Martin Herzog, Rheinfelden, 10.7.01
Vollgeld, ein Vorschlag von Professors Huber, will Umlaufkonten, also Transaktionskonten und Sichteinlagen [1], wo Geld wirklich nur Information ist, zu vollwertigem Geld machen, wie es die gesetzlichen Zahlungsmittel Münzen und Banknoten heute schon sind. Er möchte damit zur Lösung von 3 aktuellen, mit Geld verbundenen Problemen, beitragen:
Bargeld wird durch die Zentralbank geschöpft, Transaktionskonten von den Banken, auf Antrag der Kunden. Während Huber für Deutschland ein Verhältnis von elektronischem zu Bargeld von 4.5 zu 1 angibt, beträgt dieses in der Schweiz bereits 7 zu 1. Die enorme Zunahme der Geldmenge durch diese Geldform wird dabei noch verstärkt durch viel höhere Umlaufgeschwindigkeit elektronischen Geldes.
Die Zentralbanken haben offensichtlich keine Kontrolle
mehr über die Geldversorgung, weder über die Menge noch über die Zinsen welche
die Schaffung und Transfers von Sichteinlagen auf den Finanzmärkten betreffen. Die
Idee, dass Zentralbanken die konjunkturellen Zyklen über den Zins steuern ist
eine Täuschung. Hier soll der Schwanz mit dem Hund wedeln, sagt Huber.
Banken geben in guten Zeiten willig Kredit, in schlechten bremsen sie, und
tragen damit zur Verstärkung der Konjunkturwellen bei. Der Machtwechsel von den
Zentralbanken als nationalen oder transnationalen Institutionen zu Banken,
übergibt die Führung der Geldpolitik an das globale Finanzkapital. Eigentlich
müsste aber eine demokratisch legalisierte öffentliche Autorität, wie etwa die
Zentralbank, das alleinige Recht haben, Geld in Zirkulation zu geben.
Es ist hier noch wichtig klarzustellen, dass Professor Huber die Geldmenge M2 (M1 + Spareinlagen) und M3 (M2+Termineinlagen) nicht als Geld, sondern als Kapital betrachtet. Im Vollgeldkonzept geht es also nur um Umlaufkonten.
Als weiterer wichtiger Punkt nebst der Kontrolle über die Geldmenge ist das „Münzrecht“ (seignorage) zu nennen, auf die der Staat heute verzichtet. In der Schweiz sind in den vergangenen 10 Jahren jährlich ca. 10 Milliarden an „Buchgeld“ („Umlaufkontengeld“) entstanden für die dem Staat die Seignorage entgangen ist. Während die Zentralbank ihre Gewinne an die Öffentlichkeit ausschüttet, geht der Profit aus Sichteinlagen an die Banken, die damit Kreditzinsen erwirtschaften, ohne Debitzinsen (Zinsen auf Einlagen) zahlen zu müssen. Es handelt sich hier um eine versteckte Geldsteuer.
Nach Huber lässt sich der Umfang dieser Privatsteuer aufgrund der Zinsen berechnen, welche die Bank für dieses Geld bei der Zentralbank oder am Geldmarkt bezahlen müsste.
Im Falle des Vollgeldes stünden den Passiven keine bewirtschaftbaren Aktiven gegenüber. Für die Reduktion der Geldmenge müsste dann ein Teil der Steuern an die Zentralbank abgeführt werden, womit quasi der ursprüngliche (zinslose und rechtlich unbeschränkte) Kredit der Zentralbank an den Staat zurückbezahlt würde. Hier lässt sich Vollgeld relativ leicht an die Umlaufsicherung anknüpfen.
Geld ist die Ressource der Ressourcen, das heisst es ist die Ressource für die Verteilung aller anderer wirtschaftlicher Ressourcen und seiner selbst. ... Eine öffentliche Währung – die von Hand zu Hand geht, als anonymes Zahlungsmittel, das niemand wirklich gehört – ist ein öffentliches Gut, dessen Wert dem Gemeinwohl zugute kommen und selbst nicht Gegenstand von Geschäftemacherei sein sollte. (Huber 2, S. 9).
Das Vollgeldkonzept verlangt, dass der Zentralbank die volle Kontrolle über die Geldschöpfung zu geben sei. Bargeld wie Nicht-Bargeld (im Text als elektronisches Geld, Bankgeld oder Umlaufkontengeld bezeichnet) darf nur durch die Zentralbank in Umlauf gegeben werden. Banken sollen keine Sichteinlagen mehr einrichten dürfen. Die Sichteinlagen sollen in „richtiges Geld“ (Vollgeld) umgewandelt werden, das von der Zentralbank als gesetzlich anerkanntes, schuldtilgendes Geld ausgegeben wird. [nach 1 S. 5] Sichteinlagen erfordern danach keine Reserven mehr, da sie selbst vollwertige gesetzliche Zahlungsmittel darstellen. Sie sind keine Bargeld-Verpflichtung der Bank gegenüber dem Kunden und keinen Anspruch des Kunden auf die kontenführende Bank dar. Die Kunden werden alleinige Eigentümer ihrer Konten. Sie verfügen über die volle Verfügungsmacht und entscheiden selbst, in welcher Form ihr Geld auf dem Kapitalmarkt wem angeboten werden soll.
Vollgeld soll von der Zentralbank nicht gegen Reserven ausgegeben werden, sondern über Konsum. Zentralbankgeld ist ein gültiges Zahlungsmittel das die Bedürfnisse der Wirtschaft erfüllt. Dazu braucht es keine Deckung durch Reserven. Die einzige Deckung, welche Geld und Kaufkraft brauchen, die einzige Sicherheit, die den Wert des Geldes, wie jeden anderen Besitzes oder Kapitals, deckt, kommt von harter Arbeit und Produktionskapazität, basierend auf Qualifikation, Wissen und Erfahrung. [2 S. 15]
Es macht funktionell keinen Unterschied, ob Geld wie heute über Kredit, oder über Investitionen oder soziale Wohlfahrt und Konsum in den Kreislauf gegeben wird. Historisch gesehen geschah dies meist über königlichen oder staatlichen Konsum, über Militärausgaben oder, wie heute bei den Supermächten, über Sozialleistungen. Wichtig ist alleine, dass sich ein Umlauf ergibt und ausreichend hohe Einkommen, welche die Bildung von Investitionskapital erlauben. [S. 49]
Die Schaffung von Geld durch zinsfreie Darlehen statt zinsbelasteter Kredite würde zu einem tieferen Zinsniveau und damit zu einem höheren Investitions- und Beschäftigungsniveau führen. Das Ziel der Schaffung von Vollgeld ist weder ethisch noch sozial, sondern rein funktionell. Zins als Steuerungsinstrument der Wirtschaft bleibt erhalten, allerdings auf einem tieferen Niveau. Die verbesserten Einkommenschancen würden die Nachfrage dezentralisiert steigern, die erhöhten Sparmöglichkeiten parallel dazu Investitionen und Arbeitsplätze fördern.
Auf länger Sicht könnte diese Zinsfreiheit und Neutralität des Vollgeldes zur Änderung des Verständnisses von Geld führen und den materialistischen Geist, Utilitarismus und Kapitalismus untergraben. Geld könnte aufhören ein Zweck an sich zu sein und substantielleren Prioritäten Platz machen. [2 S. 49].
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Literatur
1 Joseph Huber: Seignorage Reform and Plain Money. Paper presented at the “Forum for Stable Currencies, House of Lords, London 20 June 2001. www.soziologie.uni-halle.de/huber
2 Joseph Huber: Plain Money. A Proposal for Supplying the Nations with the necessary Means in a modern Monetary System. Der Hallesche Graureiher 99-3. Revised Version October 1999. www.soziologie.uni-halle.de/publikationen/index.html
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1 Seignorage und Finanzierung eines Grundeinkommens:
Herzog: Die in dem Zusammenhang formulierten Absichten, besonders die Finanzierung eines Grundeinkommens und Vorteile des Vollgeldes scheinen mir ein bischen übertrieben. Die 10 Milliarden an Buchgeld die in der Schweiz jährlich zusätzlich zur Verfügung gestellt werden, entsprechen gerade 13% der Steuern.
Bei dieser Schätzung ist aber noch nicht berücksichtigt, dass gerade Kontokorrente ziemlich aufwendig sind. Kontokorrentnutzer erhalten ja nicht nur keinen Zins – sie bezahlen, zumindest bei den grossen Banken, sogar Spesen, wenn ihr Kontostand nicht eine gewisse Mindesthöhe hat (10'000 Fr.) – und damit der Bank die Möglichkeit gibt, aus Reserven Kredite zu gewähren.
Die erwarteten Seignorage-Rechte für die Zentralbank dürften also auf keinen Fall so hoch ausfallen, dass sich daraus ein Grundlohn bezahlen lässt, der den Namen verdient.
Prof. Huber: Ja sicher. Alles macht Arbeit und kostet dementsprechend. Aber nach meinem Wissen übertreiben die Banken das. In D dürften die Kontoführungsgebühren längst kostendeckend sein. In UK werden allerdings überhaupt keine Gebühren bezahlt. Da fällt mir ein, dass die Schweizer Banken ihren Kunden auch auf Sichtdepositen so um die 1% Zins zahlen. Na ja. Das ist leicht unterschiedlich von Land zu Land. Man kann den Kontoführungsservice vom sonstigen Bankgeschäft trennen. Ich glaube, das würde sofort heftige Effizienzsteigerungen zur Folge haben, keinesfalls höhere Kontogebühren.
Herzog: Eigentlich haben Sie recht. Elektronisches Geld wird ja immer dominierender, gerade weil es günstiger zu Handhaben und vor allem zu transportieren ist. Eigentlich gehören zu den Kosten des heutigen Geldes auch die Safes, die Sicherheitstransporte, die Verluste durch Brand, Waschmaschinen und Banküberfälle. Im übrigen sind die elektronischen Geldtransfers bereits von den Banken gelöst, und privaten Firmen (Payserve z.B.) übertragen worden.
Herzog: Sie schätzen, dass die Wirtschaft weitere 100 bis 200 Jahre wachsen kann. Ich bezweifle das. Überlegen Sie Sich mal, wie Ihre Gemeinde vor zwanzig oder dreissig Jahren ausgesehen hat, und was sich in diesen Jahren verändert hat. In dem Zeitraum haben sich die wirtschaftlichen Aktivitäten etwa verdoppelt. Bereits bei nur 2% Wachstum würde die Wirtschaft jedoch in 100 Jahren das 7-fache des heutigen produzieren, in 200 Jahren gar das 50-fache. Etwa die Hälfte der Vermögen ist jeweils in Immobilien angelegt, d.h. Häuser, Firmen, Lager, Strassen und andere Bauten. Ich denke, wenn Sie im Geiste schon nur mal die heute vorhandenen Bauten verdoppeln wird es Ihnen schon ziemlich (beton-)grau vor den Augen, von einer Versiebenfachung gar nicht zu reden.
Prof. Huber: Ich sage nicht, dass die Wirtschaft „wachsen kann“, sondern sie dies, auf Grund bisheriger Erfahrungen, voraussichtlich tun wird. In den heute fortgeschrittenen Ländern wird es vermutlich nicht mehr soviel Zuwachs sein, dagegen in der früheren Dritten Welt erheblich viel mehr. Da wir aber eine globale Wirtschaft haben, ist es ziemlich egal, wo das Gesamtwachstum herkommt.
Ökologisch ist von großer Bedeutung, dass ein Wachstum der Geldmenge sowie der monetären Umsätze (= Einkünfte und Einkommen) nicht automatisch gleichgesetzt werden kann mit Umweltzerstörung gemäß der Gleichung „ökonomische Wertschöpfung = ökologische Schadschöpfung“. Das ist entropietheoretisch verbrämter dunkelgrüner Fundamentalismus.
Herzog: Danke, es ist mir eine Ehre!
Prof. Huber: In Wirklichkeit gibt es zwei innovative Entwicklungen, die eine zunehmende Abkopplung des monetären Wachstums von umweltschädlichem physikalischem Mengenumsatz bewirken:
1. Effizienzsteigerung = Absenkung der Material- und Energie-Koeffizienten von früher X=>1 auf X=<1
2. Verbesserung der ökologischen Konsistenz (Öko-Effektivität). D.h. Stoffströme, die per se auch in großen Volumina nicht umweltschädlich sind. Zum Beispiel Wasserstoff anstelle von Kohlenstoff als Energieträger.
Herzog: Da ein solches System nur funktioniert, wenn mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann, dass Konten illegal gegründet und geführt werden, erfordert es eine Unterstellung aller derartiger Konten unter eine Instanz, die Zentralbank.
Prof. Huber: Nein. Das funktioniert technisch genau wie heute. Kontrollen gibt es da schon mehr als genug.
Herzog: Vollgeld macht aber notwendig, dass sämtliche Umlaufkonten durch eine Stelle geführt werden. Dies hat also das absolute Wissen und die totale Kontrolle über sämtliche Kredite und Zahlungsvorgänge eines Landes. Das ist doch eine gewaltige Informationsmenge, eine enorme Macht – und ein ebenso riesiges Potential für Machtmissbrauch.
Prof. Huber: Es geht nicht darum, ob jemand Macht hat, sondern welche genau, und wie viel davon. Auch: ob diese Macht legal und legitimationspflichtig ist, und man sie bei Bedarf schnell los wird bzw. die Regierenden loswerden kann. – Die Zentralbank kann Geld nur schöpfen. Im Unterschied zu Banken hat sie keinen Einfluss auf die Geldverwendung. Ich finde diese Geldschöpfungsmacht nicht unbedeutend, aber in der Tat unbedenklich im Vergleich zur Investitionslenkungsmacht der Banken. – Darüber hinaus befinden wir uns in einer Lage der Globalisierung, wo der Macht der großen Konzerne und Finanzinstitute keine gleichgewichtige Regierungsmacht mehr gegenüber steht. Man muss von daher politisch Regierung und Zivilgesellschaft gleichermaßen stärken. Das tut der Vollgeldansatz. – Bedenken Sie außerdem die Alternative: Vollends außer Kontrolle geratenes Privatgeld, auch auf globaler Ebene fortgesetzte verstärkte Bankenmacht. Wollen Sie das?
[1] Sichteinlagen: Einlagen bei Kreditinstituten, über die der Kunde täglich bis zur Höhe des vorhandenen Guthabens, etwa durch Scheck, Überweisung, Barabhebung, Lastschrift, Wechseleinlösung, verfügen kann (täglich fällige Gelder). Sie bilden die Grundlage des bargeldlosen Zahlungsverkehrs.