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Die sieben unentbehrlichen Kennzeichen von Argumentation sind [s. van Eemeren]:
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Abgesehen davon, dass die meisten Argumentationen schon dort scheitern, wo die erste Kritik geäussert wird, weil diese als persönliche statt als sachliche Kritik aufgenommen wird; abgesehen davon dass Menschen in der mehr an ihrer eigenen Meinung und deren Durchsetzung interessiert sind - als argumentativ die Gültigkeit ihrer Meinung erst zu belegen, besteht ein eben so wichtiges Defizit in Theorie und Praxis der Argumentation. Es ist der Bereich der komplexen Argumentation. Während es Bibliotheken voller Literatur gibt zu den sozialen Aspekten der Argumentation (notwendige Trennung von persönlichen und sachlichen Aspekten, s. www.colorado.edu/conflict/peace/example/fish7513.htm) sowie zum Thema des harten decision making, das per Matrizenrechnung aus falschen Annahmen präzise Ergebnisse bis auf die zehnte Stelle nach dem Komma berechnet, gibt es offensichtlich erst wenig Überlegungen dazu, wie argumentativ, wirtschaftlich und politisch mit der zunehmenden Komplexität umzugehen ist. Der Notwendigkeit, diese zunehmende Komplexität verständlich zu machen steht eine abnehmende Spanne der Aufmerksamkeit beim Publikum gegenüber, um die Medien, Wirtschaft und Politik kämpfen. Die Botschaften werden notgedrungen immer kürzer. Zeitungen beschränken den Umfang ihrer Botschaften auf 2 bis 3000 Zeichen, Maximum 10 – 12'000. Im Internet soll mit nicht mehr als 500 Worten auf einer Bildschirmseite ein kompletter Sachverhalt erklärt werden. Der Besucher soll weder scrollen noch klicken müssen, keine langen Listen durchsuchen müssen, überhaupt nicht suchen müssen, sondern direkt finden, am besten schon bevor sie selbst wissen, was sie überhaupt suchen ...
Entgegen den Anforderungen einer komplexen Gesellschaft, wird der öffentliche Diskurs immer trivialer. Schlagworte regieren. Um Gefolgschaft zu schaffen wird auf klare Botschaften gesetzt, ja – nein, pro – kontra, schwarz – weiss.
Sogar in den Wissenschaften, deren täglich Brot eigentlich die Bewältigung von Komplexität ist, herrscht eine Tradition des Denkens in Maschinenmodellen. Noch immer wird auch dort Komplexität auf einfache wenn-dann-Logik (Naturwissenschaften) und um-zu-Mechanik (Sozialwissenschaften, Ökonomie) reduziert.
Diese einfachen Schemata wie Freiheit (Wirtschaft) – Zwang (Staat), Konsens (Gehorsam, Einordnung)– Konflikt (Dialog, Streit, Argumentation), Effizienz (Wirtschaft) – Partizipation (Politik), Individuum (Kapitalismus) – Gesellschaft (Sozialismus), können als einfache Schlagworte die Komplexität nicht abbilden. Feinheiten, Alternativen, Wechselwirkungen gehen dabei unter. Je differenzierter, vielschichtiger und verwickelter Gesellschaften werden, desto wichtiger wird es, diese Komplexität wahr zu nehmen und nicht künstlich zu reduzieren.
Der Sozialismus hat auf die exorbitanten Folgeprobleme und Folgekosten der Industrialisierung (Verelendung, Landflucht, Proletarisierung, Entfremdung, gesellschaftliche Ungleichheit …) mit der Umkehrung der Komplexitätsverhältnisse geantwortet, und wollte die Teilsysteme bewusst planen. Überbordende Komplexität wurde durch Vereinfachung und Trivialisierung bekämpft, was offensichtlich nicht funktioniert. Der Untergang des Sozialismus hat aber nicht zu einer Lösung, sondern wieder zu einer Verstärkung dieser Probleme geführt.
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Crossman's Misquote: Complex problems have simple,
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Subjektivierung, Pluralisierung, Prozeduralisierung, Verwissenschaftlichung, Reflexivierung – und insbesondere Demokratisierung führen zu erhöhtem Bedarf an Argumentation. Nur über diese lässt sich der wachsende Kooperationsbedarf der Gesellschaft sichern. Noch wichtiger ist das Zusammenspiel von informeller Meinungsbildung in der Gesellschaft und formeller Willensbildung der Politik, weil kein anderes Teilsystem, insbesondere nicht die freie Wirtschaft, kollektiv bindende Entscheidungen herstellen kann – die aber insbesondere für die Erhaltung und sichere Versorgung mit kollektiven Gütern (Luft, Wasser, Infrastruktur, Bildung, Gesundheit, Sicherheit … Wald) notwendig sind.
Peter Gross hat unsere Gesellschaft als Multioptionsgesellschaft bezeichnet. Je mehr Optionen aber bestehen, desto mehr Abstimmungsbedarf herrscht. Abstimmung geschieht, indem Beteiligte und Interessierte miteinander reden, Interessen artikulieren, argumentieren, Entscheidungen begründen und rechtfertigen. Da Freiheit, die freie Wahl, immer die Freiheit anderer beinträchtigen kann, bedarf sie der Rechtfertigung und insbesondere auch der Übernahme von Verantwortung – um die sich die freie Wirtschaft so gerne drücken würde.
Antony Giddens hat aus diesem Grund schon lange vorhergesehen, dass zur Bewältigung dieses enormen Abstimmungsbedarfs die Gesellschaft von innen politisiert wird … oder vielleicht besser: politisiert werden sollte, denn offensichtlich hat ein grosser Teil null Bock sich mit komplexen Problemen einer multiwhatsoever-Gesellschaft auseinander zu setzen und folgt lieber einfachen Slogans oder Werbesprüchen - und geht shoppen.
Die starke Zunahme interner Differenzierung, die Vielzahl an Strukturen und Funktionen die unsere Gesellschaft bilden, führen dazu, dass heute viel mehr Welt und Umwelt vom vom Menschen beeinflusst oder gar gestaltet werden kann. Mit der Zunahme der Machbarkeit nimmt aber auch die Verantwortung zu – und die Gnade des Hinnehmenmüssens oder -dürfens, welche Muslime durch inshallah ausdrücken.
Hat Kant sich noch gefragt: Was können wir wissen – so änderte sich diese Grundfrage der Wissenschaft und Philosophie bereits mit Nietzsche zu: Was und wie müssen wir erkennen, um überhaupt überleben zu können? Nach Nietzsche ist der Zugang zur Welt nicht epistemisch sondern rhetorisch. Der Kampf zwischen Meinungen ein Kampf um jeweils durchsetzungsfähige Beschreibungen von Welt und so Zugänglichkeit von Welt. [s. Kopperschmit] Während die Wirtschaft schon lange nach dem Prinzip verfährt, verharren die Wissenschaften immer noch im Glauben der Aufklärung, dass richtiges Wissen von alleine zu richtigen Handlungen führe. (s. Vom Denken zum Handeln).
Zunehmende Komplexität einer Gesellschaft wäre relativ leicht zu bewältigen, wenn nicht verschiedene Teilsysteme ganz eigene Ordnungen, Sprachen und Steuersysteme besässen. Hier nur eine Auswahl von zwei davon, Wirtschaft und Wissenschaft.
Ökonomie beeinflusst unser tägliches Handeln weitaus stärker als Politik oder gar Wissenschaft … von Philosophie, als Suche nach Weisheit, mal ganz zu schweigen. Je nach zu Grunde liegender Hypothese (Ob das was mit zu Grunde richten zu tun hat?) entstehen recht unterschiedliche Gesellschaften. Während des Merkantilismus galt Arbeit als der wichtigste Produktionsfaktor – und es entstand die Idee der Steigerung, des Wachstums – die damals einerseits über Bevölkerungswachstum und Eroberungen geziehlt angetrieben wurde, andererseits durch die Förderung der Industrialisierung. Für die Physiokraten hingegen war der wichtigste Produktionsfaktor das Land, das es auszudehnen und möglichst gewinnbringend zu nutzen galt. Da diese Idee bereits dem Feudalismus zu Grunde lag, ist sie eigentlich die ältere.
Erst Adam Smith erkannt dann die Bedeutung des Kapitals (s. Kapitalismus). Kapital- und Geldtheorie wurden zu den wichtigsten Elementen der modernen Ökonomie. Der einzige Oekonom der diese Zentralität ernst nahm und die Oekonomie als autonomes Funktionssystem abschaffen wollte war Karl Marx.
Heute dominiert die Logik des Geldes, der preisgesteuerten Zahlung, alles. Für Politik und Internventionen scheint kein Raum mehr. Auch die Faktoren Boden und Arbeitskraft werden überflüssig, je weniger Tausch und Zahlungsfähigkeit von Landnutzung und menschlicher Arbeitskraft abhängen.
Die Logik preisorientierter Zahlungen nimmt keine Rücksicht darauf – und sie kann es auch gar nicht - , dass Menschen arbeiten „wollen“ oder Arbeit brauchen oder dass Regionen mangels produktiver Nutzung veröden.
[s. Willke II S. 253]
Tatsächlich ist das Problem noch schlimmer. Die Reduktion auf "maximale Konkurrenz - billig Produzieren" z.B. ist nicht nur der Gesamtwirtschaft abträglich, sondern vermag offenbar nicht einmal den Bedürfnissen der Betriebswirtschaft zu genügen. (s. Agrarplattform). Das Teilsystem Wirtschaft dominiert durch sein Steuermittel Geld heute über Politik und Gesellschaft. Hier liegen verschiedene Probleme begründet:
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Ein Grossteil organisatorischen Verhaltens, Entscheidungen eingeschlossen, besteht mehr aus dem Befolgen von Regeln als dem Abschätzen von Konsequenzen. James March 1990 |
Wird die Logik eines Teilsystems dem Gesamtsytem übergestülpt, führt die bei andern Teilsystemen und somit beim Gesamtsystem zu Fehlfunktionen. Ökonomische, politische, wissenschaftliche, soziale, religiöse, künstlerische … Vernunft müssen gleichzeitig angewandt werden. Zu viel Schaden wurde und wird durch die Trivialisierung lebender und sozialer Systeme angerichtet. [nach Willke II S. 64)
| Ich werde
Ihnen meine Sache so einfach wie möglich erklären, aber nicht einfacher. Albert Einstein |
Der Gegensatz von wahr ist heute also nicht nur falsch, sondern, viel häufiger, eine zu einseitige Betrachtung. An Stelle einer, der Komplexität des Gegenstandes angemessenen, komplexen Argumentation finden wirt viel häufiger die Collage oder gar den Konfetti-Dialog.
Collage: Die zur Ideologie oder Absicht passenden Argumente werden geschickt zusammengeklebt, Widersprechendes ausgeklammert oder rabulatorisch niedergemacht. Dieser Dialog ist im Gegensatz zum Konfetti-Dialog strukturiert, allerdings weniger im Sinne einer Wahrheitsfindung, sondern eher im Sinne einer populistischen Überzeugungswirkung. Im Gegensatz zur ebenfalls wirkungsorientierten rhetorisch geplanten Rede, wird bei der Collage wenig Gewicht auf die Unterscheidung von Meinung, Wissen, Halbwahrheiten und Behauptung gelegt. Ungeschlagener Meister dieser Kategorie ist zur Zeit Herr Blocher von der SVP. Demnächst (heute ist der 28.11.03) verteilt der gnädige Herr von Herrliberg und Ems ja wieder sein Weihnachtspamphlet als milde Gabe an die Schweizer Haushalte. Die Schweizer Intelligenzia wird wieder rote Köpfe kriegen, aber nur wenig Anhaltspunkte finden, wo und wie sich das Dinge denn angreifen liesse. Und hier präzise liegt der Unterschied zwischen Philosophie und Wissenschaft auf der einen Seite, der Seite derjenigen die nach Wahrheit suchen, und der Propaganda. Diese Pamphlete haben die Konsistenz von Zuckerwatte, sie lassen sich weder fassen noch festnageln, sie sind ein wortreich-klebriges Nichts, in dem sich jede Kritik verfängt ... oder mit einem ja aber zugepappt wird. Gummi statt Argumentation. [Korrektur: Das Dokument ist uns entgangen. Blocher versucht zur Zeit den Wandel vom Ankläger zum Staatsmann.]
Die Collage in ihrer verfeinerten Form (rein heuristisches Argumentieren gegen Logik) ist eine der fiesesten Methoden der Rabulistik. Selbst wehrt man sich gegen jegliche "Voreingenommenheit", gegen Prinzipien, gegen jegliches Festgelegt-Werden, also gegen Strukturen des Denkens wie sie in Wissenschaft und auch Philosophie (zumindest in der Form der Logik) zwingend sind. Vom Gegenüber wird allerdings strenge Logik und Beweisführung erwartet. Dem ernsthaften Argumentator bleiben also primär folgende Auswege:
In den Wissenschaften nennt sich diese viel beliebte Art der "Synthese" die Buchbindersynthese, die ein Sammelsurium von Beiträgen meist recht unvermittelt zu einem Volumen zusammenpappt. Diese werden gerne als "Resultat" von Kongressen, Symposien und dergleichen herausgegeben.
Nahtlos ist hier allerdings der Uebergang zum Strukturalismus.Die wichtigsten Unterschiede liegen allerdings darin, dass der Strukturalismus das Konzept der Struktur offen legt, diese Struktur selbst als Provisorium, als Theorie auffasst - die es zu widerlegen gilt.
Konfetti-Dialog: Platt, bunt, unstrukturiert - aber bunt serviert. Eine beliebige Vermischung von Meinungen, Lügen und Wahrheiten, was man auch als Gebrabbel bezeichnen könnte, füllt heute täglich viele Stunden am Fernsehen. Achten Sie sich mal bei Stammtischrunden, Kaffeekränzchen, Talk-Shows - aber auch Vereinssitzungen etc. wie hier jeder irgend was sagt, das wichtig tönt, aber keinerlei Beziehungen zu dem hat, was von andern gesagt wird. Oft widerprechen sich sogar die Aussagen der selben Person, im Extremfall bereits die in einem Satz zusammengefügten Aussagen. Gebrabbel ist nicht auf Kinder beschränkt, es nimmt auch mit der Sturheit des Alters und der Position zu: Ich habe meine Meinung! So ist es! Ich sag's, wie's ist! Dies sind die besten Voraussetzungen für einen bunten aber ergebnislosen Konfettidialog.
Jeder sieht die Welt mit seinen eigenen Augen, aus seiner eigenen und damit notwendigerweise begrenzten Perspektive. Dies ist kein Problem. Es wird erst zu einem, wenn Einzelne, eher auf Grund ihrer Bekanntheit als durch Argumente begründet, ihre begrenzte Weltanschauung zur leitenden Ansicht von Mehrheiten machen.
Man kann (und muss oft) diese Art von Gesprächen allerdings positiver betrachten, zieht man in Betracht, dass er eine andere Funktion hat als die Wahrheitssuche. Konfettidialog, auch Palaver genannt, ist die Grundlage von Sozialisierung. Der platte, bunte und spielerische Umgang mit Informationen, Meinungen, Hypothesen und z.T. abstrusen Behauptungen erlaubt ein spielerisches gegenseitiges verbales Abtasten und Kennen Lernen. Darum darf man sich darüber nicht zu sehr nerven. Allerdings sollten in Diskussionsforen die Kanäle für sachliche Mitteilung und socialising besser getrennt werden. Man darf allerdings die Ergebnisse solcher Dialoge nicht mit denen einer systematischen Wahrheitssuche und Argumentation verwechseln.
In der Politik sollte man diese Dialogformen allerdings nicht all zu leger nehmen, denn eigentlich werden hier Denkfehler, die traditionell zum Problembereich der Psychologie gehören, in "normalen" Denkformen verwandelt, die "Gläubigen" also quasi in den Wahnsinn getrieben.
Der Beitrag scheint hier vielleicht leicht deplaziert, ist aber hier gelandet, weil Alkoholeinfluss zum selben Resultat führen kann, nämlich zu Konfettidialog und Collage, hier allerdings mit dem Fachbegriff <Konfabulation> bezeichnet:
Alkoholkonsum beeinträchtigt Gehirn und Nervensystem. Schon bei einzelnen Räuschen treten Gedächtnislücken („Filmrisse“) auf. Langfristig bilden sich chronische neuropsychologische Defizite in den Bereichen Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis, Lernfähigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen, Zeitwahrnehmung und Problemlösungsstrategien. Dazu kann es zu sozialen Störungen wie dem alkoholischen Eifersuchtswahn und zu sexuellen Deviationen kommen.
1 Flasche Schnaps = 125 Franken
1 Flasche billiger Rotwein = 36 Franken
1 Bier = 7 Franken
http://www.forel-klinik.ch/68_alkoholismusfakten.html
In Deutschland werden pro Jahr etwa 40 000 Alkoholtote gezählt, laut Statistik sind 2,5 Millionen Menschen alkoholabhängig und 600 000 bis 1 Million gelten als Alkoholiker. Damit ist der Alkoholkonsum die drittgrößte vermeidbare Todesursache - nach dem Rauchen und den Folgen von falscher Ernährung und Bewegungsmangel. Neben den Süchtigen fordert der Alkohol auch indirekte Opfer: Verkehrstote wegen Alkohol am Steuer und Kinder mit alkoholbedingten Mißbildungen, vor allem weil die Mutter Trinkerin war.Im Vordergrund des nach Korsakow benannten Syndroms stehen Störungen des Gedächtnisses, im medizinischen Sprachgebrauch als Amnesien bezeichnet. Dabei kommt sowohl das Vergessen alter Gedächtnisinhalte (Retrograde Amnesie) als auch die Unfähigkeit, sich neu Erlebtes zu merken (Anterograde Amnesie), vor. Charakteristisch hierbei ist, dass meist eine ausgeprägte anterograde Amnesie vorliegt und alte Erinnerungen relativ unbeeinträchtigt bleiben. Die Merkfähigkeitsstörung kann so ausgeprägt sein, dass es dem Patienten nicht möglich ist, sich Sachverhalte selbst für Sekunden einzuprägen. Des Weiteren verdecken die Patienten unbewusst oft ihre Erinnerungslücken an jetzige Ereignisse mit alten Erinnerungen. Selten werden die Erinnerungslücken auch mit reinen Phantasieinhalten ausgefüllt. Dies wird im medizinischen Sprachgebrauch als Konfabulation bezeichnet
Während ein Symptomträger der Pseudologia phantastica nur im "Augenblick" der Erzählung von der Wahrheit und Richtigkeit überzeugt ist, bleibt der Konfabulierende oft bei seiner Geschichte. Provozierte Konfabulationen kommen auch bei Gesunden vor.
Mit Alkoholikern ist also, genau so wenig wie mit Fundamentalisten und ähnlichen Spinnern, keine komplexe Argumentation möglich. Hier hilft nur noch Kenntnis und Erfahrung im Umgang mit Eristik, Rabulistik und Polemik.
Es gibt allerdings noch schlimmeres. Es gibt auch Zeitgenossen, die halten jegliches Wissen für getürkt, verdächtig, verbogen und unzuverlässig, weil jegliches Wissen von irgend jemandem gemacht, also konstruiert ist. Bis zu einem gewissen Grad trägt dem der Konstruktivismus Rechnung, wo aber selbst diese "temporäre" konstruktivistische Wahrheit nichts gilt, da bleibt dann wirklich nix mehr übrig, da herrscht offenbar reiner Nihilismus. Wenn dieser zumindest an Macht glaubt, wie der grösste Nihilist, Nietzsche, dann kann man immerhin über Macht reden. Wo auch dieses ephemer ist, da wird Reden selbst eigentlich überflüssig. Wo die Rede keinen Sinn mehr über-tragen kann, braucht sie sich allerdings dessen auch nicht zu bemühen. Ich empfehle also, bei Nihilisten Anstrengungen des Ueberzeugen-Wollens zu vermeiden, allenfalls ein Bierchen zu trinken, mit einer völlig wissensfreien Konversation:
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uga: guten Tag - Widerschaun, wie geht's. Falls laut ausgesprochen: hau ab! a) uga - gr bälädäg? (Hallo, wie geht's) b) uga hug bngbng! (Danke gut, Affenarsch - oder mein Guter. bngbng kann etwa in der selben Art verwendet werden wie heute "geil") a) bädäbäng grmpf badala lokodlmpf ... (f... Dich ins Knie du ... - oder hei, das war ein toller Tag. Das potentielle Missverständnis erklärt sich durch die Position von grmpf: ACHTUNG, das ohne präzise Interpunktion eben zu Missverständnissen führt) b) gara gu biliboing (ich hau dich zu Matsch - oder oh ja, ich war bei meiner Freundin ... Dieses Missverständnis ist auf die selbe Doppeldeutigkeit zurückzuführen wie bumsen, dass ja ebenfalls was mit Hauen zu tun haben könnte.) a) ng ng (ach ja) etc.
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| Nihilistendialog nach Herzog | Gadji beri bimba. Hugo Ball. Dada |
Man kann mit Leichtigkeit hier eine ganze eigene Sprache entwickeln, in etwa mit dem Gehalt des Dadaismus, der vielleicht auf ähnlichen Grundannahmen beruhte: Es ist nichts sicher auf der Welt. Geniessen wir sie trotzdem.
Diese Sprache hat übrigens 2 weitere Vorteile:
... da sie alles bedeutet oder nichts, also nichts aussagt. Zudem kann man sich ihrer auch dann noch bedienen, wenn man sich sein ganzes Hirn weggesoffen hat.
Die Auflösung logischer Strukturen im Denken passiert übrigens nicht nur durch direkte physische Zerstörung von Nervenzellen und/oder Funktionen, sondern auch durch die Uebernahme oder Dominanz quasi besoffener Denksysteme, wie sie vor allem von Sekten verbreitet werden ... manchmal aber auch von Philosophen, insbesondere denen, die ihre eigene Schule betreiben. Wer in einem solchen Denksystem lebt, dessen eigene Sprache verwendet, die nur wirklich von den Mitgliedern der Gruppe verstanden wird, muss ja, im Umgang mit der andern Welt, quasi den Eindruck kriegen, Logik gäbe es nicht, Gedanken liessen sich beliebig, aus dem Nichts heraus formulieren. Gott (der Geist, die Vernunft, die Intution, das Bauchgefühl oder was immer) werde schon dafür sorgen, dass die Auesserung sinnvoll sei. Dem ist aber dummerweise nicht so. Die Formulierung eines Gedankens hat einige unumgängliche Bedingungen, genau wie ihr Ausdruck. Erstere Bedingung ist die Einhaltung der Regeln des Denkens, d.h. der Logik, zweite Bedingung ist die Einhaltung der Grammatik, wobei Rechtschreibung das Kleinste ist, missglückter Syntax auch kein Unglück, aber die Verwendung falscher Begriffe (Worte, die von der Mehrheit anders verstanden werden als vom Redner) das Todesurteil für den Gedanken. Dies war vor Jahrtausenden mal Inhalt in der Topik ... aber wer braucht das heute noch, im Zeitalter des Gefasels, wo selbst Politiker nicht mehr zu wissen scheinen, was sie eigentlich so rauslassen an Bockmist.
Regeln der Konstruktion eines Gedankens:
Meinungsfreiheit ist ein staatlich garantiertes Recht jeder Demokratie. Oft wird das Recht auf eine eigenen Meinung aber mit dem Recht auf Anerkennung und Durchsetzung dieser Meinung verwechselt. Meinung kommt aber von meinen, nicht von wissen – folglich müssen sich Meinungen im Wettbewerb der Argumente erst bewähren gegenüber anderen Meinungen. Dies gilt insbesondere dort, wo aus Meinung, Wissen, Wahrheit Handlung erwachsen soll, denn Geltung ist auch pragmatisch – das Wahre muss zum Ausdruck, zum Vorschein und bestenfalls zur Anwendung kommen. Geltungsansprüche müssen verhandelt werden, weil Wahrheit die Tendenz zur Performance hat, weil sie fordert, faktisch vollzogen zu werden. (Hönigswalds, in Dörpinghaus, S. 100)
Der Begriff Geltung war übrigens bereits bei den alten Germanen nicht bloss ein rhetorischer oder rechtlicher, sondern bereits ein gewerblicher Begriff. Er bedeutete einerseits etymologisch: büssen, rächen, entschädigen – andererseits: zurückzahlen, Vergeltung, Schuldzins, Bezahlung, Vergütung; Eigentum das Einkünfte bringt, Einkommen, Rente.
Bei den Germanen galt generell Recht als Eigentum und ökonomischer Wert. Der Inhaber eines Rechtes musste in der Lage sein, dieses auch wahrzunehmen und gegen Übergriffe zu verteidigen. Aus diesem Grunde hatten Frauen nur beschränkte Rechte, da sie zur Verteidigung derselben auf Männer angewiesen waren: creftlôse frowen können ihr Land nicht verteidigen – so der Sachsenherzog als Begründung für die Benachteiligung der Frauen bei Erbschaften.
Dem entsprechend bedeutete Frieden damals weniger die Abwesenheit von Krieg, als einen Zustand von Wohlstand, ungestörtem Besitz und ungebrochener Rechtsordnung. Frieden schloss kriegerische Handlungen nicht aus, sondern setzte diese sogar voraus, wenn damit das Recht gewahrt blieb. [Dies allenfalls als mittelalterliche Begründung für das einseitige Vorgehen der USA im Irak].
| Komplexere Begründungen
weisen ein höheres Mass an Theoriebeladenheit auf. Theorien verknüpfen Propositionen
miteinander, die zuvor unabhängig voneinander schienen.
Julian Nida-Rümelin (Hg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Ein Handbuch. Alfred Kröner Verlag Stuttgart. 1996. S. 39: |
Gerade weil komplexe Argumentation einer abstrakten Konstruktion, also einer Theorie, bedarf, wird sie oft als theoretisch kritisiert, was jedoch nicht als sachliches Argument, sondern als Wertung gedacht ist: Praktisch ist mehr wert als theoretisch. Sollte Ihnen also in einer Diskussion zu einer komplexen Materie dieser Vorwurf gemacht werden, lassen sie sich nicht verunsichern, denn sie liegen mit ihrer Argumentation vermutlich richtig - ausser sie möchte lieber unter Simplifikator oder Populist laufen. Immerhin steht die theoretische Lebensform für den Philosophen.
Probleme lassen sich nur selten durch Forschung lösen, denn Probleme werden nicht gelöst durch das Beibringen neuer Erfahrungen, sondern durch Zusammenstellen des längst Bekannten. [Wittgenstein]. Die Heuristik die diesem Zweck dient heisst Topik. Spielarten davon wären die Morphologie (Zwicky), die der Optimierung von Varianten dient, oder moderner, die Szenarientechnik. Was argumentative multifaktorielle Optimierung betrifft, so können dazu einige grundlegende Elemente von Wissenschaft als träfe Grundlagen dienen:
Rhetorik (gr. Redekunst) = Verständlich und wirksam machen, Konsens und Akzeptanz schaffen.
Topik = die Suche nach dem Sinn. Nur ein Argument das für den Hörer sinnvoll ist, ist für ihn überzeugend. Ein falsches Argument das sinnvoll ist, überzeugt, ein richtiges Argument, das sinnlos scheint, ist verloren.
Theorie (theoria gr, contemplation lat) bedeutet Sicht, Abbild. Wo einfache ja-nein, schwarz-weiss Argumentation nicht genügt, muss offenbar auf Bilder und Systeme zurückgegriffen werden. Wo Systeme kritisiert werden, genügt Ablehnung oder Umsturz nicht, sie müssen therapiert werden, d.h. die Sicht von Aussen muss mit der Sicht von Innen abgeglichen werden: Therapieren statt bombardieren.
Wissenschaft (episteme, Erkenntnis): Da Argumente meist Meinungen ausrücken und Meinungen auf unterschiedlichen Perspektiven beruhen, ist eine Auswahl und Verdichtung notwendig.
Hier geraten wir in die Huhn-oder-Ei-Situation. Wir brauchen ein Modell, das uns zeigt wie komplexe Strukturen und Funktionen zu einem bestimmten Problem, auf einem Sachgebiet aussehen <> Wir brauchen ein Modell über das wir argumentieren können als Ausgangspunkt. Modelle geben aber bereits Interpretationen vor, sind also unbedingt ideologiekritisch zu durchleuchten. So fragt es sich doch etwa, ob das Modell des homo oeconomicus den Menschen beschreibt wie er ist, oder diesen, als von der Wirtschaft erwünschten, durch das Modell erst eigentlich schafft. [Ein diesbezügliches Grossexperiment läuft gerade im Irak].
An den Hochschulen ist hier St. Gallen führend, St. Galler Management Modell, basierend auf dem Ansatz des Komplexitätsmanagements von Prof. H. Ulrich, wo heute systemische Simulation (systems dynamics) gelehrt wird.
Auf dem Markt tauchen Angebote für Simulationen, also modellhafte Lösungen, bereits auf. s. http://www.savannah-simulations.ch/about_simulation/simul_method.html
Dieses Problem hat aber nicht nur Nach-, sondern auch Vorteile. Am leichtesten lässt sich über etwas diskutieren, wenn man es spielerisch angehen kann, wenn nicht jede Kritik und Modelländerung als Kritik der eigenen Person oder gar als Existenzbedrohung angesehen wird.
Es wäre zum Zweck der komplexen Argumentation also erst induktiv eine hypothetische Vorstellung über den Gesamtgegenstand zu bilden. Diese Vorstellung (deduktiv) am Verhalten ihrer Teile zu prüfen - und dann die angenommene (hypothetische) Vorstellung anhand der Resultate zu verbessern. Dies ist ein iterativer Prozess der so lange fortgesetzt wird, bis das erreichte Mass an Stimmigkeit für die Praxis, als Problemlösung, vorderhand ausreicht. [nach H. Willke I S. 129]
Zur Überprüfung der Funktionalität komplexer Institutionen eignen sich etwa die Formen der Intervention nach Bennis
[s. Willke II, S. 203: Tabelle 10:]
Die Frustration grosser Teile der Bevölkerung (und auch vieler Manager) im Umgang mit der Komplexität der Moderne, die Verweigerung sich der Probleme anzunehmen, ist verständlich, aber gefährlich. Die Erkenntnis, dass man selbst zwar wenig ändern kann, aber es dennoch versuchen sollte, bildet die Grundlage unserer Gesellschaft. Rorty 1989: Die Einsicht, dass die Geltung der eigenen Überzeugung nur relativ ist, und dennoch unerschrocken für sie einzustehen, unterscheidet den zivilisierten Menschen vom Barbaren (In Willke I, S. 238 - auch folgendes).
Der Systemanalytiker Willke formuliert das selbe für den schwierigen Umgang mit der heutigen Komplexität so: Die Einsicht, dass die selbstreferenziellen Semantiken komplexer Systeme nicht vereinbar sind, und dennoch unerschrocken für wechselseitige Abstimmung einzustehen, unterscheidet den ironischen vom tragischen Beobachter.
Für Tragiker verfangen sich die Systeme in ihren selbst gestellten Fallen und jeder Versuch rettender Rationalität bestärkt nur diesen unabänderlichen Entwicklungspfad.
Zur Erklärung des weiteren: Ironie ist Verstellung, meist als sich dümmer stellen als man ist, sich unwissend stellen trotz Wissens. Diese rhetorische Form wird gerne angewandt als Tausch der Positionen, indem sich der Lehrer unwissend stellt und sich vom Unwissenden belehren lässt, um dessen Torheit sichtbar zu machen.
Ausgangspunkt der komplexen Argumentation ist also die Möglichkeit einer ironischen Position des Wissens um die Unmöglichkeit direkter Intervention und des Beharrens darauf, es über langwierigen Umweg eines gesellschaftlichen Diskurses dennoch zu versuchen.
Beispiel und Antwort auf die eingangs formulierte Kritik:
Im Beitrag: Freiheit, Macht, Herrschaft und Gewalt. Was heisst Freiheit? Wer vertritt sie? Wie vertragen sich Freiheit und Wirtschaft? werden die Zusammenhänge von Planung <> freier Markt, Freiheit <> Diktatur bloss als zweidimensionale Matrix analysiert. Sie sehen, welche erstaunlichen Konsequenzen sich bereits daraus ergeben und welche Vielfalt an Lösungen, besonders im Vergleich mit dem (auch geistig) beschränkten links-rechts-Schema. Um wie viel reicher wird die Vielfalt an Lösungen, wenn wir dem Schema nun auch noch eine dritte Dimension, nämlich die Achse Wirtschaft <> Politik beifügen würden um die Aufgabentrennung diskursiv-rational zu optimieren, statt durch unfruchtbares Konkurrenzdenken zu blockieren!
Rortys Unterscheidung von Barbaren und zivilisierten Menschen, Willkes ausdrückliche Erwähnung der Ironie, zeigen deutlich, wie sehr die gesamte Gesellschaft bereits zum Zynismus verdammt ist. Um so wichtiger ist es, Zynismus nicht auf seine Funktion als Selbstbehauptung oder gar Selbstaufgabe zu beschränken, sondern zu einem "philosphischen" Zynismus zu finden, der zwar die Realität in ihrer Absurdität und geringen Wandelbarkeit anerkennt, aber sich trotz der Aussichtslosigkeit einer Besserung, sich strebend und humorvoll weiter bemüht.
Warnend ist hier auch zu bemerken, dass sogar das sokratische Gespräch / der sokratische Dialog hier keine Wunder wirken kann, denn bei komplexen Systemen müssen wir Konstrukte als Abbilder heranziehen und dann über diese Reden, diese, als Teilbereiche eines grossen Ganzen auf ihr "Passen" kontrollieren. Der sokratische Dialog war im Vergleich dazu doch einigermassen linear - abgesehen davon, dass gerade Plato da einiges zusammenkonstruiert hat, dem wir heute ganz und gar nicht mehr zustimmen können. Seine Republik hat doch einen recht kräftigen faschistoiden Anruch.
Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, webdesign hewww, Rheinfelden 13. Mai 2003