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Inhalt:

Definition Freiheit
Anarchisten:
Stirner
Proudhon 
Bakunin
Kropotkin
Definitionen:
Herrschaft
Macht

Ehrgeiz, Machtstreben,
                                  Mobbing

   Gewalt


Liberté - Dignité - Fraternité statt rankism
 Pädagogik der Freiheit

Pressefreiheit

Safrankski zur Freiheit
Die existenzialistische Antithese

Links zur Freiheit

Test Ihrer eigenen Position

Wie vertragen sich Freiheit und Wirtschaft?

Warum Rechtskonservative und sogar Neoliberale lügen, sobald sie das Wort Freiheit in den Mund nehmen? Weil sie Plutokraten sind!

Liberté von Eluart

Fazit: Längst ist es nicht mehr der Staat, sondern die Betriebe, die durch hierarchischen Herrschaft Freiheit behindern.

Appendix: Auswege aus dem Wirtschaftskrieg von immer grösser immer mehr.sind möglich.
Topos:

FREIHEIT (pdf)

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, 2001-2008

Argumente/Grundlagen:
Kathegorie/Oberthema/Cluster:

 

 

Wahrheits-Kriterien/System/Modell: Philosophie,

 

 

Freiheit, Macht, Herrschaft und Gewalt

Was heisst Freiheit? Wer vertritt sie? Wie vertragen sich Freiheit und Wirtschaft?

Freiheit und Anarchie

Definition:

  • Freiheit

     ist immer auch

     die Freiheit der anderen.

    Rosa Luxemburg

    Freiheit ist die Möglichkeit, so zu handeln, wie man will. Freiheit ist also Willensfreiheit [und Grundlage der Willensfreiheit ist der Wille zu Wissen]. Der Wille ist seinem Wesen nach stets frei.
  • Man unterscheidet zwischen Freiheit von (negative Freiheiten) und Freiheit zu (positive Freiheiten). So basiert das alte Freiheitsmodell der USA, dasjenige von Roosevelt, auf der Freiheit von Furcht und der Freiheit von Not - das neue, vom gegenwärtigen präsidialen Obermotz der USA propagierte, jedoch auf der Freiheit der Aneignung. (s. Neofeudalismus). Aus diesem Grund ufert vorliegender Artikel etwas aus hintennach, wo's um Freiheit und Wirtschaft geht.
  • Als ärgste Beengung der Freiheit wurde von jeher der Despotismus gesehen, also absolute Macht, Herrschaft und Gewalt.
  • Für die Kirche war und ist das wichtigste Anliegen, die Befreiung von Schuld (wobei die Christliche Kirche hier etwas hinterlistig ist, da sie ihre Anhänger mit einer Urschuld belädt, die eh nur von Gott/Jesus getilgt werden kann.)
  • Die Renaissance versteht unter Freiheit die unbehinderte allseitige Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit.
  • Der Marxismus hält Freiheit für eine Fiktion, da menschliches Verhalten stark durch Triebe und das Milieu, die Klassenzugehörigkeit, bestimmt wird.
  • Liberale und Neoliberale verstehen unter Freiheit vor allem die Freiheit des Wirtschaftens. Für die Mehrheit der Bevölkerung wird diese allerdings leicht zum Zerrbild einer Freiheit der Flexibilität. Statt frei zu agieren und Märkte zu schaffen, wird immer mehr die Anpassung an den Markt, also die Unterwerfung unter den Markt gefordert.
  • Für Sartre und die Existenzialisten ist Freiheit nicht bloss eine Eigenschaft des Menschen, sondern seine eigentliche Substanz. Der Mensch hat keine Entschuldigung für das was ihm zustösst, denn er wählt sein Ziel frei und lässt sich von diesem Ziel leiten. Wählt er das falsche Ziel, ist er selbst schuld. Lässt er sich von seinem Ziel, dem so beliebten Sachzwang, dirigieren, handelt er nicht mehr frei - und ist ebenfalls selbst schuld.
  • Das Wort "frei" stammt ab von fri, was zugleich Frau (=ursprünglich Herrin) bedeutet. Amüsant, isn't it. Die Herrschaft war also mal Frauschaft. Die Umdeutung wird dadurch begründet, dass die dem Haus und der Herrin unterworfenen doch ein angenehmeres und "freieres" Leben führten als etwas Sklaven. Die seltsame Doppelbedeutung haben wir ja heute noch im Wort Freier.

    Ein amüsante Fehlinterpretation zeigt den selben Ursprung. Nietzsche wird ja als herrischer Frauenfeind betrachtet, auf Grund seiner Aussage: Wenn Du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht. Da Nietzsche aber ein gebildeter Mensch war, kannte er die Geschichte und bezog sich eigentlich auf das Bild des Aristoteles, der von Salome geritten und angetrieben wird - was also präzise das Gegenteil von dem bedeutet, als ihm zugeschrieben wird. Dass diese Interpretation die zutreffende ist, belegt das berühmte Photo, das er von Lou Salome, Paul Ree und sich photographisch schiessen liess. Die Belohnung durch sexuelle Befriedigung ist als Macht oft grösser und wirksamer als die Macht des Geldes, guter Worte, Strafen oder die Macht des Wissen, was zeigt, dass Frauen eben doch nicht so ohn-mächtig sind, wie sie sich immer darstellen. Allerdings kann diese Macht innerhalb von Gruppen und Betrieben nicht all wirksam eingesetzt werden, da sie im intimen spielt, also (fast) immer in der Zweierbeziehung.

    Aristoteles und Phyllis

    Nietzsche, Paul Ree und Lou Andreas-Salomé
  • Einschränkungen der Freiheit ergeben sich vor allem aus ethischen Gründen, aus der Übernahme von Verantwortung für freies Handeln.
  • Patent lässt sich der Gehalt des Wortes Freiheit mit der Formanalyse nach Spencer-Brown bestimmen. Hier nur ein paar Beispiele, basierend auf dem Konzept, dass Freiheit von und Freiheit zu sich verbinden lässt zum Begriff "Entwicklungsfähigkeit. Diese hängt ab von Strukturen. Zu wenig Strukturen, also das Chaos, gemeinhin, wenn auch fälschlich, oft Anarchie genannt, wird nur durch Strukturierung entwicklungsfähig. Auf der einen Seite. Auf der andern können verfestigte Strukturen die Entwicklung aber genau so behindern. Von zu engen Normen und Gesetzen muss man sich befreien (emanzipieren), um entwicklungsfähig zu werden.

     Der lästige dauernde Ruf nach mehr Freiheit und Strukturwandel, der dauernd von Rechts kommt, ist also berechtigt - aber, wir müssen uns darüber klar werden, welche Strukturen da geschaffen werden sollen. Freiheit bedeutet nicht Unabhängigkeit von jeglicher Struktur, aber wohl Wahl der Struktur und Veränderbarkeit von Strukturen.

He oído un ruido de cadenas que se rompen. Ha nacido un hombre.
Es incomprensible que un individuo que haya estudiado profundamente la sociedad actual no sea comunista.

Es incomprensible que un individuo que haya estudiado profundamente el comunismo, no sea anarquista.

Vicente Huidobro

Apropos Huidobro ... Enrique Fernandez Huidobro, ein Enkel von Vicente Huidobro, lebt als Kunstmaler und Emigrant in der Schweiz.

Wenn's um Freiheit geht, sollte man auch auf die Experten hören ... nein, nicht die SVP und auch nicht die Freiheitspartei, sondern die Anarchisten. [s. Hector Zoccoli: Die Anarchie und die Anarchisten. Karin Kramer Verlag, Berlin, 1976].

Max Stirner (1806-56, geboren als Johann Kaspar Schmidt): Der Einzige und sein Eigentum

Einerseits legten die Anarchisten den Grundstein zur Erfüllung der Gebote der Renaissance, der Selbstverwirklichung. Andererseits betonten sie Eigennutz und Selbstsucht etwas über (Das darf man so doch nicht schreiben! Eben drum ...). Der Trend wurde verstärkt durch die Aufspaltung in Wirtschaftsanarchisten (liberale, neoliberale), die heute überall das Sagen haben und entgegen ihrer Ursprünge Macht ausüben, und Sozialanarchisten (Sozialliberale), die's kaum mehr gibt.

  • Darum wendet Euch lieber an Euch als an eure Götter oder Götzen. Bringt aus Euch heraus, was in Euch steckt, bringt's zu Tage, bringt es zur Offenbarung.
  • Möglich, dass ich aus mir sehr wenig machen kann: dies wenige ist aber alles und ist besser, als was ich aus Mir machen lasse durch die Gewalt Anderer, durch die Dressur der Sitte, der Religion, der Gesetze, des Staates u.s.w.
Those who profess to favor freedom and yet deprecate agitation, are people who want crops without plowing the ground. Power concedes nothing without a demand; it never has and it never will.

Frederick Douglass

In case of doubt, attack.

George S. Patton

Stirner ist in seiner übermässigen Betonung des absoluten Egoismus  einer der mühsamsten Anarchisten ... und darum selbst vielen Anarchisten zuwider. Vielleicht gerade darum haben ihn religiös fundierte Philosophen wie Buber und Levinas aber als Autorität für den absoluten Individualismus aufgenommen - auch wenn sie seine total antireligiöse Haltung leicht ins Gegenteil verkehren. Die Betonung des Individualismus hat sein Richtiges, gerade wenn man eine freie Gesellschaft will, denn ohne ein Ich, das von sich weiss wer es ist, kann keiner auf seinen Nächsten zugehen und ihn als eben so individuelles und freies Du ansprechen. Wenn das Individuum nur Knetmasse in den Händen von Staat, Kirche, gesellschaftlichen Gruppen, Firmen etc. wäre, dann hätte es nämlich auch keinerlei Verantwortung.

Ebenso stammt das bei Levinas bedeutende epikuräische Moment des Genusses offenbar von Stirner: Wer bloss von der Sorge zu leben erfüllt ist, vergisst darüber das Leben zu geniessen. Diese Aussage wurde vom Neoliberalismus ins Gegenteil verkehrt und damit die Sorge, die finanzielle Sorge als Ab-Sicherung und Ver-Sicherung zum eigentlichen Kernpunkt des gesamten Lebens gemacht.

Wenn wir wissen werden, dass das Leben keinen anderen Zweck habe, dass es kein "zukünftiges Leben" gebe, wird man keine Furcht haben, das gegenwärtige Leben zu geniessen. Dem Leben ist kein Beruf gegeben, für den das Leben nur das Werkzeug, nur das Mittel wäre. Ein Mensch ist zu nichts "berufen" und hat keine "Aufgabe", keine "Bestimmung", so wenig als eine Pflanze oder ein Tier einen "Beruf" hat.

Pierre-Joseph Proudhon (1809-65): Eigentum ist Diebstahl

Der Mensch ist als geselliges Wesen geboren,
d.h. er sucht in allen seinen Beziehungen die Gleichheit und die Gerechtigkeit, doch liebt er auch die Unabhängigkeit.

Proudhon erhob sich als erster gegen das Recht der Mehrheit, ihre Beschlüsse der Minderheit aufzuzwingen. Das Problem des Minderheitenschutzes ist für alle Demokratien eine Knacknuss.

Der Arbeiter wird durch die immer mehr ins Detail geführte Arbeitsteilung in einen immer mehr erniedrigerenderen Zustand eines Automaten herabgedrückt. Dies macht zwar die Industrie unvergleichlich produktiver, aber zur selben Zeit verelenden sie den Arbeiter physisch und psychisch ... Je mehr die Arbeitsteilung und die Macht der Maschinen wächst, umso mehr sinkt die Intelligenz des Arbeiter und umsomehr geht das Bestreben, die Zahl der Arbeitskräfte zu reduzieren.

Das anarchistische Programm von 1866:

  1. Aufhebung des göttlichen Rechts
  2. Aufhebung des diplomatischen Rechts
  3. Aufhebung des historischen Rechts
  4. Verzicht auf jede Idee nationaler Vorherrschaft
  5. Freiheit des Individuums in der Kommune
  6. Freiheit der Kommunen und freie Föderationsbildung
  7. Aufhebung des öffentlichen und privaten Rechts
  8. Politische Gleichheit aller
  9. Aufhebung aller persönlichen oder königlichen Privilegien
  10. Emanzipation der Arbeit vom Kapital
  11. Das einzige Eigentum ist: Die Arbeitswerkzeuge den Arbeitern, die Erde denen, die sie bebauen.
  12. Freie Föderation der Nationen untereinander.

Bevor Sie sich nun künstlich aufregen, von wegen Volltrottel und so, weil einige der Anliegen heute nicht Mehrheitsfähig sind, sehen sie sich die andern an, die heute selbstverständlich sind. Die verdanken wir also den Anarchisten.

Michail Bakunin (1814-1876)  [Philosophie der Tat. Hegner Bücherei, Köln, 1968. Bakunin hat sich überdies auch an der Jura-Föderation beteiligt, damals eine Kerngruppe der Anarchisten. Er lebte vorübergehend in Genf und Zürich.]

Die ungeheure Mehrheit der liberalen Doktrinäre gehört der Bourgeoisie an. Diese so grosse und beachtenswerte Klasse wünscht sich nicht mehr, als das Recht oder vielmehr das Vorrecht der vollkommensten Anarchie mit sich in Einklang zu bringen; ihre ganze soziale Ökonomie, die tatsächliche Grundlage ihrer politischen Existenz, hat bekanntlich kein anderes Gesetz als das der Anarchie, die in den so berühmt gewordenen Worten: Laissez faire et laissez passer ihren Ausdruck finde. Aber sie liebt die Anarchie nur um ihretwillen und nur unter der Bedingung, dass die Massen, "zu unwissend um daraus Nutzen zu ziehen", der strengsten Disziplin unterworfen bleiben.

Das Wort macht den Menschen frei. Wer sich nicht äußern kann, ist ein Sklave. Sprachlos ist darum die übermäßige Leidenschaft, die übermäßige Freude, der übermäßige Schmerz. Sprechen ist ein Freiheitsakt; das Wort ist selbst Freiheit.

Ludwig Feuerbach

Bereits 1871, als Bakunin diese Worte niederschrieb, war also klar, dass der Liberalismus zwar sich anarchisch verhält wo er jegliche Lenkung und Begrenzung wirtschaftlichen Tuns ablehnt, dass der selbe Liberalismus sich aber innerhalb der Betriebe enorm autoritär gebärdet und das Grundprinzip der Anarchie negiert: Nicht beherrscht werden - nicht beherrschen! - wodurch er die Macht von der Politik zur Wirtschaft verlagert. Die Sache mit den unwissenden Massen mag diesen sauer aufstossen, aber wenn Sie in den letzten 10 Jahren selbst Erfahrung gemacht haben mit Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsprogrammen ... Was war den immer das höchste Ziel dieser Programme? Was hörte man als erstes von den Ausführenden? > Ein geregelter Tagesablauf ist wichtig! [Kein Witz, ich habe 1995/96 wochenlang Umfragen betrieben. Es war echt zum Haaröl saiche]. Natürlich haben die Leute recht, denn Arbeitslosigkeit entsteht ja, weil so viele zu spät zur Arbeit kommen und entlassen werden müssen ... nicht weil das Kapital mit dem Geld rumspielt, statt zu investieren.

Aber einiges hat sich seit der hohen Zeit der Anarchie doch auch zum Bessern gewendet. Staatliche Autorität ist heute weit weniger ausgeprägt als damals und hat, zumindest in Demokratien, nur noch wenige Möglichkeiten, sich mittels Gewalt durchzusetzen:

Der Staat ist die Autorität, die Macht, das Prahlen und die Verdummung mit der Gewalt. Nicht sanft setzt er sich fest, er sucht nicht zu überzeugen: wenn er sich einmischt, tut er dies sehr ungern, denn seine Natur besteht nicht darin zu überzeugen, sondern darin, Eindruck zu machen, zu erzwingen ....

Präzise hier gerät aber unser heutiger Staat in die Bredouille, denn ihm stehen heute viel weniger Mittel zur Verfügung, um öffentlich zu argumentieren und das Volk zu überzeugen, als die Konzerne einsetzen können um ihre Interessen zu propagieren. Das noch grössere Problem ist, dass Staat wie Wirtschaft primär populistisch mit Schlagworten an die Öffentlichkeit treten, und diese primär auf Grund des bekannten rechts-links-Schemas entscheidet. Die öffentliche Diskussion ist eigentlich nicht bloss Not leidend, sondern fast inexistent.

Aktueller Einschub: So behauptet zwar die neuste Eidgenössische Volksinitiative «Volkssouveränität statt Behördenpropaganda», dass es ihr darum geht, die freie Meinungsbildung erhalten! Nun überlegen Sie sich mal, wie Sie sich selbst Ihre Meinung bilden. Ich vermute, Sie lesen Zeitung, sehen Nachrichten und ab und zu auch eine politische Analyse. Sie informieren sich offensichtlich im Internet, Sie unterhalten sich mit Freunden und Kollegen ... und bilden sich Ihre Meinung auf Grund all dieser Informationen, ihres eigenen Hintergrundwissens und natürlich auch Ihrer persönlichen Schwerpunkte. Nun kommt vor den Abstimmungen, zusätzlich zu den Paketen an Parteipropaganda und Zeitungen, noch eine Dokumentation vom Bund. Wirft diese Ihre freie Entscheidung einfach um? Sind die Berichte aus Bern wirklich soooo gut und derart überzeugend? Oder könnte der Bericht vielleicht noch aufzeigen, wo sie beim Denken zu sehr in ihrem eigenen Gartenzaun stecken bleiben. Auch die Regierung muss ihre Entscheide begründen können. Es soll nicht reichen Parteien vorbehalten bleiben, ihre Sicht der Dinge verbreiten zu dürfen. Die Initiative ist Schrott.

Autorität und Freiheit vertragen sich schlecht, egal ob die Autorität nun beim Staat oder bei der Wirtschaft liegt. Die Autorität ist  nun, 150 Jahre später, noch genau so da wie damals, nur wanderte sie von der Politik zur Wirtschaft. Und genau wie damals wird die Freiheit im Namen der Sicherheit untergraben. Wurden damals die Anarchisten zu gefährlichen Terroristen gemacht gegen die es mit Gewalt vorzugehen galt, so sind es heute die Muslime. Wenn Sie sich ansehen, welche politischen Strukturen Bakunin als Anarchist forderte, so sehen Sie den Betrug sofort:

  1. Die Grundlage der politischen Organisation eines Landes muss die absolute autonome Gemeinde sein, die immer von der Mehrzahl der Stimmen aller grossjährigen Einwohner, Männer und Frauen mit gleichen Rechten vertreten wird. [Katechismus der revolutionären Gesellschaft, 1965/66]
  2. Die Provinz darf nichts als eine freie Föderation der autonomen Gemeinden sein.
  3. Die Nation darf nichts sein als eine Föderation autonomer Provinzen
  4. Die internationale Föderation umfasst alle Völker dieser Erde.

Ehrlich, wenn diese Grundsätze eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen, dann hätte man die Schweiz doch schon lange auflösen müssen, oder? Im Übrigen waren die Anarchisten ja nicht gegen Politik und nicht gegen eine gemeinsame Organisation gesellschaftlicher Belange - aber sie wollten diese von unten her, grassroots, organisieren. Sie wehrten sich gegen eine Politik von oben, gegen Herrschaft. Ihre Losung war, zumindest zeitweise und in gewissen Gruppierungen (Anarchosyndikalisten): Alle Macht den Räten. So was wie Schlafbrot, Chnulleri & Co. hätte also einer sozial-anarchistischen Gesellschaft genau so passieren können wie unserer wirtschaftsanarchistischen. Peinlich aber wahr.

Im übrigen ist Bakunins Lebenslust: Die Lust der Zerstörung ist auch eine schaffende Lust! eigentlich die selbe wie der kreative Zerstörung Schumpeters. Wir sehen also, dass die Anarchie, well, eine Art von Anarchie, heute eigentlich in der Wirtschaft herrscht - leider aber ohne die freiheitlichen Ideale die von den klassischen Anarchisten vertreten wurden.

Peter Kropotkin (1842-1921) [unter dem selben Link weitere Archive mit anarchistischer Literatur]

Kropotkin hat bereits von hundert Jahren, in Gegenseitige Hilfe in der Tier und Menschenwelt, darauf hingewiesen, dass die Evolution nicht nur aus Wettbewerb und Kampf besteht, sondern vor allem auf Kooperation baut. Wäre dem nicht so, hätten sich die Zellen nie zu Organismen und Organen zusammengeschlossen und wir würden immer noch als Einzeller im Meer rumdümpeln. Auch die Menschheit begann ihre eigentlich kulturelle Entwicklung erst mit dem Zusammenleben in den Städten. Dort hatte das Überleben Priorität  vor dem Markt: Erst wenn sich die Bevölkerung mit Gütern am Markt versorgt hatte, durften die Händler den Rest kaufen. (s. Rheinfelden). Kornhandel wurde oft gemeinsam getätigt. Preise wurden durch erfahrene Männer, eine dritte Partei, festgelegt, aber nicht durch Verkäufer und Käufer. Dies war sozialem und friedlichem Verhalten so förderlich, dass zur Verteidigung eine besondere Kriegergilde nötig wurde, angeführt von einem Herzog (Der vor dem Heere zog. Nomen est obviously Omen). Städte bewahrten Europa bis ins späte 15. Jahrhundert vor theokratischen oder sonst wie despotischen Staatsformen. Nach jedem verloren gegangenen Bauernaufstand gerieten allerdings weitere Gemeindeländereien, die zuvor als Gemeinschaftsbesitz betrachtet wurden, an die Feudalherren. Dann wurde Föderalismus und Partikularismus zum Staatsfeind erklärt. Die Gemeindeautonomie wurde aufgehoben. Besondere Bündnisse unter Bürgern wurden verboten: Kein Staat im Staate. In Frankreich z.B. sind laut Kropotkin Vereinigungen von mehr als 18 Personen erst seit 1848 erlaubt! Dies war der Ausgangspunkt der Anarchisten. Sie forderten:

  • Gemeindeautonomie
  • Streikrecht
  • Versammlungsrecht
  • Das Recht auf politische Vereine (Parteien)

Mit Anarchie ist heute also kein Staat mehr zu machen, da die meisten Forderungen erfüllt wurden, einige mehr als erfüllt, insbesondere diejenige, dass die Wirtschaft und nicht der Staat regieren solle. Auch dazu wurde die Grundlage früh aufgebaut mit der Wettbewerbstheorie, die besagt, jeder Mensch müsse sein eigenes Glück suchen, ohne sich um die Bedürfnisse anderer zu kümmern.

Nun gibt sich aber ein Mensch der sich zum Sklaven eines andern macht, nicht umsonst her, er verkauft sich, zumindest für seinen Lebensunterhalt.

Gewalt hat die ersten Sklaven geschaffen,
ihre Feigheit hat diesen Zustand verewigt.

Jean-Jacques Rousseau: Le contrât social
[Der Gesellschaftsvertrag]

Freilich, wenn man es durchaus Prostitution nennen will, wenn ein Mensch nicht, wie es üblich ist, seine ganze Person für Geld hergibt, sondern nur seinen Körper, so betrieb Leona gelegentlich Prostitution.

Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften

Während Gewohnheitsrechte wie die Demokratie früher zu verhindern suchten, dass die Massen durch Minderheit unterdrückt werden, so ist heute die Eigentumsgarantie der wohl wirksamste Minderheitenschutz. Eine Minderheit, deren Macht um so mehr wuchs, je leichter es wurde, Privatvermögen anzuhäufen. Auch traditionelle Gesellschaften kennen das Recht auf persönliches Eigentum, aber dieses beschränkte sich auf bewegliche Habe wie Vieh, Geräte und Haus (!), nicht aber Land, das oft gemeinsam bewirtschaftet wurde. Eine Tradition die lange Zeit auch in der Schweiz galt (s. Allmend). Mit der Einführung des Geldes beginnt ... das natürliche Recht auf unbegrenzte Apropriation und unbegrenztes Eigentum. [Helmut Rittstieg] Zu nebenstehendem Zitat ist doch noch anzumerken, wie auffallend der Kontrast zu heutigen Gepflogenheiten ist, wo doch das erste Gebot heisst: Du musst Dich verkaufen können! Für die Stoa war der freie Mensch eben derjenige, sich nicht auf dem Markt zur Schau oder gar zum Verkauf anbieten zu müssen: Entweder musst du eine Vernunft ausbilden oder das, was in der Welt zählt, dich um dein Inneres kümmern oder um die Aussenseite deiner Existenz, anders gesagt: Entweder du musst Philosoph sein oder ein ganz gewöhnlicher Mensch. [Epiktet} So entspring Rousseaus Kritik an eben dem Gesellschaftsvertrag eben diesem Missbrauch, durch den Minderheiteninteressen zum Gesetz für die Mehrheit gemacht werden: Unter schlechten Regierungen ist diese Gleichheit nur scheinbar und vorgespiegelt; sie dient nur dazu, den Armen in seinem Elend und den Reichen in seinem anmassenden Besitz zu erhalten. In Wirklichkeit sind die Gesetze immer den Besitzenden nützlich und den Habenichtsen schädlich. Daraus folgt, dass der gesellschaftliche Stand für Menschen nur vorteilhaft ist, soweit sie alle etwas besitzen und niemand zu viel besitzt. Auch hier hat sich die Interpretation ins Gegenteil verkehrt. Heute bekämpfen die Besitzenden den Staat, weil er ihnen zu wenig Unterstützung gewährt in der Mehrung ihrer Besitztümer.

Die einzige Forderung der Anarchisten die nicht bloss nicht erfüllt, sondern ins Gegenteil verkehrt wurde, ist also die Kontrolle der Macht des Kapitals durch Beschränkung von Vermögensungleichheit, speziell von Erb- und Eigentumsrecht auf so viel, wie eine Person oder Familie wirklich nutzen kann (Problem Latifundien Südamerika, Bodenrecht ...). Die Forderung ist berechtigt, denn der Mensch lebt nicht von Freiheit allein! Der Schlachtruf der mexikanischen Revolution: Tierra y Libertad,  ist zwar längst verhallt, das Problem aber in anderer Form, als Kapitalakumulation, immer noch vorhanden http://www.nodo50.org/tierraylibertad/

http://www.brainworker.ch/r-evolution/1_3_01%20Bodenrecht.htm

Der gegenwärtig lauteste Ansatz in dieser Beziehung will eine Steuer auf Kapitaltransaktionen (Tobin-Tax, attac), ist also mehr als beschränkt, auch wenn wir den Widerstand gegen die Globalisierung dazu nehmen. Die Anhänger der Freiwirtschaft schiessen sich regelmässig selbst ins Bein, wenn sie einen Aufstand machen, wegen 0.5% Inflation und alles Glück der Welt durch eine monetaristische Lenkung der Wirtschaft erwarten.

Man bedenke weiter im allgemeinen, welche Verkümmerung des Geistes in der Menschheit durch die Idee des Gehorsams herbeigeführt wurde, die das Wesen des Gesetzes und der Autorität bilden.

Wir haben keine zwei Gewicht und zwei Masse für die Vorzüge der Regierten und die der Regierer; wir wissen, dass wir selber nicht ohne Fehler sind, und dass die Besten unter uns rasch durch die Ausübung der Macht verdorben würden. Wir sehen die Menschen wie sie sind, und deshalb verwerfen wir die Herrschaft des Menschen über den Menschen.

Hier wird's Zeit für einige Definitionen: s. nächstes Kapitel: Herrschaft, Macht und Gewalt

Herrschaft, Macht und Gewalt:

Herrschaft

Der Begriff wird in den Sozialwissenschaften häufig in Anlehnung an Max Weber verwendet, der ihn in wie folgt definiert: "Herrschaft soll heißen die Chance für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden".

Max Weber unterscheidet drei Idealtypen von Herrschaft, nach der Art ihrer Legitimation:

  • rationale Herrschaft, die auf dem Glauben der an die Legalität gesatzter Ordnungen (zum Beispiel Gesetze) ruht, Beispiel: Bürokratie
  • traditionale Herrschaft, die auf dem Alltagsglauben an die Heiligkeit von jeher geltender Traditionen und der Legitimität der durch sie Berufenen ruht, Beispiel: Patriarchat, Feudalismus
  • charismatische Herrschaft, die auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie geschaffenen Ordnung ruht. Sie versachlicht sich stets in eine rationale oder traditionale Herrschaft, Beispiel: Prophet

Interessanterweise setzt Weber also "Herrschaft" und "Autorität" praktisch gleich. Da Herrschaft nach Max Weber ein Minimum an Gehorsam voraussetzt; widerspricht seine Definition der von Karl Marx, dessen Herrschaftsbegriff auf Macht basierte. Der Begriff von Max Weber ähnelt eher dem Gesellschaftsvertrag. Wo weit unter http://www.thur.de/philo/herrschaft.htm. Herrschaft wie Autorität setzen sich allerdings meist nicht so ganz durch "freiwillige Anerkennung" durch, sondern meist durch den Beistand des Kettenhundes der Autorität, nämlich der Disziplin. [s. Autorität - das Fundament von Faschismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus und anderer Formen von ethnozentrischer Ausländerfeindlichkeit und Disziplin, der Kettenhund der Autorität.]

Religion ist das, was die Armen davon abhält, die Reichen umzubringen.

Napoleon I.

DAS Handbuch zur Erhaltung der Macht ist ja Machiavellis Der Fürst (il principe). Obwohl auch heute eigentlich alle nach Macht streben (hier liegt das systemische Problem der Macht verborgen, hier liegt der Grund, warum sich Herrschaftsfreiheit (Anarchie) nicht durch das Wegbomben einiger Machtträger erreichen lässt), verwerfen alle scheinheilig die Hände, wenn da einer beschreibt, wie man an die Macht kommt und sie fest hält. Macht kann notwendig sein. Ich erklär das lieber an einem etwas moderneren Beispiel als an Machiavellis mittelalterlichen. Im Jemen war bis zur Revolution 1962 das Staatsoberhaupt, der Imam, zuständig für alles, für die Armee, die Gesetzgebung, das Gericht, die Wirtschaft, die Religion. Wollte wer von einer Stadt in die andere, brauchte er eine Bewilligung von Sana'a. Diese absoluten Herrscher erhielten aber ihre Macht weder durch Wahl noch über Nachfolgeregelung (mit den üblichen reichlichen Ausnahmen, versteht sich). Der Imam muss sich die Herrschaft durch Gewalt erobern. Er musste dadurch zeigen, dass er fähig war, finanzielle wie tatkräftige Unterstützung für sein Anliegen zu mobilisieren. Dies mag aus unserer Sicht brutal scheinen, aber die Lebensbedingungen in einem Land wie dem Jemen sind dies nicht minder. Und ein Herrscher muss das Bestehen und die Entwicklung seines Landes garantieren können, ohne Rücksichten.

Wir sehen hier allerdings, dass nicht nur die internationalen Beziehungen, sondern auch die relative Grösse und Bedeutung eines Landes zu berücksichtigen ist. Der Jemen ist ein kleines Wüstenland auf einer Halbinsel, mit geringem Einfluss auf die Weltgeschichte. Je stärker aber ein Land mit seinen Nachbarn kommunizieren muss, desto mehr Bedeutung erhält die Aussenpolitik und die Rücksichtnahme auf andere. Wenn also ein Land wie die USA die selbe Politik vertritt wie ein mittelalterliches Fürstentum und rücksichtslos die Interessen des eigenen Landes vertritt, dann ist das nicht mehr das selbe, wie wenn dies der Herrscher eines kleinen unbedeutenden Landes tut. Wenn kleine Betriebe einander das Wasser abgraben, so ist das offensichtlich der Lauf der Dinge und der Aufregung nicht wert, wenn das Selbe aber auf dem Niveau von global players stattfindet, dann kann dies für ganze Regionen und Völkerscharen tragisch enden. Nicht nur die Freiheit des Wettbewerbs wird durch Grösse der Bewerber beschränkt, auch die Folgen wachsen mit der Grösse der Konkurrenten zu einem Ausmass an, für das niemand mehr die Verantwortung (oder gar einen Versicherungsschutz) übernehmen will und kann.

Macht

Das Geheimnis jeder Macht besteht darin zu wissen, daß andere noch feiger sind als wir.

(Ludwig Börne, dt. Schriftsteller, 1786-1837)

Die bekannteste Definition stammt von Max Weber. Seiner Ansicht nach bedeutet Macht "jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht." (Wirtschaft und Gesellschaft, S. 28)

Der bekannteste Propagandist von Macht dürfte nebst Machiavelli vor allem Nietzsche sein ... obwohl "Der Wille zur Macht" ein hemmungslos manipuliertes Machwerk seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche. Bei aller Freiheitsliebe haben auch Nietzsche Gründe gegen ein dauerndes Mittleiden und sich Unterwerfen eine gewisse Gültigkeit - und eine befreiende Wirkung auf die Leser seiner Zeit. Zu Beginn des 20. Jh. setzten sich Güte, Demut, Gehorsam, Geduld, Verzeihung, Mitleid als Werte durch. Für Nitzsche war dies ein Sieg der Sklavenmoral. Rational, historisch-soziologisch betrachtet, ist das Aufkommen solcher Werte vor allem  durch immer dichteres Wohnen bedingt. Der Wertekatalog einer Stadtgesellschaft ist z.B. für Beduinen, Sammler, Jäger in Steppe oder Tundra weit weniger attraktiv. Hierin liegt der Hauptgrund weshalb sich das weiche Christentum in den heute islamischen Gebieten, mit äusserst harten Überlebensbedingungen, nicht durchsetzen konnte. Fundamentalismus jeglicher Provenienz ist also dümmlich, denn jede Kultur hat diejenige Religion, die lokal funktioniert.

Wirtschaftliche Macht des einen bedeutet im Rahmen einer sozialen Beziehung Verengung des Handlungsspielraums der betroffenen anderen.

[Eric Homburger in Geld & Wachstum, Binswanger. S. 189]

Macht ist fast immer äusserst ungleich verteilt (s. Graph, click für Vergrösserung). Wir finden diese Verteilung nicht bloss bei Geld, Entwicklungsorganisationen (Bild), Industrie etc., sondern jeder von uns steht irgend wo in einer solchen Machttreppe. Wichtig ist, dass jeder zumindest ein Treppchen hat, auf dem er nicht ganz unten steht, denn Ohnmacht führt zu Gewalt, Gewalt gegen sich selbst oder Gewalt gegen andere. Hier dürfte die wichtigste Ursache für die Gewalttätigkeit mancher, in der Arbeit frustrierter und machtloser, Ehemänner liegen, eine Gewalttätigkeit die nicht zu mehr Anerkennung führt, sondern meist ebenfalls zur Anwendung von Gewalt, im Falle von Frauen also meist psychischer Gewalt (Noch nie von einer Frau fertig gemacht worden? Eben, sag ich doch! Hans was Heidi (äxgüsé, nai, Du bisch nid gmaint, es raimnt nu grad eso)). Dabei würde ein kleines bisschen eigene Macht, Beteiligung oder schon bloss Anerkennung als psychischer Ausgleich meist genügen, deshalb sind ja in der Schweiz die Vereine so beliebt, in denen jeder der Lust hat, zu einem "wichtigen" Aemtchen kommen oder sogar Präsident werden kann.

Aus diesem Grund ist das Vorgehen von Bush gegen den Terror so ziemlich das Verkehrteste was möglich ist, denn Terror ist ganz einfach die Waffe der Machtlosen, die militärisch den USA nichts entgegen zu setzen haben. Die Macht auf der Seite der bereits Mächtigen noch mehr zu stärken ist kein vernünftiger Umgang mit den bereits Machtlosen. Es gilt, auch Ihnen Gehör und eine angemessene Bedeutung zu geben. Eine dominierende Weltmacht, die sich zur einzigen Macht macht, die alle andern zur Ohnmacht verdammt, hat nur noch Feinde. Präzise aus diesem Grund dauern tausendjährige Reiche meist viel kürzer als sie versprechen.

Allerdings liegen auch die Terroristen falsch, denn die Ohnmächtigen haben meist die Mehrheit. Würden sie den Schrott mit immer mehr Wettbewerb nicht glauben und kooperieren, keine Macht könnte einem solchen, auch gewaltfreien, Widerstand etwas entgegen setzen.

Ein exzellentes Mittel für die Machtteilung war bis anhin die berufliche Spezialisierung. Sie hat eine Unzahl an Machttreppen geschaffen, allerdings mit dem Problem, dass, wer von einer Treppe runterfällt, oft auf einer andern wieder unten einsteigen muss.

Eine etwas brutalere und unanständigere Präsentation der Karriereleiter hier als flash.

Diese Machttreppen, man könnte sie etwas gemässigter auch als Anerkennungsleiterchen bezeichnen, sind auch mit ein ursächlicher Faktor für den Wachstumszwang: immer höher, immer mehr, immer grösser, immer schneller. Das Problem liegt, nein, nicht in den unbeschränkten materiellen Bedürfnissen der Menschen, sondern im Machtstreben - und in der Dummheit, den Zynismus dieses Ordnungsprinzips nicht zu erkennen. Alle streben nach oben, obwohl eigentlich jedem klar ist, dass oben nix ist ausser dünner Luft und der Angst, runter zu fallen. Nehmen wir wieder das Beispiel der Graphik, die Entwicklungsorganisationen. Zuoberst ist also die DEZA, die finanziert, die bestimmt was läuft, die über Sein oder Nichtsein von Organisationen und Jobs entscheidet. Trotzdem, lustvolle Macht ist da keine, denn da ist der Auftrag, der Auftrag eines Volkes, von dem niemand weiss, wo und wie es diesen Auftrag erteilt hat. Da ist der der Markt, der bestimmt, da sind die Konsumentenwünsche, die es zu erfüllen gilt, da sind die Trends, die es zu erkennen gilt. Die Macht löst sich also oben auf auf in fluffige Machtillusionswölkchen. Dies sogar beim Bundesrat, wenn das Volk zu mächtiger Politik, trotz Drohungen und gutem Zureden, wieder mal ganz einfach nein sagt.

Ein moderner Anarchist, der sich zwar ebenfalls ziemlich verrannt hat was die Wirkung von Bomben betrifft, und zudem gleich die gesamte Linke in Bausch und Bogen verdammt hat, Theodore Kaczynski, hat dieses Problem jedoch in seinem "Unabomber Manifesto" recht detailliert und treffend analysiert. Er nennt es den Macht-Prozess (power process), der Zielsetzung, Anstrengung, das Ziel zu erreichen und Erfolg (Zielerreichung) umfasst. Lebenslängliches Scheitern im Versuch, Ziele setzen zu dürfen, über ausreichend Zeit, Mittel und Unterstützung zu verfügen, diese anstreben zu können, führen zum völligen Verlust von Selbstvertrauen und zu Depressionen. Der enorm ansteigende Verbrauch an Antidepressiva zeigt, dass die Idee nicht aus der Luft gegriffen ist. Als wichtigste Anforderungen im Erwerb des Lebensunterhaltes sieht er den Gehorsam. Der moderne Betrieb, in dem jeder seine spezifische Funktion wie ein Rädchen erfüllen muss, lässt keinen Raum für Kreativität und Initiative, also für den ersten Schritt des Machtprozesses: Die selbständige Zielsetzung.

Der Weise fragt nicht, ob man ihn auch ehrt; nur er allein bestimmt sich seinen Wert.

Seume: Einem Kleinmütigen

Rangordnung: Das Problem, für das ich mal den Ausdruck Machttreppe erfunden habe, wurde in der Psychologie längst erkannt und als kritisch betrachtet. Alfred Adler basierte seine Psychoanalyse auf der Untersuchung von Minderwertigkeit <> Kompensation oder Minderwertigkeit <> Überwertigkeit. Seine Empfehlung war: Auf Gleichberechtigung achten. Nicht zum Gehorsam erziehen! - was damals vor allem auf die Frauen abzielte. In der Zwischenzeit sitzen wir allerdings bald mehrheitlich im selben Boot. Männlein wie Weiblein. Der Wettbewerb ist aber präzise DAS Werkzeug, das diese Rangordnung eigentlich erst erzeugt. Löhne, Vermögen, Zinsen und Renditen, kurzum der gesamte Kapitalmarkt, sind dann die Faktoren, die diese Rangordnung zementieren und, über die gelobte Pareto-Verteilung, noch verschärfen.

Kaczynskis Definition von Freiheit: Mit Freiheit meinen wir die Chance, den Macht-Prozess zu durchlaufen, mit echten Zielen, nicht den künstlichen der Ersatzaktivitäten, ohne Beeinflussung , Manipulation oder Überwachung durch irgend jemanden, insbesondere von grossen Organisationen. Freiheit heisst, selbst die Kontrolle zu besitzen (entweder als Individuum oder als Mitglied einer KLEINEN Gruppe) über die Leben&Tod-Entscheidungen des Lebens: Nahrung, Bekleidung, Unterkunft und Verteidigung gegen alle Gefahren der Umgebung. Freiheit heisst, die Macht zu haben: Nicht die Macht, andere zu kontrollieren, aber die Macht, die Umstände des eigenen Lebens zu kontrollieren. [§ 94]

Der grosse Vorzug adliger Abkunft ist, dass sie die Armut besser ertragen lässt.

Friedrich Nietzsche: Morgenröte 200

Macht ist allerdings oft ein etwas zu starker Ausdruck. Wertschätzung und Anerkennung reichen oft auch. Je stärker der Wettbewerb, desto stärker die relative Deklassierung, denn in den meisten Wettbewerben gibt es nur einen Sieger. Auch wenn es so ist, wie die Freunde des ewigen Wachstums auf freien Märkten behaupten, dass die Ökonomie kein Nullsummenspiel ist, so bleibt die Tatsache, dass Wettbewerb nicht nur Gewinner, sondern mehr noch Verlierer schafft.

Rankism ist der englische Ausdruck für den Missbrauch der persönlichen Stellung über andere und fasst das, was ich mit Machttreppe versucht habe auszudrücken, recht gut zusammen, allerdings nur aus der Perspektive der Unterordnung, des Missbrauchs..

Ehrgeiz, Machtstreben, Mobbing - Machtgerangel, das den Status quo erhält

Der Sklave will nicht frei werden. Er will Sklavenaufseher werden.

(Gabriel Laub, tschechischer Schriftst. u. Satiriker, *1928)

Der gewalttätige Anarchismus, die Anarchie der Tat, der Anarchist mit der Bombe - mit dem der Begriff meist assoziiert wird, beruht leider auf einem Irrtum, nämlich der falschen Hoffnung, man könne das Böse personalisieren. Natürlich ist es meist leicht möglich, einen Sündenbock zu finden. Der Teufel aber liess sich so noch nie erwischen. Der Fehler wird auch heute noch von vielen begangen, obwohl die Analyse komplexer Systeme enorme Fortschritte gemacht hat und wir heute zumindest am Rande verstehen könne, wie solche funktionieren. Es gibt kein System, das nur aus Bossen besteht. Ein System besteht aus allen Gliedern, unser Wirtschaftssystem also aus uns allen. Wir sind unser System, wir machen es, wir haben dafür die Verantwortung zu tragen. Die unglückliche Systemwirkung der Hierarchie entsteht ganz einfach: Wer in eine Firma einsteigt und am Anfang nur Befehle erhält, strebt danach, Befehle erteilen zu können. Je mehr eine(r) zuvor das Verhalten seines Chefs gehasst hat, um so mehr wird er/sie später das selbe Recht in Anspruch nehmen, das Recht zu herrschen, das Recht vom Untergebenen Gehorsam zu fordern. So trägt jeder mit zur Etablierung eines Systems, dass eigentlich keiner so gewollt hat. So dürfte man auch Mobbing definieren als: Mobbing ist die Rache der Untergebenen an Kollegen und Kolleginnen, dafür dass man selbst Untergebene(r) ist. Mobbing ist die vulgäre Ausdrucksform von Ehrgeiz und Machtstreben, auf dem unsere ganze Ordnung, die Ordnung der Machttreppchen, beruht. Mobbing ist die Anwendung der, in den meisten Betrieben dominanten, trivialen Definition von Chef: Chef ist, wer auf andern rumtrampeln darf.

s. GUTE ARBEIT II: Hintergründe der geistigen Verwirrung um die Arbeit.

Ein von der Sache her ähnlich gelegenes Problem haben wir zur Zeit akut im Fussball. Im Fussball werden ja Stellvertreterkriege gefochten. Meist dient dies als harmloser Ersatz für frühere Überfälle benachbarter Stämme oder Dörfer, für Kriege und andere Aggressionsäusserungen. Gewinnt die eigenen Mannschaft, so haben wir gewonnen, verliert sie ... so ist normalerweise bloss die Mannschaft, diese Pfeifen, schuld. In seltenen Fällen, wie eben in Basel (Mai 06), kann es halt eben dann doch zu einer Solidarisierung kommen, man will der eigenen Mannschaft beistehen und die Feinde vernichten. Natürlich sind zerstörte Anlagen, Autos und Geschäfte lästig und der Angriff auf Menschen unzulässig ... nichtsdestoweniger haben diese Ausbrüche eigentlich etwas positives, denn sie zeigen, dass sogar die desinformierteste Bevölkerungsschicht willens ist, aus dem Stellvertreterdasein herauszutreten und sich selbst kriegerisch zu engagieren. Überlegen Sie bloss mal, wie frustriert und desorientiert jemand sein muss, dessen geistiges Wohl davon abhängt, welches Grüppchen von 2 x 11 auf dem Rasen rumhüpfenden Männchen den Ball in welches Tor schiesst. Amüsant ist ebenfalls, dass die "Freiheitsparteien" natürlich wieder die ersten sind, die nach dem starken Arm des Gesetzes rufen.

Mario Erdheim hat dies in "Sieg ist ein anderes Wort für Zerstörung" [Tagesanzeiger, 6.9.06. S. 10] so ausgedrückt:

Der Gewinner wird enorm gefeiert. Denn Sieger zu sein, gilt bei uns als etwas unbedingt erstrebenswertes. In traditionellen Gesellschaften gibt es zwar auch Sport und Sieger, aber dort wird ein Sieger - besonders dann, wenn er mehrmals als solcher hervortritt - verdächtigt, er sei nur mit Hilfe von Zauberei und bösen Geistern zu diesem Sieg gekommen. Und das ist nicht gut. Sieger müssen also damit rechnen, dass sie unter Anklage kommen. Das kann man vermeiden, indem man nicht so viel siegt. In unserer Gesellschaft jedoch muss man siegen. Je mehr Siege man vorweisen kann, desto besser steht man da. Verlierer hingegen sind das Letzte.

Für mich hat diese Empörung und der Ruf nach schnellen Verboten etwas Heuchlerisches. Wenn in einer Gesellschaft der Sieger so idealisiert wird wie in der unsrigen, dann muss man auch eingestehen, dass der Sieger auch bereit sein muss, über Leichen zu gehen. Sieg ist nur ein anderes Wort für <Aggression> oder für <Zerstörung>.

Dies die psychologische und soziale Begründung der allgegenwärtigen Hierarchie. Statistisch belegt wird diese These durch die Personalbeurteilung bei der SBB [Cash Nr 23. 7. Juni 2002, S. 2]. Während sich die obersten Lohnstufen dort gegenseitig die durchschnittliche Note von 2.25 zuteilten und damit 2000 Franken zusätzlich erhielten, bewerteten sich die untersten Stufen gegenseitig am strengsten, und hätten 80 Fr. zurückgeben müssen, hätte sich nicht die Gewerkschaft für sie gewehrt. Wenn vielleicht auch nicht die Solidarität, so ist zumindest die Schlauheit besser vertreten bei den oberen Chargen. Büetzer, merkt's endlich, ihr stellt euch ja regelmässig selber ein Bein! Da braucht's gar keine bösen Kapitalisten mehr ...

Das übelste Beispiel der systemischen Verbindung von Macht und Unterwürfigkeit liefert uns Heinrich Mann in seinem unübertroffenen *: Der Untertan. Der Hauptdarsteller entwickelt sich vom geprügelten Jungen, zum schlagenden Verbindungsmitglied und vom schleimigen königstreuen Untertanen zum herrischen Fabrikbesitzer. Während er lauthals Zucht, Sitte, Religion und Ordnung vertritt, verzeiht er sich selbst jegliche Übertretung derselben, da er ja zu einer höheren Gattung von Menschen gehört:

  • Diederich Hessling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.
  • Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Dieterich liebte ihn: "Ich habe Prügel bekommen von meinem Papa. Ihr wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen könntet. Aber dafür seid ihr viel zu wenig."
  • Denn für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind.
  • Bei der Gründung des christlichen Arbeitervereins: Wer von meinen Leuten nicht rein will, fliegt!
  • An seine Familie, als er bei Geschäften wegen eigener Dummheit auf die Nase fällt: Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft nicht untergraben! Ich hab grosses mit euch vor, aber das überlasst gefälligst meiner besseren Einsicht.
  • Sie wüssten noch nicht, ob sie sich altdeutsch oder Louis käs einrichten sollten.
  • An seine Schwester: Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst du es allein mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Bräutigam hat um deine Mitgift geschachert, dass es schon nicht mehr schön war. Du bist überhaupt bloss die Zugabe.
  • etcetc.

* Thomas Manns: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, gibt ebenfalls gute Einblicke, wie man in der Gesellschaft nach oben, in die Nähe der Macht, kommen kann. Aber Krull ist irgendwie sympathisch, denn der geniesst's mindestens. Für ihn ist das Leben Kür, also Freiheit, während Hessling aus allem Pflicht macht. Eine grässliche Gestalt, aber eben genau das, was man mit übertriebener Betonung von Pflichtbewusstsein, Gehorsam und Anpassung erzielt.

Und Krull bringt uns auf einen weiteren Ausdruck für das Problem "Machttreppe": Eine Rolle spielen. Der Ausdruck ist von amüsanter Zweideutigkeit:

  1. Positiv betrachtet, möchte jeder von uns eine Rolle spielen, also eine gewisse Bedeutung haben, wichtig sein (mächtig sein wäre schon fast zu viel des guten, aber dort angebracht, wo einzelne eine wichtige, herausragende, bestimmende, entscheidende etc. Rolle spielen.
  2. Weniger positiv ist die Tatsache, dass die Rolle gespielt wird, also eindeutig zu den Idolen, zu List, Tücke, und Stratagemen gehört. Die wahre Gestalt dahinter müssen wir erst mit mühsamer rhetorischer Analyse (Topik) erst wieder von ihrem final orientierten Gehalt (Interessenvertretung!) lösen.

Die Aussage, dass Gewalt in jedem Falle nur zerstörerisch und sinnlos ist, muss ich zur Zeit (30. Dez. 05) leider etwas korrigieren. Dies nicht weil ich Lust hätte, handgreiflich zu werden statt mit spitzer Feder zu agieren, sondern auf Grund neuerer Ergebnisse der Hirnforschung und der evolutionären Psychologie: Soziales Verhalten ist erlerntes Verhalten. Daraus lässt sich einige Erkenntnis gewinnen, die leider nicht gerade erfreulich ist:

Frieden gäbe es nur dann, wenn die Menschen nicht bloss gegen den Krieg, sondern auch gegen das Siegen wären.

Elazar Benyoetz

Im Kampf der Klassen haben sich die disjunkten, das heisst scharf getrennten Klassen zwar in ein System stetiger Verteilung, der pareto-Verteilung, verändert, aber die Lage unten ist immer noch die selbe. Während die Benachteiligten dafür auch noch bestraft werden, dass sie zum Leben zu wenig verdienen, belohnen sich die Gutverdiener immer häufiger mit grosszügigen Steuererlassen. Der Lerneffekt den ihr Hirn daraus zieht ist also: Je besser ich für mich selbst seh', je mehr Scheiss ich bau (volkswirtschaftlich gesehen), desto reicher werd' ich. Da soziales Verhalten ein erlerntes Verhalten ist, dieses Lernen aber bei den Herrschenden nicht mehr funktioniert, d.h. durch übermässige Verehrung und Schutz dieser Klasse geradezu ins Gegenteil verkehrt wurde, verstärkt sich der Druck aufs Individuum generell, auch auf Individuen ohne Kapital - die in der modernen, vernetzten Wirtschaft alleine ja kaum mehr eine Chance haben. Die Bauern, die im Mittelalter ab und zu ihre Vögte und anderen Herren mit Mistgabeln Äxten und Keulen vertrieben, machten die Grenzen der Herrschaft und das Minimum an sozialer Gerechtigkeit immer wieder mal deutlich - und zwar viel deutlicher, als das irgend ein Schreiberling das tun könnte, sei er noch so beredt. Heute regieren nur die Herren mit Angst: Angst vor Entlassung, Lohnkürzung, schlechteren Bedingungen - während sich kein Mensch mehr trauen darf, ihnen Angst einzujagen. [Dass die Deutschen einen Schweizer Banker einstellen, um Leute zu feuern, trotz gut gehender Geschäfte, dass die Schweizer gerne Deutsche in die Führungsetagen setzen, von denen wenig Rücksicht auf lokale Empfindlichkeiten und viel weniger Beisshemmung zugetraut wird, dürfte nicht bloss an den "Qualifikationen" liegen. Fremde können ohne soziale Rücksichtnahme regieren, da sie keine Angst vor sozialer Deklassierung haben. Sie sind eh "Fremde". ...] Genau diese (die Angst) braucht es aber offenbar, damit diese Kreise soziales Verhalten wieder lernen und nicht meinen, es reiche wenn sie ein paar Pfifferlinge in öffentliche Dressur- oder Sozialkontroll-Anstalten  stecken (z.B. UNION Basel: Abfalltraining (was will man mehr an Anpassung fordern von Zuwanderern, die auf ein solches Angebot nicht mit einem kräftigen Lachen reagieren, oder der Deponie eines Lastwagens voller Müll, "zu Übungszwecken" - sondern sich sogar darauf einlassen? Malen, Tanzen, Menschrechte in Mexiko, Deutschkurse ... Küche - Sport, kurz das bekannte alte römische Motto: panem et circenses). (Im Detail s. Wie das Hirn denkt ... Fazit aus wirtschaftlicher Hinsicht). Ob es nötig wird, dass nun auch die Angestellten zum selben Mittel greifen, das die Herren längst verwenden, nämlich zur Angst, ist noch nicht entschieden. Es ist noch Zeit, vernünftige Lösungen im Dialog zu suchen. Aber die Arbeitgeber müssen sich bewusst sein, dass ihre nun seit 15 Jahren herrschende Angstmacherei sehr rasch und sehr schnell dazu führen kann, dass auch die Gegenseite wieder (remember RAF & Co) zu diesem Mittel greift - auch ohne kommunistische Ziele, einfach aus Überdruss vor dem Herum-Geschoben-Werden. Die mehr oder minder sinnlosen Wutausbrüche die seit 1980 immer wieder sporadisch auftreten, zuletzt in den Vorstädten Frankreichs, sind da wohl nur ein paar relativ harmlose Warnschüsse. (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Der Niedergang der fünften Republik?)

  • Autorität - das Fundament von Faschismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus und anderer Formen von ethnozentrischer Ausländerfeindlichkeit.

Gewalt

“Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stecken, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Selbstmord treiben, einen in den Krieg führen. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten."

Bertold Brecht

Analphabeten müssen diktieren.

(Stanislaw Jerzy Lec, poln. Satiriker, 1909-1966)

Gewalt bedeutet von der sprachlichen Wurzel (walten) her vor allem Herrschaft. Im gegenwärtigen Sprachgebrauch, etwa in Wörtern und Wendungen wie Gewaltverbrechen, gewalttätig, Gewaltandrohung, elterliche Gewalt, richterliche Gewalt, überwiegen Aspekte des Zwangs bis hin zur Rohheit und Rücksichtslosigkeit. (s. Raubritter)

Traditionell wird begrifflich unterschieden zwischen physischer, psychischer und verbaler Gewalt (gegen Menschen). Dieser Dreiteilung lassen sich die folgenden Umschreibungen ungefähr zuordnen: a) direkte oder gezielte körperliche Gewalt, vom Polizeigriff bis zum Waffengebrauch, b) strukturelle oder verkappte Gewalt, von den hierarchischen Rangstufen und sozialen Klassen bis zu den vielfältigen Formen der Konkurrenz (s. Machttreppe oben), c) sanfte oder schleichende Gewalt, von der Kulturtradition mittels Erziehung und Bildung bis zu den direkten und indirekten Einflüsterungen durch Sprache und Medien.

Darüber hinaus gibt es die Unterscheidung zwischen der Gewalt gegen Menschen, gegen Tiere und gegen Sachen.

Bedeutender als diese drei Formen ist heute allerdings die strukturelle Gewalt. Gegen diese wendete sich die kritische Theorie verbal, der Neomarxismus tätlich (RAF). Motto: Macht kaputt was euch kaputt macht!

http://de.wikipedia.org/wiki/Gewalt

Johan Galtung ergänzte den traditionellen Gewalt-Begriff, der vorsätzlich destruktives Handeln eines Täters oder einer Tätergruppe bezeichnet, um die Dimension einer diffusen, nicht zurechenbaren strukturellen Gewalt:

"Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist“.

Diesem erweiterten Gewaltbegriff zufolge ist alles,

  • was Individuen daran hindert, ihre Anlagen und Möglichkeiten voll zu entfalten, eine Form von Gewalt.
  • Hierunter fallen nicht nur alle Formen der Diskriminierung, sondern auch:
    • die ungleiche Verteilung von Einkommen,
    • Bildungschancen und
    • Lebenserwartungen, sowie
    • das Wohlstandsgefälle zwischen der ersten und der Dritten Welt. Selbst
    • eingeschränkte Lebenschancen auf Grund von Umweltverschmutzung oder
    • die Behinderung emanzipatorischer Bestrebungen werden hierunter subsumiert. I

In dieser umfassenden Definition kann Gewalt nicht mehr konkreten, personalen Akteuren zugerechnet werden, sondern sie basiert nurmehr auf Strukturen wie Werten, Normen, Institutionen oder Diskursen. Diese Begriffsbestimmung verzichtet auch auf die Voraussetzung, dass, um von Gewalt sprechen zu können, eine Person oder Gruppe subjektiv Gewalt empfinden muss. Strukturelle Gewalt werde von den Opfern oft nicht einmal wahrgenommen, da die eingeschränkten Lebensnormen bereits internalisiert seien. Da es nicht möglich ist allgemein zu bestimmen, für ein Individuum potentiell möglich wäre, weil jedes Individuum schon dem Begriff nach in seinen Anlagen unterschiedlich ist, hat die Definition der strukturellen Gewalt keinen objektivierbaren Gegenstand.

http://de.wikipedia.org/wiki/Strukturelle_Gewalt

Hier dürfte, nebst dem Scheitern von RAF & Co, der Hauptgrund liegen, warum strukturelle Gewalt eigentlich kaum Thema von Wissenschaft und Philosophie sind. Die Wissenschaft lässt sich hier noch entschuldigen, denn es geht um Wertfragen, ist also nicht ihre Sache. Bei  der Philosophie dürfte es daran liegen, dass diese zwar viel Zeit kostet, aber kein Geld bringt, also recht elitär ist. Und aus der elitären Position sieht sie das Schicksal der Unteren meist aus ziemlicher Distanz. Die gesamte griechische Philosophie hat ja jede Menge hehrer moralischer Grundsätze geschaffen - sich aber an der Sklaverei kaum entrüstet. Soziologie, vor allem in ihrer dienenden Form, der Sozialarbeit, behauptet zwar oft emanzipatorisch tätig zu sein (Hilfe zur Selbsthilfe), trägt aber primär bei zur "Einordnung" der Bürger in die Position, die sie halt eben realistisch erreichen können, was dank unserer feudalen Ökonomie für immer mehr Menschen immer öfter auf temporäre Dienstleistungen beschränkt.

Apropos Gewalt ... ich war ja im März-April 04 in Bagdad und hab die Aufnahmen für einen neuen Stadtplan gemacht. Ja ist den das nicht gefährlich? lautet da oft die Frage. Es geht, man hört alle paar Stunden eine Bombe. Aber an das hat man sich unter Saddams Herrschaft seit 1980 gewohnt. Näher dran war ich 1975 im Bürgerkrieg in Libanon und 1994 in Sana'a, als von Aden her Langstreckenraketen abgefeuert wurden und eine 300 m neben mir niederging. Staub, Dreck, Glassplitter, ein Haus zerstört, Krater 12m breit, 4m tief, keine Toten. Als militärische Wirkung lächerlich. Spielzeug. und wegen so was, halb so gross, fängt Bush einen Krieg an.
Aber heute 27. Juli 04) war im Schweizer Fernsehen eine Sendung zu Selbstmorden in der Schweiz  und da wurde behauptet, es gäbe in Zürich jeden Tag einen Selbstmord. Damit wäre Zürich gewalttätiger als Bagdad! Eine Überprüfung der Statistik zeigt allerdings, dass da der Referent vermutlich übertrieben hat (oder dass die offizielle Statistik nicht stimmt). Zürich verzeichnet etwa 30.6 Selbstmorde auf 100'000 Einwohner und liegt damit mit Japan an der Spitze. Auf Bagdad mit seinen 5.6 Millionen Einwohnern bezogen wären das 1713. Im ersten Jahr der Besatzung kamen dort 4270 Menschen gewaltsam um, also "nur" 2.5 mal so viele wie sich bei Zürcher Verhältnissen das Leben selbst nähmen. Also sooo gewalttätig ist Bagdad offenbar doch nicht, wie uns das die Medien weis machen, die aber nur in extremen Fällen, wenn jemand telegen Amok läuft, das Thema aufgreifen und auch dann nur ganz am Rande auf die strukturelle Gewalt unseres Wirtschaftssystems eingehen, sondern lieber, journalistisch gekonnt emotional feinfühlig, persönliches Versagen der Betroffenen aufzeigen.

Rang, Würde und Freiheit:

Die Menschen sind nicht gleich - aber alle verdienen und brauchen ihre Würde!

Definition rankism:

Rangmissbrauch in Form von Selbstüberhöhung und verletzendem oder diskriminierendem Verhalten gegenüber untergeordneten Personen.


Mache dich nicht so wichtig -
es gibt grössere Zwerge als du einer bist.

John Knittel

Solange Rang verdient ist und angemessen zum Einsatz kommt, ist er ein unverzichtbares organisatorisches Instrument für die Verbesserung von Teamwork und zur Realisierung von Zielen. Das Problem ist der weit verbreitete Missbrauch - der als rankism bezeichnetwird. [GDI_Impuls 4-04. S 18-23] Eine aktuelle Analyse und Gegenstrategie dazu liefert Robert W. Fuller in Somebodies and Nobodies: Overcoming the Abuse of Rank. [New Society Publishers 2003]:

Wer nach oben steigt, muss nach unten treten.

Nicht selten schaffen höherrangige und mächtigere Personen ein feindliches und erniedrigerenderes Umfeld für Personen in niedrigeren Positionen mit geringer Macht ....

Aus Demütigung erwächst Widerstand, und nicht selten dürsten die Opfer nach Rache.

Was sich vielerorts als natürliche Organisationspraxis eingebürgert hat, erweist sich immer mehr als Hemmschuh. Die durch Rangmissbrauch verursachten Demütigungen sind nicht nur ineffizient und kontraproduktiv, sie hinterlassen auch tiefe Narben, die zur Gefahr für unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Organisation werden. Daher ist im 21. Jahrhundert die Überwindung des Rangmissbrauchs sowohl ein moralisches Ziel wie auch praktische Notwendigkeit.

Benchmarking und andere Ranglisten sind der Kompass einer Gesellschaft die sich am Wettbewerb orientiert. Dummerweise handelt es sich um einen Kompass, der immer in Richtung Mehrheit und Trend zeigt, also nicht konforme Personen und Ideen disqualifiziert: Hits repräsentieren selten das Werk von Pionieren. Fortschritt kam und kommt aber immer von den Nonkonformisten und nicht von den Anpassern und Mitläufern, denn die laufen eben erst mit wenn was läuft.

Fuller macht zu Recht darauf aufmerksam, dass Rangordnungen zu sich selbst  erfüllenden Prophezeiungen werden können.Aktuell wäre hier gerade der Intelligenztest in der Form der Pisa-Studie. In jenem Text wie in den begleitenden Informationen zur Intelligenz wird immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass es nun mal so ist, dass die Hälfte der Bevölkerung einen IQ von unter 100, und die andere Hälfte einen IQ von über 100 hat, sowie, dass einerseits der IQ zu einem grossen Teil vererbt ist, dass andererseits aber die Erfahrungen mit Tests und dem Umgang mit abstrakten Denkmodellen einen beträchtlichen Einfluss haben. Ein Analphabet im Busch würde sich also mit einen IQ von 0 qualifizieren, obwohl er in Lebensfragen, in seiner eigenen Umgebung, jedem Professor haushoch überlegen ist. Der Test sollte also zu nicht mehr und nicht weniger genutzt werden, um Begabungen, Chancen und Grenzen zu erkennen und diese Selbsterkenntnis positiv zu nutzen - nicht aber um selektierend zu werten und Schwache zu stigmatisieren!!! Ranking, das Gräben zieht zwischen Schülern die auf Erfolg programmiert sind ... und die es deshalb grad nochmals zu fördern gilt, und solchen, deren Misserfolg bereits genetisch vorherbestimmt ist, solche Rankings müssen in einer demokratischen Gesellschaft überwunden werden. Im heutigen Wettbewerbssystem müssen viele junge Leute dieses Spiel bereits im Alter von 6 Jahren als verloren aufgeben, denn dem gelobten Wettbewerb wird sich nur stellen, wer sich zumindest eine Chance auf die vorderen Plätze vorstellen kann.

So wird die Motivation zu lernen untergraben durch den Wunsch, seinen Stolz zu wahren und selbst eine würdigere Position zu bekleiden, also über Wettbewerb andere daraus zu verdrängen. Dies fördert das heute übliche zynische Lernen, Sloterdijks Wissenszynismus 1, und behindert sinnvolles Lernen.

Der Kommunismus hat eine Elite geschaffen, die Macht und Wohlstand exklusiv für sich beanspruchte. Die Wettbewerbsgesellschaft macht präzise das selbe, einfach mit andern Mitteln.

Erniedrigung und Entwürdigung findet statt: Wo Eheleute ihre Partner lächerlich machen, ältere Geschwister jüngere dominieren, Trainer Spieler demütigen (Detlev Dee Soost wäre so ein Fall was Kandidaten im Musikwettbewerb betrifft [s. Popstars]), Vorgesetzte ihre Angestellten drangsalieren, Lehrer ihre Schüler dumm hinstellen, Noch-Beschäftigte sich über Arbeitslose lustig machen, Besitzende die Nichtshabenden auf Eigenverantwortung festnageln, kurzum, wo Wettbewerbsgewinner sich über Wettbewerbsverlierer lustig machen.

Auswege:

Liberté - Dignité - Fraternité

In einer Gesellschaft die Würde achtet, dürften Selbstüberhöhung wie Unterwürfigkeit nicht auftreten - wie das in vielen traditionellen, auf Konsens basierenden, Stammesgesellschaften der Fall war. Der Rang bestünde für eine bestimmte Aufgabe und eine bestimmte Zeit und basierte auf Wissen und Leistung auf einem bestimmten Gebiet. Ranghohe wären dann anerkannt als Lehrer und Führer, die eine der Gesellschaft gerade dienende Funktion ausüben. Rangtiefe wären nichts als Menschen, die eben gerade eine Rolle mit tiefem Profil ausüben. In einer solchen Gesellschaft erhalten zwar nicht alle den selben Lohn, aber keiner wird auf Grund seiner untergeordneten Position und der damit eigentlich immer verbundenen geringeren Einkünfte von Gesundheitsleistungen und Fort-Bildung ausgeschlossen. Höhere werden nicht protegiert, untergeordnete vor Ein- und Übergriffen geschützt.

Unternehmen die ihren Angestellten eine Stimme geben und sie an den Erträgen beteiligen, die  Diskriminierung und Ungerechtigkeit beseitigen, profitieren von grösserer Loyalität, weniger Krankheitsabsenzen und damit höherer Produktivität.

Richard Layard hat auch ökonomisch belegt, dass sich Glück nicht durch hierarchischen Aufstieg fördern lässt, da die Spitzenplätze limitiert sind. Eine Ökonomie die dem allgemeinen Streben nach Glück und Wohlstand zuträglich sein soll, muss den Produzenten gestatten, ihren Beitrag zum Sozialprodukt zu geniessen!

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Interessant ist hier auch die Tatsache, dass die Umkehrung von etwas Bedrohlichem und Unterdrückendem wie Macht oder Herrschaft, nicht in jedem Falle zu etwas Positivem wie Freiheit wird, obwohl auch diese oft nur durch aktiven Widerstand gegen eine existierende Herrschaft erworben werden kann (s. Liberté von Delacroix,. Tell). Wurde die Gewaltlosigkeit durch Ghandis Vorbild noch zu einem Wünschenswerten, so dürften die Anhänger von Machtlosigkeit, Ohnmacht und Herrschaftslosigkeit (= Anarchie) in der Minderheit sein. Um Widerstand zu leisten gegen Gewalt, Herrschaft und Machtanmassung hilft nicht Ohnmacht, sondern nur Civilcourage, und ein klein bisschen vielleicht die Herrschaft von Vernunft und Weisheit.

Gar nicht amüsant ist der heutige Begriff von Freiheit:

  • Freiheit der Wirtschaft,
  • Freiheit des Geldes,
  • Freiheit zu produzieren und zu konsumieren was immer sich der Eine vom Andern aufschwatzen lässt

 

Pädagogik der Freiheit

Während wir heute unter Pädagogik der Freiheit gleich an Freire, Montessori und die Waldorfschule denken, waren es auch hier die Anarchisten, welche die Grundsteine gelegt haben. Sie [L'école libertaire. Publ. du groupe d'initiative ... Paris 1898] forderten, ja, ganz autoritär, kommt vor, der Unterricht sei:

  1. integral (allseitig), strebe also eine harmonische Entwicklung des ganzen Wesens an und sei zudem ein systemisch verknüpftes Ganzes an intellektuellen, physischen, manuellen und professionellen Kenntnissen.
  2. rationell (... gemeint ist rational) indem er auf der Vernunft und auf den Prinzipien der Wissenschaft, und nicht des Glaubens (Gruss an Bush), begründet sei. Zu fördern sind die persönliche Würde und Unabhängigkeit, nicht der Gehorsam.
  3. Gemeinsam für beide Geschlechter!
  4. freiheitlich, indem er die progressive Vernichtung der Autorität zu Gunsten der Freiheit rechtfertigen wird.
Die Erziehung besteht nicht in der Aneignung äusseren Wissens, sondern darin,
aus dem Inneren das hervorzubringen, was dort im Keime schlummert.
Der Mensch soll leben lernen.                  (... und nicht bloss arbeiten ...)

Im genauen Gegensatz dazu stehen die neusten Entwicklungen in der Schweiz. In Zürich fördert das kantonale Mittelschul- und Berufsbildungsamt ein neues Berufsbildungskonzept, bei dem Informatiklehrlinge für die Ausbildung nicht bloss keinen Lehrlingslohn erhalten, sondern für die Ausbildung bezahlen müssen. Dies obwohl Studien klar belegen, dass Lehrlinge mehr einbringen als sie kosten. (s. Bildungszwang).

Pressefreiheit

Die Konzentration im Medienmarkt und bei der Presse hat nicht nur Einbussen im Stellenmarkt zur Folge, sonder weit mehr. Grosse Zeitungen brauchen grosse Verkaufszahlen. Dieser Bedarf an Kundenmassen bedingt aber die Ausrichtung auf Massengeschmack, und damit eben auch die Ausrichtung auf eine Massenmeinung ... welche die Masse kauft. Die Folge davon nun ist (s. 20 minutes, Basler Zeitung und viele mehr ), dass (bald) nur noch Blätter überlebensfähig sind, die den Abonnenten die Meinung liefern, die die Abonnenten wünschen. Die Meinungsbildung geht so völlig unter, da Meinung als Marketingfaktor vorgegeben ist (s. übelstes Beispiel der letzten Jahre: Weltwoche).

Mit dieser zunehmenden Marktausrichtung kann die Pressen den öffentlichen Informationsauftrag nicht mehr erfüllen und hat gar keine Möglichkeit mehr, Meinungen zu bilden. (Sich eine Meinung bilden heisst, Informationen mit dem eigenen Hintergrundswissen verarbeiten und so zu einer eigenen Meinung kommen, nicht eine vorgekaute Meinung zu übernehmen, wie das bei Parteien, bei allen, diesmal, nicht bloss der SVP, gerne gesehen wird). Der kurze und schmerzlose Info-Brosamen wie sie von vielen Internet-Portalen geboten werden, die Collage und der Konfettidialog, sind keine Form des Dialogs, die es erlauben, irgend ein Thema kritisch und konstruktiv anzugehen. Damit tragen sich auch immer weniger zu einem dringend notwendigen Dialog über die zukünftige Entwicklung bei. Die Informationslandschaft wird eingeebnet, platt gemacht.

In der sog. Freien Marktwirtschaft ist die Pressefreiheit nicht mehr durch den Staat bedroht, aber sie hat keinen Bestand gegen die Nivellierung durch den Markt.

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Ein moderner Autor der die Bedeutung von Freiheit, klarer Analyse und Kritik wie des Widerstands statt des Gehorsams, wieder mal herausgearbeitet hat, ist etwa Rüdiger Safranski: Das Böse oder Das Drama der Freiheit. Carl Hanser Verlag, München, Wien, 1997:

  • Freiheit ist nur eine Chance, keine Garantie des Gelingens. Das Leben kann auch misslingen - aus Freiheit.

  • Warum findet der Mensch keine Seelenruhe, warum gibt es für ihn kein höchstes Gut, mit dem er zufrieden sein könnte? Er ist ein Wesen, das nicht nur in der Gegenwart lebt, sondern eine ungewisse Zukunft vor sich sieht und seine Vergangenheit mit sich schleppt.

  • Man kann die Welt der Meinungen nicht verlassen, man kann sie nur reinigen. Dies war des Sokrates' Weg, über die Maieutik, als Geburtshelfer, Wahrheit hervorbringen, Irrtümer über das Gute und das Böse enthüllen.

  • In Hitlers Triumph zeigt sich der vollkommene Bankrott der Wahrheit in der Politik. Die Menschen, über die er Macht gewann, wirkten an seinen Inszenierungen und Exekution der Geschichte, als Gläubige, als Befehlsempfänger, als willige Helfer, als Eingeschüchterte, als Gleichgültige. ... Das Ungeheure des Falles Hitler liegt darin, dass er die Einsamkeit des Wahns überwand, indem er seinen Wahn erfolgreich vergesellschaftete.

 Der Einzelne ist auch für seinen Gehorsam verantwortlich.

Hanna Ahrendt:

So übel, wie sie überliefert wird, war aber auch die anarchistische Ideologie nur selten, denn ihre Losung lautete: Kein Recht ohne Pflichten, keine Pflichten ohne Rechte. Die Ursprünge finden sich in einer Zeit da der Staat, trotz Liberalisierung, noch sehr autoritär mit seinen Untergebenen verfuhr und da auch die Kirche noch mehr Autorität hatte, sich in irdische Belange einzumischen, als sie haben sollte. Heute haben wir oft eher den Zustand, dass die Wirtschaft mit dem Staat autoritär umspringt und dass zu viele Rechte beansprucht werden, während man sich um die Pflichten gerne drückt. Dies ist aber nicht das einzige Problem heutiger anarchistischer Splittergruppen. Das grössere ist, dass die meisten den alten Idealen und Ideologien verhaftet bleiben, weiter kräftig auf den Staat schimpfen - aber noch gar nicht gemerkt haben, dass die Macht längst ans Kapital übergegangen ist. Ein weiteres Problem haben wir dort, wo politische Rechtsaussen sich als Vertreter für die Freiheit aufspielen, während sie aber nur die Freiheit des Kapitals meinen, gegenüber Bürgern die sich Freiheiten herausnehmen, aber gerne mit aller Macht auftreten. Während heute die Wirtschaftsanarchisten am Ruder sind, leben die Sozialanarchisten weiter im Niemandsland, der Utopie, obwohl die Gründung eine sozialliberale Zentrumspartei schon längst überfällig wäre. Leider eignet sich die CVP dazu nur mässig, da mit historisch-katholischem Balast behaftet. Leider entpuppten sich die Initianten, die vor Jahren im Aargau versucht haben den Landesring als Sozialliberale Partei wieder zu beleben, als eher faschistoid.

Antithese der Freiheitsliebe:

Der Mensch will nichts als da sein, seine Macht und die Befriedigung seiner Triebe.

Die elementaren, still oder stürmisch, in jedem Fall unwiderstehlich sich durchsetzenden Bedürfnisse  des Menschen sind:

Der Daseinsdrang: Wenn das Dasein bedroht ist, so ist der Mensch zu allem bereit, nur um sein Dasein zu erhalten. ... Wer das Dasein garantiert, dem wird gehorcht. Sofern die Sicherung des Daseins nur durch gemeinsame Aktion unter unbeschränkter Führung gelingt, gibt der Mensch für das Dasein sogar seine Freiheit hin. (s. Irak. Kommunismus, Faschismus, Kapitalismus).

Der Unterwerfungsdrang: Aber die Freiheit selber ist, so scheint es, der Mehrzahl der Menschen unerträglich. Es ist ein Drang ...die Autorität zu finden, die ihnen die Freiheit abnimmt, damit sie in gedankenloser Ruhe leben können, aber unter der Bedingung, gerade dieses Tun frei zu nennen. Das aber ist nur möglich, wenn dem Menschen im Hingeben seiner Freiheit gleich gesagt wird, wofür er lebt. (Patriotismus: Für den Staat. Kommunismus: Für die Gemeinschaft. Fundamentalismus, in dem sich Anbetungsdrang und Unterwerfungsdrang mischen: Für die göttliche Ordnung. Faschismus, in dem sich Unterwerfungsdrang mit Einheitsdrang mischt: Für die staatliche Ordnung. Kapitalismus: Für effizienten Gelderwerb ...) Er will einen Sinn des Lebens und will ein befriedigtes Gewissen, diesem Sinn genug zu tun. Dadurch wird aus dem Volk eine getäuschte und enttäuschte Masse.

Der Anbetungsdrang: Ehrfurcht ist eine Haltung der Freiheit. Anbetung ist eine Haltung der gedankenlosen Unterwerfung unter das Unbegreifliche einer Realität in der Welt (statt des echten Gebets zur unsichtbaren, verborgenen, unfasslichen Gottheit).

Der Einheitsdrang: Zu fühlen in der Gemeinschaft aller, der nichts widerstehen kann, steigert die Kraft. Erst in der Weltherrschaft wird die Daseinssicherung geheiligt durch das, was als das Gleiche für alle allein anbetungswürdig ist.

[Karl Jaspers: Von der Wahrheit. Piper & Co. München 1947/83 S. 772 ff.]

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Weitere LINKS zum Thema Freiheit:

  • Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern das er nicht tun muß, was er nicht will.

    (Jean-Jacques Rousseau, schw.-frz. Philosoph 1712-1778)

    Steiner, Anthroposophie: Philosophie der Freiheit http://www.anthroposophy.com/Steinerwerke/GA4-Inhalt.html  Steiner schreibt, nicht nur meiner Ansicht nach, recht mühsam, esoterisch, metaphysisch. Wenn man sich jedoch die Mühe macht, und es ist leider eine, seine Texte zu studieren, so findet man jede Menge wertvoller Gedanken darin:

    Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln ein geistig freies Wesen oder steht er unter dem Zwange einer rein naturgesetzlichen ehernen Notwendigkeit? Auf wenige Fragen ist so viel Scharfsinn gewendet worden als auf diese. Die Idee der Freiheit des menschlichen Willens hat warme Anhänger wie hartnäckige Gegner in reicher Zahl gefunden.

Man sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der Herrschaft seiner Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen Begierden. Oder auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach Zwecken und Entschlüssen bestimmen zu können.

 Sozialliberale Anliegen wurden also bereits von Kommunisten, von Sozialisten und von Liberalen bekämpft.

Warum eigentlich?

DENK MAL!

Eine umfassendere Kritik unserer "totalen Determiniertheit" lieferte Gottfried Benn (1886-1956) bereits vor der Aera der Postmoderne:

Zog ich von mir meine geschäftlichen Obliegenheiten ab wie Lohnauszahlung, Seifenbeschaffung, Steuerbetrug, Schwarzhandel, so blieb nichts übrig das ich als individuell hätte bezeichnen können. Die Soziologie und das Leere! Was Trieb war, bekämpfte der Staat, das Gedankliche die Wissenschaft, die Affekte beanspruchte die öffentliche Wohlfahrt, das Amüsement bestimmten die Plakate und die Reisebüros, das Interieur die Mode, Krankheiten die Universitätskliniken.

[5.1883 Gesammelte Werke. Dieter Wellershoff, Wiesbaden. 1960]

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Einen Test

mit dem Sie rausfinden können, wo Sie im Schema links-rechts, autoritär-libertär stehen, finden Sie unter http://www.digitalronin.f2s.com/politicalcompass/questionnaire.pl?page=1. Meine Werte sind für Economic Left/Right: -4.75, für Social Libertarian/Authoritarian: -3.95, womit ich offenbar zwischen Gandhi, Nelson Mandela und dem Dalai Lama stehen - und dies obwohl ich nichts von gleichgeschlechtlichen Ehen halte und Schwule um so tolerabler finde, je grösser die Distanz zwischen ihnen und mir [Nach der Abstimmung vom 5. Juni 05, die belegt, dass offenbar 58% der SchweizerInnen schwul sind, gehöre ich da offenbar wieder mal zu einer Minderheit, von allerdings immer noch 42%. Wär' ich nicht bereits Moslem, müsste ich nun wohl zum Katholizismus konvertieren. Scherz und Zynismus beiseite. Seien Sie also ehrlich, der Test verzeiht Ehrlichkeit. Welche Partei nun wirklich  für IHRE Freiheit einsteht zeigt der Test ebenfalls. [Falls Sie den Eindruck haben, da stimme doch was nicht, dann teilen den einige Leute mit Ihnen die mich persönlich kennen. Aber 130 kg, Vollbart à la Alp Öhi und eine unbremsbare Lust an Erkenntnis und Diskussion, die keine höhere Autorität anerkennt als die des besseren Arguments, das kann trotz libertärer Grundhaltung halt schon autoritär wirken. Ist aber äusserlich, und man sollte Menschen ja nicht zu sehr nach Äusserlichkeiten beurteilen, oder?

Wie vertragen sich Freiheit und Wirtschaft?

Brainworker's 1. Syntheseraport als
E-Book:

Nur wer Vermögen hat, hat auch das Vermögen, etwas zu bewirken. Den andern bleibt Ohnmacht. ...

Dass der Test offenbar vor allem auf eine Achse von links unten nach rechts oben aggregiert (zwei g, sagt der Duden! 98'000 richtig im Internet, 66'000 falsch!), mag einerseits an ungeschickten Fragen liegen, kann andererseits aber auch auf einen systemischen Effekt von Wettbewerb und Kooperation, den Effekt der Wurst mit zwei Enden, hindeuten: Wirtschaften wie Politisieren ist kein Geschäft für Einzelgänger. Für beides braucht es kooperierende Mehrheiten, oder zumindest recht grosse Trägerschaften. Während die demokratische Politik von Zustimmung, freiwilligen Engagement und freiwilliger Kooperation abhängt, wird im Betrieb die Kooperation rational, wissenschaftlich, sachlich. hierarchisch - und damit autoritär, organisiert.

Im folgenden eine graphische Analyse der Position von Wirtschaft und Politik zwischen Planung und Chaos (= Freiheit). Es wird klar, und für jeden akzeptabel der sich je mit den einzelnen Gruppen auseinander gesetzt hat, dass in jeder Ecke und an jeder Kante Diktatur ebenso wie Freiheit auftreten kann. Wenn Sie in einer faschistoiden Organisation tätig sind, so haben Sie als Leiter einige Freiheiten mehr, als Untergebener einige weniger. Wenn Sie in einer sozialen Organisation arbeiten, so kann einem der Gruppenzwang ziemlich auf den Keks gehen. Und der 4. Quadrant unten links, der auch in oben erwähntem Test offenbar nur schwer zu erreichen ist, zeigt uns, wie hirnlos das dauernde Geschwätz von immer mehr Wettbewerb und von Freiheit ist. Vollständige Konkurrenz hiesse, jeder gegen jeden, und das können sich nur wenige leisten, vor allem Künstler und ev. technische oder andere Spezialisten. Historisch betrachtet hat der Quadrant vermutlich weitaus mehr Menschen ein Auskommen verschafft als heute, denn es ist der eigentliche Quadrant individueller Subsistenzwirtschaft (Bauern, Fischer ....). Wenn Sie dem Klick folgen, sehen Sie sofort, warum heute Wirtschaft und Freiheit absolut nicht mehr identisch sind, denn, diejenigen die am meisten von der Förderung der Konkurrenz und von Freiheit reden, streben allesamt nach Marktbeherrschung, nicht nach Freiheit. Am weitesten sind hier die grössten Förderer des globalen Marktes, die USA, die nicht nur über Markt- und Betriebsgrösse dominieren, sondern auch über ihren Komplex aus Forschung, Militär und Grosskonzernen aller Art. Wenn Sie auf Grund des Titels die Freiheit im Diagram suchen und nicht finden, so ist das nicht ganz daneben. Denn Freiheit wird weder durch Politik noch Wirtschaft gegeben, Freiheit(en) müssen Sie sich nehmen. Am wenigsten finden Sie Freiheit bei konservativen, autoritären Rechtsparteien. Ist doch ein Witz!

Dieser seltsame Umgang mit Freiheit und Wettbewerb findet sich aber nicht nur in den USA. 1/3 aller Bankgeschäfte der Schweiz werden von der UBS getätigt. Zusammen mit der CS und den Kantonalbanken beherrschen (merke: beherrschen, nicht bewerben!) diese 85% des Schweizer Marktes! Den KMUs bleibt da zwar die Freiheit, aber wenig Möglichkeiten, ihre Kredite anderswo zu suchen.

Eine schlagende Bestätigung für den hier stipulierten Zusammenhang von florierender Wirtschaft und autoritärem politischem Regime liefert China: Weltweit gelobt für sein Wachstum, kaum mehr kritisiert für den Mangel an Demokratie. Japan verdankt seinen Aufschwung China. Halb Asien stützt den maroden Dollar, um seine Exportchancen nach China zu wahren (und bezahlt damit Bushs Kriegsschulden). In China leben heute 236'000 Dollarmillionäre. Der Kommunismus ist tot - die kommunistische Partei aber lebt und hat sich aufs Geschäften verlegt. Mit ihrem Sicherheitsapparat und der Armee stützt sie die neureiche Geldelite, verherrlicht Nationalismus, Macht und Geld. Dem Wohlstand in den Städten steht aber ein patriarchalisch kontrolliertes armes Hinterland gegenüber. Bauern und Billigstarbeiter verfügen über keinerlei Rechte, nicht mal das Stimmrecht. Sie werden von den Städten fern gehalten, indem man ihnen die Aufenthaltsbewilligung verweigert. Gewerkschaften sind verboten. China wird ganz offensichtlich zum Traum der Kapitalisten ... und zum Albtraum der Arbeiter und Bauern. Der Londoner Daily Telegraph, eine selbst ziemlich rechts stehende Zeitung, sieht in China heute: eine derartige Rechtslastigkeit, dass Studenten anderswo längst in den Strassen marschieren würden, um laut "Faschismus" zu rufen. Aber eben, anderswo kann man auch keine Panzer gegen Studenten auffahren ...  [Daten aus Kai Strittmatter, Peking: China, ein entfesseltes Land. Tagesanzeiger 18. August 2004, S. 11]. Dazu kommt, dass China das Wirtschaften um einiges legerer angehen könnte, da dieses immer noch durch einen beträchtlichen Bevölkerungszuwachs von über 5% angeheizt wird.

WARNUNG! - Heute, wo China kein kommunistisches Land mehr ist sondern mit Elan und Erfolg dem freien Kapitalismus frönt, ist sein autoritärer Umgang mit den Bürgern, präzise der selbe wie zu Zeiten des Kommunismus, offenbar vom Weh zum Wohl geworden. Heliane Canepa, viel gelobte Wirtschaftsführerin (Nobel-Biocare: Dentalimplantate), kann sich vor Begeisterung kaum halten [Cash 9. Dezember 2004. Enterprise. S. 3. Kolumne]:

China von heute - die Schweiz von morgen

Spätfolgen:

Ihren autokratischen Führungsstil nahm man hinter vorgehaltener Hand als <Heliozentrismus> auf die Schippe. Wer das Plansoll nicht erfüllte oder Fehler beging, wurde von ihr vor versammelter Mannschaft blossgestellt und erniedrigt. ... Mehr und mehr entwickelte sich Nobel Biocare zu einer One-Woman-Veranstaltung.

Ein ähnliches Führungsvakuum produzierte auch die Beratung US-heroischen Stils (Ruder/Fin: die auch Serbien erst bombardierfähig gemacht hat) von Daniel Vasella, wo ebenfalls der Aufbau einer zeitgemässen corporate governance und alternativen Führungsmanschaft verpasst wurde: Wo es keine sichtbaren Mitstreiter gibt, bleibt alles an der Gallionsfigur hängen. Nach dem Motto: Irren ist Chefsache.

Dynamik und die "let's do it"- Mentalität waren atemberaubend. Auch die menschlichen Qualitäten beeindrucken mich tief. Freundlich und zuverlässig verrichten die Menschen dort kundenorientiert ihre Arbeit, besonders auffallend ist es im Dienstleistungs- und Gastronomiebereich. Die Menschen lieben ihre Tätigkeit. Auch weniger qualifizierte Arbeit wird als Berufung und nicht nur als Broterwerb verstanden. ... Man vernimmt kein Jammern über zu viel Arbeit, zu viel Stress, zu wenig Lohn usw. Ich für meinen Teil habe einige Aha-Erlebnisse zurück nach Europa genommen. Der chinesische Riese ist erwacht und eröffnet uns nicht nur einen riesigen, ständig wachsenden Markt, sondern er präsentiert sich auch als ein mächtiger Konkurrent, was Rahmenbedingungen, Innovationskraft und mentale Einstellung der Menschen betrifft.

Das Chinesische Volk hat es über Jahrtausende gelernt, sich das Leben weder von gewalttätigen Herrschern noch herrschsüchtigen Mandarinen linker wie rechter Provenienz vergällen zu lassen. Recht haben sie und die Lebensfreude sei ihnen gegönnt. Aber ich finde doch, das wir es unsern WirtschaftsführerInnen nicht gönnen dürfen, Freiheit und Demokratie, die immer gegen Sozialistische und Kommunistische Diktatur als Schild hochgehoben wurden, nun dem Profit- und Wachstumsstreben privater Firmen zu opfern.

Wenn sich bis anhin die Aufopferung für gemeinschaftliche Ziele nicht gelohnt haben soll, warum sollen sich die Untergebenen nun freudig den von privaten Eigentümern gesetzten Zielen freudig sich opfern? Hier stinkt's gewaltig nach Volksbetrug. [Langsam reicht's sogar den Zahnärzten, die von agressiven Biocare-Verkaufstruppen regelrecht belagert werden und einigen bereits Hausverbote ausgesprochen haben. Es ist eben nicht nur eine Freiheit, zu produzieren und zu verkaufen was man will, sondern es ist auch eine Form von Freiheit, nicht dauern von Hausierern belästigt und mit Werbung bombardiert zu werden].

Der Zusammenhang ihrer Arbeit tritt ihnen daher ideell als Plan, praktisch als Autorität des Kapitalisten gegenüber, als Macht eines fremden Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft.

Der Kapitalist zahlt daher den Wert der 100 selbständigen Arbeitskräfte, aber er zahlt nicht die kombinierte Arbeitskraft der hundert.

Karl Marx: Das Kapital 1.1. S. 375

Ähnlich kritisch sieht das Ian Buruma in Asien als Themenpark [Lettre International. Winter 2003. S. 56-59]. In gewisser Weise ist Singapur eine Karikatur, eine Miniaturdarstellung der chinesischen Politik. Lees Mandarine stellen sicher, dass sich alle Singapurer einer autoritären Version der konfuzianischen Ethik anpassen, die frühe weiterhin unter dem Begriff "asiatische Werte" propagiert wurde: Sparsamkeit, harte Arbeit, Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, Opferung individueller Interessen für die der Gemeinschaft [auch hierzulande gerne verbreitet, s. aktuell Swissair. Fies ist, dass heute "Gemeinschaft" für Betriebe steht.] sowie Unterlassung jeglicher Kritik an der Politik der Regierung, mit Ausnahme von konstruktiven Vorschlägen zu deren effizienterer Umsetzung. Diese dieser sich rapid auswirkende asiatische Form des "Protestantismus" dürfte zwar vorübergehend als leuchtendes Beispiel für autoritären Kapitalismus, mit freudig dienenden Untertanen, dienen. Aber die weltweiten Auswirkungen werden bald die geteilte Grundhaltung in ihren Festen erschüttern.

Auch was CASH betrifft, so hab ich beim Lesen seit Monaten ein ungutes Gefühl im Magen. Der mediale Rechtstrend hat nun, nachdem ihm die Weltwoche erlegen ist, offensichtlich auch Cash erfasst. Mit der Kolumne von Heliane Canepa macht sich CASH allerdings zum Sprachrohr des Arbeits- und Wirtschaftsfaschismus:

Definition:

  1. Autorität wird nicht mehr durch Politik ausgeübt, sondern Betriebe setzen die politischen Ziele, herrschen und sorgen für Zucht und Ordnung. Als Peitsche dient die Arbeitslosigkeit. Gearbeitet wird um der Arbeit willen. Als Motivation dienen Angst, die Angst vor Arbeitslosigkeit und Existenzverlust.

  2. Arbeite und Produziere - frag' nicht worum. Früher hiess es zumindest: Arbeite, konsumiere - und frage nicht. Der Konsum wird immer mehr von aussen geregelt, verordnet über Krankenkasse, Bildung, Versicherungen, Altersvorsorge, Pensionskasse und nicht zu vergessen: Zinsen, die das Geld immer wieder dorthin zurück bringen, wo es her kam ... alles für ein sicheres besseres Leben - und alles Geld für die Geldvermehrer am Finanzmarkt.

  3. Produziere um andere durch Export zu beglücken, produziere des Wettbewerbs wegen, um besser (billiger) zu sein als andere, um den Markt zu beherrschen ... des "freien" Wettbewerbs wegen.

> Der plutokratische Wirtschaftskomplex bezieht seine Energie nicht bloss aus individuellem Machtstreben und Geldgier, sondern auch aus der ANOMIE, zu deren Entstehung er selbst substantiell beiträgt. 

Warum Rechtskonservative und sogar Neoliberale lügen, sobald sie das Wort Freiheit in den Mund nehmen & warum der so genannte freie Markt nicht frei, ja nicht mal demokratisch ist, sondern eine Plutokratie:

[s. Netzwerke als hinter-listiges Selektions- und Herrschaftsmittel: Die hegemoniale Vorherrschaft des neoliberalen Markt-Totalitarismus
]welfare - workfare - forced labour fair: Der autoritäre Markt hat den sog. "freien" längst ersetzt

  • Rechtskonservative sind autoritär, Neoliberale sind elitär (aber leider weder Intelligente noch Intellektuelle): Sie bestehen auf der Autorität des Alters, des Ranges, der Erfahrung, der sozialen Position, des Reichtums und Einkommens, die alle mit Leistung gleich gesetzt werden.

    • Parteidoktrin, Parteicredo, eiserne Fraktionsdisziplin - Sanktionen, Ausschluss von Abweichlern und Querdenkern. Wenn eine Partei derart argumentiert, verstösst sie bereits gegen die Basis aller Freiheit, das Recht auf eine eigene Meinung und darauf, dieser Meinung auch Äussern zu dürfen. Diese Art Argumentation können wir von einer diktatorischen Kommunistischen oder Nationalsozialistischen Partei erwarten, nicht aber von einer, die sich wie die SVP als Partei der Freiheit aufspielt.

  • Der Neoliberalismus setzt alles aufs Spiel, aufs spekulative Spiel des sog. freien Wettbewerbs. Das Ziel dieses Spiels des freien Wettbewerbs ist aber nicht Freiheit, sondern Marktdominanz, Beherrschung und Kontrolle der andern Mitspieler.

    • Der freie Wettbewerb war nie frei in dem Sinne, dass alle Beteiligten die selben Chancen haben:
      Einen Betrieb einzurichten wird um so aufwändiger, je anspruchsvoller, innovativer das produzierte Gut, und je umfangreicher der zu bearbeitende Markt. Es braucht also Kapital, und  hier sind die Spiesse bekanntermassen extrem ungleich lang.

      • Besonders ungleich sind die Spiesse dort, wo es um den Aufbau sog. strukturstarker Betriebe geht, womit produktive Betriebe, gewinnträchtige Betriebe mit hohen Margen gemeint sind. Diese finden sich aber vor allem dort, wo relativ wenig Leute relativ hohe Umsätze machen, oder wo auf Grund beschränkten Wettbewerbs hohe Margen möglich sind, also überall dort, wo der geschaffene Mehrwert auf wenig Köpfe verteilt werden muss, wie Banken, Versicherungen, Pharmazie, Chemie, Energieversorgung .... Dies zeigt am besten, wie eng der Begriff Freiheit hier gefasst ist, denn wer von uns kann auch nur daran denken, eine (grosse) Bank zu eröffnen oder beim (grossen) Energiemarkt mitzumischen?

    • Das Risiko, einen Betrieb aufzubauen und zu scheitern, ist hoch. Damit wäre der Spieleinsatz, die sog. sunk costs, verloren. Wer also kann sich dieses Risiko leisten?

    • Betriebe arbeiten um so günstiger, je mehr sie von den selben Gütern herstellen und verkaufen können (economy of scale). Die Betriebsgrösse hat so zumeist einen positiven Effekt auf die Produktionskosten. Grossbetriebe haben also längere Spiesse im Wettbewerb.

    • Diese Vorteile werden weiter akkumuliert durch das Verdoornsche Gesetz, das besagt, dass Produktivitätswachstum und bereits vorhandene Produktivität positiv korreliert sind, zu Deutsch: Was bereits stark ist wird quasi von selbst noch stärker.

    • Im Gegensatz dazu wird Freiheit jedoch meist im Einklang mit Gerechtigkeit genannt. Neoliberalismus gedeiht aber am besten unter Ungerechtigkeit, welche die Ökonomen allerdings wohlweislich als Pareto-Verteilung verbrämen. Während sich Kooperativen mit sämtlichen Teilhabern auseinander setzen müssen, also enorme innere Reibungen zu bewältigen haben, setzt die liberale Wirtschaft auf den für sie äusserst positiven 80/20 Effekt. Da Geld und Macht nur bei 20% der Bevölkerung vorhanden sind, beschränkt man sich auf diese. Der Rest soll bitteschön flexibel und selbstverantwortlich selbst sehen wo er bleibt.

    • Grösse wird gefordert und gefördert durch Globalisierung. Was auf dem globalen Markt aber klein und unscheinbar, ist oft auf dem Heimmarkt dominant und damit zerstörerisch, zumindest was die Freiheit betrifft.

    • Zunehmende Konzentration, also Wachstum und Herrschaft der bereits Grossen und Starken (also Marktverzerrung, Unfreiheit, Marktstörung, Marktbehinderung) wird auch gefördert durch die Konjunktur. ? strange? Blödsinn? Nö:

      1. Bei positiver Konjunkturentwicklung, also wachsendem Absatz, gelingt es jenen am besten, ihre meist vorhandenen Überkapazitäten zu reaktivieren, die am meisten Flüssiges haben, also Cash. Sie können rasch Arbeitskräfte einstellen, Materialien einkaufen und die Produktion hochfahren.

      2. Bei wirtschaftlichem Abschwung stellen sie das nun überflüssige Personal genau so schnell wieder frei (ein Lob der Flexibilität!) und haben nun ausreichend Reserven, um sich an einem billigen, da im Überfluss vorhandenen, Angebot an beinahe oder ganz konkursiten Firmen zu bedienen und die eigenen Betriebe zu arrondieren.

      Cash is king!

      Oder zu Deutsch: Der Markt ist keine Demokratie, und frei schon grad gar nicht. Im Markt herrscht auch nicht die christliche Nächstenliebe, sondern die heidnische Plutokratie.


 

Fazit:

Höchstes Ziel eines nach liberalen Grundsätzen geführten Betriebes ist es, die Konkurrenz zu verdrängen, womit auch Wettbewerb und Freiheit durch die der Marktökonomie eigenen Gesetze zum Verschwinden gebracht werden.

Nach allen Regeln der Logik wie der Ehrlichkeit, dürfte keine Partei welche diese Praxis unterstützt, in ihrem Namen die Worte Freiheits... und Volks... führen!

Hier noch ein wichtiger HINWEIS AN DIE JÜNGEREN STIMMBÜRGER: Mit dem Alter wird man konservativer. Ich bin in den letzten 25 Jahren vom Anarchosyndikalisten über die Freiwirtschaft zum Sozialliberalismus/Kommunitarismus gedriftet, Andere in der selben Zeit vermutlich eher von einer sozialliberalen Position zur SVP. Wohin diejenigen treiben, die bereits als Jugendliche in die SVP einsteigen, möchte ich schon gar nicht wissen ... Komischstes wie vielleicht tragischstes Beispiel: Nationalrätin Jasmin Hutter, Jahrgang 1978!, die voller Elan und Engagement die bornierten Rezepte ihres leiblichen freiheitsparteiischen Vaters wie ihrer geistigen Überväter CB&Co vertritt. Woran wird sie sich orientieren, wenn sie feststellt, dass die von ihr bewunderte Härte und Unnachgiebigkeit eigentlich wenig mit Freiheitsdrang, aber viel mehr mit einer, vielleicht gar durch Arteriosklerose geförderten, Sturheit und Rechthaberei zurück zu führen sind? Sie verwechselt, wie so manche(r) Jugendliche, Weisheit damit, die Position der Alten einfach zu übernehmen und nachzubeten, obwohl ihnen Hintergründe und Tragweite solcher Positionen nicht bekannt sind. [Ist mir auch passiert. Ich war bis 20 ziemlich rechts-konservativ. Bin mit Cordhosen, Bürstenschnitt und streng christlicher Haltung durch die 68er und die Hippiezeit gestapft. Schön blööd ....  [Pardon Lucie. Il s'agit de Lucie Mariotte, prof. d'anglais, perdue 1978 quelque part entre Gent, la Dordogne et Spiez. Lucie - je te cherche ... depuis longtemps!] Drum weiss ich aus persönlicher Erfahrung, woher eine solche Haltung kommt und wodurch sie gefördert wird: Anpassungswille fordern! Programm Gardi ... (pardon, die ist ja viel amüsanter), Jasmin Hutters]. Vielleicht herrscht aber auch einfach Denkfaulheit: Nein zu Europa, nein zur Mutterschaftsversicherung, nein zu, nein zu, nein, nein, nein .... Man könnte ja mal versuchen bei den nächsten Wahlen zu fragen: Wollt ihr keine Mutterschaftsversicherung? Wollt ihr Europa fern bleiben?

Das Problem wird dadurch verschärft, dass ältere Menschen nicht bloss konservativer abstimmen, sondern auch häufiger!!! s. http://www.ipw.unisg.ch/publikationen/205.pdf Wenn Sie also finden, die Schweiz habe eine Schnarchsackpolitik, gehen Sie gefälligst abstimmen und beteiligen Sie sich auch sonst, dort wo Politik betrieben wird!

Freiheit ohne Gelegenheit ist ein Geschenkt des Teufels.

Noam Chomsky

Die Wirtschaft redet zwar gerne von Freiheit, meint aber nur die Freiheit der kapital-stärkeren. Seitdem sich der Wettbewerb zwischen gleichen, den der Liberalismus meinte und schützen wollte, nicht bloss vor dem planenden Staat sondern auch vor Grosskapital, wirksam in der Form der Trusts und Kartelle, der Netzwerke (=Filz), in eine neoliberale Kriegswirtschaft gewandelt hat, in der mit ungleich langen Speeren gefochten wird, wurde die Herrschaft auch in ehemals relativ freien Gemeinschaften über Mobbing zur Diktatur der Gruppe.

Der interessantes Quadrant scheint mir der unten rechts, den ich mit 4. Weg, der Weg der Künstler, bezeichnet habe. Heute befinden sich die meisten alternativen Bewegungen im linken untern Quadranten (Neofaschismus rechne ich nicht zu den Alternativen ...). Leider muss man jedoch zugeben, dass der Quadrant finanziell recht unergiebig ist. [Die Aussage gilt leider auch 2 Jahre später noch, s. Kulturindustrie, Kreativwirtschaft ...Kultur ist etwas, das sich verkauft ...] Kommen Gemeinden und Kooperativen nicht zu Geld, so gilt für sie das selbe wie im neoliberalen Bereich: Ohne Moos nix los. Hier fehlt das Motiv Geld zu machen schon ein bisschen, es steht  hinter dem Motiv, etwas für die Gemeinschaft zu tun. Absolut sozial, absolut richtig, aber eben, ziemlich unrentabel. Aus diesem Grund müsste dringend der 4. Sektor gefördert werden, denn hier würden sich Menschen finden, die effizient, marktorientiert, für Geld, produzieren, sich frei assoziieren  - ABER sich nicht vorgegebenen Betriebszielen unterordnen wollen - noch irgend einen Grund sehen, sich über andere zu stellen. * Hier würde sich eine wirklich liberale, individualistische bis klein strukturierte, Wirtschaft befinden, wenn es sie gäbe. Dieser Bereich ist auch dringend zu entwickeln, da jeder technologische Fortschritt erst einmal dazu verwendet wird, effizienter zu produzieren, also Arbeitskräfte weg zu rationalisieren. Da jedoch diejenigen Betriebe, welche sog. starke Strukturen bilden, enorm kapitalintensiv sind, und mit militärischer Effizienz, Strategie und Taktik geführt werden, bildet dieser Quadrant wenig Chancen für Menschen mit geringen finanziellen Mitteln und kaum Chancen für Menschen die doch noch einen gewissen Freiheitsdrang haben, sich nicht mit Krawatte und Anzug uniformieren wollen. Es ist mir unverständlich, wie man aus freien Stücken, oft gar im Namen der Freiheit,  immer mehr Dressur fordern kann. Respekt gebührt Menschen, nicht Betrieben und ihren Hierarchien. Vermutlich wäre der 4. Quadrant auch der, in dem intellektuelle Aussenseiter auftauchen müssten, hätten die Leute von digitalronin die Fragebogen richtig angelegt.

Seine Grenze findet der vierte Quadrant in der Tatsache, dass es hier primär um Eigennutz - dem Brüderchen der Selbstverantwortung - geht. Für einen produktiven politische Dialog wäre unbedingt ergänzend der Argumentationskompass und der Wertekompass zu berücksichtigen.

Appendix / Kommentare:

* Beim Versuch GUTE ARBEIT zu definieren, sehen wir allerdings sofort, dass es eben die atomistische Konkurrenz des vierten Sektors ist, der Spezialisierung und Arbeitsteilung erst nötig machte. Ohne die Komplexität der militärisch-wirtschaftlichen Komplexe gäbe es viele dieser beruflichen Spezialitäten gar nicht. Umgekehrt macht aber eben leider diese Komplexität auch die Ein- und Unterordnung unter gegebene betriebliche Ziele nötig, soll das ganze funktionsfähig bleiben. Es bleibt uns, was gigantomanische global players betrifft,  also nur, deren "Auftrag" zu analysieren und allenfalls als Konsumenten lenkend einzugreifen.

Und hier zeigen sich, bei genauerer Betrachtung der Folgen, der durch Skalenerträge und sunk costs geförderten Gigantomanie, auch die Lösungen:

  • Dominanz der Grossen bedeutet Verlust an Vielfalt - Verlust an Vielfalt bedeutet Verlust an Lebensqualität

  • Aber nicht nur die Geschmäcker werden nivelliert, auch die Meinungen. (s. Pressefreiheit)

  • Und präzise dieser Verlust an Wahlmöglichkeiten, also an Freiheit, dürfte immer wieder eine natürliche Gegenbewegung zur Herrschaft der Grösse einleiten. (Beispiele aus der Landwirtschaft)

Wenn Sie sich nochmals obige Graphik ansehen, mit den vier Feldern, dann wird eigentlich sofort klar, dass nicht nur der diktatorische Kommunismus nicht sozialverträglich ist, sondern die Diktatur der Marktdominanz genau so. Kapitalismus bezieht seine Legitimation aus der Notwendigkeit, Kapital zur Einrichtung und zum Betrieb von Grossbetrieben bereitstellen zu müssen und zu können. In den letzten 15 Jahren mussten wir allerdings anerkennen, dass grosse, effiziente, machtvolle Betriebe zwar DIE Lösung für deren Besitzer sind, nicht aber für diejenigen, die von Arbeit leben müssen (sollen, können, wollen, dürfen).  Mit der Akkumulation von Kapital akkumuliert sich Macht, Macht, welche, wenn sie die Chance hat, rücksichtslos zu handeln, nicht bloss individuelle Existenzen bedroht, sondern auch die Existenz des Gemeinwesens und der Natur. (s. China).

Eine Stärkung der beiden wirklich freiheitlichen Bereiche, sozial-freiheitlich und individuell-freiheitlich, kann manches leisten, was unser aktuelles autoritär-hierarchisches System nicht kann, gerade weil es auf Grösse, Marktbeherrschung und globale Märkte ausgerichtet ist:

  1. Die Produkte werden individueller und vielfältiger ... nicht bloss unterschiedlich eingepackte Massenprodukte.

  2. Kleinbetriebe können auch auf kleine Wünsche eingehen. Nicht industriell in Massen erzeugte, und damit auch nicht genetisch manipulierte, Nahrungsmittel erlauben z.B. wieder die Produktion einer Vielfalt an Geschmäckern und Konsistenzen (wenn man die Kommissionen der EU in ihrer Regulierungswut etwas eindämmt. s. Verbot von Rohmilchkäse, was ja wirklich ein Horror ist).

  3. Für kleine Betriebe reicht kleines Kapital und damit kleine Banken. Kleine Betriebe können auf von kleine Leuten betrieben werden, die sich in der grossen Wirtschaft bloss zu Lohnsklaven eignen. Für Marktbeherrschende à la UBS & Co gibt es in einer wirklich freiheitlichen Wirtschaft eigentlich keinen Platz, insbesondere wenn grosse Banken kleine Kredite eher als Problem denn als zu erbringende Leistung ansehen.

Billig? Billige Produkte erzeugen billige Löhne, gute Produkte gute Löhne. Wirtschaft ist ein Kreislauf, wenn sie läuft. Die Idee, selber billig einzukaufen und zu produzieren, aber teure Güter zu exportieren eliminiert sich von selbst, wenn die Importeure das Selbe denken. Wer billiges Produziert wird billiges konsumieren müssen. Die einzigen die dies nicht betrifft, sind die Kapitaleigner, die billiges in Massen produzieren können, aber das ist eigentlich nicht Volks- sondern Kriegswirtschaft - und präzise darum sollten wir aus diesem 2. Sektor (obiger Graphik) raus und den 3. und vierten entwickeln.

______________________________

 

Und zum Abschluss noch das Freiheitsgedicht LIBERTÉ von Eluart : 

Sur mes cahiers d'écolier
Sur mon pupitre et les arbres
Sur le sable de neige
J'écris ton nom

Sur les pages lues
Sur toutes les pages blanches
Pierre sang papier ou cendre
J'écris ton nom

Sur les images dorées
Sur les armes des guerriers
Sur la couronne des rois
J'écris ton nom

Sur la jungle et le désert
Sur les nids sur les genêts
Sur l'écho de mon enfance
J'écris ton nom

Sur tous mes chiffons d'azur
Sur l'étang soleil moisi
Sur le lac lune vivante
J'écris ton nom

Sur les champs sur l'horizon
Sur les ailes des oiseaux
Et sur le moulin des ombres
J'écris ton nom

Sur chaque bouffées d'aurore
Sur la mer sur les bateaux
Sur la montagne démente
J'écris ton nom

Sur la mousse des nuages
Sur les sueurs de l'orage
Sur la pluie épaisse et fade
J'écris ton nom

Sur les formes scintillantes
Sur les cloches des couleurs
Sur la vérité physique
J'écris ton nom

Sur les sentiers éveillés
Sur les routes déployées
Sur les places qui débordent
J'écris ton nom

Sur la lampe qui s'allume
Sur la lampe qui s'éteint
Sur mes raisons réunies
J'écris ton nom

Sur le fruit coupé en deux
Du miroir et de ma chambre
Sur mon lit coquille vide
J'écris ton nom

Sur mon chien gourmand et tendre
Sur ses oreilles dressées
Sur sa patte maladroite
J'écris ton nom

Sur le tremplin de ma porte
Sur les objets familiers
Sur le flot du feu béni
J'écris ton nom

Sur toute chair accordée
Sur le front de mes amis
Sur chaque main qui se tend
J'écris ton nom

Sur la vitre des surprises
Sur les lèvres attendries
Bien au-dessus du silence
J'écris ton nom

Sur mes refuges détruits
Sur mes phares écroulés
Sur les murs de mon ennui
J'écris ton nom

Sur l'absence sans désir
Sur la solitude nue
Sur les marches de la mort
J'écris ton nom

Sur la santé revenue
Sur le risque disparu
Sur l'espoir sans souvenir
J'écris ton nom

Et par le pouvoir d'un mot
Je recommence ma vie
Je suis né pour te connaître
Pour te nommer

Liberté

FAZIT:

Wirtschaft (Rechts) = Freiheit   -   Staat (Links) = Bevormundung und Unterdrückung (zum 1.)

war im 19. JH wie im Kommunismus eine weit verbreitetes Faktum. Dadurch, dass inzwischen aber die Mehrheit der Staaten zu Demokratien wurden, die profitablen Wirtschaftszweige aber zu globalen Kampforganisationen, wurde obiger Grundsatz aber zu einem Mythos von Anarchisten degradiert.

Heute versuchen sich die Bürger vor der Übermacht der Wirtschaft und der Unterwerfung unter eine autoritäre Wirtschaftsdoktrin zu wehren, indem sie in sozialen und politischen Gruppen freiwillig kooperieren. In einer Demokratie sind wir, die Bürger, der Staat. Bevormunden wir uns also selbst, sind wir auch selbst schuld.

Freiheit ist in einer autoritären, auf Grösse angelegten, Wirtschaft nicht zu finden. Im Gegenteil. Es geht heute mehr als je darum, Freiheit für und durch gemeinsame Teilnahme an der Gestaltung der Entwicklung zu sichern. Dieses gemeinsame Gestalten ist eben Politik. Darum wäre es auch wichtig, diese Freiheit nicht nur in der Entwicklung der Schweiz wahr zu nehmen, sondern sich auch an der Gestaltung von Europa zu beteiligen. Lieber als widerborstige, ruppige, knurrige Störenfriede, aber als Mitglied, Basisdemokratie in die Beamtenbürokratie Europas einbringen, als so halbaussen ohnmächtig den "autonomen Nachvollzug" zu üben. Ohnmacht war nie eine valable Alternative zu Macht.

Zum selben Schluss kommen wir, wenn wir die Ziele der französischen Revolution, ein links wie rechts gefeierter Befreiungsschlag, mit heutigen Zielen vergleichen. Damals hiess die Losung: Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit. Heute heisst sie: Hierarchie - Effizienz - Wettbewerb. Insbesondere über den Begriff Effizienz wird manches verschleiert. Nicht nur, dass die Wirtschaft nicht frei ist sondern despotisch. So machen die Rechten auch gerne einen grossen Bogen um den Begriff Gerechtigkeit. Sie, wie die Wirtschaftliberalen, akzeptieren den Begriff allenfalls noch als Pareto-Gerechtigkeit, d.h. dass eine Änderung dann als gerecht zu bezeichnen ist, wenn es zumindest einer Person besser, keiner aber schlechter geht als zuvor. Dies ist die moralische Stütze des Leistungsprinzips. Allerdings steckt auch da ein Denkfehler drin, weshalb es sich also eher um eine moralische Krücke handelt. Die Folge davon, dass es einzelnen besser geht, viele aber auf dem gleichen Niveau bleiben, ist eine unvollständige Beschreibung der Vorgänge. Sobald es einer Schicht besser geht, ziehen nämlich die Preise an, die Mieten, die Kosten für mancherlei Lebensbedarf steigen. Insbesondere werden aber die Schwächeren durch die so genannten Zwangsabgaben  viel stärker belastet als die Reichen, da es sie proportional zu ihrem Einkommen weitaus mehr kosten (Musterbeispiel Krankenkasse). Aber in einer Gesellschaft in der  es einer Schicht besser geht, steigen auch die Ansprüche an Dienstleistungen und damit die Ausbildungskosten. Wen wundert's, dass Kopfsteuern bei Rechten und Liberalen, ihrer "Effizienz" wegen, so beliebt sind.

Fazit des Fazits: Rechte Parteien sind also weder Volks- noch Freiheitsparteien, sondern Herrschaftsparteien.

Ausblick: Die nächste politische und wirtschaftliche Mode (Trend) die sich in den USA abzeichnet ist das Europäische Modell von Kooperation und Gemeinschaft. Zum unterschiedlichen Freiheitsverständnis in den USA und Europa. Es kann also gut sein, dass unsere Freunde eines autoritär-individualistischen Liberalismus bald in Europa wie in den USA "daneben stehen".

Martin Herzog, webdesign, Dipl. Ing. ETH, akademisches Proletariat, Rheinfelden, 22. Juli 2004

Der Artikel wird weiter bearbeitet. Korrekturen und Ergänzungen nehme ich gerne an.

p.s: Eine Definition von Freiheit die sowohl von Sozial- wie von Wirtschafts-Anarchisten bedacht werden sollte, stammt von Erich Fromm in Haben oder Sein:

Unter Freiheit verstehe ich nicht Freiheit von allen Leitprinzipien, sondern Freiheit ,der Struktur der menschlichen Existenz entsprechend zu wachsen (autonome Restriktion: s. auch autopoiesis und der Imperativ des mit - nicht gegen die Natur).

 

11.10.06:

Freiheit gibt es nur bei gesicherter Existenz. Die schiere Existenz, also auch die Freiheit, immer grösserer Teile der Bevölkerung wird aber nicht durch den Staat bedroht - sondern durch Ausschluss aus der wirtschaftlichen Tätigkeit. Wo also die Wirtschaft nach Freiheit verlangt - diese aber dazu nutzt, einer Mehrheit das Leben schwer statt leicht zu machen, wird der Begriff Freiheit eindeutig verhunzt.  Details s. Sozialfürsorge, Sozialhilfe, Sozialarbeit - und die working poor: Die Scheinlösung "Integration" ... Integration in einen nicht bestehenden Arbeitsmarkt.