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  1. Definition & Grundlagen
  2. Methode
  3. Vom Denken zum Handeln: Homo sapiens & Homo faber
  4. Topik - das wirksame Argument
  5. Kritik - die Suche nach Wahrheit / Zynismus
  6. Masse und Medien
  7. Argumentation / Komplexe Argumentation

5 Kritik - die Suche nach der Wahrheit

Wenn Leute mit mir übereinstimmen, habe ich immer das Gefühl, ich muss mich irren.

Oscar Wilde

Nichts ist wahr ohne zureichenden Grund
Immanuel Kant

Definition Kritik:

Das Wort Kritik entstammt dem griechischen krinein, das ab-sondern, unter-scheiden, be-urteilen bedeutet. Kritik differenziert (dis-kriminiert) also zwischen wahr/falsch, zutreffend/unzutreffend, angemessen/unangemessen. Kritik ist also immer die Feststellung von Differenzen und bezieht sich immer auf vom Menschen veränderbare Dinge.

Kritik hat also einen praktischen Ursprung der stets auf Veränderung drängt.

  1. empirische Kritik: Kontrolle der Übereinstimmung der Beschreibung mit der Wirklichkeit, der Realität, wie sie sich der Erfahrung zeigt.

  2. immanente Kritik: zeigt Inkonsistenz innerhalb der Beschreibung oder Theorie selbst auf, oder Neben-Folgen, die den postulierten Strukturprinzipien gerade widersprechen

  3. normative Kritik: Vergleich des Seins mit dem Sollen oder Können, also dem Potential, dem erwünschten Ziel - mit dem reell ereichten.

 [Alex Demirovic (Hrsg.): Modelle kritischer Gesellschaftstheorie. Traditionen und Perspektiven der Kritischen Theorie. Verlag J.B: Metzler. Stuttgart, Weimar. 2003. S. 367]

 

3. Gebot des Internet / 1. / 2. /

Unsere Einstellung zu Kritik ist eine seltsame. Du sollst nicht kritisieren – scheint das 1. Gebot gesellschaftlichen Umgangs zu sein. * Keiner will kritisiert werden – aber alle bestehen auf dem Recht auf eine eigene Meinung und eigenem Urteil – wie wenn Kritik nicht gerade DIE Methode wäre, zwischen unterschiedlichen Meinungen und Absichten abzuwägen, zu optimieren und einen eigenen, freien Entscheid zu fällen. Das mag daran liegen, dass Kritik einen Zwang, den zwanglosen Zwang des besseren Arguments (Habermas), oder einen Wettkampf auslöst: Trotz aller Konsensabsicht entwickelt sich die rhetorische Rationalität im Streit der Meinungen, in der parteilichen Auseinandersetzung über Probleme, die kontroverse Stellungnahmen im Regelfall nicht nur zulassen, sondern geradezu erzwingen. Daher gehörte die Rhetorik schon für die Griechen in den Bereich des agon, des kämpferischen Wettbewerbs, den sie in der Sphäre der Rede repräsentierte. Die Berufung auf die gemeinsame Grundlage aller Erfahrungen und des Verhaltens des Menschen als eines auf Gemeinschaftlichkeit hin angelegten Wesens (koinonia, sensus communis) bedeutet keine Unterordnung der Argumente unter ein überpersönliches Prinzip und gleichsam die Vorwegnahme des herrschaftsfreien Diskurses. [Ueding: Moderne Rhetorik S. 113/4:] Bereits in Griechenland galt: Während sich die einen im sportlichen Wettkampf messen, tun dies andere in Musik, Dichtkunst, Tanz und Redekunst.

Definition Kritik.: gr. kritike [techne]  Kunst der Beurteilung und Prüfung. Bewahrt vor Täuschungen und Irrtümern, auch hinsichtlich der eigenen Person. Grundform der Auseinandersetzung mit Handlungen, Handlungsnormen und –Zielen. Nahezu synonym zu Vernunft und Denken. Die aufklärerische Kritik richtet sich gegen den Zwang metaphysischer, religiöser, rechtlicher, politischer oder allgemein gesellschaftlicher Normensysteme und Vorurteile. Ihre Voraussetzung ist die Freiheit zur Infragestellung. Ihr Ziel die Erweiterung der Freiheit. Kritik ist also die Grundbedingung der Demokratie. Durch die Kontrolle von Voraussetzungen, Bezugssystemen, Verfahren und Methoden, durch die Ausschaltung irrationaler Elemente, bildet sich auch die Grundlage von Wissenschaft (Postulat intersubjektiver Überprüfbarkeit), Philosophie, Technik und Kultur. In Kants Kritik der reinen sowie der praktischen Vernunft zeigt sie auch die Grenzen der Vernunft selbst.

Die Worte der Wahrheit widersprechen sich stets.

Truthful words are not beautiful;
beautiful words are not truthful.
Good words are not persuasive;
persuasive words are not good.

Laotse

Unter Aufklärung wird diejenige Geisteshaltung verstanden, die den Menschen als vernünftiges, mündiges, sich selbst bestimmendes Wesen in den Mittelpunkt des Denkens stellt, dessen Grenzen nur durch die Sprache selbst, nicht aber durch Religion, Tradition oder Mythen gesetzt werden. Im Zuge eines neuen Politikverständnisses, das methodisches Handeln im Rahmen der Polis, vernunftkontrollierte Regeln des Zusammenlebens, planvolles und pragmatisches Agieren nach innen und aussen verband, geriet die Rhetorik so zunehmend in die Stellung einer Haupt- und Staatswissenschaft.

Kant, der als Begründer der Wissenschaften und führende Gestalt der Aufklärung berühmt wurde und dem fälschlicherweise oft nachgesagt wird, er habe die Metaphysik überwunden, stellte diese eigentlich ins Zentrum philosophischen Denkens und befreite sie von "übersinnlichen Spintisierereien" - indem er sie rationaler Kritik unterwarf.

Aufklären ist an eine deutliche, verständliche Schreib- und Redeweise gebunden, so dass sich Aufklärung mit der rhetorischen Tugend der Klarheit (perspicuitas) verbindet, der neben Angemessenheit (aptum/decorum) und Sprachrichtigkeit (latinitas) dritten grundlegenden Qualität rhetorischen Sprechens. Erläutern oder Illustrieren führt die zu erklärende Sache auf ihre Prinzipien zurück, die nach allen ihren Teilen auseinander gelegt, wieder zusammengesetzt und beschrieben werden, so dass sie den Zuhörern begreiflich wird (nach: Fabricius 1724).

Im Zeitalter des Internet erhält die Aufklärung vielleicht wieder eine Chance - allerdings muss sie sich gegen Verklärung, Verführung, Verwirrung und Verirrung im selben Medium durchsetzen.

We might remind ourselves that criticism is as inevitable as breathing, and that we should be none the worse for articulating what passes in our minds when we read a book and feel an emotion about it, for criticizing our own minds in their work of criticism.

T. S. Eliot

Rhetorik ist so nach Voltaire auch die Kunst, die Wahrheit zu vermitteln. Sie sieht im Beweis ihre wichtigste Aufgabe. Unter Beweis darf hier nicht der mathematische oder naturwissenschaftlich kausale Beweis verstanden werden, sondern die sorgfältige Abwägung der verschiedenen Einflüsse die zu einer bestimmten Aussage führen. Die Rhetorik der Sophisten etwa vermittelte nicht nur die Fülle der Wissensgegenstände und Worte, übte gegensätzliche meinungshafte Perspektiven, systematische Kontroversreden und dialektische Beratungssituationen - sondern auch die kritische Methode, jede Situation, jedes Problem auf die Interessen zurückzuführen, welche die Menschen in ihrer Lebenswelt praktisch bewegen. (Isokrates (436-338 v. Chr. Konkurrent Platos, setzt Realismus Platos Idealismus gegenüber)

Die Theorie, in der die Wahrheit entspringt, ist die Haltung eines Seienden, das sich selbst misstraut. Das Wissen wird erst zum Wissen einer Tatsache, wenn es gleichzeitig Kritik ist, wenn es sich selbst in Frage stellt.

Emmanuel Levinas: Totalität und Unendlichkeit

Kritik ist auf jeden Fall immer Bestandteil der Rhetorik, denn der Redner hat nicht nur die Aufgabe, sein Thema zu entdecken oder erfinden und wirkungsvoll darzustellen, er muss auch seine Gründe und Schlüsse prüfen und beurteilen. Je nach Herkunft, Nationalität, Geschlecht, Alter, Erziehung, Schicksal, sozialer Stellung, Beruf, Wesensart (Choleriker – Sanguiniker, …)  urteilen Menschen nämlich anders. Wusste diesbezüglich Quintilian noch, dass bei anderen Völkern andere Argumente wirksam sind  … denn auch die Völker haben ihre eigentümlichen Lebensgrundsätze, und dieselben Dinge haben bei einem Barbaren, Römer oder Griechen nicht die gleiche Überzeugungskraft, so Scheint dieses Wissen in den USA nie angekommen, oder verloren gegangen zu sein. Eindrücklich ist hier auch die Schilderung von Doderers zum lebenslangen Einfluss der Bildung: Erziehung und Ausbildung sind entscheidende Faktoren für bestimmte Verhaltensweisen: Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.   [Mehr Details dazu s. Topik]

Martin Herzog, Rheinfelden, 21.04.03

Idol, Ideologie, Ideologiekritik

Sam Brown's Law:

Never offend people with style when you can offend them with substance.

Idole haben zwar nichts mit Ideologien zu tun, aber sie passen hier grad so schön rein in den Satz. Idole (gr. eidolon: Bild) sind sind Trugbilder, Götzenbilder, falsche Ab- und Vorbilder. Ideologie ist die Lehre von den Ideen - an und für sich also nichts schlechtes. Das Problem mit ihnen ist, dass sie Interpretationsmuster und Sinn vorgeben, also das freie, selbständige Denken behindern. Ideologien zeichnen sich dadurch aus, dass sie von Interessen und Zwecken ihrer Urheber und Förderer geleitet sind. Deshalb braucht es die Ideologiekritik, die die eigentlichen Inhalte wieder freilegt und eine offenere Zuordnung zu Sinn oder Unsinn ermöglicht. Ideologien finden sich nun allerdings nicht nur bei Religionen und Pseudoreligionen (Scientology z.B.), nicht nur bei Politik und faschistoiden politischen Randgruppen, sondern, man staune, auch in der Wissenschaft, wo doch jeder Professor sein Gärtchen pflegt, als sprosse die Welt aus seinem Garten, und nicht sein Garten in der Welt. Hier war es und ist es äusserst wichtig, sich nicht dieses Gärtchendenken bei der Interpretation und insbesondere bei der Anwendung von "wissenschaftlichen" Resultaten überstülpen zu lassen, sondern beim philosphisch-offenen Fragen zu bleiben und ganz ungehemmt zu fragen: warum? wieso? wie? wer? wann und wo? Die wissenschaftliche Begründung des wie lässt nämlich meist alle andern Fragen offen. Solche Ideologiekritik ist insbesondere bei den so genannten Handlungswissenschaften angebracht, also bei der Ökonomie, Soziologie, Politologie und bei den angewandten Wissenschaften wie den Ingenieurswissenschaften. (s. dazu auch: System der Wissenschaften Was heisst wissenschaftlich?) Ähnliches gilt aber auch für den Umgang mit Betriebsgeist (oft hinterlistigerweise als Firmenphilosophie bezeichnet), Familiengeist, Klassengeist und andern Ungeistern, die darauf angelegt sind, selbständiges Denken zu verhindern. Am kritischsten sind zur Zeit die Ideologien, die, als Philosophie getarnt, die Massenmedien beherrschen. Lesen Sie mal die WOZ, den Tagi, die Weltwoche (oder die Aargauer Zeitung). Sie erhalten doch den Eindruck, dass hier über 3 verschiedene Welten geredet wird, nicht über die eine, auf der wir leben. Es handelt sich aber nicht um andere Welten, sondern nur um andere Interpretationsmuster, unterschiedliche Perspektiven, die den Lesern angeboten werden. Aus diesem Grund sind monopolnahe Medienriesen ungedingt zu verhindern, denn diese bestimmen, wie früher die Kirche, wie wir die Welt sehen sollen.

Die Ideologiekritik ist, wie die Hermeneutik oder die Diskursanalyse, ein Interpretationsansatz der Humanwissenschaften.


Die Ideologiekritik geht davon aus, dass die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität durch Ideologien verdeckt wird. Der Ansatz der Ideologiekritik will somit den Blick für die "wahren" Verhältnisse frei machen, indem er die verblendende Ideologie als solche benennt.

http://evakreisky.at/onlinetexte/nachlese_ideologie_ideologiekritik.php

Kritik ist insbesondere dort angesagt, wo die heilige Dreifaltigkeit des Menschen als denkendem Homo sapiens, als schaffendem Homo faber und als spielerisch-kreativem Homo ludens auf die Einfalt des Homo oekonomicus reduziert werden soll. Kritisch gilt es sich heute auch gegenüber Bildern zu verhalten, da sich diese mit moderner Software beliebig gestalten lassen womit sie beliebige Aussagen machen können. (s. Varianten Obertorturm Rheinfelden).

 

Georg Müller-Christ: Verstetigung von Kooperation im Nachhaltigkeitskontext durch Widerspruchsmanagement.

Widersprüche an sich sind jedoch nicht negativ oder unerwünscht. Die konstruktive Kraft von Widersprüchen wurde schon in der Hegelschen Dialektik zum Programm gemacht. Widersprüche führen nämlich zu Bewegung und Veränderung:  .... <Die positive Kraft der Widersprüche entsteht durch den Grundsatz der Widerspruchslosigkeit. "Die alleinige Kraft, die die dialektische Entwicklung vorwärts treibt, ist deshalb unser Entschluss, den Widerspruch zwischen Thesis und Antithesis nicht zu akzeptieren bzw. nicht zu dulden.> (Popper)

Eine negative Kraft entsteht durch Widersprüche, wenn in Entscheidungsprozessen die Widersprüche nicht durch ein geeignetes Konflikt- oder Widerspruchsmanagement bewältigt werden. Die destruktive Wirkung wird dann hervorgerufen, wenn Widersprüche zu Interessengegensätzen werden - also personifiziert auftreten - und inadäquat durch Macht oder vorschnelle Kompromisse wegdefiniert werden.

Kritik als Widerspruch:

Der unterschiedliche Umgang mit Widersprüchen (der häufigsten Ursache von Kritik) im Osten und im Westen

Das asiatische Verständnis von Harmonie ist nicht auf Widerspruchsfreiheit angelegt. Fundiert durch den Zen-Buddismus stellt sich Harmonie dann ein, wenn bei Benennung und Bearbeitung eines Pols eines Dilemmas der Gegenpol jeweils mit genannt wird. (s. Spencer-Browns Gesetz der Form) Harmonie im asiatischen Verständnis ist demnach ein souveräner Umgang mit den gegensätzlichen Polen eines Spannungsfeldes. Diese Harmonie kann einen spannungsgeladenen Zustand aushalten.

Ganz anders ist dies im europäischen Raum. Hier wird die Harmonie als Widerspruchslosigkeit ausgelegt. Diese kann jedoch nur dann entstehen, wenn ein Pol des Spannungsfeldes derart überbetont wird, dass der logische Gegenpol in den Hintergrund tritt und nicht länger beachtet wird. Der bei uns so geschätzte "Goldene Mittelweg" vernichtet dieses produktive Spannungsfeld. Es sind aber die Spannungsfelder die Energie liefern.

Arten des Ausbalancierens von Widersprüchen:

  1. Die goldene Mitte: Das Pendel wird einmalig auf die Mitte hin austariert. Beide Pole werden gleichzeitig und gleichrangig verfolgt. Widersprüche sind damit faktisch lösbar. > Konkordanzsystem

  2. Das Auspendeln: Die Pole werden jeweils abwechselnd berücksichtigt. Das Pendel schlägt gleichmässig hin und her. Widersprüche sind somit nicht lösbar. > Oppositionssystem.

  3. Das Pendeln in der Mitte: Unter der Annahme, dass es in der Mitte des Kontinuums zu Komplementaritäten zwischen den Gegensätzen kommt, soll eine dynamische Balance in der Mittelzone gehalten werden. Die Extrempositionen sollen gemieden werden. Im Kontinuum zwischen den Extrempositionen gibt es somit Win-Win-Situationen.

  4. Zweidimensionales Kontinuum: Die Gegensätze werden nicht als Endpunkte einer Linie verstanden, sondern als jeweilige Ausgangspunkte eigener Linien. In diesem Verständnis können die Gegensätze gleichzeitig verfolgt und gleichrangig gesteigert werden.

Problem: All diese Konzepte basieren auf einem dualen System, gut-böse, schwarz-weiss Position-Opposition - tertium non datur. Die Welt ist aber meist komplexer.

Bewältigungsformeln für das Ausbalancieren zwischen den Polen:

  1. Negation: Der Gegensatz oder Widerspruch wird einfach ignoriert. Eine beliebte Lösung die aber keine ist. Beispiel: Der Widerspruch zwischen Wirtschaftswachstum und Umwelt wird so "gelöst", dass Umweltschutz zur Effizienzsteigerung und zum Wachstum beitragen (s. Oekoeffizienz, die sparen hilft). Im sozialen Bereich zeigt sich die Formel Negation in der Schweiz grad auf übelste Art, da unser Justizminister, applaudiert von seiner Partei, die Menschenrechte und alles was von ausserhalb der nationalen Volksgruppe kommt gleich negieren will. Denn jeder <rechte> Bürger soll wohl das Recht haben, einem fremden Fötzel eins aufs Maul zu hauen. Hier wird durch Negation, durch manipulierte Ignoranz dem Populismus mit seiner willkürlichen Demokratur Platz gemacht.

  2. Kompromiss: die bekannteste und problematischste Form der Bewältigung von Widersprüchen. Philosophisch betrachtet bedeutet er den Abbruch der Reflexion

  3. Abstraktion: Versucht konkrete Probleme, Widersprüche in einen grösseren Rahmen zu stellen, der auch breitere Interpretations- und Lösungsspielräume bietet.

  4. Sequenzialisierung: Die Probleme werden jeweils dann angegangen, wenn sie auftreten, also wenn das Pendel Extrempositionen erreicht hat. So wird die Frage nach Sinn und Zweck des Pendelns natürlich nie beantwortet - aber dennoch das Pendel bei jedem Ausschlag neu angestossen.

Im Bereich Natur-Gesellschaft-Wirtschaft haben wir aber gerade 3 Kräfte, die das Pendel am Schwingen halten:

  1. Vertreter der Umweltschutzgruppen setzen auf die Eigengesetzlichkeit der Natur, Reduzierung der Emissionen, Schonung der natürlichen Ressourcen, Rücksicht auf Oekosysteme und die natürliche Entwicklungsdynamik derselben (wenn sie die kennen, was auch bei Umweltschutzfachleuten nicht immer der Fall ist, insbesondere wenn es sich um langfristige Vorgänge handelt wie im Wald).

  2. Vertreter der Sozialinstitutionen setzen sich für die Eigengesetzlichkeit der menschlichen Entwicklung ein. Sie kämpfen für gerechte Verteilung der Möglichkeit, die Grund- und Schutzbedürfnisse befriedigen zu können.

  3. Vertreter der Wirtschaft setzen auf die Verfolgung der Eigengesetzlichkeit des Marktes. Sie kämpfen für produktions- und absatzfreundliche Rahmenbedingungen (auch wenn diese zu Lasten von Natur und Gesellschaft gehen ...) und versuchen die Kosten tief zu halten (was eben Externalisierung immer grösserer Unterhaltskosten für Umwelt und Gesellschaft bedeutet).

Müller-Christ sieht die Lösung solcher Konflikte vor allem als Lernprozess, der ebenfalls pendelt zwischen Ueberkomplexität und -Kompliziertheit und Orientierungslosigkeit/Simplifizierung.

 

Hätten wir selbst keine Fehler,

machte es uns nicht so viel Vergnügen,

bei andern solche zu bemerken.

François de La Rochefoucault

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p.s: Kritik ist natürlich NICHT die Sprache der Beziehung, sondern eben, die Sprache der Wahrheit. Die Sprache der Beziehung sind die Gefühle, eine äusserst komplexe und schwierige Sprache, besonders da sie sich nicht der Worte bedient, geschweige denn der Logik.

*

Ein Kritiker ist eine Henne, die gackert,
wenn andere legen.
(Giovanni Guareschi, ital. Schriftsteller, 1908-1968)

Dale Carnegies erwähnt dies in seinem Bestseller How to win friends and influence people (1937) als 1. Grundregel des Umgangs mit Menschen:

  1. Kritisieren, verurteilen und klagen Sie nicht.

  2. Geben Sie ehrlich und aufrichtig Anerkennung.

  3. Wecken sie in andern lebhafte Wünsche.

Sechs Methoden sich beliebt zu machen:

 
  1. Interessieren Sie sich aufrichtig für die andern.

  2. Lächeln Sie.

  3. Vergessen Sie nie, dass für jeden Menschen sein Name das schönste und wichtigste Wort ist.

  4. Seien Sie ein guter Zuhörer. Ermuntern Sie andere, von sich selbst zu sprechen.

  5. Sprechen Sie von Dingen, die den andern interessieren.

  6. Bestärken Sie den andern in aufrichtiger Weise in seinem Selbstbewusstsein.

Das Problem der Kritik ist es also, diese so anzubringen, dass sie nicht am Selbstbewusstsein des Dialogpartners nagt, sondern als sachliche Kritik angenommen werden kann, wobei es sicher hilft, die andern 7 Punkte zu berücksichtigen. Oft wird man allerdings nicht umhin kommen zu entscheiden, ob es wichtiger ist sich beliebt zu machen ... oder der Wahrheit auf die Sprünge zu helfen. Charles M. Savage [in: 5th Generation Management: Kreatives Kooperieren durch virtuelles Unternehmertum, dynamische Teambildung und Vernetzung von Wissen. vdf, ETH 1997. S. 238]:

Im Zeitalter des Wissens ist man nicht unbedingt "nett" zueinander. Wichtiger ist, dass ein ehrlicher und offener Dialog über die wirklich anstehenden Probleme, Muster, Herausforderungen, Technologien und Marktchancen des Unternehmens geführt wird. ... Wenn Mitarbeiter die Unternehmensvision verstehen, dann nur deshalb, weil Offenheit und Ehrlichkeit herrscht. Wenn das Unternehmen lernt, aus seinen Erfahrungen zu lernen, dann nur deshalb, weil es ein Interesse an den Gedanken und Vorstellungen seiner Mitarbeiter hat und nicht nur Eigeninteressen verfolgt.

Präzise aus der entgegen gesetzten Ecke kommen die Zyniker, bei denen die Kritik zuerst, Respekt für Kultur, Tradition und Gebrauch zuletzt, kommt.

Eine heute noch brauchbare Empfehlung betr. eines ergiebigen Gespräches gibt Immanuel Kant, der immer in Gesellschaft speiste:

So bleiben Sie unangreifbar:

Nie einmischen
Spielen Sie ganz allein die drei Affen, die nichts hören, sehen, sprechen.

Keine Meinung haben
Als Ersatz können Sie ja die des Chefs teilen

Keine Blösse geben
Ziehen Sie zur Not den Ostfriesennerz über die Seele, da perlt alles wunderbar ab.

Angriffe parieren
Schwanz einziehen und auf den Rücken legen hilft meistens. Jaulen kommt schlecht an.

Vorausdenken
denn vorauseilender Gehorsam bringt sie weiter auf der Karriereleiter

Falls alles nichts nützt:
Legen sie die Arbeit komplett nieder. Denn wer nichts tut, macht keine Fehler. Und wer keine Fehler macht, kriegt keinen Rüffel.

[Handelszeitung Nr. 30. 25-20- Juli 07. S. 20]

Die Regeln eines geschmackvollen Gastmahls, das die Gesellschaft animiert, sind:

  1. Wahl eines Stoffs zur Unterredung, der Alle interessiert und immer jemanden Anlass gibt, etwas schickliches hinzuzusetzen.

  2. Keine tödliche Stille, sondern nur augenblickliche Pause in der Unterredung entstehen zu lassen.

  3. Den Gegenstand nicht ohne Not zu variieren und von einer Materie zu einer anderen abzuspringen: weil das Gemüt am Ende des Gastmahls wie am Ende eines Dramas (dergleichen auch das zurückgelegte ganze Leben des vernünftigen Menschen ist) sich unvermeidlich mit der Rückerinnerung der mancherlei Akte des Gesprächs beschäftigt; wo denn, wenn es keinen Faden des Zusammenhangs herausfinden kann, es sich verwirrt fühlt und in der Cultur nicht fortgeschritten, sondern eher rückgängig geworden zu sein mit Unwille inne wird. - Man muss einen Gegenstand, der unterhaltend ist, beinahe erschöpfen, ehe man zu einem anderen übergeht, und beim Stocken des Gesprächs etwas Anderes damit Verwandtes zum Versuch in die Gesellschaft unbemerkt zu spielen verstehen: so kann ein einziger in der Gesellschaft unbemerkt und unbeneidet diese Leitung der Gespräche übernehmen.

  4. Keine Rechthaberei weder für sich noch für die Mitgenossen der Gesellschaft entstehen oder dauern zu lassen: vielmehr da diese Unterhaltung kein Geschäft, sondern nur Spiel sein soll, jene Ernsthaftigkeit durch einen geschickt angebrachten Scherz abwenden.

  5. In dem ernstlichen Streit, der gleichwohl nicht zu vermeiden ist, sich selbst und seinen Affect sorgfältig so in Disziplin zu erhalten, dass wechselseitige Achtung und Wohlwollen immer hervorleuchte; wobei es mehr auf den Ton (der nicht schreihälsig oder arrogant sein muss), als auf den Inhalt des Gesprächs ankommt: damit keiner der Mitgäste mit dem anderen entzweit aus der Gesellschaft in die Häuslichkeit zurückkehre.

Aus Kants Empfehlungen können wir noch zwei wichtige Schlüsse ziehen:

  1. Ob Argumente verletzen oder nicht liegt oft mehr an der Art und Weise wie sie vorgetragen werden, als am Inhalt.

  2. Eine gesellschaftliche Unterhaltung ist kein Geschäft, also ungeeignet zur argumentativen Wahrheitssuche .... könnte man denken. Wenn man allerdings bedenkt, dass Platon einen grossen Teil seiner Werke als Dialoge eines Gastmahles gestaltet hat, könnte man eben so gut daraus schliessen, dass es vielleicht geschickter wäre, manche Kontroversen bei einem geselligen guten Male - und eher spielerisch - auszutragen.

  3. Meinungen, ja sogar Wissen, hängt immer von der Perspektive ab.

Je komplexer eine Gesellschaft, desto vielfältiger die Perspektiven, um so grösser also die Notwendigkeit, trotz der Unterschiede der Ansichten und Argumente, die Achtung vor dem Menschen selbst nicht zu verlieren, seine Würde nicht auf Grund (meist berechtigter) unterschiedlicher Sichtweisen der Dinge selbst anzutasten.

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p.s: Wie das Weihnachtskind Kritik erweckte:

1961 oder 62, anlässlich der Weihnachtsfeier am Kindergarten, wurde das Fest vorbereitet, eine grosse Tanne festlich geschmückt, worauf sich Kinder und Eltern in den Vorraum begaben, um die Bescherung abzuwarten. Ich war, aus welchem Grund weiss ich nicht mehr, noch in der grossen Halle mit dem Christbaum, als ein Licht über Wand, Decke und Baum flog. Voller Begeisterung rannte ich raus zu Eltern und Kindergärtnerin, um ihnen zu erzählen, ich hätte das Christkind gesehen. Verdatterte Gesichter (Wieder einer durchgedreht ...), Ungläubigkeit: Das war vermutlich bloss das Licht eines Autoscheinwerfers.  Kann ja sein, ist ja vermutlich so, aber wenn einem erst alle Erwachsenen dauernd vom Christkind erzählen, und dann so deutlich wird, dass eigentlich keiner dran glaubt, dann wird sogar einem Fünfjährigen klar, dass hier irgend was nicht stimmt. Man kann daraus also nur schliessen: Je inbrünstiger einem etwas vorgebetet wird, desto kritischer sollte man es hinterfragen. ... Und wer heute am inbrünstigsten Glaubensgrundsätze vorbetet in unserer Kultur, sind längst nicht mehr die Priester, sondern die Ökonomen. Und da man bereits Fünfjährige nicht mehr mit Geschichten täuschen kann, an die man selbst nicht glaubt ...