Von Acker- und Waldbauern zu Stadt-, Export- und Kapitalwirtschaft:

Mit Vollgas zurück ins 19 JH ... oder besser gleich ins feudalistische Mittelalter.
[Hans Rentsch: Der befreite Bauer. avenir suisse]

Resultate der Agrarplattform: Kein Gewinn mit Fleisch und Kartoffeln und auch Käse dient eher als Frequenzbringer

Warum Bauern sooo billig produzieren, dass sie ihre eigene Existenz gefährden.

Religion und Städte – die treibenden Wirtschaftsfaktoren des Mittelalters.

Was ist Wohlstand, wer bestimmt darüber, wer verfügt darüber?

Welche Faktoren bestimmen die Zufriedenheit?

Bauern und die Globalisierung

Bauern, Geld und Herrschaft

Bauern und Demokratie

Bauern, Boden und Herren

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Die Befreiung der Bauern durch die Demokratie

und ihre Wiederankettung durch Zinsen und Niedriglöhne.

 

Frankreich glitt ab 1770  in eine Wirtschaftskrise. Kleinbürger und Bauern litten unter einer extremen Steuerbelastung - während Adel und Klerus (Priester und Klosterleute) davon befreit waren und die Höflinge eh in Saus und Braus lebten. Die Grossbürger hatten zwar Geld, noch aber keinen (direkten) politischen Einfluss. [Es scheint sich also wenig geändert zu haben, wenn man sich ansieht, wer heute durch Steuersenkungen begünstigt wird.]

Die französische Revolution schaffte die Privilegien des Adels und der Kirche ab - aber, im ersten Ansatz noch nicht zu Gunsten der Armen. Nach der Verfassung vom April 1792 waren, genau wie beinahe 2000 Jahre zuvor, nur die wohlhabenden Bürger wahlberechtigt. Dies wurde erst durch die Montagnards nach dem Sturm der Tuillerien gewaltsam geändert. Damit war der Feudalismus zu Ende und die Bauern befreit.

Auch in der Schweiz, die sich gerne als Hort der Demokratie sieht, kann diese nicht auf eine tausendjährige Geschichte zurückblicken, noch nicht mal auf Wilhelm Tell.

So ärgerlich es für Patrioten sein mag, es waren auch hier die Folgen der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 und der französischen Revolution 1789. Mit guten Worten alleine war eine Revolution aber in der behäbigen Schweiz nicht durchführbar. Das Baselbiet erhielt erst eine freiheitlichere Ordnung als Peter Ochs die Schlösser Farnsburg, Waldenburg und Homburg in Brand gesteckt hatte. Die Waadtländer, bis dahin bernisches Untertanengebiet, holten sich sogar Hilfe aus Frankreich. Nach 400 Jahren der Abhängigkeit erhielten die Untertanengebiete Waadt, Aargau, Thurgau und Tessin 1803 die Unabhängigkeit - durch Napoleons Einfluss - die Mediationsverfassung. 1804 übernahmen sie auch das Zivilgesetzbuch, den Code Civil. Dieser, obwohl wesentliches Element des modernen demokratischen Rechtsstaates, ist also die Schöpfung des Diktators Napoleon. Die Vorschläge von Ochs, dem Vertreter der Schweiz, das Volk über die neue Verfassung abstimmen zu lassen und darin Verfahren vorzusehen, wie Verfassung und Gesetze zu ändern seien, wurden von den Franzosen gestrichen. Sie vertraten einen ähnlichen Standpunkt wie heute die USA gegenüber Ländern die sich nicht befreien lassen wollen: Dem von seinen früheren Herren in Dummheit gehaltenen Volk Helvetiens müssen die Segnungen der Demokratie zu ihrem eigenen Wohle aufgezwungen werden.

Bis dahin waren weite Teile der Schweiz Untertanenland. Vor allem die Landleute waren von politischer Mitbestimmung ausgeschlossen und durften auch kein Gewerbe betreiben, dass die städtischen Zünfte konkurrenzieren konnte. Sie waren oft sogar noch Leibeigene, mussten Frondienst verrichten und konnten von den Vögten nach Belieben schikaniert werden. Es gab keine einklagbaren Bürgerrechte, damit kein Recht, kein Rekursrecht, kein Bundesgericht. Einige wenige Patrizierfamilien bestimmten in Bern, Solothurn, Fribourg und Luzern. Die Zünfte bestimmten in Zürich, Basel und Schaffhausen. Die Zunftordnung liess ihren Untertanen auch wirtschaftlich keine Freiheit. Das Handwerk war streng geordnet. Die Schweizer Urdemokratien in Uri, Schwyz, Unterwald, Glarus und Appenzell waren zwar formell demokratisch, das Sagen hatten aber auch hier wenige alteingesessene Familien.

Brutal klar wird das durch nebenstehende Karte, die klar macht, dass in der Schweiz zur Zeit der französischen Revolution eigentlich nur die Herren, die Städte und die Alten Orte als frei gelten konnten - und einige Gebiete, die nicht direkt von lokalen Herren beherrscht wurden, in den Kantonen Solothurn, Wallis und Graubünden. Die Mehrheit der Eidgenossen von 1789 waren Untertanen von Herren, Herrenkantonen (drum verhält sich vermutlich die Zentralschweiz heute noch oft so wie die Sunniten im Irak ...), Städten, Kirchen. Dass auch das Veltlin ein Untertanengebiet war, macht verständlich, warum man dort offenbar wenig Heimweh nach der Schweiz hat.

http://www.geschichte-schweiz.ch/helvetik.html

Die alte Eidgenossenschaft hatte so zwar keine Gleichheit gekannt, aber auf ihre Weise hatte sie Freiheit besessen. Der obrigkeitliche Staat regierte väterlich-fürsorglich und die Landsgemeindedemokratie war auf Selbständigkeit und eigene politische Verantwortung der einzelnen Landschaften, Städte und Kantone bedacht.

Nach dem Sturz und der Verbannung Napoleons setzte die Restauration ein. Die alten Verhältnisse sollten wieder hergestellt werden. In Preussen, dessen Bauern erst 1807 aus der Leibeigenschaft befreit worden waren, wurden diese von den Höfen vertrieben und die Junker vergrösserten ihre Güter wieder. Durch "autonomen Nachvollzug" (auch den gab es en es bereits im letzten Jahrhundert), übernahmen die Konservativen der Schweiz den Trend in Europa und setzten ihre Interessen nun eben auf "demokratische" Art und Weise durch: So hatte die Stadt Basel nun 90 Vertreter im Grossen Rat, die Landschaft, mit doppelt so vielen Einwohnern, aber nur 64. In Bern erhielt die Landschaft 99 von 299 Sitzen, in Luzern 10 von 36, in Zürich 82 von 212 etc. Durch die Restaurierung wurde also die Vorherrschaft der Städte wieder hergestellt. Iin den neuen Kantonen blieb zwar die Rechtsgleichheit, aber es gab keine direkten Volksrechte und das Wahlrecht bestand nur für eine Elite. Die Meinung in den patrizisch regierten Kantonen war das was man heute als elitär bezeichnen würde: Dass Staatsgeschäfte und Militär einer kleinen Schicht obliege während das Volk diese undiskutierbare Autorität hinzunehmen habe und sich dem Erwerbsleben widmen dürfe. Da immer grössere Teile der städtischen Bevölkerung diese Bevormundung nicht weiter hinnehmen wollten taten sie sich mit den Landbewohnern zusammen, die in Abhängigkeit gehalten worden waren und zudem immer noch Resten der alten Feudallasten zu tragen hatten.

Verfassungskämpfe führten 1830 / 31 in 10 Kantonen zu demokratischen Verfassungen mit Volkssouveränität, Rechtsgleichheit (auch zwischen Stadt und Land) und Trennung der Gewalten. Das Volk war damals allerdings genau so passiv wie heute. An der Abstimmung von 1831 zur neuen Verfassung, welche die Volksouveränität garantieren sollte, nahmen nur 1/3 der Stimmberechtigten teil. Politische Passivität ist also auch nichts neues.

http://www.schweizerseiten.ch/ch_diegeschichte.htm 

 

Die treibenden Ideologien des 19. Jahrhunderts waren Radikalismus und Liberalismus

Radikalismus wollte von den Wurzeln (radix)  her den Dingen mit dem Verstand auf den Grund gehen - im Gegensatz zum bewährten Glauben an die Bibel und andere Autoritäten. Erstes Ziel war also die Trennung von Politik und Kirche. Radikalismus lobte und förderte den Staat als Hort und Antreiber des Fortschritts. Er rief nach einer Vermehrung der Volksrechte, der Einführung der direkten Demokratie, der Befreiung der Bauern von den Grundlasten. Er forderte und brachte, mit der Errichtung des Bundesstaates, manche der Freiheitsrechte, welche die Schweiz bis heute prägen: Vereinsfreiheit, Pressefreiheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Handels- und Gewerbefreiheit, Referendumsrecht. Der Radikalismus konnte sich allerdings nicht ungebremst durchsetzen. Leidenschaft und Hass fokussierten sich zu einem Glaubenskrieg: - Katholische gegen Progressive. Luzern, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Zug, Freiburg und Wallis bildeten einen Sonderbund, da viele, insbesondere katholische Schweizer, ihre Anhänglichkeit an die Kirche bewahren wollten.

Die Tagsatzung mobilisierte 50'000 Mann unter General Henri Dufour, der den Krieg bedauerte und aus reinem Pflichtbewusstsein den Auftrag übernahm. Sein Order zu diesem letzten Krieg den die Eidgenossen gefochten haben: Soldaten! Ihr müsst aus diesem Kampf nicht nur siegreich, sondern auch vorwurfsfrei hervorgehen; man muss von Euch sagen können: Sie haben tapfer gekämpft, wo es Not tat, aber sie haben sich menschlich und grossmütig gezeigt". Welcher Wirtschaftsführer heute spornt seine Angestellten noch so edelmütig an?

Dieser Krieg, der letzte der in der Schweiz ausgefochten wurde, war war übrigens nach einem Monat beendet und die Verluste beschränkten sich auf 104 Toten und 374 Verwundete. Die in zeitgenössischen Briefen beschriebenen Greueltaten bestanden vor allem aus frecher Begehrlichkeit nach nicht zu bezahlendem Essen und Trinken. Eigentlich eine heile Welt, in der Kriege weniger Opfer fordern als heute ein Flugzeugabsturz.

Erst nach diesem Sonderbundskriegen und mit der Einführung der direkten Demokratie im Bundesstaat von 1848 gab es keine Untertanen mehr und besassen die Bürger Mitbestimmungs- und weitere Bürgerrechte. Erst seit 1848 dürfen wir in der Schweiz eigentlich von Demokratie reden.

Auch nach 1848 herrschte allerdings in der Bundesverwaltung ein andauernder Kampf der Föderalisten mit den Zentralisten. In vielen Bereichen siegten letztere, was zum koordinierten Ausbau der Wasserkräfte, der Forstpolizei im Hochgebirge, Jagd und Fischerei, Eisenbahn, Banknotenwesen, Überwachung der Fabriken und gewerblichen Betriebe, Versicherungs- und Unterrichtswesens führte. Im letzteren Bereich überwogen allerdings (Ausnahme ETH), die Föderalisten, was heute noch Folgen zeigt. Mit dem Bundesstaat entstand auch das Bundesgericht, als oberster Hüter über Recht und Gesetz.

Liberalismus war zu Beginn des Jahrhunderts noch idealistisch und primär an der Freiheit orientiert. Aber - so freiheitlich der Begriff tönt, so sehr wurde der Grundsatz <meine Freiheit soll deine Freiheit nicht beschränken> von Anfang an vom Liberalismus übergangen. Der grosse liberale Schweizer Alfred Escher z.B., herrschte gerne als Autokrat, und weckte bereits früh den Widerstand der Demokraten (s. Geschichte v. Zürich und Winterthur). Gegen Ende des Jahrhunderts ging es je länger je mehr nur noch um die Freiheit Geld zu machen, also um materiellen Erfolg, die einzige Freiheit die der Neo-Liberalismus heute noch vertritt. Zu Beginn war der Liberalismus eine befreiende Ideologie. Sie förderte den unternehmerischen Menschen, der selbst Herr seines Schicksals ist. Sie begründet den Geist des Modernismus, in dem nicht mehr Gott, sonder der Mensch als Schöpfer auftritt. Mit dem aufkommenden Verbandswesen schuf er allerdings gleich auch eine Kraft, die der freien Wirtschaft gegenläufig ist. Auch wurde durch die Verzwecklichung der Natur und des Wesens und Wertes des Menschen, das Jahrhundert zum Jahrhundert der Massen, nachdem es als Jahrhundert des Volkes begonnen hatte.

Mit der Weltwirtschaftskrise 1928 und dem Black Friday vom 25. Oktober 1929 hatte sich der Wirtschaftsliberalismus eigentlich erledigt.

Wirtschaftliche Folgen: Gründerzeit auf der einen & Pauperisierung auf der andern Seite

Die Bevölkerung wuchs nun sprunghaft, was ein kräftiges Wirtschaftswachstum mit sich brachte. Reisen war frei, man konnte arbeiten wo man wollte, das politische Interesse der Grossmächte richtete sich auf die Kolonien und liess die Bürger in Ruhe. Dies waren die Gründerjahre. Viele traditionelle Geschäfte die heute noch bestehen stammen aus dieser Zeit (Tabak, Schokolade, Kolonialwaren, Eisenbahn, ...). Es war aber auch, wie die letzten Jahre, eine Zeit der Spekulationen und Bankerotte. Das Zentrum der Wirtschaft war 1850 nicht Zürich, sondern Genf, mit 31'000 Einwohnern die grösste Stadt der Schweiz. 

Zunehmende Reisefreudigkeit und Handel riefen nach dem neuen und günstigen Transportmittel, das im Ausland bereits stark verbreitet war, der Eisenbahn. Die Meinung war allerdings nicht einhellig. Eine erwähnenswerte Theorie gegen die Vorteile der Beschleunigung: Der Sinn des Verkehrs ist nicht, die Menschen rasch durch ein Land zu führen, sondern im Gegenteil, das Reisen zu verlangsamen und die Reisenden zum Geldausgeben zu veranlassen. Der heute allgegenwärtige  Streit: Privatwirtschaft oder Staat, entstand damals. Die Argumente sind grösstenteils immer noch die selben: Privatwirtschaft liefert günstiger - Staat bietet mehr Sicherheit und Vertrauen. Vor allem waren es das Risiko des Bankrotts (und einige echte Bankrotte) und der Vernachlässigung wenig interessanter Strecken und Regionen, welche dann zur Staatsbahn (SBB) führten. Die Menschen erkannten bereits damals, dass mit Freiheit allein nicht alle Fragen zu meistern waren.

Ähnlich wie heute waren auch damals die Kostenvoranschläge wenig verlässlich. Für die Gotthardbahn waren total 187 Millionen budgetiert worden, woran sich auch das Ausland beteiligte:

Die Kostenüberschreitung betrug satte 102 Millionen.

Die Bauern werden zu Arbeitern: Die Einführung der Maschinen hatte die Arbeitsintensität nicht verringert. Die Krisenanfälligkeit der vornehmlich für den Export arbeitenden Industrie war gross. Die ausländische Konkurrenz zwang zu niedrigen Preisen, und diese wurden durch niedrige Löhne ermöglicht. Die Besitzverhältnisse verschoben sich ins Extreme, auf der einen Seite Industrielle, auf der andern das Heer der Industriearbeiter und unselbständig Erwerbenden. Fabrikarbeit war an die Stelle der Heimarbeit, Maschinenarbeit an die der Handarbeit getreten, aber Maschinen produzierten schneller und drückten damit Preise und Löhne. Die von der Industrie erzeugte billige Massenware verdrängte auch die Handwerker. Die Kluft zwischen Stadt und Land vergrösserte sich wieder, arbeitete doch das Land für städtische Unternehmer. Die Bauern zogen in die Städte und grossen Ortschaften, womit ihre Verbindung zum Kleinbauernbetrieb und die Heimarbeit aufhörte. (Eine ähnliche Entwicklung vollzieht sich heute in China. Dort ist es allerdings den Bauern verboten, in die Städte zu ziehen!) Sie wurden damit abhängig von Krisen. Zudem konnte Korn nun in Fülle aus Amerika und Russland eingeführt werden, womit das Bauerntum erneut in die Krise geriet und in die neue Welt auswanderte ... aus der heute ihre Nachkommen die Bauern der 3. Welt mit noch billigerem Weizen in Bedrängnis bringen, sich heute aber gegen Wanderungsbewegungen wehren.

Das aktuelle Thema Emigranten war schon vor 150 Jahren eines. Die Schweiz hatte mit: 5% Ausländern schon damals den höchsten Stand an Ausländern in Europa! Sie bot politischen Flüchtlingen, die in den zunehmend nationalistisch werdenden Staaten keine Heimat mehr hatte, ein Asyl. Damals stiess dies aber offenbar weniger auf Widerstand im Inland, als im Ausland. Flugblätter gegen Bismarck die aus Zürich stammten brachten den deutschen Nachbarn in Rage, Spione und Umtriebe russischer Emigranten störten Russland und Österreich.

Trotz vieler Missstände und Probleme herrschten zu Beginn des 20 Jahrhunderts, so als ganzes betrachtet, recht akzeptable Zustände. Hier die Beschreibung des schottischen Staatstheoretikers James Bryce, die, hundert Jahre später, nicht viel von ihrer Gültigkeit verloren hat:

Eine Verwaltung, die unvergleichlich sparsam und im allgemeinen tüchtig ist, abgesehen von dem Umstand, dass bei der Beamtenschaft infolge der kleinen Gehälter die hohe Fachkompetenz sich nicht sichern lässt. Die Sparsamkeit ist ein Teil der Tüchtigkeit der Verwaltung, weil bei der genauen Abwägung von Ausgaben Veranlassung genommen wird, darauf zu achten, dass für das gute Geld gute Ware getauscht werden. Für alle Zweige der Erziehung wird, ausser in einer sehr geringen Anzahl von Kantonen, ausgiebig Vorsorge getroffen. Öffentliche Arbeiten werden nicht vernachlässigt. Die Strasse sind in Anbetracht der Schwierigkeiten eines gebirgigen Landes, in dem Erdrutsche und Überschwemmungen nach der Schneeschmelze vorkommen, ausgezeichnet. Die Ordnung wird gut aufrechterhalten. Die Justiz wird ehrlich und vor allem  billig gehandhabt, wenn auch mit geringerer technischer Vollendung als in andern Ländern.

Die munizipale Verwaltung ist sauber und in den meisten Fällen tüchtig. Für die nationale Verteidigung ist angemessen Vorsorge getroffen, und der Bürger ist sich seiner Pflicht zur persönlichen Ableistung des Heeresdienstes bewusst.

Die Freiheit des Einzelnen wird respektiert, der Ton des öffentlichen Lebens hält sich auf hohem Niveau, und die Politik ist von Korruption nicht befleckt. Das starke Gefühl für staatliche Pflichten zeigt sich in dem im grossen Umgange geleisteten öffentlichen Diensten in Kantonen und Gemeinden.

[Peter Dürrenmatt: Schweizer Geschichte. Schweizer Druck- und Verlagshaus AG. Zürich 1963]

Die Herkunft der Arbeiterschaft aus der wirtschaftlichen Verdrängung der Bauern durch Globalisierung und sinkende Preise zeigt uns auch in Bezug auf die Löhne, warum die Verhältnisse so sind wie sie sind. Die meisten Bauern waren in erster Linie Selbstversorgung. Es ging (und geht) um das Überleben der Familie. Dafür leisten sie unerhörtes, ohne auf Marktgerechte Entlohnung zu sehen (s. Subsistenz). Diese Einstellung blieb natürlich erhalten, als sie sich in die Städte und an die Fliessbänder begaben. Der Lohn eines Arbeiters hatte also nichts weiter zu decken als dessen einfachste Bedürfnisse um das Überleben zu sichern. Da die Arbeiter jedoch, anders als Sklaven, keinen Materialwert mehr hatten, konnten ihnen bei Nichtgebrauch auch dieser Minimalbedarf entzogen werden, was sie gefügsam machte.

Als lenkendes Prinzip ist dieses Denken heute noch vorhanden. Entscheidet der freie Arbeitgeber, dass die Rendite zu tief liegt, entlässt er den freien Arbeitnehmer, der dann die Freiheit hat, sich einen anderen Job zu suchen - nicht aber einen gerechten Anteil am Bruttosozialprodukt, überhaupt nichts, was irgendwie mit Gerechtigkeit zu tun hätte. Mit tatkräftiger Unterstützung von Arbeitsämtern und Arbeitsvermittlungen wird er wieder darauf getrimmt, dass er eigentlich froh sein müsste, wenn es ihm überhaupt zum Überleben reicht.

Die Entwicklung der politischen Demokratie bringt uns darauf, warum einige Löhne viel annehmbarer sind als andere. Entgegen der Behauptung, Löhne basieren auf Leistung, scheint die Annahme richtiger: Löhne basieren auf dem Grad an Mitsprache und Mitbestimmung bei wirtschaftlichen Entscheidungen (s. Löhne: Alter und Position). Je weiter weg vom Zentrum das über die wirtschaftliche Entwicklung des Betriebes bestimmt, desto tiefer die Löhne. Dies scheint auch für Branchen zu gelten. Je wichtiger eine Branche für die aktuelle Entwicklung der Wirtschaft ist, desto höher die Löhne (Banken, Versicherungen, Chemie, High-tech höher als alte Branchen die sich leicht ersetzen lassen. Auch diese Unterschiede haben mit Gerechtigkeit rein gar nichts zu tun. Sie sind einfach so, marktwirtschaftlich bedingt.

Trotz allem Ärger und Verdruss den des verursachen kann, steht zu hoffen, dass die Wirtschaft (besser, diejenigen, die sie betreiben, also die Kapitalbesitzer) es in nicht all zu ferner Zeit endlich begreift, dass ein Wirtschaftssystem mit billigen Arbeitern halt auch nur über arme Konsumenten verfügt, die dann in der Rezession auch nicht mehr rettend eingreifen können, und wenn sie noch so gerne wollten. In freier Abwandlung von Marx könnte man heute also im "marktwirtschaftlichen Sozialismus" sagen: Alle Macht den Konsumenten! Ohne Lohn kein Konsum!

 

Ein Abstecher zum Thema: Die älteste Demokratie der Welt

Davidson's Maxim:

Democracy is that form of government
where everybody gets what the majority deserves.

Aus Vorhergendem wird auch klar, warum mit der ältesten Demokratie der Welt halt eben nicht die Schweiz (* apropos Wilhelm Tell), sondern die USA gemeint sind, denn deren Bürger haben verfassungsmässige Freiheitsgarantien seit 1787. Allerdings ... nur solange man nicht schwarz war. Die Sklaverei wurde erst nach dem Bürgerkrieg von 1861-63 aufgehoben, durch ein Dekret von Präsident Abraham Lincoln, die sogenannte Emancipation Proclamation. -

Geschichte des Sklavenhandels in den USA:

Aber immerhin war sie die erste formalrechtliche Demokratie Europas, ist doch auch was ... auch wenn eigentlich ein Produkt eines deutschen Emigranten, eines Flüchtlings, eines Terroristen, nämlich Ludwig Snells. Die damals angestrebte Dreiteilung der Mächte in Staat, Wirtschaft und Volk kam allerdings nur selten zum Tragen, uns ist seit 1970/80 auch in der Schweiz stark im Abbau begriffen.

Also doch die Schweiz von 1848 die älteste Demokratie der Welt? .... Allerdings, da hätten wir wieder mal eine Bevölkerungsgruppe vergessen, die sogar weitaus grösser ist als die Schwarzen in den USA. ... Die Frauen. Die Frauen erhielten in der Schweiz das Stimmrecht erst 1971. In Appenzell-Innerrhoden wurde es sogar erst 1990 per Bundesgerichtsentscheid durchgesetzt. Somit wären wir eine Demokratie seit 1978 - und damit wohl kaum die älteste der Welt. Allerdings trotzdem nicht die schlechteste. Wie die Studie des Instituts für Referendum und Initiative (IRI) gezeigt hat, können von den 31 gegenwärtigen und vermutlichen zukünftigen Staaten gerade 2 die Ansprüche an eine direkte Demokratie erfüllen: Die Schweiz und das Fürstentum Lichtenstein. Untersucht wurde vor allem ob folgende Bedingungen erfüllt sind:

Messen wir das Alter der Demokratie am Zeitpunkt an dem die Frauen das Stimm- und Wahlrecht erhielten, so sind wiederum die USA führend. Der Bundesstaat Wyoming war 1869 der erste der dies einführte. Es folgten 1902 Australien, 1906, als erstes europäisches Land, Finnland, 1920 die USA als ganzes. (Weitere Zahlen siehe www.areion.org/areiononline/stichwortausgabe5.html ).

Das Frauenstimmrecht erhielten die Jemenitinnen z.B. bereits 1962, und Frauen aus anderen, weitaus weniger traditionellen arabischen Staaten noch viel früher. Als meist Präsidiale Demokratien (der Präsident vertritt die Interessen des Volkes und alle, welche die selbe Meinung wie der Präsident vertreten, dürfen mitreden) scheiden allerdings die meisten dieser Länder im Rennen um die beste Demokratie aus.

P. Hossli, CASH Nr. 15, 11. April 03, S. 29: Abschied von der Demokratie

Aus der Tatsache, dass die älteste Demokratie der Welt kaum älter ist als 80 Jahre, lässt sich schliessen, dass mit Geschichte kein grosser Staat zu machen ist. Demokratie lässt sich nicht in einer festen Form und Struktur erhalten oder verteidigen, sie muss laufend neu definiert und neu geschaffen werden. Galt es früher das Volk vor Übergriffen von Fürsten, Klerus und Armee zu schützen, gilt es heute, die Freiheit auch für diejenigen zu erhalten, die im neuen Krieg ums Geld nicht mithalten können. Wie der Erfolg einer Armee von deren Grösse, Schnelligkeit, Schlagkraft und mobilisierbaren Reserven abhing, so ist das heute in der Wirtschaft. Der Grössere schlägt den Kleineren, der Schnellere den Langsameren, derjenige der mehr Reserven mobilisieren kann den, der die letzten Ressourcen bereits verbraucht hat. Hier sind nicht nur die Speere höchst ungleich lang, sondern eine Mehrheit muss sich diesem Kampfe unbewaffnet, also ohne Kapital, stellen.

Worin die Schweiz allerdings praktisch allen Ländern voraus ist, ist die direkte Demokratie. Eine Volksbefragung ist in Fällen obligatorisch (Bundesverfassung Art. 140):

a.
die Änderungen der Bundesverfassung;
b.
der Beitritt zu Organisationen für kollektive Sicherheit oder zu supranationalen Gemeinschaften;
c.
die dringlich erklärten Bundesgesetze, die keine Verfassungsgrundlage haben und deren Geltungsdauer ein Jahr übersteigt; diese Bundesgesetze müssen innerhalb eines Jahres nach Annahme durch die Bundesversammlung zur Abstimmung unterbreitet werden.
In Frankreich kann der Präsident, von oben, eine Volksbefragung anordnen, in Holland ebenso. Die Regierung muss sich allerdings nicht nach dem Resultat richten. In den USA, dem selbst ernannten Musterland der Demokratie, gibt es die direkte Volksinitiative nur in einzelnen Gliedsstaaten, nicht auf Bundesebene, ein Referendum gibt es nicht. Diesen Sonderfall darf die Schweiz, auch gegen Widerstand von aussen und, zunehmend, von innen, ruhig etwas weiter pflegen. Bei der Einführung der Bundesverfassung war offenbar auch einige Bauernschläue am Werk, denn in einigen Kantonen wurden diejenigen, die nicht abgestimmt hatten, einfach zu den Befürwortern gezählt - vielleicht ein probates Mittel gegen Stimmabstinenz.

Was Geld und Kapital betrifft, sowie dessen Macht, machen zu können, was es will, sind alle Länder noch weit von irgend was, das auch nur entfernt nach Demokratie aussieht, insbesondere auch die USA als Führer des Liberalismus. In der Beziehung sind wir grossmehrheitlich alle die Neger. (s. Lohn des Kapitals)

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* apropos Wilhelm Tell:

Vor und während der Bronzezeit war die Schweiz durch den keltischen Stamm der Helveter besiedelt worden (La Tène gab ja einer ganzen Kulturepoche den Namen!). Im Mittelalter legten dann aber die germanischen Burgunder und Alemannen das Fundament für die heutige Sprachverteilung (zumindest nördlich der Alpen) - und sorgten damit bereits auch für den "Röstigraben". Ab 1033 war das gesamte Gebiet Bestandteil des Deutschen Reiches. Der Bund der Waldstätte schloss sich zusammen zur Wahrnehmung der Unabhängigkeit von Feudalherren wie den Savoyern, Zähringern und Habsburgern und erhielt zu beginn des 13. Jahrhunderts die Reichsunmittelbarkeit. Sie waren also bereits einige Zeit vor Wilhelm Tell nicht Lehensherren, sondern direkt dem Kaiser unterstellt. Als die Krone 1273 an die Habsburger überging, wurde diese Reichsunmittelbarkeit widerrufen, was zu Ängsten und Widerwillen, sowie zum Aufstand 1291 führte.

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Weitere Staaten die sich um den Ruf als älteste Demokratie bewerben:

Älteste Demokratie Europas:

Grösste Demokratie der Welt:

Älteste Demokratie Asiens:

Älteste Demokratie Afrikas:

Älteste Demokratie Südamerikas:

 

Präsentation: Martin Herzog Rheinfelden 10. Nov. 2002

Da wir gerade bei der Korrektur einiger weit verbreiteter Irrtümer sind, hier gleich noch einige Checks:

Quiz

Wer hat die Armbrust erfunden?

Wer hat das Pulver erfunden?

Wer hat die Mathematik zuerst entwickelt?

Wer hat den Buchdruck erfunden?

Eine Liste weiterer populärer Irrtümer

p.s: Apropos Alphorn. Das könnte man, wenn man boshaft wäre, den Schweizern auch noch weg nehmen als Urgut, denn es ist z.B. in der Form des Didgeridoos seit über 100'00 Jahren in Gebrauch, in Australien. s. http://www.witoldming.ch/did/didgeridoo.htm . In Israel wurde es in gekrümmter Form, als Trompete von Jericho, zu militärischen Zwecken verwendet. Erst 1527 wird es zum ersten Mal in der Schweiz erwähnt (- s. http://www.alphornbau.ch/geschi.htm , kurz darauf auch im benachbarten Allgäu. Weit verbreitet sind gerade Alphörner auch in Rumänien. Allerdings - hier haben die Schweizer quasi einen musikalischen Standard gesetzt, so dass ihnen diese historische Quängelei zumindest dieses Instrument als Ausdruck eines (fast)Urschweizertums belassen muss. Allerdings musste das mit einigem Aufwand gefördert werden. Bei einem ersten Aufruf 1805 kamen gerade mal 2 Alphörner ans Unspunnenfest. Das Alphorn diente in erster Linie als Signalinstrument von Alp zu Alp - und als Bettelinstrument, in etwa den Kratzgeigen ähnlich mit denen sich heute immer mehr Strassenlärmanten einen Obolus verdienen wollen ... vermutlich damit sie Ruhe geben. Der Klang war rau und hässlich. Erst um 1920 als sich der Eidg. Jodlerverband dafür zu interessieren begann kam die Wende. Heute sind über 1700 Alphorn BläserInnen eingeschrieben.

Apropos Alphorn, falls Sie den Eindruck haben, dass eigne sich grad mal als Backgroundnoise für die SVP und Hudigägeler, dann sind Sie im Irrtum. Hören Sie doch den von Hornroh mal an. Weitere moderne Alphornkünstler sind u.a. Balthasar Streiff, Rudolf Linder, H-J. Sommer (mit mehreren Hörproben. Ebenso amüsant wie virtuos sind der Tanz der Rinder und der Tanz der Kälber).  Das Alphorn im Film.

Dafür belegen neuste archäologische Funde, dass die Schweizer auch mal feiner musiziert haben. In der römischen Siedlung Tasgetium bei Eschenz TG wurde eine handgrosse antike Panflöte mit sieben Pfeifen aus Holz gefunden, die somit das älteste gut erhaltene Musikinstrument der Schweiz ist.

In der Höhle "Hohle Fels" auf der Schwäbischen Alp wurden kurz nacheinander die älteste Frauenfigur und eine Flöte aus Knochen des Gänsegeiers gefunden. Alter 35'000 Jahre