Die Freiwirte, eine kleine, aber um so verbissenere,
verschworene, Anhängerschaft der Lehren Silvio Gesells,
sehen als Hauptübel der modernen Wirtschaft (zu Beginn des 20. JH.) die
Möglichkeit, das Geld zu Horten, statt es auszugeben. Dieser Möglichkeit
wollen sie es dadurch berauben, dass Besitz von Bargeld und Barguthaben
mit einer Strafsteuer, Umlaufsicherung genannt, belegt werden soll. Als Beleg
für die Wirksamkeit dieser Massnahme gelten nebst einem kurzfristigen
Auftauchen einer derartigen Währung in Wörgl,
währende des 2. Weltkriegs, vor allem der Wirtschaftsboom des Hochmittelalters.
Sie führen diesen auf die Brakteaten zurück, die
jährlich oder öfters „verrufen“ wurden, also am
Markttag nur mit einem Preisabschlag zurückgenommen wurden. [Die eigentlichen
Gewinner dabei waren natürlich die zum Münzschlag berechtigten Fürsten].
Von Karl dem Grossen bis ins hohe Mittelalter war Denar oder Pfennig (von Pfand) DAS Geld. Goldmünzen verschwanden vorübergehend und wurden zu Recheneinheiten. Der Silbergehalt des Denar nahm von 794 mit 1.7 g Silber, über das 12. JH mit noch 1 g auf 0.1 g Silber um 1500 ab. Das Geld wandelte seine Funktion damit zusehends vom Tauschgegenstand und - Mittel mit Eigenwert zum Wertesymbol.
| Heller, 1200, Haller Pfennig, erst Silber, dann Kupfer, ½ Pfennig | ![]() |
| Kreuzer, im 13. JH verbreitet. 4 Pfennig | |
| Schilling = Groschen (Gros de Tours) = 12 Pfennig | |
| Batzen: vier Kreuzer = 16 Pfennig | ![]() |
| Gulden 1252, 240 Pfennig, in D ab 14 JH | ![]() |
Brakteaten waren einseitig geprägte Pfennige, so dünn, dass ihre Prägung auf der Rückseite meist durchschlug. Sie wurden zudem noch halbiert oder geviertelt gehandelt. 1189 war das Münzrecht dafür von Kaiser Barbarossa an lokale Fürsten und Bischöfe verliehen worden.
Für den Fernhandel oder die Bezahlung grosser Beträge stund allerdings nicht nur der Gulden zur Verfügung, sondern die andern Münzen, nach Gewicht, sowie Silberbarren. Die Meinung scheint eher, dass diese Vielfalt an Münzen der Wirtschaft hinderlich war als nützlich und dass die periodische Entwertung hingenommen wurde, weil der Funktionswert des Geldes mehr wog als der Verlust (den sich der Münzherr in die Tasche steckte). An dergleichen Mehrheitsmeinungen brauchen sich die Freiwirte natürlich nicht zu halten … aber vielleicht überzeugt sie ein anderes Argument:
Die Braketaten waren nicht die einzige Münze im Umlauf. Wer viel Geld hielt und durch Münzentwertung viel zu verlieren hatte, konnte, anders als der Bauer und kleine Handwerker, sein Kleingeld rechtzeitig in gemünztes oder pures Silber oder Gold wechseln. Zudem ist bekannt, dass diejenigen, welche die Macht dazu hatten, gerne in Brakteaten nach Wert bezahlten, sich aber, falls überhaupt in Brakteaten, nach Gewicht, bezahlen liessen, womit sie bereits einen Teil der Abnutzungskosten auf den Schuldner überwälzten.
Geld das im Fernhandel genutzt wurde:
etc.
Die nach dem Westphälischen Frieden ausbrechenden Bauernkriege beruhten zum Teil auch auf einer, während des 30-jährigen Krieges geprägten, minderwertigen Scheidemünze, die regelmässig entwertet wurde. Dies traf die Bauern (so wie es heute die Arbeiter treffen würde), weil die Städter ihre Münzen rechtzeitig auf dem Land absetzten, beim Kauf von Nahrungsmitteln, während die Bauern sie ja sparen mussten für grössere Anschaffungen wie eine Kuh oder ein Pferd, also darauf sitzen blieben und für die Entwertung zahlten.
Fazit:
Das Ende des Booms ist allerdings weniger auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen als auf die Pest. Wie bei ihrem 1. Auftreten um 650 wurde die Bevölkerung zwischen 1347 und 1350 um ¼ bis 1/3 reduziert (Die Volkszählungen waren etwas ungenau damals).
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|
500 |
650 |
1000 |
1340 |
1450 |
|
Griechenland
und Balkan |
5 |
3 |
5 |
6 |
4,5 |
|
Italien |
4 |
2,5 |
5 |
10 |
7,5 |
|
Iberische
Halbinsel |
4 |
3,5 |
7 |
9 |
7 |
|
Süden
insgesamt |
13 |
9 |
17 |
25 |
19 |
|
Frankreich und
Niederlande |
5 |
3 |
6 |
19 |
12 |
|
Britische
Inseln |
0,5 |
0,5 |
2 |
5 |
3 |
|
Deutschland und
Skandinavien |
3,5 |
2 |
4 |
11,5 |
7,5 |
|
West-und Mitteleuropa gesamt |
9 |
5,5 |
12 |
35,5 |
22,5 |
|
Rußland |
5 |
2 |
6 |
8 |
6 |
|
Polen und
Litauen |
|
|
2 |
3 |
2 |
|
Ungarn |
0,5 |
0,5 |
1,5 |
2 |
1,5 |
|
Osten
insgesamt |
5,5 |
3,5 |
9,5 |
13 |
9,5 |
|
Europa insgesamt |
27,5 |
18 |
38,5 |
73,5 |
50 |
http://www.vwl.uni-essen.de/dt/fiwiss/Fallstu/Pest/bevoelkerung.html Die Entvölkerung machte Land billig und Arbeitskräfte knapp. Die Landherren konnten weder Bauern noch Handwerker für nen Apel und n Ei verpflichten, sie mussten zumindest mit Kreuzern und Schillingen herausrücken, um Arbeitskräfte binden zu können. Dies lockerte die persönlichen Bindungen an die Grundherren (Lehens- und Gefolgschaftsverhältnisse) und beschleunigte die Geldwirtschaft. Diese wiederum war ganz klar ein Kind der Städtegründungen Italiens, was sich bis heute in Begriffen wie: Konto, Girokonto, Bankrott, Disagio, Kredit und Skonto zeigt. Aus diesen Gründen waren es die Pest und die Geldwirtschaft , welche laut Dietrich Schwanitz (Bildung. Alles was man wissen muss. Eichborn 2002) das Mittelalter beendeten und das neue Zeitalter mit der Renaissance eröffneten. Die Befreiung aus persönlicher Bindung darf allerdings noch lange nicht mit Demokratie verwechselt werden. Aus der Pestzeit gingen vor allem Städte, Patrizier, Oligarchen, Plutokraten (Geldadel) und die Zünfte gestärkt hervor. Der Landadel wurde zu Raubrittern und die Bauern blieben Beute.
Deflationsphasen sind für die wenigsten die rechte Zeit reich zu werden. Deflationsphasen sind aber für die Reichen präzise die rechte Zeit um noch reicher zu werden. Wenn allen andern Schnauf und Geld ausgehen, können sie am billigsten einkaufen: Häuser, Land, Firmen, Aktien etc. Da letztere nie so günstig sind wie während einer Baisse, ist dies der rechte Zeitpunkt, Kapital und Vermögen zu mehren. (So betrachtet hat Schwundgeld echt was für sich!). Es wäre interessant zu untersuchen, wie weit die nun über zehnjährige Deflationsperiode die Vermögensverteilung in Japan beeinflusst hat. (Man könnte auch die Schweiz untersuchen, denn lassen wir den 98-2000-Boom beiseite, der vor allem aus inzwischen geplatzten IT-Heissluftbalons bestand, dann stecken wir eigentlich immer noch in der äusserst wachstumsschwachen Phase der 90er und sollten uns vielleicht endlich daran machen, Nullwachstum sozial und wirtschaftlich zu optimieren statt nochmals 10 Jahre mit glasigen Augen auf Fehlendeswachstumkurven zu sehen.)
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Während es also, zumindest für die Begüterten, bereits im Mittelalter x Möglichkeiten gab, dem Münzverlusten durch Brakteaten ein Schnippchen zu schlagen, um wie viel grösser wären die Möglichkeiten wohl heute? Aber da die wenigsten bisher gemerkt haben, dass man mit Kapital mehr Geld machen kann als mit Geld (Zinsen), und noch weniger mit diesen Mitteln erfolgreich spielen können, werden die Freiwirte vermutlich weiter über Inflation und Zinsen jammern, auch wenn beide bei 0.x% angelangt sind – während manche KMU heilfroh wäre um einen Kredit zu halbwegs akzeptablen Bedingungen!
Die Französische Revolution hat den Feudalismus überwunden und den Bürgern nebst Wirtschaftsfreiheit noch einen ganzen Strauss weiterer Freiheiten gebracht. In der Zwischenzeit hat sich jedoch die Macht im Kapital reorganisiert - und bedarf des Bodens nicht mehr, um den Mehrwert abzuschöpfen (obwohl sie ihn natürlich weiter ausgiebig dazu nutzt). Das Modell Freiwirtschaft, das vor allem auf Zinsfreiheit (sinnvoll im vorgesehen System - aber nicht als Herumreiten auf 0% Inflation im bestehenden System), auf einer Geldsteuer (Umlaufsicherung) zur Verhinderung des Hortens und auf gemeinsamem Bodenbesitz beruht, müsste also als Sozialfeudalismus bezeichnet werden. Es ist zwar klar, dass es gilt, liberalistische Auswüchse zu überwinden. Ob der Rückgriff auf das Überwundene Modell des Feudalismus dazu aber der richtige Weg sei, dürfte mehr als zweifelhaft sein. Wollen die Freiwirte aus ihrer sektiererischen, gurugesteuerten Randposition heraus und politisch akzeptable Lösungen entwickeln, müssen sie das nun schon bald 100 Jahre gepredigte, die reelle, äusserst komplexe Wirtschaft extrem banalisierende, Modell endlich weiter entwickeln und an die heutigen Verhältnisse anpassen. Denn eines bleibt ihnen unbestritten, sie sind nach wie vor die einzigen, die sich trauen, auf das Zinsproblem aufmerksam zu machen:
Wer sein Kapital über die Massen vermehrt, beansprucht Ressourcen über die Massen, braucht also andere, die auf die Nutzung derselben verzichten - oder verzichten müssen. Zins und Zinsenszins, genau so wie eine Rendite einer Aktie, die auf Grund des bezahlten Kaufpreises als „berechtigt“ erwartet wird, nehmen ohne Umfrage oder Abstimmung einfach an, dass diejenigen, welche die Erträge erst zu erarbeiten haben, die gesamte Last an Zinsen und erwarteten Renditen auch erwirtschaften können und wollen.
Martin Herzog, Webdesign, Rheinfelden, 28. Juli 2002
Weiteres und Neueres zum Thema Geld, Arbeit, Wohlstand und Freiheit:
GUTE ARBEIT - Wie kam sie abhanden, was bedeutet Gute Arbeit und wo können wir sie wieder schaffen?
Freiheit, Macht, Herrschaft und Gewalt: Was heisst Freiheit? Wer vertritt sie? Wie vertragen sich Freiheit und Wirtschaft?
Moderne Ökonomie: Umgang mit Knappheit oder mit Überschuss, Überfluss und Überdruss?
Konkurrenz, Wettbewerb, Kooperation und Freiheit
... und viele mehr, zu dem Sie sich über die Linkbalken der hier angegebenen Texte weiter klicken können. Dies hier war eh nie gedacht als "wichtige" Information zu Brakteaten, dazu finden Sie in der Zwischenzeit weitaus bessere Texte im Netz, sondern bloss als kleine Korrektur der falschen Idee(ologie) der Freiwirte, zur Ankurbelung von Wirtschaft reiche bereits ein physisch zerbröselndes Schrottgeld, also z.B. Brakteaten. Es soll allerdings keine Kritik sein an Gesells (wie Rudolf Steiners) Grundidee, nämlich dass Geld als lenkender Faktor in unserer Gesellschaft überbewertet ist und dringend einer Entwertung bedarf und sein Einfluss in den ihm gebührenden Rahmen zurück gesetzt werden muss. s. dazu Politik - Wirtschaft - Geld: Die Dominanz betriebswirtschaftlichen Denkens in der Politik ruiniert Volkswirtschaft, Volk und Kultur ... und die Dominanz finanzwirtschaftlichen Denkens über die Betriebswirtschaft ruiniert auch noch die Betriebe. Gerade in letzter Beziehung bietet leider auch die "real existierende" Freiwirtschaft kaum einen Ausweg, da ihre Adepten in recht bornierter Manier immer noch der Meinung sind, dass sich die gesamte Wirtschaft mittels Monetarismus steuern lässt. Hier ist sie zu inkonsequent. Man kann nicht Geld entmachten wollen, und gleichzeitig dem Monetarismus frönen, der behauptet, über Geld liesse sich alles steuern, Politik Wirtschaft, Wachstum, Konjunktur .... Dieser kleinkarierte Monetarismus ist Stuss, auch wenn er von Links verwendet wird.
[Einschub 19. August 2004]