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Postmoderne ist eigentlich ein blöder Ausdruck. (Details s. Geschichte und Postmoderne). Nach meinem Verständnis ist die Moderne die Gegenwart, eine vorwärts gerichtete Gegenwart, die in die Zukunft drängt. Logisch betrachtet ist also ein Ausdruck wie Postmoderne reiner Unsinn. Diese Interpretation von "modern" dürfte von einer Mehrheit der Bevölkerung geteilt werden, denn sie findet sich auch in Meyers grossem Taschenlexikon (s. Definition unten rechts).
Umberto Eco hat das etwas weniger vulgär ausgedrückt: Postmoderne ist keine zeitlich begrenzte Strömung, sondern eine Vorgehensweise, ein Kunstwollen. Man könnte also sagen, dass jede Epoche ihre eigene Postmoderne hat, so wie man gesagt hat, jede Epoche habe ihren eigenen Manierismus.
Der Ausdruck Postmoderne hat seit Anfang der 80er Jahre Hochkonjunktur in Literaturwissenschaft, Kunst, insbesondere Architektur und Philosophie. Der Begriff taucht erstmals auf 1917 bei R. Pannwitz, der in Anlehnung an Nietzsches Konzept des Übermenschen den - sportlich gestählten, nationalistisch bewussten, militärisch erzogenen und religiös erregten - postmodernen Menschen als historisch noch zu leistende Antwort auf die Krise der Europäischen Kultur beschrieb.
Als Bezeichnung literarischer Epochen wurde der Begriff bereits 1934 von Onitz verwendet (modernismo 1897-1905, postmodernismo 1905-1914, ultramodernismo 1914-1932) und findet sich seit Mitte des 19. JH. in Südamerikanischen Konversationslexika.
| Darum wird heute in kurzen Stücken erschrecklich viel philosophiert, so dass es gerade nur noch die Kaufläden gibt, wo man ohne Weltanschauung etwas bekommt, während gegen grosse Stücke Philosophie ein ausgesprochenes Misstrauen herrscht.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. veröff. 1932/34 S. 253: |
Die philosophische Postmoderne begann Ende der Fünfziger Jahre, vor allem mit Lyotards "La condition postmoderne" und Jacques Derridas Dekonstruktion. Diese ist eine Art analytischer Philosophie, nicht aber in dem Sinne, wie sie in den USA und England betrieben wird, sondern im ursprünglichen Sinne von analyo (ich löse auf): Den Knoten auflösen, nicht um ihn zu vereinfachen, sondern um zu zeigen, wie er konstruiert ist. [Sergio Benvenuto: Derridas Selbst-Dekonstruktion. Lettre International. Winter 2004. S. 125]. Postmoderne bedeutet in dem Sinne Entrationalisierung, Entnormalisierung, Individualisierung, Entstrukturierung von Lebensverhältnissen, Pluralisierung.
Seine, nicht zu verneinenden, positiven Aspekte erhielt die Postmoderne mit der Pop-Kultur Ende der 60er Jahre. Die Postmoderne Kunst will die Kluft zwischen der bislang elitären Kunst und Kultur und dem Volk, zwischen Experten und Laien, überwinden. Dieses Verständnis:, "Close the gap means also to cross the border between the marvellous and the probable, the real and the mystical (L.A. Fiedler, Playboy, Dec. 1969), hat sich in den amerikanischen Literaturwissenschaften bereits Mitte der 70er Jahre durchgesetzt. Die positiven Aspekte der Postmoderne sind also die "Vulgarisierung" des vormals Erhabenen, die Überwindung des Elitären, die Erweiterung der Sprache zum Bodenständigen, zur Tradition und zur Sprache der Strasse. Die Postmoderne will (was ja auch kommerziell ergiebiger ist), nicht nur die Elite, sondern den Mann der Strasse ansprechen (Nicht exklusiv gemeint, aber würde ich von Frau der Strasse sprechen, wär das hier etwas missverständlich.). Mit dem postmodernen Sophismus wurde sie dann aber selbst elitär und hat so eher das Gegenteil erreicht. Allerdings hat die Zerstörung der bisher ordnenden "Meistererzählung" und die daraus entstehende skeptizistische Verunsicherung auch dazu geführt, dass wir für Unterschiede sensibler werden und dass unsere Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ansteigen.
Inzwischen wurde sie, vor allem in Deutschland, verschiedentlich für tot erklärt. Sie wird weitgehend als Ausprägung des sich durchsetzenden kapitalistischen Systems gesehen. Die Postmoderne ist also auch „Post-Industrielles Zeitalter“ und „Konsumgesellschaft“.
Obwohl die Postmoderne eigentlich bereits am Auslaufen ist, sind noch viele auf dem Weg zu ihr, leben also immer noch in der Moderne oder gar deren Vorläufer, der Romantik. Bevor wir als die Postmoderne bereits begraben wollen, sehen wir mal, woher sie denn kam:
| Definition modern: von lat. modernus, abgeleitet von modo, eben erst, gerade eben. 1. Im allgemeinen Sprachgebrauch ein Begriff, mit dem Tendenzen, Handlungsschemata und Verhaltensweisen der Gegenwart meist unkritisch zur Norm von Handlung und deren Beurteilung gemacht werden. 2. im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wertneutral in Epochenbezeichungen (z.B. moderne Malerei) gebraucht.
Der Begriff der Moderne ist häufig mit ,,neuzeitig", ,,zeitgemäß", ,,modisch", ,,in der Neuzeit entstanden" oder ,,für die Neuzeit typisch" synonym. Ebenso handelt es sich um modernisierte Verhältnissen, die unter rationalen Gesichtspunkten den Ansprüchen einer neuen Zeit angeglichen werden, verbessert werden. _____________________________________________________________ Das Problem besteht darin, dass die Philosophen natürlich nicht von der volkstümlichen Definition von Moderne ausgehen, sondern die Moderne als Vollendung der Aufklärung sehen. Die philosophische Moderne galt als die Zeit, in der Rationalität und Wissenschaft die letzten Winkel der Metaphysik erhellen würden. Da dies nicht glücken kann, befinden wir und nun bereits seit über einem halben Jahrhundert in der Postmoderne. |
Die Romantik entstand um ca. 1800. Um 1860 entwickelten sich die Grundgedanken der Moderne, die im Zuge der Industrialisierung und Kapitalisierung entstanden. Ab 1970 verdrängt der postmoderne Lebensstil moderne Ideen, wozu die rasante Entwicklung von Kommunikationstechnologien nicht unwesentlich beiträgt. Die Romantik war damit auch eine Reaktion auf die analytisch-wissenschaftliche Entzauberung der Welt .
Aus der romantischen Denkbewegung gehen auch erste Ansätze zu einer Kulturwissenschaft hervor, welche sich nicht nur als Geschichte von Fakten (im alten Sinne der „historia") versteht. Die romantische Literaturströmung förderte den Beginn einer Literaturwissenschaft, die von der älteren Sprachwissenschaft (der Altphilologie) unabhängig sein sollte.
Nach gängiger Auffassung scheint es so, als würden sich Naturwissenschaften und Romantik ausschließen. Die Romantik richtete sich vor allem gegen die seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert erfolgreiche Tradition von Erkenntnisfortschritt und Naturbeherrschung, doch ebenso gegen die Mechanisierung und gegen analytische Verfahren, die die Komplexität von Vorgängen in bedeutungsloskleine, aber beherrschbare Komponenten zerlegen und die Natur als etwas Nützliches betrachten und sie damit sozusagen entweihen.
http://www.gymnasium-meschede.de/projekte/romantik/romantik_und_wissenschaft.htm
Die Schlüsselwörter der Romantik waren Liebe, Schöpfung, Natur und Moral. Die neu entstehende bürgerliche Moral (man hatte ja eben erst die Revolution, welche das Bürgertum von der aristokratischen Herrschaft und die Wirtschaft von politischen wie religiösen Hemmnissen befreite!), legte das Verhalten weitgehend fest. Man suchte ein Lebensziel, einen Lebenssinn, dem man sich völlig verschrieb. Wichtig war die Anerkennung innerer Werte. Die Romantik bereits korrigierte die Aufklärung, also die <Moderne>, indem sie fest stellte, dass neben der Vernunft auch Traditionen unsere Lebenswelt und unser Verhalten bestimmen, also ebenfalls "Wahrheit" begründen können. Um so wichtiger die Nutzung der Topik nebst der klassischen Wissenschaft, wo es um Argumentation geht. Ein komplexerer Ansatz, nebst der Webphilosophie, um Wahrheit trotz Vielfalt zu erhalten, ist die Topologie.
Liberalismus und Gründerzeit führten ab 1860 mit neuen Schlüsselwörtern in die Moderne: Vernunft, Wissenschaft, Aufklärung, Fortschrittsglauben, Leistung, Sicherheit, Konsens, Klassifikation. Es war die Zeit der grossen Entwürfe und weltverbessernden Ideologien wie insbesondere Marxismus, Liberalismus, Sozialismus ... Gegensätze werden strapaziert und jeder Mensch muss sich für eine Gesinnung entscheiden. Entweder - Oder! Es gibt einen einheitlichen Gedanken der Vernunft mit dem alle Probleme gelöst werden können. Es gibt feste soziale Beziehungen und Institutionen.
Für den Systemanalytiker Luhmann entstand Mitte des 19 JH. die funktionale Differenzierung, also die Unterteilung der Gesellschaft in funktional ungleiche und autonome Teilsysteme. Die Koordinationsprobleme dieser autonomen Teilsysteme, ihre unterschiedlichen Ziele und Sprachen, sind aber eigentlich eben gerade das Fundament der Postmoderne, dieses Turms zu Babel, mit seiner Sprachverwirrung.
Den Verlust an Orientierung, an der grossen, umfassenden Meistererzählung, hat wie kein anderer Friedrich Nietzsche gespürt und beschrieben. Gott ist tot - also muss nun der Mensch selbst über sich hinaus wachsen, sich selbst zum Vor-Bild und zum Ueber-Menschen werden.
Die Postmoderne lässt alles zu - und gerade deshalb auch alles offen. mh |
Mit der Postmoderne verliert alles „Höhere" wie Anspruch, Moral, Sinn, Normen, Grenzen, Werte, menschliche und politische Ziele an Interesse. Die neuen Schlüsselwörter sind: Konsum, Spass und Erlebnis, Pluralismus, Dezentralisierung, Lifestyle, Solipsismus, Egoismus. Ethik und ethische Fragen gibt es nicht mehr, da sie anscheinend ein Kommunikationsproblem darstellen. Wissenschaftliche Untersuche aus Erkenntnisinteresse oder Neugier gibt es kaum mehr, denn Forschungsergebnisse sind nur noch relevant und anwendbar, wenn verkäuflich. Mit dem Kapitalismus hat sich die Postmoderne bis in alle Lebensbereiche hinein abgefunden. Geld regiert die Welt und legitimiert Macht (hier der Grund, warum die Postmoderne ein ideales Stratum für den Neoliberalismus bildet. Da so betrachtet die Postmoderne eigentlich nicht Orientierungslos ist, sondern bloss ohne geistige Orientierung sich bloss noch am "Nordpol" Geld orientiert, dürfte die spätere Geschichtsschreibung dies, unsere gegenwärtige, Periode vermutlich mal in Plutokratium oder so ähnlich umbenennen). Soziale Beziehungen sind eher spontaner und temporärer Natur. Es geht um die vorteilhafte Inszenierung der eigenen Person, auch auf Kosten anderer, wenn es sein muss. Die Öffentlichkeit wird zum Lebensraum.
Romantik und Moderne sind eigentlich beides totalitäre, auf Normen fixierte Positionen. Sie nehmen sich als jeweils wahre, richtige Perspektive und konkurrieren miteinander. Die Postmoderne lehnt jedoch jeglichen totalitären Anspruch und jegliche Hierarchie von Ideen und Orientierungen ab.
In der Romantik geht es eher um authentische, intensive Erlebnisse in der Natur, der Liebe oder in der Erkenntnis wichtiger Zusammenhänge. In der Moderne steht die Arbeit, die Pflicht, die Produktion im Vordergrund und in der Postmoderne geht es um Haben, Besitz, Outfit und wiederum um intensive Erlebnisse.
Alles, was Geschichte und Literatur hergeben, darf in der Postmoderne als Material verwertet werden und büßt damit die ursprüngliche Bedeutung ein. Denn weil alles nicht mehr ist als eben Material zum Spielen, kann es nicht länger aufgeladen sein, weder politisch, noch ideologisch oder emotional. Viel eher bestimmt eine ironische Grundhaltung die Postmoderne. Leider, so Umberto Eco, gebe es immer wieder Menschen, die das ironisch Gemeinte ernst nähmen. Auf diese Weise wären sie für die Postmoderne ungeeignet. Das Wissen um Unübersichtlichkeit und Chaos, Kältetod und Zerfall der Welt kann nur für Ironiker Anlass zur Heiterkeit bieten. Für Melancholie hingegen hat die Postmoderne kaum Platz. Wenn es in der Postmoderne Gefühle gibt, so Jameson, dann frei im Raum schwebend und nicht personengebunden.
http://www.lars-klein.com/start/literatur/postmoderne/postmodernedefinition.html
Ein ganz so gewaltiger Schritt, wie es scheinen mag, waren die Erkenntnis die in die Postmoderne geführt haben, allerdings nicht. Die absolute Sicherheit, das Vertrauen auf das Feste, Gesetzte, Gesicherte, ging bereits verloren mit dem Übergang der Philosophie von der Betrachtung eines Objektiven, Absoluten zur Subjektphilosophie des Idealismus (Kant, Fichte, Schelling, Hegel.)
Erich Fromm in "Haben und Sein":
Wir sind, wofür wir uns hingeben, und an was wir uns hingeben, das motiviert unser Verhalten. Fromm bezog sich hier auf die Religion, aber im Prinzip stimmt die Aussage für alle Ideale, an die wir glauben. Aber ein Weltbild reicht als Richtschnur des Handelns nicht aus; wir brauchen ein Ziel, an dem wir uns orientieren können ... ein Objekt totaler Hingabe, einen Brennpunkt für alles Streben und zugleich eine Grundlage für unsere tatsächlichen - nicht nur die problematisierten - Werte.
Unsere Wirtschaft setzt uns, ob wir wollen oder nicht, den wirtschaftlichen Erfolg als einziges Ziel das des Aufwandes wert ist. ). Da Fromms Aussagen mehr als Prä-Postmodern sind, ist seine weitere Kritik zu finden unter: Erich Fromm: Haben oder Sein? Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft.
Mit Nietzsches rhetorisch aufs Beste ausgeformten Beiträgen zu Wille und Macht wurde das Subjekt endgültig dazu aufgerufen, die Welt selbst zu schaffen. Bei den Ausdrücken Wille und Macht dürfte bei den meisten Lesern ein Missverständnis mitschwingen. Mit dem Willen zur Macht meinte aber kaum ein Philosoph, dass wir nun alle danach streben sollten, zu kleinen Hitlers oder Saddams zu werden, sondern dass wir uns darauf konzentrieren, was wir wirklich wirklich wollen (Frithjof Bergmann, USA) und was wir daraus machen können und wollen. Macht kommt von Machen, der Wille zur Macht ist also bloss der Wille, endlich was zu machen, und der tut unserer Zeit Not, insbesondere in all den Belangen, die für die Wirtschaft uninteressant sind. Auch der recht zynisch erscheinende Widerwille Nietzsches gegenüber dem Mitleid, einem urchristlichen Wert, lässt sich akzeptabler formulieren als Vorbehalt gegenüber dem Jammern und Wehklagen gegenüber dem dauernden Reparieren von Schäden (s. Sachzwänge!) - und einer Bevorzugung der aktiven Neugestaltung.
Vielleicht entstand die Postmoderne ja auch bereits mit Kafka (1883-1924) und dem Dadaismus. In Kafkas Schloss, im Urteil und In der Strafkolonie produziert eine starre, feste Ordnung eigentlich unvorhersehbare Resultate, also nichts als Chaos und Verwirrung. K. wird als Landvermesser aufs Schloss bestellt - aber nicht gebraucht. Er schlägt sich als Schuldiener durch. Zu meiner Schulzeit wurde das Schloss als Aphorismus für die Fehlplanung des Kommunismus interpretiert. Zu Kafkas Zeiten war allerdings nicht der Kommunismus ein Problem, wohl aber die tschechische Verwaltung, die offenbar so ähnlich wie im Schloss beschrieben, funktioniert hat oder eben auch nicht. Heute sind wir eigentlich fast alle in der Position von K.: Bestellt und nicht abgeholt. Landvermesser die als Handlanger arbeiten, Aufträge suchen, von denen niemand recht weiss, wer dafür zuständig ist und wozu sie dienen. Die Absurdität von Kafkas Schloss ist heute Realität für viele. (s. Generation p) Wir könnten heute also Kafka interpretieren als Vorboten der Postmoderne, die erkennt, dass unsere künstlichen kulturellen Ordnungssysteme nur ein dünner Firnis über dem brodelnden Chaos sind: Je grösser das Chaos und Nichtwissen, desto schärfer die Strukturen und desto dicker der Beton. In der Verwandlung, wie später in Ionescos Rhinozeros (1958) wird sogar die menschliche Identität in einen starren Käferpanzer verwandelt. Die Absurdität ist der Sand, auf dem die Postmoderne baut.
Die Dada-Bewegung entstand 1916 im Cabaret Voltaire in Zürich. Die Dadaisten entdecken den Zufall als schöpferisches Prinzip. Ihr Ziel war es, die herkömmliche, durch den Krieg in Frage gestellte bürgerliche Kultur sowie die vermeintliche Weltfremdheit der Kunst lächerlich zu machen und die etablierten Konventionen der bourgeoisen Gesellschaft zu durchbrechen: Das Programm, keins zu haben. Sie machten das kultivierte wohlhabende Bürgertum für die herrschenden Missstände und den Krieg verantwortlich. In Paris wurde der Dadaismus zum Ausgangspunkt für den Surrealismus.
Da Dada der direkteste und lebendigste Ausdruck seiner Zeit ist,
wendet er sich gegen alles was ihm obsolet, mumienhaft, festsitzend erscheint."
Dada Almanach (1920)
Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind...
(Hugo Ball)
René Magritte zeigte durch sein Werk, dass Bilder eben Bilder und nicht die Sache an und für sich sind, dass Bilder auch lügen können - und da schon vor der Erfindung computerisierter Bildbearbeitung.
Die Surrealisten liessen sich dann noch um einiges tiefer auf die Absurditäten der Welt ein.
Vielleicht wird die Zukunft das 20. Jahrhundert nicht wie wir, als Jahrhundert der Wissenschaft und Technik beschreiben, sondern als Jahrhundert der geistigen Verwirrung, als Jahrhundert, in dem babylonische Türme von Wissen gebaut wurden und sich das Wissen gleich Sandkörnern verstreute. Dazu stürzte erst ein bekloppter Kaiser (Willhelm II) die Welt in den 1. Weltkrieg, weil er den Überblick über das politische Ordnungssystem, vor allem über dessen Sinn und Zweck, verloren hatte, dann stürzte ein bekloppter böhmischer Gefreiter und "Kunstmaler" die ganze Welt in den 2. Weltkrieg, weil er Ordnung, eine ziemlich banale Ordnung (Deutschland gut - Rest schlecht) einfach so "aus dem Bauch heraus" definierte. Dann betoniert eine bekloppte Wirtschaftsmodell die Welt zu, und das nicht bloss in übertragenem Sinne, und behauptet, es brauche bloss mehr Beton, mehr Geld, mehr Technik, mehr, mehr, mehr ... um alle Probleme der Welt zu lösen und glücklich zu werden. [Dieser Paragraph wurde geschrieben vor der Lektüre Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft. Diese Publikation zeigt, dass wir für die hier erwartete Analyse nicht im geringsten auf die Zukunft warten müssen, sondern dass sich diese geistige Verwirrung bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der Weimarer Republik, deutlich zeigte.]
Allerdings muss man zugeben, dass es nicht nur die Künstler waren, die festes Wissen auflösten und in die Postmoderne Freiheit wie Unsicherheit führten. Substantiell dazu beigetragen haben auch Naturwissenschafter wie:

Jeder widerspruchsfreie Kalkül, der es erlaubt, von den natürlichen Zahlen zu sprechen, der also die elementare Arithmetik umfaßt, enthält unendlich viele Aussagen, die in diesem Kalkül weder bewiesen noch widerlegt werden können.
Solche Aussagen heißen unentscheidbar.
Eine (beschränkte) Definition der Postmoderne aus Kreisen der Wissenschaft liefert die ETH:
Die Vermittlung, die Validierung und die Produktion elitären Wissens sind äusserst voraussetzungsreich und unterliegen historischem Wandel.
Mit Rothko entstehen in der Kunst allerdings langsam wieder Strukturen im Chaos. Sie müssen sich diese Bilder allerdings im Original ansehen, also mal wieder ein Museum aufsuchen (z.B. Beyeler in Riehen), und sich mindestens 1/2 bis 2 Stunden Zeit für 1 (in Worten EIN) Bild nehmen - und sich inspirieren lassen.
Eine noch ältere und tiefere Wurzel der Postmoderne könnte also auch im Fundamentalismus liegen, der sich ausdrücklich gegen die Aufklärung wendet, die Vermittlung zwischen unterschiedlichen Geisteshaltungen völlig unterläuft und unmöglich macht und sich eine mittelalterliche Einfachheit (ein Gott, eine Kirche, ein Kaiser, eine Bank ...) zurück wünscht. Diese Einfachheit ist aber eben nur um den Preis einer extremen Banalisierung, und/oder des fundamentalistischen/totalitaristischen Terrors zu haben.
p.s: Falls Ihnen die Aussage unverständlich erscheint, sie findet sich so ähnlich auch bei Peter Senge:
Wenn man lernen will, mit Komplexität umzugehen, muss man lernen, intuitiver zu leben.
Einschub vom 12. Dezember 04: Die Bearbeitung von Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft hat mir inzwischen gezeigt, dass ich richtig liege mit der Vermutung, die Postmoderne habe bereits begonnen, bevor die Moderne den Höhepunkt erreichte. Sloterdijk siedelt die Entstehung der zynischen Vernunft, des aufgeklärten falschen Bewusstseins, des "so tun als ob" bereits in der Weimarer Republik an.
In der Zwischenzeit ist mir allerdings ein weiteres Lichtlein aufgegangen. Basis und Problem der Postmoderne ist ja, dass es kein verlässliches Wissen (mehr) gibt. Präzise dieses Problem wurde aber bereits den Griechen bewusst, bloss nannten sie das Skeptizismus (neuere, umfassende Darstellung s. Skeptiker). Seither bewegen sich die Menschen zwischen dem absoluten Wissen (Gott) und dem absoluten Nichtwissen (Nihilismus), zwischen Scholastik und Sophisterei, hin und her. In einigen Perioden überwiegt die eine, in anderen die andere Position und "die Wahrheit" dürfte wie meist irgendwo dazwischen liegen, zwischen Fundamentalismus und Nihilismus. Allerdings hatte der Skeptizismus gegenüber der Postmoderne den Vorteil, dass es ihm nicht darum ging, alles (besonders die Ansprüche) beliebig werden zu lassen, sondern, inmitten mehr oder weniger gleichwertiger Entscheidungen, die Seelenruhe zu finden.
Auch wenn es Perioden gibt, in denen entweder Skeptizismus oder Scholastizismus überwiegen, so laufen sie doch meist nebeneinander her. Während heute die Künstler, Philosophen und Architekten postmodern sind, also die Meinung vertreten, Wissen sei bloss Kreation; benehmen sich die meisten Wissenschaftler immer noch so, als sei ihr Wissen das einzig zuverlässige und gesicherte, und die Postmoderne, die Unsicherheit des Wissens, bloss ein Furz spinnerter Philosophen und Scharlatane. ... Und dennoch explodiert die Welt nicht mit einem grossen Knall, sondern funktioniert weiter, so wie sie es schon immer tat - ein bisschen chaotisch und ein bisschen wohlgeordnet.
Die Analyse des unphilosophischen wie unwissenschaftlichen Gebiets der Lebensqualität zeigt, dass wir eigentlich eben dort, wo nicht sicheres Wissen ein Handeln verlangt, frei sind, frei zu glauben, frei zu handeln, frei zu gestalten - und ein bisschen zu träumen. Also die Unsicherheit der Postmoderne ist so gesehen nicht bloss Scheisse.
| Definition des Perspektivismus von Orthega y Gasset:
Es gibt so viele Welten wie Ansichten. |
Neuzeit und Moderne waren durchdrungen von der Überzeugung - manche werden auch von Vertrauen sprechen -, dass die Welt durch unveränderliche Gesetze regiert wird, die man erkennen und nutzen kann, um den Fortschritt der Menschheit zu ermöglichen. Die Menschen ersetzten das religiöse Vertrauen durch Ideologie, waren überzeugt davon, dass der menschliche Geist fähig ist, die stetig wachsende Menge an verfügbarem Wissen zu überprüfbaren Theorien zu synthetisieren, die den Ursprung , die Entwicklung und die Funktionsweise der natürlichen Welt erklären können. [S. 253]
Der Philosoph und Mathematiker der Aufklärung René Descartes wiederum ersetzte die grosse Kette des Seins, die Thomas von Aquin gelehrt hatte, durch eine mechanische Vision eines wie ein Uhrwerk arbeitenden Universums, dessen Funktionieren genauso automatisch und vorhersagbar sei, wie die Zeiger der grossen Uhr in Strassburg. Do Bertrand Russell. [S. 253]
Heisenbergs Unschärferelation zerbrach diese Gewissheit. Denn sie belegt eindeutig, dass die Beobachtung den beobachteten Gegenstand beeinflusst. Noch weiter gingen Chaostheorie, Katastrophentheorie, Komplexitätstheorie, Theorie der Fraktale, welche Kontingenz, Unbestimmbarkeit, Einbettung und Vielfalt betonen.
Die postmoderne Wissenschaft sucht nach unerwarteten Möglichkeiten und zufällig entstehenden Mustern. Die Natur wird eher als eine Folge ständiger kreativer Akte betrachtet denn als eine Entfaltung der Realität, die auf unveränderlichen Gesetzen beruht. Natur ist zu jedem Zeitpunkt voll von Überraschungen und schafft sich dabei ihre eigenen Realität. [s. S. 259]
Es gibt keine Metaerzählungen, denn wir bestehen nicht aus Wahrheiten, sondern aus Optionen und Szenarien. So betrachtet erfüllt die Postmoderne eigentlich bloss das Postulat des Existentialismus, dass der Mensch zwar als Dasein existiert, aber sein Sein, seine Essenz, daraus selbst erst entwickeln muss. In der postmodernen Welt werden Geschichten und Inszenierungen deshalb mindestens genau so wichtig wie Fakten und Zahlen. [S. 260] Leider werden beide manchmal verwechselt.
In der postmodernen Welt wird nichts wirklich ernst genommen. Spontaneität steht auf der Tagesordnung. Ironie, Paradox und Skeptizismus wuchern. Es bringt weniger Spass, Geschichte zu machen, als gute Geschichten zu erzähle, nach denen es sich leben lässt. [S. 261] Hier trifft sich die Postmoderne eindeutig mit dem Zynismus - allerdings ohne dessen eher stoische Tendenz aufzunehmen. Die Postmoderne ist eher die Ära eines falsch verstandenen Hedonismus der Epikuräer.
Die postmoderne Soziologie hebt Pluralismus und Ambivalenz hervor und lehrt, die vielen Geschichten zu tolerieren, die die menschliche Erfahrung ausmachen. Es gibt kein ideales soziales Regime, nach dem sich streben liesse, sondern eher eine Vielfalt kultureller Experimente, die alle gleich viel wert sind. [s. Ordnungsmodelle]
Kennzeichen der Postmoderne ist also Verspieltheit, während die Moderne durch Fleiss geprägt war.
Die postmoderne Ära ist weicher und leichter, es zählen auch Gefühle und Einstellungen, nicht nur der ordnende Verstand. [S. 263]
[Jeremy Rifkin: Access. Das Verschwinden des Eigentums. Campus Verlag. Frankfurt, New York. 2000]
Die Aufklärung begann nicht mit der Renaissance. Die Renaissance war mit dem Ruf: ad fontes, die Grundlage, setzte aber immer noch stark auf Texte - und für die Interpretation von Texten auf die Elite, eine neue Elite. Der Begriff "Aufklärung" entstand erst im 18. JH. und bezeichnete die Befreiung von Traditionen, Institutionen, Konventionen und Normen, die nicht vernunftgemäss begründet werden können. Die Aufklärung leitete die Säkularisierung ein und war somit ein wichtiger Wegbereiter der Freidenker und des Liberalismus.
Die Vernunft ist die einzige und letzte Instanz
die über Methoden, Wahrheit und Irrtum jeder Erkenntnis ebenso entscheidet wie über die Normen des ethischen, politischen und sozialen Handelns.
Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung. Aude sapere: Habe den Mut und die Kühnheit, zu wissen. Kant |
Kant gibt drei Beispiele: Wir sind in einem Zustand unaufgeklärter Unmündigkeit, wenn ein Buch die Stelle unseres Verstandes einnimmt, wenn ein Seelsorger den Ort unseres Gewissens einnimmt und wenn ein Arzt für uns entscheidet, was unsere Diät zu sein hat. Die Beispiele zeigen auch deutlich, dass es Teil bewusster und aufgeklärter Entscheidung sein kann und muss, sich zu Fachfragen Rat bei Experten zu holen (Arzt). In Wirtschaftsbetrieben wird der Angestellte oft hören: Nicht denken - machen! Die traditionellen Denkverhinderer wie die militärische Disziplin, politische Macht und religiöse Autorität haben hingegen stark an Einfluss verloren. (Bush, der grosse Führer, ist allerdings angetreten, dies zu ändern).
Aufklärung richtet sich als Selbstdenken (I. Kant) gegen angemaßte Autorität und Vorurteile, als Richtdenken gegen Irrtümer, Irrationalismus und Aberglauben, gegen Verabsolutierungen und Ideologien, gegen Dogmen und absolute Wahrheiten. Die bleibende Aktualität der Aufklärung resultiert aus dem permanenten Aufklärungsbedürfnis. Sie ist ein stets erneuerter Versuch, die immer neu wuchernde Pseudowahrheit zu überwinden und ideologiekritisch zu arbeiten.
http://www.freimaurerloge.ch/profreinalter.htm
Zum wichtigsten Instrument der Aufklärung wurden im 19. JH. die Wissenschaften - deren Erfolge den Glauben an immerwährenden, nachhaltigen Fortschritt nährten.
Die übertriebene Auslegung der Prinzipien der Aufklärung führten zum wissenschaftlichen Fundamentalismus des Positivismus und dieser zu einem mechanistischen Weltbild ... das gerade wegen seines Reduktionismus so nie funktionierte. Die Diskrepanz zwischen wissenschaftlich präziser Beschreibung und chaotischer reeller Welt führte dann bereits Ende des 19. JH. zu gegenläufigen religiös-fundamentalistischen Erweckungsbewegungen (Evangelikale, Protestanten; Methodismus, Pietismus ...). Im 20. JH entstanden weitere Gegenbewegungen (Dada, Expressionismus). Eine autoritär-reaktionäre Unterdrückung des Chaos durch die Faschisten gelang nicht und die Rationalität, Gott der Wissenschaft, löste sich auf in Myriaden von Teilrationalitäten, also ganzheitliche gesehen in den Absurditäts-Zynismus der Postmoderne. Die Aufklärung wie die antiaufklärerische Postmoderne haben uns durch eine generelle Orientierungslosigkeit in jüngerer Zeit nicht bloss New Age und Esotherik beschert, sondern auch Bush, Neokonservative und andere Fundamentalisten, die (ganz offensichtlich) nicht denken müssen, sondern in höherem Auftrag handeln, und uns meist ein besseres Leben danach (whatsoever) versprechen.
Wichtiges Instrument der aufklärerischen Vernunft ist die Kritik, die selbst wieder der freien öffentlichen Diskussion und Gegenkritik unterstellt ist. Aufklärung bedarf deshalb der Freiheit, seine eigene Meinung zu äussern - aber genau so der Toleranz gegenüber anderen Meinungen.
Aus dieser unzureichenden Definition entsteht das Problem Multikulti wie der Irrtum, Meinungen mit Wissen zu verwechseln und das Recht auf freie Meinungsäusserung auf ein Recht auf kritiklose Meinungsäusserung verengen zu wollen. Hier muss sich der Journalismus immer wieder wehren, dass das Recht auf Zitieren (vom Bundesgericht fast übermässig gestützt, als es den Abdruck eines vollständigen Zeitungsartikels zwecks Kritik zuliess) und kritisches Kommentieren nicht aus wirtschaftlichen Gründen (Geschäftsschädigung, Einkommenseinbussen, Rufschädigung ..) untergraben wird: Wer seine Meinung publik macht, muss sich auch vor dem Publikum kritisieren lassen!
Aufklärung ist allerdings nicht bloss ein Prozess individueller freier Meinungsbildung, sondern der freie, offene und öffentliche Austausch dieser Meinungen. So ist auch die Meinungsfreiheit ein Kind der Aufklärung.
Was ist Aufklärung? Michel Foucault http://www.uni-leipzig.de/~philos/schneider/Juli_05.pdf
Heute wird die Freiheit der Meinungsäusserung allerdings nicht mehr durch Politik und Kirche beschränkt, sondern durch die Masse der geäusserten Meinungen entschärfen und entwerten sie sich gleich selbst:
Das Problem der Aufklärung heute ist nicht Informationsmangel wie im 18. Jahrhundert, sondern das der Desinformation im Informationsüberfluß, der durchaus geeignet ist, Informationsunterdrückung zu cachieren. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat vor dem Irak-Krieg im SPIEGEL berichtet, daß in den USA die Bevölkerung weder etwas erfährt über die politischen und sozialen Ursachen des Terrorismus noch über die Argumente der europäischen Verbündeten gegen die Irak-Politik der Bush-Administration, deren Mitglieder unablässig im Fernsehen erscheinen. Was sind Fakten in der Mediengesellschaft ? Gibt es sie überhaupt noch?
Herbert Schnädelbach: Die Zukunft der Aufklärung http://www.stuttgart.de/stadtbuecherei/druck/oc/schnaedelbach.htm
Fazit:
Eine fundamentalistisch gewordene Aufklärung überschätzte die Rationalität und versuchte, das Denken in methodische Bahnen zu zwingen (s. Feyerabend). All die Bereiche um die sich vorher die Metaphysik gekümmert hatte, verkümmerten ... nicht, sondern verkamen in spekulativ-sektiererischen Sekten, gerade weil Metaphysik als anrüchig galt und gilt.
| Die Dialektik von Aufklärung und Postmoderne: | |
Der Mensch als Homo sapiens |
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| Die Antithese der Postmoderne sind: Unbestimmbarkeit (Beliebigkeit), Parallelität, Sprachspiele - alles ist Schein! Die postmodernen und zu gleich postmaterialistischen Werte (s. R. Inglehart) sind: Selbsterfüllung, Autonomie, partizipatives Engagement. Der Mensch als Homo oeconomicus | |
Die Synthese: Der Mensch als zoon politikon Die politische Daseinsform des Menschen verlangt nicht nach Ordnung, sondern ist selbst eine Ordnung Politik hat als Ziel das Erreichen eines größtmöglichen Konsenses, gerade weil ihr zentrales Merkmal der Konflikt ist, also die Unmöglichkeit, einen Konsens zu finden, ohne einen Ausschluß zu produzieren |
Problematisch ist die Postmoderne vor allem für die Identität des Einzelnen. Wurde diese im Mittelalter noch durch die vererbte Klassenzugehörigkeit und die Übernahme vor-bestimmter Rollen gesichert, was natürlich einen extremen Mangel an Freiheit bewirkt, wo war die Wahl der Rolle in den Städten bereits freier. Mit der Industrialisierung diente dann vor allem der Beruf als wichtige Identifikation. Das neuzeitliche Gebot der Flexibilität hat den Beruf im ursprünglichen Sinne der "Berufung" aber eigentlich unmöglich gemacht. Er stellt heute, durch die verlangte dauernde Unterwerfung unter die "Forderungen des Marktes", bloss noch einen permanenten Lernzwang dar. Die Rolle des Individuums ist zudem nicht nur mit der Tätigkeit zu wechseln, sondern auch je nach Kontakt. Der unfreie Mensch, d.h. der Antestellte, und damit wären die meisten von uns betroffen, wurde in der Postmoderne zum Hampelmann (um nicht die Schauspieler zu beleidigen ...) degradiert. Er erhält seine Rolle vom Markt zugesprochen.
Eine potentielle Synthese wäre:
Es gibt verschiedene Formen von Wahrheiten. Diese haben unterschiedliche Ursprünge, basieren auf unterschiedlichen Methoden - und sie bestehen nebeneinander. Es gilt
die richtige Form von Wahrheit,
den rechten Glauben,
am rechten Ort
einzusetzen. *Zum Zeitpunkt der Niederschrift des Artikels, also 2003, war hier noch das Ende der Weisheit. Seit 2008 wird präzise dieses Problem - des rechten Ortes - unter Topologie weiter behandelt.
Wohl sind durch die Erkenntnisse über komplexe Systeme und die Chaostheorie unsere Träume von der Beherrschung der Welt durch Wissen gestorben. Wenn jedoch komplexe Systeme sich nicht geplant und gezielt lenken lassen, so darf daraus doch niemand den Schluss ziehen, es sei deshalb genau so beliebig, mit welchen Argumenten und Zielen wir das System anstossen. Bush ist ein Kind der Antiaufklärung, also der Postmoderne. Seine Taktik zeigt aber die Grenzen der postmodernen Beliebigkeit:
Ziele (s. Phronesis) sind nicht wissenschaftlich zu begründen sondern freie menschliche Entscheide: Zielsetzungen sollten in unserer Gesellschaft also über demokratische Entscheide fallen - und nicht durch von Politikern veranstaltete Sachzwänge zu Zwangshandlungen werden (Terrorismus !!! ... wir müssen ...).
Werte sind nicht wissenschaftlich zu begründen, sondern werden meist von kulturellen Orientierungen getragen, unterscheiden sich also zwischen Kulturen. Eine demokratische Gesellschaft muss unterschiedliche Wertesysteme bis zu gewissen (obwohl kaum rational zu bestimmenden ..) Grenzen tolerieren können.
Wahrheit lässt sich, dank Wissenschaft wie Kritik, doch meist zumindest abschätzen. Je unbestimmbarer Reaktionen in komplexen Systemen werden, desto präziser muss der therapeutische Anstoss erfolgen, desto präziser muss das Wissen über die internen Vorgänge des anzustossenden Systems sein.
Je konfuser die Welt - je notwendiger verlässliche Orientierung - desto mehr verbietet sich die Lüge!
| Definition Sophismus: (von gr. Meister, Künstler) Sophisten waren Lehrer der Rede- und Unterredungskunst, Denker, Weise. Da sie tendenziell in der Diskussion um jeden Preis obsiegen wollten, wurde die Bezeichnung fast zum Synonym für Schwätzer. Mit Aufklärung stieg allerdings ihr Ansehen wieder, denn es war ihnen doch gelungen, das Interesse an philosophischer Argumentation, sowie generell am philosophisch-kritischen Denken zu fördern. Die philosophische Argumentation der Sophisten kann zwar etwas Rechthaberisches an sich haben, beruht aber nicht auf dem Beharren auf einer einmal gefasste Meinung, sondern auf der Suche nach Wahrheit mit Argumenten, was eine hohe Allgemeinbildung voraussetzt.
Kern des sophistischen Systems war der Begriff arete, der zumeist mit Tugend übersetzt wird, aber hier sinngemässer als <Tüchtigkeit> zu verstehen ist - was uns prompt die nahe Verwandtschaft der Zeit der Sophistiker mit der heutigen Postmoderne verständlich macht. Basistheorie von Protagoras: Es gibt keine allgemein gültigen, objektiven Wahrheiten. |
Durch die Unsicherheit der Wirkung wird der postmoderne Dialog wieder zum Sophismus. Die Griechen suchten damals die Möglichkeiten zu begreiffen, die der Umgang mit Begriffen bot. Die Sophisten spielten mit den Begriffen, bewiesen damit alles und das Gegenteil, also so ähnlich wie das heute noch zu und her geht in der Politik. Die Befreiung von höheren Werten, die Befreiung des Staates von der Bevormundung durch die Religion, die Befreiung der Wirtschaft von der Bevormundung durch den Staat, die Befreiung des Individuums von der Bevormundung durch eine von aussen auferlegte Moral, führte aber nicht (nur) zu mehr Freiheit, sondern auch zu mehr Unsicherheit. Wo alles gelten kann, gilt eben auch nichts mehr, ist auf nichts mehr verlass. Weder auf Ehre, Vaterland oder Gott. Der Mensch muss sich selbst zurecht finden.
Arete, die Tüchtigkeit, lenkte also den Blick auf die Wirksamkeit, die in menschlicher Gesellschaft immer zuerst Wirksamkeit der Rede, Wirksamkeit der Erzählung, der Geschichte ist. Die Rede muss(te) überzeugen. DIE Kunst der Sophisten ist also die Rhetorik, die Überzeugungskunst, im negativen Sinne, die Überredungskunst - was bereits in der Antike zur moralischen Verurteilung der Sophisten geführt hat: Nicht um objektive Wahrheit geht es, sondern um ein subjektives Interesse. Der Schein und das Wort sind ihnen mehr als das Wesen und das Sein [Johannes Hirschenberg: Geschichte der Philosophie. Altertum und Mittelalter. S. 53. Komet. Köln. .... na ja, irgendwann]. Die Geisteshaltung der Sophisten ist also ein skeptischer Relativismus - und die Lehre von der Macht - womit die Griechen auch die Grossväter der Postmoderne wären.
| Soziologie ist die Kunst, eine Sache, die jeder versteht und jeden interessiert, so auszudrücken, dass sie keiner mehr versteht und keinen mehr interessiert.
Hans-Joachim Schoeps |
Der Vorwurf der leeren Geschwätzigkeit trifft heute die postmodernen Philosophen genau so wie damals die Sophisten. Die härteste Kritik am postmodernen Dialog war wohl Sokals Nonsense-Aufsatz: Die Strategie, durch sprachliche Dunkelheit Gedanken interessanter erscheinen zu lassen, als sie sind, ist keineswegs neu und bekanntlich vor allem bei Religionsstiftern sehr beliebt. Obskurität jedoch als intellektuelles Markenzeichen zu etablieren, ist eine schon bewunderungswürdige Form des philosophischen Marketing. Ziel ist es nicht mehr, Begriffe klar zu definieren und Thesen anschaulich zu vermitteln, sondern ein rhetorisches Feuerwerk abzubrennen.
Ein weiteres Indiz dafür war die sogenannte Sokal-Affäre, die weltweites Aufsehen erregte. Alan Sokal, Physiker an der New York University, wollte zeigen, wie tief die wissenschaftlichen Standards in der postmodernen akademischen Szene bereits gesunken sind und verfaßte 1994 deshalb einen Aufsatz mit dem Titel:
| It is a safe rule to apply that, when a mathematical or philosophical author writes with a misty profundity, he is talking nonsense.
Alfred North Whitehead |
Transgressing the Boundaries - Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity. In ihm gab er einen Überblick über aktuelle Probleme der Physik und zog daraus eine Reihe von Konsequenzen, die ideal in die postmoderne Ideologien paßten. Angereichert war der Text natürlich auch mit dem entsprechenden Jargon. Der Haken dabei: Der Aufsatz war durchsetzt mit offenkundig falschen physikalischen Informationen, unschwer auch für den gebildeten physikalischen Laien erkennbar. Sokal schickte nun seinen Text als trojanisches Pferd an eine der führenden postmodernen Fachzeitschriften, Social Text, die ihn dann auch im Frühjahr 1996 abdruckte. Der Physiker machte seinen "Scherz" publik, und die Blamage war da: Offensichtlich war es für die Publikation völlig ausreichend, den richtigen Sprachduktus zu treffen und die üblichen Thesen zu verbreiten. Die sachliche Korrektheit spielte keinerlei Rolle. Die Vernachlässigung selbst der primitivsten wissenschaftlichen Standards war offenkundig. Verschärfend kam noch hinzu, daß sich Sokal selbst politisch dezidiert als links versteht, weshalb auch der beliebte Vorwurf des Reaktionären ins Leere ging.
http://www.phil.uni-erlangen.de/~p2gerlw/ressourc/postmod.html
Sokal und Bricmont haben genügend Material zusammengetragen, um einleuchtend zu belegen, dass der Postmodernismus mindestens so viel Unsinn hervorgebracht hat wie die alte theologische Debatte darüber, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können.
Im Wunderland der Postmoderne Eleganter Unsinn von Alan Sokal und Jean Bricmont http://www.wsws.org/de/2000/aug2000/post-a15.shtml
| Prose is architecture, not interior decoration, and the Baroque is over. Ernest Hemingway |
Ein Musterexemplar eines solchen Satzes musste ich in Die schizophrene Weltmaschine Kapitalismus produziert: Prozesse statt Produkte, Güter statt Wohl-Sein, Preise statt Werte, Effizienz statt Weisheit zitieren. Es handelt sich um einen einzigen Satz aus Gilles Deleuze, Felix Guatarri: Anti-Oedipus. Kapitalismus und Schizophrenie. S. 483-484, der volle 2793 Zeichen umfasst.
Ein bisschen zum postmodernen Relativismus hat ja vielleicht sogar Einstein mit der Relativitätstheorie beigetragen. Von ihm wird folgende Anekdote überliefert:
| Eines Tages trat seine Sekretärin an ihn heran und sagte: Professor Einstein, morgen ist die Prüfung, aber ich habe die Fragen nicht. Mein Gott, erwiderte Einstein, nehmen wir doch die Prüfung vom letzten Jahr. Aber Professor Einstein, entgegnete sie, dann kennen die Studenten ja die Fragen bereits? Das macht nichts, sagte Einstein, ich ändere die Antworten. |
Eine wichtige Rolle im Übergang von der aufklärungsorientierten Moderne zur orientierungslosen Postmoderne dürfte in der Übergabe vieler ziel- und wertsetzender Funktionen von Kirche und Staat an die Wirtschaft spielen. Der Rationalismus der Moderne förderte, in Gemeinschaft mit der befreiten Wirtschaft, das Bild des homo oeconomicus der seinen eigenen Nutzen maximiert, seine eigenen Interessen und Ziele durchsetzt und dazu dienliche Institutionen rational plant.
Die Welt ist nur mehr als konstruierte Welt zugänglich. Jede Art der Beobachtung von Welt, ob durch Wahrnehmung, Darstellung, Repräsentation, Vorstellung, Experiment, Gedanke, Theorie, oder siebten Sinn, jede Art der Beobachtung von Welt wird als Konstruktionsprozeß verstanden. Dieses postmoderne Credo geht davon aus, daß was auch immer wie erscheint, immer Erscheinung eines Beobachters / einer Beobachtung ist; daß was auch immer ist, nur ist, was es ist, dank seiner Beobachtung, dank seiner Konstruktion durch einen Beobachter. Der Beobachter der Postmoderne ist dem gemäß notwendig ein Beobachter von Beobachtern und Beobachtungen. Damit wird nun aber die Beobachtung dieses postmodernen Beobachters selbst zur zentralen Aufgabe der Bestimmung und Selbstbestimmung der Postmoderne.
Während in der modernen Tradition Individuen autonome Beobachter darstellen, die sich auf die Autorität des Bewußtseins berufen und die Sprache den Intentionen dieses Bewußtseins unterordnen können, geht die postmoderne Tradition von Kommunikationsbedingungen aus, die gerade nicht individuell sein können und also auf kein Bewußtsein, auf kein bestimmtes Subjekt oder Individuum hin reduziert werden können
http://parapluie.de/archiv/generation/postmoderne/
Kurz gefasst: Da Beobachtung und Beschreibung das beobachtete und beschriebene Objekt nicht wirklich objektiv erfassen können, sondern die Beschreibung eine Konstruktion ist; da die Einigung über Werte, Ziele und sogar über die Beschreibung gesellschaftlicher Zustände von Dialog und Interpretation abhängig ist, wird die beschriebene Welt durch den Vorgang der Beschreibung erst eigentlich rational gestaltet. Dem individualistischen homo oeconomicus wird im Konstruktivismus der kommunikativ gestaltende homo sociologicus beigesellt, der erst in der Lage ist, das individualistische, rein subjektive Wissen wieder zu einem ganzheitlichen zusammenzufügen, das Gesellschaft erst möglich macht..
http://www.fu-berlin.de/atasp/Archiv/Lehre/WS0102/Folien1212.pdf
Der Konstruktivismus in seiner radikalen Form ist a) die Antithese zum Positivismus, die so vermutlich kommen musste, und b) eigentlich bereits der (gottseidank schon überschrittene) Höhepunkt der Postmoderne. Der Radikale Konstruktivismus ist Skeptizismus, Pragmatismus und
Subjektiver Idealismus. Einige Autoren sagen auch Psychologismus oder
Mystizismus. (Trotz aller Unterschiede gibt es auch eine gewisse Nähe zum Kritischen Rationalismus.
http://www.philolex.de/konstrur.htm
| "Also war es doch nicht nur ein Traum", sagte sie sich, "das heisst - wenn wir nicht allesamt in ein und demselben Traum vorkommen. Nur ist es dann hoffentlich wenigstens mein Traum und nicht der des Schwarzen Königs! Ich möchte nicht einfach von jemand anders geträumt werden!"
Alice hinter den Spiegeln. Konstruktivismus pur von 1872! Akute Umsetzung des Prinzips: Die Matrix |
Er hat das Denken aus der Welt heraus gelöst, verselbständigt, wie das traditionell bei den wissenschaftlichen Disziplinen der Fall ist, isoliert betrieben. So - und nur so - kann man auf eine Furzidee wie den radikalen Konstruktivismus abfahren. Der radikale Konstruktivismus geht über den Skeptizismus weit hinaus und behauptet, dass menschliches Wissen nur konstruiert ist, auf keinerlei verlässlicher Wahrheit beruht, Objektivität also unmöglich ist. Die Hauptvertreter des Radikalen Konstruktivismus sind Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Francisco Varela. Diese haben das systemtheoretische Denken in den 70ern und 80ern stark geprägt. Vielleicht ist die Übertreibung, grad alles zum Theater (event) machen zu wollen, schuld daran, dass sich die dringendst notwendige Anwendung und Umsetzung systemanalytischer Erkenntnisse (s. Willke) nicht durchsetzen konnten. Die Systemtheorie, besser, die Systeme, machen bewusst, wie eng die Grenzen selbst eines "radikalen Konstruktivismus" sind: Da alles zusammenhängt und voneinander abhängt sind die Konstrukte, selbst kleinster Teile, eben doch nicht ganz so beliebig.
http://de.wikipedia.org/wiki/Konstruierte_Realit%C3%A4t
Konstruktivismus ist in unserer Welt eine Realität. Wir beobachten ihn insbesondere in der Finanzökonomie, die Produkt um Produkt in einer fiktiven, simulierten Geldwelt kreiert ("strukturiert"), die mit der reellen Welt unvereinbar ist, in der sich aber dennoch übermässig viel verdienen (und verlieren) lässt (letzteres ist in der Zwischenzeit massiv eingetreten - und, wie meist, wurden auch hier die Verluste der Allgemeinheit, also dem Steuerzahler "geschenkt". Seltsamerweise sind hier die Proteste weitaus geringer, als wenn sich der Staat für Infrastruktur oder Soziales verschuldet, obwohl er hier keinen Gegenwert schafft, sondern nur ein marodes Finansystem über die Runden zuu bringen versucht. s. Die aktuelle Finanzkrise und einige Schlüsse die daraus zu ziehen sind: Privatisierung der Gewinne - Verstaatlichung der Kosten und Verluste). Ob die 24-dimensionalen Strings im subatomaren Bereich, Urknall, Schwarze Löcher, dunkle Materie im extragalaktischen Bereich eben solche Produkte des Konstruktivismus sind und nur Unterhaltungswert - oder auch Realitätsgehalt haben, können vermutlich nur wenige Spezialisten wirklich beurteilen.
Der Konstruktivismus nimmt auch das Problem des Liberalismus auf, dass nämlich auch der liberale Mensch (oder sicher die meisten darunter) kein asoziales Wesen ist. Er lebt zwar in der Welt der materiellen, geistigen und emotionalen Knappheit, doch die Fähigkeit in dieser Situation Entscheidungen zu treffen, erwirbt er in und durch die Gesellschaft. Liberale sehen durchaus die Wirklichkeit und Notwendigkeit einer Bindung an die Gesellschaft. Die gerne verwendete Theorie der Gerechtigkeit von Rawls ist hier nur wenig hilfreich, da die meisten Menschen ihr Leben lang, oder zumindest über lange Perioden hinweg, einer Gesellschaft angehören, in die sie hinein geboren wurden, ohne Chance einer Wahl. Auch die Globalisierung hat bis anhin bloss die Mobilität von Gütern und Geld erleichtert, die Arbeiter bleiben an ihr Milieu, ihre Gesellschaft, ihren Sprach und Kulturraum ungleich stärker gebunden als das Kapital. Zieht das Geld von Land zu Land, so nennte man das Globalisierung und begrüsst es als wirtschaftsfördernd. Ziehen Menschen von Land zu Land so nennt man das Migration, illegale Immigration, und versucht diese zu verhindern.
| Die Postmoderne ist das Zeitalter der Simulationen, des "so tun als ob". Simulationen sind die richtige Lösung für den Umgang mit komplexen Systemen, verstärken aber das uralte Problem, das Schein oft mehr bedeutet als Sein.
mh |
Konstruktivismus, wie die Postmoderne generell, sehen die Welt durch Fenster, also aus dem eigenen Kontext heraus, mit beschränkter Perspektive und starrem Rahmen (... tollem Design aber wenig "Content"). Die Spitze dieser Weltsicht ist das Fernsehen. Der Neurologe Friedländer (Case Western Reserve University, USA) konnte zeigen, warum Fernsehen blöd macht. Es versetzt das Gehirn in eine Art Trance, also einen halbbewussten, betäubten Zustand - in dem man nichts lernt! Zudem gibt es die Botschaft durch: sitzen - zuschauen - sitzen bleiben - nicht handeln - weiter zappen, und entaktiviert die Zuschauer total. In ähnliche Richtung geht jedoch auch der Hypertext, wo er Unmengen an Informationen bietet - ohne den zugehörigen Kontext. Das Internet bietet auf der einen Seite die Chance einer unglaublich komplexen Präsentation, die alles Wissen vernetzt und dadurch neue Validierungs-/Falsifizierungsmöglichkeiten bietet (s. Webphilosophie) - aber auf dern andern Seite auch die Gefahr, dem Druck der Hetze und schnellen Information zu viel zu opfern und zusammenhangsloses Brosamenwissen zu verbreiten (s. auch Konfettidialog) oder Information und insbesondere Denken der Unterhaltung zu opfern (s. Event-ualisierung der Nachhaltigkeit). Diese Fensterperspektiven der Postmoderne, ihre "coole", unberührt bleibende Kultur, tragen bei zur weiteren Individualisierung, sind also der Solidarität mindestens eben so abträglich wie eine Wirtschaft die auf dem Turnierplatz abgehalten wird. In diesem Spielfeld finden auch Globalisierung, die Herrschaft der Konzerne, wie die eigenmächtige und eigennützige Vorherrschaft der USA statt, die dank dieser "Philosophie" auf keinerlei historische Gegebenheiten glauben Rücksicht nehmen zu müssen. Der Verzicht darauf, die unterschiedlichen Fensterperspektiven oder Tunnelblicke zu einer gemeinsamen Perspektive zu verarbeiten, führt zu eben der Orientierungslosigkeit in der wir uns heute befinden: Jeder hat recht - aus seiner beschränkten Perspektive - und keiner hat recht, was eine umfassende Sicht der Dinge betrifft.
Reich, Sehnbruch, Wild: Medien und Konstruktivismus. Bd. 3 aus: Interaktionistischer Konstruktivismus. Waxmann. Münster, NY, München, Berlin 2005
English summary of critique of constructivism: Constructivism shaped the latter half of the 20th century much more than we are aware of. It is most probably one of the major causes that led to absurdities as the present domination of the financial system as driving engine of the economy, as well to the ideology of dominance Bush is adhering to – and as well to the rule of global players over a market, that cannot really be considered as free, wit the ruling dominance of large economies and companies, asking for global recognition of their self constructed private ideologies. Constructivism is not mentioned in many philosophical lexica and not discussed by a majority of philosophers, probably because it just ends in absurdities. But it is ever more the base of journalism and didactics – so it would be urgent to pay more attention to it. Its in fact not only the banking business that is based on constructivism, making lots of money in imaginary markets than real markets could ever absorb … but the whole PR-based economy of superfluous products. Especially the one branch ever hailed for its successes, the pharmaceutics, can afford to spend 1/3 of its budget for PR, what means it is able to make the market, to construct it. Constructivism connects the old (and reasonable) skepticism with an brainless activism, especially hurting in the forms of populism and fundamentalism. Both can be considered as offspring of constructivism. Constructivism had some positive effect, when it re-opened the world, enclosed in a narrow box by positivism. But unluckily it did not reopen it towards an all-embracing metaphysical view, but merely for individual and group-specific speculations. That happened, because the major check on reasonability is (most) often just dropped, its Glasersfeld’s viability: Knowledge is good, if it fits together with the limiting elements of reality and does not collide with them. The “normal” or “vulgar” constructivism used in daily life omits this systemic integration and creates monsters as populism and fundamentalism. see as well Mathews: Constructivism in the classroom |
Glasersfeld beurteilt nicht wie Popper den Wahrheitsgehalt durch die mögliche Falsifizierung, sonder über die Viabilität. Die Idee der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit wird hier durch die Idee des Passens ersetzt. Wissen ist dann gut, wenn es zu den einschränkenden Bedingungen der Realität passt und nicht mit ihnen kollidiert. Dieses Wissen muss nicht nur so erreicht werden, dass kognitive Strukturen, Schemas und Theorien gegenüber neuen Erfahrungen und Experimenten viabel bleiben, sondern auch insofern, als sie mit anderen benutzten Schemas und Theorien vereinbar sind"
Viabilität klingt auch an Pragmatismus an:. Eine Realitätskonstruktion ist dann viabel, wenn sie paßt, das heißt, wenn sie zum erfolgreichen Überleben einer Spezies oder eines Subjekts beiträgt.
http://www.hyperkommunikation.ch/personen/von_glasersfeld.htm
Grundlage des Konstruktivismus ist die Tatsache, dass Erkenntnis offenbar nicht die Realität abbildet, sondern sie aus vorhandenen Informationsstücken konstruiert. (s. Denk-Stücke & Wie sich das Gehirn selbst strukturiert). Der Irrtum passiert seinen Adepten allerdings dort, wo sie das Gehirn, den Geist, zum geschlossenen System erklären. Diese Annahme wird bereits durch die Hirnforschung widerlegt, denn das Hirn braucht zu seiner Entwicklung Eindrücke von Aussen. Geist als geschlossenes System dürfte sich so wohl vor allem in eben so geschlossenen Abteilungen der psychiatrischen Kliniken finden (sowie einigen eben so verschlossenen Sekten und Organisationen.)
Ein interessantes Werk in dem Zusammenhang ist Musils <Der Mann ohne Eigenschaften [1932/34]>. Musil beschreibt über 1200 Seiten + 1000 Seiten die fragmentarische Ergänzungen oder Varianten bieten, die Komplexität der menschlichen Psyche, ganz besonders dort, wo sie sich im zwischengeschlechtlichen Dialog verheddert. Meiner persönlichen Ansicht nach (und ich bin Ingenieur, nicht Philologe), hat Musil (der ebenfalls Ingenieur war ...) wohl versucht , etwas Ordnung in diesem Chaos zu sehen, dass er Stück für Stück mit höchster Präzision und sprachlicher Begabung beschrieb. Es ist ihm missglückt. Das Leben ist zu chaotisch, um darin ein System zu sehen. Die möglichen Perspektiven und Lebensstile sind zu verschieden, um sie nach Art der Wissenschaft oder Technik klassifizieren und systematisieren zu können. Jede dieser Fraktale hat das Potential, dem Leben einen neuen Sinn zuzu>schreiben. Das Buch besteht also, wie das Leben, aus unendlichen kleinen Geschichten, die zum Teil Fragmente bleiben - und sich nur dadurch zu einem Ganzen fügen, als sie in einem Leben eben passieren können. Dieses Buch beweist gleich, dass Konstruktivismus an der Komplexität des Lebens scheitern muss. Nichtsdestoweniger ist es ein Irrtum zu glauben, Inhalt, Ablauf und Verbindung der "Fragmente", aus denen sich das menschliche Leben zusammensetzt, seien beliebig. Und präzise dies ist der Irrtum der Postmoderne: Die Verwechslung von "nicht wissen - nicht verstehen" mit "Beliebigkeit". Auch in der Chaostheorie beschreiben Fraktale eine gewisse, wenn auch nicht deterministische Ordnung - aber eben nicht Beliebigkeit!
Beliebigkeit, also das, was einem beliebt, könnte man auch als Will-Kür bezeichen, also dass, was willentlich gekürt wird aus einer Reihe von Möglichkeiten, auf Grund des individuellen Willens (unter Berücksichtigung der anderen wirksamen Kräfte.) Wir sollten dringend schärfer unterscheiden zwischen dem, was kausal sein muss, und dem was final sein kann, denn nur letzteres kann und darf willkürlich, frei, beliebig sein.
Der radikale Konstruktivismus in seiner banalen Form, ohne die "checks and balances" der Viabilität, ist gefährlich. Es ist präzise diese Denkweise, die allen Fundamentalismen zugrunde liegt und von Populisten demagogisch verwendet wird. Er erlaubt es jeder Sondergruppe, ihre eigene Welt nach ihrem eigenen Gutdünken aufzubauen - womit aber der alte tribale Zustand des "Kampfes der Kulturen" wiederhergestellt wird, statt einer systemisch optimierten Welt die den Menschen das Machbare an Wohlstand und Freiheit bietet. Natürlich soll jeder das Recht haben, in "seiner" Welt zu leben - nicht jedoch das Recht, andern diese Welt als allgemeingültige aufzudrängen. [s. MacIntyre und Polanys Ansichten zur Bedeutung der Tradition für die Moral in einer relativistischen Ethik: Möglichkeiten den unmöglichen Dialog zwischen Tradition und Pluralismus zu führen. ]
Trivialkonstruktivismus ¨führt zu eben so trivialem, kulturlosem, Sozialdarwinismus. Um die Freiheit des Denkens nutzen zu können, die der Konstruktivismus eröffnet, aber nicht in die Falle der Sektengründung zu treten, muss das eigene Denken sich am Denken der Andern messen, und vor allem aber, sich in ein möglichst umfassendes Denkpanorama eingliedern lassen. Mein dreigliederiger methodischer Ansatz dazu:
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| Diejenigen die Konstruktivismus wirklich für das Nonplusultra der Philosophie halten, sollten mal 3 Tage nur mit einer Gabel essen dürfen, die so konstruiert ist, wie obige. |
Das ist noch nicht das Ei des Kolumbus, aber ich arbeite dran. Eigentlich ist die Sache einfach. Nach der Fokussierung auf gegebene Strukturen im Strukturalismus, frei konstruierbare Strukturen im Konstruktivismus, müsste man die Sache eben erst mal von Strukturen auf Funktionen erweitern (s. Problem Land- und Forstwirtschaft, die wichtige Funktionen erbringen, aber "strukturbedingt" dennoch nicht rentabel sind. Dann sind die Einzelperspektiven wieder zu koordinieren über den Ansatz "Viabilität" und/oder Webphilosophie. Die zerstreute Postmoderne kann und muss sich wieder etwas "fassen", denn da all die unterschiedlichen Perspektiven in der selben einen Welt stattfinden, muss es notgedrungen Widersprüche geben, die sich bei genauerer Betrachtung der Zusammenhänge eliminieren lassen. Grundsatz: Der Mensch ist frei, aber - nicht alles in der Welt ist beliebig. Es gibt also auch in der Postmoderne Dinge die stimmen, und solche dies eben nicht tun. Zwischen diesen zu unterscheiden ist uralte Aufgabe der Rhetorik, der Kritik - und besonders der Ideologiekritik.
Die Planungswissenschaften, basierend auf einem systemanalytischen Ansatz, schienen hier (vor zehn Jahren) nicht nur der interdisziplinären Bewegung, sondern sogar der Philosophie um Dezennien vorauszueilen. Leider haben sie sich zu sehr einer Huldigung des (technisch) Machbaren hingegeben, also die prospektiven Modelle, die Kybernetik und, ganz im Sinne des Konstruktivismus, die normativen Modelle einseitig voran getrieben, also die Steuerung (über PR, Normen, Vorschriften, Sachzwänge etc.), einseitig entwickelt - die Grundlagen aber, die deskriptiven strukturellen, funktionellen, strukturell-funktionellen, funktionell-strukturellen Modelle links liegen gelassen. Hier müsste die Post-Postmoderne ihren Ausweg suchen, indem sie zwar dem Menschen möglichst viele Freiräume schafft - nicht aber auf Kosten der Natur, der (schwächeren Teile der) Gesellschaft und der Ethik.
Einen grossen konstruktivistischen Fehler beging auch das knowledge management, dass ohne viel Federlesen die traditionelle Methode des kritischen Umgangs mit Wissen, das Denken, durch Management ersetzt hat. Management ist aber zielorientiert, verfährt nach vorgegebenen Zielen, die mit listigen Strategien und (oft hinter-listigen) Taktiken angestrebt werden. Das durch Maschinen verwaltete Wissen ist dann wirklich rein konstruktivistisch erstelltes Wissen, dem jede Einbettung in die Umgebung, den Kontext, fehlt, bei dem transzendentaler Bezug, also die Frage nach Ethik, bloss noch zu Erstauen oder grad zu Gelächter führt.
Kommentar vom 23.4.07 zu obiger Einschätzung des Konstruktivismus vom Nov. 2003 [s. Konstruktivismus als offenes - und dennoch systemisch integriertes Denken]: Obwohl schon recht breit im Ansatz, ist obige Kritik fast typisch für das vulgärphilosophische, banale Verständnis von Konstruktivismus widerspiegelt, also eine Meinung, die primär auf Unkenntnis basiert, also eigentlich bloss den trivialen Konstruktivismus kritisiert (obwohl ... in der englischen Zusammenfassung ist diese Kritik hier längst angetönt):
p.s: Das Fundament meines eigenen konstruktivistischen Ansatzes findet sich im Jemen, so weder ein naturwissenschaftlicher noch ein mehr oder weniger traditioneller (qualitative Soziologie) oder sozial- oder geisteswissenschaftlicher (Forst-Rechtswissenschaft per Shari'a und Fatwa) weiterhalf, da das Verhalten, um das es ging, auf einer ganz anderen Kultur und Werthaltung basiert. s. Basteln, Tüfteln, Improvisieren .... La Dialectique du Bricolage. |
Im Kampf der Wirtschaftsmodelle, dem wirklichen "Kampf der Kulturen", stehen sich nach wie vor eher extremistische Positionen gegenüber: Statt eine systemische Entwicklung anzustreben, bekämpfen sich ein mit Individualismus und Atomismus gleichgesetzter Liberalismus und ein mit Kollektivismus und Holismus gleichgesetzter Kommunitarismus.
Im Liberalismus als Ausdruck bürgerlicher Emanzipation stehen das Individuum und sein Recht auf private Freiheit im Vordergrund, weshalb alle Formen des Totalitären, der absolute Staat, aber auch radikaldemokratische Bewegungen, d.h. unmittelbare Volksherrschaft, ablehnt werden. Wesentlich ist also diese zu beiden Seiten betriebene Abwehr politischer Omnipotenz.
Die politischen Grundrechte und Freiheiten bedeuten gerade einen Schutz des Individuums vor dem Staat, vor institutionalisierter Politik. Seit Thomas Hobbes ist es die Aufgabe von öffentlicher Gewalt und Gesetz, diese universalistischen Rechte zu garantieren. In John Rawls Theorie der Gerechtigkeit hat der unparteiliche Staat die Aufgabe, eine formale Verfahrensgerechtigkeit, d.h. gleiches Recht auf gleiche Grundfreiheiten zu garantieren.
Die politische Rechte hat zwar immer gern den Marxismus wegen seines totalisierenden Denkens lächerlich gemacht, aber sie selbst hat die »Totalität« in Wirklichkeit nie aufgegeben: Der Markt ist alles, und alles leitet sich aus dem Markt selbst ab. Tatsächlich hatte der Liberalismus schon immer großes Vertrauen auf die Macht des Marktes, ein so großes Vertrauen, daß er es nicht für nötig hielt, die gesellschaftliche Konstitution des Marktes zu untersuchen, mit der Begründung, daß der Markt sei schon immer von einer unsichtbaren Hand gelenkt worden. Dieses Vertrauen auf das Unsichtbare als wirkungsvolle, leistungsfähige und gerechte Allmacht ist seit dem Beginn der kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse ungebrochen. Marx und die sich auf ihn beziehende Tradition kritisierte diese unsichtbaren Prinzipien. Ich will darauf hinaus, daß die Globalisierungstheorien eben diese Kritik aufgegeben haben. Insofern ordnen sich politökonomische Fragestellungen der neuen Linken völlig der neoliberalen Anbetung unsichtbarer Prinzipien unter. Auch wenn der neuen Linken die hart zuschlagende unsichtbare »Hand« vielleicht nicht »gefällt«, so muß sie sie doch anerkennen, denn wenn man den »Markt« anerkennt, dann ist auch die List der Vernunft nichts anderes als das Projekt des Unsichtbaren.
http://www.wildcat-www.de/zirkular/38/z38bonef.htm
Nach den Kommunitaristen befindet sich die Gesellschaft in einer tiefen moralischen Krise. Die Ich-zentrierten, selbstsüchtigen Menschen haben den Sinn für das Gemeinwohl verloren. Nur die eigenen Vorteile zählen, es herrscht ein Mangel an moralischer Bedeutung und Solidarität zwischen den Menschen. Die ökonomische Ideologie des Eigennutzes führt zur Zerstörung der eigenen Grundlagen, denn Handel und Wandel brauchen, um zu funktionieren, Gemeinschaft, Vertrauen und eine moralische Basis. Diese Fundamente werden vom "schrankenlosen Egoismus" zersetzt.
Trotz dem gesellschaftlichen Reichtum herrscht Obdachlosigkeit, Armut und Hunger in modernen Grossstädten. Die Sozialhilfe-Empfänger nehmen zu, die Kriminalitätsrate steigt. Vermehrt soll Alkoholkonsum, Drogen, exzessives Fernsehen und sexuelle Promiskuität (Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern) vom innerlichen Schmerz ablenken!!
Es gibt ein Ungleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten. Der Mensch der sich durchsetzen will, pocht ständig auf "seine Rechte". Der starken Betonung von Rechten und den Forderungen nach öffentlichen Dienstleistungen steht demnach kein entsprechender Sinn für Bürgerpflichten gegenüber. Statt Gemeinschaft zu fördern, führen Rechte zu Konfrontationen, oft vor Gericht, und damit zu Verlierern und Gewinnern.
Die Menschen empfinden kein Gemeinschaftsgefühl mehr. Sie teilen sich in Subkulturen, in neue "Stammesgemeinschaften", Clans - Neotribalismus. Die Subkulturen füllen die emotionalen Lücken, die die Gesamtgesellschaft offen lässt. Sie sind robust, nach aussen abgegrenzt und vermitteln so das Gefühl der Geborgenheit. Kennzeichen der Subkulturen ist das Konzept der Andersartigkeit.
| Was die Menschen und die Zivilisation zusammenhält, sind Geschäftsverbindungen. Das ist die eigentliche Krise der Postmoderne.
Jeremy Rifkin in: Access |
Auch die gesellschaftlichen Institutionen befinden sich in einer Krise:
Familie: Hohe Scheidungsrate, sexuelle Orientierungslosigkeit, unverbindliche Moral und mangelnde gesellschaftliche Unterstützung der Familien. Die Anerkennung der Kindererziehung sinkt. Die Kinder sind oft ein Stör- und Kostenfaktor, da man sich an einer Karriere orientiert.
Schule: Die Krise der Familie setzt sich in der Schule fort. Kinder mit unterentwickeltem Charakter und Mangel an moralischen Werten (oder mit Herkunft aus anderen Wertesystemen!) werden zu Problemfällen, mit welchen die Lehrer/innen überfordert sind.
Kirche: Auffallende sinkende Spendenaufkommen, steigende Kirchenaustritte, welche zu finanziellen Konsequenzen führen. Rapide voranschreitende Säkularisierung (Loslösung aus en Bindungen an die Kirche) der Gesellschaft. Es gibt keine Organisation mehr, die sich um eine verlässliche Wertorientierung kümmert.
Politik: Das Interesse der Bürger an der Partizipation in politischen Parteien sinkt ständig. Ansehensverlust der Politiker und Parteien durch strukturelle Schwächen der repräsentativen Demokratie. Das Wahlvolk wird durch massive Medienwerbung desinformiert und manipuliert.
Verwaltung: Die traditionelle bürokratische Verwaltung stellt die Antithese zur kommunitaristischen Vorstellung einer "guten Gesellschaft" dar. Sie ist konstruiert für Unpersönlichkeit, Unabhängigkeit, Expertentum und effizienten Gesetzesvollzug. Somit haben die Bürger wenig Einfluss. Die Verwaltung vollzieht nur den Willen der gesetzesgebenden Körperschaften, dadurch kann das Volk wenig Schaden anrichten.
Politik:
Forderung nach einer "starken Demokratie". Diese soll mehr Gelegenheit zur Partizipation im politischen Prozess schaffen. Das öffentliche Interesse soll repräsentiert werden. Betroffene und interessierte Gruppen sollen in Planungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen werden. > s. Eine neue Sozialarbeit - als Entwicklungsarbeit an der Gesellschaft: Soziale Arbeit - gestützt auf Basisdemokratie oder Ethik?
Familie:
Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft. Die Gesellschaft soll die Bildung und Lebensführung von Familien unterstützen, z.B. durch Verkürzung der Arbeitszeiten, flexible Arbeitsmodelle oder verlängerten Mutterschaftsurlaub, so dass wieder mehr Zeit für Familienaktivitäten zur Verfügung steht. Auch die Erziehung der Kinder soll wieder mehr Anerkennung gewinnen, sowie die Eltern ihrer Familie mehr Aufmerksamkeit schenken sollten! - Oder wir lösen die Familie auf, wie das in manchen politischen Utopien vorgesehen war, und ersetzen die Erziehung in der Familie durch eine Erziehung innerhalb gemeinschaftlicher Organisationsformen (Kinderhorte als erste bürgerlich akzeptable Form kollektiver Aufzucht sind gerade daran, sich hier durchzusetzen.)
Schule:
Voraussetzung für den Schulerfolg sind intakte Gemeinschaften, d.h. solidarische Lehrerkollegien und starke Familien, die den Schulbesuch aktiv unterstützen. Gesellschaftliches Lernen soll stattfinden, bei dem ein gesunder Sinn für das Gemeinwohl, soziale Moral, gemeinschaftliches kulturelles Erbe, Selbstdisziplin und Selbstkontrolle vermittelt werden. Folgende Werte sind ihnen wichtig: Toleranz, Gewaltlosigkeit, Nächstenliebe und Respekt vor den anderen und der Würde des Menschen.
Kirche:
Religion wird nicht als Privatsache gesehen, sondern hat öffentlichen Status. Die religiöse Strömung der katholisch-protestantisch-jüdisch geprägten biblischen Religionen bilden in diesem Zusammenhang die "öffentliche Kirche". Der Kirche wird die Pflicht zur moralischen Herausforderung und Erziehung der Gesellschaft zugesprochen. Sie soll Lebenssinn und Gemeinschaftsgefühl vermitteln.
Während zwar die Postmoderne durch die Verneinung sämtlicher verbindlicher Werte, Normen und Wissensbestände dem Liberalismus Wind unter die Flügel blies, unterscheidet er sich von ihm durch eben das selbe Prinzip. Der Dekonstruktivismus verneint die Existenz einer unversalistischen Rationalität, also auch die des homo oekonomicus. Dies wird auch für die Demokratie zum Problem, da sie ohne gesicherte Grundlagen ihrer Grundwerte wie Freiheit und Gleichheit auskommen muss. Vor allem bezweifelt der Dekonstruktivismus die Möglichkeit, „das destabilisierende Potential des Politischen" durch die Festlegung von Regeln für den politischen Wettstreit suspendieren zu können: Politik kann nicht auf institutionelle und formale Verfahren reduziert werden.
Dies bedeutet, daß Fortschritte in der Demokratie keine natürliche Verbindung zu Forstschritten in der Rationalität haben. Wir sollten aufhören, die Institutionen der liberalen westlichen Gesellschaften als rationale Lösung für das Problem des menschlichen Zusammenlebens auszugeben, als Lösung also, die andere Menschen notwendig übernehmen müssen, wenn sie aufhören, irrational zu sein. Demokratisches Handeln braucht demzufolge keine Wahrheit und Begriffe universaler Gültigkeit, sondern Praktiken und pragmatische Züge, um Menschen zu überzeugen, um ihren Willen zu bezwingen.
Im Politischen ist somit ein ethisches Moment eingeschlossen, die Möglichkeit nämlich, sich beständig selbst in Frage zu stellen. Auch die etabliertesten Formen der Demokratie sind im Prinzip Experimente. Die Unmöglichkeit einer »eigentlichen« Gestalt der Demokratie ist konstitutiv. Und für alle hier vertetenen Positionen gilt das Paradox, daß einzig die nicht vollständig realisierte Demokratie eine erfolgreiche Demokratie ist. Von den totalitären Systemen unterscheidet sich nun die Demokratie zuallererst dadurch, daß sie Konflikte und antagonistische, sich gegenseitig ausschließende hegemoniale Artikulationen zuläßt, bzw. gerade in ihnen ihre Existenz hat.
Der Beitrag der Postmoderne zur politischen Philosophie besteht also in der Einsicht, daß Konflikte keinen Mangel vor dem Hintergrund einer universalen Rationalität bedeuten, sondern konstitutiv und unverzichtbar sind für jede Form von politischer, gesellschaftlicher oder ethischer Identität.
Eine wichtige Erkenntnis der Postmoderne ist auch, dass es nicht primär das Wissen, sondern das Handeln ist, welches die Welt formt. Insbesondere gilt dies für gemeinschaftliches Handeln: Man lernt nicht durch das Anhäufen von Aussagen über die objektive Welt, sondern durch soziale Praktiken und durch Übernahme sozialer Rollen. Man lernt in der Familie, in der Schule, bei der Arbeit und in der Kirche, seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Das "ICH" wird durch seine Gemeinschaftsbindung bestimmt.
Auf Grund dieser Erkenntnisse sind die wichtigsten Elemente kommunitaristischen Denkens:
Die Kommunitaristen wollen, dass die Bürger in das Verwaltungshandeln integriert werden. Die Verwaltung soll mit den Bürgern zusammenarbeiten, sich an ihren Bedürfnissen orientieren, sie angemessen mit Informationen versorgen und sie an wichtigen Entscheidungen beteiligen. Die eigentliche Aufgabe der Verwaltung sei es, Hilfestellungen und Anleitungen zur demokratischen Selbstfindung und Selbstbetätigung zu bieten. Ein Ziel das dasjenige der Agenda 21 hätte sein können und sollen, das aber noch mehrheitlich verfehlt wurde.
Dekonstruktivismus und politische Philosophie
Die politische Daseinsform des Menschen verlangt nicht nach Ordnung, sondern ist selbst eine Ordnung, und meine Vermutung ist, daß die postmoderne Philosophie dieser Ordnung, diesem Beziehungsgewebe, in dem, wie Arendt schreibt, "die Folgen jeder Tat schrankenlos" sind, jede Handlung "nicht nur eine Reaktion" auslöst, "sondern eine Kettenreaktion, jeder Vorgang [...] Ursache ist für unvorhersagbare neue Vorgänge", und dessen Schrankenlosigkeit unvermeidlich ist, auf der Spur ist.
Für Rorty ist Politik eine Sache pragmatischer Reformen und Kompromisse, deren Ziel das Erreichen eines größtmöglichen Konsenses ist. Für den Dekonstruktivismus hingegen ist der Konflikt das zentrale Merkmal des Politischen, also die Unmöglichkeit, einen Konsens zu finden, ohne einen Ausschluß zu produzieren
DIE WIEDERENTDECKUNG DES POLITISCHEN _ POSTMODERNE POLITISCHE PHILOSOPHIE. Stefan Knoche
Politik kann gar nicht mehr herrschen,
sondern sie muss Sub-Systeme dazu bringen, sich selbst
- durch reflexive Steuerung -
optimal untereinander abzustimmen.Dies macht eine Differenzierung der Politik nötig
- also ein besseres (zur Zeit inexistent)
kollektives Wissensmanagement
zu Gunsten der reflexiven Moderne -
und erlaubt keine Banalisierung durch Populismus -
und noch weniger durch Fundamentalismus!Weitere Lösungsansätze:
Die strukturalistischen Untersuchungen von Piaget zum Lernverhalten von Kindern machen uns einige Probleme des postmodernen Chaotismus verständlicher, drum hier ein kurzer Rückgriff auf den Strukturalismus.
Piaget teilt die Entwicklung des Lernens in vier Stufen, von symbiotisch (animalisch), über egozentrisch (keine Wahrnehmungsmöglichkeit für andere Perspektiven. Regeln gelten absolut), soziozentrisch (Regeln werden gestaltbar) und universalistisch (die theoretische Vorwegnahme von Problemen und deren hypothetische Lösung werden zentral).
Bereits diese kurze Übersicht führt bei mir zu einem aha-Effekt: Haben wir nicht exakt die selben Stufen bei der Entwicklung der Gesellschaft? Gilt auch für die Soziologie das selbe Grundgesetz wie in der Biologie: Die Ontogenese ist eine Rekapitulation der Phylogenese. (Erklärung: Der Mensch macht in seiner individuellen Entwicklung von der Eizelle bis zur Geburt mehrere Stadien durch, die früheren Entwicklungsphasen der Evolution entsprechen, also vom Einzeller, über den Mehrzeller zum Vertebraten, der kurzfristig sogar Ansätze zu Schwimmhäuten und Kiemen entwickelt). Wer kennt nicht Menschen oder auch ganze Gesellschaften, denen es unmöglich scheint, eine andere Perspektive als die eigene als realistisch zu betrachten, bereits ohne auf die Akzeptabilität einzugehen? Ist nicht die Welt voll von Staaten und Organisationen, die behaupten, Regeln seien heilig und unantastbar? Auch wo es nicht um Bibel oder Koran geht? Zählt sich nicht gar eine Mehrheit der Bevölkerung zu den Praktikern, die von theoretischen Erwägungen ganz und gar nichts halten, also auf Stufe 3 verharren?
Piagets Stufen und Dimensionen (kognitiv - moralisch) des Lernens |
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| IV: formaloperational - universalistisch
Auf der vierten Stufe schliesslich wird die Ausarbeitung neuer Regeln qua theoretischer Antizipation von Problemen systematisiert und zum Selbstzweck erhoben. |
Hypothetisches Denken und Führen von Diskursen. Transzendieren des Objektivismus einer gegebenen Natur qua Erklärung des Gegebenen durch Hypothesen aus zufälligen Randbedingungen. Transzendieren des Soziozentrismus einer überlieferten Ordnung qua Kritik von Normen (als Konventionen durchschaut) im Licht von Prinzipien. |
| III: konkretoperational - soziozentrisch
Auf der dritten Stufe beginnt die Zusammenarbeit. Das Kind nimmt an der Ausarbeitung der Regeln teil und hält sie für veränderbar. |
Differenzierung zwischen Dingen und Ereignissen einerseits, sowie Subjekten und Äusserungen andererseits. Unterscheidung zwischen Zeichen, Referent und Bedeutung. Unterscheidung zwischen Wahrnehmung und Phantasie, Impuls und Verpflichtung, Abgrenzung der Subjektivität gegenüber der äusseren Natur, Beherrschung eines Systems von Sprechakten, komplementäre Verbindung generalisierter Verhaltenserwartungen. |
| II: präoperational - egozentrisch
Auf der zweiten Stufe entsteht ein Regelbewusstsein. Regeln werden als heilig und unantastbar aufgefasst, obgleich das Kind noch nicht in der Lage ist, sich an sie zu halten. |
Entstehung der Permanenz des Objekts. Erste Differenzierung zwischen Ich und Umwelt, keine Differenzierung zwischen physischem und sozialem Bereich. Situationen werden nicht unabhängig vom eigenen Standpunkt wahrgenommen (entsprechend leibgebundene Perspektive) |
| I.: sensomotorisch - symbiotisch
Auf der ersten Stufe herrscht ein naiver Hedonismus |
Beziehung zwischen Mutter und Kind ist so eng, dass von einer subjektiven Abgrenzung der Subjektivität noch nicht die Rede sein kann. |
S. 105
Hier einige Auszüge zur Entwicklung des Denkens:
Die höchste Stufe der formalen Operationen kann nur erreicht werden, wenn die dazu notwendigen kognitiven Strukturen ausgebildet sind.
Die Entstehung der Intelligenz ist das Resultat einer Aequilibration. Unsere Auffassung hebt vor allem die wesentliche Rolle der Intelligenz im Leben des Geistes und des Organismus hervor; als beweglichste und gleichzeitig dauerhafteste Gleichgewichtsstruktur des Verhaltens ist die Intelligenz ein System von lebendigen und aktiven Operationen. Sie ist die höchste Form der geistigen Anpassung an die Umwelt, das unentbehrliche Instrument der Verbindung zwischen Subjekt und Welt.
Die elementaren Erkenntnisfunktionen wie Wahrnehmung, Gewohnheit, Gedächtnis, erweitern das Gleichgewicht in Richtung des gegenwärtigen Raumes und zur zeitlich nicht allzu entfernten Vorwegnahmen und Wiederherstellungen. Die Intelligenz allein, die aller Um- und Rückwege im Handeln und Denken fähig ist, strebt nach einem allgemeinen Gleichgewicht, indem sie die gesamte Wirklichkeit assimiliert und ihre eigene Tätigkeit an diese akomodiert: Eine Tätigkeit, die sich dadurch von ihren ursprünglichen Haften am hic et nunc befreit. [S. 149-40]
| Der Mensch ist dasjenige, was er aus dem macht, wozu er gemacht worden ist. nach Sartre |
Kein erreichtes Gleichgewicht stellt einen endgültigen Abschluss dar. Die Aequilibration entwickelt sich vielmehr spiralförmig (s. Orientierung) und führt zu immer höheren Formen des Gleichgewichts - und dies in einem endlosen Prozess, wobei die übersteigenden Gleichgewichtsformen als untergeordnete Teilsysteme sowohl überwunden als auch systematisch integriert und einverleibt werden. Jedes Ergebnis, selbst wenn es mehr oder weniger dauerhaft ist, kann auf immer neuen Wegen gefunden werden. Man trifft somit nicht den Kern der Sache, wenn man die Aequilibrierung als blossen Marsch in Richtung Gleichgewicht auffassen würde, denn sie ist immer auch eine auf ein besseres Gleichgewicht hin ausgerichtete Strukturierung.
Jeder Mensch ist im Besitz einer bestimmten Anzahl von Klassifikationen, Seriationen, Erklärungssystemen, eines individuellen Raums und einer individuellen Chronologie, einer Wertskala etc. und ebenfalls des mathematischen Raums, der mathematischen Zeit und der Zahlenreihe. Diese Gruppierungen und Gruppen entstehen nicht von Fall zu Fall neu, sondern bestehen das Leben lang.
Während die Aequilibration präzise die Vorgänge des strukturempfindlichen Lernens beschreibt, so definieren die Strukturen der Erkenntnis ganz offenbar den Charakter (s. soziale Intelligenz& Wertesystem). Der oben ausgesprochene Verdacht, diese Strukturen könnten sich nicht nur bei der individuellen Entwicklung finden, sondern auch bei der gesellschaftlichen, wird von Linser [S. 227] bestätigt:
In allen Kulturen erreichen die Individuen die Stufe des formal-operationalen Denkens, auch wenn formale Operationen in primitiven Gesellschaften räumlich und zeitlich weniger weit verteilt sind als in komplexen und modernen Gesellschaften. ... Erst moderne Gesellschaften stellen eine Symmetrie zwischen den Universalien und den sie repräsentierenden Deutungsmustern her und können sie auf der ebenen von durchrationalisierten Weltbildern angemessen interpretieren, obwohl es einige Individuen geben mag, die hinter das Niveau der so konstituierten Weltbildstruktur zurückfallen und von regressiven Deutungsmustern gebrauch machen.
[Guido Linser: Piaget und der Strukturalismus. Erklärungsmodelle zur Systematik der ontogenetischen Stufenabfolge und deren erkenntnistheoretische Implikation hinsichtlich der Dialektik von biologischen Funktionen und kognitiven Strukturen. Haag + Herchen, Fischer Verlagsbüro, Frankfurt a.M. 1992]
| FAZIT zum Paragraphen:
Wer Sprache und Inhalte banalisiert, vereinfacht nicht die Welt, |
Auch wenn die Zeit der Postmoderne bereits ausläuft, eine Rückkehr zu autoritär dekretierten Normen und Werten wird wohl kaum möglich, und als eigentliche Regression auch wenig wünschbar sein.
Die Lösung des Problems einer chaotisch-desorganisierten Postmoderne lösen sich im Konzept Bubers und Levinas, in dem das WIR nicht durch Wissende oder Herrschende formuliert wird, also durch "die grosse Beschreibung", sondern sich durch die Begegnung vieler sich An-Erkennender individueller DUs, die ein WIR bilden, das, oh Wunder, eine Entität, ein Ganzes bildet, aber auch seinen Bestandteilen, den ICH-Entitäten, die individuelle Freiheit lässt und sie weder ideell noch funktionell verdinglicht. demnächst mehr ...
Die Moderne ist nicht am Ende - und die Postmoderne nicht das Ende (schon gar nicht der Geschichte ....) - sondern wir befinden uns in einem Prozess konstanten Wechsels zwischen moderner Theoriebildung (der hypothetischen Formulierung von Meistererzählungen) und postmoderner Dekonstruktion, also einem iterativen Prozess, der durch neue Sprach- (und Schumpetersche Markt)-Spiele immer wieder neue Kreise zieht, und nur durch Ideologie-Kritik/Dekonstruktion/Formkalkül daran gehindert werden kann, sich zu weit von der durch den jeweiligen Kontext bestimmten Wahrheit zu entfernen.
Aus dem neusten Beitrag: Geschichtswissenschaften zwischen der grossen Erzählung der Moderne und den kleinen Geschichten der Postmoderne (26.3.06)
Der Irrtum der Vertreter der Postmoderne ist aber, anzunehmen, es gäbe keine Ganzheit mehr, einfach, weil sie nicht mehr in der Lage sind, diese zu sehen. Die Welt ist immer noch eine. Es gibt nur eine solche Kugel (geoid präziser) - und diese, als Gäa, ist so was von Totalitär, auch ganz ohne Gott und religiöse Fundamentalisten, denn sie sagt: Entweder ihr organisierts euch, oder ich werd' euch was husten!
http://www.brainworker.ch/waldphilosophie/beziehungslehre.htm (5.11.06)
Ergänzende Kommentare 7.9.09: An Stelle des definitiv ungeschickten Ausdrucks "Postmoderne", der eigentlich das Ende der Aufklärung bezeichnen soll (für manche allerdings auch das Ende der Geschichte, worunter allerdings nicht mehr verstanden werden sollte als das Ende des Historizismus), sollte man vielleicht Beck's Ausdruck der 2. Moderne, oder besser der Reflexiven Moderne/Modernisierung verwenden. Denn egal ob wir die Zeit nun wieder mal als perspektivistisch, skeptizistisch, konstruktivistisch, neosophistisch oder einfach mistisch* bezeichnen - das, was verloren ging ist weder Wahrheit noch Grund, sondern nur die Sicherheit, beide klar bestimmen, und andere mit diesem Wissen über die Zusammenhänge "aufklären" zu können. Vielleicht wäre deshalb eher ein Begriff wie Abklärung angebracht (nö, hatten wir schon bei den Stoa und generell den Mystikern), oder Verklärung (nö, hatten wir ja schon in der Romantik) ... oder ganz einfach Klärung. Die Reflexive Moderne als Zeitalter der Klärung. Punktum. Da bleiben Freiheit der Konstruktion wie Freiheit der Kritik, eben der Klärung des Wahrheitsgehaltes, erhalten. In unserer pluralistisch-multikulturellen Welt geht es nicht an, dass die einen, die Wissen, die andern lehrerhaft darüber aufklären, was vernünftig ist. Kulturen haben das selbe Recht nebeneinander zu bestehen, auch wenn sie auf unterschiedlichen Rationalitäts- oder auch Irrationalitätskonzepten, also z.B. Glauben aufbauen. In der Beurteilung, welche Ordnung nun als Kultur mit Bestandesrecht gilt, und welche Ordnung als störend kritisiert werden darf, kann der Funktionsumfang, die Reichweite dienenen. Eine Funktion die für alle notwendig ist, kann nicht den Status einer Kultur verlangen, muss also nicht von allen toleriert werden. Ein Beispiel dafür ist die Wirtschaftsform. Alle Bewohner eines Staates hängen davon ab, alle dürfen sie also kritisieren oder Aenderungen verlangen. Weder Kapitalismus noch Kommunismus oder sonst irgend ein Ismus der eine Gesamtordnung erstellen will, muss kritiklos angenommen werden. Umgekehrt sollte Kritik nicht in der Herausarbeitung der Differenzen stecken bleiben, sondern nach möglichen Lösungen suchen, die irgendwo zwischen knurrender Toleranz - wohlwollender Akzeptanz und vollem Verständnis liegen können. Die Vielzahl von Lebensstilen, Lebenszielen, Lebensräumen, kurzum Kulturen, muss sich im Dialog verständigen. Sie müssen sich gegenseitig er-klären, was ihr Inhalt und ihre Ziele sind; sie müssen klären - wo sie gegenseitig anstossen, inkompativel sind - sie müssen klären, wie sie miteinander auskommen wollen, da keine je die Gesamtherrschaft über alle Systeme übernehmen wird, zumindest nicht für all zu lange Zeit. Ein Problem entsteht hier natürlich: Kein Mensch kann sich mehr voll einer Kultur hingeben, sich ganz in eine und nur eine Kultur (oder Glauben) integrieren - weil genau dies die notwendige Toleranz, die Anschlussmöglichkeiten an andere Kulturen oder kulturelle Teilbereiche verunmöglicht. Pluralismus verlangt multiple Inklusion - also zugleich optimale Desintegration. Die Postmoderne oder Reflexive Moderne hat sich längst entfaltet, und zwar gerade in der Form der Bürger- oder Zivilgesellschaft. Hier sind nicht nur Ordnung und Kultur möglich, sondern diese auch in Vielfalt, Widerspruch, Kontrapunkt, ja Widerstreit. Könnte sich diese besser organisieren, brauchte es weder einen dominanten Staat noch herrschende Wirttschaftskräfte, welche heute die gesellschaftliche Entwicklung dominieren und kontrollieren. Direkte Demokratie und Bürgerforen hätten eine Chance (zugegebenermassen auch ein erweitertes Risiko zum Umgekehrten) eine sach- und menschen-orientierte Politik zu betreiben stattdauern im Streit der Ideologien zu verharren. *mistisch: Irgendwo zwischen vernebelt und versch...
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Optimale Desintegration ist nur möglich bei optimaler Toleranz. Ein Toleranzartikel in der Bundesverfassung wäre also nicht das dümmste - allerdings sollte er weiter gefasst werden also bloss religiös. |
[Martin Herzog, Basel. Artikel periodisch weiter entwickelt seit Nov. 2003. Letzte Ergänzungen/Beitrag September 2009]