Geschichte der
Demokratie____________________________________________________________
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Obwohl die Schweizer im deutschen Sprachraum ja zumeist mit den Fürstenbergern, Hohenzollern und vor allem den Österreichern zu schaffen hatten, nennen sie heute noch alle die nördlich des Rheins leben: Schwaben, so wie für die Bayern alle die Hochdeutsch sprechen eben Preussen sind. Dabei sind sie eigentlich des selben Ursprungs und der selben Sprache, zumindest was die nördlichen und weniger "stotzigen" Landschaften der Schweiz betrifft. Eigentlicher Anlass zu diesem Artikel war der Versuch, die Schweiz mal aus der historischen Perspektive der ehemals Bekämpften zu sehen, also von Aussen, also eine Sicht der Schweiz quasi aus der Perspektive des "Feindeslandes". Es zeigt sich, dass die Unterschiede wie die Gemeinsamkeiten zwischen Kuhschweizern und Sauschwaben beträchtlich sind.
Die Informationen und Zitate stammen, falls nicht anders gekennzeichnet, aus: Otto Borst: Geschichte Baden-Württembergs. Ein Lesebuch. Konrad Theiss Verlag GmbH. Stuttgart 2004]. Falls Sie detaillierte Angaben suchen, wenden Sie sich bitte an Schwabissimo, der ihnen die Geschichte detailliert liefert, wie auch Schwabenwitze, die Schwäbische Sprache, Küchenrezepte und vieles mehr.
Die ältesten Spuren von Menschen in Europa wurden 1907 in Maur gefunden. Es handelt sich um den vor 600'000 Jahren lebenden Homo heidelbergensis. Jüngere Funde 200'000 Jahre alt, gab es bei Steinheim an der Murr.
| Die Burgunder: Unsere Nachbarn im Westen, die Burgunder, von denen sich die Schweiz vor allem in den Schlachten von Grandson, Murten (1476) und Nancy (1477) befreite, sind ein weiteres Beispiel dafür, wie wenig heutige Sprache und Kultur mit alten völkischen Wurzeln zu tun haben. Die Burgunder kamen nämlich ursprünglich aus der Gegend zwischen Weichsel und Oder, werden also den Ostgermanen zugerechnet. Nach der Zerstörung ihres Reiches durch die Römer (435) und Hunnen (436, dies der Hintergrund des Nibelungenepos), unterstützten sie die Römer im Kampf gegen die Alemannen, und wurden im nördlichen und westlichen Grenzgebiet angesiedelt, der Westschweiz bis hin zur Rhone. Es fand aber ganz offensichtlich keine Sprachverschiebung statt wie in der Deutschschweiz. Wikipedia: Das Volk der Burgunder |
Aber für die Betrachtung heutiger Stammeszugehörigkeit
interessant wird es eigentlich erst mit den Kelten. Diese beherrschten in der Hallstattzeit
800-450 BC und während des Latène (bis zur Zeitenwende), ganz Mitteleuropa bis
nach Irrland. Die Stammesgebiete wurden immer wieder durch wandernde Völker,
durch den Druck aus Osten und Norden, verschoben und vermischt. Was den Raum
Baden, Württemberg, Schweiz betrifft, so wird er seit der Römerzeit vor allem
von dem Stammesverbund der Alemannen bewohnt. Dauerhaft von den Alamannen besiedelt wurde das Elsass und die
Nordschweiz, wobei sich die Alamannen in beiden Gebieten mit den einheimischen
romanisierten Kelten vermischten. Spätestens 506 scheint sich die alemannische Führungsschicht unter ostgotischen
Schutz begeben zu haben. Teile der Alemannen wurden in Oberitalien und offenbar im
räthischen Gebiet des Bodenseeraumes, des Thurgaus und des Alpenrheintals angesiedelt,
und schliesslich wurde das gothische Alemannien 536/537 vom ostgothischen König Witigis den
Franken abgetreten. Die Helvetier, ein ebenfalls keltischer Stamm, waren nach
der Niederlage von Bibracte nach und nach durch Alemannen aus dem Norden und
Burgunden (Ostgermanen) aus dem Süden in den Alpenraum verdrängt worden.
So
betrachtet ist die Geschichte nach 1291 eigentlich bloss eine Rückeroberung.
Die
heutigen Dialekte entsprechen dem noch weitgehend. Ich hab's grad mal getestet
anhand des Chochichäschtli-Orakels (
http://dialects.from.ch ). Aufgewachsen in Rheinfelden, Mittelverschult in
Basel, habe ich (trotz 10 Jahren im Nahen und Mittleren Osten (Ostafrika bis
Zentralasien) noch weitgehend den relativ typischen alemannischen Dialekt,
der durch Hebels Schatzkästlein (Wiesenthal) berühmt wurde. Man sieht anhand der
Karte, dass er am ausgeprägtesten in Bettingen, Arlesheim, Bubendorf, Pratteln
und Reigoldswil, seltsamerweise aber auch in Willisau und Zell gesprochen wird,
aber auch noch relativ gut ausgeprägt in Solothurn und Frauenfeld sowie einigen
Orten Graubündens (Maladers, Chur, Masans).
Der heroische Widerstand der Helvetier, die ihr Land bei Bibracte gegen die eindringenden Römer verteidigen wollten, scheint dagegen ein Mythos. In Wahrheit scheint es eher umgekehrt zu sein, dass nämlich bereits damals das Klima hier besch... war und man sich den Völkerzügen der Kimbern und Teutonen anschliessen wollte, die es, bereits damals, in die Provence zog. Hier der historische Hintergrund, warum das Reduitdenken derart im kollektiven Unbewussten der Schweizer verankert ist und nun seinerseits Völkerwanderungen, diesmal AUS dem Süden, zu verhindern sucht. Motto: Wenn ihr uns nicht im Süden wollt(et), so wollen wir euch auch (heute) auch nicht!
"Alamannen" wird allerdings häufiger als blosses Bündnissystem verstanden denn als Bezeichnung eines Volkes: Alle Mannen/Männer von ... Es handelt sich um einen Stammesverband, primär aus von Sueben (eben - Schwaben).
Alemannien (lat. Alamannia) oder Alamannien ist die Bezeichnung für das Gebiet, das die Alamannen im Frühmittelalter kontrollierten und besiedelten. Es umfasste in etwa die Gebiete zwischen Mainz, Würzburg, Augsburg, Zürich, Besançon, Langres und Toul. [Wikipedia] Das Gebiet der Alamannen umfasste also auch grosse Gebiete eines weiteren starken Gegners, nämlich des Burgund, dem die Schweizer 1474-77 drei tödliche Niederlagen bescherten. Nebst den Burgundern im Südwesten hatten die Alemannen-Schwaben Im Norden und Westen die Franken und im Osten die Bayern, mit denen sie eher weniger freundliche Beziehungen verbanden.
Die Christianisierung der Alamannen erfolgte im 7. und 8. Jahrhundert nach Christus durch irische Missionare. Sie gründeten die Klöster St. Gallen (614), St. Trudpert, Säckingen und Reichenau (724). Reichenau war auch zuständig für die Gründung des Klosters St Gallen [http://www.gzg.fn.bw.schule.de/lexikon/reichena/history.htm] In Alamannien bestanden noch aus römischer Zeit Bischofssitze in Basel (früher in Augusta Raurica bei Basel), Konstanz, Strassburg und Augsburg.
http://www.lexhist.ch/externe/protect/textes/d/D8027-1-39.html
Urbarisierung, Siedlungsgründungen fand vor allem in der Friedenszeit am Ausgang der fränkischen Merowingerherrschaft statt. Damals wurden im Schwarzwald, den Voralpen, im Jura und den Vogesen eine grosse Zahl an Siedlungen angelegt, die heute noch erkennbar sind an der Endung auf ...ingen oder ...heim.
In der Merowingerzeit entwickelten sich aber auch Feudalismus, Vasallentum, Lehenswesen - kurzum die Herrschaft des Adels - und damit verbunden die Unterdrückung des Mittelstandes und die Versklavung der Bauern. Ähnlich wie in der heutigen Betriebsherrschaft wurde die Macht hierarchisch aufgeteilt und konnte nun immer weitere Bereiche und Flächen beherrschen.
http://www.susas.de/merowinger.htm
Das Herzogtum Schwaben war neben Bayern, Franken, Lothringen und Sachsen eines von fünf Stammesherzogtümern im ostfränkischen Reich. Es umfasste mehr als den Südwesten des heutigen Deutschland, wurde vom Lech im Osten und den Vogesen im Westen begrenzt, im Norden reichte es etwa bis Ellwangen, Cannstatt und Calw, im Süden bis Chiavenna und dem Gotthardpass.
Politisch bestand das Herzogtum Schwaben etwa 350 Jahre, von 911 bis 1268, also bis zum Ende der Staufer und dem Ende der Stammesherzogtümer überhaupt, rechtlich wurde es erst 1806 zusammen mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation aufgelöst.
Im Jahre 917 proklamierte der Markgraf Burchard II. von Rätien das Herzogtum Schwaben. Unter seinen Nachfolgern integrierte sich Churrätien in das Herzogtum Schwaben und dieses wiederum in das Deutsche Reich.
http://de.wikipedia.org/wiki/Herzogtum_Schwaben
Nicht bloss, dass das Schwabenland aus heutiger Perspektive eine Schweizer Gründung ist, von 1057-1079 herrschte Rudolf von Rheinfelden als Herzog von Schwaben. [Er würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wüsste er, dass heute seine Heimatstatt ausserhalb der Grenze des neuen Europa liegt ....]
Habsburg (auch Hapsburg) war für einige Jahrhunderte bis 1806 das dominierende deutsche Adelsgeschlecht in Mitteleuropa, es stellte die Staatsoberhäupter von Österreich (als Herzöge 1282-1453, Erzherzöge 1453-1780, desweiteren die Könige von Spanien (1504-1700) und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
Der Name kommt ursprünglich von der um 1020 erbauten Burg Habsburg im Aargau in der Schweiz, dem Familiensitz im 12. und 13. Jahrhundert. Sitz der Frühhabsburger war eine kleine Burg, Habichburg später dann Habsburg in der Nähe der (Altenburg bei Brugg). Otto II. (†1111), ein Enkel des Erbauers der Burg, nannte sich um 1100 als Erster der Familie Graf von Habsburg. Seit 1108 nannte sich das Geschlecht von Habsburg.
Von Schwaben aus vergrößerte die Familie Habsburg ihre Herrschaft in den Osten zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation; ihr Territorium (1278-1382) entsprach annähernd dem des heutigen Österreich. Innerhalb von nur zwei bis drei Generationen schafften es die Habsburger, die deutsche Königs- und die damit verbundene römische Kaiserwürde zu erreichen und hielten diese für Jahrhunderte (1273-1291, 1298-1308 und 1438-1740. Zwischen 1745 und 1806 wurde das Reich von Mitgliedern des Hauses Habsburg-Lothringen regiert.
Aus heutiger Sicht wären also auch eine grosse Zahl der Herrscher über Deutschland und Österreich eigentlich schweizerischen Ursprungs. Dass sie sich erst im Ausland entwickeln konnten, zeigt vielleicht, dass es damals bereits eher eng war in der Schweiz, nicht bloss räumlich. Die Habsburger drängten nach Norden (1286 Belagerung von Stuttgart durch Rudolph von Habsburg) und Süden, wo Leopold I. von Oesterreich 1315 bei Morgarten allerdings deutlich geschlagen (ganz unritterlich, mit Steinen und Holz) wurde.
Die Markgrafen von Baden stammen von den Zähringern ab. Habsburg und Oesterreich war seit 1368 die Herrschaft, unter der: Freiburg im Breisgau und später, insbesondere nach der Französischen Revolution, ganz Baden stund.
Wie wenig allerdings unsere heutige Vorstellung eines Flächenstaates der alten Zeit taugt, zeigt sich vor allem bei den Städten. Die wichtigsten Städte der Schweiz wurden nun eben nicht von Schweizern, nicht mal nach heutigem Begriff, gegründet, sondern von dem, mit den Staufern verwandten, schwäbische Fürstengeschlecht der Zähringer. Sie gaben sich seit Ende des 11. Jahrhunderts ihren Namen nach der Burg Zähringen bei Freiburg im Breisgau.
Im 12. Jahrhundert schufen die Zähringer im heutigen Südwestdeutschland und der Schweiz ein umfassendes und bedeutendes Herrschaftsgebiet. Sie betrieben in diesen Gebieten eine aktive Siedlungspolitik und gründeten zahlreiche Städte, Siedlungen und Klöster.
Zähringerstädte in der Schweiz
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Zähringerstädte in Deutschland:
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Württemberg gründete selbst bis ins 15. JH. keine "eigenen" Städte. Ähnlich wie Niklaus von der Flüe die Schweizer gewarnt hatte: Machet den Zuun nit ze wiit war es nie Ehrgeiz der Nord-Alemannen (Schwaben), einen Grosstaat zu schaffen. Man verabschiedete sich von ideologischem Totalitarismus und der nationalistischen Maxime, Staaten seien nur dann gesund. wenn sie fortwährend wüchsen.
Von der Flüehs Warnung, sondern die verlorene Schlacht von Marignano, welche der Ausdehnung gegen Süden einen Riegel vorschob.
Anhand der Städte zeigt sich der Unterschied zwischen dem damaligen Verbündungsstaat und dem heutigen Flächenstaat am besten. Baden (s. link) war ein Flickenteppich mit unterschiedlichsten Herrschaften. Borst beschreibt die Verhältnisse recht drastisch:
Denn dies ist das Leitmotiv: Das territoriale Prinzip will seinen Sieg, das Fürstentum die Unterordnung von Adel und Städten unter seine Hoheit. Dieser rote Faden zieht sich durch alle jene Jahre, durch die hundert Verknüpfungen von Fürsten gegen Städte, von Fürsten mit Städten, von Ritterschaften untereinander, von Städten untereinander, durch die hundert erschreckten (oder erfundenen) Bereichte über Strassenüberfälle, niedergebrannte Dörfer, eingerissene Burgen. Das Wechselspiel scheint fast ermüdend. [S. 104]
Die Passage macht eindrücklich klar, dass ein damaliges Imperium, Königreich, Herzogtum oder Grafschaft nicht mit dem heutigen Begriff von Staat gleich gesetzt werden darf. Es handelte sich um ein Mosaik von Verbündeten aus dem einzelne Teile immer wieder heraus brachen oder neue hinzu kamen. Der Territorialstaat musste sich aus diesen Bündnissystemen heraus erst entwickeln.
Interessant sind hier insbesondere die Städte, die sich mit den heutigen global players vergleichen lassen. Wer eine Stadt baute, wollte davon profitieren. Er verlangte also Reichsfreiheit, Steuerfreiheit, freie Wahl der Ratsherren und Priester, also eigentlich das Recht, einen Staat im Staat bilden zu dürfen. Die Stadt regelte ihre eigenen Bedürfnisse - ohne Rücksicht auf ihr Umfeld nehmen zu müssen - am allerwenigsten auf die Menschen in ihrem Umfeld, die Bauern.. Zünfte schlossen Konkurrenten aus. Die Kosten trugen die Bauern, von welchen nur die stadtnahen von der Stadt selbst profitierten. Ähnliche Vorgänge sind heute in China im Gange. Ende 2002 besass China 660 Grossstädte und 20'600 administrative Städte mit einer Bevölkerung von einer halben Milliarde! Der Grad an Urbanisierung ist somit in 24 Jahren von 18% (1978) auf 39% gestiegen. Eine jährliche Wachstumsrate von 0.88%, das Doppelte der auf der übrigen Welt anzutreffenden Urbanisierungsraten.
http://english.people.com.cn/200407/09/eng20040709_148982.html
http://f04.middlebury.edu/ECON0428A/Conferences/Urbanization/donnan.html
Durch den Drang, die Sonderrechte und Sonderinteressen zu erhalten, wurden aber die Städte selbst altmodisch. Die schlagkräftige Herrschaft der Waffengewalt stürzte die rechnenden und diskutierenden Genossenschaften des Städtebundes
Die Reformation und der Wunsch: Ein Gott, ein Herr, trieb insbesondere nach der Reformation die Entwicklung zum Territorialstaat voran. Viele unabhängige, vernetzte Partikel, kann viel Freiheit bedeuten, genau so aber: viele Herren. Bauern bezahlten den Grundherren, den Kirchherren, den Vögten.
Auf dem Reichstag zu Worms von 1495erhebt Kaiser Maximilian Württemberg zum Herzogtum. Anschließend erläßt Eberhard im Barte die erste Landesordnung, die durch ihre Rechtsvereinheitlichung und Rechtssicherung Württemberg endgültig zum Territorialstaat macht.
Der Schwabenkrieg, nördlich des Rheines eher als Schweizerkrieg bezeichnet, war ein von Januar bis September 1499 dauernder kriegerischer Konflikt zwischen dem Eidgenössischen Bund und dem Schwäbischen Bund um die Vorherrschaft im habsburgisch-eidgenössischen Grenzgebiet.
Kampfgebiete waren entlang der ganzen nördlichen Grenze der Eidgenossenschaft, vom Vinschgau bis zum Bodensee und Sundgau.
Begonnen hatte es im Januar 1499 mit Kämpfen zwischen Graubündnern und Tirolern im Münstertal (Schweiz), welche den eigentlichen Krieg auslösten.
Die Folge dieses Krieges war der endgültige Anschluss der Stände Basel und Schaffhausen an den eidgenössischen Bund im Jahr 1501.
http://de.wikipedia.org/wiki/Schwabenkrieg
1520 wird Württemberg Habsburgischer Besitz.
1552 Die Landesordnung führt zu einer Neuorganisation der zentralen Landesverwaltung. Es entsteht der Oberrat für Äußeres, Inneres, Justiz und Polizei, die Rentkammer für die Güter- und Finanzverwaltung und der Kirchenrat (Konsistorium) für geistliche Angelegenheiten und die kirchliche Güterverwaltung. Diese drei Ratskollegien bilden bis 1806 den Mittelpunkt der Landesverwaltung.
Dieser Landrat war aber eine Landesvertretung, keine Volksvertretung. Die Stände waren Vertreter des Landes gegenüber den hohen Herren.
Die Rückständigkeit Württembergs vor 1800 wird vor allem auf diesen Landrat zurück geführt, dessen Widerstand gegen ökonomische Neuerungen im 18. JH. allerdings durch landesherrlichen Alleingang im Manufakturenbau einfach umgangen wurden.
Der Württembergische Landrat scheint ein historischer Vorläufer der SVP, der durch permanentes Neinsagen versuchte, an der mittelalterlichen Staatsform fest zu halten. Niemand vertrat die Idee des Staates. Baden-Württemberg geriet ins politisch-kulturelle Abseits durch seine extrem konservative Haltung. Die Schweiz profitierte im 19 JH wie schon früher, prächtig von der Aufnahme derjenigen Flüchtlinge, die aus dieser geistigen Enge flohen, und versucht heute, den Spiess umzukehren.
http://www.uni-marburg.de/archivschule/39FHSK/Wuerttemberg/Verfassung.html
1599 Nach der Ablösung der württembergischen Afterlehenschaft von Österreich im Prager Vertrag kommt es zwischen dem Herzog und der Landschaft zum Konflikt über ein stehendes Heer, der bis zum Ende des Alten Reiches andauert.
Der Dreissigjährige Krieg traf die Schwaben, insbesondere in Württemberg, besonders hart. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung verlor bei diesen Kriegen das Leben ... und wurde teilweise durch zuwandernde Schweizer ersetzt! (weiteres zu den Bauern)
1648-66 Die Eroberung von Elsass und Lothringen durch Frankreich
| Und der Schulmeister, der guten und
tapferen Schulmeister, wird unser Land desto mehr bedürfen, je gefährdeter
Kastalien und je mehr von seinen Kostbarkeiten überständig werden und
abbröckeln. Lehrer brauchen wir nötiger als alles andere, Männer, die der Jugend
die Fähigkeit des Messens und Urteilens beibringen und ihr Vorbilder sind in der
Ehrfurcht vor der Wahrheit, im Gehorsam gegen den Geist, im Dienst am Wort. Hermann Hesse, das Glasperlenspiel: |
1649 Im Rahmes des Wiederaufbaus des Landes nach dem Dreißigjährigen Krieg führt Württemberg als erster deutscher Staat die allgemeine Volksschulpflicht ein. Dies geschah in der Schweiz, trotz Pestalozzi, erst durch die Französische Revolution 1798 - und wurde in den Wirren danach wieder zurückgenommen. Noch heute knorrzt das Schweizer Schulsystem mit kantonaler Hoheit rum.
Auch in forstlichen Belangen waren die Schwaben den Schweizern weit voraus. Bereits 1757 verfasste Willhelm Gottfried Moser die Grundsätze der Forst-Oeconomie, von der er hofft: dass man nichts darin antreffen wird, als was in der Praxis nützlich sein kann, wie ich denn alles, was bloss zur Belustigung eines müssigen Gelehrten dienen könnte, in der Ökonomie selber aber keinen Nutzen schafft, mit vielem Fleiss übergangen habe. Moser war damit der erste, der Wald mit Wirtschaft verband. Leider nagen wir an einer sinnvollen Verbindung Wald und Wirtschaft immer noch. Wurde, seit Moser bis zu Beginn des 20 JH, das Wirtschaftliche übertrieben und nur noch Monokulturen gepflanzt, gerät heute alles was wirtschaftlich ist in Verruf von Seiten der Konservativen, der xy-Schützer, während die Wirtschaft ihren eigenen Massstab, den Gewinn, so radikal durchgesetzt hat, dass nur noch mit Ausbeutung von Natur und Mensch Geld zu machen ist. Hier währen schon einige "müssige Gelehrte" nötig, diese einseitige Lob der Ökonomie zu korrigieren. Schaffe, schaffe, Häusle baue führt, wenn intensiv betrieben, zu eben der verhäuselten Landschaft die wir in der Schweiz wie im Schwabenland haben. Das Konzept begräbt sich selbst unter Häusern ... und andern Produkten, von denen irgendwann keiner mehr weiss, was er eigentlich damit soll.
Hohe Karlsschule. 1775 vom Herzog Carl Eugen von Württemberg aus dem Lustschloss Solitude nach Stuttgart verlegt. Sie hatte ein breites Lehrangebot mit Architektur, Malerei, Medizin, Verwaltung, Land- und Forstwirtschaft - womit also die Schwaben in Sachen Bildung den Schweizern mit der ETH (1855) um fast ein Jahrhundert voraus waren. Dazu kamen noch die Gründung des Polytechnikums Karlsruhe 1825, und des Polytechnikums Stuttgart 1829. Die ETH hätte eigentlich eine Bundesuniversität werden sollen, mit breitem Fächerspektrum, was aber am konservativen und föderalistischen Widerstand scheiterte. Leider beschränkt sich diese technische Engstirnigkeit nicht auf die Schweiz. Kontinentaleuropa generell setzte hinfort darauf, technisches Wissen in formalen Institutionen (= Schulen) zu vermitteln, während man in England weiterhin dem pragmatischen Pröbeln (tinkering) und learning by doing vertraute. Dieses Problem geht der Hohen Schule (ETH) bis heute nach (s. Basteln, Tüfteln, Improvisieren .... La Dialectique du Bricolage).
1781 erhob Kaiser Joseph II. die Karlsschule zur Universität, aber bereits 1794 löste sie Carl Eugens Nachfolger Ludwig Eugen auf. Zu ihren bedeutendsten Lehrern und Schülern gehörten der Dichter Friedrich Schiller, der hier die "Räuber" schrieb, die Naturwissenschaftler Johann Friedrich Consbruch, Georg Cuvier und Carl Friedrich Kielmeyer, die Baumeister Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer, die Maler Philipp Friedrich Hetsch, Christian Gottlieb Schick und Johann Baptist Seele, der Bildhauer Johann Heinrich Dannecker und der Kupferstecher Johann Gotthard Müller.
Fuhr in Baden die erste Eisenbahn 1840 (Mannheim-Heidelberg), im Schwabenland 1845 (Bad Cannstatt, Untertürkheim, Esslingen), so folgte die Spanisch-Brötli-Bahn der Schweiz (Zürich-Baden: Zweck - frisches Gebäck einkaufen) 1847.
Die wichtigsten Industrien die nach 1840 aufkamen waren die mit den Hugenotten entstandene Webindustrie (Benger z.B.), Strickerei; Chemische Industrie, Chinin, Badische Anilin und Sodafabrik (BASF), wie die Werkstätten die sich aus den Arbeiten der vielen schwäbischen Erfinder, Tüftler, Bastler und Künstler entwickelten. Gottlieb Daimler z.B. erfand seinen Motor nicht dank eines Gedankenblitz, sondern durch beharrliches Probieren über Jahrzehnte hinweg. Die Bosch-Zünder entstanden durch den selben Arbeitsansatz. Weitere Schwäbische Entwicklungen waren z.B. Willhelm Schickards erste Rechenmaschine und Jakob Widmanns erste Papiermaschine!
Mit dem Frieden von Basel 1795 war das Todesurteil über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation gesprochen.
Die Schwaben gingen das neue Jahrhundert gemächlich an. Sie hatten keine heftigen Auseinandersetzungen zwischen Modernisten und Traditionalisten, weil es wenig Moderne gab. Kritik sozialer Missstände im Proletariat gab es nicht, da es bis 1840 kaum Industrie gab. Franz Joseph (Ritter von) Buss brachte allerdings in seiner Rede am 25. April 1837 doch auch die potentiellen Probleme der Industrialisierung zur Sprache:
Die Vorzüge der fabrikmässigen Industrie verkenne ich nicht. Sie sind gross. Aber sie bringen auch Gefahren mit sich, die Gefahr einer relativen Arbeitslosigkeit, mittelbare und unmittelbare Gefahren und Störungen für die Gesundheit, eine Verkümmerung der Geistesbildung, eine Hoffnungslosigkeit und der Verlust der stillen Häuslichkeit, eine durchgängig fehlende rechtliche und politische Sicherstellung der Arbeiter. (Kompiliert aus verschiedenen Sätzen).
Er forderte, dass sich der Staat um "die Auflockerung des Verhältnisses der Stände" ebenso zu kümmern habe wie um die "Oligarchie des Geldreichtums" (Plutokratie wäre treffend gewesen), die der "übermässigen Fabrikation" zwangsläufig folgen muss. Als Wege aus der Misere sah er ein genaues Abwägen, wann und wo der Staat sich einmischen solle (also nicht: Wirtschaft ohne staatliche Korrekturen), adäquate Agrikulturgesetze und die Erhaltung des Standes der selbständigen Handwerker, gute Ausbildung und umsichtige Handelspflege. Sparkassen und Hilfskassen, die Hebung der religiösen Gefühle und eine rechtliche und politische Einstellung des Arbeiters.
Simon Schmid, der Fourier, Babeuf, Cabet und Robert Owen eifrig studiert hatte, war Mitglied des Lausanner Arbeitsvereins und publizierte dort: Der volkstümliche Handwerker, Journal der gesellschaftlichen und politischen Widerherstellung. Im Waadtland war der Kommunismus weit ins Gewerbe, ins kantonale Schulwesen und ins Denken der Kaufmannschaft eingedrungen. Die Schweiz war bis zum Ende des 19JH ein Hort für Konspiration, Terroristen, Anarchisten, wirtschaftliche wie politische Flüchtlinge, Reiselustige uns sonst eine Menge schräger Vögel. Von einem damaligen Bush wäre sie ohne mit der Wimper zu zucken bei der Achse des Bösen gelandet. Wie sehr sich doch der Charakter eines Landes ändern kann.
Das Kapital wucherte, nicht bloss mit Zinsen, sondern in all den Funktionen die es übernahm. Hier stellte sich rasch die Frage, nach welchen Prinzipien Reichtum verteilt werden sollte und welche Rolle Kapital, Staat und Geld einzunehmen hätten. alles Fragen, die bis heute nicht geklärt sind. Das zeigt sich am deutlichsten anhand eines "Revolutionsplakats von 1830 aus Gmünden:
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Erstens: Eine neue Wahl von Abgeordneten, wovon alle Staatsdiener ausgeschlossen sind. Zweitens: Hinberufung der neuen Landstände, diese sollten verhandeln über
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Man meint, einen postmodernen Neoliberalen zu hören - oder eine Partei rechts aussen. Da die politischen Wünsche heute noch präzise die selben sind, ist offenbar etwas schief gelaufen die letzten 175 Jahre.
1838 hatte Heinrich Heine versucht, die konservative Behäbigkeit in seinem satyrischen Pamphlet zu Entrümpeln, ein Versuch, der den Schwaben heute noch peinlich ist. 1843 gab es keine Pressefreiheit, aber Zensur. An der Landeshochschule in Thübingen dominierte das Prinzip, keine Selbständigkeit zu dulden. Der Geist der Urbanität und Humanität sei dem handwerksmässigen Studium gewichen. Im Schwabenkalender von 1848 werden unter "Zeit- und Lebensfragen" Themen bearbeitet wie: Verarmung im Volk, Tierquälerei, Unsegen des Flurzwangs, Segen und Gefahr der Eisenbahn, die Militärpflicht, der vermisste, fehlende bäuerliche Wohlstand.
In einem Brief von Goethe an Schiller vom Oktober 1797, berichtet er über seine Schweizer Reise: Er fahre durch eine Staatenwelt, die glücklicherweise bloss auf Sein und Erhalten gegründet sei, mitten in einer beginnenden ideologisch-nationalistischen Zeit, wo alles zum Werden und Verändern strebt. Noch deutlicher lässt sich konservative Werthaltung wohl kaum definieren.
Eine ebenso beliebte Form der Verdrängung akuter Probleme ist die Flucht ins schöngeistige, der Rückzug in die eigenen vier Wände. Biedermeier, benannt nach dem Schulmeister Gottlieb Biedermeier, beschreibt eben diese Lust an Selbstbescheidung, am Naiven und Intimen, Eng-Behaglichen, an der kleinen Form, an der kleinen Hausmusik und am kleinen Gedicht, Gesangsverein, Schützenfest. War bis 1850 die Basis noch echte, naturverbundene Naivität, kippte Biedermeier als Mode in eine Lust an der Fassade und Lust am Pompösen.
Letzenburger Nationallied
Ich sag nicht so, und sag nicht so,
denn wenn ich so sagt' oder so,
so könnt man später sagen,
ich hätt so oder so gesagt,
und packte mich, Gott sei's geklagt,
beim Kragen!Eichrodt
1733 kommt nach dem Tod Herzog Eberhard Ludwigs bis 1797 die katholische Linie Württemberg-Winnental an die Macht. Preußen, England und Dänemark garantieren mit den Religionsversalien den uneingeschränkten Fortbestand der evangelischen Konfession in Württemberg. Das Volk begegnet der barocken Prachtentfaltung der absolutistischen Herzöge mit einer Hinwendung zum Pietismus. [Borst]
Der Mensch ist zur Arbeit erschaffen - so beginnt Pfarrer Friederich Wilhelm Kohlers Schrift.
Arbeit ist ein grosser Segen für die Menschen. Regelmässige Arbeit stärkt unsere Gesundheit, vermehrt die Kräfte des Leibs und der Seele, ordnet unsere Gedanken und Begierden, macht heitere und frohe Menschen.
Man wähnt ein Faltblatt eines Beschäftigungsprogramms vor sich zu haben ...
Die immer zunehmende Verzärtelung in manchen Volksklassen ist eine unleugbare Krankheit unseres Jahrhunderts. Bettler sind Leute, welche die öffentliche Ruhe und Ordnung stören und keinen Nutzen bringen. Die verzehren das, was andere mit viel Schweiss gesammelt haben, sie nähren sich von fremdem Brot und taugen wegen ihrer unbehauenen Seele und ihrer unbebauten Gliedmassen zu keinem nützlichen Geschäft. Die Armen und Nutzlosen sind deshalb zu Armen geworden, weil man bei ihnen den Trieb zur Emsigkeit nicht früh genug oder überhaupt nicht geweckt hat, ja ihnen in ihrer Kindheit den Müssiggang und die Schläfrigkeit im Arbeiten zu gut gehalten hat.
Arbeit hat, hier im Umweg über die Spinn-Anstalt, einen elementar ordnenden Charakter.
Pfarrer Philipp Mathäus Hahn, der eine Rechenmaschine entwickelte. Hahn's Menschenbild entspricht dem, was rechte Kreise heute fordern: einen wirtschaftlich, ökonomisch denkenden Menschen, der mehr vorsorglich als fürsorglich denkt, ein Vermögen hat und sich seine Zukunft zu sichern weiss.
Eine menschenwürdige Existenz ist für Hahn eine materiell unabhängige Existenz. [Wer möcht ihm da wohl widersprechen ...]. Allianzen seien zwar gut, aber eigene Kraft besser, denn darauf kann man sich verlassen. Daher der Drang zum eigenen Häusle, zum eigenen Grundstück und Garten. Es ist absolut klar, dass eine derartige Einstellung der wirtschaftlichen Entwicklung einen enormen Antrieb gibt, zumindest so lange, als sich noch was entwickeln lässt. Schaffe, schaffe, Häusle baue, stösst dann aber an Grenzen, wenn die Landschaft, so wie es im Badischen wie in der Schweiz nun weiträumig bereits der Fall ist, zugehäuslet ist. Dann baut man ein Häusle aufs Häusle, einen dritten, vierten Stock etc. Die Folgen zeigen, dass das Konzept zwar über 150 Jahre wirksam war, aber an Grenzen stösst. Zudem erinnert es stark an eine uralte Geschichte, die auch nicht eben gut ausging, nämlich den Turm zu Babel. Je höher der wurde, um so mehr brauchte es vermutlich Spezialisten, die jeweils ihre eigenen Sprache entwickelten, so dass sich im Sprachengewirr am Ende niemand mehr verstand. Auch der Häuslebau von Babel führte nicht ins Himmelreich.
Solange der Pietismus ehrlich blieb, war er sozial, denn er sagte auch, dass ehrliche Arbeit ehrlichen Lohn verdient. Gerade Pietistische Frauen waren zwar konkurrenzlos tüchtig, bestanden aber genau so unerbittlich auf ihren Rechten und dem der Leistung entsprechenden Lohn. Der Badische Frauenverein proklamierte selbstbewusst bereits 1874: Die Arbeit ist Pflicht und das Recht und die Ehre der deutschen Frau. Diese Seite der Gleichung wird heute gerne unterschlagen.
Der vom Recht fordernden befreite, vulgär-pietistische Ansatz, riskiert zur Zeit eine Neuauflage zu erleben, denn es ist "gäng" billiger, christlichen Trost zu spenden, als gerechte Löhne zu bezahlen.
In diesen Belangen unterscheiden sich Sauschwaben und Kuhschweizer kaum, denn die Pietisten, hierzulande meist als Stündeler bezeichnet, sind besonders in ländlichen Gegenden weit verbreitet. Man findet sie unter den Bezeichnungen: Methodisten, Freikirchler, Adventisten, Wiedertäufer, Evangelikale, Herrnhuter Brüdergemeine, Chrischona [s. umfassende Darstellung unter Wikipedia]
1848 entstanden neue Freiheiten für Bürger wie Wirtschaft. Aufgehoben wurden etwa der Zwang zu Visa, damals sogar üblich für Reisen im eigenen Land, sowie die Verpflichtung, ausreichend Reisegeld vorzuzeigen.
Es war aber bereits in der Gründerzeit klar, dass Wettbewerb ausschliesst, dass überall, wo es Gewinner gibt, auch Verlierer geschaffen werden. Insbesondere war klar, dass Arbeit für die Massen nicht nur eine Chance, sondern auch ein Risiko bot, das Risiko der Arbeitslosigkeit, die ohne Versicherung zu einem existentiellen Risiko wird. Es wurde also gefordert, dass in allen grösseren Städten Arbeits-Nachweisungsbüreaus zu errichten seien, dass der Staat für Kranken- und Sparkassen zu sorgen und den Invaliden der Industrie zu ihren Rechten zu verhelfen habe. Den Staat braucht es hier, da zwar der freie Markt ohne Einfluss dafür sorgt, dass Gewinner freie Bahn haben, da sich der freie Markt aber kurz- und mittelfristig keinen Deut um die Verlierer schert. Es ist zwar richtig, dass "der Markt" auch diese Probleme heilen wird (Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage), aber erst, wenn es für viele Betroffene zu spät ist. Sich krank, oder gar zu Tode arbeiten, sollte also nicht der Selbstverantwortung überlassen werden. Das ist eine Innovation des späten 20 JH.
Was aber die Sozialdemokratie betrifft, so wurde sie 1849 von der preussischen Artillerie zu Fetzen geschossen und der Traum von einer Bundesrepublik erst mal ad acta gelegt.
Die Rücksichtslosigkeit des Wirtschaftens nach dem liberalen Modell zeigt sich insbesondere in der Kinderarbeit. Die Kindersterblichkeit in Stuttgart war zu dieser Zeit die höchste in Europa. Verdingkinder, auch Schwabenkinder genannt weil viele eben ins Schwabenland geschickt wurden, eher weidlich als christlich ausgenutzt - allerdings auf beiden Seiten des Rheines, allerdings von den selben seltsamen Heiligen.
Trotz extrem liberaler Haltung und geringer Einschränkung der Wirtschaft, trotz Aufschwung und Fortschritt, trotz aller Anstrengungen der gesetzlichen und freiwilligen Armenpflege konnte die Verarmung der Massen nicht aufgehalten werden. Auch ethisch erwies sich das Modell Liberalismus als "nicht nachhaltig", wie man heute sagen würde:
Innerhalb der wachsenden Bevölkerungsmassen unserer Riesenstädte haben Ehrgeiz und Genusssucht das Leben zu einer nervösen Hetzjagd gemacht, bei der in wohlhabenden Klassen Eitelkeit und raffinierter Luxus, in den ärmeren Kreisen Trunksucht und Rohheit die Segnung der Gesittung wirkungslos machen wollen. [S. 308: Max Haushofer 1. Januar 1900: ]
Trotz, oder wegen (?) all dieser Missstände, ist Württemberg das Ursprungsland der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Die USPD sandte 1891/95 die ersten Abgeordneten in den badischen und württembergischen Landtag.
1918, nach verlorenem Krieg, musste Kaisers Willhelms II. ebenso abdanken wie König Wilhelm II. Deutschland wurde zur Republik. Diese Weimarer Republik ist allerdings eine eher unglücklich verlaufende 1. Phase parlamentarischer Demokratie im Deutschen Reich und die roaring twenties wahren eindeutig mehr roaring (heulend, schreiend) als golden.
Die deutsche Demokratie fiel bei ihrem ersten Gehversuch übel auf die Nase, da populistische Machtpolitiker, insbesondere DER populistische Machtpolitiker des 20. JH., die Schwächen eines, durch föderalistische Mechanismen nicht korrigierten, Mehrheitssystems hemmungslos und unkontrolliert ausnutzen. Bis 1933 war die Drachensaat so weit gediehen, dass sogar der grösste Polemiker des Jahrhunderts, Karl Kraus, nur noch mit Schweigen antworten konnte. Der intelligenter Teil der Bevölkerung hatte zu lange damit gerechnet, dass das Volk schon noch dahinter kommen werde, dass hinter den flotten Sprüchen nicht viel steckte.
1933 wurden Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und alle, die im Sinne der Weimarer Republik politisch tätig waren, ohne Verfahren und unter entwürdigenden Bedingungen festgehalten.
Ich teile hier Sloterdijks Meinung nicht, dass die Weimarer Republik ein Muster einer zynischen Aera sei, denn Zynismus will Werte umprägen indem er sie lächerlich macht. Lachen, noch mehr aber Werte der Führer lächerlich machen, konnte sich zu dieser Zeit aber kaum jemand leisten. Man hielt zog sich eher zurück in biedermeiersche Kleinkarriertheit. Die Weimarer Republik war eine wichtige Lernphase der Demokratie. Sie ging in die Binsen, weniger aus auf Grund einer mit Zynismus beantworteten Orientierungslosigkeit als aus Unerfahrenheit im Umgang mit Mehrheiten.
Was die Schwäbischen Brüder südlich des Rheines betraf, so schlug Kreistagspräsident Otto Merkt 1933 die Wiederherstellung des Kerngebiets des hohenstaufischen Imperiums aus Hohenzollern, Vorarlberg, Württemberg, Bayern und den deutschschweizer Gebieten vor ... was gottseidank unberblieb!
1952 erst erfolgte der Zusammenschluss von Baden und Württemberg zum Bindestrichstaat.
Baden-Württemberg hat eine Fläche von 35'752 km2 mit 10.7 Millionen Einwohner [2002]. Es hat eine andere Form der politischen Verwaltung gewählt, da es kein "Konglomerat von Staaten" sein wollte wie die Schweiz, die aus gutnachbarlicher Perspektive als Trümmerfeld kantonaler Eifersüchteleien gesehen wird.
Baden-Württemberg hat, wie die Schweiz, politisch wie wirtschaftlich einige Bedeutung erreicht. Strassburg (Baden-Württembergs Genf) ist Sitz des Europäischen Parlaments, des Europarates und des Europäischen Gerichtshofes.
Baden-Württemberg besitzt bedeutende, international konkurrenzfähige Industriezweige, wozu z.B. auch Uhren (Junghans) gehören. (Die Kuckucksuhr wurde eben doch erst aus der Schweiz importiert!). Weitere: Salamander Schuhe, Hohner Harmonikas, Südwestdeutsche Strickerei- und Trikotageindustrie, Tabakverarbeitung ...
Der grösste Unterschied
Die Schweizer haben sich nie einem grossen Herrn gebeugt der sich Kaiser oder König nannte. Auch wenn die Schweiz vor 1848 kaum als Demokratie zu bezeichnen ist, so liessen sich Probleme immer lokal ausdiskutieren, nicht immer ohne Anwendung von Gewalt, aber immer unter Anwendung der eigenen Gewalt [denn gewalttätige Helfer gehen so ungerne, wenn sie "geholfen" haben, s. Irak].
Deswegen tut sich die Schweiz, zu recht, eher schwer mit Europa. Warum soll man sich von ein paar Beamten in Brüssel vorschreiben lassen, welchen Käse man produzieren oder essen soll? Warum soll man sich von Brüssel überhaupt was vorschreiben lassen? Dieser Widerwille gegen Vorschriften von Aussen, verbunden mit einer doch recht kleinbürgerlichen und klein karierten Ordnungswut im eigenen Land, könnte Europa zu mehr Basisdemokratie verhelfen. Das neue Europa muss ja nicht als Kaiserreich der Beamten gebaut werden, es dürfte ruhig ein Reich kooperierender Völker werden.
Die grösste problematische Gemeinsamkeit
| Für mich war Heimat zu beiden Seiten
des Oberrheins, ob das Land nun Schweiz, Baden oder Württemberg hiess.
In den Grenzen zwischen Deutschland und der Schweiz sah er "brüderliche" Gebiete getrennt. Hermann Hesse, Alemannische Bekenntnisse von 1919 in Borst |
Schwaben wie Schweizer haben offenbar wenig Lust, sich grossen und hehren Zielen zu unterwerfen - es sei denn, es handle sich um Geld. Ebenso wie der schwäbische Geiz berühmt ist, wird der Name Schweiz gerne interpretiert als Kombination von Schweiss und Geiz. Wenn es um Geld geht, unterwirft man sich gerne allen Zwängen, kleinlichen Vorschriften und Erwartungen (s. Freiheit & Wirtschaft). Wenn es um Politik geht, so ist offenbar vielen Schweizern auch heute noch die konservative Utopie rückwärts lieber als eine vorwärts. Obwohl auch hier nur noch die Leute gut verdienen, die in export-orientierten, global tätigen Firmen arbeiten, nährt eine Mehrheit den Traum von Unabhängigkeit und Überlegenheit, der so noch nie stimmte was ich selbst bei meinem ersten Auslandeinsatz 1980 bereits erkennen musste.
Schaffe, schaffe, Häusle baue - diese Grundorientierung der Schweizer wie der Schwaben ist am zerbröckeln. Das Land der Kuhschweizer wie das der Sauschwaben ist bereits verhäuslet. Die Landschaft wächst mit dem Häuslebau eben nicht mit. Dazu kommt, dass es sich heute weder von Kühen noch von Schweinen leben lässt. Beide Länder haben sich nur zögerlich auf Neues eingelassen, wobei die Schwaben meist etwas schneller waren als die Schweizer. Die Schweizer stehen heute ausserhalb Europas und mitten drin. Die Schweiz ist Ursprung der grössten Deutschen und Oesterreichischen Herrschaftsgeschlechter. Die Schweiz ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und spielt mit Genf (und St. Moritz: WEF) auch immer wieder auf der Weltbühne mit. Da sie das doch eigentlich gerne tun, müssen sie immer wieder aus der Reserve heraus.
Wir brauchen ein neues Spiel. Schweizer wie Schwaben werden ihrem Realproduktionsideal etwas absagen müssen: Das Greifbare bietet den Boden für dieses Leben, das Werken und Bearbeiten - nicht das Schreiben, das Kritisieren, das feinnervige Kommentieren - und dafür mehr dem badischen Lebensstil huldigen: Leben und Leben lassen! Nur dadurch kann es gelingen, der Produktion zu mehr Bedeutung zu verhelfen, die keine natürlichen Ressourcen verbraucht oder verdreckt, die nicht noch mehr Raum und Energie beansprucht. Wir sollten also den bis anhin von beiden Völkern als unproduktiv und überflüssig verschimpften Künsten, der Kultur und Politik mehr Zeit, Raum und auch Geld gewähren.
Martin Herzog, Rheinfelden (-Schweiz), 7. Januar 2005