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2000 Jahre Wirtschaftsgeschichte der Welt

[ANGUS MADDISON: The World Economy: A MILLENNIAL PERSPECTIVE. OECD, Development Centre Studies. 2001]

  1. Der Niedergang Europas vom 1. bis zum 10. JH.
  2. Europas langsamer Wiederaufstieg zu Beginn des 2. Jahrtausends
    1. Schifffahrt
    2. Venedig
    3. Portugal
      1. Portugals Weg nach Indien
      2. Brasilien
    4. Niederlande
      1. Belgien
    5. Grossbritannien
      1. Die normannische-angevinische Regierungszeit
      2. Die Schaffung des modernen Nationalstaates und von Institutionen die den Handelskapitalismus unterstützten
      3. Die Entwicklung Grossbritanniens zur Hegemonie 1700–1820
      4. Die napoleonischen Kriege und der Aufbau des kolonialen Imperiums
      5. Beschleunigung des technischen Fortschritts und reale Einkommenszuwächse von 1820 bis 1913
      6. Kriege, die grosse Depression und das Ende des Imperiums (1913-1950)
      7. Grossbritannien und seine Kolonien
        1. Die Karibik und der Sklavenhandel (> Sklaverei / Afrika)
        2. Die 13 Nordamerikanischen Kolonien
        3. Britisch-Indien (commonwealth)
        4. China
  3. Die Weltökonomie
    1. Japan & China
    2. Problemökonomien Asiens
    3. Die Wiederauferstehung Asiens
    4. Die Weltökonomie im 2. Jahrtausend
      1. Die Weltbevölkerung
      2. Die Weltwirtschaft in der 2.Hälfte des 20. Jahrhunderts
    5. Der Niedergang

Im letzten Jahrtausend vermehrte sich die Bevölkerung auf das 22-fache. Das Pro-Kopf- Einkommen stieg auf das 13-Fache und das Bruttosozialprodukt auf annähernd das 300-Fache.

Der Wachstumsprozess war allerdings äusserst ungleich über Zeit und Raum verteilt. Der Anstieg der Lebenserwartung war am schnellsten in Westeuropa, Nordamerika, Australasien und Japan. Bis 1820 hatte diese Gruppe (A) bereits ein Einkommensniveau erreicht das doppelt so hoch war wie beim Rest der Welt. 1998 betrug der Unterschied sogar 7:1. Heute (das Buch wurde 1998 geschrieben, "heute" heisst also 1998) beträgt der Unterschied zwischen dem Weltführer USA und der ärmsten Region, also Afrika, 20:1.

Diese Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass Kapitalismus und freie Marktwirtschaft nicht unbedingt und vor allem nicht unbedingt völlig planlos zusammengehören müssen. Wirtschaft ist keine Naturkatastrophe, sondern ein rein menschliches Organisationssystem. Dieses, als Markt, wurde zwar zuerst von Adam Smith beschrieben, Mitte des 18. JH, aber er beschrieb da vor allem, was sich im kleinen und Rohstoffarmen Holland seit dem 17. JH entwickelt hatte - und im 19. JH in ganz Europa zur Norm wurde (die Schweiz war in Sachen Liberalismus im 19. JH beispielhaft - während dem sie im 20. vor allem geschickt agierte, sich per Neutralität aus Kriegen und deren Kosten rauszuhalten.).

2000 Jahre Wirtschaftsgeschichte zeigen klar, dass Europa nicht immer Weltspitze war - und es auch kaum bleiben wird. Besonders die letzten 40 Jahre zeigen, dass die Zeiten des exponentiellen Wachstums vorbei sind, Wachstum generell an eine obere Grenze stösst. Ojeh, ojeminee, was für ein zerstörerischer Pessimismus! - Bullshit. Je höher das Niveau einer Volkswirtschaft ist, desto mehr Infrastruktur und Ressourcen braucht sie. Die natürlichen Ressourcen zeigen längst die Grenzen, nicht bloss das Erdöl, sondern ebenso die Landschaft, die Biodiversität, die Böden, das Meer, das Wasser etcetc. Dennoch kommen wir mit diesen Betrachtungen hier einen deutlichen Schritt weiter als der Club of Rome. Das Problem sind nicht nur die begrenzten Ressourcen, DAS Problem ist die enorm angewachsene Grundlage von Gesellschaft und Wirtschaft: Die Infrastruktur, die Häuser, Strassen, Institutionen, Betriebe, Transportgeräte - und, last not least, das Wissen. All diese Grundlagen müssen nicht bloss erhalten, sondern dauernd, oder zumindest periodisch, erneuert werden. Je höher das Niveau, desto grösser die Erhaltungskosten. Und auch dies bringt die logistische Kurve (S-Kurve) auf ihre obere Assymptote (zu Deutsch: Das Wachstum an ein Ende.). Dies ist nun aber ganz und gar nicht der Weltuntergang, denn das ist Arbeit, viel Arbeit, Arbeit die wichtig ist für alle, Arbeit für alle. Diese gemeinsame Grundlage kann und darf nicht nach dem Wettbewerbsprinzip verteilt werden, denn niemand kann von Bildung, Entwicklung, Teilhabe, auch Konsum, ausgeschlossen werden. Und genau dies ist es, was der Neoliberalismus, quasi als Endzeittheorie des Kapitalismus, propagierte: Verdrängung der Schwächeren durch die Stärkeren, wobei er übersah, dass die stärkeren Produzenten auch kein Brot mehr haben, wenn die schwächeren sich nichts mehr leisten können, also zum grossen Teil aus dem Produktionsprozess eliminiert wurden.


Berechnung des Welt-Dollars

Will man das Bruttosozialprodukt einzelner Länder zu einem regionalen oder gar weltweiten Total summieren, muss man sie in eine gemeinsame Währung umrechnen. Wechselkurse sind dazu ungenügend. Wechselkurse geben kein befriedigendes Mass realer Werte.  Kaufkraftbereinigte Massstäbe sind vorzuziehen (ppp: purchasing power parity / Kaufkraftparität). Solche wurden von den Vereinten Nationen in den letzten 50 Jahren entwickelt und sind verfügbar über das International Comparison Programme (ICP) der United Nations, Eurostat und OECD

In dieser Studie wurde der Geary–Khamis multilateral PPP verwendet

Die Erhaltung der Wohlstandsbasis setzt also ein ganz anderes Denken, ein ganz anderes Wirtschaftssystem voraus, als das Wettbewerbssystem, an das wir uns so langsam gewöhnt haben. Die USA sind ein gutes Beispiel dafür was passiert, wenn der Zenit des Wachstums überschritten ist, aber gleich weiter gewurstelt wird wie vorher. Die Infrastruktur zerfällt, die Gesellschaft zerfällt, und zwanghaft wird versucht, Ordnung wieder herzustellen. Zwanghaft eben, d.h. mit Zwang (s. die Neokonservativen, deren grösstes Problem zur Zeit zu sein scheint, dass ein "Neger" Präsident der USA ist.

Genau dieser enorme Balast an Grundlagen des Wohlstands zeigt aber auch, dass wir unsere kumulative Fortschrittsidee durch ein zyklisches Werden und Vergehen ersetzen müssen, bauen und abbauen - nur das ist nachhaltig, genau wie im Waldbau. Das braucht eher ein Stakeholder Denken als ein Shareholder-, (d.h. Aktionärs)-Denken. Jeder ist Teilnehmer, jeder hat Rechte -aber auch Pflichten. Eine "Rentnergesellschaft" oder gar ein Rentnerstaat wie die des Nahen Ostens, oder die derjenigen, die von Finanzerträgen leben, oder die derjenigen die von einem Grundlohn träumen, kann diesen Anforderungen nicht gerecht werden, denn es ist mehr als ausreichend Arbeit da, die getan werden muss. Sie organisiert sich bloss nicht mehr quasi automatisch - durch die Gewinne - die dabei gemacht werden können. Wir werden etwas mehr Hirnschmalz dafür verwenden müssen, was wir wirklich wollen und brauchen. Aber genau die Frage führt unter den heute gegebenen Bedingungen einer massiven Ueberproduktion dazu, dass wir viel mehr wollen könn(t)en als wir denken uns leisten zu können.

Entwicklung der Geburtsraten und Lebenserwartung in den letzten 2000 Jahren:

 

Dies war die Grundlage der Entwicklung. Ueberall wo Geburtenüberschüsse vorhanden sind, drängen die Jugendlichen aus der Gruppe raus (oder werden rausgeworfen), sobald sie geschlechtsreif werden (bei den Tieren, bei den Menschen etwas später, was einige psychologische Probleme verursacht). Diese Jugend, unbelastet von Erfahrungen des Scheiterns, der Begrenzung durch Andere oder die Umwelt, drängt stürmisch nach der Eroberung neuer Welten. Eine Renterngesellschaft ist ihr ein Graus, löscht den grössten Entwicklungsdruck der Gesellschaft aus. Uebermässiges Scheitern in frühster Jugend, also beim Einstieg ins Erwerbsleben, dürfte allerdings ähnliche Folgen haben.

1. Europas Niedergang vom 1. zum 10. Jahrhundert

Im 1. und 2. Jahrhundert war das Römische Reich auf der Höhe seiner Macht und erstreckte sich von den Grenzen Schottlands bis nach Aegypten, mit einer Bevölkerung von 20 Millionen in Europa, weitern 20 Millionen in Westafrika und 8 Millionen in Nordafrika. In diesem Raum bestand ein gemeinsamer rechtlicher Rahmen und die Sicherheit der pax romana. 40'000 Meilen Strasse waren gepflästert, 2.5% der Bevölkerung lebte in Städten mit aktiver säkularer Kultur. Die grössten Städte wurden über Aquädukte mit Wasser versorgt, verfügten über öffentliche Bäder und Brunnen, Amphitheater, Bibliotheken, Tempel und Monumente. Das Mittelmeer war ein römischer See auf dem Tribute geliefert wurden von Alexandria und Karthago nach Puteoli Neapel) und Portus Novus (Rom). Seide und Gewürze aus Asien kamen über Land via Antiochia, über das Rote Meer nach Aegypten. Im 1. Jahrhundert hatten römische Bürger (Griechen, Syrer und Juden ... die EU könnte sich also noch etwas weiter ausdehnen als bloss bis in die Türkei ...) entdeckt, wie sie den Monsun nutzen konnten um an die westlichen Küsten Indiens zu gelangen (und zurück natürlich).

Der römische Imperialismus basierte auf Plünderungen, Versklavung und der Fähigkeit, Kontrolle durch militärische Besetzung ausüben zu können. Die Grenzen einer solchen Strategie waren bereits deutlich, als Diokletian gezwungen war, das Reich in ein östliches und westliches zu teilen. Mit der Zeit verlor der westliche Teil die Fähigkeit, Steuern und Tribute einzutreiben. Er verliess sich zunehmends auf "barbarische" Söldner (gemeint sind primär Sauschwaben, also Germanen). Mit deren Revolte kollabierte das System.

Im 5. JH war Westrom zerfallen. Gallien, Spanien, Karthago und der grösste Teil Italiens wurde von analphabetischen Barbaren übernommen, Britannien verlassen. Im 6. Jahrhundert eroberte Ostrom nochmals Italien, Spanien und Nordafrika, wurde aber zwischen 640 und 800 von den Arabern eliminiert. (s. Byzanz).

Zwischen 1000 und 1500 wuchs die Bevölkerungszahl Westeuropas stärker an als in irgend einem andern Teil der Welt. Die nordischen Länder hatten noch höhere Zuwachszahlen als der Mittelmeerraum. Der Anteil an städtischer Bevölkerung (Stadt: mehr als 10'000 Einwohner) stieg von 0 auf 6%, was ein klarer Indikator ist für zunehmende Manufakturarbeit und Handelstätigkeit.
In der Landwirtschaft wurde der schwere Pflug erfunden, offene Felder, Dreifelderwirtschaft, die Integration von Landwirtschaft und Viehzucht, das heutige Pferdegeschirr, Hufe aus Eisen, Anspann von Wagen etc. führten bereits bis 1100 zu einer umfassenden Neuentwicklung und einer gehörigen Steigerung von Produktivität und Wohlstand. Die Landwirtschaft geriet in die glückliche Lage, Ueberschüsse erzeugen zu können, die sie von nun an in die Stadt lieferte. Landwirtschaftliche Produkte wurden auch immer mehr zum Rohmaterial städtischer Verarbeitung, insbesondere Garn für Kleider, Gerste, Hopfen und Trauben für Wein und Bier, Heu und Futter für die Pferde der Städter und zunehmend der Ritter und Krieger.

2. Europas langsamer Wiederaufstieg zu Beginn des 2. Jahrtausends

Eine wichtige Aenderung, die eine Ueberproduktion der Landwirtschaft erst möglich machte, vor allem im nördlichen Europa, war das Ende der kleinen Eiszeit zum Beginn des 1. Jahrtausends, dazu die Erfindung des Tiefpflugs und der Dreifelderwirtschaft.

Die verstärkte Nutzung von Wasser und Windmühlen erhöhte die Energie die für industrielle Prozesse zur Verfügung stand, dies speziell in neuen Industrien wie der Zucker- und Papierproduktion. Die Wollverarbeitung begann sich international zu spezialisieren. Englische Wolle wurde nach Flandern exportiert, dort zu Stoff verarbeitet und in ganz Europa gehandelt. Die Seidenindustrie war im 12. JH entstanden und war bis zum 15. JH enorm gewachsen, vor allem in Südeuropa. Gewaltige Verbesserungen fanden statt betr. der Qualität von Zwirn und Stoff, insbesondere auch Farbe und Design. (Dieser Effekt führte etwa auch zu den riesigen Chemie- und Pharmaziewerken in Basel. Auch sie entstanden auf der wirtschaftlichen Basis: Farbstoffe für die Seidenfärberei.

Genua begann regulär Alaun zu verschiffen. Verbesserungen in Abbau von Erzen, Verarbeitung derselben und Metallurgie halfen mit, die Waffenproduktion in Europa zu verändern. Verbesserungen in der Navigation und beim Schiffsbau zwischen dem 11. und 15. JH unterstützten den zunehmenden Seehandel im Mittelmeer, Baltikum, zwischen den atlantischen Inseln (England, Irland) und der Nordwestküste Afrikas.

Es gelangen grosse Fortschritte im Bankwesen, der Buchhaltung, der Schifffahrtsversicherung, Verbesserungen im intellektuellen Leben durch die erst jetzt aufkommenden Universitäten, die Verbreitung humanistischen Gedankenguts und der Einführung der Druckerpresse.
In Europa war es vor allem

  1. Flandern, als Zentrum der Wollproduktion, des internationalen Bankhandels und Kommerzes in Nordeuropa
  2. die italienischen Stadtstaaten Florenz, Genua, Pisa, Mailand und Venedig.

Politische und rechtliche Institutionen entstanden die Eigentum garantierten wie die Durchsetzbarkeit von Verträgen. Im Bankwesen entwickelten sich bereits der Devisenhandel, Kreditmärkte, Buchhaltung, Aktienhandel und der Handel mit Regierungsanleihen.

2.1 Schifffahrt

Um das Jahr 1000 waren in Europa weder Schiffe noch die Navigation besser als zu Zeiten des Römischen Imperiums. Verbesserungen begannen erst mit Venedigs Arsenal und verbessertem Schiffsdesign. Die Einführung von Kompass (seit 1270 im Mittelmeerraum bekannt) und Sandglas zur Messung der Zeit halfen die Produktivität der Schifffahrt zu steigern.

Am Ende des 18. JH konnte ein Schiff die zehnfache Last einer venezischen Galeere aus dem 14. JH transportieren, dazu mit einer viel kleineren Besatzung. Die Sicherheit langer Seereisen wurde ebenfalls stark erhöht. Bei ihrer ersten Reise nach Asien hatten da Gama und Cabral die Hälfte der Schiffe + der Crew verloren. Magellan verlor sogar 90% seiner Besatzung auf der ersten Weltumsegelung. Cook hingegen erreichte 240 Jahr später schon fast den heutigen Standard.

Bis zum 15. JH war der Fortschritt in Europa in vielen Dingen abhängig vom Technologietransfer von Asien oder der Arabischen Welt. 1405-33 war die Ueberlegenheit der chinesischen Schifffahrt deutlich. Chinesische Schiffe waren viel grösser als die der Portugiesen, seetüchtiger, komfortabler, gesichert durch wasserdichte Schote: Sie waren mit mehr Kabinen ausgestattet, also komfortabler, also in der Lage, grosse Distanzen nach Afrika zu bewältigen. Danach allerdings, mit der Ming-Dynastie, wandte China der Welt-Wirtschaft den Rücken zu und seine maritime Technologie verkam. Gegen Ende des 17. JH führte Europa hier klar.

Im 16. und 17. JH änderte sich die Qualität westlicher Wissenschaften revolutionär mit Kopernikus, Erasmus, Bacon, Galilei, Hobbes, Descartes, Petty, Leibniz, Huyghens, Halley und Newton.

2.2 Venedig

Venedig spielte eine Schlüsselrolle zwischen 1000 und 1500 im Aufbau von Handelsmärkten in Europa (Flandern, Frankreich, Deutschland und Balkan) und im Mittelmeer. Es eröffnete den Handel mit chinesischen Produkten über Karawanenstrasse zu den Häfen am Schwarzen Meer. Es handelte mit indischen und anderen asiatischen Gütern über Syrien und Alexandria.

Die Stärke als Seefahrer war zu einem guten Teil auf verbesserte Techniken des Schiffsbaus im Arsenal (Dock) zurückzuführen, die Nutzung des Kompasses und anderer Verbesserungen der Navigation. Institutionelle Neuerungen, speziell die Entwicklung von Banken, Buchhaltung, Währungstausch und Kreditmarkt, die Schaffung eines liquiden Systems öffentlicher Finanzen, die Erschaffung kompetenter diplomatischer Dienste waren alle mit entscheidend für die führende Rolle Venedigs in dieser Epoche.

Es war Venedig gelungen, sich 1018 kommerzielle Privilegien von Byzanz zu sichern (keine Militärsteuer), als Gegenleistung für die Unterstützung der Seestreitkräfte. Umgekehrt spielte Venedig eine leitende Rolle dabei, als die Kreuzritter des 4. Kreuzzuges davon überzeugt wurden, es sei erst mal Konstantinopel zu erledigen, vor man an die Befreiung von Jerusalem denken könne, was zu einem der schlimmsten Raubzüge dieser Räuberbanden wurde.

Einerseits. Andererseits haben offenbar gerade die Kreuzzüge doch auch dazu geführt, dass man sich in Europa der arabischen Kultur bewusst wurde - und über die Araber auch erst wieder an die Schriften der Griechen gelangte.

Das türkische Mameluken-Regime konnte Syrien und Palästina 1291 erfolgreich zurückerobern und regierte in Aegypten bis 1517. Auch hier gelang es Venedig eine privilegierte Handelspartnerschaft einzugehen und einen Grossteil der asiatischen Gewürze zu übernehmen, die arabische Händler durch das Rote Meer (oder über Karawanenwege durch die arabische Halbinsel) nach Alexandria brachten. Zum Austausch verkauften die Venezier Metalle, Rüstungen, Wolle und Sklaven - Männer vom Balkan und aus Russland für die Armee, Frauen für die Harems. Als die ottomanischen Türken 1453 Konstantinopel eroberten, verhandelte Venedig rasch die Weiterführung seiner Handelsverträge. 1479 allerdings verschloss ihnen die Hohe Pforte den Bosporus als Zugang zum Schwarzen Meer, 1517 übernahmen sie selbst den Handel mit Gewürzen über Aegypten. Hier verlor Venedig, und nur Portugal vermochte, mit dem neuen Weg um Afrika herum, dieses Monopol zu umfahren, wenn auch ein bisschen teuer. Die per Schiff transportierten Mengen überstiegen allerdings von Anfang an die des traditionellen Handels über Land.

Eine zweite Handelsroute über den Brennerpass verband Venedig mit Augsburg, Nürnberg, Prag und Wien. Deutsche Händler brachten Metalle und Metallwaren (incl. Silber). Die Venezier verkauften diese entlang dem Po und im Mittelmeergebiet. 1318 wurde der Fondaco dei Tedeschi gebaut, um die Deutschen Händler standesgemäss unterzubringen. Mit dem Aufbau seines Handels, schuf Venedig ein Politische Imperium. 1171 hatte die Stadt 66'000 Einwohner und war damit eine der drei grössten in Westeuropa. Bis zum 16. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung auf 170'000.

Auch wenn der internationale Handel, Bankwesen, Schiffsbau und die damit verbundenen Geschäfte mit Holz, Zimmerei, Seilerei die wichtigsten Wirtschaftssektoren Venedigs waren, so gab es doch auch Manufakturen von beträchtlicher Grösse die Güter für lokalen Gebrauch und Export erzeugten, wie insbesondere Kristall- und anderes Glas (Murano), Goldschmiedearbeiten, Mosaike, Holzschnitzereien und gestaltende Kunst.

Der Handel mit Asien in Rohseide und Seidenprodukten führte zu teilweiser Substitution in Europa (Wolle). Die Seideproduktion hatte sich von China nach Indien und Syrien ausgebreitet und Italien im 12. JH. erreicht - zuerst Lucca, dann Venedig, Florenz, Genua, Mailand und Bologna, später Lyon in Frankreich. Innerhalb der arabischen Welt hatte sie sich ebenfalls in Spanien verbreitet. Venedig produzierte und verarbeitete Seide seit dem 13. Jahrhundert. Die Regierung Venedigs regulierte die Produktion um die Qualität zu garantieren, Wettbewerber fernzuhalten und das Risiko von Industriespionage zu reduzieren. Die venezische Produktion von Seide, Satin und Velvet war von höchster Qualität, und der Design eine Mischung aus einheimischer Kreativität und orientalischem Einfluss.

Ein weiteres wichtiges Gebiet war die Herstellung von Büchern. Im 9. und 10. JH schufen Schreiber und Maler meist heilige Bücher in den Schreibstuben der Klöster. Weniger als 15 Jahre nach Gutenberg's Erfindung des Buchdrucks brachten Immigranten diese Technik bereits nach Venedig, das rasch zum wichtigsten und grössten typographischen Zentrum in Europa wurde.

Ein weiteres bedeutendes Produkt war Zucker. Venedig legte Pflanzungen an und Produktionsanlagen, mit Sklavenarbeit auf Kreta und Zypern, wo Techniken aus Syrien verwendet wurden. Diese Praxis, inklusive der Sklaverei, wurde später von den Portugiesen in Madeira und Brasilien kopiert, von Spaniern und Franzosen im gesamten Karibik.

2.3 Portugal

Portugal entwand sich arabischer Herrschaft 1147, als die Rückeroberung Lissabons gelang und 1249, als die volle Souveränität wieder hergestellt werden konnte über ein Land, das in etwa dem heutigen Portugal entspricht. Die politische Struktur war eine ganz andere als in Venedig. Seine Rückeroberung verdankte es militärisch organisierten Kreuzrittern. Die militärische Aristokratie und die Kirche wurden zu den wichtigsten Grundeigentümern. In Portugal und Spanien waren die Interessen von Kirche und Staat also immer eng verknüpft. (Man sollte es also nicht all zu sehr übertreiben, wenn man dem Islam fehlende Trennung zwischen Staat und Kirche vorwirft, fehlende Säkularisierung. Die setzte sich bei uns auch erst im 19. JH durch, zum Teil gewaltsam.)

Tiefseefischer fangen einen beträchtlichen Teil der portugiesischen Nahrungsmittel und verfügten über ein einzigartiges Wissen über atlantische Winde, Wetter und Gezeiten.

Ein weiterer Vorteil war Portugals Fähigkeit, "neue Christen" - jüdische Händler und Gelehrte - zu absorbieren, die unter der muslimischen Herrschaft eine wichtige Rolle gespielt hatten.

Ein vierter wichtiger Einfluss auf portugiesische Handelsinteressen war die "Erbschaft" der Sklaverei. (Na ja, nett, wenn man das den Arabern unterjubeln kann. Oder haben sie's von den Griechen und Römern geerbt?). Etwa 10% der Bevölkerung Lissabons waren Berber oder schwarze Sklaven. Sie wurden als Arbeitskräfte in den Zuckerplantagen und Zuckermühlen eingesetzt die Portugal auf Madeira und São Tomé betrieb.

Die Technik wurde modernisiert. An Stelle eines Steines der, um das Zentrum sich drehend, zerhackte Stücke ausquetschte, traten zwei Zylinder, zwischen denen das Zuckerrohr ausgequetscht wurde. Es musste so nicht mehr zerhackt werden und brachte erst noch eine bessere Ausbeute. Diese Pressen wurden mit Tieren, Wasser, oder, selten, von Hand angetrieben. Um 1500 war die Produktion in Madeira 6 x grösser als die in Zypern. Madeira lieferte zudem Holz, Wein und Weizen.

Zwischen 1450 und 1600 wurden etwa 175'000 Sklaven nach Portugal und seinen Atlantikinseln verschifft. Mit der positiven Entwicklung des Handels begaben sich die Portugiesen später selbst auf Sklavenfang in Angola. Die Krone baute um 1480 sogar das Sklavenhaus (Casa de Escravos). Dieser Handel war profitabel und nahm gegen Ende des 16. und im 17. Jahrhundert stark zu, als Portugal begann, Sklaven nach Brasilien zu verschiffen. Sie transportierten auch die meisten Sklaven für Spanien, gemäss Vertrag. Der Papst hatte diesen Handel 1455 mit der Bulle Romanus Pontifex legalisiert, weil damit eine missionarische Tätigkeit verbunden war. Zwischen 1500 und 1870 wurden 9.4 Millionen Sklaven nach den Amerikas verschifft, 4.5 Millionen durch Portugal.

2.3.1 Portugals Weg nach Indien

Mit der Entdeckung der Navigation entlang der Afrikanischen Küste, baute Portugal Siedlungen auf zwei weiteren Inseln. Kap Verde wurde 1460 besiedelt und wurde zum Handelsposten des Sklavenhandels. São Tomé und Principe (in der Bucht von Guinea) wurden 1480 besiedelt. Die Zuckerproduktion ersetzte bis 1550 diejenige von Madeira. 1482 wurde die Festung Elmina im heutigen Ghana gebaut, als Zentrum des Goldhandels. Gold wurde bald zur wichtigsten Einkommensquelle für die Krone Portugals. Westafrika produzierte zwischen 1471 und 1500 17 Tonnen davon, die Portugal halfen, die Entdeckungsreisen um das Kap der Guten Hoffnung (alias Kap der Stürme) zu finanzieren.

Die Idee, um Afrika herum nach Indien zu gelangen war nicht neu. 1291 hatten es die Vivaldi-Brüder von Genua aus versucht, verschwanden aber dabei. Am Ende des 15. Jahrhunderts war klar, dass ein solcher Versuch teuer und gefährlich sei. Da aber die Handelsroute Venedigs über Aegypten und Syrien in Gefahr war, würde eine solche Alternative äusserst lohnend.

Diogo Câo (1482–4) und Bartolomeu Dias (1487–8) leisteten Erkundungsarbeit. Câo fand die Mündung des Kongo, Dias gelang es, 1000 km östlich des Kaps zu erreichen, indem er sich weiter von der Küste entfernte und die dort besseren Winde nutzte. Er segelte in 18 Monaten 13'000 km, erwischte bei der Rückreise günstigere Winde vom Kap bis zu den Azoren.

Portugal führte auch Erkundungen aus zu Lande. Pero da Covilhã, bereits als Spion eingesetzt in Spanien und Marokko, sprach fliessend Arabisch und konnte als Moslem durchgehen. Er reiste via Barcelona, Neapel und Rhodos nach Alexandria, von dort mit einer Karawane ans Rote Meer, wo er ein Schiff nach Aden und Calicut (Kerala) nahm. Calicut war damals der grösste Handelsplatz in Indien für Gewürze, da diese in seinem Hinterland produziert wurden. Er lernte im Detail die Westküste Indiens wie auch Ostafrika kennen, bis zum Hafen von Sofala. Sein Bericht ging 1490 über den Botschafter in Kairo nach Portugal, und der besuchte Hormuz, das Zentrum für Gewürzhandel im Persischen Golf.

Das Wirtschaftsleben Ostafrikas war weit besser entwickelt als in Westafrika. In den Küstenstädten waren Händler vieler Nationen niedergelassen: Araber, Inder von Gujarat und Malabar, Perser, die Seide, Gewürze und chinesisches Porzellan importierten, Baumwolle, Holz und Gold exportierten. Sie verfügten über erfahrene Kapitäne, die sich mit den Monsunwinden im Indischen Ozean auskannten. Ihre Schiffe waren robust, ohne Nägel, mit Seilen aus Kokosbast von Südindien und Ceylon zusammengebunden. Die lokale Bevölkerung war eine Mischung aus Afrikanern und Arabern, die Arabisch und Suaheli sprach, Baumwolle trug und geprägte Münzen als Zahlungsmittel verwendeten.

Die Portugiesen waren so wohl informiert über Bedingungen in Indien und Ostafrika, auch Bedingungen der Navigation im Atlantik, bevor sie Vasco da Gama den Auftrag für seine Reise von 1497-99 erteilten. Sie hatten also eine Möglichkeit, die Columbus verwehrt war: Erst mal zu Fuss zu erkunden, ob man da nicht über den Rand der Welt falle.

Vasco da Gama (1469-1524): Auf der zweijährigen Reise hatte er die Hälfte der Schiffe und ihrer Besatzung verloren, und wenig an Gütern nach Hause gebracht. Dennoch war es ihm gelungen, die Schiffbarkeit dieser Route zu beweisen, neue Goldquellen in Ostafrika zu finden, und festzustellen, dass es keine Hochseeflotte gab in Indien, die dem Vorhaben der Portugiesen hätte gefährlich werden können. Ebenfalls brachte er die Kunde, dass es in Kerala Christen gäbe.

Diese Neuigkeiten wurden in Lissabon mit Begeisterung aufgenommen. Bereits 1500 erhielt Pedro Cabral das Kommando über 12 Schiffe und 1000 Mann Besatzung um die Route zu sichern, Güter nach Hause zu bringen und einen Handelsposten an der Küste von Kerala zu etablieren. Daran, an Kosten wie Gewinnen der Reise, beteiligten sich private Geldgeber recht stark.

Um die Passatwinde zu nutzen und den widrigen Strömungen und Windverhältnisse an der westafrikanischen Küste zu entgehen, ließ Cabral bei den Kapverdischen Inseln die Schiffe in einem weiten Bogen nach Westen ausschwenken. Der Äquatorialstrom des Atlantik trieb seine Flotte zur Küste eines bis dahin unbekannten Landes: Brasilien. Cabral landete nördlich der heutigen Stadt Porto Seguro im Bundesstaat Bahia, nahm das Land am 22. April 1500 für die portugiesische Krone in Besitz.
Er verfolgte aber sein eigentliches Ziel dennoch weiter. In Indien stiess er auf Widerstand, da die Araber ihr Monopol im Gewürzhandel bedroht sahen. Dieses Problem wurde, wie das damals so üblich war, mit Kanonen gelöst. Mit einer reichen Fracht an Gewürzen und anderen indischen Waren kehrte Cabral am 16. Januar 1501 nach Europa zurück. Am 23. Juni 1501 erreichte Cabral mit nur noch vier Schiffen, also 1/3, Lissabon.

Da Gama wurde im Februar 2002 ebenfalls auf eine zweite Reise nach Indien geschickt mit einer Flotte von 20 Schiffen. Er ankerte seine Schiffe gegenüber Calicut, verlangte, dass die Muslime aus der Stadt verwiesen würden (4000 Familien immerhin), und begegnete der Absage des Herrschers mit einer Bombardierung.  Im Oktober 1503 war er zurück in Lissabon mit 13 Schiffen und 1700 Tonnen an Gewürzen, also der selben Menge die Venedig zuvor in einem ganzen Jahr importiert hatte.

Was Portugal nicht gelang, war die Einrichtung einer Festung im Roten Meer. Aden wurde 1538 von den Türken besetzt (1839 durch die Briten) und die alte arabische Handelsroute nach Aegypten wurde Mitte des 16. JH wieder eröffnet.

Die Bevölkerung Asiens (284 Millionen) war um 1500 5 x grösser als die von Westeuropa (57 Millionen). Dieses Verhältnis war um 1600 immer noch das selbe.

Das portugiesische Handelsnetz war allerdings etwas anders, in zwei Beziehungen. Es bestand aus stark befestigten Basen. verbunden durch eine Flotte bewaffneter Schiffe. Die Marktkräfte wurden also durch nackte Gewalt etwas korrigiert. Anders als die Asiaten oder auch spätere europäische Handelsgesellschaften betrieben die Portugiesen auch intensive Bekehrung der Heiden zum Christentum.

Zum Zentrum wurde der ehemals arabische Hafen von Goa, der für 460 Jahre zur Kolonie wurde.

2.3.2 Portugal & die Portugiesen in Brasilien

Portugal spielte die Hauptrolle bei der Erschliessung atlantischer Inseln und Siedlungen für den Europäischen Handel, in der Entwicklung von Handelsrouten um Afrika herum in den Indischen Ozean, nach China und Japan. Es wurde für das ganze 16. Jahrhundert zum wichtigsten Transporteur Europas für Gewürze, übernahm als die Rolle Venedigs. Wie oben geschildert entdeckten seine Navigatoren, präziser Pedro Cabral, Brasilien eher zufällig, als sie auf dem Weg ans Kap Horn bessere Winde im Westen suchten.

Als die Portugiesen um 1500 Brasilien entdeckten, war ihre Ausgangslage für die Kolonialisierung ziemlich anders als die von Spanien in Mexiko und Peru. Es bestand keine fortschrittliche Zivilisation mit Bergen von Edelmetallen die man plündern konnte, es bestand auch keine soziale Disziplin, über die man Steuern oder andere Abgaben hätte auspressen können. Die Eingeborenen Brasiliens waren Jäger und Sammler, auf dem Weg zur Landwirtschaft. Sie bauten etwa Manioc an - in Brandkultur. Die Bevölkerungsdichte war also sehr tief. Es gab weder Städte noch Haustiere, sondern der Lebensstil entsprach eher der Steinzeit, Jagd und Fischerei, Nacktheit, Analphabetismus, keine Volkszählung. (Was für eine Schande ...). Während der ersten 100 Jahre der Besiedlung wurde klar, dass es schwierig würde, die Indianer als Sklaven zu verwenden. Sie waren nicht fügsam, zeigten eine hohe Sterblichkeit in Kontakt mit den westlichen Krankheiten und konnten leicht fliehen und sich verbergen. So verlegte sich Portugal auf den Import von Sklaven aus Afrika für die Handarbeit. Das Schicksal der Eingeborenen war aber das selbe wie das der Indianer in Nordamerika. Sie wurden vor der "Zivilisation" her getrieben, vertrieben. Der einzige Unterschied war die stärkere Vermischung mit weissen Eroberern und schwarzen Sklaven.

Der Zuckerexport Brasiliens erreicht seinen Höhepunkt 1650. Der Rückgang gegen Ende des Jahrhunderts warf den Nordosten zurück auf Subsistenzniveau. 1690 wurde Gold, 1720 Diamanten gefunden im Süden, Minas Gerais. Diese neuen Möglichkeiten führten zu einer starken Immigration aus Europa, wie aus dem Nordosten Brasiliens.

Die Goldindustrie erreichte ihre Kulmination um 1750, mit einer Produktion von rund 15 Tonnen pro Jahr. Danach geriet die königliche Kasse Portugals in Schieflage. Auch die Einkommen aus Asien waren eingebrochen, und Portugal musste die Wiederherstellung Lissabons nach dem Erdbeben von 1755 finanzieren. Zur Lösung dieses Problems warf Premierminister Pombal die Jesuiten aus Brasilien raus und konfiszierte ihre Besitztümer für die Krone.

Zur Zeit der Unabhängigkeit (1822) waren die wichtigsten Exportgüter Brasiliens Baumwolle, Zucker und Kaffee. Die Kaffeeproduktion begann mit dem 19. JH, als die Sklavenrevolution die Produktion in Haiti beendete. Kaffee wurde im Südosten angebaut, Zucker und Baumwolle im Nordosten.

Am Ende der Kolonialzeit bestand die Hälfte der Bevölkerung aus Sklaven. Sie arbeiteten sich normalerweise zu Tode. Als Nahrung erhielten sie Bohnen und gehacktes oder zerstampftes Fleisch (spam). Ein kleiner Teil der privilegierten Weissen genoss hohe Einkommen, die Mehrheit aber war arm. Landeigentum besassen meist bloss die Eigentümer der Sklaven, womit Eigentum eh sehr ungleich verteilt war. Die ärmste Gegend war Minas Gerais im Nordosten, die florierendste um die neue Hauptstadt, Rio de Janeiro.

Nach den Napoleonischen Kriegen in Europa trennten sich die zwei Länder ohne viel Feindschaft. Brasilien wurde unabhängig, der Sohn des portugiesischen Königs König Brasiliens.

1833 schaffte Grossbritannien die Sklaverei in Westindien ab und behinderte den Sklaventransport aktiv. Zwischen 1840 und 1851 wurden noch 370'000 Sklaven nach Brasilien verschifft, danach setzte die Britische Navy dem ein Ende. Die Sklaverei dauerte weitere 40 Jahre, aber die Wirtschaft änderte sich etwas. Der Preis der Sklaven hatte sich verdoppelt, was einen frühen Tod unprofitabel machte. 1888 wurde die Sklavenhaltung ohne Entschädigung für Halter oder Sklaven verboten. Zu dieser Zeit waren noch 7% der Bevölkerung Sklaven (13% in den USA 1860). 1889 wurde der König gestürzt und eine oligarche Republik entstand.

Die staatliche Regierung subventionierte die Immigration (meist von Italienern) noch weitgehend zwischen 1880 und 1928. Um 1920 war dann die Mehrheit der Immigranten Japaner.

Die Ungleichheit in Einkommen, Vermögen, Erziehung und wirtschaftlichen Möglichkeiten ist heute noch sehr breit in Brasilien, breiter als in Asien, Europa oder Nordamerika. Die Vernachlässigung der Erziehung behinderte lange den wirtschaftlichen Fortschritt. Auch regional findet sich ein Einkommensunterschied vom Faktor 7 zwischen Piaui als ärmster Gegend und der Hauptstadt. Aehnlich grosse Unterschiede gibt es nur noch in Mexiko und China.

Umgekehrt gehen soziale Aenderungen in Brasilien meist relativ friedlich über die Bühne. Dies war so bei Beginn und Ende der Diktatur von Vargas (1930-45) wie auch für die Militärdiktatur von 1964-85.

Diese Kombination von gleitendem politischem Umbau, der Freiheit von ausländischen Konflikten und die relative Leichtigkeit sozialer Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen ergab einen kosmopolitischen Mix aus portugiesischen Siedlern, afrikanischen Sklaven, italienischen, deutschen, japanischen, libanesischen (und Schweizer) Migranten. Brasilien ist ein Frontland mit viel Selbstvertrauen, ohne Ausbeutung durch Nachbarn. Es ist eine leichter gestrickte Föderation als in vielen grossen Ländern und verfügt über ein multipolares intellektuelles Leben.

Südamerika / Lateinamerika generell

Lateinamerika verfügte über eine weitaus grössere einheimische Bevölkerung - die als Unterklasse behandelt wurde und weder Zugang zu Land noch zu Bildung besass. Nach der Unabhängigkeit der einzelnen Länder änderte sich die soziale Ordnung in den meisten massiv. Der Anstieg des BIP pro Kopf war deutlich geringer als in Nordamerika, aber schneller als in Asien oder Afrika.

Die grösste Anziehunskraft der Amerikas waren die reichen Silberminen in Mexiko und Peru, wie später auch die Möglichkeit, landwirtschaftliche Plantagen mit importierten Sklaven zu betreiben.

Das volle wirtschaftliche Potential der Amerikas wurde erst realisiert im 19. JH mit der massiven europäischen Immigration und der Erschliessung des Westens mit der Eisenbahn.

Seit 1820 wächst die Lateinamerikanische Bevölkerung rascher als Westeuropa. Dies liegt vor allem an der höheren Geburtenrate, später unterstützt durch die Reduktion der Sterblichkeit, die nie ganz so weit ging wie in Europa. Die Einwanderung hat substantiell zum Unterschied vor 1913 beigetragen, ist seither aber von wenig Bedeutung.

In den USA und Kanada begann die europäische Besiedelung im 17. JH und nahm rapide zu im 18., in dem auch der Import von Sklaven bedeutend wurde. Die einheimische Bevölkerung wurde getötet oder aus dem Umfeld europäischer Siedlungen entfernt. Um 1700 waren noch 3/4 der Bevölkerung einheimisch - 1820 nur 3%.

In den USA betrug die Lebenserwartung von Sklaven mit 35.5 Jahren deutlich mehr als in der Karibik (18 Jahre), lag aber immer noch deutlich unter der der US-Bevölkerung (40.4 / 27 in der Karibik)

2.4 Holland/Niederlande

Seit dem 12. JH waren Flandern und Brabant die prosperierendsten Regionen Nordeuropas. Ihre grössten Städte (Brügge, Gent und Ypern - heute (noch) in Belgien) waren die grössten Zentren der Wollindustrie, aber auch der Teppiche, Wandbezüge und Möbel, welche in ganz Europa verkauft wurden. Das Rohmaterial wurde durch Import beschafft, Wolle von England, Alaun (ein unentbehrliches Reinigungsmittel der Tuchindustrie) brachten genueser Händler aus Chios.

Zwischen 1400 und 1700 wuchs das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt Hollands stärker als in irgend einem andern Land in Europa, von 1600 bis 1820 lag Holland damit an der Spitze.

Flandern war bereits stark urbanisiert und importierte den Grossteil der Nahrungsmittel. Grosse Mengen an Getreide (Weizen und Gerste aus Frankreich und England, Hafer aus dem Baltikum), Fisch vom Baltikum und Holland, Wein aus Frankreich.

Flandern hatte auch Zugang zum Konsortium der deutschen Händler, der Hanseatischen Liga.

Antwerpen hatte einen prächtigen Hafen an der Mündung der Schelde, und einen eher kommerziellen, wenig regulierten Ansatz. Es war das wichtigste Zentrum Nordeuropas für internationale Bankgeschäfte und Darlehen für fremde Mächte.

Schifffahrt und Handel waren zuvor durch die Hanse monopolisiert worden, die ihr Geschäftszentrum in Lübeck, ihre wirtschaftliche Basis in London, Brügge etc. hatte.

Die Kontrolle des Wassers spielte eine wichtige Rolle in der landwirtschaftlichen Entwicklung Hollands. Sümpfe, Moore, tief liegendes Land das oft überflutet wurde waren in ihrem Naturzustand wenig attraktiv. Landwirtschaftliche Siedlungen im Mittelalter etablierten sich auf Hügeln und machten Polder daraus, indem sie Dämme bauten, um die Flut fernzuhalten. Mit der Zeit stieg das Geschick im Management von Wasser und grosse Landflächen wurden trocken gelegt. Zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts wurde das Management und Engineering der Wasserstände Fachleuten übergeben, die für Entwicklung und Unterhalt der Anlagen verantwortlich waren. Die landwirtschaftlichen Gemeinschaften erhoben Steuern und stellten die Finanzierung bereit. Windmühlen wurden als Energiequelle für Pumpen genutzt die den Wasserstand in den Kanälen kontrollierten.

Die Eroberung der Natur hatte wichtige soziale Folgen. Nur ein geringer Teil der holländischen Bevölkerung wurde durch feudale Abhängigkeiten beschränkt. Die Bauern waren freier als irgendwo sonst in Europa (wer an die Schweiz denkt, sollte nicht vergessen, dass der Grossteil der Bauern bis zur Französischen Revolution in den sog. "gemeinen Herrschaften" (Aargau, Waadt), lebte, oder als Landschaft unter der väterlichen Obhut der Stadtherren (Baselland, Zürich-Land, also Untertanen waren. Einige waren Bodenbestitzer, einige bezahlten Pacht oder arbeiteten für Lohn. Die Abhängigkeit von der Wasserregulierung schuf eine solidarische Einstellung, die in der holländischen Gesellschaft immer noch zu beobachten ist.

Die holländische Landwirtschaft entwickelten einen hohen Grad an Spezialisierung. Getreide wurde importiert, die landwirtschaftliche Produktion konzentrierte sich also auf höherwertiges, auf Fleisch, Milch, Butter und Käse. Zwei Strukturen waren darum hier auch früher entwickelt worden als sonstwo in Europa:

  1. Stallfütterung im Winter
  2. Grossproduktion von Gemüse

Mitte des 17. JH wurde der Transport von Torf, Heu, Weizen, Vieh, Holz, Baumaterial und anderer schwerer Fracht um einiges billiger, weil nun überall im Land Kanäle mit einem Leinpfad vorhanden waren, mittels dessen die Schiffe mit Pferden durch die Landschaft gezogen werden konnten.

Zur Zeit als Portugal Pionierleistungen erbrachte im Aufbau weltweiter Verbindungen, fand eine enorme Verstärkung des Handels in Nordeuropa statt, durch die Holländische Seefahrt. Um 1570 war die Transportkapazität der Holländischen Handelsschiffe eben so hoch wie die der gesamten Flotten von England, Frankreich und Deutschland zusammengenommen. Pro Kopf war sie 25 mal grösser als in jedem dieser Länder.

Bis 1580 war Holland Teil einer grösseren politischen Einheit. Diese umfasste auch Flandern und Brabant, die wirtschaftlich am höchsten entwickelten industriellen Regionen Europas und zugleich Zentrum für Banken, Finanzen und internationalen Handel, also ein nördlicher Gegenpart zu Venedig. Die ganze Region war unter Kontrolle von Burgund bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. Nach dem Sieg der Schweizer über Karl den Kühnen (Nancy 1477, Burgunderkriege) heiratete Karls Tochter und Alleinerbin, Maria von Burgund, 1477 den späteren römisch-deutschen Kaiser Maximilian von Habsburg. Der französische König Ludwig XI. erklärte daraufhin das Herzogtum Burgund, das Mâconnais, das Auxerrois und das Charolais zu heimgefallenen Lehen und besetzte die Gebiete. Maximilians Versuche, die Gebiete militärisch zurückzugewinnen (1513 z.B. wurde Dijon durch kaiserliche Truppen belagert), blieben letztlich erfolglos.

1568-1648, im 80-jährigen Krieg, befreite sich Holland von der spanischen Herrschaft. Die sieben nördlichen Provinzen konstituierten sich durch die Utrechter Union (Januar 1579) als protestantische Republik, die sich 1581 als Republik der Sieben Vereinigten Provinzen endgültig für unabhängig erklärte. Die Herrschaft der Spanier über den Süden, der dem Katholizismus treu geblieben war, wurde dabei durch die Eroberung Antwerpens (17. August 1585) auf Dauer gefestigt.

Die grösste Industrie zur Zeit der Unabhängigkeit war der Schiffsbau, die Seildreherei, Netzproduktion, Fassbau, Salzrafinerie, Brauerei, Ziegelei, Zimmerei und eine substantielle Woll- und Leinenindustrie.

Als Folge davon trat entwickelte sich eine starke Migration von Flandern und Brabant in die neue Republik. Zwischen 1583 und 1589 fiel die Bevölkerungszahl von Antwerpen von 84'000 auf 42'000. Brügge und Gent erlitten den selben Exodus. In Mechelen fiel die Bevölkerungszahl sogar um 2/3.

Unter diesen Migranten befanden sich viele Händler und Bankiers der südlichen Niederlande (heute Belgien). Einige zogen allerdings nach Deutschland weiter.

Zwischen 1585 und 1795 blockierte Holland erfolgreich die Mündung der Schelde, womit Antwerpen ruiniert war, und die Spanischen Niederlande in ihrem wirtschaftlichen Entwicklung schwer behindert. Im Verlauf des 17. JH nahm das militärische Potential Spaniens deutlich ab. Holland hatte jedoch kein Interesse, diese südlichen Niederlande zu erobern, da sie ein Puffer gegenüber Frankreich bildeten.

Die britische und französische Schifffahrt, wie Handel und Industrie, wuchsen schneller als in Holland. Beide Länder setzten auf Protektionismus, der holländischen Interessen abträglich war. Bedeutend war hier der British Navigation Acts von 1651 und ähnliche französische Erlasse.

Für das ganze 17. und den grössten Teil des 18. JH anerkannten britische Oekonomen die Ueberlegenheit Holländischer Politik und Aktion. William Pettys Pionierarbeit über politische Arithmetik, geschrieben 1676, publiziert 1690 war die gründlichste Analyse. Er demonstrierte, dass ein kleines Land und Volk den selben Wohlstand und die selbe Macht erreichen kann wie viel grössere Völker und Länder. Er lieferte einen Vorgeschmack auf die Ueberlegungen von Adam Smith und Douglass North, die den wirtschaftlichen Erfolg von Frankreich und Holland verglichen.

Die Bevölkerung Frankreichs war mehr als 10 mal so gross wie die der vereinten Provinzen, aber die holländische Flotte neun man grösser als die französische, sein Aussenhandel vier mal grösser, seine Zinsen halb so hoch, seine Währungsreserven riesig, die von Frankreich vernachlässigbar.

Zu den wirtschaftlich günstigen Faktoren (Konzentration auf hochproduktive Sektoren, gute Häfen und Wasserstrassen, also günstige Transporte, günstige Dienstleistungen des Staates, kam die religiöse Toleranz die Immigration von gebildeten Flüchtlingen erleichterte.

> Hier ist doch eine Bemerkung angebracht. Präzise das Selbe galt für die Schweiz während und nach der Hugenottenkriege, ebenfalls während des gesamten 19. JH, als die Schweiz wirklich liberal wurde, die meisten Länder sich jedoch in Nationalismus suhlten. Heute scheinen Holland wie die Schweiz diese verpasste Chance doch noch nachholen zu wollen. Die Fremdenfeindlichkeit der SVP steht der von Wilders kaum nach.

Auch in Holland waren die Eigentumsrechte garantiert, Transfer von Immobilien durch Kataster gesichert. Ein effizientes Rechtssystem und gesundes Bankensystem stärkte wirtschaftliche Unternehmen. Die Steuern wurden erhoben, aber auf Ausgaben statt auf Einkommen. Dies begünstigte Sparsamkeit, Bescheidenheit und harte Arbeit. Die Holländer waren damit ein Modell für wirtschaftliche Effizienz - gerade auch für die Briten.

Bereits um 1700 waren nur noch 40% der Holländer in der Landwirtschaft tätig.

Nach dem Aussterben der spanischen Linie der Habsburger und dem daraus resultierenden Spanischen Erbfolgekrieg kamen die bis dahin Spanischen Niederlande an die österreichische Linie des Hauses. So entstanden 1714 die Österreichischen Niederlande. Erst 1830 wurde aus diesem südlichen Teil der Niederlande das unabhängige Belgien, in dem sich, im Dauerstreit, Süd-Flandern und Süd-Brabant zu vereinigen such(t)en. Der katholische Glaube reicht heute offenbar nicht mehr zur Stiftung der notwendigen Einheit zwischen dem französischen und flämischen Teil.

Im 18. JH hingegen ging die Vorherrschaft an England und Frankreich verloren, an England, weil dieses die Weltmeere dominierte, an Frankreich, weil es die liberale Wirtschaft der Niederland durch seinen staatszentrierten Merkantilismus bedrängte (s. auch Holländischer Krieg)

2.4.1 Warum Belgien der Zusammenhalt fehlt:

Nach dem Tod des letzten burgundischen Herrschers Karl der Kühne in der Schlacht bei Nancy 1477 wurden seine Besitzungen zwischen dem habsburgischen Erzherzog Maximilian von Österreich, dem späteren Kaiser Maximilian I. und König Ludwig XI. von Frankreich aufgeteilt. Flandern kam dabei unter die Herrschaft der Habsburger und wurde Teil des Heiligen Römischen Reichs. Nach dem Tod Karls V. wurden die gesamten ehemaligen burgundischen Besitzungen einschließlich Flandern den spanischen Habsburgern zugesprochen. Diese versuchten mit Gewalt, den sich ausbreitenden Protestantismus zu unterdrücken. Deswegen, und auch wegen der Einschränkung der alten Freiheiten kam es zum Aufstand der niederländischen Provinzen gegen Spanien. Die Provinzen der Utrechter Union sagten sich 1579 von Spanien los und konnten ihre Unabhängigkeit im sogenannten Achtzigjährigen Krieg erkämpfen. Im Westfälischen Frieden 1648 wurde die Unabhängigkeit der (nördlichen) Niederlande international bestätigt, während Flandern mit den südlichen Provinzen unter spanischer Herrschaft verblieb. (Damals erhielt auch die Schweiz ihre Unabhängigkeit vom Deutschen Reich bestätigt, dank der privat finanzierten Anstrengungen des Basler Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein.) In den Kriegen mit Ludwig XIV. von Frankreich musste Spanien südliche Teile seiner Besitzungen an Frankreich abtreten (u. a. das Artois) und es bildete sich in etwa der heutige Grenzverlauf zwischen Belgien und Frankreich heraus. Nach dem Aussterben der spanischen Habsburger und dem Spanischen Erbfolgekrieg kam Flandern mit den anderen ehemals spanischen Provinzen im Frieden von Utrecht 1713 unter österreichisch-habsburgische Herrschaft und verblieb dort, bis es im Rahmen der Französischen Revolutionskriege 1794 von Frankreich erobert wurde. Auf dem Wiener Kongress 1815 wurde das Vereinigte Königreich der Niederlande geschaffen, das das heutige Belgien und die Niederlande umfasste. In der Belgischen Revolution von 1830 spaltete sich der Südteil jedoch ab und das Königreich Belgien wurde gegründet. Seitdem teilt Flandern die Geschichte Belgiens.

Die Universität von Leiden war 1575 gegründet worden. Es folgten Franeker (1585), Harderwijk (1600), Groningen (1614) und Utrecht (1634).

In der erste Hälfte des 17. JH war eindeutig die Holländische Armee dominant, gegen Ende des Jahrhunderts, insbesondere für das 18. und den Beginn des 19. JH waren dann Frankreich und Russland die dominanten Mächte.

Die Holländer waren sehr gut informiert über die Chancen des Asienhandels, da viele auf portugiesischen Schiffen gedient hatten.

Es gab frühe Versuche, Handelsbeziehungen mit China und Japan einzugehen, die für Portugal so lukrativ waren. Anders als die Portugiesen hatten die Holländer aber keinen Drang, andere Völker zu bekehren. Sie waren so die ersten Ausländer, die zwischen 1639 und 1853 in Japan Handel treiben durften. Nach 1641 wurden sie allerdings beschränkt auf eine sehr kleine Insel (Deshima) im Hafen von Nagasaki. Nach einigen Jahrzehnten brachte dieser Handel keinen Profit mehr, da Japan den Handel von wertvollen Metallen verboten hatte und darauf bestand, die Preise festzulegen, zu denen die Holländer ihre Güter verkaufen durften. Es gab also keine Gelegenheit zur Ausbeutung durch die Holländer, die Japaner waren viel mehr daran interessiert, westliche Technologien kennen zu lernen.

Gegen die zweite Hälfte des 17. JH wuchs der Europäische Bedarf an Kaffee stark an. Das erste Kaffeehaus in London eröffnete 1652. Das Getränk wurde populär in Frankreich um 1660, in Holland zehn Jahre später (Modewellen gab es also bereits damals).

Die Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) begann im frühen 18. JH Kaffee zu kaufen in Jemen: 300 Tonnen 1711, 875 Tonnen 1720. Dann transportierte sie Kaffeepflanzen nach Java, wo die Produktion um 1720 begann und etwa 2000 Tonnen erreichte..

Der neue Geschmack für Kaffee und Tee führte zu einem stark zunehmenden Zuckerkonsum - ersetzte aber Bier und Gin in England ebenso wie in den Niederlanden.

Nach 1815 wurde Indonesien Kolonie des Holländischen Königreiches.

IndonesischeVölker und ihr jeweiliges BSP






Indonesier Chinesen/andereAsiaten Europäer

Population Pro Kopf Einkommen Population Pro Kopf Einkommen Population Pro Kopf Einkommen
1700 13015 47 80 156 7.5 1245
1820 17829 49 90 193 8.3 2339
1870 28594 50 279 187 49 2163
1913 49066 64 739 240 129 3389
1929 58297 78 1334 301 232 4017

2.5 Grossbritannien

2.5.1 Die normannische-angevinische (Plantagenet) Regierungszeit 1066-1485

Zwischen 1000 und 1500 wuchs die britische Bevölkerung weniger stark als das westeuropäische Mittel, was nach aller Wahrscheinlichkeit auf für das Pro-Kopf-Einkommen zutrifft. Das Einkommensniveau 1500 war deutlich tiefer als in Italien, Flandern und Brabant, die damals in Europa führend waren.

Vom 11 bis zur Mitte des 15. JH war die britisch nationale Identität zweideutig. Die Monarchie und die herrschende Elite waren anglo-französische Kriegsherren die sich ihre Einkünfte durch Eroberungen in England und Frankreich verschafften. Die Ressourcen die der Staat mobilisieren konnte stammten von feudalen Vasallen und deren bäuerlichen Untertanen. Eine unterwürfige Kirche stützte ihre politische Legitimität und wirkte als soziale Kontrolle. William der Eroberer setzte seinen Freund Lafranc als Erzbischof von Canterbury ein und Normannen in die anderen Bischoftümer. 1170, als Henry II Probleme mit Erzbischof Becket hatte, liess er ihn einfach ermorden. Die grösste Investition der Regierung waren befestigte Schlösser (wie Carnavaron und Harlech, zur Sicherung der walisischen Eroberungen), oder imposante Kathedralen und Abteien (wie die Abbaye des Hommes, das Grab des Eroberers, die  Abbaye des Dames, und das Grab seiner Frau in Caen). Der Erwerb von Land und Beute in Frankreich wurde verfolgt durch Krieg und Heirat. Britisches Eigentum war am höchsten in der 2. Hälfte des 12. JH, nachdem Henry II. Eleonor von Acquitaine, die geschiedene Frau von Ludwig VII, geheiratet hatte. Zu dieser Zeit war halb Frankreich britisch. Britische Siege wurden in Crecy 1346, Poitiers 1356 und Agincourt 1415 errungen. Mit der Unterstützung Burgunds konnte 1430 Janne d'Arc festgenommen und hingereichtet werden. Danach wechselten die Burgunder die Seiten und 1453, am Ende des 100-jährigen Krieges, war nur noch Calais in britischer Hand. Auch dieses wurde 1558 von den Franzosen zurückerobert.

Es wurde einiger wirtschaftlicher und politischer Fortschritt erreicht in dieser Zeit. Die landwirtschaftliche Anbaufläche wuchs, durch Rodungen, und durch Uebernahme der nordischen Verbesserungen (Tiefpflug, 3-Felder-Wirtschaft) konnte auch die Produktivität substantiell gesteigert werden. Die Wollproduktion für den Export nach Flandern nahm stark zu, wurde in der 2.Hälfte des 14. JH aber durch Export von Wollkleidern ersetzt. Nichtsdestoweniger lag ein grosser Teil des Aussenhandels in den Händen von Ausländern und die Abhängigkeit von Antwerpens Banken war schwerwiegend. Der Grad der Urbanisation lag um 1500 unter der Westeuropas. In England und Wales lebten bloss 3% der Bevölkerung in Städten von mehr als 10'000 Einwohnern, verglichen mit 21% in Flandern und Brabant, 16% in den Niederlanden und 15% in Italien.

2.5.2 Die Schaffung des modernen Nationalstaates und von Institutionen die den Handelskapitalismus unterstützten

Vom Ende des 15. bis zum Ende des 17. JH vervierfachte sich die Britische Bevölkerung, während dem in den Niederlanden bloss eine Verdoppelung stattfand, in Frankreich die Steigerung bloss 50% betrug, in Italien und Deutschland gar bloss 1/4. Die Lebenserwartung erhöhte sich über diejenigen in Frankreich. Der Anteil der in der Landwirtschaft Tätigen sank deutlich (1700: 56%). Neben der Produktivitätssteigerung trug auch die höhere Effizienz der Küstenschifffahrt dazu bei, dass Hungersnöte in England und Wales mehr oder weniger eliminiert werden konnten, während dem sie in Frankreich (und Irland) noch ausgeprägt waren. Der Urbanisationsgrad stieg auf das vierfache, das Pro-Kopf-Einkommen in Britannien verdoppelte sich fast zwischen 1500 und 1700, während dem es in Deutschland und Frankreich bloss um 1/3 stieg, in Italien stagnierte. Das einzige Land in dem die Einkommen noch stärker wuchs um 1700 war Holland. Die holländische Einkommensentwicklung war besser wegen der höheren Produktivität der Landwirtschaft, Schifffahrt, Bankindustrie und kommerzielle Dienste, und einem höheren Grad an internationaler Spezialisierung (= Globalisierung, II). Seine Flotten waren grösser als die von Britannien, obwohl die Landesbevölkerung weniger als einen Viertel Britanniens betrug. Nur noch 40% der werktätigen Bevölkerung arbeiteten in der Landwirtschaft. Britische Oekonomen und Diplomaten des 17. JH (Petty, King, Davenant und Temple) betrachteten die Niederlande als Vorbild, dem es nachzustreben galt. Die britischen Institutionen entwickelten sich also in Richtung Holland - ein Prozess der gefestigt war als 1688 Willhelm III. von Oranien gleichzeitig britischer König und Stadthalter der Niederlande war.

Es war also nicht England, auch nicht Adam Smith, der den freien Markt erfand, sondern die Holländer. Trotz Adam Smith, dank Adam Smith würden seine Anhänger sagen, setzte die grosse Transformation dann (nicht 1760, sondern) 1820 ein, kulminierte in der 2. Hälfte des 19. JH. Die Schweiz war dann führend mit dabei, gerade weil sie als kleines Land ähnliche Bedingungen hatte wie Holland, erschwert allerdings um die Binnenlage, die Transporte teuer machten. DER marktstrategisch richtige Ausweg aus dieser Bredouille war als die Produktion höchstwertiger und leicht zu transportierender Produkte. Und da geht wohl nichts über Uhren, Schmuck, Mikromaschinen, Feinmechanik, also genau die Dinge, in denen die Schweiz heute noch stark ist.

Es gab damals 2 Schulen zur Erklärung der unterschiedlichen Leistung von Europa und Asien. Der Mainstream folgte Adam Smith und basierte auf Lohnkosten und Arbeitsproduktivität. Die Rangordnung war 1770:

  1. Niederlande
  2. England
  3. Frankreich
  4. die nordamerikanischen Kolonien Englands
  5. Schottland
  6. die spanischen Kolonien in Amerika
  7. China
  8. Bengalen (geplündert durch die East India Company)

Administrative Posten wurden im Vereinigten Königreich gut bezahlt (s. Adam Smith, Biographie), so dass die Inhaber für Korruption unanfällig waren. 1694 wurde die Bank von England gegründet und viele Münzen neu geprägt. Die Geldpolitik wurde modernisiert und ein sachgerecht organisierte Markt für öffentliche Schulden (Staatsanleihen) entstand. Grossbritannien verfügte so im 18. JH über ein stabiles Finanzsystem - im Gegensatz zu Frankreich.

Das intellektuelle Leben war stark und zunehmend säkular im 17. JH (Aufklärung) und interagierte mit ähnlichen Bewegungen in Nordeuropa. Als Organisationsbasis diente das Gresham College, das 1579 durch einen extrem reichen Bankier, und königlichen Steuereinnehmer (ähum ...) gestiftet worden war. Das College eröffnete den Zugang zu höherer Bildung in der Form täglicher Vorträge zu unterschiedlichen Themen. Es war insbesondere erfolgreich mit Angewandter Mathematik und praktischer Forschung zu Navigationsinstrumenten und Schiffsbau. 1640 und 1650 wurde es zum Zentrum intensiver Diskussionen über die neuen Experimentalwissenschaften und war ein Vorläufer der Royal Society, gegründet 1662 in seinen Mauern.

Vom 16. zum 19. JH war die Wirtschaftspolitik dominiert von merkantilistischen Annahmen. In England und Kontinentaleuropa wurde es als gegeben angenommen, dass internationaler Wettbewerb eine bettle-beim-Nachbarn Angelegenheit. war. Zu dieser Strategie gehören einige Mittel, die gerade heute wieder stark im Einsatz sind, insbesondere der Währungskrieg (den's interessanterweise bei Wiki auf Deutsch gar nicht gibt), verbunden mit Schlaumeiereien der Handelsbilanzen, wich auch den guten alten Protektionismus und, Merkantilismus (D)

Bei der Analyse des wirtschaftlichen Erfolges der Briten, ist es nützlich, zwischen Irland und dem Rest des Königreichs zu unterscheiden. Wales wurde 1301 politisch integriert, Schottland erst 1707, was allerdings durch einen schottischen König auf dem englischen Thron (Jakob I.) um 1603 vorbereitet war. Irland war 1650 einer brutalen Eroberung unterworfen. In Petty's Anatomy of Ireland wird angenommen, dass die Bevölkerung um 1/4 sank durch Tod, Hunger, Pest und Deportation. Dem Krieg folgten massive Konfiskationen von Eigentum und ein sozialer Umbau. 2/3 des Bodens der für Landwirtschaft tauglich schien, wurde englischen Landlords überschrieben. Irland hatte so zwischen 1700 und 1850 ein halb so hohes Durchschnittseinkommen wie wie der Rest des vereinten Königreiches. Als Folge der Hungersnot von 1846–51 und massiver Auswanderung fiel die Bevölkerungszahl zwischen 1840 und 1913 auf die Hälfte. Es scheint deshalb gerechtfertigt, Irland für diese Untersuchung als britische Kolonie zu behandeln.

2.5.3 Die Entwicklung Grossbritanniens zur Hegemonie 1700–1820

Zwischen 1700 und 1820 fand eine deutliche Beschleunigung des britischen Bevölkerungszuwachses statt. Die Rate stieg auf mehr als das Doppelte des 17. JH, das beträchtliche Verluste durch Pest und Bürgerkrieg (1642-49) erlitt. Die glorious revolution (1688/89) hingegen verlief dann recht friedlich. Mit der bill of rights wurde ein königlicher Absolutismus verhindert und das heute noch (mehr oder minder) funktionierende parlamentarische System etabliert. Der Bevölkerungszuwachs war im folgenden 17. JH also höher als in irgend einem andern Europäischen Land, die Urbanisation ebenfalls, wie auch der Zuwachs des BSP pro Kopf, das doppelt so rasch wuchs wie in Kontinental-Europa. Im Gegensatz dazu wurde die Lage in Holland katastrophal, der Bevölkerungszuwachs schwand und das BSP/Kopf fiel. Um 1700 war das BSP/Kopf in GB (ohne Irland) doppelt so gross wie das holländische, 1820 7 x so gross.

Um 1700 betrug der Anteil der Briten an den weltweiten Schiffskapazitäten etwas mehr als 1/5, derjenige Hollands etwas mehr als 1/4. Bis 1820 jedoch war der Anteil der Briten bei 40%, derjenige der Holländer nur noch bei 2%. Das waren die Jahre in denen GB zur kommerziellen Welthegemonie heranwuchs, durch geschickte Nutzung der bettle-beim-Nachbarn-Strategie. Der holländische Niedergang war zu einem grossen Teil bedingt durch die Wirtschaftspolitik Frankreichs und Grossbritanniens, wie auch den zerstörerischen Einfluss der Kriege von 1795-1815. Die Niederlande erhielten wegen ihrer Unterstützung für Großbritannien 1793 eine französische Kriegserklärung. Im Mai 1795 ging die aus den inzwischen französisch besetzten Niederlanden entstandene Batavische Republik ein Bündnis mit Frankreich ein.

Für die Briten verliefen die Napoleonischen Kriege günstiger, auch finanziell, als für Frankreich, die Niederlande, Spanien und die anderen kontinentalen Mächte. Beide Seiten, Frankreich und die Gegner, hatten je eine halbe Million Soldaten auf den Schlachtfeldern verloren.

2.5.4 Die napoleonischen Kriege und der Aufbau des kolonialen Imperiums

Der Zuwachs des BSP zwischen 1680 und 1820 war für Grossbritannien wiederum grösser als für irgend ein anderes europäisches Land. Dies beruhte auf der Verbesserung des Bankensystems, seiner Steuerinstitutionen und einer Landwirtschaft, im Sinne der holländischen Pionierarbeit, unterstützt durch die industrielle Produktivität am Ende dieser Phase.

Die andern europäischen Länder waren die Verlierer in diesem Kampf. Am Ende der Napoleonischen Kämpfe hatten die Holländer alle ihre asiatischen Kolonien verloren, mit Ausnahme Indonesiens. Frankreich hatte nur noch geringe koloniale Präsenz in Asien, und hatte seine grössten Güter in der Karibik verloren. Kurz nach dem Krieg erlangte Brasilien die Unabhängigkeit von Portugal. Spanien verlor seine riesigen Kolonien in Südamerika. Ihm verblieben bloss Kuba, Puerto Rico und die Philippinen. Grossbritannien übernahm, was die Holländer und Franzosen in Asien und Afrika verloren hatten, dehnte seine Kontrolle über Indien aus und etablierte eine privilegierte kommerzielle Präsenz in Lateinamerika. Grossbritannien gelang also das, was den Schweizern im 20. JH gelang, sie konnten vom Krieg profitieren, der den andern geschadet hatte.

Weitere Verlierer waren die ehemaligen Herrscher Indiens, deren Macht und Einkünfte substantiell durch die Angestellten der British East India Company übernommen wurden. Unter deren Herrschaft fiel das indische Pro-Kopf-Einkommen deutlich.

Zwischen 1820 und 1913 stieg das britische Pro-Kopf-Einkommen schneller als zu irgend einer Zeit in der Vergangenheit - drei mal stärker als zwischen 1700 und 1820. Der Grund dafür lag in der Beschleunigung technischer Prozesse, begleitet von einem enormen Wachstum an Investitionskapital und Verbesserungen in Bildung und Können der Arbeitskräfte, unterstützt durch die Wirtschaftspolitik. 1846 wurden die Schutzzölle der Landwirtschaft aufgehoben, 1849 der "Navigation Act" aufgehoben, so dass bis 1860 alle Handelsbeschränkungen durch Tarife und Zölle unilateral beseitigt waren.

Freihandel wurde Indien und andern britischen Kolonien aufgezwungen, auch den nicht formell unterworfenen, wie China, Persien, Thailand und das Osmanische Reich. Diese waren zwar keine Kolonien, wurden jedoch verpflichtet, tiefe Steuern und Tarife anzuwenden, was ihre Souveränität in Wirtschaftsbelangen deutlich reduzierte - und Ausländern extraterritoriales Recht garantierte (also so ähnlich wie heute für alle "global players".

1950 war der Kolonialismus allerdings weitgehend desintegriert.

Die Weltwirtschaft wuchst zwischen 1950 und 1973 wiederum stärker als je zuvor. Dies war das goldene Zeitalter nie gesehener Prosperität. Das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt der Welt nahm jährlich um 3% zu - was einer Verdoppelung in 25 Jahren entspricht. Das Welt-Bruttosozialprodukt nahm um fast 5% pro Jahr zu, und der Welthandel um 8%.

Dieser Trend änderte sich, zum Teil mit der 1. Oelkrise, zum Teil mit dem Zusammenbruch des Kommunismus. Wo das nicht reichte, mit der Finanzkrise 2008. s. Ende des Wachstums

Britannia übernahm, was die Franzosen und Holländer in Asien und Afrika an Kolonien nicht mehr halten konnten, erweiterten ihre Kontrolle in Indien und etablierten privilegierte Handelspräsenzen in Lateinamerika. Um 1750 gehörten zu GB etwa 1.5 Millionen Menschen in den Amerikas, 2.4 Millionen in Irland, und Niederlassungen in Calcutta, Madras und Bombay. 1820 waren zwar die 13 Kolonien in Nordamerika verloren gegangen, aber GB gewann die Herrschaft über etwa 100 Millionen Inder. Der Bevölkerungszuwachs stieg zwischen 1700 und 1820 durch erfolgreiche Anwendung der bettle-beim-Nachbarn-Strategie, und wurde durch weitere Faktoren gestützt. Anders als die Länder auf dem Kontinent wurde GB von Krieg und Kriegskosten verschont.

Um 1700 war Holland deutlich voraus, mit dem tiefsten Anteil an landwirtschaftlicher Tätigkeit, während dem die Bürger der USA noch 1820 zu 3/4 in der Landwirtschaft tätig waren. 1998 zeigt die heutige Verteilung, bei allen in etwa gleich - mit einer Landwirtschaft die als Arbeitgeber kaum mehr Bedeutung hat.

Zwischen 1774 und 1820 stiegen die Baumwollimporte um mehr als das 20-fache. Arbeitsplätze in diesem Sektor entwickelten sich von zuvor unbedeutendem Ausmass zu mehr als 6% um 1820. Der Anteil von Baumwollgarn und -Produkten am Export stieg von 2% 1774 auf 62% 1820, allerdings bei deutlich fallenden Preisen. Der Anteil der Wollprodukte dagegen fiel in der selben Periode von 49% auf 12%.

2.5.5 Beschleunigung des technischen Fortschritts und reale Einkommenszuwächse von 1820 bis 1913

Wiederum wuchs das pro-Kopf-Einkommen von 1820 bis 1913 stärker als in irgend einer vergangenen Phase, 3 mal stärker als zwischen 1700 und 1820. Es war eine neue Aera für ganz Westeuropa, gestützt auf der Beschleunigung des technischen Fortschritts, der massiven Vergrösserung an Finanzkapital und Verbesserungen in Bildung und Können der Arbeitskräfte. Die britischen Exporte stiegen sogar doppelt so schnell, um 3.9% pro Jahr, dank der stark verbesserten internationalen Arbeitsteilung (Globalisierung würde man heute sagen.)

Grossbritannien vergrösserte seinen Kolonialbesitz in dieser Phase enorm:

Freihandel wurde von Indien und andern britischen Kolonien übernommen. Das galt auch für Britanniens informelles Imperium. China, Persien, Thailand und die Türkei waren keine Kolonien, aber sie waren durch Verträge verpflichtet die ihre wirtschaftliche Souveränität beeinträchtigten - und Ausländern extraterritorialen Status zuerkannten. In China übernahm GB sogar die Administration der Zolldienste, um sicher zu sein, dass China seinen Verpflichtungen nachkomme.

> Zu diesen Verträgen wurden sie durch Kanonenbootpolitik gezwungen. Die heutige problematische Situation, dass sich international agierende Firmen bald jeglicher Gesetzgebung entziehen können, findet hier also ihren Ursprung. Das Problem ist also um einiges älter als uns das Geschrei um die Globalisierung glauben machen will.

Die Innovationen die Wachstum weltweit verbreiteten waren die Fortschritte im Transportwesen und in der Kommunikation (hab ich doch auch schon mal gehört?). Die ersten Dampfschiffe kamen in GB um 1812 auf. 1860 nutzten praktisch alle Schiffe Kohle als Energiequelle. 1913 waren nur noch 2% der britischen Schiffe Segelschiffe. Die Kraft der Motoren und die Effizienz des Kraftstoffverbrauchs stieg kontinuierlich über das ganze Jahrhundert. Eisen- und Stahlschiffe wurden grösser - und verlässlicher - als Holzschiffe.

Als Folge billiger und zuverlässiger Transportdienste nahm der Zufluss von Migranten aus Europa in den USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Argentinien und Brasilien dauernd zu. 1820 bis 1913 verliessen 12 Millionen Menschen das Vereinigte Königreich, die Hälfte davon Iren. Vom restlichen Europa waren es 14 Millionen.

Die Erfindung der mechanischen Gefrierschränke ermöglichte Ferntransporte durch Züge und Schiffe auch von verderblichen Gütern wie Fleisch, Milch und Milchprodukten, Früchten. 1870 wurden Gefrierzüge in den USA eingeführt. 1879 erreichte das erste Schiff mit gefrorenem Fleisch aus Australien England, 1882 von Neuseeland. Im selben Jahr wurde die erste Tiefkühlfabrik in Argentinien gebaut um Fleisch nach England exportieren zu können.

Britannien schuf einen modernen Postdienst um 1840, der Standardpreise für Briefe und Pakete erhob und nun die Eisenbahn zur Grobverteilung nutzte statt der Pferdekutschen. Aber die Einführung des Telegraphen um 1650 war noch weitaus von stärkerem Einfluss. Bis 1870 hatte das UK direkte Verbindung mit Indien und Nordamerika. Diese Erfindung half stark in der Integration internationaler Finanzmärkte, weil Informationen nun praktisch sofort zur Verfügung standen. Bis 1913 wurde die Rolle des Telegraphen verstärkt durch das Telefon und erste Vorläufer des Radios.

Zwischen 1870 und 1913 wuchs die Wirtschaft schon wieder stärker als je zuvor in irgend einem Land (kein Wunder, gewöhnt man sich so langsam aber sicher an die Zustände und nimmt die weitere Entwicklung, ewiges ungetrübtes Wachstum, als garantiert an.)

Die folgende Schilderung malt ein Bild, das so etwa dem heutigen Zustand entspricht:

Die Einwohner von London konnte, seinen Morgentee im Bett trinkend, per Telefon unterschiedlichste Produkte aus der ganzen Welt bestellen in welchen Mengen auch immer er wünschte. Er durfte erwarten, dass ihm die Güter vor die Haustür geliefert würden (ins Haus war noch nicht nötig, denn dafür hatte man schliesslich die Bediensteten). Er konnte zur selben Zeit sein Kapital in natürliche Ressourcen und neue Betriebe irgendwo auf der Welt investieren. Er konnte sich Transportmittel sichern, wenn er wollte, billige und komfortable Transportmittel in jedes Land und jedes Klima, ohne Pass und andere Formalitäten. Er konnte seine Bediensteten zur benachbarten Bank schicken um Edelmetalle zu beschaffen in der Menge die er für wünschenswert hielt, und sich auf Reise in ferne Länder begeben, ohne Kenntnisse deren Sprache, Religion, Sitten, im Besitz geprägter Münzen. Und er wäre betroffen und überrascht beim kleinsten Problem. Er erachtete diesen Zustand als normal, gesichert und permanent.

Tja, denkste. Die Probleme häufen sich eben dort, wo a) die Wirtschaft nur auf Grund von Preisen, Mengen, Qualität etc. entscheidet, die Menschen aber oft ganz andere Werte und Faktoren als wichtig erachten. Die Probleme werden massiv, wo die einen mit Geld auf den andern, ohne Geld, rumtrampeln, in der vollen Ueberzeugung, auch wenn sie deren Sprache und Kultur nicht verstünden, hätten sie, als Geld-Haber, ein Recht darauf. Dieses Problem wird insbesondere dann problematisch, wenn sich auch die andern in Bewegung setzen, Arbeit dort suchen, wo sie gut bezahlt ist, aber ihre Kultur und ihre Werte ebenfalls mitbringen - ein Recht, dass man ihnen kaum absprechen kann, nachdem man es den Geldsäcken zugesprochen hat. Hier scheitert zur Zeit die Integration der Immigranten. Sie scheitert an der Einstellung dazu, nicht an der Idee eine potentiellen multikulturellen Gesellschaft, sondern an der Verweigerung derselben, also an kleinkarrierten Bürgern ebenso wie an kleinkarrierten Politikern.

2.5.6 Kriege, die grosse Depression und das Ende des Imperiums (1913-1950)

Die Entwicklung von Strassenmobilen hielt die frühere Revolution des Transportwesens am Laufen. Die Anzahl Personenwagen in Westeuropa stieg von 300'000 um 1913 auf fast 6 Millionen 1950, von 1.1 Millionen auf 40 Millionen in den USA. Um 2010 soll er die 1. Milliarde erreicht haben.

1913 waren es eh die USA die die Spitze der technologischen Entwicklung bildeten, nicht mehr GB. Zwischen 1913 und 1950 stieg die Betriebsproduktivität in den USA jährlich um 1.6%, also 4 x schneller als in GB zwischen 1870 und 1913. Das war die erste Etappe des Technologiebooms der 60 Jahre dauerte.

Die grosse Depression in den 30ern löste einen stark deflationären Impuls aus der dadurch verstärkt wurde, dass die einzelnen Länder ihre nationale Produktion durch Zölle und Tarife zu schützen suchten, und durch den Rückzug ausländischer Investitionen. Europas Potential wurde weiter beeinträchtigt durch 2 Weltkriege, welche die Ressourcen umleiteten in gegenseitige Zerstörung. Im 1. Weltkrieg verlor eine 3/4.Million an Briten ihr Leben im Kampf und 7.8 Millionen Tonnen an Schiffsfrachten wurden in den Meeren versenkt. Die Japaner überrollten die nur wenig verteidigten britischen Kolonien in Fernost eben so rasch wie Hitler mit seinem Blitzkrieg Europa.

Das britische Imperium bemächtigte sich der ehemals deutschen Kolonien in Tanganyika und Namibia, wie auch die türkischen Protektorate in Irak, Jordanien und Palästina. Irland (katholisch) dagegen wurde zur unabhängigen Republik (mit Ausnahme des protestantischen Nordinland, Stein des Anstosses, Zankapfel, Basis des Terrorismus für ein weiteres halbes Jahrhundert.

2.5.7 Grossbritannien und seine Kolonien

Da die britischen Kolonien grösser und unterschiedlicher waren als diejenigen anderer europäischer Staaten werden hier bloss 4 Hauptelemente geschildert:

  1. Zuckerkolonien wurden in der Karibik entwickelt ab 1620, unter starker Nutzung der Sklaverei
  2. Die 13 Kolonien in Nordamerika die zwischen 1602 und 1713 gegründet worden waren, wurden aufsässig, wollten keine Steuern mehr für Tee bezahlen (Boston Tea Party No 1 - No 2 ist ein Witz) und erklärten nach 8 Jahren des Unabhängigkeitskrieges 1776 die Unabhängigkeit.
  3. Die East Indian Trading Company, 1600 gegründet, eroberte 1757 Indien - oder liess den Staat dies für sie tun.
  4. China wurde mit Gewalt (Opiumkrieg I, II) dazu gezwungen, eine Anzahl von Vertragshäfen für internationalen Handel zu öffnen, Freihandel zu gewähren, und Opium als Zahlungsmittel anzunehmen. (Kolonialisten waren manchmal echt Scheisse).

2.5.7.1. Die Karibik und der Sklavenhandel

Rentner der andern Art:

a) Im Vergleich zu den englischen waren die spanischen Kolonien stärker von Ausbeutung betroffen. Ein grosser Teil der dort erwirtschafteten Erträge ging in die Taschen der Halbinselspanier, die nicht in den Kolonien lebten sondern ihre Ersparnisse nach Hause brachten. Zweitens war eine offizielle Abgabe von 2.7% des Bruttosozialprodukts an die Kolonialmacht zu entrichten.

An der Spitze des neuen Spanien stand eine privilegierte Oberschicht mit verschwenderischem Lebensstil. Unterschiede im Status - Erbadel, privilegierte Klassen und das Militär mit Steuerbefreiung und rechtlicher Immunität - führten dazu, dass in Spanien weitaus weniger unternehmerische Energie freigesetzt wurde als in den britischen Kolonien. Die Elite der Spanier war Rentenbezüger mit sehr wenig Neigung für produktive Investitionen.

Die Inseln der Karibik waren erst unter spanischer Herrschaft. Die einheimischen Arawaks starben auf Hispaniola (heute Haiti und die Dominikanische Republik) durch importierte und oft absichtlich verbreitete Krankheiten rasch aus. Die Spanier verschoben so ihr Interesse nach Peru und Mexiko, wo ab Mitte des 17. JH die Silberproduktion startete (nachdem man zuvor mal alles gestohlen hatte was zu stehlen war.) Die Briten eroberten Barbados 1627 und richteten Tabakplantagen ein, die von vertraglich verpflichteten Weissen bewirtschaftet wurden. Holländische (also nicht portugiesische, die das wohl kannten) Schiffer förderten die Idee, Zucker durch Sklavenarbeit zu produzieren. Nachdem sie aus Brasilien rausgeworfen wurden, setzten sie das fort auf Barbados. Die Insel verfügte über ausreichend Wasser und die Winde waren günstig für schnelle Transporte von und nach Europa. So wurde Barbados zur grössten Zuckerkolonie Britanniens -nachdem Jamaika 1655 von Spaniern geklaut wurde.

Mit ähnlicher holländischer Unterstützung entwickelten die Franzosen die Zuckerproduktion auf Martinique und Guadeloupe und übernahmen später auch Santo Domingo (Haiti). Die Holländer wurden dann von Franzosen wie Briten aus ihren Kolonien rausgeworfen und liessen sich im Surinam nieder. Britannien nahm den Franzosen um 1763 St. Vincent &Grenada, Dominica und Tobago ab, Spanien 1727 (ohne Bezahlung natürlich).

Der Einstieg der Briten in den Sklavenhandel wurde 1562 eingeleitet vom Piraten und Schmuggler, Kapitän der britischen Marine (beliebte Kombination damals), John Hawkins. Die Sklaverei erreichte ihren Höhepunkt im 17. und 18. JH. 2.5 Millionen Afrikaner wurden entführt, überführt, ausgenutzt und gestorben. Die Briten suchten ihre Opfer vor allem in Oberguinea und Sierra Leone, die Franzosen in Senegal und Gambia, die Holländer an der Goldküste, die Portugiesen in Angola. Die Royal Africa Company besass zwischen 1672 und 1698 das Monopol des britischen Sklavenhandels, im 18. JH übernahmen aber private Händler.

In Afrika wurden Sklaven gefangen in lokalen Kriegen, als Tribut von abhängigen Stämmen, als verurteilte Kriminelle (wie die Vorfahren der Australier). Es gab aber auch gezielte Ueberfälle und Kidnapping. Herbert Klein schätzt dass zwischen 1500 und 1800 etwa 18 Millionen Sklaven exportiert wurden. 11 Millionen wurden über den Atlantik transportiert, die andern über den Indischen Ozean oder durch die Sahara für Sklavenmärkte im Osten. Ein Schiff trug jeweils 4-500 "Passagiere", von denen 12% bei der Ueberfahrt starben

Die Briten verboten den Sklavenhandel um 1807, die Sklaverein um 1833, und bezahlten 20£ Entschädigung an die Sklavenhalter - aber nichts (keine Reintegrationsleistungen) an die Sklaven. Frankreich verlor seine grösste Zuckerkolonie auf Haiti durch die dortige Sklavenrevolution die 1804 zur Unabhängigkeit führte, liess die Insel aber lange Zeit Entschädigungen, also Freikauf bezahlen. Der Sklavenhandel wurde in Frankreich um 1817 verboten, die Sklaverei 1848. (Was nicht zutrifft für eigene Sklaven, also deportierte Häftlinge in den Strafkolonien (s. auch Bagne) auf den Pfefferinseln (Französisch-Guyana, insbesondere aber die Teufelsinsel, auf die später auch Hauptman Dreyfus verbannt werden sollte und die Emile Zola zu seinem Brief J'Accuse inspirierte). Französisch-Guayana ist immer noch Französisch.)

Brasilien importierte weiterhin Sklaven, bis die britische Navy das 1850 unterband. Innerhalb Brasiliens wurde die Sklaverei bis 1888 beibehalten.In Puerto Rico wurde sie 1873 abgeschafft, auf Kuba 1880.

Als Substitut für die Importe aus Afrika, brachte man nun Vertragsarbeiter aus Indien, zuerst 1838 nach Britisch Guyana. Bis 1914 kamen 450'000 Inder. Nach Surinam kamen Menschen von Java und China (150'000 wischen 1849 und 1875). Dies konnte allerdings die Produktion nicht erhalten. Hatte die Karibik 1787 einen Weltmarktanteil an Zucker von 90%, waren es 1894 nur noch 22%. (Ein Lob der Zuckerrübe).

1894 produzierte Kuba 1.1 Millionen Tonnen Zucker, die britische Karibik 260'000, die französische 79'000, Puerto Rico 49'000 und Surinam 8'000.

Sklaverei

Auch wenn die erste Wirkung von Eroberung und Kolonisation massiv und zerstörerisch war für die einheimische Bevölkerung, so wurde das wirtschaftliche Potential der beiden Halbkontinente doch massiv erhöht. [Mich dünkt, Maddison sei hier etwas zynisch, denn die "einheimische Bevölkerung" ist ja zum grossen Teil längst tot und ersetzt durch Europäer] Die Kapazität, eine höhere Bevölkerungsdichte zu tragen, wurde durch die Einfuhr neuer Nutzpflanzen und Tiere erhöht. Die neuen Nutzpflanzen waren Weizen, Reis, Zuckerrohr, Rebe, Salat, Oliven, Bananen, Kaffee. Die neuen "Speisetiere" Rind, Schwein, Hühner, Schafe und Ziegen. Ein weiteres Mittel mit dem die landwirtschaftliche Produktivität erhöht wurde waren Transport- und Zugtiere - Pferde, Ochsen, Esel und Maultiere - mit Wagen mit Rädern und Pflügen (die die Grabstöcke ersetzten).

Umgekehrt gelangten auch neue Pflanzen aus der Neuen Welt nach Europa: Mais, Kartoffel, Süsskartoffel, Maniok, Chili, Tomaten, Erdnüsse, Ananas, Coca und Tabak, welche (zumindest die ersteren) die Möglichkeiten die Weltbevölkerung zu ernähren stark verbesserten.

Neue wirtschaftliche Aussichten und die riesigen "unbevölkerten" Territorien führten zu der grössten Völkerwanderung aller Zeiten - die nicht immer freiwillig war. Zwischen 1500 und 1870 wurden ca. 9.5 Millionen Sklaven verschifft für Plantagen (Zucker, Tabak, Kaffee, Baumwolle) in Brasilien, der Karibik und den südlichen USA. Die Migration spanischer (> 1 Million) und portugiesischer (1/2 Million( Siedler nach Lateinamerika in der Kolonialzeit vor 1820 war geringer als diese Verschiebung von Sklaven.

Aus Grossbritannien waren ca. 1 Million Siedler in die Karibik gezogen zwischen 1630 und 1780. Zählen wir die Franzosen und Holländer dazu, so waren es vielleicht 2 Millionen vor 1820 - hingegen 7.5 Millionen Sklaven. Die Lebenserwartung als Sklave war äusserst tief, 18 Jahre, verglichen mit der damals normalen von 27 Jahren.

Sklaverei kommt übrigens in vielen Utopien als härteste Strafe vor für ganz üble Vergehen wie z.B. Ehebruch. Den Uebergang von den teuren Sklaven zu den billigeren Lohnsklaven beschreibt vor allem Max Weber.

 

AFRIKA

Das Pro-Kopf-Einkommen in Afrika um 1820 tiefer als zu Beginn des Jahrtausends. Auch danach war die Entwicklung langsamer als in den andern Weltregionen. Das Einkommensniveau 1998 ist ein bisschen höher als dasjenige, das in Westeuropa um 1820 erreicht wurde (vorindustriell). Der Bevölkerungszuwachs hingegen ist schneller als in irgend einer anderen Weltregion - 8 x so hoch wie in Westeuropa (Vorsicht, das bezieht sich auf 1998, heute würde 8 x bedeuten dass die Bevölkerung 8 x schneller dahinschwindet, da unser Bevölkerungszuwachs, ohne Einwanderung, längst negativ ist.)

Afrika erwirtschaftet heute (1998) mit 13% der Weltbevölkerung bloss 3% des Welt-BSP. Es ist die ärmste Region der Welt mit einem Pro-Kopf-Einkommen von nur 5% desjenigen der reichsten Region, weniger als der Hälfte von Asien (ohne Japan). Es hat die tiefste Lebenserwartung (52 Jahre verglichen mit 78 in Westeuropa). Aber - es hat den schnellsten Bevölkerungszuwachs, 9 mal schneller als in Westeuropa.

Als Folge davon sind die Strukturen deutlich anders. In Europa sind 2/3 der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter, in Afrika nur etwas mehr als die Hälfte. 43% der Afrikaner sind jünger als 15 Jahre, 3% älter als 65. In Westeuropa sind 18% unter 15 und 15% älter als 65. Etwa die Hälfte der Erwachsenen in Afrika kann weder Lesen noch schreiben. Infektions- und parasitische Krankheiten sind weit verbreitet (Malaria, Schlafkrankheit, Hakenwurm, Flussblindheit, Gelbfieber, ...). Ueber 2/3 der mit HIV infizierten Menschen der Welt leben in Afrika.
Oekonomisch lassen sich etwa 5 Gruppen unterscheiden:

  1. Die nordafrikanischen Länder die ans Mittelmeer anstossen: Algerien, Aegypten, Libyen, Marokko und Tunesien. Unter diesen zeigten Aegypten, Marokko und Tunesien gute Wachstumsraten zwischen 1973 und 98. Dann allerdings fiel das Pro-Kopf-Einkommen in Algerien um 15% unter das Spitzenniveau von 1985, in Libyen auf die Hälfte von 1973.
  2. Die Länder am andern Ende Afrikas: Botswana, Namibia, Südafrika und Swasiland. Botswana war mit 5.4% zwischen 1973 und 98 eines der am raschesten wachsenden Länder. Sein Wachstum entsprach dem von Singapur, basierte aber fast vollständig auf dem Export von Diamanten. Das Pro-Kopf-Einkommen von Südafrika und Namibia lag 1998 14% unter dem Spitzenwert von 1981.
  3. Kleine Länder, "Sonderfälle": Gabun und Kongo exportieren relativ viel Petrol. Bei den drei Inseln im Indischen Ozean liegt der Bevölkerungszuwachs deutlich unter dem des Kontinentes. Reunion ist ein französisches Uebersee-Departement das mit reichlich Subventionen gestützt wird. auf den Seychellen und Mauritius ist die Mehrheit der Bevölkerung indischen Ursprungs, zweisprachig, englisch und französisch. Die Seychellen generieren ein recht hohes Einkommen mit Tourismus. Mauritius exportiert Handarbeiten.
  4. 3/4 von Afrikas Bevölkerung fallen in eine 4. Gruppe, deren Einkommen 1980 das höchste Niveau erreichte- 1989 war es wieder um 1/4 gefallen. Diese Gruppe ist der harte Kern von Afrikas Armut.

Bis weit ins 19. JH hinein war der grösste Teil des Kontinents unbekannt und unerforscht, bewohnt von Jägern und Sammlern, Hirten oder Bauern auf Subsistenzniveau. Der Grad an Bildung und Technologie war minim. Boden war reichlich vorhanden, wurde durch die traditionellen Chefs verteilt, ohne Eigentumsrechte im westlichen Sinne. (Bei allen Stämmen, auch in Europa, war Boden immer Gemeineigentum. Er konnte nicht privat besessen werden. Nur die Nutzungsrechte waren allenfalls privat.) Die einzigen Territorien die heute noch innerhalb mehr oder weniger der selben Grenzen liegen sind Aegypten, Aethiopien, Liberia, Marokko und Südafrika. Sklaven waren lange Zeit der Hauptexport.

Die europäischen Mächte begannen sich erst 1880 für eine Besetzung Afrikas zu interessieren. Frankreich und GB waren am erfolgreichsten. 21 Länder (und auch deren oft problematische Grenzen) sind Produkte der französischen, 21 britischer, 5 portugiesischer, 3 belgischer, 2 spanischer Kolonisierung. Deutschland verlor seine Kolonien im 1. Weltkrieg (weshalb es nachher versuchte ganz Europa zur Kolonie zu machen ...), Italien im 2.

Die Kolonisatoren schufen Grenzen nach eigenem Bedarf, mit wenig Rücksicht auf lokale Traditionen und Ethnien. Europäische Gesetze und das Eigentumsrecht wurden eingeführt mit wenig Rücksicht auf traditionelle Formen der Landverteilung. Die Kolonialisten teilten sich das beste Land zu und den Hauptprofit aus der Ausbeutung von Mineralen und Plantagen. Die Löhne der Einheimischen wurden durch Zwangsarbeit oder Apartheit tief gehalten. Wenig wurde unternommen zur Verbesserung der Infrastruktur und der öffentlichen Bildung. Die europäischen Kolonisatoren zogen sich in den 50ern zurück (eher: wurden nach Hause geschickt). Die britisch-kolonialen Beziehungen zu Aegypten wurden 1956 gelöst, Ghana wurde 1957 unabhängig, Nigeria 1960, Tansania 1961 und Kenia 1963. Frankreich musste sich 1956 aus Marokko und Tunesien verabschieden, Guinea 1958, Sub-Sahara 1960, Algerien 1962. Belgien verliess Zaire 1960, Burundi und Ruanda 1962. Portugal und Spanien zogen erst 1975 ab. In diesen Jahren war der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt und Afrika im Zentrum der Rivalitäten - was ihm offenbar nichts genutzt hat, weder wirtschaftliche noch politisch. China, die UDSSR, Kuba und Osteuropa versorgten "ihre" Bruder-Länder mit militärischer und wirtschaftlicher Hilfe
Es gab zu wenig Personal mit Bildung oder administrativer Erfahrung. Plötzlich mussten diese Länder eine politische Elite aufstellen, eine nationale Bürokratie einrichten, einen Rechtsdienst, Polizeidienst, Militärdienst und diplomatischen Dienst. Der erste Schub an neuen Stellen schuf ein Patronagesystem von und für Rentner - nicht für Unternehmer (rent-seekers: einer der wichtigsten Gründe warum ich gegen was sooo soziales wie einen bedingungslosen Grundlohn doch einige Vorbehalte habe). Die vorhanden Auswahl an Hochschulabgängern war zu klein, so dass man stark von ausländischen Beratern abhängig blieb.

Die meisten gegenwärtigen Versuche Afrikas wirtschaftliche Probleme zu erklären, fokussieren auf dem Problem der "governance" - weshalb Horden von Entwicklungshelfern unterwegs sind, den armen Leutchen mal beizubringen, was das überhaupt ist (offenbar haben wir da selbst ein Problem, denn sonst gäbe es ja vermutlich ein deutsches Wort dafür).

1988 konnten nur 5 Länder mit einem Multiparteiensystem beschrieben werden, das sinnvollen politischen Wettbewerb auf nationaler Ebene erlaubt. 11 waren militärische Oligarchien, 16 plebiszitäre Einparteienstaaten, 13 kompetitive Einparteienstaaten und 2 Siedleroligarchien (Namibia und Südafrika, vor dem Wechsel).

In den meisten Einparteienstaaten versuchte der herrschende Politiker seine Position lebenslänglich zu halten. In den meisten Staaten verliessen sich die Führer auf die Unterstützung einer kleinen Gruppe, mit der die Beute geteilt wurde (unter Saddam "Amigos" genannt, im Jemen immer noch der eigene Stamm etc.). Korruption verbreitete sich weit, Eigentumsrechte waren unsicher, wirtschaftliche Entscheide (Investitionsentscheide) riskant - weshalb geschätzt wird dass 2/5 der privaten Vermögen auf ausländischen Konten liegen (s. swiss private banking). Im Vergleich dazu sollen es in Lateinamerika bloss 10%, in Ostasien bloss 6% sein.

Ein wichtiger Grund der wirtschaftlichen Abflachung seit 1980 sind die Auslandsschulden. Als sich der Kalte Krieg im global warming auflöste, schmolz auch die Unterstützung durch die beiden Rivalen. Obwohl Direktinvestitionen diese Beträge noch nicht erreichen, steigen die geliehenen Beträge seit 1990 weniger stark als in Asien, Lateinamerika, Osteuropa und der ehem. UDSSR.
Die Gesamtschuld macht in Afrika 427$ pro Kopf aus. In Asien 314, Lateinamerika 1548 und Osteuropa/UDSSR 932$. Das asiatische Pro-Kopf-Einkommen ist allerdings doppelt so hoch wie das afrikanische, das Lateinamerikanische 4 x so hoch und sogar das der ehem. kommunistischen Länder 3 x grösser als in Afrika. Afrika trägt so die schwerste Bürde und die Fähigkeit, Investitionen aus eigenen Ersparnissen zu finanzieren ist tiefer als auf den andern Kontinenten.

In den letzten 10 Jahren sieht es für Afrika allerdings entwicklungsmässig besser aus als für uns. Afrika ist es gelungen, seine Schulden auf ein erträgliches Mass abzubauen und die Inflation zu zähmen.

Von 2000 bis 2008 stieg die Entwicklungshilfe von 8 auf 24 Milliarden $. Die Ueberweisungen von Auswanderern in ihre Heimat machen rund 2.5% des BIP aus.

Das Pro-Kopf-Einkommen stieg ab Mitte der 90er jährlich um rund 2-3%, in der jüngsten Phase (10 Jahre) 4% bei den ressourcenärmeren, 6.5% bei den Staaten mit Erdöl oder anderen gefragten Rohstoffen.

Die Kosten für private Investoren sind allerdings immer noch 20-40% höher als in andern Weltregionen, Verbunden mit mangelnder Rechtssicherheit, Eigentumsrechten und Transparenz. Funktionierende Finanzmärkte gibt es dazu eigentlich erst in Südamerika und Aegypten.

Afrika gelingt es, Zuwachsraten von ähnlicher Höhe wie die andern Entwicklungsländer zu erzielen.

2.5.7.2. Die 13 Nordamerikanischen Kolonien

Die Situation der 13 Nordamerikanischen Kolonien war deutlich anders als in der Karibik. In den 5 Kolonien die am meisten auf Sklavenarbeit setzten (Maryland, Virginia, die Carolinas und Georgia) machten die Sklaven bloss 40% der Bevölkerung aus, verglichen mit 85% in der Karibik.

In den nördlichen Kolonien, die 56% der kolonialen Bevölkerung beherbergten, lag der Sklavenanteil 1750 bei weniger als 5%. Ein grosser Teil der Bevölkerung war in der Landwirtschaft tätig und verfügte über weitaus mehr Land als im UK. Eine mittlere Farm in Neu England, den Mittelatlantischen Staaten und Pennsylvania hatte um 1807 über 100 acres (40 ha). Die meisten nördlichen Kolonien waren durch Protestanten gegründet worden, die sehr auf Bildung setzten. Es gab 8 Universitäten im Norden: Harvard 1636, Yale 1701, University of Pennsylvania 1740, Princeton 1746, Columbia 1754, Brown 1764, Rutgers 1766, Dartmouth 1769), nur eine (William and Mary, 1693) im Süden, keine in der Karibik.

Die Nordamerikanischen Kolonien wiesen hohe städtische Bevölkerungen auf in Boston, New York und Philadelphia. Ihre politische Elite war mit den Idealen und Ideen der französischen Aufklärung vertraut.

2.5.7.3. Britisch-Indien (commonwealth)

Britanniens Beziehung zu Indien begann um 1600 mit der Schaffung der monopolistischen Handelsgesellschaft, East India Company (EIC). In den ersten 150 Jahren arbeitet diese an der Küste von Stützpunkten aus in Kalkutta, Madras und Bombay. In der Mitte des 18. JH waren die wichtigsten Exporte Textilien und Seide aus Indien, und Tee aus China. Indische Produkte wurden meist mit dem Export von Barren (Gold, Silber) bezahlt, chinesische mit Opium und Rohbaumwolle aus Bengalen. Bis zum 18. JH gelang es den Briten friedliche Beziehungen zu pflegen mit dem islamischen Mogul-Imperium (seit dem 13. JH an der Macht), dessen Autorität und militärische Stärke zu gross war um sich damit anzulegen. Nach dem Tod von Aurangzeb um 1707 zerfiel die Mogulherrschaft. Ihr Herrscher wurde zum Spielball souveräner Provinzgouvernöre (sog. Nabobs), die eigentlich Herrscher der Nachfolgestaaten wurden.

In Anbetracht der Grösse Indiens und seiner Bevölkerung, die um ein vielfaches grösser ist und war als diejenige von ganz Europa, mit seiner völkischen, sprachlichen und religiösen Komplexität (Vielfalt), ist es wenig erstaunlich, dass es zerfiel. Auf der Höhe der Macht, unter Akbar, herrschte religiöse Toleranz im Reich. Deshalb war es auch erfolgreicher als frühere Versuche des Sultanates in Delhi, das riesige Land unter einen Hut zu bringen. Aurangzeb gab die Politik der religiösen Toleranz auf, zerstörte Hindu-Tempel, führte die Jizya wieder ein, beschrieben als Köpfung von Nicht-Muslimen - was Unsinn ist, denn Dchizya (deutsche Transkription) bedeutet nur die Pflicht von Nichtmuslimen, Steuern zu bezahlen. Zudem wären die <Völker des Buches> (ahl al kitab), als monotheistische Christen und Juden, eh Schutzbefohlene der Muslime. Es wurden in der folge auch einige der Prinzenstaaaten konfisziert, wenn die Titel ausliefen (deren Träger starben). Nach seinem Tod setzte eine Serie von Kriegen ein, um sich die Beute des Imperiums zu sichern.
1739 eroberte der Persische Kaiser Nadir Shah Indien und massakrierte die Bevölkerung von Delhi. Er klaute so viele Schätze (unter anderem den Kohinoor und den Pfauenthron), dass er seinen Landsleuten 3 Jahre Steuererlass gewähren konnte. Punjab (später von den Sikhs erobert) wurde annektiert und Lahore (heute Pakistan) zum unabhängigen Königreich.

Mit all diesen internen politischen und religiösen Konflikten war es dem EIC ein leichtes, die Kontrolle über Indien zu übernehmen. Sie nutzen die Differenzen geschickt aus, schlossen eine Allianz hier, umwarben einen nach dem andern Potentaten. Die Truppen bestanden aus gut bezahlten, disziplinierten Rekruten. Bengalen wurde 1757 erobert, Madras und Bombay 1803, der Punjab von den Sikhs 1848 - und die rivalisierenden Franzosen und Holländer ebenfalls rausgeworfen. Bis zu den Unruhen von 1857 (Auflösung der EIC) richteten die Briten keine eigene Regierung ein.

Die EIC-Administration lehnte sich eng an den benthamschen Radikalismus an. James Mill, John Stuart Mill und Macaulay waren einflussreiche Mitarbeiter, Malthus Professor am Haileybury College. Benthams Rat wurde gesucht bei der Reformation der indischen Institutionen und die Utilitaristen benutzten Indien um mit ihren Theorien,die sie gerne in England angewandt hätten, zu experimentieren (z.B. Wettbewerb beim Einstieg in den Staatsdienst). Nach dem Aufstand von 1857 wurde dieser radikal verwestlichende Ansatz eingestellt, die Politik wurde konservativer und es gab keine Versuche mehr, die Provinzen direkt zu beherrschen, die also von indischen Prinzen mit britischen Beratern regiert wurden. (So etwa wie heute Bagdad mit den Amerikanern).

Das britische Raj (Britisch-Indische Kolonie) wurde von bemerkenswert wenig Leuten gemanagt. Nur 31'000 Briten lebten um 1805 in Indien, 22'000 davon gehörten zur Armee, 2000 zur Zivilregierung). 1931 waren es 168'000 (60'000 in Armee und Polizei, 4'000 im öffentlichen Dienst und 60'000 im privaten Sektor. Nie waren mehr Briten in Indien als 0.05% der Bevölkerung, eine viel dünnere Schicht als die muslimischen Herrscher (Moguln) zuvor.

Die Moguln wurden also durch eine westliche Elite ersetzt die einen viel tiefern Anteil am Nationalprodukt beanspruchte. Bis 1920 war diese Elite fast vollständig britisch, mit britischen Konsummustern. Dies reduzierte die Nachfrage nach Luxusprodukten indischer Kunsthandwerker enorm.

Unter britischer Herrschaft litt die indische Bevölkerung weiter unter Hunger und Epidemien. 1876-78 und 1899-1900 starben Millionen an Hunger. 1890 brach die Pest aus und 1919, wie im Rest der Welt, die grosse Grippe.

Zwischen 1757 und 1857 eliminierten die Briten den Hof der Moguln, und 3/4 der Aristokratie (Prinzherrschaften ausgenommen). Sie eliminierten auch über die Hälfte der lokalen Chefs (zamindars) und errichteten eine europäische Bürokratie an ihrer Stelle. Die neuen Herren trugen Europäische Kleider und Schuhe, tranken Importbier, Wein und Spirituosen und benutzten westliche Waffen. Ihr Geschmack wurde imitiert durch die männlichen Mitglieder der neuen indischen Mittelklasse die als Büromitarbeiter und Vermittler agierten. Das Resultat dieser sozialen und politischen Aenderungen war, dass etwa 3/4 der Nachfrage nach handgefertigten Luxusgütern verloren ging. Dies war der Untergang für viele Produzenten von Musselin, Juweliere, Schneider, Schuhproduzenten, Schwert- und Waffenschmiede. Ca. 5% des Nationalen Einkommens gingen so verloren, und im Export für Textilien nochmals 1.5%.

Der zweite Schlag kam durch die massiven Importe billiger Textilien aus England nach den napoleonischen Kriegen. Die ehemals in den Häusern übliche Spinnerei wurde dadurch stark reduziert. Die Nachfrage ging über an Faktoreien. Die erste Baumwollfabrik startete in Bombay um 1851, also 20 Jahre vor Japan, 40 Jahre vor China.

Von 1857 bis zur Unabhängigkeit

Zwischen 1858 und 1930 wurde ca. 0.9 bis 1.3% des indischen BSPs expatriiert. Tönt nach wenig, bedeutet aber, dass ca. 1/5 der indischen Ersparnisse (Gewinne) ins Ausland transferiert wurden, also für Investitionen in Indien nicht zur Verfügung standen. (Hier ein wichtiger Grund, warum Indien noch (beinahe) ein Entwicklungsland ist.) Dazu kam, dass weiter 5% vom britischen Personal in Indien verzehrt wurden. Verglichen mit der Notiz im vorhergehenden Abschnitt, dass nämlich die britische Besatzung nie mehr als 0.05% der einheimischen Bevölkerung ausmachte, also 1/2000, ist dann das aber doch nicht grad nix.

Interessanterweise gibt es bei den Stämmen des Jemen ähnliche Strukturen - allerdings mit einem deutlichen Unterschied, nämlich dass freie Wehrbauern als 3. Klasse aufscheinen, während dem Händler zu den Unberührbaren gehören:

  1. seyyid: Nachfahren Mohammeds
  2. ulama: Die religiös Gelehrten: qadis, imams
  3. qabili: Die Stammesangehörigen, freie Bauern, die bewaffnet und autonom für ihr eigenes Wohl sorgen können.
  4. ahl al suq: Menschen des Marktes, die gezwungen sind, sich und ihre Dienste andern anzubieten.
  5. muzzayin (Ausgestossene): Verachtete Tätigkeiten wie Metzger, Fischhändler, Gemüsebauer, Gastwirt, Gerber, Musiker, Töpfer, Qat-Händler, Servicepersonal und Sklaven.

Eine der wichtigsten Charakteristika der indischen Gesellschaft ist das Kastensystem. Es teilt die Gesellschaft in gegenseitig sich ausschliessende Gruppen deren ökonomische und soziale Funktionen klar definiert - und erblich sind (sind, nicht waren, denn das gibt es immer noch). Mitglieder unterschiedlicher Kasten heirateten nicht, assen nicht zusammen und hielten Distanz im gesellschaftlichen Leben. Alte religiöse Texte klassieren Hindus in 4 Hauptgruppen (4 vermutlich, weil die 5. keine ist, die gibt es quasi nicht, sozial):

  1. Brahmanen, die Priesterkaste an der Spitze der Gesellschaft, deren zeremonielle Reinheit nicht durch Handarbeit beschmutzt werden durfte. (Ja mei, so einen hehren Grund die Arbeit zu verweigern, muss man schon finden können ....)
  2. Krieger (kshatriyas)
  3. Händler (vaishyas)
  4. Bauern (shudras)
  5. Unreine, Kastenlose, Unberührbare, z.T. Ureinwohner (Dalit) > Paria

Die Kolonialregierung vergrösserte die bewässerte Landfläche um das 8-fache. Mehr als 1/4 von Britisch-Indien war bewässert, verglichen mi 5% im Indien der Mogule. Bewässerung wurde ausgedehnt um die Einkommen zu verbessern, aber auch um Hungersnöte zu verhindern. Ein grosser Teil der bewässerten Gebiete befand sich im Punjab und Sind, wo es vor allem darum ging, pensionierten Soldaten - an der Grenze zum umstrittenen Pakistan, ein einfaches Leben zu sichern. Diese ehemaligen Wüstengebiete wurden zur grössten bewässerten Landwirtschaftsfläche der Welt und ein bedeutender Produzent von Weizen und Baumwolle, für den Export eben so sehr wie für den Verkauf in andern Teilen des Landes.

Verbesserungen der Transportkapazitäten (speziell Züge, aber auch Flussboote und der Suez-Kanal) waren insofern günstig für die Landwirtschaft, als sie eine gewisse Spezialisierung erlaubten. Dies erhöhte die Ernten etwas, aber die Mehrheit des Landes betrieb immer noch Subsistenz-Landwirtschaft (Produktion primär für den eigenen Bedarf). Pflanzungen für Indigo, Zucker, Jute und Tee entstanden. Dies trug zum Export bei, war aber im Kontext der Indischen Landwirtschaft als ganzer von wenig Bedeutung. 1946 machten die zwei wichtigsten Exportprodukte, Tee und Jute, weniger als 3.5% des Bruttowertes der Pflanzenproduktion aus. Die Marktvergrösserung bot hier weit weniger Anreiz als in andern asiatischen Ländern wie Burma, Ceylon, Indonesien und Thailand.

Die moderne Jutefabrikation startete 1854. 1911 entstand das erste Stahlwerk von Tata in Jamshedpur, Bihar.

Viele der modernen und lukrativen Jobs in Business und der Verwaltung, blieben allerdings Ausländern vorbehalten. Die industrielle Effizienz litt unter der Nachlässigkeit der britischen Administration für technische Ausbildung und den Widerständen britischer Firmen und Agenturen, Inder in diesen Fähigkeiten zu trainieren.

Grossbritannien musste sich 1947 aus Indien zurückziehen, 1948 auch aus Sri Lanka und Burma.

Der Rückzug aus den Afrikanischen Kolonien folgte ein paar Jahre später, nachdem die USA den Rückzug aus Aegypten verlangt hatten.

Die Kolonien Belgiens, Frankreichs, der Niederlande und Japans wurden frei.

Im Westen herrschte die Hegemonialmacht USA - im Wettbewerb mit der UDSSR um die Anhängerschaft afrikanischer, asiatischer, ja sogar zentral- und südamerikanischer Länder.

2.5.7.4. China

Bis zum 19. JH war China der grösste und mächtigste Staat. Seine technische Fortschrittlichkeit und meritokratisch organisierte Bürokratie produzierten seit dem 5. JH.höhere Einkommen als in Europa. Erst im 19. JH. holte Europa auf - wurde aber von Chinas Bevölkerungszunahmen weit übertroffen. (Nicht vergessen: Bürger sind Produzenten - Produzenten sind Konsumenten.) Um 1820 lag das BIP von China 30% über dem von Westeuropa incl. seiner Ableger (USA, Kanada, Australien ....)

Ein Zwischenspiel: China als Seemacht

Die erste chinesische Hochseeflotte wurde 1232 gebaut. Die 1274 und 1281 gebauten grossen Flotten erreichten ihr Ziel, die Invastion Japans, jedoch nicht. Dies berichteten Marco Polo der Venezier im letzten Viertel des 13. JH und Ibn Battuta aus Marokko, der mehr als 50 Jahre später ebenfalls China bereiste.

Tribute die umliegende Völker an China zahlten waren für uns eine seltsame Sache. Sogar die Mongolen im Norden rissen sich eigentlich darum, China Tribut zahlen zu dürfen, da diese eine Beziehung eröffnete - und das Recht, Handel zu betreiben. Für China waren diese Tribute vor allem die Absicherung, Herr im Hause zu sein, Chinas Sicherheit garantieren zu können, als zivilisatorische Kraft die Barbaren an der Grenze zähmen zu können. Es ging China nicht um ein Imperium, sondern um Hegemonie.

Die chinesischen Schiffe unterschieden sich stark von denen im indischen Ozean wie denen der Portugiesen. Die "Schatzschiffe" hatten 9 Masten, kleinere ebenfalls mehrere Masten. Am Segel befestigte Querlatten aus Bambus erlaubten ein schrittweises und feines Regulieren. Wurde das Segel eingezogen, legte es sich sofort in Falten. Riss wurden auf den durch die Latten begrenzten Quadranten beschränkt. Grosse Schiffe hatten 15 oder mehr wasserdichte Kammern, so dass ein teilweise beschädigtes Schiff nicht sank und sogar auf hoher See repariert werden konnte. Diese Schiffe hatten 60 oder mehr Kabinen und waren damit um einiges komfortabler als die portugiesischen, die dementsprechend ein bisschen belächelt wurden, als sie das erste Mal vor Ostafrika auftauchten..

Mit einer beträchtlichen Flotte hatte Zheng He zwischen 1405 und 1433 sieben große Expeditionen in den Pazifik und den Indischen Ozean durchgeführt, dabei auch die Ostküste Afrikas erkundet, das Rote Meer und den Persischen Golf, lange bevor die Portugiesen unter Magellan dort auftauchten. Seine Reise wurde von 180 Medizinern begleitet, sammelte in China unbekannte Tiere, auch Haustiere und landwirtschaftlich nutzbare Tiere, brachte Strausse, Giraffen, Zebras, Stosszähne von Elefanten und Rhinos heim nach China (leider ...)

Nach dem Tod Cheng-hos ging die Begeisterung für solche Abenteuer jedoch schnell flöten. China wurde nie wieder zu einer Seemacht. Was die Regierung mehr besorgte, waren die Mongolen und Mandschuren im Norden. Die Versorgung der Hauptstadt wurde auch für Kriegszeiten garantiert durch den Grossen Kaiserkanal (2300 km, Distanz Paris-Istanbul) der 1415 eröffnet wurde.

China hatte sich im 15. JH aus einer aktiven Rolle im asiatischen Handel zurückgezogen. Es erlegte privatem Handel strenge Kontrollen auf und setzte Japan unter ein Embargo.

Um 1513 und 1521-22 wurden aber noch Anfragen von Seiten Portugals, mit China Handel betreiben zu dürfen, negativ beantwortet. Erst 1557 erwarb Portugal Macao - nachdem es einfach Schmuggel betrieben hatte. Die ersten Kontakte mit Japan fanden 1543 statt und Handel startete dort 1550, ebenfalls von der Basis in Macao aus.

Das Verbot des privaten Handels und das Embargo gegenüber Japan wurde 1567 aufgehoben. Dies eröffnete den Portugiesen unerhörte Chancen.

Während der ersten 3 Jahrhunderte der Ausdehnung europäischen Handels blieben jedoch Chinas Märkte viel schwieriger zu erobern als Amerika, Afrika oder der Rest von Asien. Der Handel hing immer ab von den Bedingungen die China stellte.

Zwischen 1840 und 1940 kollabierte die Wirtschaft Chinas. (Das 19. JH war für China ein schwarzes, nicht bloss wegen der massiven Taiping Rebellion von 1850–64). Das Pro-Kopf-Einkommen 1950 war nur 3/4 desjenigen von 1820 - und 1/12 desjenigen Europas. Dieser Einbruch viel zusammen mit der zunehmenden Angriffen durch fremde Mächte, vor allem die Japaner. Allerdings hatte China der Welt bereits im 15. JH den Rücken zugekehrt. Damals war seine Seefahrtstechnik derjenigen Europas noch weit überlegen. Danach jedoch hatte es den Kanonenbooten nichts entgegen zu setzen. 1793 versuchte eine britische Mission diplomatische Beziehungen herzustellen und demonstrierte die Anziehungskraft westlicher Wissenschaft und Technologie mit 600 Schachteln an Geschenken (Chronometer, Telekskope, ein Planetarium, chemische und metallurgische Produkte). In der offiziellen Zurückweisung hiess es: Es gibt nichts, dessen wir ermangeln - wir haben nie Wert gelegt auf seltsame und erfinderische Gegenstände, noch wollen wir mehr von Euren Fabriken. China begann erst 1877 offizielle Vertretungen zu etablieren.

Die Manchu-Regierung war bereits ab Mitte des 19. JH kurz vor dem Kollaps, die Kuomintang, die ihnen folgte, war gleichfalls inkompetent. Die Situation gleicht derjenigen von Indien beim Zusammenbruch der Mogulherrschaft. Allerdings war der westliche Kolonialismus ein ganz anderer ... und es war Japan das China eroberte.
Die koloniale Durchdringung wurde eröffnet mit der Einnahme von Hong Kong durch britische Kanonenboote 1842. Das Motiv war, freien Zugang zu Chinas Tee zu erhalten - im Austausch für Opium aus Indien. s. Vertrag von Nanking
Eine zweiter englisch-französischer Angriff 1858-60 öffnete den Zugang zu China über den Yangtse und das enorme Netz an Kanälen und Wasserwegen im innern Chinas, die bei Shanghai ins Meer münden.

Es war eine Periode des Freihandelsimperialismus. Westliche Händler gehörten zu individuellen Firmen, keinen Monopolgesellschaften. In scharfem Gegensatz zu den feindseligen und sich gegenseitig ausschliessenden Handelsregimes des 18. JH stipulierte der Cobden-Chevalier-Treaty "most favoured nations". 12 weitere Europäische Länder, Japan, die USA und 3 Lateinamerikanische Staaten erwarben die selben Privilegien noch vor dem 1. Weltkrieg. Diese Verträge zwangen China tiefe Zölle auf, legalisierten den Opiumhandel, erlaubten Ausländern in China Handel zu treiben - auf der Basis ihres eigenen, nationalen Rechts und der Rechtsprechung der Konsulate in 92 Vertragshäfen die zwischen 1842 und  1917 "geöffnet" wurden.

Franzosen, Deutsche, Italiener, Japaner und Amerikaner hatten ihre Niederlassungen entlang dem Whangpoo-Fluss gegenüber Pudong, mit exklusiven Verwaltungen, Klubs für Kricket und Tennis, country clubs, golf club, swimming pools, Rennplätzen, Kinos, Kirchen, Schulen, Hotels, Spitäler, Cabarets, Bordelle, Bars, Konsulate und Polizeistationen der Kolonialmächte. Aehnliche aber kleinere Einrichtungen gab es in Tientsin und Hankow. Die meisten Chinesen die innerhalb dieser geschlossenen Siedlungen erlaubt waren, waren Diener. Nebst der britischen Kolonie Hong Kong gab es noch 5 von den Briten, Franzosen, Deutschen, Japanern und Russen gemietete Territorien, inklusive der 100-Jahr- Miete der Neuen Territorien die an Hong Kong angrenzen, und 1998 zurückgegeben wurden.

Die grösste Beeinträchtigung chinesischer Souveränität und der grösste Schaden für seine Wirtschaft entstand durch Japan. Bereits 1590 hatte Hideyoshi einen Angriffsversuch unternommen durch eine Invasion Koreas. Das Meiji-Regime wiederholte diesen Versuch mit mehr Erfolg 1894/95. Der Druck stieg graduell, von eine Strafexpedition die Japan 1870 nach Taiwan gesandt hatte um seine Souveränität über die Ryuku Inseln bei Okinawa zu betonen (die selben, an denen sich Japan, China und die USA grad vor kurzem, September 2010, fast wieder zu einem Krieg aufgeilten, weil die Japaner ein chinesisches Fischerboot aufgebracht hatten.). 1876 landete die japanische Marine auf Korea und öffnete die Häfen Pusan, Inchon und Wonsan der japanisch-konsularen Jurisdiktion (also das Selbe, was früher England, Portugal und Deutschland mit China getrieben hatten). 1894 erklärte Japan Korea den Krieg und seine Streitkräfte überschritten den Yalu nach China. Im Vertrag von Shimonoseki (1895) wurde China gezwungen, das Ende seiner Souveränität über Korea anzuerkennen. Taiwan und die Pescadores wurden Japan übereignet. Japanische Bürger (und andere Ausländer) hatten nun die Erlaubnis, in China Fabriken zu eröffnen und zu produzieren. China musste eine Entschädigung zahlen die 1/3 des japanischen BSP betrug. Es musste dieses Geld durch ausländische Anleihen auftreiben. Dies löste eine Reihe weiterer ausländischer Ansprüche aus, und eine chinesische Delegation erklärte 1900 den fremden Mächten den Krieg. In 2 Monaten war China geschlagen durch eine konzertierte Aktion der feindlichen Mächte und Russland besetzte die Mandschurei. Japan schlug Russland im Krieg von 1905 und übernahm die südliche Mandschurei. Korea wurde zum japanischen Protektorat, und 1910 japanische Kolonie.

Japan besetzte 1931 auch die Mandschurei und etablierte 1933 den Puppenstaat Manchukuo, der 3 mandschurische Provinzen, Teile der Inneren Mongolei und Liaoning umfasste. China wurde gezwungen, die Umgebung von Peking und Tientsin zur demilitarisierten Zone zu erklären, was Nordchina ohne Verteidigung beliess. Im Juli 1937 griffen die Japaner erneut an. Sie dachten in einem kurzen Krieg ganz Nordchina zu übernehmen und danach eine gefügige Regierung im Süden als Teil ihrer eigenen neuen Ordnung Asiens zu dominieren. Die chinesische Regierung reagierte jedoch scharf und der Krieg mit Japan dauerte 8 Jahre. Er vermischte sich mit dem Zivilkrieg der Kuomintang gegen die kommunistischen Kräfte Maos. China musste also zwischen 1937 und 1949 12 Kriegsjahre überstehen. Deren zerstörerische Wirkung kamen der Taiping Revolution von 1850-64 gleich.

3. Die Weltökonomie

3.1 Japan & China

Vom 7. bis zur Mitte des 19. JH modellierte Japan seine Wirtschaft, Gesellschaft und Institutionen nach dem Vorbild China. Seine demographische Entwicklung war jedoch eine andere:

  1. Die japanische Bevölkerung wurde durch Hungersnöte und -Krisen beschränkt. Krankheiten und Kriege waren von deutlich weniger Einfluss als in China und Europa.

    Wasser wurde meist in Form von Thee konsumiert. Die Ernährung basierte auf Fisch, Reis, Soyabohnen, einer Vielfalt von Gemüse, Bambussprossen und Riesenrettich. Die buddhistische Tradition bedeutet auch, dass Japaner praktisch kein Fleisch assen. Sie hielten weder Kühe noch Schwein, Schafe, Ziegen, womit auch keine Misthaufen anfielen. Allerdings wurden menschliche Exkremente als Dünger verwendet. Die wenigen Ausländer die die Gelegenheit hatten, Japan zu besuchen, waren beeindruckt von der Sauberkeit der Toilettenanlagen und der Abwasserreinigung.

China erlitt grosse Verluste durch die mongolische Invasion in Nordchina 1234.

Die Fortschritte im China Sungs (960-1279), wie in Japan während des 17. und 18. Jahrhunderts, machten zusätzliche Arbeitskräfte nötig, führten also zu einer breiten Verteilung des Zuwachses an Wohlstand. Im 20. JH finden wir genau das Gegenteil. Der Anteil der Arbeit an der Wertschöpfung fällt, vor allem im industrialisierten Westen - zu Gunsten des Kapitals. Die Verteilung wird einseitiger und problematischer.

Auf Grund von Hungersnöten und Seuchen viel die Bevölkerungszahl um mehr als 50 Millionen zwischen 1850 und 1870. Zusätzliche schwere Verluste entstanden bis 1945 durch die japanische Invasion und den 2. Weltkrieg.

nach Tabelle 1.8 A, S. 40

In Japan verpflichtete das Tokugawa-Regime seine militärische Elite (daymo) ihre Vasallen (samurai) aus den Dörfern abzuziehen und in befestigte Städte zu verlegen.

> Es handelt sich also um eine ähnliche Zentralisierung wie unter Louis 14 in Frankreich.

Während der goldenen Jahre wuchst Japan viel schneller als Europa. Das Pro-Kopf-Einkommen stieg zwischen 1950 und 1973 um 8% pro Jahr - auf das 6-fache, nur 4% in Westeuropa. Die Arbeitsproduktivität stieg um 7.7% pro Jahr, um 4.8% im Westen, die totale betriebswirtschaftliche Produktivität um 5.1% (2.9 im Westen).

Japan war aus folgenden Gründen erfolgreicher als Westeuropa:

  1. Sein Pro-Kopf-Einkommen und Produktivitätsniveau lag 1950 bei weniger als 1/3 von Europa, es hatte also ausreichend Raum aufzuholen.
  2. Die japanischen Arbeitskräfte waren bildungsmässig bereits 1950 auf dem Niveau Europas - und zudem enorme Reserven an Geschicklichkeiten (wozu vermutlich auch Gehorsam und Einordnung zu zählen sind) die sie im Militärdienst erworben hatten, und die nun der friedlichen (wirtschaftlichen) Produktion zur Verfügung standen.
  3. Die Investitionsraten lagen höher.
  4. Die Beschäftigungsquote lag höher.

Diese Aufholjagd wurde zu einem ungewöhnlichen Grad durch Regierungspolitik gestützt. Im 17. und 18. JH hatte die Tokugawa-Regierung erfolgreich das selbe Einkommensniveau wie China angestrebt, nach 1868 wollte man mit Europa gleichziehen.

Eine Spezialität Japans ist der hohe Grad an Kooperation nicht nur zwischen Wirtschaft und Politik, sondern auch innerhalb der Wirtschaft. Die grossen Wirtschaftskonglomerate (keiretsus - ich setze den Link hier, wie in manchen andern in diesem Artikel, auf eine englische Seite, da diese viel vollständiger und informativer sind als die deutschen. Falls Englisch für Sie problematisch ist, können sie dort, auf der Seite, leicht den deutschsprachigen Link finden (immer links oben) und klicken) hatten intensive Kontakte mit den Banken - wie auch mit den kleinen Firmen, die als Zulieferer dienen. Die japanischen Gewerkschaften waren auf Betriebsbasis organisiert, die Arbeiter hatten Langzeitjobs, meist lebenslang, und ihre Interessen deckten sich so mit denen der Arbeitgeber. Die erfolgreichsten Mitglieder der bürokratischen Elite strebten oft Karrieren in der Politik oder wirtschaftlichen Führung an. Das MITI (Ministry of Trade and Industry) gab die administrative Führung für Firmen und Banken vor. Ressourcen wurden dort eingesetzt, wo Schlüsselindustrien Arbeitsplätze und Wachstum - vor allem auf Exportmärkten - versprachen. Der Konsenscharakter all dieser Beziehungen lässt sich auch aus der vernachlässigbaren Bedeutung von Rechtsanwälten in Japan ablesen - ganz im Gegensatz zu den USA.

Gegen 1990 verfügte Japan über 1/4 mehr Investitionskapital pro Arbeitskraft als Westeuropa - aber seine Produktivität lag deutlich tiefer. Arbeiter und Angestellte arbeiteten sehr lange und hatten fast keine Ferien. Es bestanden sehr grosser Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen - was in jeder fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft normal ist - sehr tiefe Produktivität in Landwirtschaft und Handel, Weltspitze in Autoproduktion, Stahl, Maschinenwerkzeugen und Haushaltelektronik.

Das Pro-Kopf-Einkommen stieg um 1% pro Jahr zwischen 1990 und 1998. Damit arbeitete Japan unter seinem Potential.

Hohe Investitionsraten zwischen 1970 und 1980, verbunden mit hohen Erwartungen, führten zu hohen Börsenkursen. Mit fallendem Wachstum namen allerdings auch die Einkünfte ab und die Profite fielen, was zum Einbruch der Börsenkurse 1989-92 führte, von dem sich Japan immer noch nicht erholt hat.  Der Nikkei lag 1999 bei der Hälfte des Wertes von 1989, während dem in den USA die Börsenkurse sich vervierfacht hatten, in Westeuropa um das 2.5-fache gestiegen waren. Dazu kam ein Einbruch der Preise für Bauland und Häuser von 1/3, was die Wirtschaft noch stärker beeinträchtigte als der Börsenkrach. Die Haushaltsvermögen (alles inklusive) fielen vom 8.6-fachen des verfügbaren Einkommens 1990 auf das 6.5-fache des verfügbaren Einkommens 1998. In den USA stieg dieser Wert von 4.8 auf 5.9, in Deutschland von 5.2 auf 5.4, in Frankreich von 4.2 auf 5.2. Der Kollaps der Profite und Börsenwerte in Japan führte zu einer sehr deflationären Situation.

> Der Vergleich von Vermögen mit dem verfügbaren Einkommen hinkt vielleicht etwas, denn überall ist das verfügbare Einkommen gesunken, meist auf Grund steigender Prämien der Krankenkassen und anderer Zwangszahlungen (Steuern, Versicherungen, bald noch Ausbildung). #

Die Regierung reagierte darauf mit einem massiven Zuwachs an extravaganten öffentlichen Bauwerken statt mit Steuerreduktion. Der Interbank-Diskontsatz der Bank of Japan fiel von 6% 1991 auf 0,5% 1995, wo er fünf Jahr lang blieb (d.h., um präzise zu sein, er ist heute (Oktober 2010) genau wieder dort, zwischen 0 und 0.5%)..

Auch hier, bei den Aktienindices, liegt das Land, das für wirtschaftliche Unbill gerne allen andern, weniger freihändlerisch eingestellten die Schuld gibt, doppelt so hoch wie der Rest der Welt. Es wird hier interessant sein, das mit den Zahlen von 2000 (dotcom-Blase) und 2008/9 (subprime-crash, also eine Wiederholung der junk-bonds-Spielereien) zu vergleichen, wo die Kurse massiv zusammen gebrochen sind. Die USA als Blasenfabrik?


3.2 Problemökonomien Ostasiens

In 6 Ländern Ostasiens, Afghanistan, Kambodscha, Laos, Mongolei, Nord Korea und Vietnam, war die Produktivität seit 1950 bedeutend schlechter als im Rest von Asien, damit blieben auch die Einkommen ziemlich tief. Vietnam scheint sich diesem Verein langsam aber sicher zu entziehen. Wie unten stehende Zahlen zeigen, war es bereits zuvor an der Spitze dieser Länder.

Die Oelstaaten

Die Oelstaaten wuchsen nicht nur, weil sie Geld quasi aus dem Boden pumpen konnten und können, sondern weil ihre Bevölkerung rapide zunahm. Der Reichtum generierte dazu viele Arbeitsplätze, die grossenteils von Ausländern besetzt werden mussten. Saudi Arabien erhöhte seine Bevölkerung auf das fünffache, Kuwait auf das 13-fache, Qatar wuchst zwischen 1950 und 1998 auf das 28-fache und die die Emirate gar auf das 32-fache.

Für die weitere Entwicklung müsste man hier mit mehr Detail auf die USA und auf das Wachstum im Finanzsektor eingehen. Dieser fehlt im besprochen Buch fast vollständig, war 1998 allerdings auch noch ein Stückchen weniger bedrohlich.

Arabische Oekonomien sind vielfach Rentnerökonomien - auch wenn diese "Rentner" z.B. Armee- oder Polizeiangehörige sind, die aber bloss rumhängen (Irak anno dazumals, Jemen, ...).

3.3 Die Wiederauferstehung Asiens

Japan gehört mit Taiwan zu den Staaten, die sich zuerst wirtschaftlich entwickelten. Während dem sich allerdings Taiwan doch recht gut halten konnte, ist Japan total abgestürzt, ähnlich wie Hong Kong (damals war Uebergabe, seither geht's wieder aufwärts). Stetig wächst China, heute an der Spitze, während dem die sog. Asiatischen Tiger lange mit der Asienkrise (1997/98) zu kämpfen hatten.

China verfügte über völlig andere Sachpolitiken und Institutionen. Bis 1978 war eigentlich alles Staatseigentum und unter staatlicher Kontrolle. Die Wirtschaftlichkeit wurde verbessert und die Strukturen verändert. Diese Beschleunigung der Entwicklung wurde möglich durch den massiven Zufluss von Kapital und Arbeitskräften. Immer noch klafften allerdings die Wunden des "grossen Sprungs vorwärts" und der Kulturrevolution. Während Maos Zeiten gab es kaum Kontakte mit dem Ausland. Von 1952 bis 1973 erlegten die USA China ein Embargo von Handel, Reisen und Finanztransaktionen, von 1960 an taten die Russen das Selbe. Die Zuteilung von Ressourcen war extrem ineffizient. China wuchs langsamer als andere kommunistische Länder und langsamer als der Weltdurchschnitt.

Seit 1978 hat sich die Wirtschaftlichkeit durch die Liberalisierung stark verändert. Die Kleinindustrie dehnte sich stark aus, vor allem in ländlichen Gebieten. Das rigide Monopol des Staates im Aussenhandel wie das Ideal der autarken Selbstgenügsamkeit wurden nach 1978 über Bord geworfen.

Korea folgte und erzielte im letzten halben Jahrhundert das höchste Wachstum pro Kopf in Asien und weltweit. Von 1950 bis 1973 wuchs es mit 5.8% pro Jahr, zwischen 1973 und 1999 mit 6.1% pro Jahr. In der ersten Hälfte dieser Periode wuchs es halb so schnell wie Japan, in der zweiten doppelt so schnell - und dies trotz enorm hoher militärischer Ausgaben. 1998 erlitt auch Korea eine schwere Rezession und das Pro-Kopf-Einkommen fiel um 6.7 %. Dies war bedingt durch den übereiligen Abzug von ausländischem Kapital. s. Asienkrise.

Manila

Fernao de Magalhaes hatte 1511 an der ersten portugiesischen Expedition zu den molukkischen Gewürzinseln teilgenommen, war aber enttäuscht über seinen Lohn und Anteil nach der Rückkehr 1517. Er setzte sich ab nach Spanien, änderte seinen Namen in Magellan und überzeugte die Spanier davon, ihm eine Reise über die Westroute zu finanzieren. Die von ihm geleitete Expedition war die erste, die die Welt umrundete. Er fand eine Route um die Südspitze von Argentinien (Kap Horn). Bei einer Schlacht auf den Philippinen wurde er getötet. 15 Mann gelang die Rückkehr - 200 waren gestorben. Spanien gab seine Rechte an den Molukken gegen Bezahlung an Portugal ab, übernahm aber 1571 die Kontrolle über die Philippinen. Es blieb der einzige grössere spanische Kolonie ausserhalb Lateinamerikas. Mit der Route zwischen Acapulco und Manila hatte Spanien das Monopol, Silber gegen chinesische Seide und Porzellan zu tauschen.

Am 1. Mai 1898 wurde die veraltete spanische Flotte in der Schlacht in der Bucht von Manila von der modernen Flotte der USA unter Commodore George Dewey in nur wenigen Stunden komplett zerstört. Am 12. Juni 1898 erklärten sich die Philippinen für unabhängig und setzten Emilio Aguinaldo als Präsidenten ein. Im Dezember 1898 wurden im Pariser Frieden, auch Vertrag von Paris genannt, die Philippinen an die USA übergeben.

Am 4. Februar 1899 kam es durch amerikanische Soldaten zu der Erschießung eines philippinischen Soldaten, der in Manila eine Brücke in amerikanisch kontrolliertes Territorium überquerte. Dies war der Anfang des Philippinisch-Amerikanischen Krieges. Den amerikanischen Truppen gelang während der Schlacht um Manila (1899) die Unterwerfung der Region und die Errichtung einer Kolonialherrschaft, welche bis zur japanischen Besetzung Manilas im Zweiten Weltkrieg andauerte.

1946 wurde Manila Hauptstadt der unabhängigen Republik Philippinen, verlor diesen Status aber schon am 17. Juni 1948 durch den „Republic Act Nr. 333“ an Quezon City. Am 30. Dezember 1965 wurde Ferdinand Marcos in Manila zum Präsidenten gekürt - 1986 vertrieben. ...

3.4 Die Weltökonomie im 2. Jahrtausend

Im Jahr 1000 war das Einkommen in Westeuropa unter dasjenige von Asien und Nordafrika gefallen. In seiner langen Erholung holte es im 14. JH China ein (den Weltführer dazumals). Um 1820 war sein Einkommen und die Produktivität auf einem doppelt so hohen Niveau wie beim Rest der Welt, 1913 sogar 6 x.

  1. Venedig war vom 11. bis zum 16. JH die erfolgreichste westliche Wirtschaft.
    1. Venedig lag allerdings meist im Konflikt mit Genua (nachdem es einen Kreuzzug nach Konstantinopel dirigiert hatte, der diese  als Konkurrenz eliminierte.)
  2. Portugal war die zweite. Es wurde nie so reich wie Venedig, aber entwarf neue Schiffe und entwickelte neue Navigationstechniken die eine Reise um die Welt ermöglichten und Handelswege nach Afrika und Asien erschlossen. Mit Brasilien begannen 3 Jahrhunderte kolonialer Entwicklung in den Amerikas.
    1. Portugal lag im Konflikt mit Holland.
  3. Die Niederlande waren die dritte. Holland war in Europa führend zwischen 1600 und 1820 in Sachen Kapitaleinkommen, in Sachen offenem Markt und Spezialisierung - und es besass ein sehr grosses Handelsimperium in Asien.
    1. Holland führte 80 Jahre lang Krieg um sich von Spanien wieder befreien zu können, vier Kriege mit den Engländern und noch mehr mit Frankreich.
  4. Das Vereinigte Königreich war die vierte. Es übernahm das holländische Modell internationaler Spezialisierung und kommerzieller Entwicklung, baute ein noch grösseres koloniales Imperium auf und spielte die Pionierrolle in industrieller und Transporttechnologie
    1. GB führte zwischen 1688 und 1815 über 60 Jahre lang Krieg auf dem Kontinent, und weitere 10 Jahre zwischen 1914 und 1945.

Die Weltwirtschaft gedieh viel prächtiger im 2. Jahrtausend als im ersten. Zwischen 1000 und 1998 vermehrte sich die Bevölkerung auf das 22-fache, das Pro-Kopf-Einkommen auf das 13-fache. Im 1. Jahrtausend war's bloss 1/6 - während dem das Pro-Kopf-Einkommen sogar leicht fiel.

Das zweite Jahrtausend umfasst zwei deutlich unterschiedliche Epochen. Von 1000 bis 1820 stieg das Pro-Kopf_Einkommen nur sehr gering, weltweit um 50%. Das lag vor allem daran, dass sich die Bevölkerung vervierfachte. Ab 1820 wurde die Entwicklung dynamischer und intensiver. Das Pro-Kopf-Einkommen wuchs nun stärker (das 8.5-fache) als die Bevölkerungszahl (das 5.5-fache).

Die Entwicklung einzelner Regionen verlief sehr unterschiedlich in beiden Epochen:

3.4.1 Die Weltbevölkerung im 2. Jahrtausend

Grosse Katastrophen ereigneten sich im 6. und 14. JH und einige Länder erlitten deutliche Rückschläge im 17. JH (30-jähriger Krieg). Bis zum 19. JH wurde der Bevölkerungszuwachs immer wieder durch Krisen unterschiedlicher Länge und Härte unterbrochen. Es waren hauptsächlich 3 Typen:

  1. Hunger - vor allem auf Grund von Ernteausfällen
  2. Infektionen (Pest, Cholera, Typhus, Dysenterie, Grippe Masern, Pocken, ....)
  3. Krieg

Meist interagierten diese noch auf unterschiedliche Weise. Alle europäischen Länder lagen nahe beim Subsistenzniveau, mit ärmlichen Transport- und Lagerkapazitäten.

Städte waren damals noch keine Orte grösserer Sicherheit. Im Gegenteil. Die Ansteckungsgefahr war viel höher, der Dreck und Gestank gewaltig. Die Kindersterblichkeit lag etwa im London des 18. JH doppelt so hoch wie im ruralen Umland.

Der Fortschritt in Sachen Gesundheit zeigt sich am stärksten anhand der Kindersterblichkeit. Um 1820 lag diese in Westeuropa noch zwischen 150 und 200 pro 1000, bei 200 in Japan. Um 1990 noch bei 7 im Westen, bei 4 in Japan. Werte über 200 gibt es heute noch in Afghanistan, Angola, Chad, Kongo, Mali, Niger (mit 262 Spitzenreiter), Ruanda.

3.4.2 Die Weltwirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Die Weltwirtschaft lief besser im letzten halben Jahrhundert (von 1998 gesehen) als zu irgend einer Zeit in der Vergangenheit. Das Welt-Bruttosozialprodukt versechsfachte sich zwischen 1950 und 1998 mit einem durchschnittlichen Zuwachs von 3.9% pro Jahr, verglichen mit 1.6% zwischen 1820 und 1950, 0.3% zwischen 1500 und 1820.

Beziehungen zwischen verschiedenen Teilen de Weltwirtschaft wurden intensiver. Das Volumen der gehandelten Güter stieg noch rascher als das BSP. Das Verhältnis der Exporte zum Welt-BSP stieg von 5.5% um 1950 auf 17.2% um 1998. Eine riesige Zunahme von internationalen Reisen und andern Dienstleistungen verlief parallel dazu.

Der Zufluss ausländischer Investitionen in die ärmeren Teile der Welt (Afrika, Asien mit Japan, und Lateinamerika) stieg beträchtlich von 4% auf 22% des BSPs. Allerdings ist der gegenwärtige Level nur bei 2/3 desjenigen von 1914. Mehr als die Hälfte der Ausdehnung internationaler Investitionen des letzen halben Jahrhunderts fand innerhalb der kapitalistisch fortgeschrittenen Gruppe statt (nicht nur zum Vorteil der Bevölkerung dieser Länder, denn Blasen machen mehr als nur "plopp" wenn sie platzen.)

Die internationale Migration nahm wieder zu. Westeuropa absorbierte zwischen 1950 un 1998 über 20 Millionen Immigranten, die westlichen Ableger 34 Millionen. Es gab aber deutliche Aenderungen im Westen. Zwischen1870 und 1949 wanderten die Leute aus, auf der Suche nach einem besseren Leben. Seit 1950 hat sich die Situation ins Gegenteil verkehrt:

Das Zeitalter des Kapitalismus kann in 5 Entwicklungsphasen eingeteilt werden:

  1. Das goldene Zeitalter von 1950-73 mit dem höchsten Wachstum
  2. Die neoliberale Ordnung unserer Zeit (Perspektive 1998), d.h. seit 1973, wo die einen bereits den andern was wegnehmen müssen, um besser zu verdienen
  3. 1913-1950, mi einem Wachstum unterhalb des Potentials, bedingt durch 2 Kriege, dem Kollaps des Welthandels, der Kapitalmärkte und der Migration.
  4. 1870-1913, mit etwas geringerem Wachstum als heute
  5. 1820-1870, die Initialphase des Kapitalismus wies das langsamste Wachstum auf - und war beschränkt auf Europa und seine Ableger.

Nach dieser Ausstellung befinden wir uns heute im Postkapitalismus, müssen uns also dringen überlegen, wo wir dafür und wo dagegen sind. Ein banaler Antikapitalismus stösst langsam aber sicher ins Leere.

Die Bevölkerung begann im Westen, vor allem in den Einwanderungsländern Nordamerikas zuerst zu kulminieren (1820-1870), Westeuropa folgte, dann Japan, dann der Rest von Asien, Südamerika und Osteuropa, während dem Afrika auf diese Entwicklung immer noch wartet. Von Ueberbevölkerung ausgerechnet in Afrika zu reden, ist also etwas fahrlässig. Gemessen am BSP wird Afrika allerdings auch heute links liegen gelassen. Praktisch alle Staaten haben dieses am stärksten in der Periode nach dem 2. Weltkrieg entwickelt. Afrika leidet aber mit Osteuropa und Russland unter dem Zusammenbruch der eher kooperativen Wirtschaftssysteme.

Aeusserst klar wird hier, dass Asien, also vor allem China, bis weit ins 19. JH hinein weitaus produktiver waren als Europa und auch die USA. Mit dem Aufkommen moderner Technologien, der Industrie, haben sich vor allem die USA (westliche Ableger: USA, Kanada, Australien, Neuseeland) einen mächtigen Anteil am BSP der Welt erobert. Der Zusammenbruch des Kommunismus führte dagegen zu einer Serie an Ländern mit Oekonomien auf dem Niveau von Neo-Entwicklungsländern (ein Begriff, der eigentlich zum Wettbewerb dazu gehört, denn da fangen die meisten irgendwann wieder von vorne an).


Die "Ungerechtigkeit" der Welt, insbesondere der Wirtschaftswelt, wird hier sichtbar. Die USA mit bloss knapp 5% der Weltbevölkerung verfügen über 22% des Bruttosozialproduktes der Welt, China mit 1/5 der Weltbevölkerung bloss über 11.5%. Noch stärker die Differenz bei Indien: 16.5% der Weltbevölkerung - 5% des Weltbruttosozialprodukts.

Westeuropa und die USA kommen allerdings in den 70ern (Zerfall des Bretton-Woods-Abkommens, Zerfall der Leitwährung $ (s. auch letztes Kapitel: Der Niedergang): Preisstabilität wird wichtiger als Vollbeschäftigung!), spätestens in den 90ern  (gradueller Anstieg der Arbeitslosigkeit auf einen Schnitt von ca. 11%) ebenfalls unter Druck. Keynes wird beiseite geschoben, Monetarismus und Neoliberalismus (Friedman: Chicago School, Hayek (Oesterreichische Schule) regieren, zum Teil bis heute. Zu Ende des 20. JH existierte in der Schweiz z.B. kaum mehr ein Professor der nicht dieser Glaubensrichtung angehörte. Arbeitslosigkeit wurde damit zum normalen Korrektiv wirtschaftlicher Ungleichgewichte, dass es nicht zu korrigieren, sondern als gott-, d.h. marktgegeben hinzunehmen galt. Die Knobelpreisgekrönten Arbeiten von Diamond, Mortensen und Pissarides über Suchstrategien am Arbeitsmarkt sind hier auch nur ein gaaaanz kleines Schrittschen weiter gekommen, indem sie zumindest bestätigen, dass Arbeitssuche Zeit, also Geld, braucht. Sie unterstützen also z.B. Arbeitslosenversicherungen als richtig - was bei traditionellen Marktgläubigen wie den USA nicht der Fall ist. Das grössere Problem, dass Wissen und Erfahrung immer rascher veraltet, die Erhaltung der Arbeitsmarktfähigkeit also immer mehr Zeit und Geld braucht, fehlt noch total. Zudem erklärt ihr Modell auch nicht, warum die Arbeitslosigkeit trotz Erholung immer länger anhält - also auch so immer mehr Langzeitarbeitslose auf der Strecke bleiben. (Ich geb Ihnen hier keinen Link. Suchen Sie mal selbst nach Diskussionen, ist recht interessant.)

Die folgenden 2 Graphiken sind etwas schwierig zu interpretieren:

In den meisten Ländern blieb der Beschäftigungsgrad in etwa stabil. In Frankreich und Spanien hat er sich stark verringert - in den USA und Irland seit 1973 jedoch stark erhöht. Man kann das als Verbesserung auffassen (im Falle Irlands, das immer unter hoher Arbeitslosigkeit litt - man kann es aber auch als zunehmenden Zwang ansehen, immer weitere Bevölkerungsteile, die Frauen vor allem, ebenfalls in den produktiven, geldorientierten Markt zu integrieren (USA). Beide Fälle, USA und Irland, hatten enorme Zuwüchse der Arbeitslosenzahlen nach der Finanzkrise 2008.

Seltsam ist der Fall Spanien. Pluriempleo, die Notwendigkeit, mehrere Stellen einzunehmen, plagte Spanien bereits 1980 massiv. Anhand dieser Zahlen hier muss man aber annehmen, dass das nicht funktioniert hat, vielmehr, dass genau diejenigen noch einen zweiten oder dritten Job kriegten, die bereits einen hatten, der vermutlich gekürzt, zum Teilzeitjob wurde. Auch Spanien boomte nachher, in der hier nicht mehr aufgezeichneten Phase - erlitt aber einen ähnlichen Absturz wie die USA und Irland.

Spanien (38.6) und Frankreich (34) haben die absolut tiefsten Beschäftigungsgrade, in Frankreich auch Arbeitszeiten. Dass Sarkozy hier auf Probleme - und Widerstand - stösst, versteht sich von hier. Obwohl er auch sonst nicht so der sympathischste ist, dieses Problem wurde nicht von ihm verursacht.

Gleichzeitig ist die durchschnittliche Arbeitszeit um etwa 1/3 gefallen in den letzten 50 Jahren. In den USA allerdings nimmt sie seit 1973 wieder zu. Heute stehen fast alle Länder unter Druck, insbesondere das Pensionszeitalter zu erhöhen - auf Grund der heute viel längeren Lebenserwartung. Frankreichs Bevölkerung, die das offenbar verhindern will, auf einem echt problematischen Niveau (Pensionierung mit 58, Lebenserwartung 77.8 Jahre bei Männern, 84.9 bei Frauen, 81.4 im Durchschnitt) -also 23.4 Jahre durch AHV und Pensionskasse zu finanzieren.

Das Problem ist allerdings nicht ganz einfach, nicht so einfach, wie es sich Sarkozy zur Zeit macht. Man müsste, um alle gleich gerecht zu behandeln, die einzelnen Branchen eben unterschiedlich behandeln. Auch in der Schweiz ist bekannt, dass eine grosse Zahl von Bauarbeitern das Pensionsalter gar nicht erreicht, die Lebenserwartung in dieser Branche also deutlich tiefer liegt als der Durchschnitt. "Gleichberechtigung" würde hier also heissen, dass man einzelne Branchen, je nach Belastung der Gesundheit, unterschiedlich und eben grad nicht gleich behandelt. Der Verlauf der Produktivität ist ja ebenfalls unterschiedlich. Sportler müssen mit 30 ja praktisch in Rente gehen - oder was anderes machen. Abenteuerkapitalisten sind entweder mit 30 Millionäre - oder bereits seltsame Gestalten. Wissensarbeiter sind mit 30 bis 40 immer noch am lernen, sind eigentlich lebenslänglich am Lernen, müssen also sehen, dass sie mit dem erworbenen Wissen was sinnvolles anstellen, bevor es sich verdünnisiert, was auch ihnen mit spätestens 70 oder 80 blüht.

Gerecht und sinnvoll wäre es, die Menschen nach ihren Fähigkeiten und Wünschen arbeiten zu lassen. Junge sollen Erfahrungen sammeln dürfen, auch Fehler machen dürfen, denn wer keine Fehler machen will oder darf, kann auch kein Risiko eingehen, und bereits das Leben ist ein Risiko. Aeltere sollen sich, je nach Belastung durch ihr Lebenswerk, je nach Gesundheit und Wunsch nach weiterer Arbeit, eher schrittweise aus dem Arbeitsleben zurückziehen können, als mit einem fixen Altersbruch: 65 - peng, überfllüssig. Natürlich sind ältere nicht mehr für sportliche Leistungen zu gebrauchen wie Junge, aber wo bitte haben schon einenen Betrieb gesehen, in dem das Management soooo hart arbeitet wie während des sportlichen Trainings, das ja dort immer mehr zum Obligatorium wird? Schabernack. Aeltere haben andere Qualitäten als Junge, und weder sollen die Alten den Jungen "jegliche Brauchbarkeit" absprechen - noch umgekehrt. Was hier zu wem, wer hier zu was passt, ist halt ein bisschen kompliziert, ein bisschen komplizierter sogar als die Arbeit von Diamond, Mortenssen und Pisiarides. Vielleicht hätten die halt erst mal versuchen sollen rauszufinden, warum ein paar sauber assortiertes Pakete an Socken nach einiger Zeit nur noch ein Haufen von Einzelsocken sind, von denen sich kein einziges Paar mehr bilden lässt.

In den 70ern war die Inflation ein Scheckgespenst, pardon, Schreckgespenst, das die Schulden zum Teil den Geldgebern überliess.



Danach zogen diese es vor, die Kosten von Umstrukturierung und Marktzyklen lieber den Arbeitskräften anzulasten. Besonders Irland und Spanien werden hier stark betroffen, 1994-98 dann auch Finnland.

Allerdings entgeht kaum ein Land stark steigender Arbeitslosigkeit.

Es zeigt sich hier allerdings auch deutlich, dass dieser Anstieg bereits 1950-73 eingesetzt hat, also eher auf die immer weiter steigende Spezialisierung und damit das Problem der "Wiederverwertung" von Ausbildung und Erfahrung zurückzuführen ist.


Alle Länder haben steigende Staatsquoten, meist bedingt durch zunehmende Sozialausgaben. Dennoch ist keiner dieser Staaten derart verschuldet heute wie das Land mit den höchsten Schulden, das seine Steuern halt am liebsten in Kriege und die Hardware dazu investiert.

Die Schweiz ist hier, mit 36 oder 46%, je nach Rechnung (Einbezug der 2. Säule) in gutem Umfeld, und hat wahrlich keinen Grund zur Klage.

Die USA waren der grösste Gewinner der Globalisierung und der internationalen Kapitalmärkte. In der Nachkriegsperiode bis 1988 überstiegen die US-Vermögen jeweils seine Schulden, danach aber fielen die Netto-Auslandsguthaben von 0 auf -1.5 Billiarden $ (20% des BSP). So half und hilft der Rest der Welt den USA ihr Bilanzdefizit zu decken.

Auf der andern Seite waren es meist die US-Importe welche die Nachfrage weltweit aufrecht erhielten. Eine Welt in der die einen Arbeiten, die andern das ausgeben, dürfte allerdings nicht all zu lange Bestand haben.

Deutschland ist offenbar nicht bloss (Ex-)Exportweltmeister, sondern auch Importweltmeister, während dem sich die Importe der dafür ebenso gerügten (gewaltiges Budgetdefizit) wie gelobten (ganz Europa hängt an den Importen der USA) USA eigentlich recht bescheiden ausnehmen. Japan schottet sich nicht stärker ab vom Weltmarkt als die USA, sondern bloss genau so.

Die Produktivität geht weiter zurück im Sektor der Computernutzung. Es gibt keinen Hinweis auf ein "Spillover" von der Informationstechnologie zu andern Industrien. Dies wird vor allem darauf zurückgeführt, dass die Absorption (die Einführung) der neuen Mittel eine Menge an finanziellen und personellen Ressourcen band. Gut geschultes Personal wurde immer wichtiger, das Material dagegen immer kurzlebiger, wenn auch leistungsfähiger und eigentlich stabiler. Dazu kamen echt haarsträubende Fehler wie der herbeigeredete y2k-bug-Terror.

3.5 Der Niedergang (s. auch: Schluss mit Wachstum!)

In Lateinamerika führte der Kollaps von Bretton Woods (1973) zu einer galoppierenden Inflation. Die Auslandsschulden stiegen zwischen 1973 und 82 auf das Siebenfach. Dazu versaute die Mexikokrise 1982 die Kreditwürdigkeit Lateinamerikas total. Der Fluss an Auslandsinvestitionen brach zusammen. Die "Lösung", das Geld einfach mal zu drucken, führte zu galoppierender Inflation. Diese war immer am flagrantesten in Chile. Zwischen 1880 und 1913 stiegen die Preise jährlich um 5.6%, 1913-1950 und 8.3%, 1950 bis 1973 und 48.1%.

Chile war das Kernland der strukturalistischen Schule die argumentierte, dass ökonomische Starrheit es unmöglich machen würde, mit orthodoxen monetären Rezepten die Inflation in den Griff zu kriegen, dass man also mit ihr leben müsse, sie zu tolerieren habe oder sie sogar als politisches Instrument nützen müsse. Oekonomen dieser Schule neigten zu detaillierten Regelungen und Subventionen, Wechselkurs und Handelskontrollen, und staatliche verwalteten Preisen. Sie gerieten so um 1950 in schwere Konflikte mit dem IWF.

Die Alliende-Administration, die ab 1970 regierte, war ein ideologisches Gemisch aus Strukturalismus, Marxismus und einem Schuss peronistischem Populismus. Ihre Politik der Nationalisierung ausländischer Kupferbeteiligungen, gesteigerten Sozialausgaben, Landreformen und der Uebernahme privater Unternehmen untergrub das Vertrauen der Investoren und senkte die Produktivität, ausgerechnet zu dem Zeitpunkt als eine Steuer- und Geldpolitik der Ausdehnung die Inflation anheizte.

Der militärische Sturz von Allende 1973 brachte eine völlige Umkehr der Politik. Sie war nun substantiell beeinflusst von den Chicago Boys, die hier eine Möglichkeit sahen, mit ihren Modellen des Monetarismus und "laisser faire" zu experimentieren, da das Regime mit seiner Brutalität über ein hohes Vertrauen verfügte.

Nach 1975 nahm das Wachstum wieder zu - fiel aber erneut (um 14%) in der grossen Rezession von 1981-83. Dieser Rückschlag war auf 2 grosse Irrtümer zurückzuführen. 1979 wurde die Idee aufgegeben, die einheimische Geldmenge zu kontrollieren, und man setzte auf fixe Wechselkurse, d.h. die Währung wurde an den Dollar gebunden. Man erwartete, dass sie dadurch auf das normale Weltmass zurückgehen würde. Stattdessen führten fallende Kupferpreise 1979-81 zu enormen Budgetdefiziten (15% des BSP), worauf man den Wechselkurs dem freien Fall überliess. Für die Banken und Investoren war dies ein Desaster, für das Land in der Folge auch.

Der Transformationsprozess in der ehemaligen UDSSR und Osteuropa

In allen 15 Nachfolgestaaten der UDSSR liess das Wachstum bereits 1973-90 stark nach (da waren sie ja noch in einer bestehenden UDSSR). Der Grund war allerdings ein anderer als in Westeuropa. Die UDSSR war ziemlich isoliert von der Weltökonomie und isoliert von inflationären Schocks, spekulativen Wellen und Geldbewegungen wie sie den Westen beutelten. Es gab keine Arbeitslosigkeit (offiziell, bloss Untätigkeit, und auch die bloss inoffiziell). Die Produktivität betrug also nicht mal die Hälfte derjenigen des Westens. Speziell nach 1973 bewegte sich alles abwärts, Betriebsproduktivität, Kapitalproduktivität und Arbeitsproduktivität. Dafür gab es 3 Hauptgründe.

  1. Der Rückgang mikroökonomischer Effizienz (Versagende Motivation in der Planwirtschaft)
  2. die steigende Bürde militärischer Ausgaben (wohlweislich von Reagan durch US-Druck in Gang gesetzt: sdi und ähnliche Scherzpakete, die heue wieder grossen Zulauf erhalten, wegen dieser bösen Perser ...)
  3. die Erschöpfung natürlicher Ressourcen: Luft- und Gewässerverschmutzung, bis hin zu ökologischem Horror (Nuklearabfälle auf der Halbinsel Kola z.B.)

Die Mängel der Ressourcenallokation waren offensichlich. Durchschnittliche wie inkrementelle Kapital/Output-Relationen waren höher als in den kapitalistischen Ländern (zu Deutsch: Statt mit weniger, wurde mit mehr Aufwand produziert). Material wurde verschwendet, da es unter den Produktionskosten geliefert wurde. Unterversorgung führte zu dauerndem Horten. Der Stahlkonsum in den UDSSR war 4 x höher als in den USA, das Verhältnis des industriellen Mehrwerts gemessen an der Gesamtproduktion was tiefer als im Westen. Eine durchschnittliche Firme in der UDSSR hatte 814 Mitarbeiter, in Deutschland und GB 30. Der Transfer westlicher Technologie wurde behindert, ausländische Investitionen fehlten, ausländische Techniker und Wissenschaftler kriegen kaum Zugang. Die Arbeitsanreize waren ärmlich, Herumhängen am Arbeitsplatz die Norm. Die tiefen Löhne motivierten wenig. Die Qualität der Konsumgüter war unter aller Kanon. Verkaufs- und Servicestellen gab es wenige. Die Preise standen in keinem Verhältnis zu den Kosten. Brot, Butter und Wohnungen wurden stark subventioniert. Die Konsumenten verschwendeten ihre Zeit beim Warten und Handeln, manchmal Bestechen, bis sie die Güter oder Dienstleistungen erhielten die sie wünschten. Schwarzmärkte waren weit verbreitet - aber auch spezielle Läden für die Nomenklatur. Zynismus, Frustration, Alkoholismus nahmen zu, Lebensfreude und Lebenserwartung ab. (Ein nicht zu vernachlässigendes Ziel eines guten Wirtschaftssystems ist, neben der Versorgung mit notwendigen Gütern, Erhalt und Förderung der Lebensfreude und Lebensenergie.
Die Ausgaben der UDSSR für ihr Militär und die Raumfahrt betrugen etwa 15& um 1970 und 1980, etwa das 3-fache der USA (die dafür allerdings die grösste und modernste Armee der Welt betreibt), das 5-fache von Westeuropa. Ebenso gingen hohe Zahlungen an die Bruderländer Afghanistan, Kuba, Mongolei, Nordkorea, Vietnam und Klientelstaaten in Afrika. (die sich 1990 andere "Freunde" suchen mussten, wie etwa der Südjemen).
Die Kosten für die Ausbeutung natürlicher Ressourcen stiegen ebenfalls an. 1950 konnte sich die Landwirtschaft noch auf unbenutzte Böden ausdehnen, deren Fruchtbarkeit allerdings rasch erschöpft war. Der Aral See wurde schon fast ganz zur salzigen Wüste. Die Ausbeutung von Mineralen und Energie in Sibirien bedingt grössere Infrastrukturkosten als im Europäischen Russland. Der Unfall in Chernobyl verschmutzte eine ganze Region, grösser als die Ukraine.

In der jungen Russischen Rumpf-Republik wurde 1992 eine Regierun aus jungen, radikalen wirtschaftlichen Reformern eingesetzt, die die alten Kommandostrukturen über Bord warfen, die meisten nationalen Preise frei liessen, Hindernisse des Aussenhandels entfernten, das Militärbudget auf einen Bruchteil kürzten, Staatshandel verwarfen, alle Arten an privatem Handel legalisierten und einen Prozess der Privatisierung einleiteten, der allerdings einen grossen Teil des Staatseigentums zu Schleuderpreisen ausverkaufte. Zwischen 1990 und 1998 wurden Anlagen im Wert von 7.5 Milliarden $ privatisiert, in Brasilien zur selben Zeit 66.7 Milliarden. Das durchschnittliche BSP der beiden Länder war in diesen Jahren gleich hoch, aber Brasilien verkaufte einen viel kleineren Teil seiner Anlagen. Der Uebergang zur Marktökonomie war rasch, das Resultat aber, während einer ganzen Dekade, eine Abwärtspirale des Einkommens der Massen der Bevölkerung. Das BSP der Russischen Republik war 1998 um 42% tiefer als 1990.

Der Aufstieg der neuen Finanzoligarchie

Die EBRD diagnostizierte als Problem, entstanden unter dem 'shares for loans'-Schema 1995, dass viele Schlüsselressourcen in die Hände einer kleinen Gruppe von Finanziers gefallen war, den sog. Oligarchen. Dies führte zu einem scharfen Anstieg an Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Reichtum. 1997 erreichte der Gini-Koeffizient in Russland den Wert von 0.5, also vergleichbar Kolumbien oder Malaysia. Das Investitionsklima wurde korrupt, intransparent, basierte teilweise auf Barter, und fast immer auf Amigo-Systemen (cronyism/Nepotismus). Dazu nahmen die Sozialausgaben ab. Dies alles zeigt die Uebernahme des Staates durch kleine Interessengruppen.

Es gab Gesetzgebung um westliches Eigentumsrecht zu etablieren, aber die Buchhaltung ist undurchsichtig und die Inerpretation der Regierung was Eigentum betrifft willkürlich. Viele Unernehmen sind kriminellem Druck unterworfen (Mafia). Eigentümer sind unsicher, ob ihr Recht honoriert wird. Arbeiter sind unsicher, ob ihre Löhne bezahlt werden. All dies macht die Ressourcenverteilung ineffizient.

Der Uebergang zum Kapitalismus brachte grosse Aenderungen in der Einkommensverteilung. Im alten System war der Grundbedarf (Brot, Unterkunft, Bildung, Gesundheit, Tagesstätten und soziale Dienstleistungen) hoch subventioniert oder in staatlichen Betrieben für ihre Mitarbeiter sogar gratis. All dies wurde teurer, der Wert von Löhnen, Pensionen und Ersparnissen jedoch durch eine Hyperinflation weggefressen. Das Ende des Anstehens, bessere Qualitäten und eine grössere Auswahl an Konsumgütern durch Import waren Wohlfahrtsgewinne, die sich jedoch nur diejenigen leisten konten, die in der Marktwirtschaft erfolgreich waren.

Die Europäische Bank für Rekonstruktion und Entwicklung (EBRD) schätzte kürzlich die Zunahme der Armut. Zwischen 1987/88 und 193/95 stieg der Anteil der Armutsbetroffenen in den westlichen Teilstaaten mit 212 Millionen Einwohnern von 2% auf 50%. In vier zentralasiatischen Staaten mit 49 Millionen Einwohnern von 15 auf 66%, und in den 3 baltischen Staaten von 1 auf 29%. Dies war um einiges übler als die Erfahrungen der Zentral- und Osteuropäischen Staaten - mit Ausnahme Rumäniens.

Die Landwirtschaft bleibt ohne Reform

Ein dritter grösserer Fehler des Wandels war der Umgang mit der Landwirtschaft. In Russland und der Ukraine lag die landwirtschaftliche Produktion 1998 um 42% unter derjenigen von 1990. Dieser ist ein erstaunlicher Kontrast zu China wo er um 56% anstieg in den 7 Jahren nach der Reform von 1978.

Osteuropäische Länder

Das Wirtschaftssystem der osteuropäischen Länder war das Selbe wie das der ehemaligen UDSSR bis zum Ende der 80er, so auch ihre makroökonomische Leistung. In den goldenen Jahren 1950-73 hielt das Wachstum des BSP in Osteuropa schritt mit dem im Westen. Von 1973 bis 1990 begann es zu stottern, als das wirtschaftliche und politische System einzubrechen begann. Nur noch 0.5% wurden erreicht, gegenüber 1.9% im Westen. Seit 1990 hat Osteuropa die selben Probleme, aber der Prozess begann etwas weniger traumatisch als in der UDSSR. Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen waren 1998 gleich gross wie 1990, in der UDSSR jedoch 40% tiefer. Es gab starke Unterschiede in den einzelnen Ländern. Polen, bei weitem der grösste Wirtschaftsraum mit den schlechtesten Leistungen zwischen 1973 und 1990, zeigte einen rascheren Anstieg als alle Europäischen Länder, mit Ausnahme Irlands. Die Tschechische und Slowakische Republik und Ungarn erholten sich auf das Niveau von 1990. Der schlimmste Fall ist das ehem. Jugoslawien, das unter blutigen Konflikten in 5 Teile zersprang. Rumänien und Bulgarien ging es ebenfalls schlecht, zum Teil weil ihre Wirtschaft unter den Kriegen in Bosnien und Kosovo litt, unter den Sanktionen oder unter der Bombardierung von Brücken über die Donau. Mit Ausnahme von Polen war die Wirtschaftsleistung enttäuschend. Da das Pro-Kopf-Einkommen in Osteuropa nur etwa 30% des westlichen beträgt, bestünde beträchtlicher Raum für Aufholarbeit.

Ostdeutschland dagegen hat freien Zugang zu Deutschland und den westlichen Märkten, hat enorme Transferzahlungen erhalten (1 Billiarde $ seit der Wiedervereinigung), und dennoch ist das BSP immer noch bloss halb so hoch wie in Westdeutschland. Das Problem, sozialistische Betriebe in produktive kapitalistische zu verwandeln war hier grösser, da Ostdeutschland in eine Währungsunion geriet, die die alte Ostmark und die Anlagen masslos überbewertete. (Gut gemeint - dumm gegangen). Die meisten Industrieanlagen wurden geschleift. Der Beschäftigungsgrad liegt um 30% tiefer als 1990, weil die Arbeiter (wie Pensionäre und andere soziale Kategorien) plötzlich viel höhere soziale Leistungen erhielten.

> Diese Aussage, aus dem Text von Maddison übernommen, ist zwar markttheoretisch richtig, aber dennnoch fies und irreführend. Weiter oben wurde ja auch gesagt, dass praktisch alle Ostdeutschen Produktionsbetriebe geschleift wurden. Der Westen übernahm also die Absatzmärkte, produzierte, weil effizienter und von höherer Qualität auch für diese, aber ohne die "freigestellten Arbeitskräfte" zu übernehmen. Diese konsumieren zu einem grossen Teil auf Staatskosten. (Würden sie das nicht tun, wäre die deutsche Wirtschaft noch mehr am A...).

Die Gründe für ein besseres Abschneiden der Osteuropäischen Staaten im Vergleich mit der UDSSR sind folgende:

  1. Ihre Unterwerfung unter die Planwirtschaft war kürzer (40 Jahre im Vergleich zu den 70 der UDSSR). Dies gilt auch für die Baltischen Staaten, die erfolgreicher umgebaut wurden als die UDSSR (allerdings auch nicht sooo erfolgreich, dass sie der Krise von 2008 gewachen gewesen wären.
  2. Viele Ostblockstaaten hatten eh längst die Absicht, sich von der UDSSR-Hegemonie zu lösen. Jugoslawien 1950, Ungarn 1956, Tschechoslowakei 1968 und Polen 1980. Der Reformprozess betonte also mehr das Schaffen einer klaren und durchschaubaren Rechtsbasis für Verträge und Eigentumsrechte, und die Privatisierung führte nicht zu einer neuen Oligarchie beutegieriger Kapitalisten.

Martin Herzog, Basel, 17.10.2010