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Geschichtswissenschaften zwischen der grossen Erzählung der Moderne und den kleinen Geschichten der Postmoderne

J. Eibach; G. Lottes (Hrsg.): Kompass der Geschichtswissenschaft. Vandenhoeck & Ruprecht. UTB2271. Göttingen 2002

Die Geschichte ist überhaupt die unwissenschaftlichste aller Wissenschaften, nur dass sie viel Wissenswürdiges überliefert.

Jakob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen.

Die moderne Geschichtswissenschaft war lange Zeit durch den nationalhistorischen Blick eingeschränkt. Karl Marx war einer der ersten, der 1848 im Kommunistischen Manifest die Geschichte aus einer anderen Perspektive beschrieb, als Geschichte von Klassenkämpfen. Das 20. JH. wurde zum Jahrhundert der Sozialgeschichte, mit einigen üblen Ausnahmen. Für Heinrich von Treitschke z.B galt im 19. JH noch recht ausschliesslich die These: Grosse Männer machen Geschichte. Das sakrosankte Prinzip dem sich Geschichte unterordnen musste, waren Staat und Herrscher.

Im Hinblick auf die Form der Staatsgeschichte, aber auch der Weltgeschichte als Heilsgeschichte bemerkte Voltaire allerdings bereits kritisch in: Essai sur les moeurs et l'esprit des nations (1753), wer das Unglück habe, sich den Kopf mit der Chronologie aller Dynastien zu füllen, lerne nichts als blosse Wörter.  Schon er sah die Zivilisations- und Kulturgeschichte als fortschreitende Entwicklung des menschlichen Geistes - statt als Verwirklichung der Offenbarung (wie sie heute noch einige Verwirrte, wie die Evangelikalen z.B:, sehen).

Erst 1912 jedoch gab Lucien Febre in seiner Studie: Philippe II et la Franche Comté, die Staatsgeschichte zu Gunsten einer umfassenden Untersuchung der Region auf.

Fernand Braudel (1902-1985) ist zwar einerseits berühmt durch seinen Ansatz der longue durée: Langsame Prozesse sind die Basis für das, was wir als Geschichte erleben. Diese "Geschichte der Ereignisse" schwimmt (und wirft Wellen) quasi auf Prozessen, die mehrere hundert Jahre andauern. Obwohl Braudel mit dem Ansatz der Postmoderne eigentlich widerspricht, ist sein Ansatz doch bereits um einiges komplexer und systemanalytischer als derjenige der reinen Herrschaftsgeschichte, denn er sah Geschichte als Wirkung von Wirtschaft, Gesellschaft und Zivilisation (Kultur). Er ist allerdings nicht der "Erfinder" dieses systemorientierten Ansatzes, denn Jakob Burckhardt (1818-1897) beschrieb die Geschichte in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" bereits ein Jahrhundert früher (Publiziert 1905) als Wirken der drei Potenzen Staat, Religion und Kultur. Durch seine Längs- und Querschnitte der Geschichte fand er allerdings noch weitaus mehr Kräfte am Werk.

Wer nicht, von dreitausend Jahren
Sich weiss Rechenschaft zu geben,
Bleib' im Dunkeln unerfahren
Mag von Tag zu Tage leben.

Goethe: West-östlicher Divan

... dass Braudels Ansatz dem der Postmoderne widerspricht, müsste man annehmen, hab ich auch gemacht ... man kann es allerdings auch anders sehen: Mit einer allgemeinen Offenheit für neue Ansätze und Methoden im Rahmen der angestrebten "histoire totale" (umfassende Geschichte) korrespondiert der Verzicht auf ein einheitliches Theoriegerüst und analytische Inkonsistenz. [S. 17] D.h. zu deutsch: Braudel nimmt zwar einen grossen Anlauf um eine moderne Meistererzählung zu schaffen - aber weil er die Welt in der ihr gegebenen Komplexität angeht und nicht in eine Sonderperspektive zwängt, bleibt die histoire totale auch bei ihm ein Konglomerat oder eine Collage.

Die methodische Stringenz leidet insbesondere darum, weil Braudel die Bedeutung der materiellen Kultur des Alltags hervorhebt, eine ausgesprochene Vorliebe für Details der Lebenswelt hat - was nolens volens zu Widersprüchen führt - wie jede Geschichte die zugleich Geschichte der Herren und der Diener sein will, aber auch Wîdersprüche zur Linearität und Geschlossenheit der Modernisierungstheorieen US-amerikanischer Provenienz!

Deutschland musste auf lebensweltliche Ansätze noch länger warten, obwohl der Begriff ursprünglich von Edmund Husserl (1859-1938) eingeführt wurde. Sie wurden hier erst durch  Charakteristisch für die deutsche Sozialgeschichte ist, dass hier das Feld der Mentalitäten, kollektiven Bewusstseinsformen und Lebenswelten im Sinne der Kulturanthropologie, das etwa Eric Hobsbawm als integralen Bestandteil einer Sozialgeschichte begriff, "aussen vor" blieb. [S. 20] Die "Strukturen der Lebenswelt" wurden erst vom Soziologen Alfred Schütz aufgedeckt. Jürgen Habermas erklärte später das empfundene Auseinanderfallen von kulturellem, politischem, wirtschaftlichem System und Lebenswelt zum Problem der Perspektive, also der Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt.

In den 60er Jahren wurde dann die Anthropologie die bevorzugte Partnerin der Geschichtsforschung, was eine Interessenverschiebung vom Wirtschaftlichen und Sozialen zum Kulturellen mit sich brachte.

Und 1974 konnten Jacque Le Goff und Pierre Nora dann sogar sagen: Der Zuständigkeitsbereich der Geschichtswissenschaften ist heutzutage grenzenlos.

Weil das aber für einzelne Geschichtsschreiber, ja gar für ganze Institute, zu viel des Guten ist, löste sich DIE Geschichte auf in Geschichten: , Geschichte der Wirtschaft, Wissenschaftsgeschichte, Technikgeschichte ...

Trotz der Aufsplitterung in Spezialgeschichten, musste die Methode sich weiter in Richtung qualitativer Ansätze entwickeln, sich also vom positivistischen Ideal des Messens und Wägens entfernen:

Konzeptualisierung der Aufgaben des Historikers wissenschaftlich (quantitativ) literarisch (qualitativ)
Zentrale Fragestellungen der Historiographie: Lebensumstände der Menschen Menschen in Lebensumständen
wichtigste Einflüsse Soziologie, Demographie, Wirtschaftswissenschaft Anthropologie, Psychologie
Untersuchungsgegenstand Soziale Gruppe Individuen
Erklärungsmodelle historischen Wandels stratifiziert und monokausal zusammenhängend und multikausal
Methode Gruppenquantifizierung Einzelbeispiele s. Humanökologie
Vorgehensweise analytisch deskriptiv

Michel Foucault betreibt, wie in Die Ordnung der Dinge, eine Wissensarchäologie, versucht also scheinbar chaotische Wissensbrosamen dem richtigen Stratum in Raum und Zeit zuzuordnen, wobei er diese Straten erst sucht, und nicht, wie es traditionelles Forschen fordert, neues Wissen in bereits vorhandene Schachteln einfüllt. Dies ist der Grundsatz der qualitativen Forschung, insbesondere in der Soziologie (s. qualitative Sozialforschung). Und obwohl die Methode eigentlich "uralt" ist in Anbetracht der Rasanz heutiger Wissensproduktion, kann sie heute noch von eher positivistisch arbeitenden mit dem Bannfluch der "Unwissenschaftlichkeit" belegt werden.

Lawrence Stone war einer der wichtigsten Advokaten, der die Nutzung der Sozialwissenschaften für die Geschichtsforschung förderte. Er argumentierte, dass quantitative Methoden nützliche Verallgemeinerungen unterschiedlicher Zeitperioden liefern können. Er befürwortete aber nie die Schöpfung historischer Gesetze im Stile von Karl Marx oder Arnold J. Toynbee. Nach Stones Ansicht konnte man bestenfalls Verallgemeinerungen zu einem spezifischen Jahrhundert liefern, nicht mehr. Er war sehr interessiert am Studium der Mentalität der Menschen zu Beginn der frühen Moderne, lehnte aber Fernand Braudel's geographische Theorie als zu simplizistisch ab. Auch er verband gerne Geschichte mit Anthropologie und verfasste "thick descriptions" nach der Methode von Clifford Geertz.

Paul Riceurs Umgang mit Geschichte war ebenfalls eher positivismus-kritisch: Geschichte kann keine Wissenschaft sein, da sie eine Wissensform darstellt, die zur Gattung der Erzählung gehört und in erzähltechnischer Komposition dargestellte Handlung konstruiert. Zwar kann der sich dem Studium von Einzelphänomenen widmende Historiker nicht hoffen, "universelle Gesetzmässigkeiten" freizulegen wie dies die Physiker tun; nichtsdestoweniger vermag er jedoch allgemeine Aussagen zu treffen. Dank der "erzähltechnischen Komposition" verbindet die historische Darstellung Zwecke, Ursachen und Zufälle unter der zeitlichen Einheit einer restlos vollständigen Handlung. [S. 359]

Hans Medick warf der Historischen Sozialwissenschaft vor, bei ihrem Blick auf Strukturen und Prozesse, auf Modernisierung und Fortschritt die historischen Subjekte, ihr Leiden, ihre Erfahrungen und überhaupt ihre Kategorie der Wirklichkeitsdeutung zu vernachlässigen. Medick empfahl der Geschichtswissenschaft auch eine stärkere Beachtung hermeneutischer Verfahren sowie eine Hinwendung zu den damit verwandten Methoden der Sozial- und Kulturanthropologie wie der Feldforschung und der "dichten Beschreibung" (Clifford Geertz). [nach S. 65]

In der Postmoderne interessierte man sich zunehmend für eine Geschichte der Sprache, der in ihr transportierten Ideen und deren Bedeutung für politische und gesellschaftliche Prozesse. Mit Clifford Geertz haben linguistisch-semiotische Theorien und Methoden Eingang in die Geschichtswissenschaften erhalten.

Jacques Le Goff (Die Intellektuellen im Mittelalter) führt Geschichte, Anthropologie/Etnologie und Sozialwissenschaft zu einer anthropologie historique zusammen, um die Defizite der strukturgeschichtlich umfassenden "histoire totale" zu überwinden. Statt geschichtsphilosophisch überhöhter grosser Fragen und Prozesse wünschte er sich die Auseinandersetzung mit einer Geschichte, wie sie die Menschen gelebt und erlebt hatten. (Le Goff 1978)

Die Marxistische Geschichtswissenschaften sahen Geschichte als konsequente Folge des Gegensatzes zwischen Sein und erwünschtem Sollen, als Widerstand gegen ungerecht empfundene Strukturen. Sie legte ein Schwergewicht auf die "Geschichte von unten", die Geschichte der kleinen Leute.

 

Geschichte der Politik

In der Historiographie zum 19. und 20. Jahrhundert manifestierten sich diese Gegensätze hauptsächlich in Auseinandersetzungen um das Verständnis von Politik und Ökonomie.

Als sektorale Geschichte sah die Politik- und Verfassungsgeschichte sich jetzt ihrerseits der massiven Kritik und den Hegemonieansprüchen der Sozial- und der Gesellschaftsgeschichte ausgesetzt. Dies prägte die fachinternen Auseinandersetzungen der siebziger und achtziger Jahre.

Politik; geschieht in einer Vielfalt unterschiedlicher Formen der Kommunikation und der Verfahrensweisen jenseits der Bürokratie und der verfahrensgebundenen Mehrheitsentscheidung. Sie bringt aber immer kollektiv bindende Entscheidungen in einem kommunikativen Prozess hervor, die sie in der Gesellschaft über die Massenmedien erfolgreich kommunizieren muss. Hier tritt die von Weber bereits erkannte Bedeutung der Medien, später oft 4. Gewalt genannt, klar hervor.

Kennzeichen der politischen Geschichte ist es, dass sie Momente der Entscheidungen gegenüber Vorstellungen von einem Prozesscharakter der Geschichte betont. [S. 120]

Zweifellos hat die Alltagsgeschichte dazu beigetragen, den Begriff von Politik zu entstaatlichen und Politisches auch dort zu erkennen, wo es nicht um die Herstellung kollektiv bindender Entscheidungen ging. Wirksam war sie allerdings noch zu wenig, sonst würden mehr Bürgerinitiativen die EU in Unruhe versetzen ... und einen Beitritt der Schweiz möglich machen.

Die ersten Ansätze postmoderner Geschichtsschreibung machten prompt auf den ritualhaften Charakter der Politik aufmerksam, die als Spektakel präsentiert wird, gestaltet mit allen Mitteln theatralischer Dramaturgie. Dahinter aber verbergen sich Entscheidungsprozesse, die das Leben der Menschen beeinflussen. Da Spektakel struktuiert sind, kommt auch hier bereits die Dekonstruktion ins Spiel, die hier die Aufgabe hat zu zeigen, welchen Interessen das politische Konstrukt dient - und welche es unter den Teppich kehrt.

Gerade die feministische Theorie hat frühzeitig darauf aufmerksam gemacht, dass ein enger Politikbegriff Frauen kategorisch aus de Feld des politischen herausdrängt. [S 157]

 

Kultur als Ausgangspunkt der Geschichtsschreibung

Die steigende Individualisierung der Lebensstile und der gleichzeitig zunehmende konsumvermittelte Konformitätsdruck förderten eine neue Sensibilität für Kulturelles, bewirken eine wahre Renaissance des Begriffs Kultur - mit der aber auch eine Vermarktung und Verhunzung einher geht. (s. Die Bedeutung von Kultur für die Entwicklung).

1936 beschreibt Norbert Elias den Zivilisationsprozess als Effekt nicht beabsichtigter Wirkungen von Staatsbildung und Marktdurchsetzung, die als eigentliche Zivilisationsagenten die Handlungsbedingungen der historischen Subjekte durch zunehmende gegenseitige Abhängigkeit verändern. [S. 186]

Clifford Geertz geht von einem umfassenden Kulturbegriff aus, nach dem auch Gesellschaft Kultur ist, da sie sich erst in einem Gewebe von Bedeutungen erschliesst. Geertz sieht es als unmöglich an, sich durch Empathie in andere hineinzuversetzen, und Versucht, den Standpunkt des Eingeborenen zu rekonstruieren, indem er deren Erfahrungen im Kontext ihrer eigenen Ideen betrachtet. Dafür zentral sind Symbole und Rituale.

Kulturgeschichte steht für die Legitimität unterschiedlicher Zugänge zur Geschichte. Das Fehlen einer konsensfähigen Theorie schwächt allerdings ihre Stellung innerhalb des Fachs.

Der Ansatz ist nicht ganz so unpraktisch und theoretisch wie er tönen mag, denn Praxis gilt als kulturell strukturiert und strukturiert auch wieder Kultur. s. insbesondere Bourdieus Habitusbegriff. Pierre Bourdieu (1930-2002) prägte als einer der bedeutendsten Kultursoziologen auch die Geschichtswissenschaften.

Die wichtigsten Kulturbrüche geschahen im 12./13. JH durch die christliche Akulturation, 1870 -1914 durch den Wandel der westlichen Gesellschaft von einer traditionellen bäuerlichen und "popularen" Kultur zu einer nationalen, homogenen, vereinheitlichten und entgrenzten Kultur - und (eigener Einschub) vermutlich durch die globale Entgrenzung Ende des 20. JH, die Auflösung der (Möglichkeiten der) Politik durch die Übernahme der Herrschaft durch die Wirtschaft unter gleichzeitigem Entzug der Finanzen für die Politik. Die global agierenden Wirtschaftsgiganten schreiben gerade wieder eine Meistererzählung, eine Meistererzählung der Überlegenheit der Stadt und des Kapitals über Land und Subsistenz, der Ueberlegenheit des Wissens über die Arbeit, der Ueberlegenheit der wirtschaftlichen Organisation über die politische, der Überlegenheit der Reichen über die Armen. Wie die alten Meisererzählungen wird auch diese an der Differenz zwischen Behauptung und Realität, am Abstand zwischen Normen und Gelebtem, Dogma und Glauben, Massregeln und Verhalten scheitern: Die Einführung einer neuen Disziplin, das Einimpfen eines neuen Gehorsams oder die Festlegung neuer Verhaltensregeln  muss immer zu den verwurzelten Vorstellungen und den von allen geteilten Traditionen passen und sich auf sie abstimmen. [nach S. 202] Dieser Grundsatz wird nicht nur in der neuen Meistererzählung von Geld und Macht, sondern auch generell von den USA im Islamischen Raum konsequent missachtet.

Geschichte und Postmoderne

Die Geschichte ist den Geschichten feindlich, und nur in den Geschichten sind Menschen zu erkennen.

Peter Bichsel 1982

Der Begriff Postmoderne ist nicht nur "blöd", weil er den Alltagsgebrauch des Wortes "modern" eigentlich unmöglich machen würde, sondern weil der dazu auch noch gleichzeitig als Stil- und Epochebezeichnung dient.

Als Stilbezeichnung entstand er für die Literatur Südamerikas. Ende der 50er, als Konfrontation der klassisch-modernen Erzählstrategie seit Beginn des Jahrhunderts (Proust, Joyce, Thomas Mann) mit Leonhard Cohen und Norman Mailers "Pluralität". Der postmoderne Stil verwendet unterschiedliche Erzählweisen und Methoden innerhalb eines Romans und ist neutral gegenüber unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Bedeutungshorizonten.  Er bildet einen Kontrast zum analytisch rationalistischen Intellektualismus der literarischen Moderne.

Ein Musterexemplar ist Leslie A. Fiedlers: Cross the Border - Close the gap (1969), das die Grenze überschreitet zwischen dem Wunderbaren und dem Wahrscheinlichen, dem Wirklichen und dem Mythischen, der bürgerlichen Welt mit Boudoir und Buchhaltung und dem Königreich dessen, was man lange als Märchen zu bezeichnen pflegte.

Pluralität und Vielfalt - wird seit Ende der 70er auch in der Architektur zum Thema. s. Charles Jencks 1975. Die Klarheit und Funktionalität des Bauhauses gilt fortan als wegen ihrer Sterilität delegitimiert.

Die Postmoderne betrachtet Wahrheit als Sprachspiel:

Im gesellschaftlichen und politischen Alltag stehen mehrere Sprachen im Dialog oder auch in Konkurrenz zueinander. In ihren Konstruktionen beeinflussen sie sich und tauschen Sprachspiele , rhetorische Figuren und Topoi aus. Gerade diesen "Wettstreit der Sprachen" und seine Interdiskursivität hat die Historische Semantik in Zukunft stärker in den Blick zu nehmen, will sie die Wandlungsprozesse einer Gesellschaft adäquat erfassen. [S. 292]

 Wie in der vielfach verwendeten Analogie zum Schachspiel, wo ein Zug nur nach bekannten und akzeptierten Regeln erfolgt, so kann man auch in einer Sprache mit ihren Bedeutungen, Assoziationen und Erwartungen, mit ihrer Grammatik und Syntax manche Redeweisen leichter, manche gar nicht erfassen. Dementsprechend kann ein Autor nur bestimmte, on der Öffentlichkeit überwachte und nachvollziehbare Züge machen. [S. 296]

Was sagt Lyotard zur Postmoderne?

Dass hinter dem Sprachspiel aber dennoch harte Wahrheit steckt, stecken muss, zeigt Habermas in seiner kommunikativen Ethik, die einen herrschaftsfreien rationalen Dialog zwischen aufgeklärten Subjekten als Ausgangspunkt für die (partizipative und gerechte) Gestaltung der Zukunft postuliert:

Words are deeds.

Wittgenstein

Als Abschluss der alten und Übergang zur neuen, postmodernen Geschichte gilt nun die Aussage

Geschichtliche Phänomene sind in Gegenwart und Vergangenheit kulturell geprägt und diskursiv konstruiert.

Damit erledigt sind:

  1. Das Modell des sozialen, kulturellen und ökonomischen Wandels als Fortschrittsglaube, Aufstieg der Nationen und Nationalstaaten als von Gott gelenkter historischer Entwicklung. Nationales Schicksal als nationalistischer Determinismus

  2. Die Moderne als quasi naturgesetzlich fortschreitende Demokratisierung, Säkularisierung, Rationalisierung des menschlichen Denkens und Handelns. Die Erklärung von Veränderungen in der Geschichtsforschung selbst, als Verwissenschaftlichung und fortschreitende Wahrheitsfindung: Geschichte der Kollektivsingulare, klar umgrenzter Gegenstandsbereich, methodische Rationalität.

Das Problem das uns bleibt und durch die Postmoderne extrem verstärkt wird: Eine klare Trennung von Geschichten und Geschichte ist  nicht möglich. Es gibt kein epistemologisches Kriterium, welches erlaubt, die Geschichte als Wissenschaft zu definieren. Darum:

 

Metaerzählungen und die Notwendigkeit immer neuer Dekonstruktion derselben

Eine Meistererzählung diktiert die Grundstruktur anderer Erzählungen. Eine explizite Meisererzählung gibt sich selbst als solche zu erkennen. Sie wurde auf zwei Arten verfasst: entweder als Universalgeschichte oder als Nationalgeschichte mit langfristiger Perspektive. Voraussetzung für eine kohärente Meistererzählung ist ein allgemein akzeptiertes historisches Grundthema: Klasse, Rasse, Staat, Geschlecht, Kultur. Die meisten Meistererzählungen wurden gleich als Biographien geschrieben, weil für die Autoren die Rolle der "grossen Männer" im Zentrum stand. Ein ähnliches Prinzip wird gerne von Sekten jeder Art verwendet, die äusserst ungern argumentieren, sondern einfach ihren Führer und Lehrer (Guru) zum unübertrefflichen Halbgott und Vorbild erklären. In Politik und Wirtschaft noch beliebter sind allerdings die wissenschaftlichen Meistererzählungen, da es in unserer Kultur kaum ein Argument gibt, das gegen das Etikett "wissenschaftlich" ankommt. Genau so wie muslimische Fundamentalisten alles und jeden mit einem Zitat aus Koran oder Sharia niedermachen können, genau so unerbittlich macht die "wissenschaftlich begründete Aussage" alle anderen Aussagen nieder.

Die Idee einer Meistererzählung lebt von der Vorstellung, dass es nur eine Welt gibt. Jeder Gedanke an plurale Welten gefährdet das Konzept der Meistererzählung.

Solche hegemonialen Geschichten sind Meistererzählungen im doppelten Sinn:
Sie bestimmen die Interpretation der Welt und sie unterdrücken alle Alternativen.

Die Habermas'sche Kritik sieht eine wachsende Entfremdung zwischen Massen- und Elitenkultur und postuliert die These, dass die Elitenkultur eine antidemokratische Hegemonie über die Kultur ausübe, die für alternative Modelle keinen Platz lässt ...

Diese These ist nach wie vor äusserst akut, insbesondere seit dem sich die behauptete einzige Alternative zur freien Marktwirtschaft (in der Form des Kapitalismus natürlich) selbst diskreditiert hat: Wie früher Nationalsozialismus und Kommunismus sich als einzig mögliche Form etablierten, so tut dies heute der Liberalismus, leider nicht in der ursprünglichen befreienden Form in der jede(r) seinen Platz haben soll, sondern in der Form der Kriegswirtschaft, in der es gilt, schwächere, d.h. vor allem kleinere, finanzschwächere, an den Rand zu drängen, dem eigenen System zu Unterwerfen (Übernahmen) oder sie zu vernichten. Heute gilt nur die freie Marktwirtschaft mit privater Akkumulation von Kapital = Kapitalismus, als frei, gut, wünschbar und funktionabel. Die Herrschaftsgeschichte der USA wird zur Meistererzählung der Wirtschaftsgeschichte - und diskreditiert sämtliche anders lautenden Erzählungen.

Die Postmoderne entledigt sich aber nicht bloss der Meistererzählungen, sondern stellt damit auch die treibende Idee der Moderne, die Aufklärung in Frage.

Definition: Aufklärung: Damals wie heute meint Aufklärung die Loslösung von althergebrachten Lebens- und Denkgewohnheiten (s. Intellektuelle), die Befreiung von Verhaltensnormen, die als Zwang empfunden werden, sowie den Versuch, sich auf eigene Füsse zu stellen (s. Emanzipation), nach neuen Wegen und Lösungen Ausschau zu halten. Aufklärung meint stets geistige Erneuerung, Abwurf tradierter Fesseln, Befreiung und Verselbständigung im Denken und Handeln.

Aus DER Perspektive ist die Postmoderne also eigentlich nichts anderes, als ein erneutes Aufbrechen einer zur Scholastik verkommenen, präziser: einer verwissenschaftlichten und technisierten Aufklärung - und ein Aufbruch zu neuen Ufern.  Aus der Perspektive ist die Postmoderne nicht Nachfolgerin der Moderne, sondern sie läuft zyklisch parallel mit der Moderne und bringt diese immer wieder "ins Rotieren", wenn diese wieder mal findet: Toll, was wir alles wissen und können - und "Das Ende der Geschichte" ausrufen sollte.

Strukturalismus und insbesondere Konstruktivismus sind durch Dekonstruktion immer wieder zu prüfen, neu zu werten und neu zu gestalten, zu re-konstruieren.

François Lyotards Dekonstruktion nimmt das Behauptete zur Kenntnis, um sich dann sogleich darauf zu konzentrieren, was dieses Behauptete alles nicht behauptet, auslässt und verneint. Sie richtet den Fokus demnach auf das Nichtgesagte. Dieses soll herausgestellt und konzentriert werden, sodass der Fußabdruck der Aussage deutlich wird. Dekonstruktion muss demnach je nach dem betrachteten Gegenstand unterschiedlich verfahren. Sie ist nicht immer auf die gleiche Art anwendbar.

Wir sehen hier eine deutliche Verwandtschaft zu Spencers Formkalkül - aber eigentlich darüber hinaus noch eine Weiterentwicklung desselben.

Wir sehen aber auch eine immanente Verwandtschaft zur uralten Ideologiekritik, wie sie sich schon in der Topik von Aristoteles findet. Ideologie verabsolutiert eine Idee zu einem Idol, dem unkritisch gefolgt wird, ja, das fast angebetet wird. Diese Idole (falsche Götter) finden wir in den:

Das zeitigt zwei Ergebnisse:

  1. Die Moderne ist unwiderruflich verschwunden. was zu einer inhaltlichen Zersplitterung der Disziplin (Geschichte) geführt hat.

  2. Der Leser oder die Kultur insgesamt muss zwischen verschiedenen Geschichten auswählen und wird dabei möglicherweise soziale, wirtschaftliche oder politische Interessen zugrunde legen. [S. 387]

Und wie eigentlich immer bedeutet eine Wahlmöglichkeit nicht bloss Unsicherheit, sondern auch Freiheit. Dennoch nervt die postmoderne Beliebigkeit oft mehr als sie nutzt, und wir haben nach wie vor kein Konzept für alternative Präsentation. In der herrschenden "narrativen Anarchie" muss jeder zwischen unterschiedlichen Erzählungen wählen.

Da dies dem Prinzip der einen Welt widerspricht, in der wir unwiderruflich leben, kann es sich bei diesen Erzählungen eigentlich nur um unterschiedliche Stücke handeln, die auf der Bühne des Welttheaters spielen, das eine verzweifelte Ähnlichkeit mit Platons Höhlengleichnis assoziiert.

Man müsste also wieder in die Lage kommen, die verschiedenen Erzählungen zu verbinden, in einer ersten Stufe zumindest einen jeweils angepassten Interpretationsrahmen finden. Dazu müssten wir aber vermutlich zum Teil wieder mal hinter die Renaissance gehen und die mittelalterlichen mystisch-synthetischen Denkkonzepte ansehen:

  1. Zeitliches Verhältnis: antecedens und consequens   Ursache und Wirkung - Ursprung der Idee, warum Geschichte wissenschaftlich betrieben werden könne.

  2. Kontiguität bezeichnet in unserem wissenschaftlichen Denken seit David Hume und, noch früher, seit Aristoteles den räumlichen oder zeitlichen Zusammenhang von Teilen, demzufolge die Teile im Raum nebeneinander, in der Zeit nacheinander angeordnet sind.

  3. Analogie: Insbesondere Cassirers (1874-1945) Konkreszenz bedeutet nicht Koinzidenz, Zusammenfallen von Gegensätzen im unterschiedslosen Einerlei, ebenso wenig Indifferenz, wenn darunter Ununterscheidbarkeit verstanden wird, noch auch Chaos noch auch Identität im Sinne von Uniformität. Es (das magisch mythische Vorstellen) kennt sowohl die Vielheit und Verschiedenheit der Kräfte wie auch hierarchische Verhältnisse mit Ueber- und Unterordnung, Neben- und Gleichordnungen. Sondern: Zusammenwachsen, Zusammengewachsen sein diverser Teile zum Ganzen und im Ganzen.

  4. Antagonismus: Yin und Yang

  5. Sympathetik

  6. Einheit von Theorie und Praxis

  7. ...

[Karen Gloy: Die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens. Das Verständnis der Natur. Lizenzausgabe Komet. Beck. München 1995]

Die heutige Organisation der Wissenschaften, die seit 30 Jahren von Inter-, Para- und Transdisziplinarität redet, aber nix hinkriegt, in der nach wie vor jedes Fach, ja jeder Professor, so vor sich hin studiert und seine Weisheiten im kleinen Kreis der Erhabenen publiziert, steht repräsentativ für die postmoderne Ergänzung der Analyse, der Synthese. Statt wirklicher Synthese über philosophisches Denken, werden Collagen publiziert, am liebsten grad nur "Buchbindersynthese", in der eine Serie von mehr oder minder zufällig zusammen geratenen Vorträgen an einem Symposium nebeneinander, ohne Verweise, ohne Streit oder Dialog - aber in einem Buch - publiziert werden.

Eigener Ansatz, um aus dem Dilemma rauszukommen: s. Webphilosophie

Das Leben ist kein Roman,
das Leben ist ein Haufen unfertiger Geschichten.

Leo Tuor

In der Geschichte haben wir einerseits die Auflösung in zig Fächer der xxx-Geschichte, dazu aber auch noch eine Vielfalt an Meistererzählungen der Alterität: Geschichte aus der Perspektive von Randgruppen. Die Alterität ersetzt sowohl die äussere Beschreibung als auch den Monolog durch eine innere Beschreibung des Andern aus der Sicht des Andern. Jeder ist anders, weil das Wissen und die Gesellschaft kein Zentrum mehr hat. Die Geschichtsschreibung versucht dann die Collage aus verschiedenen Stimmen zu rekonstruieren und verbindet sie nur mit einem analytischen Obertext. Die Geschichte wird ihren Subjekten zurückgegeben. Der Historiker erzählt nicht länger selbst die Geschichte, sondern bindet Geschichten analytisch zusammen. [S. 385]

Fazit:

Die Moderne ist nicht am Ende - und die Postmoderne nicht das Ende (schon gar nicht der Geschichte ....) - sondern wir befinden uns in einem Prozess konstanten Wechsels zwischen moderner Theoriebildung (der hypothetischen Formulierung von Meistererzählungen) und postmoderner Dekonstruktion, also einem iterativen Prozess, der durch neue Sprach- (und schumpetersche Markt)-Spiele immer wieder neue Kreise zieht, und nur durch Ideologie-Kritik/Dekonstruktion/Formkalkül daran gehindert werden kann, sich zu weit von der durch den jeweiligen Kontext bestimmten Wahrheit zu entfernen.

Alterität - die andere Sicht -, Dekonstruktion - das kritische Zerlegen hehrer Gedankengebäude, das Lächerlichmachen von Meistererzählungen ... das hatten wir doch schon mal ... Aber natürlich, denn genau dies war Absicht und Methode von Diogenes und seinen Kynikern. Deshalb ist wohl die Postmoderne derart zynisch ... [s. Waren die alten wie die modernen Zyniker eher Stoiker, so sind die postmodernen Zyniker meist eher Hedonisten, also Epikuräer]

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, 26.3.06

 

p.s: Das Büchlein, dass mich zu diesem Artikel angeregt hat, ist Helder Yuréns Die Evolution kassiert die Kriegskultur. Fällige Bemerkungen zum Begriff und Gesetz der Weltgeschichte. Es handelt sich zwar um eine Kritik der Geschichtsschreibung, die von dieser längst aufgenommen wurde, aber nicht in EINE neuen Geschichtsschreibung  mündete, sondern gleich in Dutzende, unter denen sich nun jeder die Geschichte aussuchen kann, die ihm grad in den Kram passt. Gerade diese Folge zeigt, dass sich die Kritik nicht erledigt hat, sondern immer wieder neu ansetzen muss ... womit der Aufruf Yuréns nach einer "Weltgeschichte", gerade weil er völlig quer zur Postmoderne steht, bereits wieder "modern" ist, oder wie man zeitgemäss wohl sagen würde: Prä-Postmodern..