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Definition der Topik (s. www.brainworker.ch/reports/yemen/Topik.htm): Topoi sind tradierte Muster, sie geben Hinweise auf die herrschende Meinung der Zeit. Sie sind ein praxisbezogenes Arsenal lebensweltlicher Erfahrungen, kurrenter Ideen und Interessen, jedoch auch von Dogmen und Ideologemen, denkbaren Träumen und Zielen einer Gesellschaft. Topik ist bloss ein Instrument des Denkens und lässt sich, wie die ganze Rhetorik, natürlich ebenso für populistische Volksverführung und PR verwenden, wie zur Volksbildung mit dem Ziele der Anhebung des Wissenstandes bei der Bevölkerung. Dies ist immer und zu jeder Zeit nötig, denn der gegebene Bestand an Volkswissen wird ja eigentlich durch den Begriff Banalitäten treffend erfasst.
Topik handelt von den Örtern des Denkens, von Gesichtspunkten, Argumenten, Motiven, "Gemein-Plätzen", - von gemeinsamen Denkstrukturen, den objektivierten Denkmustern. Sie verlangt nicht nach der absoluten Wahrheit, sondern begnügt sich mit der Wahrscheinlichkeit von Wahrheit. Exaktheit wird nur so weit als notwendig erachtet, als das Problem sie verlangt. Wichtiger für die Topik ist die vollständige Erschliessung des natürlichen Gemeinsinns, als die wissenschaftliche Abgrenzung und Eindeutigkeit. Sie sucht Wahrheit in Bereichen die der Wissenschaft verborgen sind oder allenfalls am Rande liegen wie die Wahrheiten der Religion, Philosophie, Kunst und Geschichte. Sie sieht wie Buber den Dialog als den Weg der Wahrheit, ergründet die argumentativen Bedingungen der Konsenserstellung. Sie ist die Kunst des aufeinander Eingehens, des miteinander zu Rate Gehens. Sie ergründet die handlungsanleitenden Regeln, was sie stark der Ethik verbindet. [Das gilt natürlich nur für den akademischen Dialog. In der Wirklichkeit werden handlungsanleitende Regeln längst weder von Ethik noch von Topik (also dem Volk) definiert, sondern von der Wirtschaft. Die wirtschaftliche Topik nennt sich "Marktanalyse/Meinungsforschung", die wirtschaftliche Ethik "Finanzplanung".]
Notwendigkeit zur Topik
Wollen wir eine Gesellschaft entwickeln, müssen wir zuerst wissen, worüber wir reden können. Dann wissen wir auch was wir tun können, wie wir be-raten können. Wir müssen die der Gesellschaft eigene, spezifische Vernunft kennen und berücksichtigen.
Durch die vielen Einzelperspektiven ging der Gesamtüberblick, der Zusammenhalt und die Kernfrage der Ontologie: was sind wir - was sollen wir tun - und der Ethik: was ist das gute Leben - immer mehr verloren. Wissenschaft ist zu einem hohen Grad wirklichkeitsfremd, da eine isolierte Kunstwelt. Aus der Perspektive dieser Wissenschaften ist die Topik keine Wissenschaft, sondern vorwissenschaftlich, heuristisch. Ihre unbestreitbare Bedeutung hat sie dort, wo Auslegung von Text den sozialen Kon-Text bedingt wie z. B. bei gesetzlichen Texten als handlungsanleitenden Texten. Sie liefert Prämissen als Entscheidungsgrundlage. Im Alltagsleben müssen wir täglich Entscheidungen treffen - ohne die Möglichkeit zu haben, diese wissenschaftlich abzusichern. Wir können nur in begrenztem Rahmen gesicherte Erkenntnis über zukünftige Entwicklungen gewinnen (Prognosen). Wo aber der schöpferische Geist, das INGENIUM (Ingenieur!) und die PHANTASIA Zukunft aktiv gestalten wollen, müssen gesellschaftlich anerkannte Gesichtspunkte und Horizonte als Grundlage dienen.
Nutzen der Topik
Die wissenschaftliche Frage ist die geschärfte Frage, die analysierbar ist und von der eine klare, wahre (oder zumindest überprüfbare und widerlegbare) Antwort zu erwarten ist. Dieser Ansatz beschränkt allerdings die möglichen Fragen und die Antworten gewaltig. Viele, und vor allem die wichtigste Frage des Sein-Sollens, lassen sich nicht wissenschaftlich stellen.
Die Topik dient prinzipiell bei drei Strategien:
· idola specus: Idole des Subjektes.
· idola tribus und fori: Idole der Gesellschaft (Stamm) und der Geschichte (Markt).
· idola theatri: Idole der Religion.
Topik, verwendet zur Gestaltung des sozialen Fortschritts, darf Entscheidungen nur vorbereiten - muss sie aber den Betroffen überlassen. Sie dient der Erkennbarmachung und Relativierung der Wirkungsfaktoren, der Argumente. Dem Aufzeigen von Alternativen unterschiedlicher Begründbarkeit und die Rationalität verschiedener Wertestandards und Meinungen.
Die Wissenschaft hat sich dieses Raums als des Raumes des Nicht-Prüfbaren, des Unsicheren, des nur Wahrscheinlichen, als Raum der Idole entledigt, obwohl gerade in diesem Raum alles geschieht was für uns als Menschen von Bedeutung ist. Wittgenstein hat auch dies erkannt: "Wenn alle wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind dann haben wir noch keines unserer Lebensprobleme angerührt." Das liegt erstens an der Loslösung des wissenschaftlichen Objekts von den realen Umwelt-Bedingungen. Das liegt aber speziell daran, dass das Sollen kein Bestandteil der Wissenschaft ist. Gerade z.B. im Bereich der Beziehung vom Menschen zu der natürlichen Umwelt sind die entscheidenden Faktoren aber das Tun und das Sollen. In Bezug auf das Tun müssen wir erkennen, wonach, also nach welchen Idolen, denen der Gattung oder des Marktes, es sich richtet. Um notwendige Handlung, vor allem die nachhaltige Nutzung und den Schutz von Umwelt, zu ermöglichen, müssen wir die Gesellschaft dahin steuern, dass sie etwas tut, was sie zuvor nicht tat - ohne sie jedoch dazu zwingen zu können. Wir müssen eine zwangslose Übereinkunft erzielen. Wir müssen unsere unterschiedlichen Ansichten kommunizieren und eine freiwillige, sinnvolle, überzeugende Übereinkunft erreichen. Auf die Erkenntnis notwendiger Handlung müssen Schritte folgen, die Handlung ermöglichen und in Gang bringen. Dies erfordert Motivation. Dies ist heute nicht nur ein Problem der Entwicklungszusammenarbeit mit Ländern wo Strukturen und Topen zu gewissen Bereichen wie Umwelt oft einfach fehlen, sondern auch der Industrieländer, wo die Gelder zur Finanzierung etablierter Strukturen knapp werden und, wo es Topen von allgemeiner Gültigkeit kaum mehr gibt, da sie von der Werbung vervielfältigt und verbraucht wurden. Humanismus hat hier noch eine gewaltige Aufgabe vor sich, will er die Rhetorik zur Leitwissenschaft machen, ihr ihre politisch-praktische Dimension zurückzugeben und die Ciceronische Einheit von Rede und Moral wiederherstellen. Ein erster Schritt ist die Interdisziplinarität, die jedoch nicht bloss als Akkumulation von Wissen aus Einzeldisziplinen verstanden werden darf. Die einzelnen Spezialdisziplinen müssten als Teil des Ganzen gemeinsam eine Topik des Wissens formen.
Wissen lässt sich eigentlich erst als Wissen erweisen, wenn es praktisch wird. Praktisch werden kann es aber nur, wenn es seine Adressaten auch erreicht. Beweisen genügt in den seltensten Fällen, den Adressaten zu überzeugen, und in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, in Politik und Kultur, kann immer nur ein Konsens über das Wahrscheinliche erreicht, nie die Wahrheit ermittelt werden. Der Sprache fällt die Aufgabe zu, selbst schwierige Tatbestände derart einleuchtend zu formulieren, dass sie auch einem ganz unterschiedlich zusammengesetzten Publikum mit uneinheitlichen Voraussetzungen vermittelt werden können.
Martin Herzog, Rheinfelden, 22.04.03
Literatur:
Dieter Breuer/Helmut Schanze (Hrsg): Topik. Beiträge zur interdisziplinären Diskussion. Kritische Information 99. Wilhem FinkVerlag . München 1981.
p.s: Während in Europa die Topik also eine relativ ernsthafte Angelegenheit ist, die einige Denkarbeit braucht, befasst sie sich in den USA offenbar eher mit dem was über dem Hirn wächst: http://www.haircareinfo.com/Topik.html
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Die Technologie hat die politische Rolle der Medien transformiert. Das lag nicht nur an ihren Folgen für die Medien selbst, sondern auch an der Verbindung des Mediensystems mit Politik-Marketing in Echtzeit. Ab den späten 1960er Jahren führte die Einführung von Computern bei den Meinungsumfragen zur Entstehung des "strategic polling". Dabei werden unterschiedliche politische Strategien an Zielgruppen potentieller Wählerinnen und Wähler getestet, so dass man die Strategie, die Form und selbst die Substanz der Botschaft verändern kann, während der Wahlkampf sich fortentwickelt. Während der beiden folgenden Jahrzehnte beeinflussten Meinungsforscher wie Patrick Caddell, Peter Harr und Robert Tecter die Wahlkampfstrategien entscheidend und wurden zu wichtigen Mittlern zwischen Kandidaten, Bürgern und Medien. Gemeinsam mit Imagebildnern und Fachleuten für politische Werbung entwickelten sie Wahlkämpfe, Wahlaussagen, Fragestellungen und Persönlichkeitsprofile, indem sie Trends in der öffentlichen Meinung in Medienberichte zurückspeisen und umgekehrt. Als die Technologie die Medienberichterstattung beschleunigte und die Geschwindigkeit und Flexibilität der Informationssysteme erhöhte, wurden Rückkopplungseffekte und Nebenereignisse zu Aspekten des Alltagsgeschäftes. Deshalb treffen sich in den höchsten politischen Aemtern - angefangen beim Weissen Haus - die Medienexperten jeden Tag frühmorgens, um der Nation auf den Puls zu fühlen; dabei stehen sie bereit, in Echtzeit zu intervenieren und sogar zwischen Vor- und Nachmittag Botschaften und Ablaufpläne zu verändern, je nac der Berichterstattung in den wichtigsten Nachrichtenquellen (CNN, TV-Netzwerke, führende Morgenzeitungen). Die Tatsache, dass die Medien selbst durch ununterbrochene Berichterstattung in der Lage sind, zu jedem Zeitpunkt Neuigkeiten zu übermitteln, bedeutet, dass die Kommunikationskrieger ständig auf der Hut sein müssen. Sie müssen wirklich jede politische Entscheidung in die Sprache der Medienpolitik übertragen und die Auswirkungen durch Meinungsumfragen und an Fokusgruppen messen. Meinungsforscher und Imagebildner sind zu entscheidenden politischen Akteuren geworden. Sie sind in der Lage, die Karriere von Präsidenten, Senatoren, Abgeordneten im Repräsentantenhaus und Gouverneuren zu fördern oder zu vernichten, indem sie Informationstechnologie, Mediologie, politisches Fingerspitzengefühl und freches Magiertum miteinander verschmelzen.
[Manuel Castells: Die Macht der Identität. Das Informationszeitalter II.. Leske + Budrich, Opladen 2003. S. 340]
Die Folgen davon sind:
dass
Persönlichkeitsfragen and die Spitze der politischen Tagesordnung
rückten, der Bote zur Botschaft wurde - und Rufmord zur schlagkräftigsten Waffe.
(Was Präsident Clinton mit seiner Assistentin so trieb beschäftigte die
US-Bevölkerung für fast ein Jahr weitaus mehr als die reellen politischen
Probleme). > Vorschläge betr. der Direktwahl der Nationalräte spielt auch in der Schweiz auf dieses Ziel hin.
dass über Inhalte politischer Vorschläge immer weniger berichtet und diskutiert wird (s. Wie liesse sich Politik auf Volkswissen statt auf Volksmeinung basieren?), was zu einer extremen Simplifizierung, Banalisierung - und damit zu Populismus mit dem typischen schwarz-weiss-Denken führt
Wer am frechsten, lautesten und dümmsten (= volksnahesten) ist hat recht! Ich saag ploss, wiz isst!! Da gipt's niks zu dissquttiehren!!!
Unergiebige Pendelbewegung, typisch für das Zweiparteiensystem - Entscheidungsunfähigkeit im Konsenssystem = Ziel erreicht, Staat kaputt (s. Weimarer Republik), Wirtschaft kann machen, was sie will.
Um so wichtiger die Kenntnisse der Topik, generell der Rhetorik, denn ohne solche fehlt dann eben die Ideologiekritik - und die Identität stagniert auf einer embryonalen Abgrenzungsphase. (s. Identitätsentwicklung)
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