Alternativen: Entwicklungsprobleme und Entwicklungschancen führen zu nichts, wenn Entwicklungsziele fehlen _______________________________________________________________
[Kein Wille zur Macht. Dekadenz. Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 8/9. 61. Jahrgang. / Klett-Cotta. Heft 700. Aug./Sept. 2007]
Definition
Der Begriff Dekadenz kommt vom lateinischen cadere, fallen. Kadenz (ohne das abbauende De-) bezeichnet in der Musik eine Tonreihe, egal ob fallend oder steigend. De-Kadenz bezeichnet also das Gegenteil von Fortschritt und Harmonie, also Rückschritt und Störung. Da Fortschritt zwar positiv tönt, es aber immer weniger ist, dürfte umgekehrt die Dekadenz also auch nicht immer negativ sein, ein Schluss zu dem auch das hier zugrunde liegende Merkur Heft kam: Wir sind die Gesellschaft, vor der uns fundamentalistische Eiferer immer gewarnt haben!
In der Biologie bedeutet Dekadenz Degeneration, in Geist und Kultur Regression auf frühere Entwicklungsstufen. Die Kultur hingegen, als Gegensatz, eine fortschreitende.Entwicklung des Lebens und eine Veredelung des Strebens.
Für Pythagoras repräsentierte die Stadt den Hort der Dekadenz per se: Die Städte erleben zuerst den Ueberfluss, dann den Ueberdruss, darauf den Uebermut und zuletzt den Untergang.
Isokrates meint: Ein Leben unter harten äusseren Umständen jedoch zwinge zur Entfaltung aller inneren Kräfte - was den Erfahrung von Odysseus entspricht.
Die Stadt als Uebel hat im 20. Jahrundert zu extremen Massnahmen gegen solche Dekadenz geführt, vor allem bei der Kulturrevolution in China (1966-76), sowie unter Pol Pot in Kabodscha. Auch die Nazis pflegten eine Schollenmythologie, noch extremer allerdings die Produktionsgesinnung. Zudem lebten die meisten von ihen auch lieber in Städten.
Auf einer ganz anderen Ebene erfolgt die Dekadenzkritik dann ab den 70ern, nämlich als Sinndefizit westlicher Gesellschaften (s. Alternativen / 68er). Diese Entwicklungsanstösse traten eher frech als revolutionär auf und benutzten insbesondere die Tatsache, dass gerade Sexualität einer der wichtigsten Störfaktoren von Zucht und Ordnung ist. Gerade heute sind Sex und Liebe eigentlich das einzige, das Menschen (manchmal, vorübergehend) noch stärker bewegt als Geld. [s. Welche Faktoren bestimmen die Zufriedenheit mit dem Leben in der Schweiz - und anderswo?]
Moralisch per se ist weder die Kadenz (Evolution) noch die Dekadenz. Zur Dekadenz gehört nebst der Wohllust nämlich auch die Völlerei, also eine weitere Todsünde, die zu Trägheit, Vernachlässigung des Kampfes um ... na ja, sonst irgendwas führt, also einer dritten der sieben Laster.


Interessanterweise sind Ruhmsucht, Habgier und Zorn ja ebenfalls Todsünden - aber Grundlage des Heroismus, also der kämpferischen Nicht-Dekadenz. Von daher zeigt sich bereits, dass Dekadenz kein all zu tauglicher Begriff ist, den moralischen oder "gesundheitlichen" Zustand einer Kultur zu bewerten. Dekadenz ist also auch meist eine Paradoxie, eine Störung, ein Misston, wenn nicht gar eine Perversion - je nach Sicht der "richtigen" Ordnung:
Ein ähnliches Problem haben wir übrigens mit einem Begriff, den ebenfalls jeder gute Bürger meint problemlos zu erkennen:
Perversion: (lat. perversio: die Verdrehung, die Umkehrung) bezeichnet eine stark bis sehr stark den vorherrschenden Moralvorstellungen, haeufig im Bereich des Trieb- und Sexualverhaltens, entgegenwirkende Tat. Heute wird es als Schimpfwort fuer befremdendes Verhalten benutzt.
Auch bei dem Begriff ist Vorsicht geboten, denn eigentlich bezeichnet er nur eine Abweichung von den Vorstellungen der Anderen, der Mehrheit. Die Mehrheit ist aber kein Mass fuer das was wahr, richtig und gerecht ist. Das mag antidemokratisch toenen - aber stellen Sie sich vor, sie leben im Deutschland Hitlers oder im Irak Saddams. Dann waere jede gerechte und vernuenftige Handlung, die meist im Widerspruch zur herrschenden Mehrheitsmeinung stuende, als pervers zu bezeichnen.
[Uwe Simpson: Spengler]
Neu auf dem Globus ist, dass der Hass, den die unangreifbare Ueberlegenheit einer Gruppe von Kulturnationen ... ringsum bei den hoffnungslos Unterlegenen (und) rechtlos Ausgebeuteten hervorrief, heute einem für uns gefährlichen Selbstbewusstsein weicht. Es tritt vor allem in zwei Varianten auf: der chinesischen und der islamischen. [S. 739]
Diese Aussage zeigt zwei Dinge:
a) die Ueberheblichkeit derer, die ihre eigene Nation als Kulturnation betrachten, obwohl sie kaum 100 Jahre kultiviert ist - andere als hoffnungslos Unterlegene, die eine Kultur schon seit tausend(en) von Jahren pflegen. (s. Geschichte Chinas, Historische Karten des Irak)
b) die (gefährliche) Unterschätzung der Dynamik einer als "Verliererkultur" bezeichneten Gruppe. Dies obwohl auch in dem Büchlein der Dialog als Lösung für Konflikte gelobt wird: Wir sind keine Objekte der Geschichte mehr sondern nur noch Subjekte, die vernünftig miteinander umgehen:
Das ist im Fall der Chinesen prinzipiell möglich, denn sie haben absolut nichts gegen unsere Spielregeln, deren Befolgung ihnen demnächst Macht und Reichtum bringen soll. Es wird uns allerdings einiges kosten. Dagegen wirft die Islamische Welt sozusagen den Spieltisch um. Ihre Wut erklärt sich aus der Tatsache, dass sie bei unserem Spiel nicht mithalten kann; sie wird nach allen uns zugänglichen Erkenntnissen weiterhin unterentwickelt bleiben, also nur durch destruktives Verhalten auf sich aufmerksam machen können.
Die Aussage hier ist recht polemisch, so als hätte das "kulturell-imperiale" Modell des westlichen Konsumismus nicht ganze Kulturen schon geplättet. Auf Seite 879 ist da Demand etwas kritischer, auch wenn er bloss einen Araber zietiert, nämlich den libanesischen Publizisten Abi-Saad: Die Logik der Globalsierung ist die Logik eines riesigen Marktes von Konsumgütern. Und dabei sind alle bedroht: Franzosen, Deutsch, Araber usw. Alle fühlen sich bedroh durch eine Invasion von Werten, Entwürfen und kulturellen Ausformungen, auf die sie keinen Einfluss haben.
[Jörg Lau: Die Muslime und der dekadente Westen.]
Umgekehrt übertreibt die Gegenkultur genau so. Sie besteht nicht nur, zu Recht, auf dem Recht zur kulturellen Differenz, sondern ihrerseits auf der Ueberlegenheit ihres Modells, also des Islam gegenüber dem verdorbenen Westen. # s. Dialog zwischen unvereinbaren Positionen
[Gunnar Heinsohn: Schrumpfender Westen, aufsteigender Islam]
1500 kamen von 1000 wehrfähigen Männern weltweit nur 100 aus Europa, 1914 sind von 1000 wehrfähigen Männern weltweit 350 Weisse. Wie ein nicht endender Mongolensturm holt sich das Abendland mit seinen Sohnesüberschüssen bis 1918 neun Zehntel der Erde. Aber nach dem Verbrauch von 10 Millionen jungen Männern zwischen 1914 und 1918 geht es mit der Alten Welt demographisch abwärts. Nach 1945 verliert sie fast jeden Krieg. Warum?
2020 werden von 1000 Kämpfern nur noch 70 Eropäer sein, aber 300 Muslime - jeder 2. oder 3. ein Bruder, während dem die Europäer (wie die Chinesen) Einzelkinder sein werden.
1900 standen 3 Europäer 1 Moslems gegenüber - im Jahr 2006 2 Muslime auf einen Europäer.
These:
Länder die Krieg führen, haben hohe Geburtenraten.
Oder umgekehrt: Ein Land mit kleiner Geburtenrate wird seine Söhne nicht in einen Krieg schicken. Ein Krieg mit China ist also äusserst unwahrscheinlich - einer in Afghanistan ... oder Zentralafrika, fast unvermeidlich.
Lohnabhängigkeit führt zu Geburtenrückgang. Um die Männer auf dem Arbeitsmarkt auszustechen, setzen nun auch Frauen ihre produktivste Zeit zwischen 15 und 35 für die Karriere ein.
Im Libanon war die Geburtenrate zur Zeit der Bürgerkriege doppelt so hoch wie heute, so hoch wie heute noch im Ghazastreifen. Folglich sind es heute eher Einwanderer und Eindringlinge, die im Libanon noch Stunk machen. Aehnlich sind die Verhältnisse seit längerem in Tunesien, und zunehmend in Algerien.Im Irak jedoch nach die Bevölkerung von 3.7 Millionen 1940 auf 27 Millionen 2006 zu, obwohl das Land dauernd irgend einen Krieg führte.
Die Theorie die wir vor 30 Jahren noch an der Schule gelernt haben, dass der Wohlstand Krieg verhindere, stimmt also nicht so ganz. Es ist eher die Sorge um die Kinder, die weitaus ausgeprägter ist, wo Kinder nur noch stückweise statt im Dutzend vorhanden sind.
Das Problem dieser Länder hingegen ist dem unsrigen recht nahe: Wenn von den 300 Millionen jungen Männern des Islam jeder dritte daheim Karriere macht, dann bleiben 200 Millionen, die auf anderem Wege nach oben kommen wollen, also Auswanderung, Verbrechen, Putsch, Bürgerkrieg, Völkermord und Eroberungskriege, wie die Europäer es in den letzten 500 Jahren gezeigt haben.
Die Konfliktursache ist sehr simpel: Anspruchsvolle Positionen können nicht so schnell vermehrt werden wie Brot, Lesebücher und Impfstoffe. Die drei oder vier Söhne einer Familie haben zu essen, gehen zur Schule und werden medizinisch versorgt. Nach der Pubertät bleibt nicht der Hunger nach Brot, sonder nach akzeptablen Positionen ungestillt. Und weil die Scheiternden so kräftig sind wie die Erfolgreichen, folgen sie der Einsicht, dass der Krieg noch jeden Mann durch Sieg oder Heldentod versorgen kann. Slaying in the name of the Lord (Hobbes, 17. JH.) ist meist ein gegenseitiges Abschlachten von Ueberzähligen, wo normale und tüchtige, aber perspektivlose junge Männer in Bewegung geraten.
Zu viele junge Männer drängen in zu wenige Spitzenpositionen, das gilt auch hier bei uns, wo sich dieser Wettbewerb noch verstärkt durch die berechtigte Forderung der Frauen, in diesen seltenen Rängen ebenfalls "gerecht" vertreten zu sein.
Im Text folgt hier eine (S. 776-9) eine wahre Jammerorgie über den Zustand Deutschlands, die ich nicht zitieren möchte.
So wie, bereits von Sombart beschrieben, im Handel ein Uebergang vom Abenteuerkapitalismus der Händler zur Zinsernte stattfand, so änderte sich auch der Eroberungsdrang vom kriegerischen Kampf Mann gegen Mann zur Mechanisierung des Tötens, mit der das Heroische unterging, im Westen, während dem ein Terrorist immer noch "heroisch" (wenn auch eher dämlich als herrlich) sterben kann:
Das Selbstbewusstsein des Heroischen ist unglücklich. Es ist vergangenheitsfixiert und rückwärtsgewandt, weil es ihm an Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft mangelt. Kein Held, der seine Bahn geht, ohne von Verrat und Tücke umgeben zu sein. Was unter diesen Umständen bleibt, ist allein die Aesthetik des Untergangs: ein heldenhafter, schöner Tod.
Wer mit dem Leben zu spielen bereit ist, muss etwas im Auge haben, was für ihn mehr wert ist als das Leben - und das kann nur die Ehre sein:
Erster Kürassier:
Das Schwert ist kein Spaten, kein Pflug,
Wer damit ackern wollte, wäre nicht klug.
Es grünt uns kein Halm, es wächst keine Saat
Ohne Heimat muss der Soldat
Auf dem Erdboden flüchtig schwärmen,
Darf sich an eignem Herd nicht wärmen,
Er muss vorbei an der Städte Glanz,
An des Dörfleins lustigen, grünen Auen,
Die Traubenlese, den Erntekranz
Muss er wandernd von Ferne schauen.
Sagt mir, was hat er an Gut und Wert,
Wenn der Soldat sich nicht selber ehrt?
Etwas muss er sein eigen nennen,
Oder der Mensch wird morden und brennen.
Friedrich Schiller: Wallensteins Lager. 11. Auftritt
Wenn die Dinge ruhig und normal laufen, ist das für die heroischen Gemeinschaften bedrohlich; was sie rettet, is der Einbruch des Aussergewöhnlichen und Extremen. Das ist ihre grosse Stunde, die sie hernach wieder viele kleine Stunden überstehen lässt. [S. 748]
Hieraus lässt sich auch leicht verstehen, dass sich die heroische Gesellschaft nicht aufgelöst, sondern einfach auf Wirtschaftskriege, vom Feld ins Büro verlegt hat.
Im Büchlein wird die innere Militarisierung der Gesellschaft auf die athenische Bürgerwehr zurückgeführt, obwohl, historisch betrachtet, waren die in Familienverbänden, Sippen lebenden Siedler vermutlich noch weitaus besser gerüstet zum Kampf, und ein Grossteil der Bevölkerung noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ständig bewaffnet. Vor allem die Wehrbauern des Mittelalters, aber ebenso die Kolonialisten in den USA, Südamerika, Sibirien, Australien etcetc. Diese lokalen Wehrkräfte waren jedoch weder gerüstet für koloniale Eroberungen, noch hatten sie meist ein Interesse daran - aber sie verteidigten ihre Landnahme, als Eigentum, obschon geraubt. Auch wirtschaftliche Interessen an Rohstoffen oder Land vermögen nicht alle Eroberungen zu erklären. Oft kommt hier eben ein, aus heutiger Perspektive relativ seltsamer Charakterzug ins Spiel: der Heroismus, das Heldentum. Diesem wird auch primär die Schuld am 1. Weltkrieg gegeben:
Der österreichische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf wollte den Krieg, weil er durch ihn den inneren Verfall der Donaumonarchie zu stoppen hoffte. Im zaristischen Russland kursierten in den Kreisen adliger Offiziere ähnliche Vorstellungen. Heroische Gemeinschaften wissen sich gegen den Niedergang und Dekadenz nicht anders zu wehren, als dass sie auf den Krieg als einen Akt der moralischen Erneuerung setzen. Sie feiern den Krieg aus Verzweiflung über den Gang der Dinge in Friedenszeiten. Deswegen spielen heroische Gesellschaften permament mit dem Feuer. [746]
Dieser Ansatz vermag auch recht gut das Verhalten von Saddam - und der iraktischen Bevölkerung - zu erklären. (Noch kein Herrscher hat bis heute einen Krieg alleine ausgeführt, auch Hittler nicht).
Gefährlicher sind die Lehren, die man aus dem 2. Weltkrieg ziehen müsste: Deutschland wurde in der Zwischenkriegszeit auf eine derart einzigartige heroische Position eingeschworen, dass im Blitzkrieg die meisten Länder sich ergaben, bevor sie ihre Armee richtig eingesetzt hatten. Die Deutschen hatten nach dem 1. Weltkrieg und dem Versailler Edikt eh nichts mehr zu verlieren. ... Die Situation vieler Nationen die heute Terroristen ausbrüten ist ähnlich.
Heroismus oder Kalkül?: Die Kriegserklärung der USA von 1941 an Japan, in Folge des Ueberfalles auf Pearl Harbour, zeigt ebenfalls, dass dieser Krieg sich hätte vermeiden lassen, da Roosvelt von den Absichten der Japaner wusste. Aber er wollte einen Krieg. Das selbe gilt für die USA 1991, als sie Saddam mit Kuwait in die Falle laufen liessen und die UN wie die Welt mit Lügenpropaganda auf ihr Programm einschworen - und 2003, als sie ihn mit unbewiesenen Behauptungen (Massenvernichtungswaffen) auch ohne Unterstützung der UN angriffen: (Irak Krieg).
2.1 Die Mechanisierung des Tötens:
In Omdurman besiegten am 2. September 1898 8000 britische Kräfte unte Horatio Kitchener eine Armee von 50'000 Einheimischen unter der Führung des neuen Mahdi. (Na ja, laut Wicki waren es auch noch 17'600 Aegypter und Sudanesen, also 25'000, gegen 50'000.)
Die Instrumente der Ueberlegenheit waren Feldartillerie, Kanonenboote und Maxim-Maschinengewehre, die 1889 bei der britischen Armee eingeführt worden waren und 500 Schuss pro Minute abfeuern konnten. Dies Waffen vermochten die feindlichen Kämpfer derart wirkungsvoll niederzumähen, dass keiner von ihnen jemals nähe als etwa sechzig Meter an die eigenen Linien herankam.
Umgekehrt hatten 1830 ebenfalls nur 34000 französische Soldaten die Stadt Algiers erobert und 27 Jahre lang das ganze Land besetzt. Hundert Jahre später konnten sie es aber auch mit 600'000 Mann nicht mehr halten.
Der Irakkrieg hat es belegt: Mit einer Kriegsmaschinerie lässt sich ein moderner Krieg sehr effizient führen - aber mit einer mechanisierten Macht lässt sich eine feindseelig gestimmte Bevölkerung eben nicht "verwalten":
Der Gegner des Tages könnte ein Trio von Al-Qiada-Leuten sein, ein Sunni-Trupp oder eine Schia-Miliz - oder auch eine völlig neue Gruppe, die bloss ihren kriminellen Geschäften nachgeht. [S. 762]
Solange die Sicherheit ihrer Länder nicht direkt bedroht ist, lassen sich die heutigen Demokratien allenfalls auf Kriege ein, die kurz, undblutig und siegreich sind. ... Sie werden jedoch der Sache stets überdrüssig, wenn der Krieg lang und blutig und im Ausgang ungewiss ist. Leider weiss das der Gegner. Die Aufständischen - Sunnis im Irak, Hisbollah im Libanon - werden bleiben, die Eindringlinge nicht. Das ist ihr Land, unsere Heimat aber liegt 5000, 10'000 Kilometer entfernt. Warum sollten sich Iraker auf die Seite der USA oder der Regierung schlagen, wenn keiner von beiden übermorgen noch dasein wird? [S. 765]
Victor Clemperer sagte im Mai 1945 über amerikanische GIs:
Im übrigen machen die Amerikaner weder einen bösartigen noch einen hochmütigen Eindruck. Sie sind überhaupt keine Soldaten im preussischen Sinn. Sie tragen keine Uniformen, sodern Monteuranzüge, Overalls ode Overallähnliche (sic) Kombinationen aus hochreichender Hose und Bluse in graugrüner Farbe, sie tragen kein Seitengewehr, nur kurze Flinte oder einen langen griffbereiten Revolver, der Stahlhelm sitzt ihnen bequem wie ein Zivielhut auf dem Kopf, nach vorn oder hinten gerückt, wie es ihnen passt. [S. 753/4]
Sie sind also keine Heroen mehr, sondern nur noch Funktionäre der Macht, Spezialisten für gewalttätiges Handeln, fürs Erobern und Töten.
Kritisch wird umgekehrt zum Postheroismus bemerkt: Wenn darunter allerdings nur zu verstehen ist, dass wir nicht mehr willens sind, für unsere Selbstbehauptung Opfer zu bringen, dann ist Postheroismus einfach ein etwas netter Ausdruck für das, was Spengler unser <greisenhaftes Ruhebedürfnis> nannte.
2.2 Der asymmetrische Krieg
[Josef Joffe: Warum der Westen keine Ordnungskriege mehr führen kann]
Moralische Asymmetrie:
Auf Grund der Erfahrungen im 2. Weltkrieg ist die Ermordung von Zivilisten in Kriegen für den Westen nicht mehr tolerierbar, für Terroristen anderer Provenienz aber sehr wohl. (Die Fakten sprechen allerdings ebenfalls eine andere Sprache, denn die Mehrzahl der Toten im Irak waren eben doch Zivilisten).
Diese erste moralisch-rechtliche Asymmetrie wird von einer zweiten, soziokulturellen begleitet:
Den Engländer war die "Bürde des weissen Mannes" Inspiration und Legitimation. McKinley entschied nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 ebenfalls die Filippinen zu behalten, um "die Filipinos zu erziehen, zu bessern, zu zivilisieren und zu christianisieren."
Mit ähnlichen Argumenten hatte man ja schon zuvor, während Jahrhunderten, Indianer, Neger, Kanaken, Arborigines, Indios, Hottentoten und ander Urvölker abgeschlachtet oder unterworfen - und/oder "christianisiert". Auch hier war es McKinley offenbar egal, dass die Spanier sein Anliegen ja schon seit 1565 vollzogen hatten. Auch hier fand wieder eine Ausgrenzung statt, die bis heute terroristische Nachwirkungen hat, nämlich die der Muslime in den südlichen Provinzen (Moro.Provinzen).
Asymmetrie der Interessen:
Reagan betrieb kälteste Realpolitik, indem er Saddam Hussein im ersten Golfkrieg gegen den Iran unterstützte - bis ein Erschöpfungspatt dabei herauskam.
Clausewitz zum demokratischen Frieden:
Einmal angenommen, der sogenannte Despotismus verschwände vollständig, so dass alle Menschen frei und glücklich wären ... Herrschte dann ein idyllischer Friede unter den Nationen, verschwände der Streit der Interessen und Leidenschaften, der ihre Sicherheit von jeher bedroht? Natürlich nicht. Palmerstons Ratschlag von 1840: Vor allem gilt es, auf die Wahrung des Gleichgewichts der Mächte zu achten und es sorgfältig zu schützen, um so eine Störung des bestehenden Gleichgewichtes zu verhindern.
Der moderne Mensch sitzt im Haus, schottet sich gegen die Welt und das Leben ab. Dabei verkümmern seine Muskeln, die Verdauung wird durch Bewegungsmangel schlecht, seine Wahrnehmung wird buchstäblich idiotisch, was nichts anderes heisst als privatistisch.
Die homosexuelle Dohle trägt nichts zur Erhaltung der Art bei, meinte Konrad Lorenz, der wiederholt die „Verhausschweinung des Menschen“ als Folge des Wegfalls von natürlichen Selektionsmechanismen in den zivilisierten Gesellschaften beklagte. Für ihn wäre also Dekadenz ein Verstoss gegen die Normen biologischer Nützlichkeit.
Ein weiteres kulturelles Dekadenzkriterium lautet: Nicht zu fragen, "Was kann ich tun?", sondern "Was wird mir geschehen?"
Müller wird hier in seiner Analyse des Sozialstaates oft recht dubios, d.h. er gerät so ziemlich an den rechten politischen Rand mit seinen Interpretationen:
Für Sozialwissenschaftler und Linke ist das Gute das Soziale. Dies wird von ihnen genau so wenig hinterfragt, wie die Wirtschaft das generelle Ziel der Produktivität oder den Sinn des Wettbewerbs hinterfragt. Sozialhilfe führt aber dazu, dass Härte kein Ansporn mehr ist, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, sondern sich auf das, wenn auch dünne und harte Kissen der Sozialhilfe zu setzen und darauf sitzen zu bleiben, allenfalls nach einem besseren Polster zu verlangen: Wer auf leichterem Weg, mit weniger Anstrengung, zum selben Resultat kommt, wäre ja dumm, die Möglichkeit nicht zu nutzen (s. Bifurkation). Harte, nicht direkt rentable Aufbauarbeit, an der eigenen Person wie an Beruf oder Betrieb wird vernachlässigt.
So weit so gut, allerdings folgt dann ein doch recht seltsames Beispiel: Als die Niederlande ein besonders grosszügiges Behindertengesetz auf den Weg brachten, wurden im Handumdrehen ein Sechstel der Holländer behindert. [S. 810]. Bei solchen und ähnlichen Bemerkungen in dem Büchlein fragt man sich ab und zu, ob der Merkur wirklich eine Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken sei, oder nicht vielmehr eine in Europa verteilte Zeitschrift für den Export des guten alten richtigen deutsch-arischen Denkens, wie es noch zu Zeiten Adolfs des Kleinen gepflegt wurde.
Ein ähnliches Beispiel aus Sachsen-Anhalt und Thüringen, wo sich 47% der Hartz-IV-Empfänger abgemeldet haben sollen, als sie verbindlich für eine Weiterbildungsmassnahme eingeladen wurden. Das tönt tragisch - und wird folgerichtig interpretiert als Sozialbetrug oder statistisch nicht haltbar oder: Man könne eben nicht alle über einen Kamm scheren. Merkur holt jedoch zu einem Tiefschlag betr. Schwarzarbeit aus ... während dem im Internet der Grossteil der Kommentare zu Bildungsprogrammen eben gerade beklagen, dass diese abgebaut werden, kein Geld für Weiterbildung zur Verfügung steht. Also hier scheint die "Kulturzeitschrift" so ziemlich (rechts) daneben zu liegen.
Frechheiten, also Abweichungen von der anerkannten Norm, sind nicht Dekadenz, sondern Korrektur selbstgerechter Normen. Frechheit ist ein Auftrumpfen von Mindermächtigen - aber noch nicht Ohnmächtigen.
Frechheit: ist stets eine kleine Mutprobe. Die unerwartete Ueberraschung, bringt die herrschende Ordnung durcheinander. Der/die Freche sucht Konflikt und Konfrontation mit den Etablierten, die sich auf die Norm stützen
Um die Norm wieder herzustellen, bedarf es dummerweise eben wieder der Frechheit. Auch die Wiederherstellung von Norm, die Sanktion, ist ein Eingriff in die Normalität. Wer auf Frechheiten reagieren muss, muss sich selbst bis zu einem gewissen Grad Normverstösse erlauben, also frech werden können, und das geht den Normfixierten meist ab. Sie reagieren also mit noch mehr Normen und Zwängen - die zu noch mehr frechen Verstössen führen müssen
Gewohnheit und Trägheit begünstigen also Frechheiten. Umgekehrt fördern sie das Problem, dass da, wo alle verantwortlich sind, keiner auf Uebergriffe reagiert, also Frechheit mit Frechheit pariert. (Problem öffentliche Verkehrsmittel, öffentliche Plätze und Fassaden - aber auch die fast völlige Belegung des öffentlichen Raumes durch wirtschaftliche Aktivitäten.
Alternative Bewegungen wurden und werden immer als Frechheit empfunden, da sie immer Bewährtes in Frage stellen. Die grössten Lieferanten alternativer Ideen und Gruppen, die Jugendkultur, die frechen Jugendkulturen wie Halbstarke - als Vorgänger von Hippies, Gammlern, Rockern, Punks, etc.schützte die Frechen in der Gruppe, Menge, ja Masse. Dies erklärt den oft uniformierten Abweichungskonformissmus" (durch Stil (lange Haare, Punkfrisur, Glatze, (s. Kritik an alternativen Bewegungen).
Da die Demokratie die konservativste aller Staatsformen ist, ist sie zwar resilient, und damit der komplexen Sozialstruktur hochentwickelter Gesellschaften besonders gemäss - aber logischerweise auch nur schwer in Bewegung zu setzen (zu motivieren, zu ändern): "Der Neuordner hat alle die zu Feinden, die sich in der alten Ordnung wohlbefinden", wusste bereits Machiavelli.
Frechheit als Widerstand gegen Normen ist so gesehen zwar lästig - aber weniger lästig als kleinkarriert-autoritäre Normierer, die von allen Gehorsam verlangen. Normwandel per Dekret frecher Herrschaften, wird unterlaufen durch die Frechheit der Bürger, die sich eine andere Ordnung wünschen. Frechheit kann also als eine Art Mikrorevolution bezeichnet werden.
Auch hier das Fundament für eine Mikrorevolution - und ein Trost für diejenigen, die auf der falschen Seite stehen: Auch die andere Seite gehört einer Minderheit an, deren Anliegen der Mehrheit fremd sind. Allerdings hat eine Minderheit mit Geld eben doch mehr Macht, sie kann was machen, insbesondere Propaganda für die eigenen Werte, denen sich dann die Mehrheit fügen muss, trotz Demokratie. Frechheit ist also oft bloss ein Verstoss gegen Normen, die minderheitlichen, aber herrschenden Klassen gesetzt wurden, wie Anstand, Benehmen, Tischsitten, Umgangsformen, etc. (s. Bourdieu: Sitten, insbesondere Distinktion).Kapitalistischer Markt und Umverteilungsstaat Regieren dennoch im Prinzip unangefochten, da weder die Minderheit der sehr gut Verdienenden (Eigentümer und Manager), noch die Minderheit der Arbeitslosen, Takt und Richtung der Mehrheit der Gesellschaft angeben können. Sie sind weder Abbild noch Vorbild für die Gesellschaft.
Ein beliebtes Gebiet der Normierung - logischerweise auch der Mikrorevolution per Frechheit, ist die Sexualität. Dort normt Otto und Lieschen Normalbürger am liebsten, vermutlich meist, weil dadurch ein "unverdächtiger" Grund gegeben ist, sich mit einer Materie zu befassen, die leicht den Verdacht des Voyeurismus aufkommen lässt: Sex, Pornographie, Sitten, Prostitution etc. Sexuelle Befreiung als Frechheit, also Normverstoss, also Dekadenz war ja auch das Leitthema der 68er: make love not war.
Sexuelle Freiheit bedurfte immer der Frechheit - und freche Mädchen wurden deshalb meist als Schlampen bezeichnet (etwas ungerecht, da freche Männer eher als Verführer oder Draufgänger bezeichnet werden).
FAZIT:
Dekadenz ist also immer an der Kadenz zu messen, also der Ordnung die erwünscht wäre, die als richtig betrachtet wird. Dabei ist auch von Bedeutung, wer diese Ordnung als richtig betrachtet, wessen Interessen sie dienen.
DAS Mass von Dekadenz und/oder Fortschritt sind Komplexität und Beteiligung der Bürger bei Verhandlungen über die Gestaltung der Zukunft.
Welche Gestaltung unserer Lebensverhältnisse wünschenswert ist, versteht sich eben nicht von selbst und muss deshalb immer wieder neu verhandelt werden. [S. 877]
p.s: Der Titel war/ist also leicht irreführend - aus der Perspektive der Demokratie. Einerseits. Andererseits wiederum nicht, denn der freie Mensch, auch und gerade in einer Demokratie, ist der, der seinen Willen zur Tat machen kann, also nicht nur Wünsche und Ideen hat, sondern auch den Willen, diese zu verwirklichen und die Macht, sich auch gegen (innere wie äussere) Widerstände durchsetzen zu können.
FAZIT also: Irgendwie sind wir alle dekadent. Darum läuft Dekadenz unter dem Directory "Freiheit", denn ein Leben in reinster Kadenz wäre das Leben eines Mönches: ohne fortpflanzungsorientierten Sex, ohne Wollust, ohne ab und zu ein bisschen Völlerei und ein Gelage,Feste, ohne Uerfluss hie und da, ohne Faulheit hie und da, ohne ab und zu im Zorn explodieren zu dürfen, ohne ab und zu im Ubermut auch Ungesundes oder Riskantes tun zu dürfen, ohne sich wundern zu dürfen, warum die einen so viel, die andern so wenig besitzen (die sog. Neiddebatte).
Eine Welt ohne ein bisschen Dekadenz wäre also kaum auszuhalten.
Es lebe die Dekadenz!
denn: Dekadenz ist Freiheit ist Anarchie, Freiheit von der Herrschaft jeglicher Fortschrittsideologie. Je mehr Stützen eine überlebte Ideologie braucht, desto leichter fällt sie der besoffenen Dekadenz zum Opfer. Vermutlich also braucht es gar keine Revolution um unse überlebte und zerstörerische Ideologie des Produktivismus zu erledigen, sondern ein bisschen mehr Dekadenz, die eh zu ihr passt. Je mehr Dekrete, Gesetze, Verbote, Bildung, Ver-Schulung, Training, rauchfreie Zonen (mit Ausnahme der Zentralheizung und desAutoauspuffs) das System braucht um sich zu erhalten, desto verrotteter, also stützungsbedürftiger ist es. Eine gute Ordnung ist frei und erhält sich von selbst, eine schlechte wird zum Opfer seiner inhärenten Dekadenz. Gesetze sind bloss Krücken, die ein be-dürftiges System am Leben erhalten.
Martin Herzog, Basel, 21.2.09


Bei dem hier (Turnhalle St. Gallen) liegt die Dekadenz darin, dass dort,
wo es um
menschliche Freiheit geht, immer mehr gemauert wird,
dort wo gemauert wird, und die Dinge halten sollten,
immer "sparsamer" gerechnet wird.
(Ich tippe, heute am 25.2.09, darauf, dass die Durchbiegung der Decke unter Last zu wenig in Betracht gezogen wurde und die dabei entstehenden Zugkräfte die dafür zu schwachen - und zu starren - Träger geknickt haben.)