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| Das Problem des wertenden Übergangs vom Wissen zum
Handeln wird in einem neueren Text um einiges tiefer, also nicht bloss
rhetorisch, behandelt. s.
Planung und Management zwischen Sein und Sollen:
Definition Ingenieur: Ingenieur leitet sich etymologisch ab vom lateinischen ingenium, das mechanisches Kriegsgerät bezeichnet, womit der europäische Ingenieur also erst mal Waffenproduzent war. Ein interessanter Gegensatz dazu ist das arabische Wort muhandis, ein Lehnwort, aus dem persischen handasa abgeleitet, das Geometrie bedeutet. Dies, weil die ersten Ingenieure im Nahen und Mittleren Osten sich nicht mit Kriegsgerät, sondern mit wichtigerem, nämlich der Bewässerung beschäftigten. Bereits im 17. JH war der Ingenieur auch ein Projektemacher: Nicht künstlerische oder technische Begabung zeichnete ihn aus, sondern die Fähigkeit, den Herrscher davon zu überzeugen, dass die Durchführung eines bestimmten Vorhabens, sei es technischer, wirtschaftlicher oder alchemistischer Natur, trotz zunächst hoher Investitionen erheblichen Gewinn bringen würde. [Macht des Wissens. Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft. Richard van Dülmen, Sina Rauschenbach [Hrsg.] Böhlau Verlag Ag, Köln, Weimar, Wien. 2004]. Der Unterschied zu heute ist also nur der, dass heute die Finanzjongleure entscheiden, was Gewinn bringt, und der Ingenieur dementsprechend einen Auftrag erhält ... oder eben nicht, falls er grad zu einer Gattung gehört, die grad nicht rentiert. |
Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Traditionen der Forschung und des damit verbundenen Schreibens:
Die Produktive, die sich bei Design und Produktion ihrer Werke auf eine beratende Rhetorik stützt
Die Interpretative, die sich bei der Interpretation und Evaluation von Texten und Werken auf eine legale und zeremonielle Rhetorik stützt.
Die 3 wichtigsten Typen der Rhetorik sind (s. Ueding, klassische Rhetorik):
Lob oder Tadelrede (genos epainos)
Gerichtliche Rede (genos dikanikon)
Beratende politische Rede (genos symbouleutikon)
Geistliche Rede oder Predigt (genus praedicandi)
Die zeremonielle Lob- und Tadelrede macht einen grossen Teil klassischer griechischer, römischer und arabischer Kultur aus. Sie war zu diesen Zeiten die wichtigste Form der Unterhaltung - verbunden mit Propaganda. Die gerichtliche Rede diente der Interpretation vergangener Anwendungen des Rechts und die beratende politische Rhethorik befasste und befasst sich mit zukünftigen Handlungen. Die klassische Beratungsrede schlug Handlungen vor und argumentierte dafür. Argument kommt im übrigen von argumentum, Beweis. Vier Möglichkeiten stehen hier zur Verfügung:
Der Hinweis auf allgemeine Anerkennung dieser Wahrheit (argumentum consensu gentium: Topik)
Die Ableitung aus der Kenntnis des Gegenteils (a. e contrario)
Die rein logische Erwägung (a. a priori)
Die Erfahrung (a. a posteriori)
Ingenieure
betreiben keine reine Wissenschaft
und produzieren kein abstraktes Wissen, sondern erstellen Kunst-Werke,
künstliche Erzeugnisse mit einem bestimmten Nutzen. Sie vertreten den Homo sapiens, den wissenden
Menschen, der zugleich ein schaffender (Homo faber, Homo creator) ist,
der sein Werk gerne theoretisch, also abstrakt prüft, bevor er zu viel Aufwand
investiert, sich also erst ein Bild von der Sache macht (Homo depictor).
Während Ingenieure Schreiben eher als unproduktiv und langweilig betrachten, die Analysen der Humanwissenschaften für ein endloses Palaver halten, dass die Fragen nie beantwortet die es stellt, halten die Humanisten (Sozial- und Geisteswissenschaften) die Schreibe der Ingenieure oft für rein sachliche Konstrukte von Eierköpfen, ohne die geringste Phantasie und Kreativität.
Beide liegen falsch, denn der Ingenieur lernt in erster Linie aus Erfahrungen und Werken der Vergangenheit, die er auf Grund von Texten und Zahlen interpretiert und evaluiert. Auf Grund dieser Erfahrung gestaltet er/sie die Zukunft. Die Grundfragen die sich ihm bei seinem Werk stellen sind:
Was ist das Problem, das es zu lösen gilt?
Wie wird das Werk dieses Problem lösen?
Was sind die spezifischen Zwecke des Werkes?
Welche Alternativen bestehen?
Was sind die Kosten und Nutzen diesen Unternehmens?
Welche Alternativen ermöglichen die Optimierung von tiefen Kosten und hohem Nutzen?
Die schreibenden Humanisten fällen bei ihrem Werk andauernd
Entscheide zwischen unterschiedlichen Ansprüchen was die Organisation, Klarheit,
Kürze ihres Textes betrifft. Sie sind also eigentlich Textingenieure. Während Historiker und Literaturkritiker vergangenheitsorientiert darüber argumentieren, warum etwas passiert ist, welche
Wirkung ein Ereignis auf die folgenden Ereignisse hatte - was ein Abschnitt
eines Textes bedeutet, in welcher Absicht der Autor ihn geschrieben hat; muss
sich der Ingenieur diese Fragen stellen, bevor und während er sein Werk
errichtet. Dabei muss er nicht nur Fakten berücksichtigen, Definitionen und
Recht kennen, sondern auch auf gesellschaftliche Werte und Wertung eingehen.
Besonder für letzteres, das des Dialoges bedarf, ist er/sie auf Text und Rede
angewiesen
: Menschliche Erkenntnis, in welchem Bereich
auch immer, kann nur in der literarischen Form, als Rede und Literatur, zu einem
gesellschaftlichen Faktum werden. Beim Vortrag, gesprochen oder
geschrieben, des Ingenieurs, geht es nicht nur um das Mitteilen von
wissenschaftlich-technischen Fakten, denn diese waren und sind nur sehr begrenzt
überzeugungsfähig und glaubwürdig. Der Ingenieur der ein Werk für die
Gesellschaft errichten will, sei es ein Haus, eine Brücke, eine Eisenbahn oder
gar ein Atomkraftwerk, muss sein Wissen überzeugungsfähig machen, seine
Fachwissenschaft hinter sich lassen und in das riesige Feld des bestehenden
Wissens, der allgemein gültigen Gesichtspunkte in Bezug auf Recht, Politik,
Natur etc (s. Topik), integrieren. Dies geschieht durch Rhetorik, denn, wie
Gadamer sagte: Die Ubiquität (allgemeine Verwendbarkeit, der Autor)
der Rhetorik ist eine unbeschränkte. Erst durch sie wird Wissenschaft zu einem
gesellschaftlichen Faktor des Lebens. (s.
Ueding, moderne Rhetorik) Wissenschaft, der Besitz der
Wahrheit, ist also gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist die Frage, ob
diese Wahrheit auch akzeptabel, also vermittlungsfähig ist. Wissenschaftliche
Wahrheit braucht zusätzlich die Glaubwürdigkeit. Diese fehlt ihr nicht auf Grund
von Zweifeln an der Wissenschaft oder den Wissenschaftler selber - sondern auf
Grund deren Spezialisation, verengte Perspektive und Desintegration, die ihre
Resultate oft unbrauchbar macht für Handlung in der komplexen und zudem mit
freien Entscheiden "belasteten" Welt. Rhetorik hingegen versteht sich als ein
die Fachgrenzen des Wissens überschreitendes Beziehen, als Vermitteln der
Erkenntnisse aus den Wissenschaften mit den Kategorien des allgemeinen,
gesellschaftlichen Bewusstseins. Rhetorik muss also nicht bloss das reine Wissen
vermitteln, sondern den Kontext, in dem dieses entstand und gilt, an den des
Adressaten und dessen Welt anpassen. Während die Interpretation und Anwendung
bestehender Gesetze noch "wissenschaftlich" betrieben werden kann, so verlässt
jeder Ingenieur das Feld der sicheren Wissenschaften, sobald er zielorientiert
plant, denn hier begibt er sich auf das unsichere Feld politischer, sozialer und
anderer Werte, wo ihm nur noch Rhetorik, Ethik und andere Felder der Philosophie
helfen:
1 Gesetz und Recht
Die soziale, ethische und Umwelt-Dimension der Technik sind heute Teil der Ingenieursausbildung und Arbeit. Die Planung des Ingenieurs verlangt immer nach Evaluation und Beurteilung der Wirkungen des Werkes (Umweltverträglichkeitsprüfung z.B.). So sind auch rechtliche Belange das tägliche Brot der meisten Ingenieure. Ihre Vorschläge müssen konform sein mit Gesetzen und Verordnungen, so bildet die klare und effiziente Interpretation solcher Unterlagen einen beträchtlichen Teil der Ingenieursarbeit.
2 Wertung und Wertzuschreibung
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Alle Dinge müssen - der Mensch ist das Wesen, welches will. Schiller |
Wertungen sind wichtige Schritte bei jedem Entwurf, handle es sich um Text und Kunst oder Bauwerke, Maschinen, Computerprogramme. Belange der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit sind hier oft bereits in Gesetze gefasst - das Oberziel, die Ausdehnung allgemeinen Glückes und der Wohlfahrt (Aristoteles), wird mehr und mehr zur Sache der Wirtschaft. Obwohl Wirtschaftlichkeit immer ein entscheidender Punkt bei der Arbeit des Ingenieurs war und ist, sollte bei der zunehmenden Dominanz wirtschaftlicher Faktoren derjenige der Zweckdienlichkeit nach Aristoteles nicht vergessen werden: Die Erhaltung bestehender guter Dinge, der Erwerb neuer guter Dinge und die Ablehnung von Übel und Schäden (s. Diskussionen zu Kernkraft und Gentechnik). Entwicklung verlangt, dass auf einige Gewinnchancen zugunsten anderer verzichtet wird. Es geht dabei um einen Wettbewerb von Zielen - und die Mittel, zu Entscheiden zu gelangen.
3 Rhetorik als Entscheidungshilfe
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Prima die essere Ingenieri voi siete Uomini. Francesco Chiesa |
Die Problemlösung des Ingenieurs ist ein Teil der sokratischen Grundfrage: Was ist das gute Leben? Wie gestalten wir es? Diese verlangt, genau wie die Entwicklung von Computerprogrammen, Energie-, Wasser- ,Nahrungsmittelversorgung, den Einsatz der beratenden politischen Rede. Dazu erzeugt der wachsende Anspruch einer mündigen Gesellschaft an Information und Durchsichtigkeit aller Entscheidungsprozesse einen zunehmenden Bedarf an Rhetorik in sämtlichen Wissenschaften. (Ueding, moderne Rhetorik) So lange die Philosophie ewige Wahrheiten, endgültige Gewissheiten wenigstens in Aussicht stellen mochte, musste ihr der consensus als Ideal der Rhetorik, Zustimmung als das auf Widerruf erlangte Resultat der Überredung, verächtlich erscheinen. Rhetorik vermittelt jedoch in Handlungssituationen vernünftige Orientierung: Sie ist die einzige praktische Philosophie, die weder vor der Unendlichkeit der Faktoren kapituliert, indem sie sie nach einem abstrakt-utopischen Konzept zu regulieren versucht, noch am Problem der Vermittlung scheitert, die ihren Praxisbegriff überhaupt konstituiert. (Ueding, moderne Rhetorik, S. 113) Die neue Rhetorik zeigt eine gewissen Verwandtschaft zur Soziologie, da es ihr nicht nur darum geht, wie Informationen verstanden werden, sondern auch darum zu verstehen, welche sozialen Bedingungen einerseits zu einem Text geführt haben - andererseits, wie Texte die Gesellschaft beeinfluss. (Da es der öffentliche Dialog ist, der die Gesellschaft gestaltet und da dieser öffentliche Diskurs primär Auftrag Intellektueller ist, s. Was sind und tun Intellektuelle? Definitionen, Voraussetzungen, Aufgaben.)
Dieses ganze Reich der einleuchtenden Überzeugungen und der allgemein herrschenden Ansichten wird nicht etwa durch den Fortschritt der Wissenschaft allmählich eingeengt, … sondern dehnt sich vielmehr auf jede neue Erkenntnis in der Forschung aus, um sie für sich in Anspruch zu nehmen und sie sich anzupassen. Die Ubiquität der Rhetorik ist eine unbeschränkte. Erst durch sie wird Wissenschaft zu einem gesellschaftlichen Faktor des Lebens.
Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, WEBDESIGN für Wissensanbieter, Rheinfelden, 21. April 2003
Gert Ueding: Klassische Rhetorik. C.H. Beck WISSEN, 3. Auflage, München 2000
Gert Ueding: Moderne Rhetorik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. C.H. Beck. München 2000.
Leslie C. Perelman( MIT): Language and Learning across the Disciplines: The Two Rhetorics: Design and Interpretation in Engineering and Humanistic Discourse.