbeit, die für viele gefunden wird, hat (...) etwas Beliebiges, fast Überflüssiges.“1313 So werde das Gefühl der Nutzlosigkeit zum Problem und gleichzeitig freiwillige Tätigkeit nicht ernst genommen. Diese würden von vorneherein von den gut ausgebildeten und engagierten Mitgliedern der globalen Klasse ausgeübt.
Globalismus = Ideologie der Globalisierung = Neoliberalismus. Folge: Entdemokratisierung
Globalismus ist für Beck die „Ideologie des Neoliberalismus“, der danach trachtet, die Globalisierung auf ihre wirtschaftliche Dimension zu verkürzen.1158 Der Weltmarkt verdränge und ersetze in dieser Logik das politische Handeln. So werde die Differenz zwischen Politik und Wirtschaft liquidiert, die Politik könne keine Rahmenbedingungen mehr setzen, denen die Wirtschaft folgen müsse. Neoliberal ist seiner Auffassung nach die Unterstellung, dass Staaten wie Unternehmen zu führen seien. Hierin sieht er einen „bejahenden Globalismus“.1159 Der „verneinende Globalismus“ wiederum drücke sich in verschiedenen Formen des Protektionismus aus, der in Form des „schwarzen Protektionismus„ den Werteverfall beweine, in Form des „grünen Protektionismus“ den Nationalstaat als „Politik- Biotop“ entdecke und in Form des „roten Protektionismus“ den Klassenkampf wieder beleben möchte.1
Globalisierung heisst immer auch Entdemokratisierung:
Es gibt keine Verfahren zur Ablösung der Entscheidungsträger.
Es gibt keine berechenbaren Kontrollmechanismen, keine checks and balances.
Es gibt schon gar keine systematische Methode, die Interessen und Meinungen der Betroffenen, geschweige denn des Weltvolkes insgesamt, in die Entscheidungen einzubringen.
Und (...) es gibt auch keine Ansätze zu einer globalen Demokratie.“
So schätzt Dahrendorf auch die soziale und politische Exklusion nicht wegen der hohen Anzahl der ausgeschlossenen Menschen oder der ökonomischen Bedrohung als gefährlich ein, sondern vor allem wegen des „moralischen Schadens“, der entsteht. Denn die Exklusion sei eine „moralische Anklage gegen das sogenannte zivilisierte Gemeinwesen“.1360
„Die sozialen Folgeprobleme der entgrenzten Ökonomie sind geeignet, das Vertrauen in die demokratische Politik überhaupt zu untergraben.“1383 Mit diesem Zitat verbindet Scharpf die Krisenanalyse des Sozialstaates mit den Fragen zur Zukunft der Demokratie im Zeitalter der Globalisierung, wie es auch Jürgen Habermas in seiner Theorie und seinen Konzepten vollzieht. Er (Habermas) geht von der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ durch Macht und Geld aus, die den Bürger zum Klienten und Konsumenten macht, so dass die daraus erfolgende systemische Integration die soziale Integration (Solidarität) immer mehr verdrängt.1401 Dies führt laut Habermas zu „pathologischen Nebeneffekten“ in der Lebenswelt.1402 In diesem Prozess wird die Lebenswelt durch Ökonomisierung und Bürokratisierung gefährdet, weshalb Habermas für eine Stärkung von Zivilgesellschaft und Solidarität plädiert.1403
Gesellschaft, die mit hohen sozialen Kosten in Form von Ungleichheit (auch zwischen den Staaten),1423 Armut, Exklusion sowie in deren Folge mit Migration verbunden ist. So könne es zu einer Zerstörung der liberalen politischen Kultur kommen. Diese Befürchtung sieht beispielsweise Forrester in Form der Jugendaufstände in Frankreich längst erfüllt.
Die politische Orientierung zwischen individuellen Interessen und Moral: http://www.brainworker.ch/Politik/interessen_moral.htm
FAZIT:
Ethik und Moral haben Chancen, sich durchzusetzen, auch in der Politik, wenn sie jemand quasi "unternehmerisch" als Interessen aufbaut und vertritt.
Um aber nicht nochmals in einer Moral des Habens zu versumpfen müsste die Motivation durch eine andere Währung als Geld erfolgen, wofür in erster Linie die Gerechtigkeit zu empfehlen wäre.
Das Verwenden von und das Spielen mit Stereotypen in den Texten macht sichtbar, dass die Autoren nach einer Achse suchen, die künftig eine Orientierung für „Gut und Böse“ in der Welt liefert. Das alte Feindbild des Ostblocks, das ein Stück weit auch identitätsbildend nach innen gewirkt hat, ist verschwunden und so wird ein neues mit Berufung auf kulturelle Eigenheiten angeboten. Nicht ohne Grund wird bei allen Autoren - auch bei Guéhenno - der Islam als von innen heraus bedrohlich und unkalkulierbar und als nicht mit Demokratie und dem kapitalistischen Wirtschaftssystem vereinbar skizziert.
Der wichtigste Fürsprecher dieser Richtung ist Samuel Huntington:
Ein weiteres Mal treffen wir auf ähnliche Ausführungen wie bei Fukuyama. Wie dieser sieht Huntington ein Mittel gegen den Verfall in der Stärkung der Moral, die in lokalen Einheiten wie Familie, Nachbarschaft und Schulen erfahr- und erlernbar sein muss. Mit der Migrationsproblematik schafft Huntington den Übergang zu einem wesentlichen Element seiner Programmatik. Die amerikanische Identität ist bedroht und muss sich neu konstituieren. Dazu ist das richtige Leitbild, aber vor allem auch ein Feindbild notwendig. Die Begründung erklärt er aus dem Wesen des Menschen. „Hassen ist menschlich. Die Menschen brauchen Feinde zu ihrer Selbstdefinition und Motivation: Konkurrenten in der Wirtschaft, Gegner in der Politik.“188 Huntington und Fukuyama argumentieren Hand in Hand. Die von Huntington vorgenommene Kategorisierung anhand von Kulturkreisen ermöglicht geradezu die Konstruktion „des Anderen“ in einer Welt, die sich nach dem Kalten Krieg ökonomisch und politisch multipolar zeigt.
Kritik: „Huntington folgt der vereinfachenden Rhetorik der Kulturkämpfer und übersieht dabei die Komplexität von Kulturen“.200 Problematisch bleibt die Verschwommenheit zwischen Islam und arabischen Ländern.
„Der Westen muß seine politischen Strategien koordinieren, damit es für andere Gesellschaften schwieriger wird, einen westlichen Staat gegen den anderen auszuspielen, und er muß Differenzen zwischen nichtwestlichen Staaten fördern und ausnutzen.“
Insgesamt bleibt Huntingtons Buch trotz des Anspruches, eine neue Theorie der internationalen Beziehungen zu entwickeln, der Sicht des Kalten Krieges verhaftet. The West versus the Rest“
Huntingdons Konzept ist also ohne zu übertreiben kulturimperialistisch. Obwohl er den Islam als kriegerische Religion und die islamische Kultur als inkompatibel mit dem Westen erklärt, fördert er selbst eigentlich grad die Differenz, auch die Differenzen zwischen den Andern - damit Krieg herrsche. Wer Wind säht, wird Sturm ernten. (Weniger poetisch aber dafür klar: Arschloch!)
Aus solchen Auffassungen entstehen dann Konzepte wie die Achsen des Guten und des Bösen. Wir sind die zivilisierten Guten - die da, die Fremden, die Andern, sind die Wilden, die Gefährlichen, die Unzivilisierten, die Barbaren ... wie das ja schon so bei den Römern war.
Aber auch andere Autoren suchen die Rückbesinnung auf die lokale Gemeinschaft, die Gemeinde, die Tradition (bis hin zum autoritären Traditionalismus mit seiner Werthuberei, bei der die ach so hehren Werte aber nie beim Namen genannt werden ....) - um die Zerfallserscheinungen in Staat und Gesellschaft zu beheben.
Die Gemeinschaft wird als kleinste staatliche und gesellschaftliche Einheit definiert, auf der alles andere aufbaut. Im Gegensatz zu den später noch zu analysierenden Texten von Beck, Dahrendorf, Dettling u.a. wird diese Einheit als der Ort definiert, an dem Moral und Werte erfahr- und lernbar sind. Gemeinschaft wird hierbei immer zuerst in Verbindung mit Moral und erst als zweites als Ort der politischen Partizipation im Institutionengefüge gedacht. Diese Akzentuierung hat durchaus eine anti-individualistische Tendenz, da die Betonung auf der Stärkung von Familie, Schule und Nachbarschaft liegt und die individuelle Autonomie zurücktritt.
Menzel in seinem Buch „Globalisierung versus Fragmentierung“ skizziert: Bei ihm werden die alten Industrieländer in Westeuropa, USA und Japan (Norden) zu postmodernen und globalen Dienstleitungsgesellschaften, die Wissen produzieren und „humankapitalintensive“ Dienstleistungen anbieten (z.B. Software). Die Länder Ost- und Südostasiens hingegen werden zu „neuen Industrieländern“, da sie zu Anwendern des im Norden produzierten Wissens werden und die Hardware für diese Informationsgesellschaften erstellen. Zudem werden die Dienstleistungsgesellschaften des Nordens aus den neuen Industrieländern mit Produkten des täglichen Bedarfs versorgt. Afrika südlich der Sahara, weite Teile Zentralasiens und Lateinamerika schließlich degradieren zum armen Rest der Welt, der aufgrund seiner Bedeutungslosigkeit für den Norden in Vergessenheit gerät.
Diese Dreiteilung wird überwölbt von einem transnationalen Sektor der „symbolischen Ökonomie“, der seine Schnittstellen in den „global cities“ hat, die Menzel in New York, Tokyo, Honkong und Frankfurt am Main verortet.
Die Welt, für die wir also eine Regierung, gemeinsame, geteilte Werte, Strukturen, Ordnung suchen, sieht demzufolge so aus:
USA (und Westeuropa): momentan noch politisch, ökonomisch und kulturell dominant, aber eben auch als durch äußere und innere Zerfallserscheinungen gekennzeichnet.
Japan: ökonomisch mächtig und - trotz eines anderen Wertesystems - wird als kulturell stabil angesehen,
China hingegen gilt übereinstimmend als militärisch potent und ökonomisch entwicklungsfähig, dadurch aber auch als potentiell gefährlich.
Die arabische Welt schließlich wird insgesamt mit dem Islam identifiziert und gilt durch den religiösen Fundamentalismus als neue Bedrohung.
Russland gilt allen Autoren als schwer einschätzbar, aber schon alleine aufgrund seiner geografischen Ausmaße als künftiger weltpolitischer Partner.
Zuletzt ist zu bemerken, dass Afrika und Lateinamerika als Akteure der Weltpolitik die Autoren kaum interessieren, da sie auch künftig als weder politisch noch ökonomisch mächtig eingeschätzt werden. Die von ihnen aus gehende Gefahr liegt in erster Linie in der Migration.
Unter dieser Konstellation ist eigentlich keine "Weltregierung", ja noch nicht mal eine demokratische Weltordnung denkbar. Diese Ideologie ist die Grundlage für den gegenwärtigen Kulturimperialismus, kriegerisch der USA, verbal von Europa. Dummerweise kommt diese Ideologie, in Anbetracht der hohlen Freiheit in einer völlig von der Wirtschaft beherrschten Welt, zur Zeit noch gut an im Osten, der die Freiheit erst wieder erlangen - und an die Wirtschaft verlieren muss, bevor die Kritik des "alten Europa" an den USA auch dort verstanden wird. Die Beherrscher der Menschenrechte, die Vertreter der Demokratie, das Imperium der Freiheit umfasst also sagen wir mal Europa, Nordamerika, Japan, vielleicht Indien ... Das "Reich des Bösen" also immer noch fast die halbe Welt.
Und wo eigentlich ist der Unterschied, wenn der Islam seinen Anhängern befiehlt, der Welt den Frieden zu bringen, was als Aufforderung zum Terrorismus verstanden wird - oder wenn die USA der Welt den Frieden mit Bomben und Raketen bringen?
Hier wird fürwahr mit zweierlei Mass gemessen.
GORZ:
So empfänden die Menschen nicht ihre intuitiven und überholten Deutungsmuster als verfehlt, sondern die Realität, die gegen diese spricht. Die Normen entsprächen heute also nicht mehr der realen Situation und deshalb könnten die Individuen die Normen auch nicht mehr erfüllen. Dies ist umso schwerwiegender, weil bislang die Erfüllung dieser Normen gesellschaftlich erwartet wurde und es dafür Anerkennung gab. Neue Handlungsmuster aber fehlen noch.
Diese neue Orientierung, neue Handlungsmuster, eine neue Wert-Ordnung suchen die einen darin, dass sie alte Werte (oder oft auch bloss alte Feindbilder) wieder aufwärmen wollen, die andern in der Aktivierung der Kernzellen der Gesellschaft, also Familie und Gemeinde (Kommunitarismus), also in der Bürgergesellschaft, und wieder andere in der kommunikativen Integration durch "Subpolitik". Das Problem, dass das Ich, Autonomie und Individualität in einem gewissen Widerspruch zum Du wie zum multiplen Du im Wir steht, ist der Politik nicht eigen sondern findet sich in allen menschlichen Organisationen die aus Gruppen bestehen. Die Unterschiede sind also eher auf Grund der "Klammer" zu betrachten, der Klammer, welche sie zusammenhält und doch für einen gewissen Zusammenhalt sorgt ("Geschlossenheit" wäre vermutlich etwas übertrieben, denn geschlossene Gesellschaften sind eben anderen verschlossen, also nicht zugänglich, und allenfalls ein Grund für Aergernis).
Etzioni und der Kommunitarismus
Auf die Frage „Was ist Kommunitarismus?“ antwortet Etzioni in seinem 1995 erschienenen Buch „Die Entdeckung des Gemeinwesens“: „Kommunitarismus ist eine Bewegung für eine bessere moralische, soziale, politische Umwelt. Kommunitarier wollen die Einstellungen verändern und soziale Bande erneuern, wollen das öffentliche Leben reformieren.“
Kommunitarismus ist also sozialutopisch, will den Menschen verändern, was immer ein schwieriges und langwieriges Geschäft war und ist ... aber dennoch oft nötig:Für Etzioni besteht somit folgerichtig die größte Gefahr für die Autonomie des Einzelnen in der Auflösung sozialer Bindungen, da zu befürchten steht, dass die Atomisierung des Einzelnen die Gemeinschaft in einen „Mob“ verwandle.
Etzioni wendet sich dabei gegen die ausschließliche Orientierung an Marktgesetzen, ungezügeltes Erfolgsstreben, Ellenbogenmentalität sowie gegen einen starrköpfigen Individualismus, der die moralischen Grundsätze der Gemeinschaft leugnet. Die umfassende Ökonomisierung des ganzen Lebens im Zuge der Globalisierung wertet er als eine Ursache für den Verfall.451
Seiner Auffassung nach können persönliche Freiheiten und individuelle Rechte nur geschützt werden, wenn man sich um die grundlegenden Bedürfnisse einer Gemeinschaft kümmert. Werte sind in Etzionis Programmatik das Fundament und der Rahmen für die Gemeinschaften.
Zu den Kernwerten gehören Demokratie und die Grundrechte, wie sie in der Verfassung verankert sind, wobei Etzioni dafür plädiert, dass die normative Bindung an die Demokratie vor allem „empfunden“ werden soll. Auch ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit, Friedensförderung und die Verpflichtung gegenüber der Umwelt als gemeinsamem Gut zählt Etzioni zu den Kernwerten.
Zu den nachgeordneten und aus den Kernwerten abgeleiteten Werten zählen Selbstdisziplin, Selbstkontrolle, Toleranz, Respekt, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit.- womit ein grosser Teil der Manager nicht teilnehmen kann ...
Familien bilden die Grundlage der Gesellschaft.
Etzioni plädiert für einen Prioritätenwechsel weg von Konsum und Karriere hin zum Kind.
Die Schlüsse die Etzione daraus für die zukünftige Entwicklung zieht lauten:
Kombination von freiwilliger Bescheidung durch Konsumverzicht mit einem ressourcenschonenden Streben nach Quellen der Zufriedenheit jenseits rein materieller Ansprüche. Diese Quellen liegen für Etzioni in der Familie, im Ehrenamt oder in der Religion463 - eine Konzeption, die in einigen Zügen auch bei Giddens wieder aufgegriffen wird, allerdings begründet mit der Endlichkeit natürlicher Ressourcen und dem Wandel am Arbeitsmarkt.
Das zweite Instrument zur Erneuerung der Gemeinschaft ist für Etzioni dieStimme der Moral.: Als zentrales Mittel zur Umsetzung der kommunitaristischen Programmatik dient der moralische Dialog als ein Verständigungsprozess über Werte.
Eine weitere Maßnahme gegen den Niedergang der Familie sieht Etzioni in einer Gesetzesänderungen in Bezug auf Scheidungen. Er fordert eine Erschwerung von Scheidungen und eine Vorbereitungszeit vor der Eheschließung. Auch sollen Arbeitsprozesse in den häuslichen Bereich rückverlagert werden.
„Festzuhalten ist, dass eine Gesellschaft der gesteigerten
Reflexivität
höhere Selbständigkeit des Handelns und größere Verantwortung
erfordert.“564
Etzioni spricht explizit nicht von einer Zeit des moralischen Niedergangs, weil er Individualisierung nicht mit Egoismus und gesellschaftlicher Atomisierung gleichsetzt. Seiner Auffassung nach greift der Versuch der Wiederbelebung der Gemeinschaft zu kurz. Ein bloßer Rückgriff auf Traditionen ist nicht möglich, um die sozialen Probleme der Gegenwart zu lösen. Die wahre Lösung liegt in der Aktivierung und Intensivierung von Demokratisierungsprozessen,586 die im Kern bedeuten, dass Familie, Nachbarschaft oder auch regionale Gemeinschaft neu „erfunden“ werden müssen.587 Weil eine Renaissance der traditionellen Familie nicht zu erwarten ist, schlägt Giddens statt dessen Verträge für die Eltern-Kind-Beziehungen vor, in denen die gegenseitigen Rechte und Pflichten festgeschrieben werden. In einer flexiblen und selbstbestimmten Welt sieht Giddens darin eine Chance, Demokratisierungsprinzipien auf die Familie zu übertragen. Dieses Konzept bezeichnet er als „emotionale Demokratie“.588
Gerade Fukuyama, aber auch Etzioni haben sich in ihren Texten ausdrücklich gegen eine solche Vertragsschließung zwischen Familienangehörigen gewandt, um die Rationalisierung der sozialen Beziehungen zu vermeiden.
Dieses Modell der "Verhandlungsgemeinschaft" wird ja auch seit längerem für die Gestaltung der Zweierbeziehungen empfohlen ... und es könnte wohl sein, dass es zur "Vermarktwirtschaftlichung" und emotionalen Erkaltung derselben deutlich beigetragen hat. (s. Klimts Frauenbild). Generell scheint mir Etzionis Idee doch etwas arg moralisierend ... was wenig Erfolg verspricht. Das Erschweren von Scheidungen z.B., also Zwang zum Zusammenleben, dürfte kaum die zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern und eben so wenig die wirtschaftliche Unsicherheit korrigieren und die Kosten für Familien senken, also wenig dazu beitragen, die Geburtenzahlen zu fördern.
Für Giddens dagegen sind Handeln und Entscheiden zentrale Bausteine seiner Theorie.
An einer Stelle schreibt Giddens, dass Globalisierung „Handeln auf Distanz“ bedeutet. Handeln, so Giddens weiter, kann nur auf Wahl und Entscheidungen beruhen. - ... ist also immer frei!
Der Zusammenhang zwischen Alltagsentscheidungen und der Welt wird enger. Gerade im posttraditionalen Kontext ist die Fähigkeit zu Wahl, Auswahl und Entscheidungen konstitutiv für Identität, Gesellschaft und Zusammenleben.
Giddens argumentiert, dass Handeln und Autonomie für den Einzelnen nur möglich sind, wenn die sozialen Beziehungen auf Vertrauen aufgebaut werden.
Da Vertrauen in andere und die Gesellschaft aber aufgrund der Enttraditionalisierung nicht mehr in bestimmten Bahnen vorgegeben ist, muss es sich heute um aktives Vertrauen handeln.
Damit die Funktionsfähigkeit des Alltages aufrechterhalten werden kann, ist das Individuum gezwungen, diesen abstrakten Systemen zu vertrauen, ohne sie im Detail verstehen zu können. Umso mehr kann wachsendes Misstrauen in eines oder mehrere dieser Systeme zu Krisen oder sogar zu Zusammenbrüchen führen (mangelndes Vertrauen in die Wirtschaft oder den Sozialstaat usw.).
Für Giddens kann die posttraditionale Gesellschaft nur dann funktionieren, wenn nicht mehr in jedem Fremden ein Feind gesehen wird, also grundsätzlich ein gewisses Maß an Vertrauen vorhanden ist.581 In dieser Haltung kommt der Unterschied zu Huntingtons Ansatz deutlich zum Ausdruck.
Wir haben in diesem Konzept also zwei Probleme, von denen das eine unter "Von Volksmeinung zu Volkswissen" bereits behandelt wurde. Das Fazit dort war:
Zur Förderung des Volkswissens brauchen wir eine andere Form des Wissenstransfers, nämlich:
mehr selbständiges Lernen statt top-down, und vor allem,
mehr dialogisches Lernen.
Die Wissenschaften müssen für die Bürger wieder verständlich - und damit erst kritisierbar werden.
Die Wissenschaftler müssen wieder auf den Marktplatz um ihre Thesen zu verteidigen!
Aber vor allem:
Wir sehen, dass auf der Angebotsseite bereits einiges vorhanden ist, wenn auch etwas PR-lastig.
Zu fördern wäre also die Nachfrage:
Die BürgerInnen müssten in Sachen Politik wie Wissenschaft vermehrt auf sachliche Argumente bestehen, statt sich mit populistischen Plattitüden abspeisen zu lassen.
Das zweite, unter Identität I behandelt, macht uns deutlich, warum es keinen Weltfrieden gibt: Weil wir zwischen guten und bösen Völkern und Staaten zu unterscheiden glauben können.
Individualismus und freie Wahl des Lebensstils sind heute aber unabdingbare Elemente der Freiheit und des Wohlstandes. Eine Dressur auf Werte, die von "alten" "Experten" ausgelesen werden, wäre nur per Konzentrationslager durchführbar ... und das hatten wir ja schon mal. Homogenität, Berechenbarkeit, ist von äusserstem Interesse für die Vermarktung, da es dieselbe erleichtert ... widerspricht aber der (menschlichen) Natur - und vor allem jeglicher Definition von Freiheit:
Mit der Verengung der Perspektive auf kulturelle Faktoren und der Betonung von Gemeinschaft und Moral wird bei Fukuyama, Huntington, Barber und Guéhenno fast gleichermaßen ausgeblendet, dass auch Individualismus und Rationalität Kernelemente der Moderne und der westlichen Kultur sind.
Heterogenität ist für Dahrendorf zudem ein unabdingbarer Bestandteil jedes Staates, weil diese mit Toleranz und Freiheit verbunden ist. Hier liegt ein Unterschied zu den Positionen der ersten Diskursphase, in der die Homogenität im Vordergrund steht. Hinzu kommt, dass alle drei Autoren die Forderung nach Experimenten für eine neue Politik und Gesellschaftsform erheben, die sie ebenfalls am ehesten auf der lokalen Ebene ansiedeln. Ihr zentrales Plädoyer für autonomes individuelles Handeln, Selbstorganisation und Partizipation lässt sich ebenfalls anschaulicher an der lokalen als an der globalen Ebene darstellen.
Die globale Kultur wird bei Albrow im Gegensatz zu Barbers These nicht durch Homogenisierung bedroht, sondern zeichnet sich gerade durch die Koexistenz und Mischung von Stilen, Genres und kulturellen Ausprägungen aus. Kulturelle Vervielfältigung ist die Folge. Besonderes Merkmal der sozialen Beziehungen im Globalen Zeitalter ist die Wahlmöglichkeit und die Freiheit, Entscheidungen über Bindungen und Lebensstile zu treffen. Die Wahl der Beziehungen wird heute - laut Albrow - zu einem Bestandteil der Suche nach der persönlichen Identität, wobei Werte, Glauben und Vertrauen durchaus eine große Rolle spielen.722 Der Einzelne kann somit in mehreren „Welten“ gleichzeitig leben, muss aber eben immer wieder eine Auswahl aus der existierenden Vielfalt treffen, so dass das Leben zu einem individuellen Experiment wird.723 Diese Sichtweise vertreten ebenfalls Giddens und Beck. Die Kehrseite davon beschreibt Rifkin anhand des neuen globalen Menschentypus, der zum „proteischen“ Menschen mit einem multiplen, relationalen Selbst je nach realer oder virtueller Lebenswelt wird.724 Da die Menschen dennoch versuchen, eine vertraute Umgebung und stabile Lebensbedingungen herzustellen, müssen sie herausfinden, inwieweit sie bestimmte Werte mit anderen teilen können.
Die dringend zu beantwortende Frage betreffend der beruflichen Identität lautet:
Muss der Mensch in die Wirtschaft passen, muss er so konstruiert sein, dass er der Wirtschaft passt -
oder muss die Wirtschaft den Menschen passen,
also so konstruiert sein, dass sie ein gutes und angenehmes Leben erlaubt?
Fazit aus: http://www.brainworker.ch/Politik/interessen_moral.htm
Massen können billiger bedient werden, werden also gefördert - Netwerke sind leichter zu managen, da man sich nicht um die Löcher zu kümmern braucht
Benjamin Barber [ „Jihad Vs. McWorld“] äussert ähnliche Bedenken wie ich sie im ersten Beitrag zur Globalisierung formuliert habe als - Verlust des richtigen Massstabes. Er zeigt allerdings, dass nicht bloss der Massstab verloren ging, sondern alles was der Wirtschaft und Politik Form gab:
Die Wirtschaft ist den Grenzen des Nationalstaates und damit der Politik entwachsen und kann aufgrund fehlender globaler demokratischer Instrumentarien nicht mehr reguliert werden. Dadurch wird der Kapitalismus zum „entfesselten, „wilden“ Kapitalismus“.245 Barber umschreibt dies plastisch mit „we have removed capitalism from the institutional „box“ that has ... domesticated it“.246 Die Folgen davon sind globalisierter Konsum, Kommerz und Werbung. Sie produzieren eine weltweite Massenkultur, in der alle Unterschiede eingeebnet sind.
Jean-Marie Guéhennos zeigt in „Ende der Demokratie“ , warum Demokratie, obwohl sie immer mehr Engagement erfordern würde, wegen Desinteresse schwindet:
Guéhenno sieht voraus, dass es zu einer „Japanisierung“ der Gesellschaft kommen werde, da Entscheidungen immer mehr zerlegt und dezentralisiert würden. Konfliktlösung würde dadurch erleichtert, denn es gehe nicht mehr um Prinzipien, sondern nur noch um Kleinstentscheidungen, an denen alle Betroffenen beteiligt sind.326
Der Bürger wandle sich zum anspruchsvollen Kunden, so dass der Staat zum Dienstleister degradiert werde.3 Entscheidend ist jedoch nicht der Besitz von Wissen und Information, sondern der Zugang zum Netz und der Austausch der Informationen.356 Wichtig ist der perfekte Informationsfluss, wie er etwa in den neuen transnationalen Unternehmen zu beobachten ist. Diese werden bei Guéhenno zum Symbol der neuen Welt.357 Informationen werden zur Grundlage der Macht, die bereits Barber als das „schwarze Gold“ der neuen Zeit bezeichnet.358 Der neue Machthaber wird der Vermittler und Makler von Informationen sein
Damit es eine stabile Gemeinschaft als Grundlage der Demokratie geben kann, braucht es laut Guéhenno eine Balance zwischen „Identität und Funktion“. Fehlt die Identität, kommt es zu einem Übergewicht der funktionalen Aspekte und Zielsetzungen, wie Guéhenno sie etwa in dem Übergewicht der europäischen Bürokratie sieht. Fehlt auf der anderen Seite aber eben gerade eine funktionale Definition, kann es zur Überbetonung der Identität als „Ersatzzielsetzung“ kommen, was sich dann in einem separatistischen Nationalismus ausdrücken kann.377 Religion, befürchtet Guéhenno, könne daher zur Kompensation für die Rationalität des imperialen Zeitalters werden.378
Womit wir bereits bei dem Thema der Zeit wären: Islamischer Terrorismus, Kampf der Kulturen etc. Diese haben ihren Ursprung nicht nur im Bedarf eines äusseren Feindes, um den innern Frieden zu sichern, sondern die Sorgen sind zum Teil verständlich und akzeptabel, da jede Gesellschaft eine Kultur braucht die Orientierung bietet, also über eine gewisse Verlässlichkeit verfügt und nicht all zu fluide ist.
Als Reaktion auf die Ende-Paradigmen der ersten Diskursphase entstehen ab Mitte der 1990er Jahre die Konzepte von Anthony Giddens, Amitai Etzioni und Martin Albrow, wobei Giddens und Etzioni ihre Programmatik jeweils in mehreren umfangreichen Texten auf- und ausbauen. Zur selben Zeit veröffentlichen die Publizisten Jeremy Rifkin und Viviane Forrester ihre Bücher zum Thema Arbeit und Arbeitsgesellschaft.423 Nach wie vor dominieren Autoren aus dem anglo- amerikanischen und französischen Raum den Diskurs. Im Gegensatz zur ersten Diskursphase ist die zweite Phase zweigeteilt. Sie zeichnet sich auf der einen Seite durch eine Spezifizierung der Positionen und auf der anderen Seite durch eine Gegenpositionierung zu den Paradigmen der ersten Phase aus.
Forresters Essay „Der Terror der Ökonomie“ knüpft an die bei Giddens aufblitzende These vom Ende der Arbeit an, erweitert sie aber zu einem engagierten, fast wütenden und daher manchmal undifferenzierten Plädoyer gegen die Kräfte des globalen Kapitalismus.7
Ihre Sorge bezieht sich stark auf die Jugendlichen, vor allem in den Pariser Randbezirken, die ohne Perspektive auf Arbeit aufwachsen, gleichzeitig aber in den Koordinaten eines Wertesystems erzogen werden, das alleine auf Arbeit, Kontinuität und Langfristigkeit ausgerichtet ist.
Der Lebensalltag sei jedoch geprägt von Kurzfristigkeit, Mobilitätszwang und zunehmender Flexibilisierung. Zudem suggerieren Werbung und Konsum eine schöne Scheinwelt, die für die jungen perspektivlosen Menschen nie zu erreichen ist.789 Diese Aspekte tauchen bei Sennetts Konzept des „flexiblen Menschen“ wieder auf.
Wie Forrester und Giddens stellt auch Rifkin die These auf, dass aufgrund der Technologisierung die Arbeit ausgehen wird, weil durch neue Arbeitsbereiche wie etwa den Dienstleistungsbereich nur ein Bruchteil der Arbeitslosen aufgefangen werden könne. Auch der Informations- und Wissensbereich kann künftig nur die „Kopfarbeiter“ an sich binden.806 Rifkin konstatiert wie Forrester:
Seit der Moderne bemisst sich der Selbstwert des Menschen durch seine Arbeitskraft.807 So bedürfe es in der postindustriellen Zeit eines neuen ökonomischen Paradigmas, da künftig die „Informationsgesellschaft ohne Arbeit“ bevorstehe.808 Anhand vielfältiger Beispiele schildert er die Krise durch Technologisierung und den daraus folgenden Um- und Abbau der Arbeitsgesellschaft und die negativen Folgen für die Menschen.809 Seiner Analyse nach werde der Wissens-Arbeiter künftig zum Katalysator, da geistiges Eigentum wichtiger werde als Kapital - ein Gedanke, den er in „Access“ wieder aufgreift und der bereits bei Guéhenno formuliert wurde.810 Das bedeutet für Rifkin, dass die dritte industrielle Revolution mit den Gefahren der Exklusion und Spaltung einhergeht und global destabilisierend wirkt.811 Er zeichnet das Bild von der „Fabrik ohne Menschen“.
Zudem sagt Rifkin den Übergang von der Produktion zum Marketing voraus, was zur Folge haben werde, dass Marketingleute u nd Makler aufgrund der kommunikativen Vernetzung die Rolle von Schulen, Kirchen, sozialen Interessensgemeinschaften, nachbarschaft- und staatsbürgerlichen Institutionen übernehmen werden. Sie bekämen damit die Macht, Inhalte aller Art zu interpretieren und zu reproduzieren sowie kulturelle Äußerungen zu kreieren.792 Damit sei der Übergang vom materiellen zum kulturellen Kapitalismus vollzogen, weil dieser sich die Bedeutungen des kulturellen Lebens und die dazugehörigen Kommunikationsformen sowie die gelebten Erfahrungen zu eigen mache.
Unterhaltungsindustrie und globaler Erlebnistourismus dienen als Beispiele. Rifkin wendet auf den ersten Blick die Befürchtungen von Forrester und Barber - und wie zu zeigen sein wird von Sennett - ins Sachliche, indem er schreibt, dass künftig für den proteischen Mensch Kurzlebigkeit, Spontaneität, Authentizität und Emotionalität, Zeit-Sharing und Mobilität konstitutiv sein werden.798 Phantasie, Vergnügungen, Scheinwelt, Erleben und Spiel treten an die Stelle von Geld, Eigentum und Besitz. Rifkin formuliert die These, dass im Zuge des Wandels vom materiellen zum kulturellen Kapitalismus der Arbeitsethos (Moderne) vom Spielethos (Vor- und Postmoderne) abgelöst werde, da Spielen die grundlegende Handlung bei der Schaffung von Kultur sei.799 Politisch bedeutet dies, dass die Menschen künftig die Souveränität des Konsumenten mit demokratischer Freiheit sowie Einkaufszentren mit dem öffentlichen Raum gleichsetzten.
Die Welt werde zur Bühne, um das Ich permanent zu inszenieren.
(Was psychologisch präzise bedeutet, dass das Ich durch die Rolle definiert wird - statt umgekehrt - was logischerweise die Identitätsfindung und -bildung fast verunmöglicht, also Massen an Spinnern erzeugt die Rolle mit Realität und Identität verwechseln. Könnte sich irgendwann rächen ... )
Vor allem die Angst,
aufgrund von Arbeitslosigkeit „nichts zu
tun zu haben“
und damit nutzlos zu sein, beherrscht die Menschen
Die Globalisierung hat nebst dem Hauptfaktor, der heute fast beliebigen Grösse und Dominanz, die eine Firma anstreben kann, aber noch weitere Faktoren freigesetzt, die Probleme verursachen:
Die Macht der Unternehmen liegt nach Beck gerade darin, dass sie Arbeitsplätze exportieren, Produkte und Dienstleistungen arbeitsteilig global erzeugen und Nationalstaaten wie Produktionsstandorte gegeneinander ausspielen können. Nachdem die global agierenden Unternehmen zwischen Investitions-, Produktions-, Steuer- und Wohnort entscheiden und diese gegeneinander ausspielen können, entstehen zusätzliche Handlungs- und Machtchancen jenseits des politischen Systems - und dies ohne Entscheidungen der politischen Institutionen.
Persönliche Verantwortung: Verantwortung gehört zur Freiheit wie die Zahl zum Kopf auf der Münze. Allerdings sollte man nur für Dinge persönlich verantwortlich gemacht werden (können), auf die man persönlich einen Einfluss hat oder hatte. Heute findet sich aber das Individuum in eine von Sachzwängen derart durchsetzte Umgebung geworfen, dass er nur mit Mühe seinen Weg durch dieses Dorngestrüpp findet. Und die grössten Dornen sind nicht von der staatlichen Bürokratie gezüchtet worden:
Wirtschaftliche Maßnahmen wie Rationalisierungen, Flexibilisierung und unternehmerisches Profitstreben, die der Logik des globalen Kapitalismus folgen, können berufliche Brüche für den Einzelnen bedeuten, die er nun zu seiner eigenen Geschichte macht, für die er alleine verantwortlich ist. Scheitern wird somit zur persönlichen Sache, das ökonomische System kann sich seiner Verantwortung entziehen. Gelingt es dem Einzelnen nicht mehr, aufgrund der erfahrenen Krisen und Brüche ein kohärentes Selbst auszubilden, empfindet er dieses als eigenes Versagen.
Präzise hier, bei der immer mehr fehlenden persönlichen Verantwortung der Unternehmer, ihrer Vertreter, der Manager und ihrer Berater, der Konsulenten, sieht Sennet eines der grössten Probleme. Zwar haben "flache Hierarchien" zu mehr "Verantwortung" geführt bei wenigen, durch die Ausschaltung der Zwischenstufen und ihrer Erfahrung wurden aber auch die Interpretationspielräume verengt, und zudem Entscheidungen immer mehr zentralisiert. Bei den meisten Betrieben werden die Leistungs-Ziele ja vorgegeben ... während z.B. bei Toyota Teams ihre Produktionsziele selbst festlegen können. Noch ausgeprägter sind diese Freiräume im Modell SEMCO, wo die Mitarbeiter einer Produktionslinie sogar ihre Chefs selbst wählen und beurteilen können. In den meisten Topetagen jedoch wurden Systeme entwickelt, durch die sich die Führung der Verantwortung fürs Scheitern entziehen - sich aber tolle Bonis für Gewinne ausbezahlen kann ... sogar wenn diese gar nicht reinkommen.
Bildung: Dies gilt auch und gerade in dem Bereich, wo praktisch Einstimmigkeit herrscht zwischen links und rechts, zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen Elite und Volk: Der Bildungsfrage. Trotz dieser einstimmigen Betonung der Bedeutung der Bildung, ist die berufliche Tätigkeit sehr oft glattweg verdummend und dequalifizierend - statt fördernd:
Denn mit neuen Technologien gingen in der Regel weitere Rationalisierungen sowie eine Dequalifizierung der Arbeiter einher. Hier wählt Sennett zur Veranschaulichung das Beispiel einer Großbäckerei, in der im Laufe der Zeit der Bäcker als Handwerker durch den am Computer angelernten Zeitarbeiter ersetzt, das gelernte Handwerk somit zum computergesteuerten, fachkenntnislosen Job degradiert werde.857 So fördere die flexible Ökonomie heute weder das Wachstum persönlicher Qualifikationen und langfristiger Ziele noch soziales Vertrauen, Loyalität und Bindungen.
Auch hier sieht Sennet im handwerklichen Können, in der Liebe zum Fach, im Ehrgeiz, etwas gut zu machen, die unverbrüchliche Stütze gesellschaftlicher Identität, womit er sein konservatives Arbeitsethos gegen die Ansprüche einer schneller gewordenen Welt verteidigt. [Daniel Binswanger: Unfreie Zeit. Das Magazin. 24/2007]
Loyalität und Erfahrung brauchen Kontinuität - was aber gefordert wird ist Flexibilität (die zudem eher bestraft als belohnt wird - insbesondere wenn diejenigen mobil werden, von denen man es sich nicht wünscht)::
So werde Mobilität innerhalb eines Landes positiv konnotiert und von den Menschen im Zuge der globalisierten Wirtschaft politisch gefordert. Gleichzeitig werde aber Migration, also Mobilität über Landesgrenzen hinweg, negativ konnotiert.
Beruflich lautet das Motto: „Wer sich nicht bewegt, ist draußen.“834 Loyalität hingegen erfordert die Akkumulation von persönlichen Erfahrungen in einer Institution oder in einem Umfeld. Vertrauen, Verpflichtung und Identifikation bedürfen der Kontinuität und Erfahrung. Abfolge von Lebensabschnitten definiert wird, das heißt, über sie das Leben erst zur Lebenserzählung wird.840 Im flexiblen Kapitalismus kann das Arbeitsleben aufgrund der durch Flexibilität und Kurzfristigkeit verursachten Brüche und Auszeiten nicht mehr als Karriere wahrgenommen werden, wodurch diese als Lebenserzählung und Lebensziel zerfällt.841 Zur Veranschaulichung greift Sennett immer wieder auf das Beispiel von amerikanischen College-Absolventen hin, die in ihrem Berufsleben bis zu elfmal die Stellung wechseln müssen.842
Hinzu kommt die Verschiebung innerhalb der Arbeitswelt hin zu den Jüngeren, wodurch lebenslange Karrieren zusätzlich entwertet werden.
+ Die diffuse Macht der undurchschaubaren Netzwerke
Zum anderen weist Sennett - ähnlich wie bereits Barber und Guéhenno - auf eine neue Form der Machtausübung im flexiblen Kapitalismus hin: So sei zwar Flexibilität heute positiv konnotiert, ermögliche aber auch eine neue Macht- und Kontrollstruktur. Indem Netzwerke und Teams im Rahmen von flachen und flexiblen Strukturen in der Wirtschaft eingeführt würden, könne eine Konzentration der Macht erfolgen, ohne die Zentralisierung sichtbar und durchschaubar zu machen.848 Neue Begriffe wie Out-Sourcing oder Re-engineering trügen zur Verschleierung der Machtstrukturen bei - eine Ansicht, die auch Rifkin - und wie zu zeigen sein wird, auch Gorz - vertreten. Für Sennett ist damit allerdings ein Schwinden von Vertrauen, Arbeitsmoral und Motivation sowie der Identifikation mit dem Arbeitgeber zu beobachten.849
Global cities als Herrschaftszentren: Dort wo die Netzwerke zusammenlaufen, werden einzelne Knoten sichtbar:
Neu an der aktuellen Entwicklung ist, dass bestimmte Einflüsse heute von einer Vielzahl von Zentren ausgehen - und zwar nicht mehr nur von den Regierungssitzen und Hauptstädten, sondern auch von finanziellen Zentren wie Frankfurt am Main oder New York, kulturellen Zentren wie Hollywood oder auch vom internationalen Finanzsystem, das allerdings ortlos ist.734 Aufgrund dieser Entwicklung ist eine Ausweitung des Staatsbegriffs notwendig. Die Welt zeigt sich jenseits der Organisationsform Nationalstaat polyzentrisch, entnationalisiert und dezentral.
Virtuelle Steuerzahler
Als problematisch bezeichnet Beck in diesem Zusammenhang - wie bereits im Kontext der Arbeitsgesellschaft - die „virtuellen Steuerzahler“, zu denen er auch globale Unternehmen zählt, die zwar Leistungen des Gemeinwohls und des Sozialstaates in Anspruch nehmen, diese aber durch gleichzeitigen Entzug ihrer Steuern untergraben. Damit entziehen sich die wirtschaftlichen Entwicklungen immer mehr der Kontrolle des Nationalstaates und entledigen sich ihrer Verantwortung für die Demokratie. Die sozialen Folgen in Form von Arbeitslosigkeit, Migration und Armut werden im Gegenzug auf den Sozialstaat abgewälzt. So bezahlen letztendlich in diesem „kapitalistischen Nullsummenspiel“ die Globalisierungsverlierer die Rechnung für eine funktionierende Demokratie.1143
s. Der Sozialstaat und seine Kosten
Während dem also die Wirtschaft dank Globalisierung den Markt durch Grösse und Macht beherrscht, dank der Konzentration auf rentable Netzwerke sich nicht um die unrentablen Löcher in der Fläche kümmern muss, schafft sie neue soziale Klassen.
die sogenannte Kolumbus-Klasse, bei Dahrendorf die „globale Klasse“, die aus den Eignern des global agierenden Kapitals und
ihren Helfern besteht.
Die nächste Gruppe stellen die sogenannten prekären Hochqualifizierten dar, nämlich akademische Zeitarbeiter, Scheinselbstständige und Selbstunternehmer.
Die dritte Gruppe besteht aus den Working Poor, die gering verdienend, weniger gut qualifiziert und durch die Automatisierung gefährdet sind.
Auch Dettling entwirft wie Beck ein Szenario für die künftigen gesellschaftlichen Gruppen, die er in
Elite-Samurais bzw. Brainworker: Für diese Gruppe bleiben Arbeit und vor allem Karriere die Mitte des Lebens, mit allen neuen Risiken und Chancen. Sie sind die Gewinner des aktuellen Wandels.
Normalarbeiter: Diese Gruppe arbeitet weiter in Vollzeit, hat ein gutes und regelmäßiges Einkommen, das allerdings nicht mehr automatisch wächst. Diese Gruppe ist klein und potentiell mit einer Deklassierung konfrontiert.Neue Selbstständige mit Blick nach oben sowie mit Blick nach unten
Unterklasse:. Die dritte und vierte Gruppe besteht aus den neuen Unabhängigen, die weniger arbeiten und weniger verdienen, Brüche im Lebenslauf hinnehmen bzw. sich mit diesen zu ihrem Vorteil arrangieren. Sie sehen neue Chancen in mehr Kreativität, Eigenverantwortung und Freiheit, betrachten sich als unabhängig und kooperativ. Die Kehrseite hierbei sind die sogenannten Lebenskünstler, deren Existenz prekär und daher vom Absturz bedroht ist. Die Unterklasse schließlich wächst an und besteht aus denen, die nicht mehr gebraucht werden. Ihr Schicksal ist die soziale Exklusion - ein Aspekt, der den gesamten Diskurs durchzieht.
Da Sennetts Thesen explizit die Warnung an Europa sein sollen, nicht unreflektiert den amerikanischen Weg einzuschlagen - eine Warnung, die auch Rifkin ausspricht. Zu Recht, denn wer in diesem "Gelobet sei der Wettbewerb über alles und ohne Grenzen-Modell" das Pech hat, nicht zum Netzwerk zu gehören sondern durch die recht weiten Maschen zu fallen der wird:
überflüssig
nutzlos
verachtet
arm
bevormundet
und ev. dann sogar verpflichtet, zu:
ZwangsarbeitDas für die Betroffenen schwierigste Problem ist die Tatsache, dass sie eigentlich keine Klasse bilden, dass ihnen eine gemeinsame Plattform fehlt, weil sie bereits keine gemeinsamen Interessen sehen. Sie sind eine Menge ohne Gestalt. Das ist das Problem der Linken, dank dessen die Rechte meist recht ungestört regieren kann.Mit Blick auf die Verlierer und die Funktion der Arbeit kommt Dahrendorf zu dem Schluss, dass Arbeit immer mehr zu einem Instrument der sozialen Kontrolle werde. Habe sie bislang bereits das gesellschaftliche Leben strukturiert, entstehe nun durch die Auflösung der Normalarbeitsbiographien eine „gefährliche Leere“, die den sozialen Zusammenhalt gefährde und in den Konzepten des „Dritten Wegs“ einer Kontrollfunktion den Weg ebne.1314 Für ihn birgt dieses Konzept die Gefahr des Autoritarismus, weil hier Rechte und Pflichten zu einer „illiberalen These“ verquickt würden.1315 Rechte und Pflichten könnten aber gerade nicht voneinander abhängig gemacht werden, weil der Bürgerstatus - und um diesen gehe es an dieser Stelle - nicht an die Erfüllung von Bedingungen geknüpft werden dürfe:1316 „Doch wäre es eine merkwürdige Perversion der Thesen, (...) wenn das Reich der Notwendigkeit sozusagen als Waffe benutzt würde, um das Reich der Freiheit zu beschränken. Arbeitszwang ist wie jeder Zwang ein Schritt in die Unfreiheit. Wir sollten den Zynismus des Mottos nicht vergessen, das über den Toren von Nazi-Konzentrations- und Todeslagern stand: „Arbeit macht frei“.
Forderungen an die neue Ordnung
Etwas ungeschickt, aber weil das der grösste Brocken ist, erst mal, warum die neue Ordnung nicht als Erweiterung einer alten stattfinden kann:
Weder UNO noch EU können als Modell dienen:
Das Ziel könne nicht ein Weltstaatsein, der wie ein vergrößerter Nationalstaat funktioniere.618 Mit dieser Position befindet sich Giddens wiederum auf einer Linie mit Guéhenno und Albrow. Fest steht für ihn, dass der „Fortschritt der Demokratie in jedem Fall mit sozialer Solidarität verbunden werden muss“.
Auch der EU in ihrer jetzigen Form steht Albrow kritisch gegenüber. Ihre Schaffung sei abseits der Bedürfnisse der Menschen erfolgt und habe Formen eines „bürokratisch organisierten Projekts” angenommen.
So komme es zu einer multikulturellen Wertediskussion, jedoch ohne eine Autorität zur Moderation.
Wie auch Zürn und andere bedient sich Dahrendorf des Beispiels,
dass die EU, würde sie um Aufnahme in die EU ersuchen,
aufgrund ihres Demokratiedefizits und der mangelnden Transparenz
nicht aufgenommen werden würde.Mit Blick auf die bereits bestehenden internationalen Institutionen wie UNO oder Internationaler Strafgerichtshof spricht Habermas dann zwar von deren Möglichkeiten und den damit verbundenen Hoffnungen, sieht in ihnen aber keine adäquaten funktionsfähigen politischen Steuerungsinstrumente.1463 Er prognostiziert eher eine Verschärfung der auf EU-Ebene bereits bestehenden Koordinationsprobleme auf der globalen Ebene,1464 da die politische Handlungsfähigkeit einer Weltregierung und eine entsprechende Legitimationsgrundlage fehlen. Die UNO sei eine lockere Gemeinschaft von Staaten, der die Qualität einer Gemeinschaft von Weltbürgern fehlt, zudem sie auf elementare funktionale Ordnungsleistungen im Bereich von Sicherheitsfragen beschränkt ist:1465 „Schon die Wünschbarkeit eines solchen Weltstaates ist fragwürdig.“1466 Mit implizitem Rückgriff auf die Theorie des kommunikativen Handelns und die deliberative Demokratietheorie sowie deren Logik plädiert Habermas insgesamt gegen einen Weltstaat, wie es auch Albrow tut.1467
So beschreibt Habermas die EU als eine durch völkerrechtliche Verträge begründete supranationale Organisation ohne eigene Verfassung.1470 Sie ist kein Staat, schafft aber gleichzeitig über ihre Organe europäisches Recht, das in die Hoheitsrechte der Mitgliedsstaaten eingreift. Hier liegt für Habermas der Ursprung des europäischen Demokratiedefizits, das durch die Dichte der europäischen Entscheidungen, die Undurchsichtigkeit ihres Zustandekommens und die fehlende Gelegenheit für die Betroffenen, sich an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen, verstärkt wird (Aspekt der Inkongruenz).1471 Dazu addiert sich der Mangel einer europaweiten Solidarität, so dass ein nationalstaatlich motiviertes Misstrauen gegeneinander entstehen kann. Diese Einschätzung teilt Guéhenno.
1472 Zu dem Demokratiedefizit gesellt sich also ein Legitimationsdefizit, weil es in Europa keine europaweit integrierte Willensbildung der Bürger sowie noch keine europäisch vernetzte Zivilgesellschaft, keine politische Öffentlichkeit und keine gemeinsame politische Kultur gibt.1473 Ohne dieses demokratische Fundament drohe die Gefahr, dass sich die supranationalen Entscheidungsprozesse weiter von denen der nationalstaatlichen Meinungs- und Willensbildung abkoppeln.
Neben den europaweit geregelten Verfahren ist aber zugleich eine Praxis der öffentlichen Willens- und Meinungsbildung notwendig, die sich aus der europäischen Bürgergesellschaft1479 speist und in europäischen Arenen stattfindet „Während der bourgeois längst in übernationalen Kategorien denkt und handelt, ist der citoyen noch im nationalen Rahmen gefangen.“1592 So kommt es zu der paradoxen Situation, dass die Bedeutung der internationalen Institutionen heute höher ist als ihre Legitimität, weil sie einerseits die Lebensbedingungen in den westlichen Industrieländern bereits mitbestimmen, andererseits aber keine ausreichenden Einflussmöglichkeiten auf diese Art der Politikgestaltung vorhanden sind.1593 Zürn
623 Eine sozial gerechte Umverteilung von Reichtümern und der Schutz der Schwachen müssen gewährleistet bleiben, ohne jedoch eine aktive Form der Selbsthilfe zu behindern - eine Tendenz, die Giddens in den westlichen Wohlfahrtsstaaten auszumachen glaubt. In der Nachknappheitsgesellschaft werden Fragen der Lebenspraxis und Lebensstile entscheidend sein, wobei der bestimmende Einfluss der Lohnarbeit und der ökonomischen Belange in Frage gestellt wird.628 Wesen und Rolle der Arbeit müssen in ein neues Verhältnis zu sozialer Solidarität und lokalen Traditionen gesetzt werden.
Wichtigste Aufgabe dieser "Kosmo-Politik" ist es, das richtige Mass zwischen fixen Ideen, pardon, Werten, und aktueller wie lokaler/regionaler Interessenpolitik zu finden. Dass Demokratie unter Beteiligung aller stattfinden sollte tönt etwas wie ein Pleonasmus (weisser Schimmel), zeigt aber auch, wie stark wir uns schon gewohnt sind, andere für uns reden und entscheiden zu lassen. Interessant an der folgenden Liste der Anforderungen an eine kosmopolitische Demokratie ist die Betonung des Dialogs, der Kommunikation - und zwar bis auf die unterste Ebene der Politik, die lokale. Eine erfolgreiche Weltinnenpolitik kann also nicht von Expertengremien internationaler Institutionen entwickelt werden, sondern braucht die Beteiligung der Menschen, die von den Entscheiden betroffen sind. Auch hier wieder ein klares Votum gegen die wenig vorbildlichen Strukturen der UN oder EU - eine Forderung nach "mehr Schweiz":
Demokratie muss weiterentwickelt und damit demokratisiert werden - unter Beteiligung aller. In dieser Einschätzung spiegelt sich eine gegensätzliche Position zu Fukuyama wider, der nicht eine bloße Demokratisierung fordert, sondern vor einem Zuviel an Demokratie und Gleichheit warnt.600 So zeichnet sich der Alltag mittlerweile nicht nur durch eine neue Form der Offenheit aus, sondern er werde laut Giddens durch die sogenannte Sub-Politik umgestaltet, die sich nicht mehr in den Arenen der traditionellen Politik bewegt. Demokratisierung verbindet Giddens mit Kommunikation. Dieser Begriff ist ein zentrales Element seiner Programmatik und Vision.602 Um mit individuellen oder kulturellen Unterschieden umgehen zu können, bedarf es des Dialogs.603 Dieser soll dann wiederum die Politik prägen. folgende Agenda auf, die eine kosmopolitischen Demokratie erfüllen muss:
Dezentralisierung und Subsidiarität (wie Guéhenno);
stärkere Einbeziehung der Öffentlichkeit und mehr Transparenz;
Legitimität durch Einführung von Methoden des erfolgreichen Managements (ebenfalls Guéhenno);
Demokratie-Experimente auf der lokalen Ebene in Form von direkter Demokratie (elektronische Referenden, Bürgergerichte) (wie Barber);
Beteiligung von Experten, Regierungsvertretern und Laien bei Entscheidungsverfahren;
grundsätzliches Aufzeigen einer kosmopolitischen Perspektive, die auf eine Demokratie „bottom up“ ausgerichtet ist, gleichzeitig aber auch einen Machttransfer vom Nationalstaat auf die globale Ebene umfasst.617 Bereits in den Texten zur reflexiven Modernisierung hat Giddens erste Ansätze zu dieser Vision formuliert. Dort verweist er auf die
Ablösung von Hierarchien zugunsten flexiblerer dezentraler Steuerungsformen, wobei ihm soziale Bewegungen und Selbsthilfegruppen als Vorbilder dienen.
Die wichtigsten Aufgaben die noch zu lösen sind lauten also:
Beteiligung
Legitimation
Agenda setting
Kritische Funktionen für eine neue, globale Politik: Vordenker / Wissenschaften / Intellektuelle
Diese "Denk-Elite" kann Politik eben so wenig stellvertretend für andere betreiben, wie die Palaverpolitiker. Auch sie müssen sich die Legitimation beim Volk holen, über Abstimmungen. Aber - sie könnten eine entscheidende Rolle spielen für die Legitimation, was Legitimation durch Objektivität, Wahrheit, treffende Sachverhalte betrifft. Und sie könnten das Agenda setting stärker beeinflussen. Ihr Einfluss darf aber auch nicht überschätzt werden, denn, wir wissen eine ganze Menge Dinge seit recht langer Zeit (s. z.B. global warming), und wursteln dennoch einigermassen unberührt im alten Stil weiter:
Vordenker gern gesehene Gäste und ihre Vorträge meist gut besucht, doch spiegeln sich ihre theoretischen Ansätze in den politischen Programmen und Debatten kaum wider, sondern verschwinden hinter der Mode, die Buchtitel als Schlagworte zu gebrauchen. Eindrücklichstes Beispiel für die Diskrepanz zwischen intellektuellen Angeboten und politischem Rekurs auf diese ist die Arbeitsmarktpolitik des letzten Jahrzehntes. Weder die Debatte um die effiziente Vermittlung von Arbeitssuchenden noch der allgemeine Aufschreiangesichts der Abschaffung der Vorruhestandsregelungen lassen die Politik, egal welcher Couleur, aufhorchen und darüber nachdenken, ob es mit einer besseren Vermittlung überhaupt getan ist, wenn es vielleicht gar nicht mehr genügend zu vermitteln gibt oder die offenen Stellen nicht mehr mit den Profilen der Arbeitssuchenden übereinstimmen.
So sind Wissenschaft und Politik gleichermaßen gefordert, sich gegenseitig als Verbündete zu verstehen, wenn sie tatsächlich Veränderungen erreichen wollen. Die öffentlichen Intellektuellen können zum Ideengeber für globale Belange werden, die Politik zum Mittler und Kommunikator gegenüber der Bevölkerung. Politik und Wissenschaft haben allerdings noch eine große Wegstrecke vor sich.
Nun kommen die Wissenschaftler allerdings, sobald sie Ideen vertreten und Menschen zu motivieren versuchen, in das Dilemma, dass sie vom Denken zum Handeln wechseln, das anderen Gesetzen folgt als der Logik. Des weitern ist die Idee, dass Wissenschaftler geeignet sind, komplexe Sachverhalte der Bevölkerung zu erklären, nicht all zu realistisch, denn generell bedienen sie sich einer Sprache, die von der Bevölkerung kaum verstanden wird, ja sie drücken sich recht eigentlich davor, Dinge klar auszudrücken. Auch hier ist die Diss. von Weisensee etwas speziell, denn sie hat die Sprache der Autoren bei der Analyse ebenfalls berücksichtigt, und nicht bloss die Inhalte ... und kam dadurch eben auf die Kritik, dass die Mehrzahl der Intellektuellen mit dem Wissen ist nicht wissenschaftlich (cool, distanziert) sondern zielorientiert, also propagandistisch umgeht..
So ist also zum einen zu beobachten, dass die Autoren jeweils eine schlagkräftige und zum Teil kühne These in Form eines Paradigmas formulieren (Essay) und diese dann mit einer fast unüberschaubaren Fülle an Beispielen, Daten und Fakten anreichern und zu untermauern suchen (Bücher), wobei auf Stereotypen zurückgegriffen wird. Dass dabei die Gefahr besteht, dass die Fülle der Belege nicht mehr ernsthaft zu überprüfen ist und zum Teil einer gewissenhaften Überprüfung auch nicht standhalten können, soll hier nur bemerkt, aber nicht weiter verfolgt werden. Die Ansätze sind also in einem bestimmten Umfang generalisierend, reduktionistisch, plakativ, emphatisch, relativistisch und pauschalisierend. Doch gerade daraus scheint ein Teil ihrer Schlagkraft und Faszination zu entstehen, die sie zu viel beachteten Werken machen.
Haben die Autoren der ersten Phase durch teils plakative und generalisierende Argumentationen die Gefühlsebene ihres Publikums anzusprechen versucht, appellieren die Autoren der zweiten Phase konkret an die Engagementbereitschaft ihrer Leser.
Albrow von Anfang an auf die Sozialwissenschaften und damit ein wissenschaftliches Publikum und unternimmt erst gar nicht den Versuch, an die Politik anzuknüpfen. Ihm geht es um den wissenschaftlichen Diskurs, weshalb es an manchen Stellen an konkreter fassbaren Ansatzpunkten mangelt.
Beck arbeitet metaphorisch und belebt mit vielfältigen Sprachneuschöpfungen seine Texte. Habermas hingegen formuliert technizistisch und kühl. Gemeinsam ist ihnen, dass sie an einigen Stellen ins Abstrakte ausweichen.
Barber, Etzioni und Sennett hingegen formulieren nahe am Leser und vermitteln persönliches Engagement. Bei Dahrendorf schließlich schlägt sich seine Doppelfunktion als Wissenschaftler und Politiker in der Ambivalenz zwischen Abstraktion und Konkretion in seinen Texten nieder. Was in dem Diskurs allerdings insgesamt auffällt, ist die unklare und zum Teil unsaubere Definition und Benutzung von Begriffen.
„Wenn die utopischen Oasen austrocknen,
breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus.
Habermas
Lösungsätze
Gorz argumentiert, wie bereits Forrester, Giddens, Rifkin und Sennett, dass seit der Industrialisierung eine Entwicklung stattgefunden hat, an deren Ende alle ökonomischen, sozialen und politischen Rechte an die regelmäßige Vollerwerbstätigkeit gebunden sind: der Anspruch auf volles Einkommen, die soziale Absicherung sowie das Recht auf kollektive Handlungen, Repräsentation und Organisation. Daher bedeutet der Ausschluss von der Arbeit auch den Ausschluss aus der Gesellschaft. So wird der Arbeitsplatz zum „Wert an sich“.
Man könnte das noch etwas drastischer formulieren (meine Worte, dafür kann sonst niemand was):
Wenn wir nach der Maxime verfahren, dass nicht essen soll wer nicht arbeitet - dann sind diejenigen, die andern Arbeit entziehen - Mörder.
Die prekäre Arbeit nimmt weltweit zu, wodurch die Arbeitsgesellschaft mit ihrer Leitidee der Vollbeschäftigung zu Ende geht.. Diskontinuierliche und informelle Arbeitsverhältnisse nehmen zu, so dass die Folge eine „Brasilianisierung“ des Westens ist.947 Arbeit bleibt lokal, das Kapital jedoch wird global. „Das alte und scheinbar ewige Schema „mehr Einkommen, mehr Karriere, mehr demonstrativer Konsum“ zerbricht und an seine Stelle tritt eine neue Gewichtung von Prioritäten (...). Zum Beispiel, daß die Verfügbarkeit über „eigene Zeit“ höher bewertet wird als mehr Einkommen und mehr Karriere, weil Zeit der Schlüssel ist, der das Tor zu den Schä tzen aufschließt (...): Gespräch, Freundschaft, Fürsich- Sein, Mitgefühl, Spaß usw.
Denn für ihn ist nicht die Arbeitslosigkeit das eigentliche Problem, sondern die damit verbundene Geldlosigkeit.
Albrow:
Die Globalisierung untergräbt die Annahme, daß der Nationalstaat einen dominanten Bedeutungsrahmen für seine Bürger schaffen könne, daß fortschreitende Rationalisierung fortschreitende Herrschaft über die Natur bedeute und daß die westliche Rationalität eine immanente Überlegenheit besitze. Sie verweist auf die materielle Begrenztheit des Globus und der globalen Ressourcen und erzeugt gleichzeitig eine neue Vielfalt sozialer Beziehungen. Sie ersetzt universalistische Ideen durch materielle Globalität. Für ihn heißt Modernisierung neben der territorialen Expansion auch die Expansion von Ideen, Macht und Institutionen.671 So wird das Streben nach Beherrschung von Natur, Ökonomie und Mensch zur Triebfeder der Moderne.672 Für Albrow ist ein zentrales Merkmal der Moderne der Nationalstaat, da dieser den Rahmen für die allgemeine Steuerung von menschlichen Aktivitäten durch herrschende institutionelle Strukturen abgibt.
Albrow bezeichnet die Sphären auch als „Lebensstilenklaven“, die weder umfassend funktional noch lokal figuriert sind.717 Daher ist der Lebensmittelpunkt der Menschen auch nicht mehr an einen (realen) Ort gebunden. Etzioni würde an dieser Stelle widersprechen. Die Weltgesellschaft beruht laut Albrow somit auf grenzüberschreitenden Bindungen, kann aber noch kein Gegengewicht zum Nationalstaat darstellen.718
Gorz verbindet seine Kapitalismuskritik in Anlehnung an Barber, Rifkin und Sennett mit der Kritik an der Manipulierbarkeit der Arbeitnehmer. Er geht davon aus, dass es als typisch für den Kapitalismus gelten könne, dass das Bedürfnis nach sicherem und ausreichendem Einkommen mit dem Wunsch nach Wirken und Anerkennung kombiniert wurde. Das Bedürfnis nach Einkommen wurde somit zum Vehikel für das Bedürfnis nach Erwerbsarbeit, das Bedürfnis, etwas zu bewirken aber zu dem nach Bezahlung. Der Mensch wurde also durch das System auf das Arbeitnehmersein konditioniert, das im Zentrum der Identitätsdefinition steht.881 Damit ging laut Gorz einher, dass der Einzelne nicht mehr frei über seine Zeit verfügen kann, weil er als Anbieter einer Arbeitsleistung auf Abruf je nach Interessenslage der Unternehmen zu reagieren hat Auf der einen Seite fördern Produktions - und Arbeitsweisen heute die Autonomie des Einzelnen, weil sie Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsbereitschaft und Kreativität verlangen, auf der anderen Seite fordern die Unternehmer aber gleichzeitig die Hingabe an das Unternehmen und damit eine Unterordnung.
So sei heute kein hierarchischer, sondern nur noch indirekter Druck möglich, um den Einzelne n auf die ökonomischen Bedürfnisse zu konditionieren.
So werde laut Gorz als Ersatz für den gesellschaftlichen Identitätsverlust die „Corporate Identity“ der Unternehmen konstruiert. Dabei spielen Symbolik, Ausbildung, Verhalten, Kleidung und Sprache innerhalb eines jeden Unternehmens die entscheidende Rolle.
Nachdem auch Gorz glaubt, dass die Persönlichkeit heute zum Bestandteil der Arbeitskraft und die Arbeit zum Bestandteil der Persönlichkeit wird, Arbeit also zentral für die Identität ist, besitzt man seine Arbeit und tut sie nicht nur. Gleichzeitig wird der Arbeitgeber zum Wohltäter aufgewertet, die Arbeit zum Gut und der Arbeitsplatz zu einem Privileg.
Die Lohnarbeit, die fremdbestimmte, "gebentschmarkte", in Geldwert bestimmte "Leistung" (= Lohn) darf nicht mehr entscheidend sein für den "Wert" eines Menschen!
Die Forderung nach einer Neubewertung der Erwerbsarbeit und ehrenamtlicher Tätigkeit wird in der Wissenschaft bereits seit längerem diskutiert und nimmt in der dritten Phase des Globalisierungsdiskurses eine zentrale Stellung ein. Hier wird das Potential des ehrenamtlichen Engagements a s „Gärteig einer zukunftsfähigen Demokratie“ angesehen und die Erwerbsarbeit in ihrer „herausragenden Rolle als sinnstiftende Instanz“ abgelöst.659 Das Ziel ist eine Mischform aus Erwerbsarbeit und Bürgerarbeit, die - in welcher Form auch immer - zu entlohnen sein wird. Die Gleichwertigkeit beider Tätigkeiten und damit eine Neudefinition des Begriffs „Arbeit“ stehen im Zentrum. Dadurch sollen - wie Giddens dies auch fordert - Identität und Selbstwert nicht mehr nur von der Zugehörigkeit zum ersten Arbeitsmarkt abhängig sein.660
Dass diese Ansätze noch nicht in der Politik angekommen sind, scheint die aktuelle Debatte in Deutschland zur Reform des Arbeitsmarkts und der Sozialleistungen zu belegen, in der nach wie vor von der Dominanz der klassischen Erwerbsarbeit ausgegangen wird. Der radikale Systemwechsel bleibt ein Tabu.
Um dieses Problem angehen zu können, brauchte es eine andere Form der Politik als die gegenwärtige "Interessenvertretung", nämlich das, was Giddens als "erfinderische Politik" bezeichnet. Heute sind Politiker vor allem kreativ, wenn es um die Erfindung neuer Sachzwänge geht, die nur mit ihrem (Partei-)Ansatz gelöst werden kann:
Als „erfinderische Politik“ bezeichnet Giddens das aktive Ausbauen von Vertrauensbeziehungen in Form der dialogischen Politik, die den Gegensatz von Staat und Markt überwinden soll und somit das Mittel zur Demokratisierung der Demokratie ist.621 Die „Politik der Lebensführung“ wiederum bedeutet die Antwort auf die Frage „Wie will ich leben?“. Private und persönliche Entscheidungen werden im Kontext der aktuellen Entwicklungen politisch, da sie weltweit Konsequenzen haben können. Die Gewährung der individuellen Lebensentfaltung wird zum obersten Prinzip, wobei die Verpflichtung gegenüber anderen bestehen bleibt. Beck bezeichnet dies als „Selbst-Kultur“ durch „Selbst-Organisation“.
Die "Erleichterung" der Arbeit durch Maschinen, die raschere Produktion ... hatten ja einmal das Ziel, den Menschen von harter Arbeit zu entlasten und ihm mehr Musse zu erlauben. Die Verkehrung in immer höhere und schnellere Produktion - ohne Frage nach dem Sinn dieses Produktionismus - kann als Perversion betrachtet werden. Einige der Autoren versuchen also die Situation, die ausgehende Arbeit, positiv umzudeuten, und präzise diesen alten Traum vom Schlaraffenland ... oder besser einer ausgewogenen Verteilung von Arbeit und Musse, wieder zu beleben. Zugleich erlaubte die Ueberproduktion und Unterbeschäftigung eigentlich auch, die Arbeit wieder zu humanisieren, die Entfremdung durch Fremdbestimmung, Markt- und Benchmarkzwänge (Leistung) abzubauen:
Um künftig eine Balance zwischen Job, Freizeit und persönlichen Belangen erreichen zu können, bedarf es laut Gorz Experimente zur Veranschaulichung alternativer Gesellschaftsformen und Lebensweisen. Die Diskontinuität in der Lebensführung müsse als Quelle für neue individuelle und kollektive Freiheitsrechte genutzt werden. Ziel dabei solle die volle Entfaltung des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft sein -
Vielfältige Tätigkeiten und Aktivitäten müssen sich laut Gorz künftig abwechseln und die Bezahlung darf nicht mehr an bestimmte Tätigkeiten gebunden sein.
Er will mit seinem Konzept ein Abrücken von der Zentralität der bezahlten Erwerbsarbeit erreichen und damit die sogenannte Multiaktivität zu einem neuen gesellschaftlichen und politischen Konzept machen.903 Berufliche, familiäre, soziale, kulturelle, sportliche, politische usw. Tätigkeiten sollen sich im Leben des Einzelnen ablösen und ergänzen, damit die individuellen Fähigkeiten, Interessen und Erfahrungen zur Geltung kommen können. Die gesellschaftliche Nützlichkeit soll dabei nicht länger als Maßstab für die Wertung einzelner Tätigkeiten gelten. Gorz geht es vielmehr darum, dem Einzelnen zuzugestehen selbst zu definieren, was er wann tun möchte.
Ein Gleichgewicht zwischen dem Recht auf Arbeit und dem Recht auf Nicht-Arbeit soll zum Recht auf diskontinuierliche Arbeit bei kontinuierlichem Einkommen führen. Es wird also eine gleichmäßige, dabei „gerechte“, weil auf alle Mitglieder der Gesellschaft verteilte Bezahlung angestrebt, die eine Umverteilung des Reichtums impliziert, damit alle ähnliche Chancen auf Aktivitäten jenseits der Erwerbsarbeit bekommen.
Zentrales Ziel in Gorz Programmatik ist das ausreichende und bedingungslose Grundeinkommen für alle. Frage zu debattieren sein, wer eigentlich legitimiert ist, Bürgerarbeit zu definieren. Es bleibt zu bedenken, dass auch in diesem Zusammenhang die gesellschaftliche Nützlichkeit als Maßstab nicht überwunden werden kann, die Logik der Arbeitsgesellschaft also erhalten bleibt.
RIFKIN: Gemeinwirtschaft als Lösung
Die Entkoppelung von Lohnarbeit und Selbstverständnis des Einzelnen sind notwendige Bedingungen.
Da heute Arbeitslosigkeit den Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet, weil Zugehörigkeit zur und Teilhabe an der Gesellschaft am Faktor Arbeit festgemacht werden, muss eine Neudefinition der Bedeutung von Arbeit und des Umgangs mit ihr erfolgen.
Dazu ist die Ablösung der rein ökonomischen Produktivitätsindikatoren notwendig.
Dieses Modell erinnert an das dreistufige Krisenszenario, das
Arbeitszeiten verkürzt und die Löhne und Gehälter so erhöht werden, dass es zu einer gleichmäßigen Verteilung derselben kommt. Zudem sollen der soziale und der Nonprofit- Bereich neben dem Arbeitsbereich aufgewertetwerden.814 Aus diesen Vorschlägen entsteht für Rifkin dann auch die zentrale politische Frage: Was geschieht mit der freigesetzten Zeit?, die er mit der Notwendigkeit einer Neudefinition der Rolle des Individuums in einer Gesellschaft ohne Massenerwerbsarbeit beantwortet.
Für jede freiwillig geleistete Arbeitsstunde gibt es Steuerminderungen, die nach der Wichtigkeit des Engagements oder der Institution gestaffelt werden können. Auf diesem Wege könne der Staat den Dritten Sektor und das Gemeinwohlverhalten steuern. Ein Ausgleich für den Staat sei dann in Folge der Wegfall der hohen Sozialkosten, wobei der Dritte Sektor jährlich die geleisteten Sozialstunden an die Steuerbehörden melden müsse.817 So könne künftig statt Sozialhilfe ein „Sozialeinkommen“ gezahlt werden, das an gemeinnützige Tätigkeiten gebunden ist. Soziale Exklusion könne damit verhindert werden. Zur Aufwertung des bürgerschaftlichen Engagements schlägt Rifkin die Nutzbarmachung globaler und sozialer Bewegungenvor.818 Damit proklamiert Rifkin den Übergang von der Markt- zur Gemeinwirtschaft als sein Konzept für die Zukunft der Arbeit.
Beck baut seine Vision des Europa der Bürgerarbeit im Einklang mit den anderen Autoren auf der Kommune auf. Er sagt voraus, dass das Gemeindeleben durch Bürgerarbeit farbiger, kontroverser, dichter und damit aktiver wird.Die Bürgerarbeit soll allerdings ohne Zwang ausgeübt werden, auf freiwilliger, selbstorganisierter Basis und ohne feste Kriterien und Richtlinien.995 Organisiert werden könnte sie durch einen Bürgerarbeitsausschuss, der in der Kommune Projekte benennt und betreut sowie die Kriterien für jedes Projekt je nach Bedarf festlegt und in einen „Aktivitäts-Vertrag“ fasst.996 Sie soll jedoch keinesfalls bei der Kommunalverwaltung, den Sozial- und Arbeitsämtern oder Wohlfahrtsverbänden angesiedelt sein, sondern vom Typus des Gemeinwohlunternehmers getragen werden.997 Denn für Beck stellt die Bürgerarbeit zugleich Protestarbeit gegen Lücken im staatlichen Handeln dar, wobei er dennoch auf eine öffentliche Grundfinanzierung setzt.998 So ist Bürgerarbeit im Beck`schen Sinne der organisierte, schöpferische Ungehorsam, der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung im sozialen Engagement gewährleistet, dabei projektgebunden und kooperativ ist. Beck definiert nach dem Motto: kommunal organisieren und global agieren.999 Da Beck davon ausgeht, dass Bürgerarbeit aus dem Aktivwerden Einzelner aufgrund eines drängenden Problemdrucks initiiert wird, eine Idee, die auch bei Dahrendorf eine Rolle spielt, besitzt sie keinen Hebel, von außen gesteuert oder kontrolliert zu werden. Den Anreiz zur Eigeninitiative sieht Beck außer im Problemdruck auch in der Chance für den Einzelnen, beruflich gefragte Fähigkeiten und Kenntnisse einmal anders, nämlich selbstbestimmt und bürgerschaftlich einsetzen zu können:
Das tönt alles sehr klar, überzeugend, positiv, vielversprechend - aber eigentlich schiesst auch Beck die Illusion, das eine solche Reorganisation die Probleme der Arbeitslosigkeit/Ueberproduktion/Uebereffizienz/Ueberproduktivität lösen könne, gleich selbst ab:
So kann es aus öffentlichen Transfergeldern und kommunaler Eigenfinanzierung bestehen, aber auch aus Drittmitteln von Unternehmen, die ein betriebliches Sozialsponsoring betreiben sowie aus Beträgen, die in der Bürgerarbeit selbst erwirtschaftet werden. Ebenso ist die Eigenfinanzierung durch private Stiftungen denkbar. Im Bezug auf die staatlichen Mittel geht Beck von der Annahme aus, dass es eine Umschichtung von Arbeitslosen und Sozialhilfe ins Bürgergeld geben könne, da die Empfänger wichtige und wirksame Bürgerarbeit leisten, wobei dieser Betrag zusätzlich durch kommunale Mittel aufgestockt werden kann.1001 Offen bleibt auch bei ihm die Höhe des Bürgergeldes und die Instanz, die die Nützlichkeit oder Wirksamkeit von Bürgerarbeit definiert und misst. Zudem schränkt Beck ein, dass Bürgergeld nicht als Bezahlung, sondern als Belohnung gedacht sein und daher nicht unbedingt aus Geld bestehen müsse. Es solle vor allem der Aufwertung und Anerkennung dienen und wenn es als Geld ausgezahlt werde, etwa in der Höhe des geltenden Niveaus von Arbeitslosen- und Sozialhilfe liegen, damit die Empfänger von der „Sorge um das tägliche Brot“ entlastet seien. Eines steht für ihn jedoch fest: Bezahlte, aber fremdbestimmte Arbeit kann nicht durch unbezahlte, aber selbstbestimmte Arbeit ersetzt werden.1003 Daher kann die sogenannte „Feminisierung“ der Arbeitswelt keine Lösung sein, da eine Angleichung ans Prekäre lediglich den sozialen Abstieg kaschiere.1004
Noch schlimmer, er macht diesen Bereich zum Test- und Qualifikationsbereich für Möchtegern-Arbeitnehmer, wie wir ihn bereits ausgeprägt bei der generation p sehen:
Worauf Beck gesondert hinweist, ist die Möglichkeit, durch Bürgerarbeit zusätzliche Qualifikationen zu erwerben, die dann wiederum in der Erwerbsarbeit zum Tragen kommen können. Hier wird deutlich, dass Beck im Gegensatz zu Gorz in der Denkweise des kapitalistischen Systems verhaftet bleibt. Die erworbenen Qualifikationen könnten durch Zeugnisse oder andere Nachweise fixiert werden, wobei nicht klar wird, wer zur Zertifizierung berechtigt ist.
Fazit:
Die Bürgerarbeit nach Beck ist also in keinster Weise in der Lage, die durch Rationalisierung und Globalisierung der Wirtschaft entstehenden Probleme des Arbeitsmarktes zu lösen. Erfolgversprechender könnte immer noch das Konzept des reflektiven Konsumenten sein, der seine Kaufentscheide nicht bloss auf Grund von "billig" und "Geiz ist geil" fällt, sondern quasi als Sponsor, da er weiss, dass er mit seinem Einkauf die entsprechende Produktions- oder Handelsfirma unterstützt:
Soziallabel
Beck erhofft sich aus der Politisierung des Konsums eine Steuerung des Verhaltens der Unternehmen. Ein unterstützendes Instrument könnten, so sein Vorschlag, Kennzeichnungspflichten bei Produkten, Sozial-, Demokratie- und Umwelt-Labels sein, die Auskunft über die Bedingungen der Herstellung und des Engagements des Unternehmens geben. Zusätzlich sollen Unternehmen eine Produkthaftung für Falschangaben übernehmen. So könne es künftig für weltweiten Handel im Gegenzug die Übernahme weltweiter Verantwortung geben.1228 Das Ziel des gläsernen Produktes durch eine Selbstverpflichtung der Unternehmen taucht hier wieder auf. Der moralisch-normative Ansatz Becks wird deutlich, ebenso seine Feststellung, dass die Erste Moderne produzentenorientiert, die Zweite Moderne jedoch verbraucherorientiert ist.
DETTLING:
Der Dreiklang von Markt, Staat und Gesellschaft, wie er sich im „deutschen Modell“ des Sozialstaates nach dem Zweiten Weltkrieg ausgeprägt hat, verliert an Wirksamkeit. 1026 Der Sektor Wirtschaft erfüllt seine Aufgaben nur noch mangelhaft, weil im Kontext der Globalisierung immer weniger Menschen von einer prosperierenden Wirtschaft profitieren und die vom Markt gesteuerte Erwerbsarbeit bei zunehmender Rationalisierung an ihre Grenzen stößt. Der Sektor Sozialstaat mit seinen Mechanismen der Fürsorge wird in diesem Zusammenhang einerseits notwendiger, kann aber andererseits aufgrund seiner Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt immer weniger leisten. Und der Dritte Sektor in seiner Form von Wohlfahrtsverbänden und traditionaler Familie schließlich kann die entstehenden Versorgungs- und Sicherheitslücken nicht auffangen, weil auch diese einem Werte- und Formwandel unterworfen sind.1027 Der deutsche Wohlfahrtsstaat beinhaltet laut Dettling seine Zerstörung und die der sozialen Verantwortung in sich selbst. Die Folgen sind zunehmende Ungleichheit, Unsicherheit und Apathie.1028 Die kontinuierliche Ausdehnung der Leistungen des Sozialstaates habe bewirkt, so Dettlings Fazit, dass es heute vor allem Versorgung statt Teilhabe gibt.
Die Fokussierung auf Wachstum und klassische Erwerbsarbeit bezeichnet er als „Utopie der Vergangenheit“ - eine Etikettierung, die auch Dahrendorf wieder aufgreift. Angesichts des aktuellen Wandels müsse nämlich die soziale Frage der Zukunft lauten: Was tritt an die Stelle der Erwerbsarbeit und der Arbeitsgesellschaft?
„Wir erleben gegenwärtig den Übergang in eine andere Formation der Gesellschaft.“ 1044 Solche strukturellen Übergänge müssen ermöglicht, abgefedert und gestaltet werden. Allerdings heißt das für ihn nicht, dass der Gesellschaft generell die Arbeit ausgeht, sondern dass besonders die formale, gut bezahlte, organisierte, tariflich abgesicherte und sozial geschützte Erwerbsarbeit als Fundament für den Lebens- und Sozialstandard, das Selbstwertgefühl und die soziale Integration immer weniger wird.
„Die Globalisierung verlangt geradezu nach einer neuen weltweiten Kultur der Kooperation - ohne sie werden weltweite Verteilungskonflikte und das Politikversagen bei Versuchen, Weltprobleme zu lösen, auf der Tagesordnung stehen.“1634 - so Dirk Messner einleitend zu den Konzepten einer Global Governance.
Habermas:
Ich glaube, wir alle möchten in einem zivilen Land leben, das sich kosmopolitisch öffnet und behutsam-kooperativ in den Kreis der anderen Nationen einfügt.“1446
Im Kontext der Globalisierung steht der Nationalstaat nun unter dem Druck, sich im Innern gegenüber der Vielfalt fremder oder neuer Kulturen und nach außen für internationale Regime öffnen zu müssen.
Es entsteht eine Vision von Verhandlungs-Staaten, die in Form von runden Tischen internationale Fragen lösen.1203 Hier nimmt Beck das Konzept der Weltinnenpolitik auf, wobei er allerdings zu bedenken gibt, dass ein weltpolitischer Ordnungsrahmen immer noch fehlt.1204 Er befürchtet mit Guéhenno und im Gegensatz zu Giddens, Zürn und Messner, dass in dieses Vakuum Expertenrunden und Wissensgemeinschaften vorstoßen könnten, die aufgrund fehlender demokratischer Legitimität die Technokratisierung und Bürokratisierung vorantreiben. Die Staaten sollen dabei nicht mehr als Nationalstaaten, sondern eher als „Provinzen innerhalb einer Weltgesellschaft“ definiert werden.1217 Das neue „Vaterland“ wäre somit für alle künftig die Erde als Ganzes (Albrow).
Apropos Verhandlungsstaat, das ist ja in etwa die Position der Schweiz in Europa - mit den bilateralen Verträgen.Weltbürgerparteien:
Albrow plädiert aus diesem Grund für eine Konstituierung von Parteien jenseits des Nationalstaats,740 wo er sich auf einer Linie mit Ulrich Beck befindet, der in seinem Artikel „Weltbürger aller Länder, vereinigt Euch“ zur Gründung von Weltbürgerparteien aufruft.
Außerdem fordert Zürn eine parteipolitische Stärkung im EU-Parlament gegenüber der nationalstaatlichen Orientierung in Form von europaweiten Parteilisten, eine Forderung, die bereits Beck und Habermas erhoben haben. Zudem sollten mehrheitsdemokratische Verfahren zur Gemeinschaftsgenerierung eingeführt werden.1610
Beides, Referenden und europaweite Parteilisten, sind für Zürn nicht auf die globale Ebene übertragbar, weil hier kein neuer politischer Raum entsteht.
Internationale Organisationen:
Beispiele für dieses Zusammenwirken, in das die nationalstaatlichen Institutionen eingebunden sind, soziale Bewegungen, NGOs, transnationale Firmen, globale Finanzmärkte und die UNO Albrow sieht die UNO dennoch nicht als Weltregierung oder Leiterin eines Weltstaates, sondern als eine Institution neben anderen.
Nachdem Zürn optimistisch ist, dass in der EU auch eine sektorale Öffentlichkeit aus Expertengruppen, NGOs und Verwaltungsbeamten entstehen könnte, die verstärkt gemeinschaftliche EU-Politiken formulieren, sieht er in den europäischen sozialen Bewegungen und Akteuren Instrumente zur Steigerung der Transparenz durch Herstellung von Öffentlichkeit und Agenda-Setting. Mit Zürn kann resümiert werden: „Der Weg zurück zu einer Welt der Nationen steht zumindest in den westlichen Regionen nicht mehr offen.“1613 Denn heute gibt es bereits ein Zusammenspiel verschiedener politischer Entscheidungsebenen, wobei die einzelnen Ebenen ohne die anderen nicht mehr funktionieren. Ebenso wie Dahrendorf schätzt Zürn die internationalen Institutionen als sozialintegrativ ein. Da den internationalen NGOs und anderen Akteuren der Zivilgesellschaft für die Zukunft umfassende Kontroll- und Vermittlungsfunktionen zur Herstellung und Steigerung von Transparenz zugewiesen werden, steigen sie zu Hoffnungsträgern für das Fundament einer Weltgesellschaft auf, obwohl beide Autoren deren Demokratie- und Legitimationsdefizit problematisieren.
Eine weitere Chance sehen sie in den Weltgipfeln und Weltkonferenzen, die eine globale Öffentlichkeit herstellen und damit Schrittmacher einer globalen Identität sein können. Das Konzept der Weltinnenpolitik beinhaltet in seiner Konsequenz ein politisches Steuerungsmodell, das auf Konsens, Verhandlung und Kooperation ausgerichtet ist: „Lebensgestaltung, Repräsentation, Koordination und Kooperation sind die angemessenen Formen der Politik auf den Ebenen von Gemeinden, Nationalstaaten, supranationalen Zusammenschlüssen und Weltgesellschaft im Rahmen eines globalen Föderalismus.“ 1627
Der Staat als Interdependenzmanager:
Grundsätzlich wird Global Governance eher als offener Prozess definiert und unterscheidet sich damit von den bisher gültigen Definitionen des politischen Systems als geschlossenem Kreislauf.1640 Daher wird die Forderung nach einer - wenn auch subsidiär und föderal gestalteten - Weltrepublik skeptisch beurteilt. Vor allem Messner entwickelt umfassende Vorschläge, wie sich der Staat und sein administratives System verändern müssen, damit der Staat seiner neuen Rolle als „Interdependenzmanager“ gerecht werden kann.1647
In diesem Gedankenspiel wird der Staat neben seiner Rolle als „Interdependenzmanager“ (Messner) vor allem zum Geldgeber für Aktivitäten auf kommunaler Ebene, um bürgerschaftliches Engagement und Eigeninitiative zu unterstützten und zu stärken. So wird der Nationalstaat insgesamt als das Konstrukt angesehen, in dem erstmals auf einem größeren Raum die Verbindung von Demokratie und Kapitalismus geglückt ist.
Das Problem des Überflusses, der, im wahrsten Sinne des Wortes, "sinnlosen" Produktion:
DAS Problem der Überflussgesellschaft ist nicht bloss, dass Menschen als Produktionskräfte überflüssig werden, sondern dass sie immer schneller immer grössere Mengen an Überflüssigem erzeugt. Die "Dinge", die den Menschen eigentlich wichtig wären, gehen unter, weil sie nicht als Marktprodukte angeboten werden .... können? Lösungsvorschlag s. Herzogs Theoreme der Ueberflusswirtschaft).
Problem des Identitätsverlustes:
Identität durch Abgrenzung: Wir sind anders, besser, als die Anderen, führt zu Isolierung und Abschottung, also Nationalismus bis hin zum Chauvinismus. Insbesondere Huntingdons Konzept ist also ohne zu übertreiben kulturimperialistisch. Obwohl er den Islam als kriegerische Religion und die islamische Kultur als inkompatibel mit dem Westen erklärt, fördert er selbst eigentlich grad die Differenz, auch die Differenzen zwischen den Andern - damit Krieg herrsche. Ihm ist selbst zu sagen: Wer Wind säht, wird Sturm ernten.
Lösungsansatz Kommunitarismus:
Aus dem selben Problem, aber mit der diametral entgegen gesetzten Logik: Moral und Traditionen (Kultur) entsteht nur in der Gemeinschaft - versucht der Kommunitarismus das Lokale zu stärken, die lokale und regionale Identität so stark und selbstbewusst werden zu lassen, dass sie sich nicht durch die Myriaden anderer, eben so differenzierter und starker Identitäten erschrecken lässt sondern mit ihnen in Dialog, wirtschaftlichen und (inshallah) kulturellen Austausch tritt.
Aus diesem Problem entsteht das Problem der Aufteilung der Welt in Gut und Böse, freie und Schurkenstaaten: Auch hier masst sich ein Teil der Welt an, für den Rest der Welt beurteilen zu können, was die richtige Ordnungsform sei. Dies nicht nur in politischer Hinsicht, wo ausser einer angefaulten (durch Lobbying und Presselügen verbogenen) Demokratie nichts gilt, sondern auch in wirtschaftlicher, wo alle die nicht an das kapitalistische System glauben in dem jeder so viel anhäufen kann und soll wie möglich - ebenfalls zu Schurken (Kommunisten), bestenfalls noch zu Trotteln (Sozialisten), erklärt werden.
Kulturimperialismus kann nicht das Fundament einer neuen ("freien" ...) Weltordnung sein.
Das Problem der Freiheit:
Freiheit sollte nicht auf Wirtschaftsfreiheit beschränkt werden, sondern primär die Freiheit der Menschen sein, sich und seine Interessen zu entfalten. Das bedingt Toleranz von Vielheit, und vor allem Toleranz von Unberechenbarkeit ... die der Wirtschaftsplanung natürlich zutiefst zuwider ist. Die Wirtschaft braucht den lenkbaren (durch Werbung steuerbaren) und in seiner Reaktion (die das Gegenteil von Freiheit ist) berechenbaren Menschen ... d.h. Mensch ist bereits übertrieben, sie braucht bloss den Konsumenten.
Vielfalt ist Reichtum!
In der Freiheit der Wahl
seiner eigenen guten Ordnung
liegt vermutlich das grösste Glück!
Diese Aussage wird gestützt durch Philosophie, Sozialphilosophie und Sozialpsychologie.
Problem des Kontrollverlustes (der Politik):
Global Cities sind hier nicht die Lösung des Problems, sondern die Ursache. Sie übernehmen die Regierung, entscheiden, welche Branchen, Regionen, Länder wirtschaftlichen Erfolg versprechen und gefördert werden. Sie sind Sitz der Weltherrschaften der internationalen Konzerne und Banken, der Finanzmärkte, welche heute quasi die "Legislative" und Exekutive und Judikative der Wirtschaft bilden. Diese Städte beherbergen imperiale Herrschaften, die mit demokratischer Entwicklung wenig am Hut haben.
DAS Problem das wir zu lösen haben heisst: Wie gestalten wir Politik ohne Flächenhoheit, ohne Ort, ohne Zuordnung? Wie könnte Netzwerkpolitik aussehen, d.h. erst einmal, ist Netzwerkpolitik überhaupt möglich?
All die Probleme, welche die Globalisierung in besonderem Masse verursacht, sind eigentlich bloss Probleme zunehmender Komplexität ... mit der die klassische Politik schon längst nicht mehr umgehen kann.
Der jahrhundertealte abendländische Traum
der Planbarkeit und Beherrschbarkeit aller Dinge
ist zwar endgültig geplatzt,
dafür eröffnet aber die Realität die verheissungsvollen Perspektiven eines Pluralismus von Denk- und Lebensformen.
Andreas Huber in "Chaosforschung"
Für die Lenkung komplexer Systeme wurden bereits folgende Lösungsansätze vorgeschlagen:
Denken in komplexen Systemen: Analyse durch Synthese = Konstruktivissmus = offenes - und dennoch systemisch integriertes Denken
Handeln in komplexen Systemen: Konstruktivismus als Grundlage eines evolutiven Systemwechsels durch Rekonstruktion von Teilsystemen (= Mikrorevolution)
Problem der Unfähigkeit der Wirtschaft, des Marktes, die Aufgaben des Staates und der Politik zu übernehmen:
Aufgaben des Staates, die von der Wirtschaft noch nie wahrgenommen wurden, also mit einiger Sicherheit auch nicht wahrgenommen werden können:
- Frieden
- Freiheit aller
Gerechtigkeit ("für alle" ist im Begriff hier bereits enthalten) - gerechtes Regime(nt) um präzise zu sein, also
Führung, Orientierung, Richtungsgebung ...
was zumeist unterschlagen wird und ja auch nicht systematisch oder rational oder geplant oder überhaupt irgendwie vernünftig gemacht wird, sondern bloss als Resultat widerstreitender Meinungen, also des "Meinungsmarktes" zu Stande kommt. Diese Punkte sind eigentlich dominant ... und bereits sehr stark von wirtschaftlichen Interessen beherrscht. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass diese einseitige Ausrichtung sogar noch zunimmt. (s. Kommentar zu aktuellen Wahlen in Zürich: SP/Grünliberale)- Schutz der Schwachen
- Förderung des Gemeinwohls
- Ganzheitliche, systemische Orientierung (inklusive Wertorientierung!) beim Streben nach Fortschritt
- ...
Problem der guten Ordnung:
Die gute Ordnung ist in erster Linie davon abhängig, welches Bild wir vom Menschen haben und welche Zukunft wir anstreben, also welche Utopie:
Bleibt noch zu überlegen, welches Menschenbild hinter den Konzeptionen der Autoren zu erkennen ist. Grundsätzlich wird aufgrund der Normativität der Konzepte die Sehnsucht nach der sogenannten „guten Gesellschaft“ sichtbar. Für die einen besteht sie aus moralischen, tugendhaften und sozial einge- bundenen Menschen, für die anderen eher aus selbstbestimmt und autonom handelnden Individuen. Gemeinsam ist dem Menschenbild aber, dass es vom verantwortlichen, aktiven, engagierten und dabei gut informierten Bürger ausgeht, der als Teil seiner Gemeinschaft, der Gesellschaft oder eines Netzwerkes seine Pflicht und sein Recht auf Partizipation ausübt und wahrnimmt.
Das Problem der guten Welt-Ordnung:
Da es allem Streben nach Glück, Wohlstand, Weisheit und auch Freiheit widerstreben würde, die Menschen zu normieren, muss eine Weltordnung Vielfalt integrieren können. Sämtliche autoritären Modelle wie Kommunismus, Faschismus etc. sind deshalb bisher bereits lokal gescheitert. Es gibt kaum weltweit gültige Prinzipien, auf die eine Weltordnung bauen könnte. Selbst die Menschenrechte sind dazu ungeeignet - da zu Rechten immer auch Pflichten gehören, die aber dort weitgehend fehlen. Zudem sind ja bereits die Menschenrechte deutlich westlich eingefärbt und propagandistisch entsprechend verbogen, da sie meist nur ausserhalb z.B. der Betriebsordnung gelten. Innerhalb gilt immer noch das alte Gesetz: Wer zahlt - befiehlt und Der Wettbewerb entscheidet.
Diese beiden wirtschaftlichen Grundprinzipien sind aber ganz klar weder demokratisch noch dazu geeignet, ja nicht mal am Rande in der Lage, die wichtigsten Aufgaben zu erfüllen, die Auftrag der Politik sind: Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Schutz der Schwachen, Förderung des Gemeinwohls, ganzheitliche Systemorientierung.
Insbesondere die Eigenart der Netzwerke, exklusiv zu sein, verunmöglicht ihnen die Bedingung "für alle" (Punkt 2, 3, 5 und 6) und für Ausgeschlossene (Punkt 4) zu erfüllen.
Zu einem äusserst interessanten Schluss kommen wir, wenn wir uns überlegen, welchen Ordnungsfaktoren alle Menschen unausweichlich unterstehen, aus welchem Ordnungssystem man sich weder durch Politik rausreden noch mit Geld loskaufen kann. Es ist dies (global gesehen) einzig und allein die Ordnung der Gäa (oder Gaia), der Welt, der Welt-Natur. Wir haben zwar inzwischen nachweisbar die Fähigkeit, die Erde bis auf die Knochen zu ruinieren .... aber nur recht stümperische Fähigkeiten in Sachen Reparatur oder gar Neuschöpfung.
Wir sind relativ einfallsreiche Bastler - aber keine Götter: Wir können die Erde global durch die Ausdünstungen unserer Maschinen aufwärmen ... aber wir haben nicht die geringste Möglichkeit, sie zu kühlen. Wir können die Erosion fördern - nicht aber die Bodenbildung. Wir können Süsswasser, ja inzwischen ganze Meere verdrecken und zu Kloaken machen - aber nur die Reichsten können daraus wieder trinkbares Wasser herstellen. Wir können die Meere leer fischen - nicht aber sie wieder mit Leben füllen. etcetc. Wir müssen uns also an die Vorgaben der Gäa halten - oder sie hustet uns derart eins, dass es den Homo sapiens möchtegerniensis vom Planeten bläst.
Das erinnert nun doch wieder arg an die Konzepte der Humanökologie, die seit jeher die Oekologie als oberste Ordnung sahen ... ein Konzept dass ich noch vor wenigen Jahren selbst kritisiert habe. Nichtsdestoweniger war diese Humanökologie in ihrem Ansatz vermutlich falsch, aus mehreren Gründen:
Humanökologie darf nicht quasi wieder disziplinär in der Geographie (den Naturwissenschaften) angesiedelt werden - aber genau so wenig als Sozial- oder Geisteswissenschaft betrieben werden. Sie muss eine umfassende Philosophie der Integration des Menschen in die Gesetze/Ordnung der Gäa sein - womit sie die Grundlagen für eine allgemein verbindliche, da kultur-neutrale Welt-Ordnung schaffen könnte.
Es ist nach wie vor nicht die Natur, die dem Menschen befiehlt, sonder der Mensch, der die Natur beherrscht ... aber die Grenzen seiner Fähigkeiten erkennen muss, da er sonst untergeht. Die Menschheit muss lernen als ganzes so kultiviert mit der Natur umzugehen wie es die Menschen lernen mussten, wie und wie weit sich der Boden (in der Agri-Kultur) kultivieren lässt. Kultur heisst Pflege. Das meiste was heute als "Kultur" verkauft wird, hat jedoch mehr mit Geld als mit Pflege zu tun.
Die Gaia-Hypothese wurde von der Hippie und New Age Bewegung spiritualisiert .... und (nach meiner Ansicht) recht eigentlich verhunzt, was schade ist, denn ganz offensichtlich steckt mehr dahinter, eben, die einzig wirklich weltweit verbindliche Ordnung.
Martin Herzog, Basel, 14.6.07
p.s: Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Arbeit. In der Realität äussern sich die Widerstände gegen die Globalisierung allerdings um einiges brachialer:
patridiotische Milizen in den USA, die es entgegen der mediengesteuerten landläufigen Meinung nicht nur in abgelegenen Regionen bei den Hillbillies gibt, sondern im ganzen Land. Der Zusammenhalt wird gestiftet durch mediale Schwätzer wie Rush Limbaugh, dessen Schwatzshow 20 Millionen Zuschauer hat und zu Themen wie femi-nazis und eco-wacos sich verlauten lässt. do Gordon Liddy und andere.

[Manuel Castells: Die Macht der Identität. Das Informationszeitalter II. UTB 8260, Opladen 2003. S. 98]
Aum Shinrikyo: Giftgasattacke in Tokyo 1995. Gegründet von Asahara, getragen leider auch von vielen Wissenschaftlern und Ingenieuren. aum bedeutet "tiefe Weisheit", da Weisheit halt nicht grad das Kerngebiet von Wissenschaftlern und den meisten Ingenieuren ist, lassen sich sogar diese über den Tisch ziehen in der Sinnsuche.
Zapatisten: Gegen die Unterdrückung der Indianer, globalen Kapitalismus. Für Würde, Demokratie, Land.
... und viele mehr, immer mehr ... je stärker Ausschluss dadurch gelöst wird, dass die Ausgeschlossenen für den Ausschluss auch noch unter Druck gesetzt werden. (s. Armut)
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