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Rhetorik ist die Kunst der bewusst und kunstvoll gestalteten Rede und Schreibe, die ihrem Zweck und Zuhörer möglichst gut angepasst ist. Sie ist damit so ziemlich das Gegenteil eines Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Rhetorik lehrt, die richtigen Worte und Formulierungen für jeden Zweck zu finden und zu nutzen: Beredt ist, wer Geringes in schlichter Weise, mittleres in gemässigtem Tone und Grosses mit Würde vorzutragen vermag.
Aristoteles begründete Rhetorik als Theorie des Meinungswissens und der wahrscheinlichen Schlüsse, der glaubhaften Argumentation und des Überzeugens durch Gefühlsgründe. Sie diente in Griechenland nebst der Politik vor allem auch der Vermittlung und Verbürgung des wahrend göttlichen Wissens, und damit zugleich zur Überredung der Menge und zur Anwendung für die Gesetze und das allgemeine Beste. Entscheidend sprechen und schreiben, befehlend, ist der höchste Grad rhetorischer Wirkung. Rhetorik, mit Unterstützung der Topik, hebt diejenigen Gesichtspunkte hervorheben und zur Geltung zu bringen, die im gegebenen Zusammenhang die nützlichsten sind. Rhetorik hilft wissenschaftliches Fachwissen in die reale Welt und die Praxis zu überführen.
Rhetorik hilft die Vielschichtigkeit der Rede zu erkennen und zu nutzen, zu unterscheiden zwischen oberflächlich erscheinender Aussage und dahinter verstecktem Sinn. Homer, als Erfinder der Rhetorik, schuf den Odysseus, als Meister der Praxis.
Rhetorik ist allerdings meist auch nur die Kunst des Monologs! (Die Erkenntnisse der Gesprächsrhetorik hab ich hier allerdings übersehen). Die Kunst des Zwiegesprächs wäre dann eben der Dialog, der auf keinen Fall durch vulgär-Rhetorik ersetzt werden darf, insbesondere nicht dort, wo dialektische Analyse und Synthese angebracht sind.. Was Journalisten, Volkstribune, Professoren und Webdesigner treiben, ist kein Dialog, sondern Monolog, auch wenn man's noch so oft interaktiv nennt. Wenn ich pro 50'000 Besucher eine(n) habe, der/die lobt [die Mehrheit] oder wäffelt [Webdesigner], so hat das wenig mit Dialog zu tun. "Interaktivität" die sich auf technischen Firlefanz beschränkt statt Dialog zwischen Menschen zu fördern ist auch nichts anderes als ein Monolog der Programmierer und Webdesigner.
Belehrung (docere) – Dialog und Gespräch gelten als die geeignetste Form der praktischen Unterrichtung, die beste Methode, den Menschen zum Selbstdenken, zum richtigen und freien Gebrauch seines Verstandes zu erziehen. (Kant).
Beweisen ist notwendig - Sachlichkeit, Rationalität bilden die Basis. Fehlen diese, wird die Rede zur blossen Affektregulierung eingesetzt und geht in Propaganda über. Dem reinen Belehrungszweck angemessen ist der sachlich-nüchterne Stil (genus humile, subtile), der sich an die Fakten hält, sie möglichst direkt zum Ausdruck bringt und die Vernunftschlüsse klar und deutlich vor Augen stellt.
| Daher ist nun
die erste, ja schon für sich allein beinahe ausreichende Regel des guten Stils diese, dass man etwas zu sagen habe: O, damit kommt man weit! Schopenhauer |
| Mein Herr, Ihr Stil ist flüssig, Ihr Buch aber
überflüssig. (Gottfried Keller, schweizer. Schriftsteller, 1818-1890) |
Die wichtigste Funktion der Rhetorik für die aufklärerische Popularphilosophie war es, den Leser in ein erhellendes Gespräch verwickeln, ihn zum aktiven Mitdenken bewegen, ihn zum Selbstdenker machen (Sokrates). Rhetorik ruht auf einer, dem Homo universale der Renaissance gemässen, umfassenden und universalen Bildung, wie sie in der wissenschaftlichen Prosa des 19. Jh, vor allem bei Schopenhauer, Brehm, Helmholtz, Jakob Burckhardt und Nietzsche zu finden ist.
Während die römischen Rhetorik-Trainer (wie heute Business-Berater), die Beredsamkeit auf ein technisches Vermögen (Sozialtechnologie) reduzierten, brachte Cicero die Rhetorik zu einer neuen Blüte: Und nach meiner Ansicht wenigstens wird niemand ein in jeder Hinsicht vollkommener Redner sein können, wenn er sich nicht Kenntnisse von allen wichtigen Gegenständen und Wissenschaften angeeignet hat. Denn aus der Erkenntnis der Sachen muss die Rede erblühen und hervorströmen. Hat der Redner die Sachen nicht gründlich erfasst und erkannt, so ist sein Vortrag nur ein leeres und ich möchte sagen kindisches Gerede. Ob allem Streben nach Wirksamkeit, darf also nie vergessen werden, dass nur der, der auch etwas zu sagen hat, wirksam reden kann. So heisst es etwa von Bismarck, dass er nicht redete wie ein Schriftgelehrter, sonder wie einer der Macht hat über Menschen und Dinge. Er sprach nicht glatt, war kein Cicero, aber Europa hörte ihm zu, weil er etwas zu sagen hatte (Naumann: Kunst der Rede. S. 85)).
| Words are deeds. Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Victor Hugo |
Emotionale Stimulierung, Erregung sanfter, gemässigter, milder Affekte (delectare, conciliare), von Vergnügen und Wohlwollen: Wenn auch der Redner niemals das Ideal des vir bonus, des guten Menschen, erreichen kann, muss das Publikum doch zur Überzeugung gelangen, dass es wirklich ein Ideal ist, dem er nachzustreben sich bemüht. Sympathie wird erzeugt durch anmutig, schönen Ausdruck, die Aufmerksamkeit erhalten durch Abwechslung. Dazu gehören auch das Erfreuen und Bezaubern, oder wie man heute vermutlich sagen würde: Die Erlebnisgestaltung.
Der wichtigste Punkt wirkungsorientierter, also rhetorisch durchdachter Rede (oder Schreibe), ist, dass sie anregt, sei es zum Denken oder zu Taten.
Das eigentliche Geheimnis der Rhetorik ist der Gedanke - nicht das Wort.
Wo Rhetorik betrügt, nutzt sie nicht (nur) geschickt missverständlich formulierte Tatsachen, sondern vor allem (Rollen-)Erwartungen,Zwänge und andere Gefühle.
Erregung von Leidenschaft (movere, concitare), Affekterregung (pathos) des Publikums: Der pathetische Stil als höchste Anspannung aller Kräfte entfaltet sich nur punktuell zu grösster Wirkung, länger anhaltend erscheint er angestrengt und künstlich
| But words are things, and a small drop of ink, Falling like dew, upon a thought, produces That which makes thousands, perhaps millions, think. Lord Byron |
Sie bedient sich dafür der passenden Stilart:
der niedere, schmucklose, einfache Stil für Belehrungen über einen schlichten Gegenstand (docere). Inhaltlich anspruchsvolle Texte vertragen kein schmückendes Beiwerk. [Aristoteles: Poetik] Das gilt auch für Webdesign, darum die Forderung: Mehr Scheissdesign!
der mittlere, mässig geschmückte Stil
der hohe, pathetische Stil für grosse Themen. Die Verkürzung der politisch-rechtlich-praktischen Rhetorik auf ästhetisch-literarisches ist allerdings eine Verfallserscheinung, da Rhetorik immer auf Praxis zielte, und des übertriebenen pompösen Schmuckes nicht bedarf. Gerade die enthusiastische Rhetorik zielt über Gemütserregung auf praktische Entscheidung und Handlung, ihre bewegende (= motivierende) Macht zeigt sich in erster Linie in der Beeinflussung des Willens, nicht des Erkenntnisvermögens.
Die fünf wichtigsten Grundsätze einer Rede sind:
| Das Sein ist Quellgrund des Seienden. Der Mensch ist der Hirt des Seins. Die Sprache ist das Haus des Seins. Das Sein zieht sich vom Menschen zurück. Martin Heidegger |
Sprachrichtigkeit (puritas)
Deutlichkeit (perspicuitas)
Angemessenheit an Inhalt und Zweck der Rede (aptum, decorum)
Redeschmuck (ornatus)
Vermeidung alles Überflüssigen (brevitas)
Die fünf Quellen wahrer Sprachkunst sind:
Eine grosse Seele
Die Kraft zur gedanklichen Konzeption
Starkes, begeisterndes Pathos
Die besondere Bildung der Figuren
Würdevoll hohe Satzfügung
Mittel eines rhetorischen Kampfes, bei dem Gewinnen über der Suche nach Wahrheit steht:
Demagogie: Massenverführung (s. Populismus): Da es hier NICHT um das Finden oder Vermitteln von Wahrheit geht, sondern nur um die Durchsetzung einer Meinung, der Meinung des Herrschers, nutzt diese Rhetorik Tricks jeglicher Art, insbesondere psychologische. Neben den hier erwähnten traditionellen Formen von Eristik und Polemik habe ich beim Führer unserer führenden Populistenpartei, der SVP, zwei weitere Grundformen beobachtet. Die Collage (Konstrukt nach Massgabe der Ideologie und Ueberzeugungswirkung) und den Konfetti-Dialog (bunt, aber zusammenhangslos). Man sollte diese Dialogformen nicht all zu leger nehmen, denn eigentlich werden hier Denkfehler, die traditionell zum Problembereich der Psychologie gehören, in "normalen" Denkformen verwandelt, die "Gläubigen" also quasi in den Wahnsinn getrieben.
| Interessanterweise war für die Griechen Eris, der Streit & Eros, die Vereinigung des Unvereinbaren, unzertrennlich. Das mag erklären, warum viele Beziehungen hautsächlich aus gegenseitigen Vorwürfen bestehen. |
Eristik: Rechthaberei. Die Kunst recht zu behalten ... zu Recht oder Unrecht (von gr. eris: Zwist, Streit, Hader). Eristik steht also dem Gespräch als Suche nach Wahrheit oder zumindest nach konsensfähiger Übereinkunft entgegen. Unvernünftig ... aber basiert eben auf der Eitelkeit, die Überlegenheit, den Sieg im Wettbewerb, höher schätzt als Wahrheit. Wer disputiert argumentiert also meist nicht auf Grund eines Gehalts wahrer Sätze - sondern nur mittels Worten und Sätzen und den (oft falschen) damit verbundenen Meinungen und Erwartungen. Deshalb ist der beliebteste und häufigste, wenn auch dümmste Trick, wenn man selber in der sachlichen Argumentation zu unterliegen droht, auf die Person statt auf die Sache zu zielen, den Gegner selbst unglaubwürdig oder gar verächtlich zu machen (sehr beliebt bei Wahlen ...), zu beleidigen. (Beispiel: Jegliche Kritik an Reichen und Reichtum wird auf Neid reduziert). Hier haben wir vermutlich das grösste Problem sachlicher Argumentation, dass sie nämlich meist als Kritik der Person aufgefasst wird: Denn dadurch, dass man Einem ganz gelassen zeigt, dass er Unrecht hat und also falsch urtheilt und denkt, was bei jedem dialektischen Siege der Fall ist, erbittert man ihn mehr als durch einen grossen, beleidigenden Ausdruck. Denn, wie Hobbes sagte: <Alle Herzensfreude und alle Heiterkeit beruhn darauf, dass man Menschen habe, im Vergleich zu denen man hoch von sich denken kann.> Dem Menschen geht nichts über die Befriedigung seiner Eitelkeit und keine Wunde schmerzt mehr als die dieser geschlagen wird. [Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten. Letzter Kunstgriff] Darum die Rhetorik des Schweigens, denn wie Voltaire sagte: La paix vaut encore mieux que la vérité - oder die Araber: Am Baume des Schweigens hängt seine Frucht, der Friede. Das dumme daran ist bloss, das solche Sprüche meist von denen verwendet werden, die andere belügen oder sonstwie unter Druck setzen. Es braucht also auch hier ein Optimum zwischen den Extremen der totalen Fügsamkeit und der grenzenlosen Streitsucht und Rechthaberei. Wer im falschen Moment schweigt schadet der Wahrheit eben so wie der, der mit allen Tricks eine falsche Meinung durchsetzt.
Apropos WIRTSCHAFTSFLÜCHTLINGE
(rotten definitions by Herzog):
- auch das ist Eristik. |
Der Eristiker wirkt durch Motive auf Gefühle und Willen statt durch Argumente auf die Vernunft. Definition nach Schopenhauer: Eristische Dialektik ist die Kunst zu disputieren, und zwar so zu disputieren, dass man Recht behält. ... Die wissenschaftliche Dialektik in unserm Sinne hat demnach zur Hauptaufgabe, jene Kunstgriffe der Unredlichkeit im Disputieren aufzustellen und zu analysieren, damit man bei wirklichen Debatten sie gleich erkenne und vernichte. Die wichtigsten dieser Kunstgriffe sind:
Erweiterung: Die Behauptungen des Gegners werden übersteigert, ihre Auswirkungen übertrieben und verallgemeinert.
Homonymie: Täuschung durch Mehrfachbedeutung (Polysemie), Homophonie ("Gleichlauten") oder Homographie ("Gleichschreiben"), generell Abweichen vom Thema (Überzeugend eine andere Frage beantworten als die gestellte). Während Synonyme zwei unterschiedliche Worte mit der selben Bedeutung sind, sind Homonyme 2 gleich lautende Worte mit unterschiedlicher Bedeutung
Ein gutes, wenn auch recht komplexes Beispiel dafür ist Korporatismus - denn obwohl nicht bloss gleich lautend und gleich geschrieben, sondern definitiv auch das Selbe bedeutend, wird diese Institution je nach dem wem (wessen Interessen) sie dient gelobt und befördert oder niedergemacht. Obwohl eindeutig das selbe Phänomen, war dieser vom Liberalismus verpönt, egal ob politisch oder wirtschaftlich, während dem sich der Neoliberalismus mit aller Energie gegen staatlichen Korporatismus wandte - gleichzeitig aber seine Herrschaft präzise auf Korporationen gründet, also unpersönlichen Organisationen mit ihren Machtansprüchen. Eristik dient also dem Betrug durch Verwirrung der Begriffe.
In beiden Fällen hilft: Auf das Thema und den realen Fall zurück führen!
| Rhetorik ist die Kunst, Unverständliches so feierlich
vortragen zu können, daß jeder einzelne Zuhörer meint, der Nachbar verstehe
alles, bloß er selber sei zu dumm, und damit dies die anderen nicht merken,
tue er am besten so, als habe auch er alles verstanden.
(Manfred Rommel, dt. Politiker, *1928) |
Schein-Argumentation: Der Gegner baut auf falschen, aber im allgemeinen Sprachgebrauch akzeptablen, Aussagen.
Man verweise auf üble Folgen, Konsequenzen ... die allerdings nur rhetorisch stringent formuliert sein müssen. Tatsachen stören hier gar nicht.
Dagegen hilft das selbe Mittel.
petitio principii: Freiheit oder Sozialismus (Franz Joseph Strauss) - das ist ein Postulat, das etwas behauptet, ohne irgend ein Argument zu liefern, noch schlimmer, überhaupt zuzulassen. So ist es. Ich sag wie es ist. Punktum. Solche Irreführungen können relativ geschickt sein, wie obige, oder, dem Urheber entsprechend, recht dämlich: "The reason I keep insisting that there was a relationship between Iraq and Saddam and al-Qaida is because there was a relationship between Iraq and al-Qaida." George W. Bush. Das Prinzip eignet sich insbesondere für Aussagen, die Mehrheiten gerne hören, also für Populismus. Die Kritik erfordert, auf den Unterschied zwischen Aussage und Begründung aufmerksam zu machen - und die Begründung, das Argument, den Beweis einzufordern. Da in dem Umfeld allerdings meist der recht behält, der am lautesten und am meisten redet, ist die Sache nicht so einfach. Auch das Argument, dass Wissenschafter und Philosophen Jahre oder Jahrzehnte studieren, um rauszufinden, wie etwas sein könnte, offenbar fehl am Platz sind, wo andere grad so wissen wie's ist, verhält nicht, da in dem Umfeld leiser Zynismus nicht ankommt. Da braucht's enorme Geduld um solch populistische Fehlschlüsse zu korrigieren.
Ersticken durch Masse: Das Frage-Antwort-Spiel das Sokrates als maieutisches betrieb, um der Wahrheit ans Tageslicht zu helfen, kann verdreht werden, indem man viele Fragen auf's mal oder häufig stellt. Fehlschlüsse werden durch Geschwindigkeit nicht mehr erkannt (erinnert ein bisschen an die heutige Wirtschaft: Immer schneller, immer mehr. So schnell, dass ja keine Zeit bleibt um sich der Frage bewusst zu werden: Wozu denn eigentlich?).
Dagegen hilft: Bremsen, Argument für Argument auseinander legen - oder Gegenschlag: Ein beliebiges Thema aus der Masse herausgreifen und mit Argumenten oder Scheinargumenten kräftig zuschlagen.
| Mobbing kann eigentlich generell als "Rhetorik der Sprache der Gefühle" bezeichnet werden, da sie den Zweck hat, das Opfer zum Schweigen zu bringen, das Ziel, dieses aus der Gruppe (dem Betrieb) auszuschliessen, zu entfernen. Mobbing bedient sich dazu primär der Hinterlist. Die Sprache der negativen Gefühle wird eingesetzt rein zum eigenen Vorteil und zum Schaden des Andern - unter Ausschluss von Dialog. Wahrheit interessiert nicht. |
Zum Zorn reizen, schikanieren, unverschämt sein - beliebte Methode des Mobbing *. Ein positiver Aspekt des Zorns wäre allerdings die Energie, die er freisetzt und die zu Korrekturen falscher Behauptungen, unzumutbarer Zustände führen kann. (s. Thymos, der gerechte Zorn)
Dagegen hilft: Judo - Angreifer ins Leere laufen, über seine eigene Attacke
stolpern lassen, ihn/sie sich selbst als Flegel und/oder Zornniggel präsentieren
lassen. Mobbisten versuchen andere unter sich zu bringen, nichts bringt sie mehr
in Rage, als sich selbst unten zu finden.
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Emotionalisierung - Ideologisierung: Bestehende Ordnung wird als reaktionär bezeichnet, Gläubigkeit als Fundamentalismus (s. Irak, Türkei ...), Netzwerke als Filz (manchmal muss man aber auch entideologisieren, wenn generell der Filz immer mehr als Netzwerk getarnt wird!), gute Absichten als Gutmenschentum, Idealismus etc. etc.
Dagegen hilft: Eine klare Definition und Stellung. Z.B: Idealisten gewinnen also praktische Kraft aus Ideen. Idealismus ist eine Orientierung an Idealen. Ich bin Idealist, ich strebe nach Idealen. Wer steht da wohl blamiert da?
Autoritätsbeweise: Dr., Professor, Bundesrat, Milliardär soundso sagt ... Standard im Journalismus!
Dagegen helfen die immer vorhandenen Autoritäten die genau das Gegenteil vertreten ... oder, die beschränkte Perspektive der Autorität aufzeigen. Dabei hilft, dass meist gilt: Je autoritärer, desto länger hat er/sie schon den selben Unsinn verzapft. Oft ist die Grundlage der Autorität nichts anderes als eine dicke Schicht Kalk in den Arterien - nebst der Angst, dass Kritik an Autoritäten wirtschaftliche und/oder soziale Nachteile nach sich ziehen kann. Dazu kommt allerdings, dass auch echte Autoritäten, die über Wissen verfügen, nicht gegen hinterlistig-geschickte Rhetorik ankommen (Musterbeispiel: Weltwoche und Klimaerwärmung: s. http://www.climate.unibe.ch/~stocker/papers/stocker02ww.html Auf diesen Artikel haben ein halbes Dutzend erzürnter Professoren geantwortet, aber die Antwort war derart wissenschaftlich und trocken, dass sie im Blätterwald voll untergegangen ist.)
Noch übler ist hier allerdings die Autorität des Gruppenzwangs und der Mehrheit. Jede psychologische oder soziale Untersuchung zeigt, dass sich eine Minderheitsmeinung nur schwer gegenüber einer Mehrheitsmeinung durchsetzt, sei erstere auch noch so richtig und zweitere noch so falsch. Dies nutzt die Parteienpolitik aus, in den USA sogar systematisch, basierend auf Umfragen. <Gefangen> in solchen Gruppen der Einheitsmeinung werden die Menschen über ihre Interessen. Sie hören denen zu, die ihre Interessen und Meinungen vertreten, und betrachten andere als Lügner oder zumindest als unbedeutend. Dies gilt nicht nur für politische Parteien sondern in noch extremerem Masse bei Sekten, Gilden, Clans, Gewerben etc. Solche brauchen bloss noch anzudeuten, dass eine Meinung ihren Interessen entgegen laufen - und die Meinung ist gestorben, die Argumente des Gegners werden, so gut sie sein mögen, als schwach und erbärmlich bezeichnet, die eigenen, so schwach und erbärmlich sie sein mögen, als vortrefflich. Denn was uns unvorteilhaft ist, erscheint meistens dem Intellekt absurd. [Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten. Kunstgriff 35]
Schulmeisterei: Beweisen Sie das erst mal ... das verstehen Sie halt nicht ...
Dagegen hilft: Cool bleiben und ganz einfach, Schritt für Schritt, nochmals erklären, den Lehrer zum Schüler machen. Braucht allerdings Nerven und Wissen.
Durch dumm stellen den andern als unfähigen Redner präsentieren: Ich kann Ihrer Argumentation nicht folgen ... ich verstehe ihre Argumente nicht, ich sehe keinen Zusammenhang, das übersteigt meine Fassungskraft ...
Dagegen hilft das Selbe wie oben: Den sich dumm stellenden beim Wort nehmen und ihm die Sache nochmals erklären, for dummies.
Hier (cklick) ein weiteres Dutzend Beispiele von Schopenhauer und Knill. Und weitere 27 Kunstgriffe der Eristik finden Sie in Elertsen/Hartig: Moderne Rhetorik. Rede und Gespräch im technischen Zeitalter. 8. Auflage. Sauer Verlag. Heidelberg. 1979.
| If language is not correct, then what is said is not
what is meant; if what is said is not what is meant, then what must be done remains undone; if this remains undone, morals and art will deteriorate; if justice goes astray, the people will stand about in helpless confusion. Hence there must be no arbitrariness in what is said. This matters above everything. Confucius |
Rabulistik: Wortverdreherei (Beliebt bei Juristen und Freiwirten)
Sophistik: Kunst der Trugschlüsse (die von vielen Philosophen gerne dazu verwendet wird, auf Denkfehler aufmerksam zu machen).
Polemik, die vielgeschmähte, ist hier ein Sonderfall , quasi als Mittel eines rhetorischen Kampfes, bei dem Gewinnen über der Suche nach Wahrheit steht, bei dem aber weder Gewinnen noch Konsens möglich sind, weil beide Parteien die Wahrheit "wissen".
Definition Polemik:
Streitkunst, ein literarischer oder wissenschaftlicher Streit, eine
gelehrte Fehde (griech. polemikós = kriegerisch). In der Theologie
bedeutet Polemik die Bekämpfung dogmatischer Anschauungen anderer christlicher
Konfessionen. Es kann sich aber um jede Art dogmatischer Anschauungen handeln,
die sich, im Westen zumindest, heute eher in Politik und Wirtschaft als in
Religion äussern. Polemisieren heißt, eine Ansicht zu bekämpfen.
Polemik sucht nicht den Konsens, sondern will fundamentalistisch niederkämpfen.
Es ist keine unfaire Rhetorik, es wird zwar überspitzt aber streithaft.
Allerdings wird unversöhnlich auf der eigenen Meinung beharrt. Wer sagt: "Ich
will nicht polemisieren!" meint damit: "Ich will versöhnlich argumentieren, auf
eine Einigung und Ausgleich hinarbeiten."
Kennzeichen von Polemik sind oft scharfe Äußerungen, persönliche Angriffe
und der Verzicht auf sachliche Argumente, die dem sachlichen Charakter
einer vernünftigen, rationalen Diskussion entgegenstehen. Polemik bedient sich
also oft der Eristik, da sachliche Argumente und Logik in Glaubensdingen
unwirksam sind oder von Fundamentalisten sogar als Häresie abgelehnt werden:
Wer in seiner Argumentation Logik benutzt, ist ein Häretiker ("man
tamantaqa tazandaqa". Al Ghazali. In:
3.6.3 The
Ash'arites Versus the Muta'zilites / Prima Causa Versus Causa Secunda
[after J.C. Buergel]).
Polemik ist also DIE fundamentalistische "Argumentationsweise". Sie steht meist für Dogmatismus, Vorurteile und Intoleranz, die sich allerdings, wie gesagt, nicht bloss bei religiösen Fundamentalisten, sondern immer mehr bei politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fundamentalisten findet, für die es keine alternativen und akzeptablen Lösungen ausserhalb der eigenen, meist recht kleinen, Welt gibt. Aufbrechen lässt sich diese fundamentalistische Argumentation nur, wenn man die Fundamente kritisch begutachtet, und entweder Gemeinsamkeiten, tolerierbare Differenzen oder wirklich totale Unstimmigkeit findet. Letzteres ist allerdings selten, da wir alle auf der selben Erde leben. Ersteres ist eine schwierige Sache, die den Willen zu lernen und andersartiges zu tolerieren voraussetzt. Das beste Beispiel für solch einen erfolgreichen Ansatz zur Auflösung von Polemik dürfte Lessing in seinem Nathan der Weise geliefert haben.
nach http://de.wikipedia.org/wiki/Polemik u.a.
Es gibt aber seltsamerweise auch Situationen, in denen sachliche Argumentation nicht den gewünschten Erfolg bringt, also nicht die notwendige Wirkung erziehlt, und, entgegen der landesüblichen Meinung: sachlich bleiben, nicht persönlich werden - direkt auf Personen zu zielen ist. s. gutes Projekt - sektenähnliche Organisation
Nicht nur sprachlicher, sondern umfassender psychischer Tricks bedient sich das Rollenspiel zum eigenen Vorteil, das alter casting.
Stil- und Figurenlehre
Anapher: Wiederholung eines Wortes oder Wortgruppe am Anfang eines Satzes oder einer Sinneinheit: Keiner half ihr, keiner.
Gemination: Verdoppelung: Aber wehe, wehe, wehe …
Epipher: Die wiederholten Worte stehen jeweils am Ende einer syntaktischen Einheit: Doch alle Lust will Ewigkeit-, will tiefe, tiefe Ewigkeit!
Polyptoton: Was wiederholte Wort wird phonetisch abgeändert: Homo homini lupus.
Durch Auslassung gebildete Wortfiguren verlangen die stillschweigende Ergänzung vom Rezipienten:
Ellipse: Ausgelassene Wort oder Satzglieder – Woher so in Atem?
Zeugma: Ein Verb wird auf mehrere unterschiedliche Gedankenabschnitte bezogen – Er sass ganze Nächte und Sessel durch.
Durch Umstellung gebildete Wortfiguren:
Parallelismus: Parallele Anordnung gleichrangiger Glieder: Ihre Güter zu plündern? Ihre Häuser in Brand zu setzen?
Antithese: Gegensätzliche Anordnung gleichrangiger Glieder: Gott ist Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Sättigung und Hunger.
Chiasmus: Parallele Kreuzstellung antithetischer Satzglieder oder Wörter: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heisst vermutlich der schuf Gott nach dem seinigen.
Vergleich: Die Gedanken werden mit Worten wie mit einem Kleidungsstück bekleidet.
Frage: Wie lange noch, Catilina, willst du unsere Geduld erschöpfen?
Ausruf: Oh tempora, oh mores!
Ironie: Diskrepanz zwischen Meinen und Sagen, Sinn und Ausdruck: Du bist mir aber ein schöner Kamerad!
Evidenz: Detailliertes Entfalten von Umständen oder Geschehnissen, dass man glaubt, Zeuge zu sein: Eben kamen wir an zwei Arbeitern vorbei, die eine Schiffswelle an die Hebekette legten. Wir sind ein paar Schritte weitergegangen …
Vorstellung abwesender oder anwesender Personen
Anakoluth: Die Rede wird abgebrochen und der Gedanken durch das Verschweigen wichtiger Passagen besonders betont: Ich komme als – ah, endlich die Suppe!
Metapher: Austausch des eigentlichen Wortes durch ein ihm ähnliches. Eine eindrückliche Sammlung männlicher und weiblicher Metaphern finden Sie z.B. in: Masculinist Metaphors, Feminist research
Metonymie: Ersetzung einer Benennung durch eine andere, wobei die bekannten Gegenstände in einer realen Beziehung zueinander stehen, wie Ursache-Wirkung, Behälter- Inhalt: Trinken wir ein Glas.
Hyperbel: Übersteigerung der Wahrheit: Eine Ewigkeit warten müssen.
Allegorie: erweiterte Metapher, Sachverhalt durch mehrere bildliche Zeichen in seiner Gesamtheit illustriert
Arten der klassischen Rede und Redeziele
Redegegenstand ohne inneren Widerstand (genus honestum) - die einfache Mitteilung.
Interesselosigkeit zu überwinden (genus humile) - bei der heutigen Informationsflut ein Problem sämtlicher Texte und Botschaften
Beratende politische Rede (genos symbouleutikon)
Lob oder Tadelrede (genos epainos)
Gerichtliche Rede (genos dikanikon)
Geistliche Rede oder Predigt (genus praedicandi) Eine Predigt muss man aus eigener Meditation schreiben, nicht aus andern Schriften zusammen stoppeln. Eine Predigt soll nicht lang, aber durch und durch erbaulich sein. In der Erklärung richtet man sich nach dem Begriff des gemeinen Volkes. Kritik und Philologie gehören nicht hierher. Wer einfältig (erbaulich) predigt, predigt gelehrt; wer gelehrt predigt, predigt einfältig. (Hallbauer, Prof Theologie, 1692 – 1750. S. 39)
Ungewisser Gegenstand, doppelköpfig (genus dubium, anceps)
Schwer durchschaubare Probleme (genus obscurus) – verlangt besondere Redekunst, wie sie so oft bei Sektenführern anzutreffen ist.
Briefe, ein wichtiges Textmedium, als schriftliche Rede einer Person an eine andere, von ihr abwesende, dürften verschiedensten Arten angehören, je nach Anliegen der Mitteilung.
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A healthy male adult bore consumes each year one and a half times his own weight in other people's patience. John Updike |
Das Geschwätz: Eine verbale Form der Mitteilung ohne Inhalt, die sich immer mehr verbreitet in Talkshows und sogar von der Werbung der verschiedenen Telecombetriebe gefördert wird: Gratis telefonieren - schwätzt was das Zeugs hält! Ohne Inhalt, ohne Form - aber nicht ganz ohne Sinn, denn das Geschwätz dürfte der wirksamste und billigste soziale Kitt sein. Trotz dieser wichtigen Funktion darf man das Resultat von Geschwätzigkeit nicht als Grundlage für Entscheide, für Handlung nehmen, denn Geschwätz basiert eben nicht auf wahrheitssuchender Argumentation. Geschwätzigkeit soll unterhalten, ohne Anstrengung - die Wahrheit dagegen liess sich noch kaum je ohne Anstrengung erobern. [s. Event] Rhetorisch betrachtet ist gerade das Geschwätz aber eigentlich der Gegenpol zur rhetorisch durchdachten Rede, denn es hat weder ein Ziel noch eine Struktur.
Texttypen der Gegenwart, von denen jeder seine spezielle Struktur und Funktion hat:
Muster, Definitionen, Inhalt zu praktisch all diesen Texttypen finden Sie bei der Schreibwerkstatt der Uni Essen (s. Schreibtrainer)
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Abhandlung -
Auch synonym für
Argumentation
Anmeldeformular Cartoons/Karikaturen:
Hier tritt zwar der Text gegenüber der Zeichnung formell in
den Hintergrund - die meist wenigen Worte werden aber gerade dadurch um so
stärker hervorgehoben. s. Cartoons
zum Krieg im Irak Es gibt (nach Schneider/Raue) 5 Typen von Kommentaren:
Ein Kommentar muss zu einem Schluss kommen, sonst taugt er nicht. |
Kompendium (kurzgefaßtes -> Lehrbuch, Nachschlagewerk) Konzertprogramm (-> Theaterzettel) Lebenslauf (curriculum vitae) Legende 1: wundersame Geschichte
Lehrbuch
(Sach-, Fachbuch) Pornographie: Obwohl auch hier, wie bei Cartoons/Karikaturen, meist das Bild oder die Zeichnung im Vordergrund steht (s. Cartoons zum Thema Erotik zensuriert: Mangas), gibt es auch die literarische Pornographie, d.h. erotische Literatur - zensuriert, die sich auch heute noch auf Indizes mit verbotenen Büchern finden. Von einer "Rhetorik der Pornographie" oder "Rhetorik der Erotik" zu reden wäre übertrieben ... der Rede nicht wert ... denn Rhetorik ist die Kunst der wirkungsvollen Rede oder Schreibe. Die Wirkung die Pornographie erzielen soll ist beschränkt. Sie soll geil machen, Begierde wecken, das Begehren entzünden. Deswegen ist sie auch banal ... und kommt darum bei den Massen so gut an. Die Erotik kann also, was sie meist ja auch tut, am Anfang einer Beziehung stehen, diese aber werder schaffen noch erhalten. Das ist Sache des zwischenmenschlichen Dialogs. s. Beziehungslehre)
Porträt: Künstler-, Landschafts-, Städte- Reportage: In dieser
verwirklicht sich die Erzählkunst des Journalisten. Sie erzählt eine
Begebenheit oder beschreibt eine Situation, und will dadurch dem Leser die
Augen öffnen. Die Reportage ordnet Fakten nach einem unterhaltsamen
Drehbuch - und führt zu fundierten Aussagen. Grundlage ist die
Recherche, die recht aufwändig sein kann. Dem Leser werden nicht kalte
Fakten geboten, sondern er wird in die Geschichte hineingezogen und erlebt
sie mit (wenn die Reportage gut ist). Sportreportage (z.B. über ein Fußballspiel, Rennen) Sprichwort: Ein Sprichwort ist
ein kurzer Satz, der sich auf lange Erfahrung gründet.
(nach Dr. Wolfgang Näser, Marburg http://staff-www.uni-marburg.de/~naeser/formkomm-tx.htm) - ohne Links! |
Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, WEBDESIGN für Wissensanbieter, Rheinfelden, 22.04.03
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| Definition Schweigen: Schweigen ist eine Verhaltensweise des Menschen, die sich in der Religionsgeschichte als Ausdruck der Ehrfurcht und als eigtl. gottgewollte Haltung findet. In der Mystik ist Schweigen ein Mittel der Meditation, im Mönchtum oft eine asketische Forderung, die ebenso für das indische Mönchstum gilt wie für das christliche, das sie in den Orden der Karthäuser und Trappisten am strengsten befolgt wird. Meyers Grosses Taschenlexikon |
Ein viel zu wenig genutztes rhetorisches Stilmittel ist das Schweigen. Während Rhetoriker, Philosophen und Politiker sowieso einen grossen Bogen um das Schweigen machen, wird es von Zynikern gerne genutzt. Nichts kann, wenn zur Rechten Zeit eingesetzt, so viel zur Klärung beitragen - aber auch verärgern oder verunsichern wie das Schweigen.
Im Internet finden Sie unter dem Stichwort "Schweigen" meist umfangreiches Gelaber zum Thema Zuhören. Das ist qualifizierter Unsinn. Die Leute verwechseln Rhetorik mit Dialog. Rhetorik ist aber die Kunst des Redens, also des Monologs, wären dem die Kunst des Gedankenaustausches zwischen zweien oder mehreren Dialog genannt wird. Die Anforderungen an den Dialog sind weitaus höher als die an den Monolog, da das klare, deutliche und verständliche Reden, also die Anwendung der Rhetorik, für den Dialog nur EINE Voraussetzung ist. Dialog beruht auf dem Willen, auf gegnerische Argumente einzugehen, sie zu entkräften, oder, wo nicht möglich, eben daraus zu lernen und die eigene Haltung zu ändern. Dialog ist also vor allem ein Lernprozess, kein Schweigeprozess. Ab und zu Schweigen hilft, reicht aber bei weitem nicht aus. Das wichtigste beim Dialog ist das Mit-Denken, das natürlich nur möglich ist, wenn man auch zuhört. Dass qualifiziertes Zuhören genau so schwierig ist wie wirkungsvolle Rede zeigt sich, wieder mal, am chinesischen Schriftzeichen für zuhören, das sich zusammen setzt aus den vier Zeichen für Herz, Verstand, Ohren und Augen.
Die Disziplin des Schweigens beim Vorgang des Redens und Zuhörens muss von den Subjekten konsequent angewendet werden, weil es sich hier um ein absolutes Muss der dialogischen Kommunikation handelt. Das erste Signal, das zeigt, dass das redende Subjekt zuhören kann, ist die Kontrolle unter Beweis zu stellen, nicht nur bei der Notwendigkeit, selbst zu Worte zu kommen, was natürlich sein Recht ist, sondern auch hinsichtlich seiner zutiefst zu respektierenden persönlichen Lust daran, sich zum Ausdruck zu bringen. [Paulo Freire: Pädagogik der Autonomie. Waxmann. München, New York, Münster, Berlin. 2008] |
| Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man
schweigen. Ludwig Wittgenstein Genau das ist Schreiben: es ist die Ausformung eines Schweigens - eines Schweigens, das sehr voll ist. J.P. Sartre Ein Wort Ein Wort, ein Satz-: aus Chiffren steigen Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, Gottfried Benn |
| Man frage nicht Man frage nicht, was all die Zeit ich
machte. ________________ Erst gewahrten wir vergnüglich Karl Kraus |
Karl Kraus, der begabteste Polemiker des 20. Jahrhunderts, hat mit kaum einem Text so viel negative Reaktionen und Unverständnis erzeugt, wie mit seinem Schweigen zu Hitler. Dabei hätte allerdings jedem der Kritiker klar sein müssen, dass dahinter mehr steckt. Wenn ein ganzes Volk Hitler mit seinem ganzen Lügengebäude als Führer akzeptiert, dann reicht reden nicht mehr aus. Dann müsste das Volk zum Denken gebracht werden ... was allerdings bei Schafsnaturen über die Kapazitäten des Poeten geht.
Eugen Gomringer (1925-), der Schweizer Erfinder der konkreten Poesie, hat die Tatsache, dass Schweigen etwas ist, dass sich nicht durch Worte ausdrückt, wie folgt dargestellt:
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schweigen schweigen
schweigen |
So ist "zum Schweigen bringen" eine weitaus beliebtere Methode als selbst zu schweigen. Diese war insbesondere im Mittelalter beliebt, als sogar Kirchenfürsten sich ihre Schlägertruppen hielten, die mit Fäusten nachhalfen, wenn die verbale Debatte nicht überzeugend genug war. Schlagfertigkeit hatte damals eine offenbar ziemlich handfeste Bedeutung. Eine moderne Variante dieser Verfahren sind Klagen wegen Ehrverletzung, Geschäftsschädigung, Marktverzerrung etc. mit der Kritik unterbunden wird. Eine postmoderne Variante des zum Schweigen Bringens sind Attacken von Hackern auf ganze Websites, Überflutung mit Massenmails, Bombardierung mit Viren- und Trojanermails etc. [Ich hab da selbst so meine Erfahrungen, denn ich habe mit solchen Reaktionen immer dann gehäuft zu rechnen, wenn ich mal wieder einem Webdesigner darüber aufgeklärt habe, dass sich Besucherzahlen genau reziprok verhalten zu dem, was heute als guter Design angesehen wird. (. s. Scheissdesign).]
| Schweigen ist ein Argument, das kaum zu
widerlegen ist.
(Heinrich Böll, dt. Schriftsteller, 1917-1985) |
Die Schweigepflicht ist, so seltsam das tönt, ist für Ärzte, Apotheker, Psychologen, Juristen, Pfarrer, Versicherungsagenten, Amtsträger, Banken ... das wichtigste Mittel den Dialog mit ihren Kunden zu fördern. Sogar für Philosophen gilt oft: Si tu t'aurais tu, tu serais resté philosophe.
Enorm wichtig ist das Schweigen im Internet. Nicht, weil irgend jemand eine Aussage sehen und falsch interpretieren könnte, oder weil einem eventuellen zukünftigen Chef eine öffentliche Aussage auf den Keks gehen könnte, sondern weil im Internet nur das Schweigen die Ausbreitung von Mist verhindert.
Empfehlung: Regt Sie was auf, ist ein Artikel wirklich Mist, so fluchen Sie ruhig mal vor sich hin, aber schicken Sie ihn nicht an alle Freunde und vor allem, kommentieren sie den Mist nicht im Internet. Noch wichtiger: Legen Sie keinen Link darauf, denn all dies holt den Mist aus der Grube. Gerade heute Morgen (30.12.04) ist mir so einer übergekommen, als ich mal "webdesign brainworker" überprüfte. Da macht sich einer grosszügig über einige dutzend Websites her, die er als überflüssig erklärt (u.a. www.brainworker.ch ), liefert aber sonst nichts als überflüssige zweitklassige Familienfotos beim Grillieren. Dümmer geht's nümmer. Er kriegt keinen Link auf seine überflüssige Website, mag er mich oder sich noch so ärgern ...
Mit Scheisse im Internet sollte man das Selbe
tun, was man sonst so damit tut:
Spülen - und der Kläranlage (also dem Vergessen)
überlassen.
Kritischer zu bewerten ist das Schweigen dort, wo es um politisches oder wirtschaftliches agenda-setting geht, das wichtig wäre, denn Ereignisse werden erst zu solchen, wenn die Medien sie dazu machen. Durch Schweigen mache sie aus einem Etwas ein Nichts.
Empfehlung für eine saubere Referenz, aber
ohne die
Vergünstigung der Verlinkung, die den Schrott sonst bei Google noch fördert:
www.xxxx
yyy.xy
oder www.xxx(irgendeinscheiss)yyy.xy
Umgekehrt muss ich natürlich sagen: Ich merke schon, wenn jemand sich meiner Texte bedient und sich derart toll findet, im vergleich zu meinen lausigen Präsentationen, dass er nicht mal einen Link auf den Urheber legt. OK, gut - aber dann Auge um Auge, Zahn um Zahn: Wer sich als zu gut empfindet, auf den Urheber zu verweisen, den beschenkt der Urheber nicht mit Links. (Dies als Begründung, warum sich die eine oder andere Website bei mir nicht findet, die eigentlich ähnliche Anliegen verträte). Sie sehen wie hinterhältig, strategisch-taktisch und gerissen es im Web so zugeht ...
| Gott gebe mir die
Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden. Friedrich Christoph Oetinger (1702- 1782) Das sog. Gelassenheitsgebet, gerne als Kalenderspruch verwendet, enthält eigentlich die konzentrierte Weisheit des Buddhismus und Taoismus. |
Wie wortreich sich Sprachlosigkeit und Schweigen heute ausdrückt, zeigt in unserer Medienüberfluteten Gesellschaft gerade das Seebeben in Südostasien. Mir fehlen die Worte füllt Seiten und Zeitungen, mir hat es die Sprache verschlagen ganze Fernsehabende und -Tage. Und diese Sprachlosigkeit durch ein bereits gewaltiges Unglück reicht offenbar nicht: Cholera ... Es gibt keine Cholera! Cholera! .... Es gibt keine Cholera! Cholera!! Es gibt keine ... Lauthals fordert die mediale Unglücksvermarktung nach noch mehr Unglück und noch eindrücklicheren Zahlen, 140'000 Tote (160-220'00) reichen offenbar nicht. Bringt sie zum Schweigen die Aasgeier!, denn Gelaber hat noch selten ein Unglück verhindert.
Am aktuellen Fall des Erdbebens von Südostasien zeigt sich auch die Unwirksamkeit der Medien, und zwar in zweierlei Beziehungen:
Lösen Medienevents höchst selten Probleme. Die Medien springen von Event zu Event. Das neuere, grössere Event bringt das ältere, kleinere, zum Schweigen.
Sind die Medien derart darauf fixiert, ihre News den Massen zu verkaufen, dass sie eine rasche Information der direkt betroffenen oft eher behindern als fördern.
| Die Sprache der Frau Ja = Nein Nein = Ja Vielleicht = Nein Es tut mir leid = Das wird Dir leid tun Wir brauchen = Ich will Entscheide Du = Die richtige Entscheidung müßte offensichtlich sein Mach wie Du willst = Dafür wirst Du noch zahlen Wir müssen reden = Ich muß mich über etwas beschweren Natürlich, mach es wenn Du willst = Ich möchte nicht, daß Du es machst Ich bin nicht sauer = Natürlich bin ich sauer, Du Arschloch! Du bist so männlich = Du solltest Dich mal wieder rasieren Du bist heute wirklich nett zu mir = Kann es sein, daß Du immer an Sex denkst? Mach das Licht aus = Ich habe Zellulitis Die Küche ist so unpraktisch = Ich möchte ein neues Haus / eine neue Wohnung Ich möchte neue Vorhänge = und Teppiche, und Möbel, und Tapeten Ich habe ein Geräusch gehört = Ich habe gemerkt, daß DU eingeschlafen bist Liebst Du mich? = Ich möchte Dich nach etwas Teuerem fragen Wieviel liebst Du mich? = Ich habe etwas gemacht, was Dir nicht gefallen wird Du musst lernen zu kommunizieren = Du mußt einfach nur meiner Meinung sein Nichts, wirklich = Es ist nur, daß Du ein riesengroßes Arschloch bist!! Die Sprache der Männer Ich habe Hunger = Ich habe Hunger Ich bin müde = Ich bin müde Schönes Kleid! = Geile Titten!! Was ist los? = Ich kann nicht glauben, daß du so eine Tragödie daraus machst Was ist los? = Durch welches undefinierbare, selbst erfundenes Trauma schlägst Du Dich gerade durch? Ja, Dein Haarschnitt gefällt mir = Vorher fand ich sie besser Ja, Dein Haarschnitt gefällt mir = 50 Mack und kein bißchen anders! Gehen wir ins Kino? = Ich möchte Sex mit Dir machen! Kann ich Dich zum Essen einladen? = Ich möchte Sex mit Dir machen! Kann ich Dich mal anrufen? = Ich möchte Sex mit Dir machen! Wollen wir miteinander tanzen? = Ich möchte Sex mit Dir machen! Du siehst angespannt aus, soll ich Dich massieren? = Ich möchte Sex mit Dir machen! Was ist los mit Dir? = Ich schätze mal, daß das mit dem Sex heute nacht nichts wird... Ich langweile mich = Willst Du mit mir schlafen? Ich liebe Dich = Laß uns miteinander schlafen, jetzt! Ich liebe Dich auch = Okay, ich habe es gesagt und jetzt können wir miteinander schlafen Reden wir = Ich möchte gut auf Dich wirken, damit Du glaubst, ich wäre eine tiefgehende Person und dann willst Du vielleicht auch mit mir schlafen. Willst Du mich heiraten? = Ich will, daß es illegal wird, wenn du mit anderen Männern ins Bett gehst |
Ebenfalls zu viel geredet haben all die, die bei dem Unglück, das noch bis vor wenigen Wochen das grösste war, nämlich Bam, Unterstützung versprochen haben. Die internationale Gemeinschaft sagte eine Milliarde an Hilfe zu - die Uno erhielt jedoch bloss 32 Millionen an schriftlichen Zusagen - und davon wurde bloss die Hälfte bezahlt. 30'000 Tote - 17 Millionen an Hilfeleistungen - und die Überlebenden leben heute noch in den Trümmern! Flutkatastrophe Bangladesh 1991: 140'000 Tote. Erdbeben in Tangshan, China 1976: 240'000 Tote (die grosszügig den Chinesen überlassen wurden). Darfur, Kongo: Im Kongo irren 3 Millionen Menschen durchs Land), Irak (Das grosse Schweigen: Palästina im Abseits), Afghanistan... etcetc.. Das mediale Theater ist jeweils gross - das Gedächtnis aber kurz.
In Südostasien dürfte die Geschichte etwas anders verlaufen, vor allem weil all die Entwicklungsorganisationen, die nun hinter dem Geld und den Aufträgen her sind, wissen, dass Inder, Tamilen, Thailänder und Indonesier eine starke Arbeitsmoral sowie eine alte Tradition der Selbsthilfe haben, dass also damit zu rechnen ist, dass die meiste Arbeit bereits getan ist, bis die Entwickler bloss ihre weissen Geländewagen eingekauft, die Büros bezogen und die ersten Konzepte entwickelt haben. Hier ist also höchste Eile geboten! Die Sammlungen für Tsunamiopfer haben rund eine Milliarde $ gebracht - das World Food Programme hat aber erst einen fünftel der notwendigen Beiträge für die Hungerhilfe in Afrika erhalten, 1/8 der weltweit nötigen Mittel. Vom Büdget (360 Millionen) zur Unterstützung Heimkehrwilliger im Südsudan sind ebenfalls erst 7% finanziert.
Die Sprüche gewiefter Entwicklungspromotoren: Man darf sich nicht vorstellen, das Problem sei mit kurzfristigem Wiederaufbau gelöst. Das braucht Wiederaufbauprojekte für mindestens 10 Jahre - sind PR-Schrott. Es geht um die Wiederherstellung der lebens- und wirtschaftsnotwendigen Strukturen, und das innert möglichst kurzer Zeit. Innert Wochen bis Monaten muss die lokale Bevölkerung wieder im Stande sein, ihrem Erwerb nachzugehen - nicht in 10 Jahren! Geld scheint ja diesmal nicht das Problem zu sein. Der Wiederaufbau von Tangshan, wo 86% der Stadt zerstört wurde, 240'000 starben und weitere 600'000 Menschen in Trümmern lebten, hat 10 Jahre gedauert. Wenn es irgendwo noch eine Entwicklungsorganisation gibt, die sich an solch langfristige Einsätze traut, dann wäre da immer noch das Problem zu lösen, wie sich eine Verhaltensänderung erzielen lässt, die dazu führt, dass Wald pfleglich genutzt statt ausgebeutet wird. (s. Jemen, Somaliland ...)
Weder geschwiegen noch gelabert haben die Leute, die das Unglück kommen sahen und rechtzeitig warnten. Aus dem Misserfolg der Mitteilung zeigt sich klar der Unterschied zwischen Monolog (Rhetorik) und Dialog, sowie die Tatsache, dass manchmal Reden Gold wäre und Schweigen Scheisse - aber Reden mit den richtigen Partnern. Manuela Kessler hat in ihrem Bericht: Warum niemand vor der Flut gewarnt hat [Tages-Anzeiger 5. Januar 2005. S. 3] verpasste Chancen und dahinter liegende Probleme deutlich aufgezeigt:
Das Erdbeben das um 7.59 vor Bandar Aceh die Erdkruste um rund 10 m hob, auf einer Länge von 500 bis 1000 km (unterschiedliche Angaben), hatte eine Energie von 32 Milliarden Tonnen TNT. Es dauerte zwei Stunden bis die dadurch ausgelöste Flutwelle über die thailändische Küste hereinbrach, zweieinhalb Stunden bis sie in Sri Lanka und Indien anlangte, vier Stunden bis zu den Malediven und gar 7 Stunden bis nach Somalia.
Der Seismologe auf Sumatra, der das Erdbeben sofort mitbekam, aber erst dachte, der Nachbar arbeite mit einem Presslufthammer im Garten, konnte während 1 Stunde niemanden erreichen. Ein Reporter schickte die Meldung eine halbe Stunde später weiter. Das indonesische Erdbebenzentrum verschickte 90 Minuten nach dem Beben Emails an Partnerinstitute. Für Telephongespräche war kein Geld vorhanden.
In Japan wurde 7 Minuten nach dem Beben im seismologischen Zentrum von Nagano das Beben registriert. Ein Computerprogramm machte sofort die Gefahr eines Tsunamis deutlich. Die Meldung ging aber nur an die Vorgesetzten ...
Das Geowissenschaftliche Institut Canberra kam zu selben Schluss und sandte 40 Minuten nach dem Beben Warnungen an den nationalen Krisenstab und die australischen Botschaften rund um den Indischen Ozean. Die Regierungen der betroffenen Staaten direkt zu informieren hätte gegen diplomatisches Protokoll verstossen.
Das Frühwarnzentrum Honolulu stufte die Gefahr eines Tsunamis zwar als gegeben, nicht aber als gewaltig ein.
Das amerikanische Erdbebenzentrum in Golden, Colorado, erkannte rasch, dass es sich um eines der stärksten Beben der letzten Jahrzehnte handelt und verschickte die Botschaft an das Weisse Haus, das US-Aussenministerium und die wichtigsten Hilfsorganisationen. Eine Stunde später wurde eine klare Tsunamiwarnung verschickt, allerdings waren von den betroffenen Ländern nur Thailand und Indonesien an das Warnsystem angeschlossen.
Bangkok hatte also eine Warnung erhalten, allerdings hatte der dortige Direktor vor 6 Jahren mal einen falschen Tsunami-Alarm ausgelöst. Die Tourismusindustrie hatte kein Verständnis dafür, dass die Wirkung von Tsunamis vor allem von der Beschaffenheit des Bodens in Ufernähe abhängt, und hatte den Direktor mit Schimpf und Schande und Schadenersatzklagen überhäuft - statt dankbar zu sein, dass nichts geschehen war. Da eine Evakuation wirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe verursacht, wurde diesmal auf einen Alarm verzichtet.
In Colombo hatte das nationale Meteorologische Amt ebenfalls Angst, ihre Kompetenzen zu überschreiten.
Ähnlich Indien: Die indische Luftwaffe lieferte bereits eine Stunde nach dem Beben Bilder der total zerstörten Andamanen und Nikobaren. Wenig später versank eine weitere Militärbasis im Wasser. Das Verteidigungsministerium wurde informiert, das meteorologische Institut schlug Alarm, der Krisenstab des Innenministeriums, die "Katastrophenmanager" liessen sich zwei Stunden Zeit ... das Kabinett einzuberufen.
Wäre die Meldung zeitig an die Radios der betroffenen Küstengebiete gegangen, so hätte vermutlich doch ein Teil der Bevölkerung (wie die Urvölker und Tiere der Andamanen und Nikobaren) richtig reagiert und sich in die Höhe verzogen (während andere, natürlich gerade wegen der Meldung, mit ihrer Kamera "das Spektakel" in "sicherer", also so ca. 20 m, Distanz, zum Meer erwartet hätten ...)
Inzwischen haben Analysen der Sandablagerungen gezeigt, dass solche Erbeben und Tsunamis bereits um 900 AD und 1400 vorkamen, also so alle 5 bis 600 Jahre damit zu rechnen ist ... was eine Vorwarnung doch eher zu einem schwierigen, da extrem langfristigen Geschäft macht. Wer glaubt denn da nach 600 Jahren noch, dass da was kommt .... bloss weil's hupt.
Irgendwo zwischen (besser) Schweigen und Katastrophe steht die Rhetorik der Wissenschaftler im deutsch- und französischsprachigen Raum. Während in England ein Wissenschaftler als eher beschränkt angesehen würde, könnte er seine Sache nicht klar und verständlich präsentieren, ist es bei den deutschsprachigen umgekehrt: Was jeder versteht, kann ja wohl nicht wissenschaftlich sein! Frankreich scheint wiederum ein ganz anderes Problem zu plagen, nämlich das der Sprachverliebtheit. Insbesondere die französischen Philosophen drechseln so lange an ihren Texten rum, bis sie theaterreif sind, aber man den Inhalt zwischen lauter Phrasen fast nicht mehr findet.
Was normalerweise übliche Bestandteile der Rhetorik sind, nämlich sachlicher Inhalt, emotionales Ansprechen des Lesers und anregen einer Leidenschaft des Lesers, wird bei wissenschaftlichen Texten auf reinen Inhalt reduziert (es sei denn, es geht um den Job, da wechselt man sehr rasch über zu Propaganda. s. ETH, ganz unten).
Standardform des wissenschaftlichen Berichts:
Problem
Methodik
Resultate
Interpretation
Diskussion
Furztrocken. Dennoch, präziser betrachtet, bedient sich die wissenschaftliche Rhetorik eigentlich eines Täuschungsmanövers über Autorität und Objektivität. Die wissenschaftliche Autorität wird erzielt durch absolute Neutralität des Schreibstiles. Da gibt es kein ich, sondern man oder es hat irgend was gemacht, und es gibt keinen Zufall, sondern nur rein rationales Vorgehen, obwohl jeder erfolgreiche Forscher weiss, dass Fleissarbeit und Statistik meist nichts bringt, sondern dass neue Erkenntnis meist in den "Ausreissern" und all den Dingen stecken, die ganz und gar nicht zu dem passen, was man eigentlich sucht und erwartet. Also ein Biochemiker, der nach Jahren des Wurstelns eine neue Synthesemethode für ein Protein gefunden hat, der dürfte nie schreiben: Nachdem mir beim zigtausendsten Sch...versuch in diesem Sch...labor mit dieser Sch... synthese ein Stück meins Käsesandwiches in den Erlenmayerkolben gefallen ist, da funktionierte es plötzlich. Das katalysierende Element zu finden, war dann Peanuts. Sondern das würde etwa lauten: Nach jahrelangen systematischen Versuchsreihen zur Synthese, brachte ein speziell angelegtes Experiment die Erkenntnis: Käse! [Weiteres s. Wissenschaftsjournalismus]
Die Philosophen nutzen eine viel grössere Auswahl an Formen der Präsentation. Das geht vom mathematisch-formelhaften Wittgenstein's tractatus logico-philosophicus, über systematische Beschreibungen der Welt und dessen, was sie zusammenhält (Aristoteles, Kant und Nachfolger), Aphorismen (Schopenhauer), Essays (Kierkegaard), Erzählungen, Romane (Sartre, Musil) ... bis zu den rhetorischen Meisterwerken Nietzsches. Es kann also niemand sich damit entschuldigen, Philosophie sei zu kompliziert, denn man findet sie in allen Varianten.
Ein Unterschied zwischen literarischer und wissenschaftlicher Präsentation ist mir selbst erst aufgefallen. Ich lese komplizierteste Dinge wie Dissertationen, Marx, wirtschaftliche Abhandlungen etc. rasch, sortiere, bewerte - und merke mir, was wichtig ist. Derart gelesenes lässt sich auch noch nach Wochen abrufen, bei einigem Grübeln. Lese ich jedoch einen Roman, insbesondere einen gigantischen wie die von Tolstoi oder Musil, dann krieg ich Zustände. Da müsste ich mir sämtliche Personen merken, die Beziehungen, die Geschichten und Erfahrungen ... und da fehlt mir dann irgendwie das Interesse, da mir diese Fiktionen zu unbedeutend erscheinen. Drum hab ich für 1000 Seiten Musil, obwohl sehr lesenswert und hervorragend geschrieben, 9 Monate gebraucht, für 1000 Seiten Marx 4 Tage. Warum also sollte ich mich mit Dostojewski rumärgern, wenn ich diese Informationen in einem Bruchteil der Zeit in zwei psychologischen und soziologischen Lehrbüchern finde?
Und Sie können sich sagen: Warum sollte ich mich mit Wissenschaft rumquälen, wo ich das selbe, erst noch vergnüglich, in der Literatur finde?
So kriegt jedes Denkkonzept das ihm entsprechende Futter. Falls Sie sich, laut Meinung anderer, kulturell falsch ernähren, lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen, denn - nur "nicht denken" ist unkultiviert. Der Besuch von unverstandenen Theaterstücken, eine Bibliothek voller ungelesener Weltliteratur, hat nichts mit Kultur zu tun.
Fazit:
Jede(r) sollte sich die für ihn(sie) wichtigen Information
(da ich nur an Wahrheit orientierte Informationen als wichtig betrachte, meine
ich also wissenschaftliche oder philosophische Informationen),
in der Form besorgen, die für ihre/seine
Gehirnstruktur am
besten zu verarbeiten ist.
Martin Herzog, Webdesign, Rheinfelden
Man muß einfach reden, aber kompliziert denken - nicht
umgekehrt.
(Franz-Josef Strauß, dt. Politiker, 1915-1988)
Oberflächliches Denken braucht komplizierte Formulierungen, um tiefsinnig zu
wirken.
(Michael Richter, 'Wortbruch')