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Entwicklung

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  5. Basis "Ganzheitlichkeit": Weltanschauung und Weltbild
  6. Basis "Wissen": Der Zyklus von Handeln und Lernen
  7. Basis "Situation": Vom Denken zum Handeln
  8. Soziale Forstwirtschaft als aktive Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen.

 

Martin Herzog

Inselstrasse 62

4057 Basel

Tel/Fax: (061) 831 80 15

 

mailto:hewww@brainworker.ch

 

Soziale Forstwirtschaft

als aktive Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen.

Martin Herzog, August 1995

Yemen hat, wie so manches Land, das Problem, dass Umweltressourcen übernutzt werden, dass zwar genutzt wird, aber jegliche Pflege fehlt. Im Jemen kommt dazu das Problem, dass Regierungsinstitutionen, wie etwa ein staatlicher Forstdienst, funktionslos sind, da sie weder Boden besitzen den sie in eigener Regie nutzen können, noch die Macht, der tribalen Gesellschaft irgendwelche Gesetze aufzuzwingen. Die Bewirtschaftung der forstlichen Ressourcen muss also mit den lokalen Eigentümern, den Privaten, den Dörfern und Stämmen selbst - also den sozialen Gruppen - durchgeführt werden. Die Entwicklung von Konzepten, Verfahren und Strukturen muss partizipativ, durch die und mit den Betroffenen selbst, erfolgen. Dieser Ansatz nennt sich "Soziale Forstwirtschaft".

Definition:

"The current concept of social forestry recognizes that such programs must be so designed as to (a) motivate large numbers of people to plant trees, (b) promote the kind of tree growing that will best supply fuelwood, small timber, grasses, and income to the small producers themselves, and (c) provide increased benefits to the poorer strata. Social forestry programs are primarily aimed at involving the farmers and the landless. They attempt to influence the key variable - a variable usually bypassed in the design of conventional afforestation programs: peoples's behavior towards trees. [1] )

"Cernea argues that the profound behavioral changes to be elicited on a gigantic scale among farmers through social forestry are a shift from wood gathering to tree cultivation behavior." [2] )

"Therefore, the social and cultural issues involved in forestry projects, particularly in social forestry, are every bit as important as (a) the economic issues, (b) the technical issues, and (c) the environmental issues. [3] )"

Dies klingt deutlich an mit der Agenda 21, welche die zukünftige nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt in Harmonie bewerkstelligen will.Die Interaktionsbereiche Gesellschaft-Umwelt über Kultur, sowie die Interaktion Gesellschaft- Wirtschaft über Technik kommen zur Zeit in diesem Dialog noch zu kurz.

Soziale Forstwirtschaft ist also Gestaltung und Motivation von sozialen Gruppen, Gestaltung der Gesellschaft in Teilbereichen. (Der Ausdruck social engineering, obwohl gebräuchlich, verzerrt diesen Ansatz beträchtlich.) Sie hat eine enge Beziehung zur Ethik als philosophisch-theologische Handlungsbegründung (Ethik = praktische Philosophie).    Im folgenden werden kurz dargestellt, die Bedeutung und Interaktion der Faktorbereiche:

  1. Wissen
  2. Gesellschaft
  3. Handeln
  4. Orientierung und Wertung

A. Wissen und Handeln

Dieses Wissen ist von unterschiedlicher Bedeutung in verschiedenen Situationen, da die Natur, die Menschen, die Gesellschaft (und oft sogar die Götter) verschieden sind. Die moderne Gesellschaft will auf wissenschaftlich erworbenem Wissen aufbauen. Die traditionelle Gesellschaft baut auf Religion (dem gnostisch erworbenen Wissen) und Tradition, dem Wissen als Resultat praktischer Tätigkeit und Überlieferung.

Wissen ist auf verschiedene Art mit Handeln verbunden:

a) Als Wissenserwerb: Wissenschaft ist, was Wissen schafft. Kultur (in jeder Form) schafft Wissen. Als intuitive, kreative Gestaltung in der Form von Kunst entspricht sie dem heutigen Kulturbegriff am ehesten. Die Gesellschaft kreiert Wissen in den Bereichen, die für sie sinnvoll und interessant sind, wo sie motiviert ist und die Ausgabe öffentlicher Gelder verantworten kann.

b) Als Anwendung von Wissen: Hier sind zwei Bereiche zu unterscheiden: die Anwendung von Wissen zur technischen Produktion und die Anwendung von Wissen zur Entwicklung der Gesellschaft. Die Fortschritte der Wissenschaft wurden primär im ersten Bereich erzielt. Wissen ist Macht - Wissen ohne Handeln, Gestalten zu können ist Ohnmacht. Die Anwendung des Wissens für die gesellschaftliche Entwicklung ist nach Gramsci [4] ) die Aufgabe der Intellektuellen: "Intellektuelle sind Konstrukteure, Organisatoren und permanente Überzeuger  die Probleme erkennen/stellen, strukturieren, analysieren und lösen können." Sie Gestalten also aktiv das Weltbild - speziell die Kultur des Diskurses - mit.

Die staatliche Anwendung von Wissen zu Steuerungszwecken geschieht in Institutionen, von der Institutionssoziologie als Formen gefrorenen Sinnes bezeichnet. Diese versuchen Verhalten und Entscheiden durch Gesetz und Motivation zu beeinflussen.

c) Bewusstsein: nur das wovon gewusst wird kann bewusst sein.

d) Als Tradition (Übermittlung) von Wissen und Bewusstsein in der Erziehung.

Von den vier philosophischen Tugenden Gerechtigkeit, Besonnenheit (Phronesis), Tapferkeit, Weisheit ist nur eine, die letzte, und auch die nur teilweise, dem Bereich des Wissens zugeordnet. Die anderen drei gehören zum Entscheiden und Handeln. Weisheit ist aber nicht durch Wissenschaft zu erlangen, denn Weisheit bezieht sich auf das Wissen von Werten. Wissenschaft aber kann nur Gegebenes und nur Sachliches untersuchen. Die Form der Wissenschaft, wie sie sich seit der Renaissance entwickelt hat, kann nur partielles Wissen zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen (was auch zu einer fragmentarischen Verantwortlichkeit führt, ganzheitlich betrachtet zu Verantwortungslosigkeit.).

Ein Wissenssystem das auf (wertfreie!) Wissenschaft gründet entbehrt folglich der Weisheit, in weiten Bereichen gar der Vernunft, da auch diese wert- und handlungsorientiert ist:                 

Definitionen [5] ):

"Vernunft heisst die geistige Fähigkeit, Tätigkeit des Menschen, insofern sie nicht nur, wie der Verstand auf ursächliche, diskursive Erkenntnis, sondern auf Werterkenntnis, auf den universellen Zusammenhang der Dinge und alles Geschehens u. auf zweckvolle Betätigung innerhalb dieses Zusammenhangs gerichtet ist."

"Weisheit, "das Durchdringen des Wertgefühls ins Leben, in alle Sachfühlung, alles Reagieren und Agieren, bis in die spontanen, alles Erleben begleitenden `Wertantworten´ hinein, die Durchsetzung des ganzen eigenen ethischen Seins mit seinen Gesichtspunkten, die wertbezogene stationäre Grundhaltung des prakt. Bewusstseins. In einem streng antiintellektualistischen Sinne könnte man es wohl nennen die ethische Geistigkeit, nämlich das ganze Leben beherrschende Stellung des Ethos überhaupt als geistigen Grundfaktor des Menschtums. Bei Platon ist W. eine der drei höchsten Tugenden, die nur von Philosophen erreicht werden kann."

Es ist also weder Vernunft noch Weisheit ohne Werterkenntnis zu erreichen! Dass Werterkenntnis schwieriger zu erlangen ist als epistemologische Erkenntnis drückt sich bereits im Begriff "Philosophie" aus: Gerade weil die absolute Werterkenntnis, und damit die absolute Weisheit den Göttern vorbehalten ist, nannten sich die Weisheitssuchenden "Philosophen" - die Weisheit liebende, im Gegensatz zu den Sophisten und Schriftgelehrten, die noch immer glauben und glauben machen, Wahrheit zu besitzen. Dass uns die letzten Wahrheiten nur als schwache Abbilder, als Ikonen zugänglich sind, drückt Socrates aus, wenn er sagt: "Ich weiss, dass ich nichts weiss", oder Wittgenstein, als Beschränktheit der Wissenschaft: "Wenn alle wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, dann haben wir noch keines unserer Lebensprobleme angerührt."

Eine "Wissenschaft" im Sinne Khazalis, im Sinne des islamischen Mittelalters, die zur Entwicklung der Gesellschaft dienen soll, ist selbst noch zu entwickeln. Die Philosophie, der diese Aufgabe zukam, ist leider ebenfalls auf das Trittbrett der Wissenschaft gesprungen und hat sich damit dieser Aufgabe und Chance begeben.

 

B. Wissen, geformt durch die Gesellschaft

Strukturen, Mächte, Organisationen, Verfahren, Kommunikation sind in der Gesellschaft variabel. Diese Strukturen sind nicht ewig und nicht (oder zumindest höchst selten heutzutage) gottgegeben, sie unterliegen historischen Veränderungen, evolutiver oder revolutionärer Art - häufig in Zusammenhang mit dem Wechsel von Weltbildern. Die religiöse Institution wurde hier z.B. bewusst ausgelassen, da sie in der modernen, komplexen Gesellschaft von geringer Bedeutung ist. In anderen Gesellschaften, speziell den archaischen (Islamischen z.B.), kann sie über andere Formen sozialer oder auch politischer Organisation dominieren. Die Gestaltung der stark gegliederten modernen Gesellschaft wird als "Autopoiesis" (Selbstgestaltung) bezeichnet. Dieses Entwickeln ist Handeln und lässt sich weder auf Wissenschaft noch auf den Markt reduzieren. Die Verbindungen des Handelns zur Gesellschaft ist die Erziehung (Wissens-Vermittlung), welche das für die Gesellschaft relevante Wissen tradiert. Erziehung hat also einerseits einen konservierenden Einfluss auf das Weltbild und das Orientierungswissen, andererseits ist gerade hier das stärkste Potential für die Anpassung `weltfremd´ gewordener, für die Veränderung einseitig gewordener, Weltbilder. Die Entscheidung über das Verhältnis von Erhaltung und Fortschritt, über die Form von Fortschritt müsste partizipativ erfolgen, also politisch. Nur so lassen sich Gerechtigkeit, Gleichheit, Demokratie im gesellschaftlichen Handeln verwirklichen. Partizipatives Handeln ist kommunikatives Handeln "Kommunikatives Handeln ist hermeneutisch, es etabliert Schemata der Weltauffassung"

Als "Gestalter der Gesellschaft" muss der Entwicklungsexperte nicht nur die natürliche, sozio-ökonomische und politische Situation kennen die sein Projekt konditionieren, er muss sich dem "Weltbild" des Partners aussetzen, sich mit ihm auseinander-setzen, es mit dem Partner neu entwerfen [7]) und gestalten.

 

C. Zwischen zwanghafter Reaktion und freiem Handeln

Handeln ist eine Komponente des gesellschaftlichen Selbstbildes und des Wissens. Handeln beeinflusst die Umwelt, die natürliche wie die soziale. Deshalb ist die erste Prämisse des Handelns die Verantwortlichkeit (bezogen auf die Auswirkung auf die Natur), die Gerechtigkeit (bezogen auf die Auswirkung auf die Gesellschaft). Drei der vier klassischen Tugenden sind im Handeln begründet, die vierte, die Weisheit im Werten, nicht im Wissen. Ungleich der Machbarkeit im technisch, kausalen Bereich, ist die Verantwortlichkeit im sozialen Bereich umgehbar, entbehrlich. Fehlt die technische Machbarkeit kommt kein Werk zustande, während fehlende Verantwortung und Gerechtigkeit nur selten ein ernsthafter Hinderungsgrund für die Errichtung eines Werkes sind. Erst bei gigantischen technischen Werken (z.B. Atomkraftwerken) können nicht-technische Argumente zum Hinderungsgrund werden. Ähnlich verhält es sich bei den tief greifenden Einwirkungen auf die natürliche Entwicklung durch Genmanipulation. Auch hier fehlt manchen die Tugend der Besonnenheit und Mässigung. Nur sie kann helfen, dass wir freiwillig die Grenzen der Ausbeutung der Natur, die Notwenigkeit zur Nachhaltigkeit, An-Erkennen, bevor uns die Natur diese Erkenntnis aufzwingt.

Handlung basiert auf Wissen, und Handlung basiert auf Bewusstsein. Unbewusstes Handeln ist nicht Handeln, sondern mechanisch-kausales Verhalten. Wo nicht gewusst wird kann nicht gehandelt, höchstens reagiert werden. Handeln braucht einen Auslöser, einen Anstoss, das Bewegende: das Motiv. Was nicht gewusst wird kann nicht motivieren. Das Motiv reicht allerdings nicht, es erfordert die Intention, den Entschluss, den Plan, als Vorgriff in die Zukunft, und, last not least, als unabdingbarer Bestandteil der Kette, den Willen (und die damit verbundene Tugenden Tapferkeit und Mut) zum Vollzug der Handlung.

Handeln ist nur Handeln, wenn es frei ist, sonst ist es ein Reagieren, ein animalisches sich Verhalten, und nur dieses lässt sich effektiv "wissenschaftlich" untersuchen (Behaviorismus). Kausal begründetes, technisches Produzieren, sowie der amtliche Vollzug (bürokratisches "Handeln") gehören damit zum "Verhalten" - und nicht zum freien, verantwortlichen, bewussten und besonnenen Handeln. Sinn, Motiv und Intention sind vorgegeben, institutionalisiert, "eingefroren", "verplant. Planen ist aber kein Handeln, Planen ist jedoch ein Festlegen von Handlungsabläufen, ist Orientierung, Anordnung, Handlungsanleitung.  Falls bei diesen Institutionen und Plänen Sinn entweder noch nicht gegeben ist ("institution building" in der EZ) oder irgendwann, irgendwo verloren ging [8] ), kann das zur gesellschaftlichen Ablehnung staatlicher Pläne, Vorschriften und Organisationen führen - also zum bekannten Problem der Akzeptanz. Schluchter [9] ) hat den Unterschied (und die Unverträglichkeit) zwischen dem Beamten als Ausführendem und dem Politiker als Handelndem betont. Während der Beamte der "Amtstreue" untersteht, also genau so zu "handeln" hat, wie es von ihm nach Paragraphen und Statuten erwartet wird, formuliert der Politiker seine eigene Sache, sucht eine Gefolgschaft, die er motivieren muss, damit er seine Macht aufbauen kann. Dem treuen Beamten hat das Pflichtenheft Motiv zu sein und was die Macht betrifft, so bleibt ihm nur die Macht des Neinsagens. Er ist von Amtes wegen kein Redner und Überzeuger. (s. dazu auch Politik und Auftrag)

Frage: Ist der Entwicklungsexperte als Beamter überhaupt vorstellbar?

 

D. Vom Verstehen des Bestehenden zur Entwicklung des Erwünschten

Im Übergang vom Wissen zum Handeln steht zentral das Weltbild, geformt von Natur, historischer Erfahrung, Religion, Kultur: Die Art und Weise, wie sich der Mensch praktisch und denkend in der Welt einrichtet. Die Natur ist von Ort zu Ort verschieden, genauso wie die geschichtliche, religiöse und kulturelle Entwicklung. Darum gibt es auch ebenso viele Weltbilder wie Kulturen, darum sind Weltbilder von globalem Ausmass wie der Weltmark destruktiv, undemokratisch und gefährden die Freiheit. Kultur ist kein Handelsgut (Hollywood allenfalls ausgenommen).

Das Weltbild (Wertesystem) kondensiert kulturelle Erfahrung im Umgang mit der Natur mit dem rationalen und irrationalen "Alltags- und Orientierungswissen ("common sense") zu einem Komplex, einem Grundstock an dauernd verfügbarem Entscheidungswissen und tradiert dieses. Dieses Wissen ist die Basis für unsere alltäglichen Entscheidungen, für die Selektion von sinnvollen Argumenten und Handlungen, für die Ausgrenzung der sinn-losen Motive und Intentionen: Was "man macht", was gut, richtig und wichtig ist. Weltbilder sind ganzheitlich - denn kein Teilbereich kann sich auf Dauer unabhängig und damit im Widerspruch zu Natur und Gesellschaft entwickeln. Dies gilt insbesondere für die gegenwärtige Dominanz der Ökonomie und des Geldes über alle Werte. Allerdings kann die "ad-hoc" - Generation des Weltbildes, seine irrationale Komponente, seine "Unwissenschaftlichkeit" (: d.h. seine Entfernung aus dem Reich des Wissenschaftlichen während der Renaissance [10] ) - verbunden mit einem starken Steuerungspotential - machen es zu einem gefährlichen Instrument für Demagogen.

Die aktive Einigung auf ein gemeinschaftliches Weltbild muss im Dialog erfolgen - Dialog ist verbal, kritisch und beinhaltet den Widerstreit (denn Papier ist zu geduldig). Wie die Wissenschaft ihre Theorie nicht einfach als Wahr deklarieren, sondern an der Realität messen muss, muss sich das Weltbild der "Realität" aussetzen. Zu den Realitäten die das Weltbild bestimmen, gehören, wie das Thomas-Theorem aussagt, die menschlichen und sozialen Vorstellungen und Werte:

"Wenn Menschen Situationen als real definieren, dann sind sie in ihren Konsequenzen real!"

Einerseits gilt also für Entwicklung, für Projekte in dieser komplexen Situation die alte Weisheit, die sich die Förster schon lange zunutze machen: "Man kann der (Gesellschaft, wie der) Natur, nur befehlen, indem man ihr gehorcht", andererseits wollen wir eben neue Ziele formulieren, "befehlen", das heisst Änderungen bewirken. Wir können also nicht den Weg des geringsten Widerstandes gehen und "laufen lassen" ("laissez aller laissez faire" als Grundprinzip des Weltmarktes), sondern wir müssen uns für Neuerungen einsetzen, wir müssen Handeln.

Wo die Entwicklung Handlungsänderung ("Verhaltensänderung") erfordert, muss Wissen/Bewusstsein geändert werden, welches für Handlung entscheidend ist. Dies ist das Orientierungswissen, nach dem sich Handlung richtet, auf dem Motiv und Entscheidung aufbauen. Die Methode, Alltagswissen und damit Orientierungswissen zu Erfassen ist die Topik ("Argumentenforschung").Dass das Bewusstmachen und Verändern, die Einführung von neuen Strukturen und Prozessen (z.B. das Pflanzen von Bäumen) in die Gesellschaft sich in das Bestehende einfügen muss, ist die Kenntnis dieses Wissens vorrangig, danach erst kommen Kritik und Entwicklung. Das Gehorchen, das dauernde "sich Anpassen" (das in der Schweiz vor allem von Ausländern, in Südostasien von allen Gesellschaftsmitgliedern, gefordert wird), begünstigt zwar den sozialen Frieden, ist aber der Wahrheitsfindung, der Suche nach der besten Entwicklung nicht sonderlich dienlich. Anpassung ist der Gegenpol von Individualität, Identität, Originalität. Ihre Überbewertung führt zu einer Scheinharmonie. Irrgeleitete Entwicklungen, überfällige Anpassung an die Entwicklung in der natürlichen und sozialen Umwelt können nur schwer erkannt und abgebaut werden, wenn zur Anpassung an das bestehende Denksystem (Weltbildes) nicht die Korrektur, die Anpassung des bestehenden Denksystems an die sich ständig verändernde Situation, durch konstruktive Kritik kommt.  Gedanken, wie Strukturen (durch "institution building" z.B.), die Eingeführt , aber als Fremdkörper empfunden  werden, sind durch die (lokale) Gesellschaft kaum zu assimilieren. Sie werden vom "gesellschaftlichen Immunsystem" identifiziert, isoliert und abgestossen oder ausgesaugt, verdaut und ausgespuckt.

Diese Position des Erneuerers ist beinahe zwangsweise eine Aussenseiterposition, die auch der Entwicklungsexperte einnimmt. Sie beruht also nicht nur auf der Herkunft! Der Entwicklungsexperte ist von Amtes wegen, ein kultureller Aussenseiter, ein Aufklärer, und somit ein gesellschaftlicher Störenfried! (Genau wie "der Jude" durch das Schicksal seines Volkes). Dies gibt ihm keine speziellen Rechte, höchstens einen, gegenüber den "Einheimischen, den der Gesellschaft Zu- und Angehörigen", etwas erweiterten Spielraum, die sich vielleicht als "Narrenfreiheit" bezeichnen liesse. (Gemessen an den lokalen Werten ist er dies ja auch recht oft.) Er hat die Freiheit, die Möglichkeit  und die Pflicht "unangepasste, neue" Vorschläge zur Gestaltung der Gesellschaft zu machen. aber er hat weder das Recht (noch die Möglichkeit) diese als neue Normen zu diktieren. diese Art Freiheit wird oft erfolgreich  von Einwanderern genutzt, die, unbelastet von Beschränkungen durch soziale Beziehungen und lokale kulturelle Vorschriften etwas Neues auf die Beine stellen.

Er arbeitet so mit bestehenden Gesellschaftsidealen und Strukturen, da sich die Gesellschaft nicht am Reissbrett oder im Labor entwerfen lässt. Entwickeln hat derart also immer etwas "bricolage-", etwas entwurfshaftes, unsicheres, dass erst bei Übernahme durch eine "Gefolgschaft" zu einem Element der Kultur wird.

Die rethorische Frage am Ende von Kapitel C: Ist der Entwicklungsexperte als Beamter vorstellbar -  kann und muss also mit einem nein beantwortet werden, EZ, speziell soziale Forstwirtschaft, konnte sich nie und kann sich nicht auf rein technische Kooperation beschränken, denn sie immer mit einem Wandel von Weltanschauung verbunden. Jede Einführung neuer "Techniken", Verfahren und Geräte, sei sie noch so objektiv, sachbezogen, "desinteressiert" und nicht-involviert, bringt eine Veränderung der Art und Weise mit sich, wie die Welt gesehen wird und wie mit ihr umgegangen wird. EZ hat also immer politische Aspekte - wenn auch meist eher lokalpolitische. Darum ist sie gemeinsam mit den lokalen Denkern und Akteuren zu betreiben, den Denkern und den Interpretatoren von handlungsanleitendem Orientierungswissen. In einem Land wie Jemen, wo das topische Konzept erarbeitet und erprobt wurde, sind dies vor allem die religiösen Führer (Qadis, Imame, Vorbeter und Prediger), sowie die politisch Leitenden wie die Scheichs und ihre Berater, die Dorfweisen ("aqil"). Diese Interpretieren gegebene (religiöse und tribale) Handlungsnormen und nur sie können neue Normen (eine neue, erweiterte Ethik) einführen.

Literatur:


Endotes:   

  [1] ) Cernea: "Putting People First". Defining Social Forestry.  p 341

     [2] ) ibid. p 302

     [3] ) ibid p 302

     [4] ) Schluchter S. 134

     [5] ) G. Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch.

     [6] ) Knorr-Cetina. S. 253

     [7] ) s. "La Dialectique du Bricolage" (deutsch)

     [8] ) Wie bei Parkinson: "Der erste Zweck von Institutionen ist  sich selbst zu erhalten."

     [9] ) W. Schluchter: "Aspekte bürokratischer Herrschaft".

     [10] )  s. Herzog: "Denkräume sind Wirkungsräume"

 

 

Sozialarbeit zwischen Auftragserfüllung und politischer Gestaltung - oder zumindest Einflussnahme

Da die Sozialarbeit ganz ähnliche Probleme hat wie die Entwicklungszusammenarbeit, für die der obige Beitrag über soziale Forstwirtschaft stellvertretend steht, hier einige äusserst aktuelle Ergänzungen (Auszüge) aus dem Feld. Alle drei Artikel stammen aus SIO: Sozialarbeit in Oesterreich. Zeitschrift für Soziale Arbeit, Bildung und Politik. 2/06: Ist die politische Sozialarbeit Tot? (Ab Herbst 06 dort einsehbar.)

  • Zur Analyse der grundlegenden Probleme des Kapitalismus s. Post-Kapitalismus: Effiziente Netzwerke statt teuerer Strukturen auf der einen - Motivation durch Sachzwang und Angst auf der andern Seite.

Marc Diebäcker: Zu Ambivalenzen politischen Handelns in der Sozialen Arbeit:

SozialarbeiterInnen haben sich dem „Recht auf Selbstbestimmung“ und der „Miteinbeziehung und volle(n) Beteiligung“ ihrer KlientInnen verschrieben. Soziale Organisationen und ihre MitarbeiterInnen sollten also in der Öffentlichkeit Stellung zu Fragen sozialer Gerechtigkeit beziehen. Aber:

  1. Die Ohnmachtsthese: Das Doppelte Mandat in der Sozialen Arbeit ist von Aufträgen politisch-administrativer Financiers und KlientInnen gekennzeichnet und ist daher durch ein ständiges Spannungsverhältnis von Hilfe und Kontrolle geprägt. Diese „Sandwichposition“ produziert bei SozialarbeiterInnen oft Resignation und Ohnmachtsgefühle. Eine eigene, kritisch-reflektierte und aktive Position zwischen beiden Richtungen des Auftragsverhältnisses einzunehmen, fällt oftmals schwer. Das bedeutet: Aufgrund von Ohnmachtsgefühlen kann die politische Gestaltungskraft von SozialarbeiterInnen gering sein (vgl. hierzu z.B. Böhnisch/Lösch 1973, Kunstreich 2001).
  2. Die Konfliktvermeidungsthese: Aufgrund der teilweise strikten Auftragserteilung von politisch-administrativer Seite bemühen sich SozialarbeiterInnen um Distanz und die Sicherung individueller Spielräume. ... Eine Auseinandersetzung zwischen dem Widerspruch staatlicher oder organisatorischer Aufträge und den Erfordernissen von KlientInnen wird nicht wahrgenommen, politisches und strukturveränderndes Handeln von SozialarbeiterInnen kann daher nicht stattfinden.

  3. Die Sachverständigenthese: Im Spannungsverhältnis des Doppelten Mandats ziehen sich SozialarbeiterInnen teilweise auf eine rein fachliche ExpertInnenrolle zurück. An SozialarbeiterInnen von außen herangetragene Aufträge - also von KlientInnen sowie VertreterInnen des politsch-administrativen Systems - werden je nach Bedarf fachlich „neutral“ erfüllt oder „gemanaged“.  ... Fachlich versiert, aber „eigenschaftslos“ werden SozialarbeiterInnen dann zur „Gelenkschmiere“ zwischen den beiden Anspruchsgruppen. Machtverhältnissen werden dann nicht genügend reflektiert bzw. ignoriert. Sie werden so zu VollzieherInnen des machtvolleren - in der Regel des institutionalisierten politisch-administrativen - Auftrags. In diesem Fall tragen SozialarbeiterInnen, da sie keine eigene kritische und politisch-reflektierte Position entwickeln, zu einseitiger Machtdurchsetzung gegenüber den KlientInnen und zur Legitimation von Herrschaft bei (vgl. z.B. Otto 1973, Kunstreich 2001, Sorg 2001).

  4. Die gesellschaftsstrukturelle Ignoranzthese: Der Sozialarbeit im deutschsprachigen Raum werden seit den 70er Jahren immer wieder ein mangelndes Verständnis, fehlende Reflexion oder ausbleibende Vermittlung von Wirkungszusammenhängen gesellschaftlicher Bedingungen auf das Individuum vorgeworfen. Dabei wird z.B. auf die Psychotherapeutisierungsbewegung der 70er und 80er Jahre oder die starke Methodenzentrierung der 80er und 90er Jahre hingewiesen. Letztendlich wird behauptet: SozialarbeiterInnen gewinnen mit ihren Diagnose-, Methoden- und Technikkompetenzen Sicherheit und Selbstbewusstsein im Rahmen der Einzelfallarbeit. Allerdings geht ihnen in der Konzentration auf die einzelne Person der Blick für die gesellschaftliche Bedingtheit individueller Problemlagen verloren (vgl. hierzu z. B. Peters 1973, Otto 1973). Das bedeutet: Obwohl SozialarbeiterInnen in der Einzelfallarbeit die biographischen Zusammenhänge ihrer KlientInnen kennen und damit oftmals die besten Zeugen gesellschaftlich-strukturell bedingter Ursachen von psychosozialen und materiellen Problemlagen sind, tragen sie nicht genügend dazu bei, dieses Wissen politisch zu vermitteln und versäumen, zur strukturellen Besserstellung von benachteiligten Menschen ihren Beitrag zu leisten.

Angesichts dieser Lage - und Entspannung ist nicht in Sicht - wird hier bewusst für ein politisches Handeln in der Sozialen Arbeit plädiert. Dabei müssten zunächst ein Diskurs zum politischen Selbstverständnis geführt und die Funktion von Sozialer Arbeit in ihrer ideologischen und gesellschaftspolitischen Verhaftung sowie den damit verbundenen Herrschafts- und Machtstrukturen problematisiert werden.

Des Weiteren sollten die Bedingungen, die professionelles und politisches Handeln zunehmend erschweren, problematisiert und aktiv in die öffentliche Debatte eingebracht werden, da sonst jeder Qualitäts- oder Professionalisierungsdiskurs in Zukunft ad absurdum geführt wird.

Zudem sollten Berührungsängste zu VertreterInnen des politisch-administrativen Systems abgelegt werden, das Gespräch gesucht und  politisch aktiv für eine Sozialpolitik argumentiert werden, die ihren Namen auch verdient.

Und letztlich sollte Soziale Arbeit dazu beitragen, politische Teilnahme- und Teilhabemöglichkeiten von KlientInnen zu stärken, damit ihre Gestaltungsmacht wächst und gesellschaftliche soziale Problemlagen authentisch und selbstbestimmt vermittelt und wahrgenommen werden. Wie Hannah Arendt schon 1958 sagte: „Gewonnen wird die Humanität nie in der Einsamkeit […]. Nur wer sein Leben und seine Person mit in das Wagnis der Öffentlichkeit nimmt, kann sie erreichen.“

Christian Stark: Ist die politische Sozialarbeit tot?

„SozialarbeiterInnen haben die Pflicht ihre Auftraggeber, Entscheidungsträger, Politiker und die Öffentlichkeit auf Situationen aufmerksam zu machen, in denen Ressourcen unangemessen sind oder in denen die Verteilung von Ressourcen, Maßnahmen und Praktiken unterdrückerisch, ungerecht oder schädlich ist“.

Dieses Zitat stammt nicht aus einem SIÖ-Artikel der 70er Jahre, sondern aus dem Statement des IFSW bei der Weltkonferenz in Adelaide 2004: Ethics in Social Work.

In diesem Sinne verstehe ich unter politischer Sozialarbeit eine Sozialarbeit, die bei der Analyse von Ursachen sozialer Probleme und deren Verhinderung bzw. Bewältigung ihr Augenmerk auf strukturelle, gesellschaftlich bedingte Faktoren legt, diese öffentlich macht und oben genannten Auftrag als Erfüllung eines von mehreren Kernaufträgen professionellen sozialarbeiterischen Handelns betrachtet. Unter politischer Handlung verstehe ich dabei jede Aktivität, die eine positive Veränderung von Gesellschaftsstrukturen, die soziale Probleme bedingen, anstrebt: z.B. Öffentlichkeitsarbeit, Kritik an repressiven Gesetzen, etc.

In diesem Sinne sind „politische SozialarbeiterInnen“ SozialarbeiterInnen, die sich nicht zum Objekt herrschender Verhältnisse machen lassen, sondern als Subjekte versuchen auf gesellschaftspolitische Verhältnisse, die die Problemlage ihrer Klientel mitbedingen, Einfluss zu nehmen und Sozialpolitik mitzugestalten.

Diese Konzeption basiert auf dem UNO-Dokument „Human Rights“ aus dem Jahre 1992, das Sozialarbeit explizit als Human-Rights-Profession beschreibt: Sozialarbeit soll zu einer Profession werden, die sich lokal, national wie international für soziale Gerechtigkeit als Weiterentwicklung von Menschen- und Sozialrechten einsetzt, auf diese Weise zu gesellschaftlichem Wandel beiträgt und dafür Sorge trägt, dass der Blick für die Verletzbarkeit von Menschen durch sozialökonomische Erschütterungen nicht verloren geht. ... Alinsky wendet sich scharf gegen jene professionellen Wohltäter, die ihre Klienten in Kampf um Auswege aus ihren sozialen  Problemen nicht unterstützten, sondern anpassten d.h.: „sie nicht nur in der Hölle leben lassen, sondern ihnen dieses Leben auch noch schmackhaft machen“ 

Für Alinsky muss zur Durchsetzung von Verbesserungen eine Gegenmacht gebildet werden. Macht tritt nach Alinsky auf in Gestalt von Geld oder vielen Menschen. Menschen mit wenig Geld müssen diesen Mangel durch große Zahl kompensieren und durch Einigkeit, solidarisches und entschlossenes Handeln den Gegner zu Zugeständnissen zwingen.

Disruptive Aktionsformen sollen das Handlungssystem des Gegners für eine gewisse Zeit unwirksam machen, dies geschieht nach Specht in drei Schritten:

  • öffentliche, argumentative und diskursive Bekanntmachung gegensätzlicher  Interessen, zwecks Mobilisierung von Anhängern;
  • gewaltlose  Verletzung traditioneller Verkehrssitten durch Demonstrationen, Boykotte, Mahnwachen, öffentliche Hungerstreiks;
  • gesetzliche festgelegte Erwartungen durch Nicht-Tun passiv oder auch aktiv verletzen durch sit-in´s auf Straßenbahn- oder Eisenbahnschienen, durch das dauerhafte Blockieren von Telefonanschlüssen, Bankschaltern, Warenhauskassen oder Zebrastreifen (vgl. Müller 1997, Bd.2, S.119).

Die bestehende Sozialarbeit muss einer generellen Kritik unterzogen werden:

  • als Reproduktionsagentur sorgt Sozialarbeit für die Erhaltung der Ware Arbeitskraft und pflegt eine industrielle Reservearmee;
  • als Disziplinierungsagentur fördert sie Anpassung an bestehende krankmachende  Strukturen: Wohlverhalten statt Wohlbefinden;
  • als Oppressionsagentur macht sie soziale Fälle aktenkundig und hält sie dadurch unter Kontrolle;
  • als Sozialisationsagentur psychologisiert und subjektiviert sie soziale Probleme und wird so zur
  • Kompensationsagentur für die Widersprüche und Ungerechtigkeiten des Systems: Sozialarbeit mildert die Folgen sozialer Ungerechtigkeit verständnisvoll und behutsam und verschleiert so Ungerechtigkeiten.

Der Höhepunkt der politischen Sozialarbeit schien gleichzeitig auch ihr Ende einzuläuten:

Was politische Aktion nicht erreichen konnte, sollte eine Verbesserung der Methoden und schließlich die Orientierung an Konzepten aus Management und Betriebswirtschaftslehre liefern. Politische Sozialarbeit wurde mehr und mehr durch Nichtthematisierung  ausgegrenzt. Den Höhepunkt bildete der Zusammenbruch des sozialistischen Systems des Ostblocks, der als endgültiger Triumph des Kapitalismus interpretiert wurde. Dieser Zusammenbruch brachte es mit sich, dass auch der Sozialarbeit Bescheidenheit angemahnt und angesichts der totgesagten Alternativen ordnungspolitische Einordnung in marktwirtschaftliches Denken verschrieben wurde. Es gelte ihre unerreichbaren Utopien und hochtrabenden Ziele endlich zu begraben, sich dem kleinen bescheidenen Alltag zuzuwenden und zur bescheidenen Profession mit Blick auf die konkreten drängenden Probleme ihrer Klienten zu werden.

Der Hauptgrund für das geringere Wahrnehmen der gesellschaftskritischen Funktion der Sozialarbeit liegt für mich in der Kolonialisierung aller Lebensbereiche durch die Mythen und Dogmen der neuen Weltreligion des Neoliberalismus, die auch vor der Sozialarbeit nicht haltmacht. Diese neue „Weltreligion tritt mit einem Absolutheitsanspruch auf, denn wir sonst nur von diversen religiösen Fundamentalismen kennen. Dem Gott Profit werden sozusagen Opfer dargebracht in Form von Arbeitslosen, Kinderarbeit, Kürzungen im Sozialsystem und Zerstörung der Umwelt.

Resümee und Ausblick:

Jene ökonomischen Gegebenheiten bzw. Prozesse, die uns stets als Sachzwang suggeriert und permanent von Politikern verschiedener Couleur mantraartig als unvermeidbares Naturgesetz heruntergebetet werden sind  politische Prozesse. Sie beruhen auf politischer Willensbildung und politischen  Entscheidungen und sind grundsätzlich durch solche auch wieder veränderbar. Sozialarbeit ist den Machtverhältnissen nicht einfach ausgeliefert. Es gibt auch Distanzierung und Widerstand gegenüber einer Politik, die von der Sozialen Arbeit Anpassung an so genannte Sachzwänge verlangt.

Dieser Widerstand basiert m.E. auf einer wissenschaftlich fundierten Analyse der Probleme der Klientel der Sozialarbeit und deren gesellschaftlichen Ursachen und einer Berufsethik, die auf dem Hintergrund der Menschenrechte und Prinzipien sozialer Gerechtigkeit die neoliberale Weltreligion in Frage stellt und u.a. zwischen Legalität und Legitimität unterscheidet.

So bedarf es Fantasie und Kreativität in der Erhaltung und Ausweitung der vorhandenen Handlungsspielräume von Sozialarbeit, es braucht Zusammenschlüsse und Allianzen und vor allem Solidarität und Zivilcourage.

Michael Galuske, Universität Kassel: Zwischen staatstragender Funktion und gesellschaftskritischem Selbstverständnis – Anmerkungen zum Verhältnis von Politik und Sozialer Arbeit

Soziale Arbeit zielt darauf ab, durch personenbezogene Hilfe und Unterstützung Menschen ein sozial integriertes und befriedigendes Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen und damit soziale Verwerfungen unterhalb einer gesellschaftlichen Risikoschwelle zu halten. Soziale Arbeit agiert also dort, wo ein öffentlich erkannter und akzeptierter sozialer Bedarf vorliegt, wo Entwicklungsverläufe der Stützung bedürfen, wo Menschen in Armut und Ausgrenzung leben oder davon bedroht sind etc. Indem sie es in ihrer Arbeit tagtäglich mit den psycho-sozialen Folgen kapitalistischer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften zu tun hat, ihren selbstproduzierten Not- und Bedarfslagen, gehört sie fast notgedrungen zu den Skeptikern und Kritikern der Modernisierung.

Ein Mandat, einen Auftrag erhält man durch demokratische Wahlen oder demokratisch legitimierte Institution. Dieses Mandat ist öffentlich definiert, limitiert und legitimiert. In diesem – zugegeben formalen - Sinne hat die Soziale Arbeit keinen politischen Auftrag zur sozial gerechten Verbesserung der Gesellschaft.

Eine Soziale Arbeit, die sich augrund ihres sozialen (Ge-)Wissens und ihrer sozialer Verantwortung selbst einen solchen gesellschaftsverändernden (oder gar revolutionären) politischen Auftrag zuspricht, ähnelt in ihrer Anmaßung dem alten bevormundenden Fürsorgedenken, in ihrer Komik dem lautstark rufenden, gleichwohl wenig erhörten christlichen Prediger in der Einkaufszone irgendeiner Großstadt am Samstag Nachmittag.

Bis in die 1970er Jahre hinein dominierte in der Profession ein Selbstverständnis, das um den Begriff der Hilfe kreiste.

Mit dieser in der Tendenz eher unpolitischen Deutung der Aufgabe der Sozialen Arbeit im gesellschaftlichen Gefüge räumte die Debatte der 1970er Jahre radikal auf. Ausgehend von der Antihese, das Soziale Arbeit nämlich im Grunde nichts anderes sei als eine mehr oder minder „sanfte Proletarierpolizei“, die für den reibungslosen Nachwuchs an Arbeitskräften zu sorgen habe, entwickelte sich ein zunehmend differenziertes Verständnis der Rolle Sozialer Arbeit im Handlungsgefüge moderner Gesellschaften.

Thomas Olk: Soziale Arbeit ist immer Ausdruck gesellschaftlichen Interesses an der Erhaltung von „Normalität“. Sie hat einen gesellschaftlichen Auftrag und handelt im öffentlichen Interesse. Der gesellschaftliche Auftrag liegt in der „Bewahrung und Reproduktion von Normalzuständen bzw. Normalverläufen“

Die systemtheoretische Debatte hat die Funktionspalette der Normalisierungsagentur Sozialarbeit nochmals präzisiert: Demnach betreibt Soziale Arbeit Exklusionsvermeidung, wo sie Menschen hilft, nicht aus dem Normalitätsspektrum der herrschenden Gesellschaft herauszufallen. Dort wo dies bereits geschehen ist, etwa im Falle von Arbeitslosigkeit oder Delinquenz, hat sie zwei mögliche Funktionen: Wo dies erwünscht und möglich ist, betreibt sie Inklussionsvermittlung, indem sie mittels Kompetenzförderung u.ä. den Einzelnen in seinem Ringen um Normalität unterstützt und stärkt. Wo Reinklussion nicht möglich und/oder nicht erwünscht ist, übernimmt Soziale Arbeit die Funktion des Exklussionsmanagements, der Befriedung, Bewachung und Beschäftigung der Ausgegrenzten.

1. Soziale Arbeit hat kein politisches Mandat, aber eine politische Funktion. Sie ist ein Element moderner sozialstaatlicher Regulation von Lebensläufen und sozialen Desintegrationsrisiken und insofern systemstabilisierend.

2. (Sozial-)Politische Sensibilität: Wo nur noch Zwang ist, ist keine Soziale Arbeit mehr.

3. Durch ihre Nähe zu den psychosozialen Problemen der Menschen übernimmt Soziale Arbeit aber noch eine weitere – politische – Funktion. Indem Sie ihre Aufgaben „vor Ort“ erledigt, ist sie auch die erste Instanz, die auf für das System bedrohliche Entwicklungen aufmerksam machen kann.

Und wenn man Menschen regierungsamtlich und kaum widersprochen mit Parasiten vergleicht, ist der Schritt nicht weit, sie auszusondern und wegzusperren. Systematisch gesprochen: Die Kehrseite des Sozialstaatsabbaus ist in allen Ländern eine verschärfte strafrechtliche Kontrolle und Verfolgung der Armen, besonders krass in den USA.

Fragt man hingegen, inwieweit sich Soziale Arbeit im Prozess der Neoliberalisierung als politisch kenntnisreicher Akteur positioniert, der die Folgen der Ökonomisierung von Gesellschaft, Lebenswelten und Sozialer Arbeit kritisch und sensibel aus der Perspektive ihres fachlichen Horizontes begleitet und kommentiert, so ist meine Einschätzung wie angedeutet eher skeptisch. Die Stimme der Sozialen Arbeit in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Sozialstaatsabbau und Ökonomisierung der Lebenszusammenhänge ist weder besonders laut, geschweige den auch nur annähernd einstimmig, noch trifft sie auf auch nur halbwegs offene Ohren. Warum auch, wenn die Mehrzahl sich eher der Frage der technologischen Umsetzung der neuen neoliberalen Programmatik widmet und sich dabei noch ihrer Sachzwangrhetorik bedient.

Da wird etwa der besondere Nutzen des Case Managements, einer zur Zeit besonders beliebten und politisch gepuschten Methode, mit dem Hinweis begründet, sie entspreche in besonderer Weise dem neuen sozialstaatlichen Anforderungsprofil nach effektiver Hilfe, die auf die Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Klienten setze. Das ist Sozialtechnologie pur und wahrlich kein gutes Beispiel für die professionell notwendige politische Sensibilität und Verantwortung angesichts von Sozialstaatsabbau, Ökonomisierung und Paternalisierung des Sozialstaats!

Kritik ist unbedingt notwendig an der flächendeckende Verpflichtung der Sozialen Arbeit auf das neue Leitbild des unternehmerischen Menschen, der permanent auf die Pflege seiner Marktgängigkeit bedacht ist, „selbstverantwortlich“ im Erfolg wie im Scheitern.

Präzise wie die Entwicklungszusammenarbeit, die Gesellschaftsgestaltung in fremden Kulturen betreiben will, reicht es also nicht, Geld aufzutreiben und damit Löcher zu stopfen. Beide müssen sich darum kümmern, wie diese Löcher entstanden sind (oder ob es überhaupt Löcher sind ...) und wie man die notwendigen Funktionen zu Stande bringt. Da es um Einwirkungen auf die Gesellschaft und damit auf Menschen geht, ist diese Einflussnahme nur zulässig über den Dialog, den politischen Dialog - den offenen Dialog. Und hier glänzt bis anhin keine dieser Organisationen. [s. Knowledge Management und Entwicklungs-Zusammen-Arbeit (EZ)].