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Topos:

Bauern, Boden, Geld und Herrschaft (pdf)

Argumente/Grundlagen:
Kathegorie/Oberthema/Cluster:

 

 

Wahrheits-Kriterien/System/Modell: Geschichte / Soziologie / Geldtheorie

Inhalt:

 

 

Das Schicksal der Bauern in den letzten 1500 Jahren lehrt uns einiges über die modernen Probleme der Ökonomie. Das beginnt bereits beim Wort Bauer. Wir sind versucht, diese Berufs- und Standesbezeichung auf Bauen, Landbau, Bebauen des Landes zurückzuführen - was aber etymologisch (Etymologie: Wissenschaft der Herkunft der Wörter) offenbar falsch ist. Das Wort Bauer entstand aus dem Mittelhochdeutschen gebure und bezeichnet den Mitbewohner des Hauses (bur), so wie später der Burger (Bürger) der Mitbewohner einer Burg (oder Stadtfestung) war. Diese Bezeichnung entspricht dem lateinischen vicinus und habitator. Der Nach-bur (Nachbar) ist der nahe Bewohner des nächsten Hauses. Da bis zum Hochmittelalter und der Entwicklung der Städte die meisten Menschen selbstversorgend vom Land lebten, war der Nachbar logischerweise auch beruflich ein Bauer (in der modernen Bedeutung des Wortes).

Heute wissen wir oft nicht, wovon der Nachbar lebt (oft nicht mal, wovon wir selbst leben sollen). Die Möglichkeit der Subsistenz durch eine einfache, allgemein für nötig befundene und praktisch von jedem leistbare Arbeit schwindet mehr und mehr. Die berufliche Spezialisierung (vertikale Differenzierung, Arbeitsteilung) war und ist ein ausgezeichnetes Mittel atomistischem Wettbewerb auszuweichen und Arbeitsplätze zu schaffen, aber sie schafft auch Probleme des beruflichen Umstiegs. Dazu kommt die Mechanisierung (demnächst ergänzt durch Sinisierung - oder Absolutminimallohnisierung) vieler Arbeiten, die diejenigen am härtesten trifft, die zuvor von eben diesen einfachen Arbeiten gelebt haben. Da der Spezialarbeiter sich nach der Firma richten muss, ist auch er nur noch ein Nachbur auf Zeit, genau so lange wie seine Dienste an diesem Ort gebraucht werden. Spezialisierung macht den Menschen von Nachbarn wieder zu Beduinen, die mit der Herde ziehen. 

Zur Zeit der Kelten und Germanen war Land geteilter Besitz. Jeder bearbeitete so viel er brauchte, so viel er konnte. Wiese und Wald blieben Gemeinschaftsland. Dieses, wie auch die  Dreifelderwirtschaft, machten eine Flurverfassung, eine gemeinsame Organisation der gemeinsamen Nutzung von Wald, Weide und Wasser, also der Allmend, nötig. Auseinandersetzungen um Nutzungsrechte, um die zulässige Zahl der Tiere die jeder auf die Allmend schicken durfte, ist nur über Verhandlungen, nicht über Markt oder Wettbewerb, zu lösen - zumindest wenn man eine gerechte und gutnachbarliche Lösung sucht. Interessant ist hier auch, dass diese freie Verwendung von Weide, Wasser und Holz eine präzise Entsprechung im Koran hat: Weide, Wasser und Feuer sind allen Muslimen gemeinsam. Da diese Güter lebenswichtig für alle waren, wurden sie zum Gemeinschaftsbesitz erklärt.

Die Ausdehnung der Machbereiche und Siedlungen während der intensiven Phase der Städtegründungen hatte eine enorme Rodungstätigkeit zur Folge. Diese wurde besonders durch Klöster gefördertEin Territorium auf das kein Rechtsanspruch bestand konnte durch folgendes Vorgehen in Besitz genommen werden:

Allerdings waren es nur wenige Bauern, welche dieses Recht nutzten, nutzen konnten.

So verstand sich ein Dorf auch nicht primär als Ort der Optimierung von Standorts- und Produktionsfaktoren, sondern als Ort des Zusammenlebens, des Miteinander, der gegenseitigen Unterstützung und des Schutzes. Man gewährte sich gegenseitig umfassende Hilfe bei Katastrophen, bei jahreszeitlichen Häufungen von Arbeiten (Ernte), nahm Anteil an Familienereignissen wie Geburten, Hochzeit, Todesfall, wählte demokratisch die lokalen Amtsträgern und die Vertreter für das Ortsgericht.

Was die Überlebensprobleme der Bauern betrifft, so sind nicht bloss Adel, Vögte und Grundherren an ihrer Misere schuld. Bereits unter normalen Verhältnissen führte der Bevölkerungszuwachs durch Erbteilung zu immer kleineren Gütern, so dass die Grenze zu einer Betriebsgrösse sogar unter Subsistenzwirtschaft oft unterschritten wurde. Der Kampf um Grösse herrscht in der Landwirtschaft also seit Urzeiten und das traditionelle Erbrecht begünstigte meist den Erstgeborenen - oder den Letztgeborenen.

Auch auf der andern Seite, der Seite der Verwalter und Grossgrundbesitzer, hatte das Unterschreiten einer Existenz sichernden Grösse der Bauerhöfe den selben Effekt wie heute, sie konnten verschuldete Kleinbetriebe günstig übernehmen und so selbst weiter wachsen

Geld

Bauern, welche von ihrer Produktion lebten und mancherorts noch leben, hatten für Geld wenig Verwendung. Geld war eine städtische Erfindung. Bauern, die bis ins 18 JH. die Mehrheit der Bevölkerung stellten, produzierten vorwiegend für den direkten Konsum, fürs Überleben. Geld wurde allenfalls für Steuern nötig – oder dort wo sie im Umfeld von Städten Überschüsse zu produzieren begannen. Die Angestellten wurden ebenfalls, auch in den Städten, das ganze Mittelalter hindurch, in Naturalien entlohnt.

Allerdings mussten Tagelöhner und Freigelassene, die unter dem Schutz der Kirche standen,  eine Kopfsteuer zahlten. Generell wurde auch der Frondienst im 12./13. JH. durch Abgaben ersetzt.

Geld wurde ebenfalls nötig zur Bezahlung von Söldnern, die ihren Acker nicht mehr bestellen konnten. Mit der zunehmenden Anbindung an den geldwirtschaftlich organisierten  Markt, wurde die Landwirtschaft aber auch krisenempfindlicher. Die breiten Schichten der ländlichen Bevölkerung haben auch bei intensivster Arbeit nur ein geringes Geldeinkommen und erzielen keinen wesentlichen Vermögenszuwachs. Die Wert-Akkumulation findet in der Mittel- und Oberschicht statt, sowie bei den staatlichen Institutionen. Nicht die ländlichen Erzeuger erhalten den Mehrpreis, sondern die Händler und privaten oder administrativen Lagerhalter, die das knappe Angebot organisieren. Ferner greift im äussersten Fall die Obrigkeit (seit Diokletian) Preis regulierend ein.

So waren die Bauern, nicht geschützt durch hohe Stadtmauern, den Angriffen äusserer Feinde (Normannen, Goten, Hunnen, Türken, Sarazenen) wie inneren Fehden und der Ausbeutung schutzlos ausgesetzt. Verschuldete sich ein Bauer, sei es auf Grund widriger Witterung oder welcher Umstände auch immer, war er oft gezwungen, sein Land abzugeben, und unter Fron doch weiter zu bestellen. Da diese Zeit auch noch das Leibeigentum kannte (Sklaverei), verloren viele mit dem Gut auch die Freiheit.

Die Klöster verhielten sich oft nicht viel christlicher. Die Bauern wurden erst gezwungen, Land zu roden und zu entwässern. Dann wurden sie verpflichtet, es zu pflügen und zu sähen, und mussten vom selbst genutzten Land noch Abgaben zahlen (Pacht, Steuern). Diejenigen die das Land besassen, meist erblich (Feode, daher Feudalismus), liessen sich ebenso von den Bauern unterhalten. Ein Bauer konnte somit im schlimmsten Falle vier Herren dienstbar sein, nämlich dem Pfarr- und Gerichtsherrn (Vogt), sowie dem Leib- und Grundherrn.

Ziele der ersten Bauernaufstände waren deshalb auch die freie Pfarrer-, Lehrer- und Messnerwahl. Der bäuerliche Kommunalismus forderte vor allem die Wahl des Geistlichen. Während also die Städte frei wurden, wurden die Bauen mehr und mehr zu Leibeigenen.

Einerseits. Andererseits findet sich auch der Ursprung des Kapitalismus in der Landwirtschaft, und zwar in den Getreidespeichern. Die Häuser mit Getreidespeichern waren meist grösser und üppiger dekoriert als andere. [Richard Manning: Das tägliche Oel. Lettre International. Sommer 2004. S. 46-50]. Bauern, die sich die Errichtung und den Unterhalt von Speichern erlauben konnten, mussten ihre Ernte nicht gleich auf dem Markt anbieten, der zur Erntezeit natürlich, auf Grund des Massenangebots, die tiefsten Preise offeriert. Sie hatten zwar mit Lagerhaltungskosten und -Verlusten zu kämpfen, mit Mäusen, Käfern und Pilzen, aber dennoch war ihnen ein reicher Profit sicher. In den Getreidelagern sammelte sich  Reichtum.  Hierin findet sich auch das schärfste Argument gegen die freiwirtschaftliche Ideologie, die sämtliche Wirtschaftsprobleme durch das Auferlegen einer Lagerungsgebühr für Geld lösen möchte. DAS Problem ist nämlich nicht, dass Geld sich ohne Lagerschäden halten lässt, sondern dass es sich ohne Obergrenze anhäufen lässt. Alles jedoch, das in einem begrenzten Raum grenzenlos wachsen will, kann dies nur tun durch Verdrängung, Verdrängung von den guten Plätzen (= Wettbewerb). Dies zeigt auch sogleich die Beschränktheit des Wunderheilmittels Wettbewerb, mit dem sämtliche politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme gelöst werden sollen.

Feudalismus ist die Herrschaft über Menschen, die aus dem Eigentum an Grund und Boden erwächst

Im Frühmittelalter dominierte das germanische Stammes- und Treuedenken, verbunden mit der Freiheit der Kriegerbauern. Die Schaffung neuer Herrschaftsräume, vor allem der Aufstieg des Karolingerreiches, erforderte aber eine Überwindung des Stammesdenkens zugunsten der Reichseinheit. Städte unterstützten dieses Ziel ganz nach dem Motto: divide et impera.

Im frühen Hochmittelalter (10./11. JH.) kam es zur Differenzierung zwischen Rittern und Bauern. Waren letztere zuvor als Wehrbauern bewaffnet und für die Verteidigung selbst zuständig, entstand nun eine professionelle Kriegerkaste, die sich neben der Kirche als Herrschaft etablierte. In der karolingischen Zeit fielen so die meisten Bauern unter grundherrschaftliche Abhängigkeit, durften keine Waffen mehr tragen und wurden von der politischen Verantwortung wie Repräsentation ausgeschlossen. Dies hatte vor allem zwei Ursachen:

  1. Galt es die Herrschaft zu sichern, was über ein System von Bündnissen zwischen Herrschaften geschah, und meist Lehen (Feuden) beinhaltete.  Während der Freie an allgemeinen Versammlungen teilnahm und seine Angehörigen im Todesfall ein Wehrgeld erhielten (offenbar eine frühe Form der Lebensversicherung), hatte der Unfreie kein Eigentum am bewirtschafteten Land, musste Abgaben und Dienste leisten und fiel unter die besondere Gewalt seines Auftraggebers.

  2. Verlangte die Intensivierung des Ackerbaus durch Dreifelderwirtschaft und die Ausdehnung des Getreideanbaus eine dauernde Präsenz. Auch aus diesem Grunde, der Sicherstellung der Nahrungsversorgung, wurden Bauern vom Kriegsdienst befreit. Dies war um so wichtiger, als die Gründung von Städten und der zunehmende Handel einen rasanten Bevölkerungszuwachs erlaubten.

Das Lehenswesen war eine komplexe, militärische, wirtschaftliche und politische Organisation, in der sich römisches und germanisches Recht verbanden. Die Feudalisten des Mittelalters bezeichneten sich nicht als solche. Das Wort Feudalismus (s. Definition) kam erst in der 1. Hälfte des 19. JHs auf und bezeichnete die vorrevolutionären Zustände in Frankreich. Marx bezeichnete mit Feudalismus alle Produktionsweisen, die dem Kapitalismus voraus gingen, was natürlich nichts her gibt, ausser der Tatsache, dass das Eigentum an Produktionsmitteln entscheidend ist für die potentielle Machtstellung und damit die Verteilung der Erträge (Pfründen, Mehrwert whatsoever) - womit der Feudalismus eigentlich nahtlos in den Kapitalismus übergeht. Einziger Unterschied: Von nun an werden Vermögen/Kapital vererbt - statt Titel und Boden.

Während unterschiedlichste Formen des Feudalismus weltweit anzutreffen sind, haben sich nur in Europa daraus politische Stände entwickelt.

Soziale Unterschiede gab es allerdings immer, auch ohne Adel. Es gab praktisch überall nebst den freien, auch unfreie Bauern; nebst den Vollbauern die sog. Kleinstellen (Gärtner), nebst den laboureurs mit Pfluggespann die manouvriers, denen für ihr Werk nur Handarbeit zur Verfügung stand. Eigentlich bildete die bäuerliche Unterschicht sogar die Mehrheit (50-60%). Dazu zählen die "nicht Spannfähigen" (da sie kein Gespann haben), Kötter, Seldner, Sellner,Gärtner, deren Höfe meist am Rand der Siedlung, im Übergangsgebiet zur Allmend liegen. Diese sind zumeist auf einen handwerklichen Nebenerwerb oder Zusatzverdienst durch Arbeit auf Bauern- und Herrenhöfen angewiesen.

Auch in den Bauerndörfern des 13. JH. entwickelten sich so hierarchische Strukturen. Es gab die Oberschicht von meliores (die wir hier noch heute die Mehbessere nennen, der Dorfehrbarkeit der preudhommes) die den Bauermeister, Schultheisse und Schulzen sowie die Mitglieder des Ortsgerichts stellen. Meist handelt es sich um Inhaber der grössten Höfe (wie seltsam ... hätt' ich nicht gedacht ...). Manchmal gelingt diesen auch der Aufstieg in den niederen Adel.

Es sind, unter dem Feudalismus, vor allem zwei Formen von Abhängigkeit zu unterscheiden:

  1. servitus, Leibeigenschaft, Hörigkeit (servi, mancipia [von dem Wort leitet sich e-manzipation ab, als Befreiung von Hörigkeit], die ihrem Herrn durch ein persönliches Band verknüpft sind.

  2. servi casati, Grundhörigkeit, bindet an den Boden, mit der Verpflichtung, das Land zu bebauen (glebae adscripti) s. China, wo heute ähnliche Verhältnisse zu herrschen scheinen).

Beide entstehen aus dem Doppelcharakter der Grundherrschaft, die sich als Herrschaft über den Grund, und die darauf wohnenden Menschen versteht. Die Herren bewirtschaften ja nicht selbst, sondern lassen bewirtschaften und beziehen dafür eine Rente (Zinsen), Abgaben.

Im Kapitalismus wurden diese Abhängigkeiten durch Lohnsklaverei, Schuldzinsen, Kategorien der Erwerbsfähigkeit (Vermittelbarkeit durch Arbeitsämter) und viele mehr ersetzt.

Regionale Unterschiede

In Frankreich herrschten beträchtliche Unterschiede zwischen den Regionen. Unterentwickelt waren damals vor alle die Bretagne, die Gebirgsregionen und die Franche-Comté.

In Mittel- und Nord-Italien verloren die Grundherren allmählich ihre Rechte an die Städte.

Skandinavien weist ein paar interessante Spezialitäten auf. So wurden etwa nur die Bewirtschafter des Landes, nicht die ausserhalb wohnenden Eigentümer, als vollgültige Mitglieder der Dorfgemeinschaft betrachtet. Und obwohl auch in Skandinavien viele Bauern als Pächter tätig waren, also wirtschaftlich abhängig, kannte Skandinavien, im Hoch- und Spätmittelalter zumindest, keine Leibeigenschaft! Die noch heute vorbildliche Wirtschafts- und Entwicklungspolitik Skandinaviens spriesst also offenbar aus uralten Wurzeln.

Ostmitteleuropa wurde während des Mittelalters vor allem durch die Kirche erschlossen und besiedelt. Die damaligen Auswanderer (von denen ich mütterlicherseits abstamme: Siebenbürger Sachsen) sind nach dem Umsturz in Rumänien zumeist als Heimkehrer wieder in Deutschland gelandet. Viele davon haben allerdings nach der ersten Euphorie (eigenes Haus, eigenes Auto) doch gemerkt, dass die Sache mit der Freiheit nicht ganz so einfach ist, weil Freiheit im Westen Geld braucht, viel Geld, und kehren zum Teil zurück nach Rumänien. Als Aussiedler genossen sie (vor dem Kommunismus natürlich) persönliche Freiheit, erblichen Grundbesitz und eine eigene Rechtssprechung. Trotz Ceaucescus Diktatur erhielten sie sich allerdings bis heute ihre eigene Sprache und Kultur, was die Rumänen über 800 Jahre lang toleriert haben. Obwohl sie sich offensichtlich nicht gross um eine Anpassung an die lokale Kultur gekümmert haben, hat das Zusammenleben doch über Jahrhunderte einigermassen funktioniert. Man sollte also auch hier und heute (im Westen) nicht zu viel Theater machen von wegen unangepasster Kulturen und Integration.

In Russland wurde der Feudalismus erst abgebaut durch die Erlasse Peters des Grossen (Anf. 18. JH), die Bauernbefreiung 1861 und die Revolution 1905 und 1917. Gerade die Bauernbefreiung 1861 ist aber die stärkste Bestätigung für den nahtlosen Uebergang der Sklaverei von direkter Abhängigkeit zu finanzieller Abhängigkeit, denn die Bauern mussten das Land, das ihnen zur Verfügung gestellt wurde, 49 Jahre lang abbezahlen. Nachdem diese 49-jährige Fron geleistet war ... kam der Kommunismus und verstaatlichte das Land ... das dann beim Niedergang des Kommunismus von Banken und reichen Herren (Oligarchen) wieder übernommen wurde. Vermutlich hat der Bauer Modell gestanden für die Sage von Sysyphos ...

Auf der iberischen Halbinsel blieben zwar Frondienst und Herrschaft nach der arabischen Besetzung erhalten, aber die Versklavung der Bauern verschwand. Auch Kleinbesitzer überleben trotz Vordringen des Grossgrundbesitzes. Es waren kaum strukturelle Unterschiede zwischen Dörfern aus Pächtern und solchen aus Kleineigentümern vorhanden. Muslime und Nichtmuslime bezahlen die selbe Grundsteuer (harag), die Muslime dazu die Almosensteuer (zakat), die Nichtmuslime die Kopfsteuer (gizia).

Auch in Byzanz, Süd- und Osteuropa waren Kleinbetriebe in Bedrängnis, wurden aber sogar von Seiten der Kaiser unterstützt, da man sich ihrer Bedeutung bewusst war - ein Bewusstsein das heute leider verschwindet, und zwar auch rechts. (Links hat man sich eh kaum je um die Bauern gekümmert, da billige Lebensmittel für die Arbeiter wichtiger waren als gerechte Löhne für selbständige Bauern, die vor allem sich selbst, zeitweise halt auch minderbemittelte Hilfskräfte oder Ausländer ausbeuten).

Parallel mit Ausbildung und Aufstieg der Aristokratie verlief der Verfallsprozess des sog. freien Bauerntums. Seit Anfang des 10. JH. nahm das Problem solche Ausmasse an, dass sich die Kaiser genötigt sahen, Massnahmen zum Schutz der agrarischen Kleineigentümer zu treffen, die dem Staat von grossem Nutzen waren und deren Lage gleichwohl prekär blieb, insbes. wegen der kollektiven Steuerhaftung. [Lexikon des Mittelalters.S. 415. dtv München 2003]

Das freie Bauerntum verlor in Byzanz seine gestaltende Rolle, wie die Städte, bereits vor dem Ansturm der Türken. Die Ausbildung einer wirtschaftlich, kulturellen und administrativ-herrschaftlichen Elite der grossen Familien (Clans) führte zu immer stärkerer Hierarchisierung.  Der Einfluss der Elite auf die Städte verhinderte vorindustrielle Manufakturen im spätbyzantinischen Reich, das zudem von Waren aus dem Westen (Venedig) überschwemmt wurde. Der Mittelstand der Kaufleute und Handwerker verarmte in der Folge - was man auch als frühe Warnung vor einer Globalisierungseuphorie werten könnte.Vor der Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen im Jahr 1453 verlegte die Aristokratie ihr Interesse von der Agrarproduktion auf Handel, Bankwesen und Immobiliengeschäfte in den Städten. Die Bedeutung solcher elitärer Clans sollte nicht unterschätzt werden, denn sie sind auch heute noch an der Macht, nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in den USA und der Schweiz.

Die Graphik (bitte klicken) zeigt Ihnen anhand des Beispiels Unaxis, Ascom, Forbo (CASH, 24.02.05. S. 6-7), ergänzt um Vermögensschätzungen aus Bilanz: Die 300 Reichsten, wer die Feuden der Schweiz verwaltet - und warum der Filz Filz genannt wird.

Im Osmanischen Reich war die landwirtschaftliche Produktion dann der Zentralverwaltung in Istanbul untergeordnet. Die Inhaber der sog. Militärlehen wurden häufig ersetzt und hatten so keine Gelegenheit, zum Aufbau persönlicher Bindungen und Herrschaftsstrukturen. Bäuerliche Überschüsse wurden zu staatlich festgelegten Preisen aufgekauft für die Versorgung von Istanbul. Dies ging gut bis um ca. 1600, als die Produktion (vermutlich auf Grund übermässiger Steuern, da streiten sich die Gelehrten noch) sich nicht mehr genügend steigern liess und weite Gebiete in Anatolien aufgegeben (renomadisiert) wurden. Die Lücken in diesen Siedlungsgebieten wurden erst im 19. und 20. JH. wieder aufgefüllt. Der Besiedlungsprozess ist heute noch im Gange. Die gewaltigen Bewässerungsprojekte dürften zu einigen Problemen mit Syrien und Irak führen, falls Euphrat und Tigris zu spärlich fliessen.

Byzanz und das Osmanische Reich zeigen uns, dass falsche Politik zur Entsiedelung ganzer Landstriche führen kann, und dass dieser Vorgang nur schwer umkehrbar ist. Byzanz lehrt uns, dass man die Bedeutung dezentraler Bewirtschaftung und Siedlung bereits vor über 500 Jahren kannte. Beide zeigen den Aberwitz der Idee, aus wirtschaftlich benachteiligten Gegenden einfach Reservate und Naturschutzgebiete zu machen, wie das zur Zeit für die Alpen der Schweiz vorgeschlagen wird.

Der Widerstand

Bauern bös und unbescheiden,

Mögen Ritter gar nicht leiden,

Hassen ihren eignen Herrn.

Als Bettler nur hab’ ich sie gern!

Das Volk soll bleiben, wie es war,

Hungernd und der Kleider bar,

Duldend, frierend immerdar.“

Bauer lebt wie ein Schwein dahin,

Hat für Anstand keinen Sinn.

Wird er aber einmal reich,

Unverstand zeigt er sogleich.

Dörfler dürfen fett nicht werden,

darben sollen sie auf Erden.

Halten sie wie unsre Herden…“

http://www.jadu.de/mittelalter/dorfleben/

Bauernaufstände gab es z.B. bereits 841-42 in Sachsen gegen Karl den Grossen, da sie nach alter Väter Art leben wollten: Als freie Wehrbauern mit Anteil an den Gütern des Waldes und dem Segen der Gewässer, ohne sich um irgend ein Verbot zu kümmern. Der Aufstand wurde niedergeschlagen. Im 11. Jahrhundert waren die ehemaligen Wehrbauern bereits hörig. Weitere Aufstände gab es in Friesland 1229/30, Südwestdeutschland 1336-39 und bei den Appenzeller Kriegen 1401-1408.

Im 14. JH gingen Aufstände vor allem aus von wohlhabenden Bauern, die das alte System der Grundherrschaft zerschlagen wollen (Jacquerie), im 15. JH. dagegen von den armen Bauern. [Bauernkrieg 1525]

Oft erlitten die Bauern aber auch Unbill, ohne selbst irgendwie an den Auseinandersetzungen beteiligt zu sein, denn bei den Schlachten der Ritter gegeneinander, wurden - mit der Taktik der verbrannten Erde - die Ernte zertreten, das Vieh gestohlen, die Dörfer verbrannt und damit die Bauern zugrunde gerichtet. Die Meinung der Herrschenden dazu war: „Der Bauer darf kein Fett ansetzen. Der reiche Bauer ist widerspenstig und bestrebt, den Gehorsam aufzusagen. Darum muss man die Bauern knapp halten." (Erinnert doch noch ein bisschen an die Wünsche der Arbeitgeber betreffend Löhnen und Verhalten der Angestellten, nicht?).

Das Konzept tönt bloss nach Mittelalter, ist aber weiterhin weltweit in Gebrauch. s. Naomi Klein: No Logo: Taiwan

Bedingungen der Aneignung des Mehrwerts

Erste Bedingung, um zu Geld zu kommen, ist, nein, nicht Vitamin B, das wäre erst die 2., nämlich die Nähe zur Macht, zum Herrscher (s. Iran unter dem Schah, Irak unter Saddam, Jemen, USA unter Bush ...),. 1. Bedingung ist Macht, Geldmacht (s. Plutokratie), zumindest aber Marktmacht oder gar Marktbeherrschung.

Kapitalismus bedeutet Herrschaft Herrschaft über Kapital, Herrschaft mittels Kapital, und, wie beim Feudalismus der Boden, Herrschaft über diejenigen, die auf dessen Nutzung angewiesen sind. Kapital ersetzt längst den Boden und die Herrschaft über Kapital ersetzt längst die Herrschaft über Boden. Die Zinsen ersetzen Abgaben und die leitenden Positionen, insbesondere in Verwaltungsräten, ersetzen heute die alten Lehen (Feuden). (Mehr dazu unter Neo-Feudalismus). Dieser hat auch eine ausgeprägte Verwandtschaft zu Neo-Liberalismus, der, wie früher die Kirche und die Kommunisten, alles Glück der Zukunft verspricht, nach harten Zeiten der Restrukturierung und neuem Wachstum, dem Wunderheilmittel des Marktes. Wie die Geschichte zeigt kann Wachstum aber offensichtlich auch das Gegenteil von sozialem Ausgleich und Verbesserung des allgemeinen Wohlstands bewirken:

Während der hochmittelalterlichen Wachstumsphase der Agrarwirtschaft und der sich ausweitenden Marktbeziehungen vertieften sich die Unterschiede zwischen reichen und armen Bauern.
Insbesondere die Zahl der Kleinbauern verminderte sich.
[dtv Lexikon des Mittelalters S. 1567]

Mangelnde Möglichkeiten technischer oder organisatorischer Verbesserung bringt die Entwicklung des Grossgrundbesitzes zu autarker, allein noch lebensfähiger Wirtschaftseinheit mit sich. [S. 1574]

Dies ist doch eine sehr aktuelle Angelegenheit, die mit dem Wachstum. Noch deutlicher kann man es wohl kaum sagen: (Auch) Wachstum hilft den Grossen, die Kleinen kommen noch mehr unter Druck. Die Grossen und Starken braucht man nicht zu fördern, die tun das selbst - aber die von den Grossen und Starken verdrängten brauchen Alternativen.

Auch zu Geiz ist Geil und billig - will ig, hat die Geschichte eine Lektion bereit:

Die Fortschritte der Agrarwirtschaft und der Anstieg der Getreidepreise auf Grund der grösseren Nachfrage kommen daher auch den Bauern zugute. [S. 1575] - allerdings verstärkt sich dadurch auch die soziale Differenzierung.

Diese Aussage passt sehr gut in die aktuellen Diskussionen, da alles, links wie rechts, nach billig und billiger schreit und dazu noch behauptet, billiger, durch mehr Wettbewerb natürlich, bringe Wachstum und Wohlstand. Eindimensionaler Blödsinn. (Apropos eindimensionaler Blödsinn .... wie Eindimensional und damit blödsinnig die Wirtschaftslehre ist, können Sie direkt den entsprechenden Lehrbüchern entnehmen). Billiger bringt nur dann etwas, wenn sich die abgesetzte Menge der Produkte entsprechend erhöhen lässt, also wenn durch Wettbewerb andere Konkurrenten erschlagen und deren Märkte übernommen werden können. [s. economy of scale & Die grössten Firmen der Schweiz, nach Branche, Umsatz, Ebit (wo bekannt) und Anzahl der Beschäftigten. Man kommt da rasch auf einiges, das offensichtlich nicht stimmt].

Zweite Bedingung: Die Beschränkung der Macht auf auserlesene Kreise: In Politik wie Wirtschaft sieht die Elite (zur Zeit leicht zu analysieren unter dem Stichwort "Bush") dafür, dass Ämtern in "den Familien" bleiben. Aemter in Staat wie Wirtschaft dienten und dienen oft mehr der Sicherung des sozialen Ansehens als der Erfüllung einer Funktion (eine Frage, der sich die Leistungsgesellschaft noch zu stellen hat, die diese Art von Jobs sehr wohl kennt - insbesondere in Verwaltungsräten ... Wer trägt so schwere Verantwortung für so geringen Erlös, z.B. bei der Swissair ....). Man müsste für solche Ämter passendere Bezeichnungen schaffen, wie etwa die kormlenie, die es zwischen dem 13 und 15. JH.  in Altrussland gab. [kormlenie bedeutet wortwörtlich "Fütterung" und verpflichtete die Bevölkerung zum Unterhalt des Statthalters. Lex. des Mittelalters S. 422]. In Sachen überrissener Managerlöhne regt sich bereits der Widerstand der Shareholder. Eine Klärung angebrachter Verhältnisse zwischen Aufwand und Ertrag bei Verwaltungsräten ist noch hängig. Erst wenn genau diese Faktoren auf dem Tisch liegen, Arbeitsaufwand, Erfolg und Entschädigung, dann können wir sehen, wie viel (oder wenig) es mit der Leistungsgesellschaft auf sich hat. Die aktuellen Zeichen deuten viel eher auf ein feudalistisches Pfründensystem als auf das, was als potemkinsche Fassade vorgeschoben wird: Leistungswille und Risikofreude. Dass hohe Löhne nicht dort bezahlt werden, wo hart gearbeitet wird, sondern dort, wo eben dank (oft natürlicher) Wettbewerbsbarrieren wenig Leute viel Geld machen können (Banken, Versicherungen, Energie, Presse ...), wurde hier bereits vor Jahren gezeigt (s. gerechter Lohn). In Anbetracht der Tatsache, dass sich die neofeudalen Lehensnehmer auch exorbitante Gehälter in die Tasche stecken, wenn sie den eigenen Betrieb schädigen, ist eine Diskussion über Leistung und Lohn dringendst nötig.

Der Formkalkül von Spencer-Brown macht bereits in seiner allereinfachsten Anwendung klar, dass der unmarkierte Raum des Begriffs Wettbewerb weitaus mehr beinhaltet als der markierte, der sich auf die wenigen Sieger beschränkt.

Dritte Bedingung: Sendungsbewusstsein, Überlegenheitsanspruch der eigenen (Firmen-)Kultur, Neo-Tribalismus, Kolonialismus, die Einrichtung neuer Herrschaftssysteme: Ging es beim alten Kolonialismus um die Erkundung und Belehrung der "Primitiven" durch christliche Missionare und den (göttlichen) Auftrag, solch' überholte Gesellschaftsordnungen zu einer höheren Stufe zu entwickeln, so geht es beim heutigen Kolonialismus darum, im namen der Gross- und Welt-Banken, im Dienste globaler Grossunternehmen, die Heilswirkung des durch Kapitalakumulation (= Kapitalismus = Plutokratie) gestalteten "freien Marktes" zu predigen und durchzusetzen. Dies entsprechend dem einzigen Ziel des Wettbewerbs das ein Zyniker wie folgt charakterisieren könnte: Andere von den guten Positionen (und den neofeudalen Futtertrögen) zu verdrängen. Ein Scheissspiel, meines Erachtens.

Präsentation: Martin Herzog Webdesign  Basel 28. Juli / 6. Nov. 2002 / 26.2.05