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Sozialer Aufstieg durch Bildung - und das Aufkommen des akademischen Prekariats - am Ende des Mittelalters.

[Sozialer Aufstieg. Funktionseliten im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit. Günther Schulz (Hrsg.) Harald Boldt Verlag / R. Oldenbourg. München 2002]

Das Mittelalter ist uns bekannt als finstere Zeit des Aberglaubens, der Höllenangst, des herrschaftlichen Terrors durch Feudalherren und Raub-Ritter. Die Renaissance brachte die Erlösung, die Befreiung der produktiven Kräfte des Individuums - vor allem über den Protestantismus, der Leistung und Erfolg auf Erden quasi zur Voraussetzung göttlicher Wertschätzung machte. Der Wandel fand allerdings nicht, wie häufig angenommen, in wenigen Jahrzehnten statt, sondern dauert eigentlich bis heute. Allerdings waren die Grundsätze der heutigen Leistungsgesellschaft, die, so heisst es, eine Meritokratie und keine Aristokratie sei, bereits im 16. JH vorhanden. Und auch die damit verbundenen Probleme. Ich werd' Ihnen das hier kurz aufzeigen:

Bereits vor dem 30-jährigen Krieg befand sich der Adel im Niedergang, verlor Grund und Boden wie Einfluss. (Wohlgemerkt: Vor dem 30-Jährigen Krieg (1618-48), nicht vor der Renaissance!). Der Adel dachte aber bereits damals natürlich nicht im geringsten daran, diese Änderungen der Machtverhältnisse, die Auflösung des geburtsständischen Prinzips (: Zugehörigkeit zur Elite ist durch Geburt garantiert) einfach so hinzunehmen. "Hinnehmen" ist das Verhalten, das von Untergebenen erwartet wird, auf das sie durch Schule und Kirche dressiert wird. Hinnehmen ist aber nicht Sache der Elite. Also suchten sie zum Ausgleich neue Herrschaftspositionen in Stiften, Ritterorden, Landständen - und vor allem der Armee.

Die vorzumal recht starre, aber auch stabile Ständeordnung wandelte sich und setzte nun statt auf Stabilität auf das doch schon recht postmoderne Prinzip Mobilität, heute Flexibilität genannt, denn es ging damals wie heute nicht bloss um den Besitz eines Pferdes/Autos. Körperliche Arbeit verwies auf einen niedrigen Rang, ja sogar die Tätigkeit im Handel war dem Ansehen wenig förderlich. Eine für den Ex-Adel standesgemässe Tätigkeit blieb so vor allem das Militär.

Gerade das Söldnerwesen führte aber auch in Wirtschaft und Politik neue Denkweisen ein und damit neue Strukturen und Verhaltensmuster. Für den Söldner (die Bezeichnung stammt ja treffend von Sold, und diese von solidus, einer römischen Goldmünze) war Loyalität eine Frage des Geldes, wie die Aussage der damals führenden Söldernexporteure deutlich macht: Point d'argent - point de Suisse!  Das Militär bot in diesen Zeiten extremer Anomie (Militärdienst war und ist immer eine Alternative zum Selbstmord ...) auch klare Strukturen, klar gegliederte Hierarchien, feste Normen und eine eine übersichtliche und berechenbare berufliche Karriere ... solange man überlebte ..

Die Aneignung der Kriegskunst geschah bis zum späten 16. JH als training on the job, also Lernen durch Erfahrung. Später wurde dieses ergänzt durch technisches Training, das oft im zivilen Bereich ebenfalls nutzbringend eingesetzt werden konnte. [In der Schweiz galt das Militär ja bis weit in die 80er hinein noch als DIE Führungsschule. Wer da nicht dabei war, hatte bei vielen Kaderstellen zusätzliche Schwierigkeiten, Zugang zu finden. Heute hat der MBA, nicht bloss in der Schweiz] bald ähnliche Funktionen.]

Im Söldnerwesen finden wir aber die ersten umfassenden "privatwirtschaftlichen" Verträge, über die Loyalität von "Mitarbeitern" gekauft wird. Ein System das sich heute weltweit und nicht nur in der Privatwirtschaft, sondern auch beim Staat durchgesetzt hat:

Das komplizierte Flechtwerk personenrechtlicher Bindungen wurde im Verlauf des Spätmittelalters immer stärker durch ein neues Band ersetzt: das Geld - eine Verbindung die schnell geschlossen und bei Bedarf genau so schnell wieder gelöst werden konnte. [S. 363]

  • Getreideaufschlagamt
  • Losungsamt
  • Losungs-Restantenamt
  • Nachsteueramt
  • Stampfamt (verkaufte gestempeltes Papier)
  • Testaments-Taxamt
  • Weg- und Stegamt
  • Landmarschkommissariat
  • Grabstättenamt
  • Konvertitenamt
  • Ochsenkauf- und Unschlittamt
  • Rotbierbrauamt
  • Weizenbierbräumamt
  • Sondersiechen-Stiftung
  • Bauerngericht
  • Baugericht
  • Fünfergericht
  • Halsgericht
  • Schöffenamt
  • Stadtgericht
  • Wald- und Forstgericht
  • Zeidelgericht
  • Bürger- und Unbürgeramt
  • Marktgericht
  • etc.etc

Wem der Krieg etwas zu riskant war, der hatte als Adliger auch beste Chancen in den boomenden Bereich der Politik und öffentlichen Verwaltung einzusteigen (Nürnberg z.B. baute 1332-40 mit seinem Rathaus das grösste profane Gebäude nördlich der Alpen!), also Kanzler, Am(m/t)smann oder Gemeinde/Staats/Verwaltungs-Rat zu werden. Solche Stellen, die zwar nicht von Anfang an gut oder überhaupt bezahlt wurden, aber Schlüsselstellen waren für Verträge, Nutzungsberechtigungen, Zölle, Zinsen, Abgaben etc, wurden (und werden) gerne unter den Reichen (den "Neuadeligen") vererbt, schon damals Von den 36 Bürgermeistern Kölns zwischen 1513 und 1600 waren 18 Söhne von Bürgermeistern oder eines Ratsfreundes, 6 Schwiegersöhne von Bürgermeistern ... und bei 11 sind die genaueren "Verhältnisse" ganz einfach nicht bekannt.

Wer sich über die heutige Bürokratie beklagt, sollte sich mal die Ämter ansehen, die es 1797 z.B. in Nürnberg noch gab. Rechts nur eine kleine Auswahl aus den aufgeführten rund 90 Ämtern ....

Im 16. JH erfuhr auch das Handelskapitals bzw. der Handwerker einen starken Aufstieg. Die Grundlage scheint bereits im Hochmittelalter zu liegen, als die Kreuzzüge enorme Kredite und logistische Parforceleistungen nötig machten. Die Bedeutung des Handels nahm dann weiter zu mit der Gründung der Städte, die a) natürlich bald keine Selbstversorgung mehr mit Landwirtschaftsgütern betreiben konnten, und b) in ihrer "Kultur" quasi zu einer Erweiterung der Fürstenhöfe wurden, was sich klar durch den Ausdruck Zivilisation zeigt, der sich von civis, der Stadt, ableitet. Der Prunkt von Höfen und Städten machte Gross- und Fernhandel mit Luxusgütern und Massenwaren nötig, die einen erheblichen Kapitalaufwand erforderten, wie auch die Einrichtung und das Betreiben von Bergwerken und Metalhütten.

Geld- und Finanzgeschäfte wurden also zu einem äusserst lukrativen Geschäft, das beileibe nicht den Juden vorbehalten war, von diesen aber vermutlich früher, und oft leichter (günstiger) betrieben wurde, da sie über ihre Diaspora über quasi weltweite (so weit die Welt eben damals bekannt war ...) Beziehungsnetze verfügten - und, vermutlich weil sie eh dauernde Aussenseiter waren, sich nicht gross daran störten, einen traditionell verachteten, also dem sozialen Aufstieg ganz und gar nicht zuträglichen Gewerbszweig zu betreiben:.

Wie bei kaum einer anderen gesellschaftlichen Gruppe stieg das Sozialprestige der Kaufleute und aller, die im Bereich des Handels in seiner grösstmöglich verstandenen Breite tätig waren, seit dem hohen Mittelalter an. Stand der Händler im frühmittelalterlichen  christlichen Abendland  - anders als etwa im islamischen Kulturkreis - in der Regel meist eher am Rande der Gesellschaft, so änderte sich dies vor allem mit der deutlich wachsenden Bedeutung des Handels, d.h. des Austauschs von Gütern, Geld und Informationen, im Zeitalter der Kreuzzüge und der kommerziellen Revolution, die im 12. JH von Oberitalien und der Toscana ausging.

 Was die Einschätzung der sozialen Position von Händlern im Islam betrifft, ist die Aussage allerdings falsch, denn sie gilt auch dort nur in städtischen Gesellschaften, die damals noch einen sehr kleinen Teil ausmachten. In traditionellen, auf Subsistenz ausgerichteten Stammesgesellschaften, waren Händler immer verdächtig, da sie sich den lokalen Normen und Bindungen entzogen, also "nicht dazu gehörten", fremde Fötzel, ungebunden und damit verdächtig waren - obwohl der Prophet Mohammed selbst Händler war. Im Jemen z.B. gehörten Händler bis noch vor wenigen Jahrzehnten zur zweituntersten von 5 sozialen Klassen, zu den "Leuten des Marktes", dem Marktgesindel (ahl al suq). Sie standen damit unter den freien Bauern, eben weil sie nicht frei sind, sondern darauf angewiesen, sich Fremden anzudienen. Sie standen also grad noch über den Sklaven und unterjochten Fremden.

Obwohl sich die Finanzwirtschaft erst in den Städten Oberitaliens entwickelte, dominierten bereits damals bald die Oberdeutsche Hochfinanz mit der Familie Fugger, die sich sogar den Kauf von Kaisern und Päpsten leisten konnte. Wissen über doppelte Buchführung, Wechsel (bargeldlose Transaktionen), rechtliches Wissen zur Absicherung der Wechsel etc. wurde also unerlässlich, wollte man sich an dem Wirtschaftszweig beteiligen. Erst im 18. JH war Frankfurt verfassungspolitisch gekennzeichnet von einem allmählichen Niedergang der patrizischen Ratsmacht und entsprechendem Aufstieg des bürgerlichen Juristen. und Handelsstandes. [S. 136. Na, und da wissen wir nun doch gleich auch, was mit "bürgerlich" eigentlich gemeint ist.]

s. Religion und Städte – die treibenden Wirtschaftsfaktoren des Mittelalters.

 

Die Ständeordnung

Man darf nun nicht die graduelle Auflösung des Adels durch "Neureiche" mit einer Auflösung der Standesgesellschaft oder gar einer Demokratisierung verwechseln. Die "Gottgegebene" Ordnung war noch lange heilig ... und sie ist es heute noch, wenn dabei auch Gott durch Geld ersetzt wurde (na ja, beginnnt beides mit G):

"Man sollte sich genügen lassen, in demjenigen Stand zu seyn, welcher einem von Gott gegeben, und glauben, dass sich alle, die anderen vor uns nicht schicken würden." Dies galt auch für Eheverbindungen. "Bey Heyrath muss man, so viel als möglich, bey seinem Stande bleiben, darein einen Gott durch die Geburth gesetzt." Für Rohr gliederte sich ein Gemeinwesen in die "grossen Herren" bzw. "hohen Standespersonen" (die Landesherren) und die Privatpersonen auf. Bei dem Streben der letzteren nach "äusserlichen Titeln, Prädikaten und Rängen" sah er vornehmlich die damit verbundenen Auswüchse, wie die Inflation der Titel und Prädikate, Prahlsucht und einen ruinösen Lebensstil, wirksam werden. Daher orientiert sich ein "vernünftiger Mensch bei seinen Titelambitionen an seinen Einkünften, weil höhere Titel und Ränge eine angemessene Lebensführung verlangten, und an seinen Fähigkeiten, andernfalls gab man sich in der Gesellschaft der Lächerlichkeit preis. [S. 207]

Das Leben war in dieser Sicht in seinen entscheidenden Anlagen mehr passiv vorherbestimmt als aktiv selbst gestaltet. Wir finden zudem in der Aussage präzise DAS Merkmal der Distinktion, auf dem die Theorie Bourdieus aufbaut: Ohne ausreichende Finanzen kann der "Habitus", bereits was das äusserliche Auftreten betrifft, nicht aufrecht erhalten werden.

Die politische Elite der Frühen Neuzeit profitierte grundsätzlich noch stark davon, dass soziale Stabilität und nicht soziale Mobilität als Norm galt. Für die Zeitgenossen war meist noch klar, dass "generationenübergreifende Etablierung der Familie an der Spitze der sozialen Hierarchie nicht aufzuwiegen war durch das, was ein einzelnes Individuum allein vollbringen konnte." Es wurde argumentiert, dass Dignität (Würde, die heute allen Menschen zugesprochen wird (na ja, werden sollte), die sich damals nur bei den "Distinguierten" fand, fast erblich sei - wohingegen der Stand der Doktoren (der Gstudierten) nur eine persönliche Dignität ist:

Doktoren: scopae dissolutae (verfranste Besen), einfältige und zerfahrene Menschen die untereinander nicht harmonieren, oft sogar zur Unterschicht gehören, sich also nicht standesgemäss benehmen, sich oft kaum des Hungers erwehren können. "Armut" wurde gleich gesetzt mit einem kleinbürgerlich-engen Horizont: Während man selbst in der Lage sei, jährlich zu prasente und erogationes, also Spenden, zu geben, wisse man dieses von Gelehrten nicht, und um das Kleinbürgerliche ins Egoistische zu wenden hiess es noch, die Doktoren würden "lieber nehmen als geben". [S. 129]

Erst dem wissenschaftlichen und kulturellen Vereins- und Assoziationswesen des 19. JH. also einer Zeit, in der der Geburtsadel sozial und politisch dramatisch an Boden verloren hatte, sollte die dauerhafte Installation eines ständeübergreifenden Habitus gelingen. [S. 135] > Geistesaristokratie

 

Die Grundbedingung politisch-wirtschaftlicher Partizipation: Vermögen (= Potenz)

Partizipation an der Macht, am politisch, wirtschaftlichen und kulturellen Leben war, eigentlich wie heute, vom Vermögensstatus abhängig. Der Mächtige, derjenige mit Potential und Potenz, der potens verfügte über Grund und Boden, Leute und Macht, diese zu schützen - während der pauper am andern Ende sich nicht mal selbst schützen kann, wofür allerdings auch gesorgt wird, da er kein Recht hat, Waffen zu tragen. (Da dieses Recht in den USA wie der Schweiz meist unter Beschuss steht, was irgendwie verständlich ist, wenn man, wie die meisten, gegen Gewalt ist, zeigt sich hier nun doch auch die Rückseite der Medaille eines Verzichts auf Waffen.

Auch die Stadt kennt potentes, divites, meliores im Sinne wirtschaftlich reicher, sozial vorrangiger, politisch einflussreicher und mächtiger Bürger sowie das Gegenteil: pauperes, impotentes, Habenichtse. [S. 18]

Den meliores ("Mehrbesseren"), maiores (Oberen), potentiores (Mächtigen), sapientiores (Wissenden) - standen auf der andern Seite die humiliares, die Bescheidenen gegenüber. Bereits im 17. JH hatten allerdings die akademischen Grade bereits wieder beträchtlich an Ansehen verloren (vor allem auf Grund der Verhältnisse bei den Priestern und vermutlich den Medizinern, sprich Quacksalbern und der Adel erfuhr eine Renaissance.

In dem Sinne wäre ein Viagra, das die wirtschaftliche Potenz der Armen fördert, vielleicht wichtiger als ein pharmazeutischer Schwanzversteifer ....

Im 16. JH zeigte man sich beispielsweise als mächtiger Ritter, indem man sich mit einem stattlichen Gefolge riesiger Knechte umgab. Inhaber der Jagdgerechtigkeit. Kutschen, Pferde, Jagdhunde, prächtig gekleidete Dienerschaft. Benutzung von Silber und Porzellan bei Gesellschaften war eine subtilere Form des Statuskonsums, der gezielt verwendet wurde und wird, um soziale Distinktion zu schaffen. Kunstsammlungen, Bibliotheken, Ahnengalerien, Herrenhäuser waren ebenfalls schlagkräftige Waffen im Kampf um Rang und Ansehen innerhalb der Adelsgesellschaft.

Besitz war der zentrale Faktor - Bildung eine eher freiwillige Zugabe. Der Erwerb herrschaftlichen Besitzes war der Königsweg vom Nicht-Adel zum Adel. Was Ausbildung betrifft, so musste man schreiben können. Das reichte meist  ... deswegen verdienen Notare (die Niederschreibenden) heute noch so viel ...

  1. unabdingbar war der wirtschaftliche Erfolg
  2. Abkunft und Herkunft: Wer nicht aus alteingesessenen Familien kam, hatte es schwer (nicht bloss in Basel) Die Familie Rummel z.B. wurde in Nürnberg, nach 120 Jahren Zugehörigkeit zum Kleinen Rat und vollständiger Integration in den Stadtadel, noch immer in die 2. Gruppe, die der "neuen Geschlechter" eingereiht.
  3. Sehr wichtig war die richtige Heirat
  4. Unerlässlich für den Aufstieg war die Mitgliedschaft in einer der vornehmen Bruderschaften
  5. Krönung einer Laufbahn war die Wahl in den Rat und die Uebernahme der Bürgermeisterwürde. Nicht nur Verhandlungsgeschick, sondern auch geschäftliche Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten und Landeskenntnis waren dabei günstig.
  6. repräsentativere Lebensstil s.o.
  7. Finanzieller Status, manifestiert durch Wohnhaus an der rechten Lage

Abkömmlichkeit (Überflüssigkeit) und adeliger Lebensstil waren Kennzeichen der patrizischen Oberschicht: bevorzugte Wohnlage in der Stadt (Landsitz ist lange ein beliebtes Objekt der Veräppelung), Ausstattung der Häuser, Kleidung, Festtagsaufwand, Hauskapellen, Totenschild und Grablegung in Kirche, Wappen und Siegel, Pferde, Waffen, Bücher (sic!!!) gesellschaftliche Exklusivität der Trinkstuben und Tanzveranstaltungen (heute Clubs genannt). Bekleidung angemessener Ratsämter, politischer Einfluss.

Ulrich Walther: "Er habe kain Handtierung gehapt, sunder auf seine Renten-Einkommen erlich vnd wol gelebt." Offenbar unbeschwert von finanziellen Sorgen habe er "sein Leben mit Waidwerk, Stechen, Rennen und ander erlich Kurtzweil vertriben." Ebenso habe sich Ulrich Walthers Sohn Bernhard (1500-1559), seit 1526 verheiratet mit der Tochter des Bürgermeisters Ulrich Dehlinger, "in kein Gewerbe noch Handel  eingelassen, sonder also wie sein Vater salig auf seinen Renten Gilden vnd Einkommen erlich vnd wol mit seiner Hausfrawen gelebt vnd bey altem Rat in Rat genomen, etlich fil Jar zw. erlichen Emptern gepraucht geworfen, sunst zum Waidwerk, Schiessen vnd andern erlichen Kurzweil getriben." Bernhard Walthers Vermögen war jedoch nicht ausreichend, um seinen zahlreichen Kindern - allein zwölf erreichten das Erwachsenenalter - gleichfalls ein Leben mit "Waidwerk, Schiessen vnd andern erlichen Kurzweil" zu ermöglichen. Das hatte zur Folge, dass sich die folgende Generation völlig umorientierte. d.h. Einheirat in Kaufmannsfamilie, kaufmännische Laufbahn  [S. 95]

Bei den Walther ist also ebenso wie bei einem Zweig der Stetten eine Entwicklung zu beobachten, die sich als "Re-Kommerzialisierung", als Wiedereingliederung von bereits aus dem Handel ausgeschiedenen Familien der reichsstädtischen Führungsschicht in das Geschäftsleben, charakterisieren lässt. ... Angehörige der Augsburger Führungsschicht verfügten über das ökonomische, soziale und kulturelle Kapital, um alternative Lebensentwürfe realisieren zu können, sie machten von dieser Möglichkeit regen gebrauch. [S. 96]

Es gab z.B. bevorzugtes Handwerk, das quasi adelte. So stunden besonders die Goldschmiede als Künstler zwischen Handwerk und Oberschicht (z.B. Albrecht Dürer), ebenso die Kürschner und Seidenhändler/-Weber (heute Chemie und Pharma) ... was vermutlich die heute noch spürbare Hochnäsigkeit der Basler Oberschicht begründet, die allerdings bereits im 19. JH von Jeremias Gotthelf in Ueli der Pächter so ziemlich veräppelt wurde.

Die Elite, d.h. die Führungsschicht, wurde vielfältiger. Es entwickelte sich nach und nach ein gewisser Elitenpluralismus. Für die Teilhabe an der Macht waren aber nach wie vor von hervorragender Bedeutung die Herkunft (Fremdenfeindlichkeit hat offensichtlich recht alte Wurzeln), Verwandtschaft und Heiratskreis, Vermögen und demonstrativer Konsum, Amt bzw. Funktion, Beruf bzw. Qualifikation, Reisen, Patronage bzw. Nepotismus etc

DER Schlüssel zum sozialen Aufstieg einer Familie war, bis zur liberalen Revolution im 19. JH, der Hof. War das Prestige einer gemeinsamen Reise eines Familienmitgliedes mit dem Monarchen bereits gross, so wuchs es noch, wenn ein höfisches Amt erworben werden konnte. Der Hof war aber nicht nur Garant von Abenteuern, sondern auch von Gewinn. Da die Höfe immer hohen Bedarf an Krediten hatten, weil sie meist ähnlich genial planten wie etwa Bush, ergaben sich für Begüterte immer günstige Gelegenheiten, sich ein einträgliches Amt, eine Pfründe, zu kaufen

Der Werdegang der Akademiker und anderer "Höflinge" damals erinnert allerdings stark an das, was wir heute Prekariat nennen:

Altersspezifisch begann der Weg zu Spitzenpositionen am Hof in der Regel bereits in der Jugend, etwa als Page. Von 94 Personen, von denen der berufliche Werdegang etwas genauer bekannt ist, hatten sich 80 (85%) bereits längere Zeit am Hof aufgehalten. Dabei war im Durchschnitt eine beachtliche Anlaufphase vonnöten, bevor sie in eine einflussreiche Position gelangten. Dann verblieben sie auch in leitender Stellung in der Nähe des Monarchen - oder schieden früher oder später in regionale Spitzenpositionen aus, wobei die Dominanz des Hofes so auch gegenüber der regionalen Verwaltung deutlich wird: "Quereinsteiger" in erste Positionen am Hof hat es nur selten gegeben; auch über die Karrierewege zeigt sich die relative Funktionalisierung beziehungsweise Abgeschlossenheit höfischer Eliten. Der Ausübung erster Aemter waren durchwegs andere Dienste vorgeschaltet gewesen, es gab gewissermassen einen innerhöfischen Karriereweg - ein guter Indikator für fortgeschrittene Professionalisierung, wobei die Rekrutierung für weitere höfische Aemter nur mehr ein ein gutes Stück über sozial gebundenes Konnubium (eheliche Bindung), Patronage und Klientelat erfolgt. Hof und regionale Spitzenverwaltung rekrutierten sich so grossenteils selbst, die politische Elite "wuchs nach." [S. 306

Patronagen und Pfründen mussten von den Herren meist fast zwangsweise abgegeben werden (Loyalität hatte damals noch, wie die Wurst, zwei Enden). Nebst den Bewerbern waren oft Fürbitter (heute Lobbyisten genannt) am Werk, wobei es dem Regenten meist nicht möglich war, die Fürbitte der Mutter, Frau, Tochter, Kapläne, Schreiber oder Söhne von Amtsinhabern abzulehnen, obwohl er rechtlich darin frei war. Patronagen waren Nepotismus, nicht mit dem Ziel einer funktionsgerechten Besetzung von Stellen, sondern der Begünstigung von Personen. Wilhelm van Enckenvoirt, Bischof von Tortosa und Utrecht, war ein extremes Beispiel für Pfründensammeln. Er brachte es auf rund 100, darunter die 7 reichsten Pfarreien des nordbrabanter Dekanats, von denen er zeitweilig mindestens 6 gleichzeitig innehatte, die er also auf keinen Fall wirklich "bedienen" konnte. Aber dafür hatte man bereits damals ja die Praktikanten ...

 

Illusionen und Erfolge beim sozialen Aufstieg durch Bildung

1459, bei der Gründung der Universität Ingolstadt im Herzogtum Bayern-Landshut, erwähnt die Gründungsakte, dass sich durch den Besuch der Universität ein materieller Gewinn ergäbe, der sogar Angehörigen der Unterschicht den sozialen Aufstieg erlauben würde. Die Ideologie hat also etwas über 500 Jahre gehalten. Es ist zwar richtig, dass in dieser Zeit die Welt deutlich komplexer wurde, was mehr Arbeitsteilung, d.h. mehr Spezialisierung, mehr spezielle Kenntnisse, nötig machte: Die vom frühmodernen Fürstenstaat ausgehenden gesellschaftlichen Differenzierungsprozesse - Staatsbildung und Verrechtlichung - haben einen stetig steigenden Bedarf an juristisch geschulten Fachleuten hervorgerufen, mit tiefgreifenden Folgen für die Geschichte der Eliten. [s. Büdinger Gespräche seit 1960]. Hier eröffneten sich auch der Mittelschicht neue Chancen, denn die Adeligen überliessen etwa die Finanzverwaltung, generell die Beschäftigung mit Papier und Tinte, gerne den Bürgerlichen. Der Anteil der (adeligen) Akademiker unter den Schreibern war damit bald doppelt so hoch wie unter den Finanzverantwortlichen.

Der Aufstieg war aber dennoch schwierig, denn er hing auch weiterhin nicht bloss von Begabung und Intelligenz (und Geld und Beziehungen) ab, sondern durfte (das hat sich eigentlich erst nach 1990 geändert) auch nicht zu schnell verlaufen, sonst störte er das Gleichgewicht zu den Mitkonkurrenten derart, dass dies als Affront wahr genommen wurde - und zum Scheitern führte. Neureich, heute allgemeiner Wunschtraum, war bis vor 40 Jahren ein Schimpfwort.

Des weitern war er, genau wie heute die PISA-Nachfolgestudien belegen (in Bearbeitung), abhängig von der sozialen Position die das Elternhaus, insbesondere der Vater, erreicht hatten. In Hessen-Kassel war z.B. das Amt des Am(m/ts)manns lange eine Familientradition, die sich oft über drei bis vier Generationen hielt. 3/4 der Amtsinhaber waren, bereits um 1500, Söhne von Vätern, die über ein Universitätsstudium verfügt und einen ähnlichen Beruf ausgeübt hatten. Unmittelbare Berufsvererbung lag allerdings "nur" bei einem Drittel der Fälle vor. Der Stand der Akademiker war also relativ offen ... allerdings mit einer Ausnahme, die auch heute noch gilt. Stefan Brakensiek hat sich gewundert, wie gering die Anzahl der Amtsleute war, die aus dem Umfeld des hessischen Offizierscorps und der Forstbeamten kamen. Wo der Vater bereits Jurist war, ergriffen 49 von 81 Söhnen ein Jurastudium, 9 wurden Theologen, 8 Offiziere, 5 Forstbeamte, 4 Kaufleute und 5 wählten einen andern Beruf. Betrachtet man nur die ältesten Söhne, so wählten 23 von 26 das Studium der Rechte, beim zweiten Sohn bloss noch 14 von 23. In der Prestigeskala folgten Theologen und Offiziere. Der Forstdienst war das Auffangbecken für 3., 4. und 5. Söhne (günstigeres und kürzeres Studium. An der Qualifikation leiden viele Forstdienste der 3. Welt - und Absolventen dieses Studiums, die sich eigentlich nicht als Beamte sehen, aber das vielfältige Wissen schätzen, das man sich hier erwarb. Diese äusserst vielseitige akademische Ausbildung (Naturwissenschaften: Biologie, Zoologie, Botanik, Dendrologie, Genetik, Physiologie, Waldbau .../ Physik; Ingenieurswesen Statik (ingenieursmässige Berechnungen von Bauwerken im Tiefbau), Dynamik (Abflussberechnungen für Hochwasser, Lawinen zwecks Dimensionierung von Schutzbauten / Betriebsführung / Rechtslehre, Forstrecht / Forstpolitik / ländliche Soziologie .... und einiges mehr ), die auch heute noch kaum Be-Achtung geniesst, obwohl es eine der vielseitigsten Ausbildungen war (gibt's heute gar nicht mehr in der Form und Vielfalt) s. insbesondere auch: Wald oder Forst? Mehr als eine Frage der Terminologie.

Ein Problem war hier auch, dass die Lebenserwartung um einiges kürzer war als heute, die Anzahl Kinder aber beträchtlich höher. Oft starben also die Väter, bevor alle Söhne ihre Ausbildung abgeschlossen, und die Töchter - standesgemäss -verheiratet waren.

Interessant betr. Ausbildung ist hier die Tatsache, dass das Schwabenland (von der Schweiz aus gesehen, in Deutschland heissen die Württemberger) bereits damals wirtschaftlich wie bildungsmässig führend war. Die Adeligen Schwabens erwarben sich, aus Konkurrenzgründen, weitaus früher akademische Grade als die Bayerns. Der Anteil der Akademiker lag hier mit 39% über dem Durchschnitt (31%), da Süddeutschland stärker urbanisiert war und über ein dichteres Schulnetz verfügte ... also bereits vor der pietistischen Übernahme, die hier wohl nicht ihre Grundlage gelegt, sondern gefunden hat. (Religion als Bestätigung der eigenen Heilserwartungen).

Das Theologiestudium

Im 16. JH war das Theologiestudium das meist gewählte - obwohl es eigentlich kaum Chancen für sozialen Aufstieg bot - vergleichbar also heute der (praktisch fast so nutzlosen) Publizistik.

Wer eine Pfarrstelle erreichen wollte, musste also zwei Vorbedingungen erfüllen: Er musste Geistlicher sein und einen Patron haben, er ihn präsentierte. (Bei Pharma, Banken, u.a. lukrativen Führungsstellen ist das ja heute immer noch üblich). Geistlicher sein hiess zunächst nicht mehr als die niederen Weihen oder auch nur die Tonsur empfangen zu haben. Das war nicht allzu schwierig. Denn Priester wurde man durch Weihe, durch den Bischof aufgrund folgender beim Weihetermin dem Bischof nachzuweisender Ausbildungs- und  Vermögensvoraussetzungen: Man musste einen lateinischen Text lesen und grammatikalisch analysieren können, Form und Materie der Taufe und der anderen Sakramente kennen, Fähigkeiten im Gesang und im Kalendermachen besitzen, die zehn Gebote erklären können. Ausserdem musste man über eigenes Vermögen oder eine Pfründe verfügen ... Wenn man überdies noch ehelich geboren war bzw. einen entsprechenden Dispens bei unehelicher Geburt erlangt hatte, bestand kein Hinderniss mehr, zum Priester geweiht zu werden. [S. 320] Folge: Ueberangebot

Überblickt man allein die Kosten, die der Versuch, Pfarrer zu werden verursachte - vom eigenen Vermögen über das Studium bis zu Rentenzahlungen an den resignierenden Vorbesitzer eines Pfarrbenefiziums bei Übernahme seiner Stelle und zu den Gebühren für die Einsetzung, von der Unwägbarkeit des letztendlichen Ausgangs der Bemühungen ganz zu schweigen - so fragt man sich, warum es ganz offensichtlich um 1500 bis in bäuerliche Schichten hinein so attraktiv war, dieses Ziel anzustreben.

Eine Antwort: Mit dem Studium war die Erwartung einer Pfründe verbunden. Zudem wurden diese Pfründen meist (natürlich zu weitaus schlechteren Bedingungen, man wollte ja gut leben davon) an Hurlinge (was von "Mieten" kommt) verpachtet . Diese erledigten also die die Arbeit für ein geringes Entgelt, während dem der Inhaber der Pfründe den Ertrag in der Stadt verprasste. Der Amtsausführende musste sich meist zu miserablen Bedingungen verkaufen, was ihm vor allem der Möglichkeit beraubte, selbst zu studieren und die ihm eigentlich fehlenden Kenntnisse zu erwerben.

Zweite Antwort: Da um 1500 aber noch eine recht gläubige Zeit war, schätzten es viele auch einfach, einen Priester in der Familie zu haben (was später durch den Arzt, noch später durch den Spekulanten oder Bankier ersetzt wurde).

Dritte Antwort: Die "Arbeit" als Kleriker (das englische Wort clerk = kaufmännischer Angestellter, zeigt den Ursprung deutlich) bot aber, als white colar work, auch andere Vorteile: Man war unter dem Schutz des Kirchenrechts, was für jugendliche "Kleriker" recht hilfreich war, wenn sie in Prügeleien verwickelt wurden, was offenbar auch damals schon ein Problem war. Zudem war man Fachmann fürs Schreiben, war also relativ breit einsetzbar, da diese Kunst damals noch nicht all zu weit verbreitet war. Man hatte also generell einen hohen Wert am Arbeitsmarkt. Das war, auf Grund des Überangebots, auch nötig. Ein weiterer Ausweg aus dem Problem des Akademikerüberschusses war die Stelle als Hauslehrer. Zwar ermangelte es den Absolventen des Theologiestudiums nun meist an Herkunft, sie kamen aus dem Mittelstand ... was aber damals wie heute nicht stört, da sie dafür billig waren.

Man erkennt hier ein weiteres Problem, das damals entstand und bis heute nicht gelöst ist: Um schreiben zu lernen, braucht es nun wirklich keine Hochschulausbildung - nicht mal im Mittelalter. Für die meisten Jobs die Universitätsabsolventen heute erledigen, ist das Studium genau so übertrieben. Diese Diskrepanz zeigt vermutlich am deutlichsten, dass Bildung weit weniger eine technische Voraussetzung für einen Job ist als eine formelle, dass die Diplome also weitaus mehr der De-Selektion dienen denn als dem Beleg für Wissen und Können.

Vierte Antwort: Und war man Pfarrer, so regierte man als Herr die einem anvertraute Gemeinde als seine Untertanen mit der Rückendeckung der kirchlichen Autorität. Kurz: man gewann eine privilegierte Rechtsstellung, lebenslanges Einkommen ohne Handarbeit und einen bemerkenswerten Status. [S. 334]

Das Schicksal der Hurlinge und Hauslehrer war damals genau so uninteressant wie heute die Anzahl der Akademiker die als Taxifahrer, Verkäufer beim Migros, geistige Handlanger in untergeordneter Position in einer Verwaltung oder einem Büro arbeiten. Die Chancen des Aufstiegs war also auch damals für viele zunichte gemacht, da immer nur eine kleine Minderheit sich höhere Löhne als den Durchschnitt aneignen kann.

Die Bergrichter / Bergvögte

Bergwerke und Minen hatten damals, wie der internationale Handel anderer bereits existierender global player, einen riesigen Bedarf an Finanzen - und an Verwaltung. Nebst guten Minen, d. h. ergiebigen Erzlagerstätten, waren nötig:

Die Anforderungen an die Verwaltungskräfte, Bergvögte genannt, waren beträchtlich:

Aufgabenprofil für das Amt des Bergvogtes im späten Mittelalter
  Treuepflicht

Vermittlungskompetenz

    Belehnung

Anwendung der Rechtsgrundsätze

  Aktenführung

Rechnungslegung

Schreiben
Lesen
Rechnen

oft auch Fremdsprachen

Grundkompetenz Verwaltungstechnische Kompetenz Rechtskompetenz
Gerichtskompetenz
Soziale Kompetenz

Der Bergrichter (Bergvogt) entschied, ob nach Stollen- oder Schachtrecht verliehen wurde; er entschied über das Zusammenschlagen von Gruben. Durch regelmässige Befahrung musste er sich sowohl über den technisch einwandfreien Zustand der Grube informieren als auch über die zu erwartenden Erzmengen. Am Berg wie bei der Hütte probierte er die Erze auf ihren Silbergehalt und war bei der grossen und kleinen Probe in den Hütten der Gewerken wie auch in der landesherrlichen Hütte anwesend. Er war verpflichtet, alle Akten ordentlich und jederzeit zugänglich zu archivieren; dazu gehörten Bergordnungen, Mandate und Befehle, die er auf Wunsch den Gewerken und Bergarbeitern zugänglich machen bzw. vorlegen musste.  ... +

Das Geschick des Bergrichters, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten aus den drei zuletzt genannten Bereichen (Macht, Einflussnahme und Prestige) waren nicht nur unabdingbar, sondern auch der Garant für erfolgreiche unternehmerische Entscheidungen. So musste er sich immer aufs neue folgende Fragen stellen: War die Annahme weiterer Berganteile für seinen Landesherrn rentabel? Rechnete sich der Bau einer landesherrlichen Hütte oder war es eine soziale Notwendigkeit, damit die nicht mehr schmelzenden Gewerken nicht in eine den sozialen Frieden im Revier belastende Abhängigkeit der Hüttenbetreiber gerieten? Welche technischen Neuerungen waren im Hinblick auf eine Kosten-/Nutzenrechnung sinnvoll? War der Abbau durch Gewerken oder durch Lehenshäuser gewinnbringender zu betreiben? War die Einstellung des Abbaubetriebes vielleicht nur vorübergehender Natur und damit die Wasserhaltung trotz hoher Kosten aufrecht zu erhalten? Diese und noch weitere unternehmerische Entscheidungen musste der Bergrichter selber treffen oder der Kammer durch sachkompetente Berichte eine Entscheidungsgrundlage liefern. .. Bei anhaltenden Streitigkeiten innerhalb der Berggemeinde, bei Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern der Berg- und Landgemeinde konnte es zum Abbaustillstand durch Streik oder Abzug der Gewerken und/oder Arbeitern aus dem Revier kommen. Damit verbunden waren Einnahmenverluste bei steigenden Kosten. Die Vermeidung bzw. umgehende Beilegung derartiger Spannungen erforderte neben einem sich den unterschiedlichen Gegebenheiten und Personen anpassenden Vermittlungsgeschick in besonderem Masse die Fähigkeit zur Personalführung.

Weitere Aufgaben: Fron- Wechsel und Strafzahlungen. Löhne, sechswöchentliche Grubenrechnung. Gerichtskompetenz. Vertretung der wirtschaftlichen Interessen des Landesherren:

Die Fürsorgepflicht beinhaltete nicht nur gemäss der Bergordnung die Verantwortung gegenüber den Witwen und Waisen, sondern schloss auch die Ueberwachung der Arbeitsbedingungen wie der korrekten und pünktlichen Lohnauszahlung ein. Damit sicherte der Bergrichter den Arbeitsfrieden am Berg und gewährleistete die Betriebssicherheit über- und untertage. Natürlich galt seine Loyalität grundsätzlich und in erster Linie seinem Landesherrn; denn sie war wesentlicher Bestandteil und Kennzeichen des sich in der frühen Neuzeit formierenden Berufsbeamtentums. Diese Beziehung zum Landesherrn  konnte ihn im Alltag seiner Geschäfte in widerstreitende Interessen zwischen Berg- und Hüttenarbeitern und Gewerken einerseits und den Vorstellungen des Landesherrn andererseits verwickeln. Es war daher ein besonderes Qualitätsmerkmal, wenn es dem Verhandlungsgeschick des Bergrichters gelang, diesen grundsätzlichen Interessen einen gemeinsamen Nenner zu verschaffen. [S. 399]

Diese grosse Verantwortung trug ihm aber auch, zu Recht, einen grosser Lohn ein. Nebst dem nicht unbeträchtlichen Grundlohn erhielt er, präzise wie heutige Manager, je nach Verhandlungsgeschick Sonderleistungen für die Haltung eines Pferdes (> das damalige Auto), Amtskleidung, freies Wohnen im Berggerichtshaus (Dienstwohnung), Fischwasser- und Gartennutzung, + Anteil an Gebühren sowie ein Gnadengeld im Alter (Pensionskasse). Er musste allerdings mindestens so flexibel sein wie heutige Manager, denn häufiger Ortswechsel war hier selbstverständlich. Er konnte, entsprechend dem Umfang der damaligen Welt, "global" eingesetzt werden.

INTELLIGENZ FAEHIGKEITEN FERTIGKEITEN

wirken sich materiell aus auf

Höhe der Soldzahlung
Sonderleistungen
Altersvorsorge
Amtskleidung
Vorteilsnahme

  BERGRICHTER  
Beteiligung an regalherrlicher Macht
Macht- und Elitenbewusstsein
Erlangung von Bürgerrechten
Ausbildungs- und Heiratschancen der Kinder

wirken sich immateriell aus auf

INTELLIGENZ FAEHIGKEITEN FERTIGKEITEN

Der Bergrichter musste, multiperspektivisch, technische, unternehmerische und politisch-gesellschaftliche Intelligenz in einer Person vereinen.  Er verband also damals noch die Funktion des Ingenieurs, mit der des Juristen, Aufsehers, Personalchefs, Verwaltungsrats, Ombudsmanns etc, also etwa dem heutigen "Manager" zu vergleichen.

Die hohen Anforderungen zeigen, dass sich solche Positionen natürlich, mit einiger Erfahrung, einigermassen monopolisieren und ausnutzen lassen (ein Problem, das heute noch nicht gelöst ist: s. Abzockerinitiative) ... was zur Auftrennung und Spezialisierung geführt hat, hinter der heute aber der die Koordinationsleistungen immer noch her hinken.

Familienbeziehungen hatten hier nur noch dann Gewicht, wenn angenommen werden konnte, dass spezifisches Wissen innerhalb der Familie mündlich weitergegeben wurde. Doch auch dann hing der berufliche Erfolg von der fachlichen Bewährung ab. Die verschiedenen alten Kohäsionsmodelle wurden durch das Primat der Fachkompetenz - und ein von Abhängigkeit geprägtes Loyalitätsprinzip (Lohnarbeit ist Abhängigkeit!) - ersetzt. Solche Allroundgenies waren derart gefragt, dass sogar heiligste Grundsätze über Bord geworfen wurden, wie etwa 1584 im Fall Christoff Haid von Haidenburg, die damals noch sehr bedeutende Religionszugehörigkeit. Haid war zwar kain Haide, aber immerhin Protestant, was seine Anstellung im katholischen Vorderösterreich damals eigentlich verbot.

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Soziale Netzwerke Das Konzept der sozialen Verflechtung in den Geschichtswissenschaften

Die neuere Forschung fragt hauptsächlich nicht mehr nur nach der gesellschaftlichen Position, sondern nach den zeitgenössischen "Netzwerken", die dazu beitrugen, in solche Positionen zu gelangen und sie zu sichern. Als Indikatoren werden vornehmlich gemeinsame Prägungen durch Heiratsbeziehungen, Freundschaften, Bekanntschaften, ähnliche Ausbildung, regionale Herkunft etc. herangezogen. [Sozialer Aufstieg: Günther Schulz: Soziale Position und gesellschaftliches Netzwerk in Spätmittelalter und Frühzeit: Ansätze und Fragen der Forschung. S. 12]

Die wichtigste methodische Innovation bei der Erforschung Augsburger Führungsgruppen in den letzten beiden Jahrzehnten stellt zweifellos das vor allem von der Soziologie und Ethnologie entwickelte und von Wolfgang Reinhard in die deutschsprachige Fühneuzeitforschung eingeführte Konzept der "sozialen Verflechtung" dar. Im Gegensatz zu Schichtenmodellen geht das Verflechtungskonzept davon aus, dass sich Führungsgruppen weniger durch gleiche soziale Merkmale wie Besitz oder Vermögen konstitutieren, sondern durch die tatsächlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern. Diese - familiären, verwandtschaftlichen, nachbarschaftlichen, geschäftlichen, rechtlichen oder klientären - Beziehungen lassen sich mittels eines formalisierten Sets von Kategorien beschreiben (z.B. Dichte des Netzwerks, Zentralität einzelner Akteure, Multiplexität von Beziehungen) [S. 76-7]

Anstatt den städtischen Führungsschichten a priori ein bestimmtes soziales Leitbild wie dasjenige des Adels zu unterstellen, wird hier daher vorgeschlagen, von einem Normenpluralismus und alternativen sozialen Strategien auszugehen, zwischen denen Individuen und Familien auswählen konnten. Natürlich wurde diese Auswahl nicht nur nach Neigungen und Befähigung getroffen, sondern auch unter dem Einfluss von familiären Erwartungen, Informationen und Ratschlägen von Seiten Verwandter und Bekannter, wirtschaftlichen Konjunkturen und sachlichen Zwängen. Von konstitutiver Bedeutung war zweifellos die Einbindung der Oberschichtangehörigen in engmaschige soziale Netzwerke, die den Zugang zu einflussreichen Personen, wichtigen Informationen und essentiellen Ressourcen ermöglichten. Geschäftliche Krisen oder Konflikte innerhalb des sozialen Netzwerks konnten Karriereentwürfe aber auch zum Scheitern bringen oder alternative Strategien nahelegen. [S. 83]

Netzwerke sind eine ziemlich hinterlistige Angelegenheit. Dass sie zum grösseren Teil aus Löchern, nicht aus "Stoff" bestehen, wird gerne vergessen  (s. Spencer-Brown-Form rechts). Unter dem "alten" Aspekt des sozialen Zusammenhangs dienten sie logischerweise ebenfalls nicht dem Ganzen, sondern der oder den beteiligten Gruppen. Man nannte dies mal Filz. Unter dem neuen, postmodernen Aspekt des "optimierten Wettbewerbs" dienen sie eben ... der Optimierung des Wettbewerbs, also dessen Begrenzung, durch Kartelle z.B., die meist natürlich weit weniger offensive Namen tragen. Netzwerke sind auch die neue Kontrollstruktur, welche die klassische geschichtete Hierarchie ersetzen. Das Prinzip ist anhand folgender Graphiken leicht zu verstehen:

Im einfachen Netz mit einer Zentrale ist klar, wer die Kontrolle hat. Bei mehrfachen, kooperierenden Netzen entstehen entsprechend mehr Kerne - und zusätzlich die "Intermediäre", die ebenfalls über ein enormes Potential verfügen, Wissen zu Monopolisieren (über Zentralität, Nähe zu andern Knoten oder zentrale Zwischenstation, s.u.) und dadurch ihre Stellung aufzuwerten ($).


Hat am meisten Knotenpunkte in der Nähe, also der ideale Ort für die Direktion

Liegt quasi im Zentrum des Netzwerkes, bemerkt also am ehesten, wenn sich die Gewichte verschieben

Häufigste Durchgangsstation, "Rasthaus", "Fernfahrerbeiz" - hat die besten Chancen, den "Verkehr" im Netz zu beobachten.

Dass man Netzwerke, einfach weil sie "Zusammenhang" fördern, nicht einfach heilig sprechen sollte, zeigt die Darstellung rechts. Netzwerke die über starke Interessenbindungen entstehen - aber korrektivem Einfluss über Markt, Politik, Kritik entzogen sind, sind praktisch immer als schädlich zu betrachten (Mafia, Kartelle). Netzwerke mit starken Bindungen über geteilte Werte werden ebenfalls, durch ihre Exklusivität und Herrschsucht, von der Mehrheit meist ebenfalls als nicht so toll empfunden. Nebst Sekte müsste hier vielleicht stehen Terrornetzwerk, Netzwerk von Fundamentalisten jeglicher Couleur, dann wär's klarer.

Die Olson Gruppe dürfte sich vermutlich meist wirtschaftlich definieren, mit dem Fokus auf der Minimierung der Transaktionskosten.

Die Putnam Gruppe bezeichnet diejenigen Netzwerke, die das soziale Kapital ausmachen, welches durch die Bereitschaft der Bürger entsteht, miteinander zu kooperieren, wie Vereine, Parteien, Religionsgemeinschaften, Berufsorganisationen, Sportvereine, Quartiervereine, Fachgruppen etcetc.


Dass Wettbewerb nicht ohne Kooperation geht, sondern die "richtige" Politik vom rechten Mass abhängt, zeigt die nationale Ausrichtung auf die eine und andere Gruppe. Die sozial orientierten nordischen Länder beteiligen sich deutlich stärker an Netzwerken, die das soziale Kapital stärken wollen (Olson Gruppen). Die Beteiligung der Schweiz an beiderlei Netzwerken ist kein Sonderfall in dem Fall, sondern Mittelmass.


 

Demgegenüber ist die aktive Mitgliedschaft bei effizienzorientierten Putnam-Gruppen dominant in den USA. Finnland scheint hier ein interessanter Fall, bei dem starke Beteiligung an Wirtschaftsnetzen ganz offensichtlich sogar mehr als kompensiert wird durch die noch stärkere Beteiligung an sozialen Netzen!


 Soziale Netzwerke. Theoretische Konzepte, Analyseinstrumente und empirische Befunde. Michal Nollert, www.suz.unizh.ch/nollert/soznetzwerke.pdf

Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH, Basel, 22.2.07