Unter <Pöbelherrschaft> verstehe ich das, was Polybios und Platon als Ochlokratie bezeichnet haben, im Gegensatz zur Politeya, derem zentrales Problem die Gerechtigkeit ist, also nicht unbedingt DAS Feld, auf dem sich die SVP hervortut.
Während die Demokratie Polybios zufolge am Gemeinwohl orientiert ist, sieht er die Ochlokratie als Zerfallsform an, in der die Sorge um das Gemeinwohl Eigennutz und Habsucht Platz gemacht hat. Insofern gilt die Ochlokratie als eine Entartung der demokratischen Staatsform.
Aristoteles beschrieb später die Politie (gr. πολιτεία politeia, „Verfassung“) als die „gute“ und die Demokratie (gr. δῆμος dēmos, „Volk“) als die „schlechte“ Ausprägung einer Staatsform, in der das Volk herrscht. [Wicki]
Die beiden Begriffe, obwohl heute nur selten genutzt, zeigen doch, woran die Idee der SVP über Demokratie krankt: Am Eigennutz, der nur (noch) Mehrheiten gestattet ist, diesen aber offenbar gleich alles gestattet. Es handelt sich also hier um Willkürherrschaft - im Gegensatz zur Politie, bei der alle Beteiligten gemeinsam aushandeln, wie der Staat denn zu organisieren und die Staatsgeschäfte zu regeln seien. Volkswahl und Mehrheitsbeschlüsse verhindern aber diese, eigentlich wirkliche Beteiligung an der Gestaltung der Politik.
Diejenigen, also die SVP, die heute der Pöbelherrschaft bezeichnet werden (was sie natürlich weit von sich weisen), haben selbst keine Hemmungen, bei andern das selbe zu tun, wenn die mal Oberluft haben. s. Kommentare Köppels zum sog. <Steuerstreit>:
Wir beobachten die schleichende Beseitigung der Schweiz als Land, das seine Steuergesetze selber bestimmt und damit einen entscheidenden Faktor seiner internationalen Attraktivität. Die Landesregierung wirkt schwach und wirr wie nie, obschon es gerade jetzt Entschlossenheit und gesunde Härte braucht.
Angst vor dem Mob. Besorgte Politiker und Publizisten warnen vor einer Pöbelherrschaft. Der CVP-Politiker Markus Arnold hat den Ausdruck mit Blick auf die Einbürgerungsinitiative wiederholt verwendet. Kürzlich griff ihn der Gewerkschaftsfunktionär Roman Burger in einer Fernsehsendung auf.
Was eigentlich ist gemeint? Pöbelherrschaft tritt dann ein, wenn randalierende Horden im Namen einer angeblichen Mehrheit den Gang der Dinge bestimmen wollen. Die enthemmte Avantgarde glaubt sich ermächtigt, die allgemeine Ordnung aus den Angeln heben zu dürfen. Fremdes Eigentum wird missachtet, die Unversehrbarkeit der Person bei Bedarf rücksichtslos ausser Kraft gesetzt. Mit Gewalt holt sich der Mob, was er legal nicht bekommen kann. Der Pöbel spekuliert wesensmässig auf die Passivität und Feigheit der Obrigkeit, der er mit der Entschlossenheit seiner überlegenen Privatmoral, aber ohne reale demokratische Legitimität begegnet.
«Pöbelherrschaft» im erwähnten Sinn ist ein bewährtes Instrument der Syndikalisten und Arbeiterorganisationen, der Kampf auf den Strassen ihr natürliches Vollzugsverfahren.
Aha, wollwoll. Also wer derart über die organisierten Arbeiter herfällt wenn sich die mal wehren, sollte sich nicht beklagen, wenn ihm selbst mal Pöbelherrschaft vorgeworfen wird. Diese Ausschnitte aus Artikel ist interessant und hier zitiert aus folgenden Gründen:
- Die Landesregierung soll Entschlossenheit und gesunde Härte zeigen. Logisch, schliesslich ist die Schweiz eine Weltmacht und all die Schnösel aus fremden Regierungen haben uns rein gar nix zu sagen. >Ein gewisser Zäsarenwahn scheint beim Souverän (oder bloss seinen Vertretern?) zu herrschen.
- Angst vor dem Mob. Hier wird eristisch das Wort Pöbel durch Mob ersetzt, das zwar etwas ähnliches meint, das aufwieglerische und gewalttätige Element aber noch hervorhebt: Der lateinische Begriff “mobile vulgus” dient dazu als Ursprung. Er bedeutet: “aufgewiegelte Volksmenge, Pöbel, soziale Massengruppierung mit sehr geringem oder völlig fehlendem Organisationsgrad, in denen triebenthemmte, zumeist zerstörerisch wirkende Verhaltenspotenz vorherrscht“. Ein Mob muss sich zudem konkret zeigen und versammeln, vor allem aber bewegen. Ein “Abstimmungsmob” ist kein Mob, sondern eher eine Schafherde. Aber genau diese randalierenden Horden des Mob braucht Köppel, um seinen fiesen Text weiter entwickeln zu können, um die Eristik zur Spitze zu treiben, sein eigentliches Angriffsziel zu entüllen:
- Die enthemmte Avantgard. Nun ja, womit der hehre Feldzug bereits im Sumpf steckt, denn eine Avantgarde, zu Deutsch Vorhut, ist nie ein Mob, sondern allenfalls eben Vorhut desselben - was in dem Falle aber nie und nirgends stimmt, denn gerade die Schweizer Anvantgarde ist insgesamt ja sooo brav, dass sie sich meist problemlos von der SVP vorführen lässt. Dass die erzkonservative SVP etwas gegen Anvantgard hat ist logisch, denn die Avantgarde steht für Veränderung, Entwicklung, Neues - und das will man ja nicht. Ist aber noch lange kein Grund, gehässig zu werden.
Sie sehen die sprachlichen Verführungen von Köppel. Nun also zurück zur Pöbelherrschaft der SVP. Das ist zwar keine Herrschaft des Mobs, keine gewalttätige, aber oft eine gewaltig dämliche. Die ganze Worthuberei von Köppel belegt ebenfalls, dass er kaum als Intellektueller bezeichnet werden sollte, wie das kürzlich geschah. Wer eine Zeitung besitzt, ist noch lange kein Intellektueller. Köppel gehört eindeutig eher in die Gattung Schwätzer - auch wenn er schreibt.
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Nun aber zurück zum Minarett des Anstosses, der Volkssouveränität:
Die SVP spricht von Sabotage an Volksrechten - weil der Ständerat nun die “Rechtsfähigkeit” der Ausschaffungsinitiative überprüfen will. (Die SVP spricht aber NICHT von der Alpeninitiative, die ebenfalls vom Volk beschlossen, aber von den Räten verschachert wird.) Es ist aber nicht die “Classe Politique” die dem Volk sein Recht verwehrt, das Recht als Souverän Recht zu erlassen, sondern es sind Gesetzesvorlagen, per Volksinititative zur Abstimmung gebracht, die weder menschlich noch legal sind, legal nach unserem eigenen Rechtssystem. Um Machtmissbrauch zu verhindern ist die Staatsgewalt heute in allen Demokratien dreigeteilt in Legislative, Exekutive und Judikative. Die Legislative (Volk und Parlament) erlässt Rechtsnormen, die Exekutive (Bundesrat und Verwaltung) setzt diese um, und die Judikative sieht darauf, dass es mit rechten Dingen zugeht. Offenbar wurde hier der Souverän nicht spezifisch in seiner Macht begrenzt (anders als in Deutschland wo’s ums Grundgesetz geht). Aber dennoch ist die Macht des Volkes darauf beschränkt, Gesetze einzubringen, zu verfügen oder zu anullieren. Widersprechen diese Gesetze aber dem eigenen Rechtskodex, so müssen sie eben von Gerichten kassiert werden, in dem Falle entweder dem Bundesgericht (da wir keinen Verfassungsgerichtshof haben) - oder eben, gerade deswegen, in Strassburg.
Bereits die Abstimmung über ein Minarettverbot verstösst ja gegen unsere Staatsverfassung als säkularer Staat, in dem eben Staat und Kirche (Religion) getrennt sind. Säkular bedeutet nicht, dass die Kirche nichts mehr zu melden hat, zu politischen und gesellschaftlichen Problemen keine Meinung äussern darf, sondern nur, dass sie dem Staat keine Norm auferlegen darf, wie er sich zu verhalten hat, welche Art von Gesetzen er erlassen darf. Umgekehrt darf der Staat natürlich dann auch nicht die Kirche anders behandeln als irgend eine andere gesellschaftliche Organisation. Wenn also ein Verbot für Minarette in die Verfassung gelangen kann, dann eben so gut eines für, na, sagen wir mal Banken, oder Hochhäuser, oder Parkgaragen, oder Einkaufszentren. Das wär doch was … aber das würde natürlich gegen die Wirtschaftsfreiheit verstossen, und die ist ja schliesslich heilig, christlich heilig.
Eine andere Möglichkeit, die bisher standardmässig angewandt wird, ist die, die Verfassungsänderung in die Verfassung einzutragen - und sie dort zu belassen, ohne Anwendung, weil diese durch andere gültige Gesetze verboten ist. Das führt dazu, dass wir eine Verfassung haben mit absurdem Zeugs drin, weil die SVP per Demokratur ihre willkürlichen Profilfürze verewigen will - und dank einem verantwortungslosen Demokratiemodell, das aus der Kindheit der Demokratien stammt, dies auch kann.
Gesetzesvorlagen wie lebenslange Verwahrung, Ausschaffung selbst für geringe Vergehen, Minarettverbot, sind rein willkürlich, sind also Rechtsprechung einer Willkürherrschaft, keiner an Vernunft, Recht und (guter) Ordnung orientierten Demokratie. Präzise solche Zustände haben zu den bekannte Problemen der Weimarer Republik geführt. Sehen Sie sich mal an, was Max Weber, Begründer der Soziologie, von Demokratie gehalten hat:
Der “Demagoge” ist seit dem Verfassungsstaat und vollends seit der Demokratie der Typus des führenden Politikers im Okzident. … Der politische Publizist und vor allem der J o u r n a l i s t ist der wichtigste heutige Repräsentant der Gattung. … nur der Journalist ist bezahlter Berufspolitiker, nur der Zeitungsbetrieb kontinuierlicher politischer Betrieb überhaupt. Daneben nur die Parlamentssession.
Führt die Presse das Stimmvolk in die Irre, so geht es eben dahin - was der Irakkrieg ebenso bewiesen hat wie verschiedene Volksabstimmungen in der Schweiz.
Jeder Souverän hatte und hat eine Aufgabe, einen Auftrag. Erfüllt er ihn nicht, so kriegt er Probleme. Ein Kaiser oder König, der sein Volk ins Elend führte, überlebte das meist nicht lange. Ein Präsident wird in der Demokratie abgewählt, in der Diktatur “erledigt”. Und dort, wo das Volk selbst der Souverän ist? Da wird es wohl kaum Selbstmord beginnen - … Aber so kompliziert ist die Sache nun doch wieder nicht. Dort, wo das Volk per Mehrheitsentscheid eine oder mehrere Minderheiten zur Schnecke macht, spalten sich die Minderheiten ab, entsteht Auflösung, scheissen die veräppelten auf “Integration”, hören nicht mehr auf den Souverän, was schliesslich und endlich zu einem unregierbaren Land, wenn nicht gar einer Art von Bürgerkrieg führt. (s. Irak, Libanon etc.). Willkürherrschaft verdient keine Gefolgschaft, also keine Anpasssung. Wer heute diese Willkür gegen Minderheiten unterstützt, sollte sich überlegen, dass er morgen vielleicht plötzlich selbst einer Minderheit angehört, insbesondere der Minderheit der Arbeitslosen, der Minderheit mit einem monatlichen Einkommen von weniger als 5700 Fr. … etc.
Pöbelherrschaft ensteht genau dort, wo der Pöbel ins Abseits gedrängt, vermessen, verschult, normiert, wirtschaftlich ausgenutzt - politisch ohne Stimme - nun plötzlich die Möglichkeit kriegt, selbst die Rolle des Herren zu spielen. Foucault hat in “Ueberwachen und Strafen” im Detail analysiert, unter welchen Bedingungen es eben zur Pöbelherrschaft nach der Französischen Revolution kam, die dann ihrerseits durch die Dikatur und den Polizeistaat Napoleons aufgelöst wurde. Vorbild der SVP? Blocher als Napolon? (Au weia …).
Widerstand ist hier Pflicht. Und eigentlich müssten gerade diejenigen das begrüssen, die bei dem Satz am meisten Fluchen, denn, wer wollte das Bankgeheimnis in der Verfassung verankern? Als Widerstand gegen den ebenfalls vom Souverän eingesetzten “Steuervogt”?
Dabei wäre die ganze Aufregung eigentlich überflüssig und man könnte das dahinter stehende Problem relativ einfach so fassen:
Das Schweizer Volk wurde gefragt, ob es den Muslimen den Bau der bei ihnen üblichen kleinen Türmchen neben den (immer noch erlaubten!) Moscheen erlauben will. (Religiöse Bauten, Bauten aller Religionen, haben sich immer an die geltende Bauordnung, Lärmschutzverordnung, Parkplatzordnung, Verkehrsordnung etc. zu halten).
Das Schweizer Volk hat geantwortet: Nein - wir wollen nicht, dass die Shari’a als Parallelgesetz eingeführt wird!
Und präzise darum ist dieser neue Eintrag in die Verfassung Bockmist und die ganze Abstimmung unsinnig. Wenn das Volk nicht auf die Frage antwortet, die in einer Abstimmung gestellt wird, also nicht ja oder nein, dann ist der Stimmzettel immer ungültig. Und auf diesen Stimmzetteln stand, in Geisterschrift, einem Menetekel gleich: Nein, wir wollen keine Shari’a, wir wollen keine Zwangsheirat, wir wollen keine Unterdrückung der Frauen etc. Natürlich wäre der Volksentscheid richtig und eindeutig, wäre das Volk gefragt worden, ob es die Shari’a als Nebengesetz akzeptieren will. Er ist es aber nicht, weil das Volk auf eine ganz andere Frage geantwortet hat, als die, die zur Diskussion stand. Angeleiert wurde dies von den bekannten medial aktiven “Schnuderbueben”.
Dass es andere Kulturen gibt als die der Schweiz, viele andere, mit viel mehr Menschen, dass die Schweiz nicht das Zentrum der Welt ist, dass die Welt kulturell nicht zentriert, sondern mannigfaltig ist - und sein soll, daran ändert kein noch so blöder Eintrag in der Verfassung irgend was, damit müssen sich die SchweizerInnen genau so abfinden wie alle anderen. Solche Aktionen zeigen eher, dass die Schweiz sich eigentlich ähnlich verhält wie der hier ach so beliebte Opperettengeneral Ghaddafi, der ebenfalls primär eine Menge heisser Luft erzeugt um Aufmerksamkeit zu erregen, obwohl er die (die heisse Luft) in der Wüste eh ausreichend hat. Die sich daraus entwickelnden Tornados schütten die Probleme bloss mit Sand zu, und streuen zusätzlich den Menschen Sand in die Augen.
Und, last not least, wie Foucault schon sagte:
Antipathie verhindert Assimilation.
Wer sich gegen Einbürgerungen wehrt - verhindert Integration, ist also desintegrationsfördernd.
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Anfang Mai 2010 legt der Kanton Aargau ein weiteres Scheit ins Feuer, einen Antrag auf ein Verbot der Burka in der Schweiz. Offenbar macht es sich zur Zeit politisch gut, d.h. in Stimmen bezahlt, wenn man sich möglichst dämlich und hinterwäldlerisch verhält, hinterwälderischer als Ob- und Nidwalden gar. Ob da Ghadafi nicht raten würde: Der Kanton Aargau war eh von Napoleon bloss als Puffer zwischen Zürich, Bern und Basel gegründet worden. Löst ihn auf und verteilt ihn! Es ist allerdings fraglich, ob ihn jemand will … Die Zürcher könnten dann nicht mehr behaupten, es seien bloss die Aargauer die im Niederdorf an die Hauswände pieseln. Die Berner könnten ob der grosstransportigen Umtriebigkeit einiger Exponenten ihre sprichwörtliche Seelenruhe verlieren und Basel Stadt hätte dann ein Gross-Baselland vor der Tür, das mit seiner grossmäuligen Gartenzaunpolitik noch den letzten Rest an “feiner diplomatisch-politisch-wirtschaftlicher Organisation-hinten-rum” zerreiben würde.