Das Ende der Geschichte [Fukuyama]
Sauschwaben und Kuhschweizer - Historische Gemeinsamkeiten und Differenzen
Religion und Städte – die treibenden Wirtschaftsfaktoren des Mittelalters.
Geschichte der Forstwirtschaft
Topik als Wahrheitssuche in Geschichte
Betriebsgeschichte dient als Orientierung
Geschichte des Irak-Krieges - Fazit zum Irak-Krieg
Environment, Social and Governmental Structures of Somaliland
Trees and Forests in History, Religion and Islamic Legislation
[nach: Historisches Wörterbuch der Philosophie: Zeit. ]
Bei der Geschichte geht es um zweierlei, den Zeitverlauf, also die Chronologie, aber vor allem auch um Entwicklung, um Aenderung, um die entscheidenden Faktoren und Ereignisse die diese beeinflusst haben.
Zeit (griech. xronos; lat. tempus; engl. time; frz. temps). Chronos ist eine Schöpfung der griechischen Philosophie. Als vorläufer kann höchstens noch Zurvan ('Zeit) gelten, der höchste Gott der altpersischen Religion des Zervanismus.
Bereits damals war der Ausdruck allerdings vielfältig:
HOMER verwendet den Ausdruck primär für die Kraft, die man zum Leben braucht. Bei Euripides dagegen wird gerade die menschliche Ohnmacht, die Kehrseite der Macht chronologischer Zeit zur Hauptbedeutung des Wortes aion.
ARISTOTELES geht von der Frage aus, ob auch die Zeit ein Naturprinzip und damit Ursache von Veränderung (kinhsis) ist. Klar ist für ihn auf jeden Fall, dass Zeit nicht ohne Veränderung sein könne: Ohne Z. nämlich gäbe es kein «Früher» oder «Später» und kein «Vor» oder «Nach», so daß sich weder ein «vor der Zeit» noch ein «nach der Zeit.» Das von der Zeit umfaßte und mit ihrer Hilfe zu messende Veränderbare bezeichnet Aristoteles dabei als dasjenige, was «in der Zeit» ist, und grenzt es ab von demjenigen, was «nicht in der Zeit», d.h., ewig und zeitlich nicht zu messen ist. Da die Zeit keine menschliche Seele, wohl aber die Veränderung («motus») des Geschaffenen voraussetze, könne «vor» der Weltzeit keine Zeit existieren.
Vor diesem Problemhintergrundhält er fest, daß Gott die Zeit zugleich mit der Welt erschaffen hat.
Ein bisschen komplizierter fomuliert kommen wir heute eigentlich auf ähnlich Schlüsse: Zeit und Raum entstanden mit dem Urknall. Die Frage, was vor dem Urknall war, lässt sich so also gar nicht stellen, da es kein vorher gab - wenn es keine Zeit gab.
Für Heraklits gab es dann keinen Chronos mehr. Dem Aion wird auch die Herrschaft über die Welt übertragen, nach einer unsicheren Überlieferung allerdings das Regiment eines Knaben, der sein Spiel mit ihr treibt – wie das Feuer, das sie verzehrt.
Auesserst interessant ist die Sicht auf die Zeit, die in der Antike herrschte, denn diese scheint auch heute sehr verbreitet, so verdreht sie eigentlich aussieht. Die Vergangenheit stund den Griechen vor Augen, die Zukunft lag im Rücken liegt (im Akkadischen heißt 'Vergangenheit panu, wörtlich 'Vorderseite, Gesicht, 'Zukunft dagegen warkitu, wörtlich 'Rückseite; im Ägyptischen wird das Vergangene als das 'vor, das Zukünftige als das 'hinter einem liegende ausgedrückt).
Viele Kulturen gingen und gehen davon aus, daß sich die im Rücken liegende Zukunft aus der vor Augen liegenden 'Vergangenheit=Gegenwart erschließen läßt, insbesondere da die Zeit mit äusserst verlässlichen und sich dauernd wiederholenden kosmischen Prozessen gemessen wird (Sonnenaufgang - Untergang, Mondumlauf, Jahreszeiten).
Diese Frage, so dämlich sie uns heute in unserem Vielwissen scheinen mag, bildet nach wie vor ein massives Problem der Erkenntnis, da gerade dominierende "Wissenschaften" wie die Oekonomie nur schlecht unterscheiden zwischen kausalen Gesetzen, denen der Mensch nicht entrinnen kann, und finalen Zielen, Wünschen, Intentionen, in deren Wahl der Mensch frei ist.
Ebenso akut, immer noch, die Frage, ob Zeit zyklisch oder linear verlaufe. Tagesablauf und besonders der Jahresablauf, haben die Menschen immer wieder in Angst versetzt, wenn sie am Wiederaufgang der Sonne, oder an der Wiederkehr des Sommers (im Norden) zweifelten. Deshalb ist die Wintersonnwende auch heute noch einer der grössten Feiertage, christianisiert eben als Weihnachten. Die Wintersonnwende machte Angst. Die Bevölkerung hatte jeweils das Gefühl, das Rad wieder anschieben zu müssen. Die Geburt Jesu erlöste sie davon. Nun ist die Wiederkehr der Sonne verlässlich. Ein freudigeres Ereignis war die Tag- und Nachtgleiche, das Herannahen des Frühlings. Dieser wurde in vielen Kulturen mit grossen Festlichkeiten begrüsst wie etwa dem Nawruz der Kurden und Perse, das bei den Christen jetzt eben Ostern heisst. Dass Ostern so heisse wegen der Göttin Ostara, einer heidnischen Fruchtbarkeitsgötting (passend zum Hasen), wird heute bei Google auf's härteste bestritten. Ich erlaub mir in dem Falle auf Google zu sch... und den Autoren Geschichtsklitterung zwecks Reinheilighaltung der christlichen Religion zu unterstellen.
Die Rotation ist ein wichtiger Prozess, der uns heute dauernd begleitet. Alles, was auf einer Zeitachse als Sinuswelle aufscheint, entspricht einem Kreisprozess, der sich auf der Zeitachse abbildet - oder einer Pendelbewegung/Schwingungen.
Gerade bei wellenförmigem Auftregen von Merkmalen über die Zeit ist es extrem wichtig, die Zeit mit zu berücksichtigen. Immer und immer wieder werden nämlich die steilen Teilstücke, meist des Anstiegs der Kurve, für lineare oder gar exponentielle Entwicklungen gehalten, die sich einfach extrapolieren und nutzen lassen.
Dies geschah im negativen Sinne (Die Katastrophe droht! Walduntergang - Weltuntergang!!) beim Waldsterben (dort im Detail erklärt), im euphorischen Sinne (Es geht nur noch aufwärts mit der Börse! - Wir wollen auch dran verdienen!!) beim IT und Internetboom (dot.com bubble) um 2000, der dann auch gleich crashte, wie logischerweise alle solchen Fehlinterpretationen temporärer Schwankungen oder Zyklen.
Für die Ägypter war die Welt weniger ein wohlgeordneter Raum, als ein zwar heilvoller, aber dauernd vom Scheitern bedrohten Prozeß, der rituell in Gang gehalten werden mußte: Die rituelle Zeit bringt die soziale Zeit der Gesellschaft und die kosmische Zeit des Weltprozesses in Einklang, und der Vollzug der Riten dient der Integration von Mensch, Gesellschaft und Natur. Es ist dieser Einklang, der als solcher als heilig bzw. göttlich gilt.
Für AUGUSTINUS ist die heilige Zeit der Heilsgeschichte linear, die profane Zeit der heidnischen Geschichte dagegen zyklisch.Während dem die Christen im Rahmen dieser Zeitordnung geradewegs auf die Erlösung zulaufen, bewegen sich die Heiden im Kreise. In den archaischen Gesellschaften gilt dagegen die genau umgekehrte Zuordnung der Gegensatzpaare 'zyklisch/linear und 'sakral/profan. Die zyklische Zeit ist die heilige Zeit der Riten, die lineare Zeit ist dagegen profan. Die archaische Welt lebt im «Mythos der ewigen Wiederkehr».
Der Sabbat ist in seiner siebentägigen Wiederkehr und seiner streng regulierten Kontraststellung zum Alltagsleben vermutlich die elaborierteste Institution einer Zeit-Zyklisierung, die die Geschichte kennt.
Eine weitere bedeutende Nutzung und Gliederung der Zeit ist die Zeit der Zusammenfassung, des Rückblicks, des Ablegens von Verantwortung für die Tagen einer abgelaufenen Frist: J. HUIZINGA definiert Geschichte als «Rechenschaft, die eine Gesellschaft sich [und anderen] ablegt über ihre Vergangenheit». Frühe Formen solcher Rechenschaftsablage sind etwa Genealogien und Königslisten. Das «deuteronomistische Geschichtswerk» ist das eindrucksvollste Beispiel von Geschichtsschreibung im Sinne einer Rechenschaft, die eine Gesellschaft sich (und Gott) von ihrer Vergangenheit ablegt. Die christliche Endzeitmythos mit seinem " Weltgericht", dem letzten Gericht, ist allerdings stark vom Zoroastrismus beeinflußt.
Beginn der Zeit - Auftrag - Abrechnung, das kennen wir ja heute zur Genüge. Diese Linearisierung der Geschichte, die Geschichte als Zielorientiert, als Entwicklung zu einem bestimmten Zustand, der beim Ende der Geschichte (von Gott?) beurteilt wird, wurde also von den Christen eingeführt - allerdings eben als Uebernahme zoroastrischer Lehren, in denen die Welt-Zeit bestimmt wird vom Kampf des Guten (Ahuramazda) und des Bösen (Ahriman), dessen Dynamik die Geschichte füllt und mit dem Endsieg des Guten zu Ende bringt.
Mit der Uebernahme der Glaubensherrschaft durch den Oekonomismus wurde der zweite Teil, das Gericht, allerdings unter den Tisch fallen gelassen.
Die östliche Philosophie geht eher aus vom Prinzip Ordnung und Harmonie: «Für den Himmel gibt es eine bestimmte Z. [z.B. Jahreszeit], um wachsen [zu lassen] und eine bestimmte Z., um untergehen [zu lassen]. Für Gräser und Bäume gibt es eine bestimmte Z., um zu wachsen und eine bestimmte Z., um zu sterben». I Ging, Das Buch der Wandlungen, kann insgesamt als eine Anweisung gelesen werden, wie man den zeitlichen Wandel in rechter und treffender Weise vollzieht.
DESCARTES gelingt in seinen Principia ein erster Schritt hin zur begrifflichen Fixierung des Zeit-Begriffs, der den empirisch fundierten neuzeitlichen Naturwissenschaften zugrunde liegt. Nach Descartes ist die Dauer («duratio») irgendeines Dinges nur der Zustand («modus»), unter dem der Mensch eine Sache vorstellt, insofern sie beharrt; und ähnlich sind die Ordnung und die Zahl nichts von den geordneten und abgezählten Dingen Verschiedenes, sondern nur Zustände, unter denen er sie betrachtet.
Um aber die Dauer aller Dinge zu messen, vergleichen wir jene mit der Dauer jener allergrößten und allergleichmäßigsten Bewegungen, die Jahre und Tage werden lassen; diese Dauer nennen wir Zeit, und das fügt der Dauer im allgemeinen nichts weiter hinzu als einen Zustand des Denkens.
Wenn Menschen die Augenblicke, in denen die Zeit dahinfließt, erkennen oder gar messen wollen, nehmen sie nach TH. HOBBES irgendeine Bewegung zu Hilfe, etwa den Lauf der Sonne oder eine Maschine.
So weit die technische Erklärung, eher psychologisch versuchte es Schopenhauer: Schopenhauer zufolge erfährt der Mensch Vergangenheit als «Reue», Zukunft als «Sorge» und Gegenwart als «Leiden» oder «Langeweile». Eine Ausnahme stellt die ästhetische Kontemplation (s.d.) dar, in der das erkennende Subjekt temporär dem Zeitfluß enthoben und reines «Weltauge» ist.
Bei F. NIETZSCHE vollzieht sich demgegenüber eine radikale Affirmierung der existentialisierten Z. Der Wille ist aufgerufen, «alles 'Es war umzuschaffen in ein 'So wollte ich es!» Dummerweise schafft damit, mit dieser Will-Kür, genau Nietzsche wieder das Konzept der ewigen Wiederkunft.
Dort wo die Pflicht prioritär ist, die Verantwortung, ein gegebenes Ziel zu erreichen, dort muss Zeit an Gehorsam gebunden sein, also Disziplin. Dies gilt (fast) noch mehr, seitdem die Pflicht sich nicht mehr bloss auf das Streben nach dem ewigen Leben richtet, sondern seitdem Zeit gleich Geld ist: Zeitnutzungsrationalität, wie sie M. WEBER als puritanisch geprägte Tugend-Bedingung der Kapital- Akkumulation beschrieb, bedeutet Äquivalenz von Zeit und Geld und damit Produktivitätssteigerung, d.h. Anstieg der Produktmenge pro Zeiteinheit in Verbindung mit ihrerseits leistungssteigernden, zivilisationsevolutionär beschleunigend wirkenden kognitiven, technischen und organisatorischen Innovationen.
Ja mei, zivilisationsevolutionär beschleunigend wirkende kognitive, technische und organisatorische Innovationen, tönt eindrücklich, aber sehen wir uns mal an, was das eigentlich heisst: Erneuerungen im Denken, in der Technik und Organisation, welche die Entwicklung der städtischen Gesellschaft beschleunigen. OK, so geht's. Man sollte es mit Zivilisation nicht übertreiben, immerhin stammt das Wort von zivis, Stadt, und wer findet, davon brauche es mehr, sollte sich mal Städte "der Zukunft" wie Hong Kong, Shanghai, Mexiko,etc ansehen, und, etwas näher, bereits in Basel & Co sich überlegen, wie die Kinder hier aufwachsen, welche Spielmöglichkeiten sie haben, welche Möglichkeiten, sich mit der Natur, der Welt, auseinander zun setzen - denn die sind erbärmlich. In den Städten werden unsere Kinder längst ähnlich gehalten wie Zootiere - mit Auslauf.
Interessant ist hier auch, dass das alte, mittelalterliche, religiöse ora et labora (bete und arbeite), ohne grössere Verbiegung direkt übergegangen ist in "konzentrier dich - und arbeite". Religion wie Wirtschaft schaffen die Pflicht, die Zeit zu nutzen, mit teleologisch vorgegebenem Endziel. Hier könnte ein Grund für die Beliebtheit des Historizismus liegen, der nur wissenschaftlich verpönt ist, jedem Monotheismus als Erlöserreligion aber innewohnt.
Spätestens seit der Mitte des 20. Jh. dominieren als Inhalt der Zukunftsprojektion Schreckenszustände: Anstatt besser könnte die schöne neue Welt noch versauter sein als die bestehende. Ueberalterung, Ueberschuldung, globale Erwärmung, Erschöpfung der Erdölvorräte, Ueberfischung, Ueberbevölkerung etcetc. sind deutliche Zeichen in die Richtung: Diese Kulturkritik moderner Zeitverfassung reicht gegenwärtig von Analysen «dromologischer Überforderung der Politik» bis zur Diagnose fortschreitender Unlebbarkeit technologischer Prozesse, «mit denen eine im Westen geborene Zeitkultur» sich anschicke, «die ganze Erde zu umschlingen»
«An der Einheit der Produktion» solle «der Freizeitler sich ausrichten», so beschreibt es die Kritische Theorie, und dafür sorge die «Kulturindustrie». Im Bunde mit der Z. stehen jedoch nur diejenigen, die sich an HORAZ' weltkluge Maxime halten: «Carpe diem quam minimum credula (!) postero»: Ob Jupiter noch viele Winter uns zugeteilt hat oder den letzten, der jetzt an entgegenstehenden Klippen das Tyrrhenische Meer bricht – lebe mit Verstand, kläre den Wein und beschränke ferne Hoffnung auf kurze Dauer! Noch während wir reden, ist die missgünstige Zeit schon entflohen: Nutze den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten!
Gerade diese Aussage kann und wird oft so ausgelegt, dass wir uns nicht zu sehr um die Zukunft, sondern primär um die Gegenwart kümmern sollten. Die wirtschaftliche Kurzatmigkeit versucht sich hier zu sanktonieren - allerdings unberechtigterweise, denn gerade der gegenwärtige wirtschaftliche Hyperaktivismus dient ja nicht eigentlich dem guten Leben, sondern dem Erschafffen von immer Mehr, egal was, hauptsache es hat Marktwert, immer mehr Marktwert. Die Existenz, die Gegenwart, wird damit verschüttet, zugunsten einer Zukunft die unter all dem <Zeugs> gar nicht mehr zu finden ist.
Gerne machen wir uns in unserer säkularen Aufgeklärtheit darüber lustig, wie Menschen früher an Gott, Geister, oder gar daran glauben konnten, dass die Sonne ihren Lauf definitiv einstelle, wenn sie bei der Wintersonnwende nicht beschworen würde (Weihnachten ist nicht viel mehr als ein Ueberbleibsel davon ...). Und dennoch machen wir andauernd das Selbe: Bei jeder Rezession wird gejammert, wie wenn es von nun an nur noch abwärts ginge, de Weltuntergang kurz bevor stünde. Bei jedem Aufschwung belohnen sich zwar einerseits die Manger für "ihren" Erfolg, warnen aber gleicheitig intensiv die Arbeitnehmer davor, gleiches zu tun, da ja der Aufschwung noch nicht gesichert sei. Ist er dann gesichert, also der Boom am Höhepunkt, besser etwas darüber, dann warten natürlich bereits wieder harte Zeiten, für die man sparen muss. s. Lohnerhöhungen sind immer falsch!
Das griechische Wort istoria hat die Grundbedeutung Erkundung, hängt zusammen mit istor, der Kundige, Zeuge, Schiedsrichter und ist vom Stamm Fid = sehen, wissen abgeleitet. H. bezeichnet (laut PLATON und THEOPHRAST) zunächst die «Naturkunde» der Ionier in ihrem ganzen Umfang, d.h. Naturphilosophie, «Physik», Geometrie, Geographie, Astronomie sowie Pflanzen- und Tierkunde.
Althochdeutsch giskiht, abgeleitet von giskehen (geschehen), übersetzt zunächst das lateinische casus; althochdeutsch anaskiht und gibt das lateinische eventus wieder, das, was sich ereignet hat.
Seit ARISTOTELES ist Historie fester Begriff für die Geschichtsschreibung als literarische Gattung und kann in dieser Bedeutung von der Dichtkunst unterschieden werden. Jedoch umfaßt der Begriff bei Aristoteles und auch weiterhin im Grunde alle Arten der Gelehrsamkeit auf den verschiedensten Gebieten (Polyhistorie). Gebiete wie die Naturgeschichte oder Erdgeschichte erfassen also tiefere Zusammenhänge oder sind zeitgeschichtliche Darstellungen.
Der Ausdruck für «Chronik» ist dibre ha-jamim (die Ereignisse [= Worte] der Tage); die erzählenden Schriften des AT werden unter dem Begriff ketubim (das Geschriebene) zusammengefaßt; «Erzählung» heißt hebräisch debarim (Worte, Dinge) - womit eine gewisse Verwandtschaft zum Logos (Wort) gegeben ist.
Das historische Verfahren soll zunächst das Ereignis als zusammenhängende Erzählung von wirklich Geschehenem auffassen.
Hier unterscheidet sich also eine Geschichte, die bloss den Ablauf über die Zeit darstellt, von der Geschichte, die wahrheitsgetreuen Bericht geben, und dazu gleich noch erklären will, warum die Dinge so geschehen sind, wie sie geschahen, ja so geschehen mussten.
FICHTE exponiert im Sinne des traditionellen Sprachgebrauches den Gegensatz von Philosophie und H. zunächst in seiner ganzen Schärfe: «das bloße Auffassen des Mannigfaltigen als solchen, in seinem Faktischen ist H.»; die Philosophie aber hat die «absolute Einheit», «das Wahre und Unveränderliche» zum Gegenstand, und sie geht für ihre Wahrheit davon aus, daß «kein Fünklein derselben historisch, als Bestimmung eines fremden Gemütes, sich auffassen» läßt.
Wie einerseits der Historiker als «Annalist» und «Sammler der bloßen Fakten» sich allgemeine Prinzipien, vor allem die Epocheneinteilung von der Philosophie entleihen muß und so auf sie verwiesen ist, so benutzt der Philosoph die wirklich geschichtlichen Fakten «erläuternd» zur Darstellung der «allmählichen Kultivierung des Menschengeschlechts».
Die Extrapolationsfähigkeit der Geschichte ist nicht erst von Interesse, seit dem es bei jeder Entwicklung um Geld geht, sie war es seit jeher, als es um Krieg, und damit meist Not und Verderb ging, oder auch um das Seelenheil. Schleiermacher nennt Geschichte die spekulative Wissenschaft von der Vernunft «Ethik» und «Sittenlehre»; diese letztere «enthält ... die Vernunftanfänge, in denen ebenso die Vernunfterscheinungen, deren ganzer Verlauf die G. im weitesten Umfange bildet, gegründet sind». Ethik und Geschichtskunde – wenngleich prinzipiell getrennt – benötigen einander und bedingen sich in ihrem Fortschritt wechselseitig. Die Geschichtskunde [ist] das Bilderbuch der Sittenlehre, und die Sittenlehre das Formelbuch der G.-Kunde».
Da "Geschichte" als Bericht nur über Dinge und Geschehnisse berichtet, die von uns (unter kräftiger Mitwirkung des Zufalls und Schicksals) gestalte worden sind, ist sie also keine abstrakte Macht, die über unser weiteres Schicksal bestimmt, aber doch ein Symbol, ein Fingerzeig, in welche Richtung wir uns unter bestimmten Verhältnissen bewegen. Weder die «sogenannte Konstruktion a priori» noch «die bloß empirische Auffassung» für das «geschichtliche Gebiet» allein angemessen ist, sondern das «Gleichgewicht des Geschichtlichen und Spekulativen». Geschichte ist also nicht rein konstruktivistisch möglich, auch nicht rein empirisch, noch weniger spekulativ/prophetisch, aber sie ist eine Mischung dieser Methoden.
NIEBUHR fordert deshalb neben der «Kritik» auch «Divination» und «Construction», denn «alle Geschichte als Darstellung des Handelns, wird nur durch ein gedachtes, also begründetes Handeln begriffen ...Das Resultat, laut Hegel:
«... der Verlauf der Geschichte ist es, welcher uns nicht das Werden fremder Dinge, sondern dies unser Werden, das Werden unserer Wissenschaft darstellt» [43].
SCHLEGEL nennt die Geschichte eine «wahrhafte Philosophie»: «Da überhaupt alle Wissenschaft genetisch ist, so folgt, daß die Geschichte die universellste, allgemeinste und höchste aller Wissenschaften sein müsse».
HUMBOLDT : «Wie die Philosophie nach dem ersten Grunde der Dinge, die Kunst nach dem Ideale der Schönheit, so strebt die Geschichte nach dem Bilde des Menschenschicksals in treuer Wahrheit, lebendiger Fülle und reiner Klarheit ...»
DROYSEN legt eine explizite Theorie dazu vor: Die Geschichte als Wissenschaft hat es mit menschlichen Zwecksetzungen, mit «Willensakten» zu tun; diese aber können anhand der Naturkausalität nicht erklärt werden, es gilt sie «forschend zu verstehen»
Geschichts-Wissenschaft zielt auf die «sittlichen Mächte und Ideen» und unterscheidet «natürliche Gemeinsamkeiten» (Familie, Geschlecht, Volk), «ideale Gemeinsamkeiten» (Sprache, Kunst, Wissenschaft, Religion) und «praktische Gemeinsamkeiten» (Gesellschaft, Recht, Staat). Geschichte macht vor allem 2 Dinge bewusst:
Auch wenn eine Vorgeschichte nicht gleich der Gravitation einen Apfel zu Fall bringen kann, so kann sie doch die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Entwicklung erklären: Die Natur hat ihre Gesetze, und der Geist hat die seinen, beide wirken aufeinander – das ist hier die Grundvoraussetzung für den Versuch, Geschichte als Gesetzeswissenschaft zu betreiben. CH. DARWIN hatte in seinem epochemachenden Buch über die Entwicklung der Arten durch natürliche Zuchtwahl (1859) programmatisch gefordert, «Tiere und Pflanzen als etwas anzusehen, das eine lange Geschichte hat».
Geschichte verbindet also Ereignisse, die oft sehr wohl ganz anders hätten ausfallen können, nicht zu einem logischen, aber zu einem chrono-logischen Ganzen. Ihre Aufgabe ist: «alle großen Geschichtsepochen als ebensoviele bestimmte Phasen einer gleichen grundlegenden Entwicklung dar[zu]stellen, wobei jede aus der vorangehenden hervorgeht und die folgende aufgrund unwandelbarer Gesetze vorbereitet.
Die «historische Folge» der in der Geschichte sich ausbildenden Wissenschaften entspricht auch ihrer «dogmatischen Abhängigkeit» voneinander, so daß die «Geschichte des positiven Geistes» sich zugleich in seinem Wissenschaftssystem widerspiegelt. J. ST. MILL versucht Comtes Theorie zu differenzieren und den logischen Stellenwert der historischen Gesetze anzugeben. Da die Unterschiede in der Menschheit bezüglich ihrer natürlichen Beschaffenheit und geographischen Bestimmtheit geringer sind als die Übereinstimmungen und da die Völker sich in zunehmendem Verkehr miteinander aneinander angleichen, bietet die Geschichte, «wenn sie umsichtig befragt wird, empirische Gesetze des gesellschaftlichen Lebens dar». Diese empirischen Gesetze sind keine Naturgesetze; sie sind problematisch, da sie durch Induktion aus relativ geringem Material gewonnen sind.
Die bereits im 19. JH. massiv anwachsende Menge der Stofffülle historischen Wissens bilden ein weiteres Problem der Bewältigbarkeit: «... die Geschichte selbst ist, als der Inbegriff des Geschehenen, etwas so unendlich Großes, daß ihr Inhalt von dem geschichtlichen Wissen, durch welches das objektiv Geschehene auch ein subjektiv Gewußtes werden soll, nie erschöpft werden kann».
Unerlässlich ist das geschichtliche Sich-Bewusst-Machen der Geschehnisse vor allem, weil es dem Menschen bei der Bewertung seines Handelns, der Folgen seines Handelns dient: «Das Selbstbewußtseyn ist die einzige Macht der Welt und der Geschichte und die Geschichte hat keinen andern Sinn als den des Werdens und der Entwicklung des Selbstbewußtseyns. (B. Bauer, Feuerbach, Stirner)
Für Marx und Engels war Geschichte nicht eine, sondern die Wissenschaft:
Sie ist «materialistisch», indem sie «den Schlüssel ... zum Verständnis der gesamten G. der Gesellschaft» «in der Entwicklungs-G. der Arbeit», in der «sinnlich menschlichen Tätigkeit», in der «Praxis» findet und zum Ausgangspunkt die «revolutionierende Entdeckung» macht, «daß die Produktionsweise des materiellen Lebens den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt bedingt». Werden die gesellschaftlichen Verhältnisse zur Fessel für die Produktivkräfte, so werden sie gesprengt: Revolutionen markieren den Fortschritt der Produktivkräfte; es sind soziale Revolutionen, da alle bisherigen Produktionsverhältnisse Klassengegensätze einschlössen.
Zum anderen sprechen Marx und Engels der Geschichte ein «Naturgesetz» zu und verstehen sie verschiedentlich als Naturprozeß. Diese Ansicht wird heute als völlig verfehlt betrachtet. s. Historismus
Auch die im Idealismus überstrapazierte These, die Geschichte als Ganzes sei der Offenbarungsprozeß, wurde entschieden aufgegeben.
Ebenso scharf wendet sich A. SCHOPENHAUER gegen Geschichtsphilosophie und Geschichtswissenschaft. Nietzsche stellte wiederum klar: Für das menschliche Leben ist freilich Geschichte konstitutiv: «Es ist wahr: ... erst durch die Kraft, das Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen». Konstitutiv - aber nicht allein, gleich dem Kairos, nicht ohne tätiges und bedachtes Mitwirken, denn Geschichte ist primär ein Produkt der großen Masseninstinkte», der «Massentriebe» und «des Kampfes unendlich verschiedener und zahlloser Interessen für ihre Existenz» – mithin ist die G. «brutal und sinnlos». Wer nach Ziel und Gesetzen forscht, findet die unsinnige Macht des Zufalls.
Fast so brutal der grosse Historiker J. BURCKHARDT:
Patriotismus ist Hochmut, der Staat organisierte Gewalt; von Fortschritt, Zukunft und Zwecken zu reden ist
sinnlos. Nicht der zweckgerichtete Prozeß von Volk oder Gattung tritt als Geschichte entgegen, sondern «das geschichtliche Leben, wie es tausendgestaltig, komplex, unter allen möglichen Verkappungen, frei und unfrei daherwogt ... Staaten, Religionen, Kulturen gründend und zerstörend ...». «Das Wesen der Geschichte [als Geschehen] ist die Wandlung».
Was als Gliederung des Geschichts-Inhaltes sich anbietet, sind die drei «Potenzen» Staat, Religion und Kultur, die sich wechselseitig bedingen, die als «Bedingtheiten» erscheinen. Die Kultur zeichnet sich als die bewegliche, nicht in Institutionen verfestigte Potenz aus, und ihr gilt Burckhardts höchstes Interesse.
Die Idee, dass Geschichte ein inhärentes, quasi "eingbautes" Ziel in sich trage, also teleologisch ausgerichtet sei, basiert auf der christlichen, generell monotheistischen Erlösungsreligionen. Diese Idee, nicht mit dem Endziel der Herrschaft Gottes, sondern der Diktatur des Proletariats, wurde dann vom Kommunismus übernommen, während dem der Kapitalismus einerseits, in der Realität zwar ein reich elendiger dauernder Widerkehr in Marktzyklen schuf, andererseits heute aber die Geschichte gleich als erledigt betrachtet, weil das Ziel, die Erlösung, mit der freien Marktwirtschaft erreicht sei. (s. Posthistoire. Bockmist, grauslicher).
Dass historische "Gesetze" doch etwas anderes sind als naturwissenschaftliche wurde aber schon bald klar: Die Überwindung des Historismus ist nötig, da Geschichte kein sinnvoller Prozeß, sondern «historischer Lebensstrom» ist. (Troeltsch). Denn G. ist kein «geradliniger Prozeß», sondern «eine ewige Neugeburt wertvoller historischer Individualitäten» [Meinecke] «Kollektiv-Individualitäten». Völker, Staaten, Klassen, hebt sie grundsätzlich von den Naturwissenschaften ab und macht die Psychologie in jeder Form unanwendbar für diesen Erkenntnisbereich.
TOYNBEE, der
ca. 650 Primitiv-Gesellschaften thematisierte, zeigte auch, dass sich das Resultat historischer Entwicklungen nicht objektiv bewerten lässt. Offenbar blieb er allerdings auf dem Weg zur Lösung der Geschichtswissenschaften vom Finalismus, also der Absage an den Historizismus, auf halbem Wege stecken: «Wir haben nicht zu billigen oder zu mißbilligen, sondern zu verstehen». An diesen Kulturen ist beobachtbar, daß ihre Entwicklung durch Herausforderung und Antwort (challenge/response; s.d.) sich vollzieht. Die erste Herausforderung stellt die Natur, später die andere Kultur; Toynbees spätere Konzeption sieht den Hochkulturen Hochreligionen entwachsen, die so etwas wie ein Geschichts-Ziel darstellen und das natürliche Entstehen und Verfallen einhalten.
G. KRÜGER: «wer die G. existentiell erfährt, sieht, wie die menschliche Freiheit durchkreuzt und am Ende zuschanden wird: wie alles Schaffen und Handeln ganz anders gerät, als man wollte; wie Kriege und Staatsaktionen ihren Urhebern über den Kopf wachsen, wie Wirtschaft, Technik und geistige Strömungen als geradezu übermenschliche, dämonisch anmutende Mächte ihren eigenen Gang gehen, und wie alle für ewig gehaltene Wahrheit, aller vermeintliche Sinn des Lebens, für den die Opfer gebracht werden, nichtig wird, wenn die Zeiten sich ändern»
M. Adler kritisiert, daß infolge der Orientierung an den Naturwissenschaften mit den «sogenannten Tatsachen ... ein Götzendienst getrieben wird»
Die «Logizität», die der G. bei Hegel und Marx zugesprochen wurde, ist «index falsi», verrät die allgemeine Unvernunft in der Geschichte, die als Vernunft, Rationalität und «Identitätsprinzip» das ihr nicht Kommensurable vernichtet. Gegen die Herrschaft der Vernunft wird die leidende Natur eingeklagt. Die «Vergottung der Geschichte», auch bei Marx und Engels, war immer auch eine von Geist und Vernunft.
ADORNO, MARCUSE: Freilich darf das kritische Geschichts-Denken nicht im Sinne der Geistes- und Kulturwissenschaften bloß «kontemplativ» sein, es darf sich auch nicht im Sinne des Positivismus in der Ermittlung von Fakten erschöpfen; vielmehr muß es die «Präponderanz der Trends in den Fakten» aufspüren bzw. die «Faktoren» hinter den Fakten ermitteln. – Vor allem gegen eine positivistische Soziologie hält J. HABERMAS an der Geschichte als «Totalität» fest.
Hier ein Ansatz der klärt - und weiter bringt: Geschichte schafft Totalität, indem sie aus den unendlichen Möglichkeiten die da vielleicht mal waren, die eine hervorholt, die wirklich stattgefunden hat, die sich realisiert hat. Macht man allerdings eine solche Realisation zum Gesetz, dann macht man aus Totalität Totalitarismus, gibt der Geschichte ein Entwicklungsziel, zu dem die Menschen nichts mehr zu sagen, das sie bloss noch zu erreichen haben:
Alle Theorien, die die G. als Ganze in ihrer Gesetzmäßigkeit erfassen wollen («Holismus»), leisten a) dem Totalitarismus und der Vernichtung der «offenen», d.h. freiheitlich-demokratischen Gesellschaft Vorschub und postulieren b) für einen Bereich das Prinzip der «Generalisation», in dem es nicht bzw. nur sehr eingeschränkt Geltung haben kann.
Gegenüber dem Ideal von Kausalität und Kontinuität steht die Geschichtswissenschaft allerdings ständig «unter der Drohung eines unendlichen Regresses».
HEGEL spricht der Negerrasse Gott, Gesetz, Sittlichkeit, Ehrfurcht, also jede Form von Allgemeinheit, und jeden Wert der Subjektivität ab; sie lebt für ihn im rohen Naturzustand: «Was wir eigentlich unter Afrika verstehen, das ist das Geschichtslose und Unaufgeschlossene, das noch ganz im natürlichen Geiste befangen ist, und das hier bloß an der Schwelle der Weltgeschichte vorgeführt werden mußte».
Für O. SPENGLER sind ebenfalls China, Indien und die Antike «unhistorisch» und «geschichtslos», China ist ihm «die Dauer der G.». «Der historische Mensch ... ist der Mensch einer in Vollendung begriffenen Kultur. Vorher, nachher und außerhalb ist er geschichtslos .... Und daraus folgt eine ganz entscheidende ... Tatsache: daß der Mensch nicht nur vor dem Entstehen einer Kultur geschichtslos ist, sondern wieder geschichtslos wird ...»
Natürlich hat China eine Geschichte - aber es hat eher eine Geschichte der Erhaltung der Tradition (Konfuzianismus) die entwickelt wurde, als eine Geschichte der Brüche und Revolutionen, des Strebens nach etwa anderem (oder höherem). Allerdings gilt genau dies ja nicht mehr mit der kommunistischen Revolution - aber das war halt erst nach Spengler. Man versteht aber daraus sehr gut, was mit "posthistoire" gemeint ist:
«Posthistoric man» von R. SEIDENBERG folgt auf eine vorgeschichtliche Zeit der Herrschaft der Instinkte eine relativ kurze Zeit der Geschichte mit dem Wechselspiel von Instinkt und Vernunft; sie wiederum wird abgelöst von einer «final posthistoric phase», in der sich durch die perfekte Organisation der modernen industriellen Welt auf rationaler Basis eine vollkommen stabile Gesellschaftordnung «not unlike that of the ants, the bees, and the termites» realisieren wird. – A. GEHLEN verwendet 1952 den von COURNOT übernommenen Begriff post-histoire zur Bezeichnung einer durch Planung und Streben nach Sicherheit «zukunftslos» werdenden Welt.
«Geschichtslos» ist ihm außerdem der Mensch rationalistischen Planens mit seinem sich erfüllenden «Programm», dieser «von vorn herein fertig gemachte homunculus»
Schelling: Die letzte Epoche der Geschichte wäre die Epoche der absoluten Synthesis, der Identität zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen den einzelnen Intelligenzen und dem Absoluten, die Periode, in der die sich schon jetzt vollziehende Offenbarung Gottes vollendet ist, in der Gott ist und nicht nur immerfort wird.
Das Ende der Geschichte ist hier, genau wie im Buch von Fukuyama, ein eher unerfreuliches, und nicht das Land der Verheissung: Die perfekte Organisation aller Betriebsamkeit, gleich Ameisen oder Termiten. Danke schön! Beschreibt zwar gut das, was als "Grosse Maschine" zur Zeit herrscht, hat aber wenig zu tun mit irgend was, das sich Menschen als beste aller Welten, oder schon nur als <gutes Leben>, <gute Ordnung> wünschen könnten. Perfekte Organisation ist Faschismus, und damit wohl kaum der Sinn des Lebens.
Aber irgenwie stimmt's schon. Am Anfang der Geschichte (Vorgeschichte, prähistorisches ist per Definitionem schriftlos) stund ja die Erfindung der Schrift. Die ersten Schriftdokumente sind allerdings nicht Elogen über Gott, sondern ganz kalt und einfach Inventarlisten und Quittungen von Händlern, auf Tontafeln festgehalten. Diese Kultur des rechnenden Habens und Vermehrens von Gütern hat es an die Spitze getrieben, so weit, dass uns gar nichts mehr anderes einfällt. Damit wären wir also echt am Ende: Lebensplanung durch Spieltheorie:
Postgeschichte ist die Vollendung einer historischen Entwicklung - Postmoderne ist nur die Absage an die Ideale der Aufklärung. So die Philosophen. Vielleicht aber doch nicht ganz, denn die Postmoderne ist ja wirklich der krönende Abschluss der Marktgesellschaft. Alles, sogar Wahrheit, wird durch den Markt gelöst, geteilte, vernetzte, aber doch relative unabhängige Produktionsstätten. Was Interesse erweckt, kommt auf, was langweilt, geht unter. Die Marktorganisation hat eine gewisse Beliebigkeit, bietet also Freiheit - aber keine Planbarkeit, keine Voraussicht, keine Ziele, kein Zentrum, keine Orientierung. Sie ist spielerisch, logischerweise ist damit das wichtigste Instrument der Planung - das Spiel: Rollenspiele, Spieltheorie, etc.
Martin Herzog, Basel 11.12.09