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Schlotterdeichs letzter Streich:

Huldiget den Reichen, den Leistungsträgern! Ein Lob der Plutokratie.

[Jan Rehmann, Thomas Wagner. Hrsg: Angriff der Leistungsträger? Das Buch zur Sloterdijk-Debatte. Argument. Hamburg 2010]

In diesem Büchlein setzen sich 34 Literaturwissenschaftler, Philosophen, Soziologen, Psychologen, Politikwissenschaftler, Redaktoren, Journalisten u.a mit Sloterdijks letztem Streich auseinander. In diesem, seinem letzten "Werk": Die Revolution der gebenden Hand (FAZ 13. Juni 2009) schlägt Sloterdijk allen Ernstes vor, die obligaten Steuern durch ein freiwilliges System milder Gaben zu ersetzen. Ganz im Stile aller Manipulatoren zieht er sich in Diskussionen allerdings gerne auf den Standpunkt zurück, das sei ja nur ein Gedankenanstoss - und gar nicht ernst gemeint. Falls es als Witz gemeint war, hätte er vielleicht besser damit ins Cabaret gehen sollen, obwohl, was im Cabaret geboten wird (oder besser mal wurde), ist zum grossen Teil doch noch ernsthafter als das was Sloterdijk gemeinhin bietet.

Leistungsträger: Besserverdienende - aber Zusammenhang von Leistung und überdurchschnittlichem Geldeinkommen wird offen gelassen. Insbesondere hat sich der moderne Leistungsbegriff längst von der Frage der Nützlichkeit, dems konkreten"Wozu" der Tätigkeit losgelöst und abstrahiert. Die Fähigkeit, möglichst viel Vermögen anzuhäufen, koste es die Gesellschaft, was es wolle, wird zum Inbegriff der Tätigkeit, der Leistungsträger zum normalen Repertoire neoliberaler Ideologie.

Grösster Fehler Sloterdijks: Nachlässigkeit bei der Definition des Begriffs "Leistung"

  • Leistung als Rationalisierung und Restrukturierung schafft die "Ueberflüssigen" eigentlich erst. Die Produzenten loben sich dafür als Elite, und verarschen die Verdrängten gleich 2 x, a) durch Usurpation und b>) durch Suprimation (Unterdrückung und Verächtlich-Machen).
  • Leistungslohn tönt gerecht, aber wieso wird die Arbeit auf einer Bank mit einem mehrfachen entlöhnt wie die Arbeit auf einem Bauernhof, im Wald, im Bergwerk, zur See, wo die Arbeit weitaus härter ist? (Die Antwort finden Sie unter dem vorgehenden Link Leistungslohn, sowie unter Betriebsgrösse)
  • Sloterdijk ist ein Wortgläubiger (was zwar bei dem Unsinn, den er so zusammenschreibt, extrem verwundert. Grosse Worte, noch besser, grosse Bücher bestimmen nach seiner Meinung die zukünftige Entwicklung - nicht bestehende soziale Strukturen. Sloterdijk ist ein Schreibtischtäter, der gerne zum Revolutionär geworden wäre, allerdings ohne viel zu ändern, denn es geht ihm ja gut. In welcher anderen Gesellschaftsform würde einer von dem Staat unterhalten, gut unterhalten, den er veräppelt.
  • Das Lob der Elite, gegen die Trägheit der Masse, vergisst, dass Elite sich auch erst bilden kann, wo ihre Mitglieder Erfahrung und Vertrauen erworben haben, was der Zeit bedarf - und (nur) eines kleinen Artikels, um es zu ruinieren. (Das nur muss hier unbedingt in Klammern, denn hätte Sloterdijk den Mist den er diesmal bietet wieder mal auf 2000 Seiten gestreckt, es wäre vermutlich von niemandem durchgelesen worden, weshalb sich dann auch keiner getraut hätte, dagegen zu argumentieren. Genau hierin steckt Sloterdijks Strategie: Der Trivialitätstrick: Durch die schiere Menge an Geschriebenem verdecken, dass man eigentlich nichts von Belang zu sagen hat.
  • Du musst Dein Leben ändern - und üben: Das ganze ist eine üble Banalisation (oder Trivialität). Jeder der was wissen oder können muss oder will muss üben. Schullehrerweisheit. Die Frage aber ist: WAS? Und da von der Elite entschieden wird, welche Produktion welchen Lohn erhält, kann der Laie hier nicht wählen, sondern bloss raten. 2. Punkt: Noch wichtiger als das Ueben an sich war und ist in jeglicher Kultur, der kulturelle Hintergrund, und zwar der, der zur jeweiligen Kunst den Kontrapunkt, das Yin zum Yang oder umgekehrt, einbringt. So waren die Islamischen Bogenschschützen verpflichtet, keine Schutzbedürftigen und auch keine vierbeinigen Tiere zu verletzen. Sie wurden von den Engeln Allahs besonders beobachtet, und da gibt es immer einen, der die guten, und einen, der die schlechten Tagen aufschreibt. Ebenso beim Zen-Buddismus. Der Schütze muss erst die innere Ruhe und seine Harmonie mit der Umgebung finden, bevor er schiessen kann. Das Schiessen, auch im Kriegsfall, ist kein Schlächterhandwerk, sondern eine Kunst - wie insbesondere bei den Samurai, oder zu den besten Zeiten auch bei unsern Rittern. Sie wurden nicht Ritter, weil sie zuschlagen konnten, sondern auch, weil sie sich am Hofe benehmen konnten, weil sie zu Führen verstanden, weil sie Verträge aushandeln konnten - kurzum weil sie sich ritterlich verhielten. Die mechanische Kriegsführung hat hier grossen Schaden angerichtet, was sich ja auch darin zeigt, dass bei heutigen Kriegen viel mehr Zivilisten als Soldaten umkommen. Die Wirtschaft lernt Strategie und Taktik immer noch bei Sun Tzu (Ueber die Kriegskunst), Machiavelli (Der Fürst) und Clausewitz (Vom Krieg u.a.).
In: Die Revolution der gebenden Hand fordert Sloterdijk, dass obligatorische Steuern und Ab-Gaben ab-geschafft werden, die Bedürftigen also " Reichtum" nur in Form von Spenden empfangen, nicht als Umverteilung durch Steuern: Hier wundert man sich, dass kaum ein Verweis auf Marcel Mauss erfolgt - allerdings nur, bis man Mauss gelesen hat, denn der war, vor 100 Jahren, Sloterdijk bereits um einiges voraus::

Der Essai sur le don war die erste grundlegende vergleichende ethnographische Arbeit über die Gabe. Als systematische und vergleichende Studie analysiert sie das System des Geschenkaustauschs und deutet seine Funktion im Bezugsrahmen der gesellschaftlichen Ordnung. Mauss stellt das moralische, psycho-ökonomische Prinzip der Gabe in seinem Zwangscharakter und seiner Schuldverursachung heraus. Maus beschrieb den Tausch als Herrschaftsmittel archaischer Gesellschaften (s. Jemen: 4.5.2.3.1 quality, Leadership and the Priority of Arguments over Power - of CONSENSUS.). Sloterdijk enpuppt sich hier also als derart konservativ, dass er uns gleich in die Zeit der Kelten (Eisenzeit) zurückschreiben möchte. Für die Führer in Stammesgesellschaften ist die Pflicht zur Generosität oft so belastend, dass sie vielfach die ärmsten sind im Stamm, da ihnen nichts bleibt. Da die "Gegengabe" vor allem Ehre und Respekt ist, eröffnet das System auch nicht unbedingt neue und zukunftsträchtige Wege um "Investitionen" in nachhaltige Bahnen zu lenken. Diese Problematik war bereits den alten Germanen zur Zeit der Edda: Havamal bekannt:

146 (8) Besser nicht gebeten, als zu viel geboten:
Die Gabe will stets Vergeltung.
Besser nichts gesendet, als zu viel getilgt;
So ritzt es Thundr zur Richtschnur den Völkern.
Dahin entwich er, von wannen er ausging.

zu Deutsch: Der edle Spender erhält eh wieder mehr zurück als er gespendet hat. Ein bisschen flau, uns mit derart alten Kamellen über den Tisch ziehen zu wollen.

Im Gegensatz zu Sloterdijk kennt Mauss auch bereits die Bedeutung der Gesellschaft und ihrer Strukturen. Nicht um Einzelne geht es, sondern um Schichten, Straten oder Klassen . Clans, Stämme, Familien:

  1. D'abord, ce ne sont pas des individus, ce sont des collectivités qui s'obligent mutuellement, échangent et contractent
  2. les personnes présentes au contrat sont des personnes morales clans, tribus, familles, qui s'affrontent et s'opposent soit en groupes se faisant face sur le terrain même, soit par l'intermédiaire de leurs chefs, soit de ces deux façons à la fois
  3. De plus, ce qu'ils échangent, ce n'est pas exclusivement des biens et des richesses, des meubles et des immeubles, des choses utiles économiquement. Ce sont avant tout des politesses, des festins, des rites, des services militaires, des femmes, des enfants, des danses, des fêtes, des foires ...

Wer nicht gibt, hat keine Ehre.

Eben so seltsam (wie verständlich) ist, dass Sloterdijk den Pottlach mit keinem Wort erwähnt. Im Potlach treffen sich zwei Stammeshäuptlinge und versuchen sich in der Zerstörung ihrer Güter (wertvoller Sammelstücke wie Muscheln, Werkzeuge etc) zu übertrumpfen. Dem Sieger kommt der Verlust als Ehre und Respekt zu. So sinnlos dies scheint, so sehr hängt doch genau auch der Kapitalismus davon ab, dass bestehendes andauernd durch neues, besseres, anderes ersetzt, also zerstört wird. Im Kapitalismus trifft die Zerstörung allerdings eher die unteren Schichten, im Potlach diejenigen, die das auch vermögen. Potlach dient der Zerstörung wirtschaftlichen Potentials. Da dieses Potential Macht bedeutet, muss es, wie jede andere Macht, beschränkt werden, weil es zu viele andere ruinieren kann. > Das sehr aktuelles Problem: too big to fail zeigt deutlich, dass so "absurde alte Theorien" eben manchmal doch ihr Kernchen an Wahrheit enthalten.

Man könnte diesen leichtfertigen Umgang mit Gütern und Besitz im Potlach vielleicht auch als Tradition von Beduinen sehen (oder in der Rache von Abel an Kain), die sich nie mit all zu viel materiellen Gütern behaften wollten und konnten. Vielleicht stammt von daher auch der Hass auf die Städte, die von ihnen (Mongolen: Hulagu) aufs Grausamste dem Erdboden gleichgemacht wurden

Bei traditionellen Stämmen war diese Umverteilung nötig zur Erhaltung des Friedens zwischen den Lebenden, wie auch unter den Lebenden und den Toten, den Geistern.

Angenehmere Formen des Potlach sind Feste, die der Förderung sozialer Bindungen dienen. Die katholische Wirtschaft basiert immer noch stark auf diesem Prinzip.

Sozial notwendige, dem Frieden zuliebe notwendige Formen der Umverteilung ist Verteilung bei Not: Almosen, Zakat. Das Almosen wird, als rationalere Form des Potlach, allerdings eben so sehr durch die Gerechtigkeit erforderlich wie durch die Pflicht zum Opfer (sich die Gunst der Götter erkaufen). Die sadaka (hebräisch wie arabisch) hat hier ihren Ursprung. Zusätzlich zu dieser freiwilligen Abgabe, die auch zum Wohle Andersgläubiger eingesetzt werden kann (!), besteht aber ebenso die Pflicht zum Zakat (arab.), der eigentlichen Steuer, die dann nur noch Muslimen zugute kommt.

Wie boshaft Geschenke sein können zeigt etwa der deutsche Ausdruck "sich revanchieren". Jedes Geschenk, jede Einladung muss durch ein Gleichwertiges vergolten werden. Vergelten (früher: Belohnen, dann eher im Sinne von "Auge um Auge ..." wie Revanche (franazösischer Begriff für Rache/Vergeltung) sind nicht zu Unrecht aber auch Ausdrücke die gerne als Begründung für Kriege dienen.

Geschenke können in solchen Stammesgesellschaften weder abgelehnt werden, noch kann ein Gegengeschenk und/oder eine Gegeneinladung ausbleiben. Die Verweigerung käme einer Kriegserklärung gleich.

Die Analyse der Bedeutung der Geschenke hat Malinowsky z.B. auch zu Erklärungen betr. Heiratsgaben angeregt, die bedenkenswert (weit mehr als bedenklich) sind: Alle Gaben sind (meist a fonds perdu) Vorleistungen der einen Seite, für die Dienste der anderen, die diese durch Heirat für die Zukunft verspricht. Bei Malinowsky wird einseitig nur der Brautpreis erwähnt (islamische Gesellschaft), als "Lohn für die Dienste der Frau, die dem Manne ihr Feld zur Beackerung darbietet." Umgekehrt müsste man natürlich die Mitgift, die Frauen in andern Kulturen (Indien, Europa) in die Ehe einbringt, als Vorleistung dafür sehen, dass der Ehemann lebenslänglich für Einkünfte und Auskommen sorgt. Erst wo diese Gaben beidseitig dahin fallen und beide gleichermassen zur Erhaltung der Familie beitragen können und wollen, wird die moderne Form der gleichwertigen und nicht gekauften Beziehung möglich.

Mauss macht selbst darauf aufmerksam, dass diese Verfahren prähistorisch sind, dass es gerade die Griechen, Römer und Araber waren, die Kauf und Verkauf von Gabe und Tausch wie auch moralische Pflicht von Vertrag trennten. Sie waren es, die diess alte und viel zu riskante, teure, verschwenderische anti-ökonomische Wirtschaftsform überschritten und durch ein Marktsystem ersetzten, bei dem es primär um den Tausch von Gütern und Dienstleistungen ging, nicht um persönliche Beziehungen:

Ces hypothèses concernant le très ancien droit romain sont plutôt d'ordre préhistorique. Le droit et la morale et l'économie des Latins ont dû avoir ces formes, niais elles étaient oubliées quand leurs institutions sont entrées dans l'histoire. Car ce sont justement les Romains et les Grecs 2, qui, peut-être à la suite des Sémites du Nord et de l'Ouest 3, ont inventé la distinction des droits personnels et des droits réels, séparé la vente du don et de l'échange, isolé l'obligation morale et le contrat, et surtout conçu la différence qu'il y a entre des rites, des droits et des intérêts. Ce sont eux qui, par une véritable, grande et vénérable révolution ont dépassé toute cette moralité vieillie et cette économie du don trop chanceuse, trop dispendieuse et trop somptuaire, encombrée de considérations de personnes, incompatible avec un développement du marché, du commerce et de la production, et au fond, à l'époque, anti-économique.

Die Forderung, rechtliche Ansprüche auf Abgeltungen durch freiwillige Gaben zu ersetzen wäre also ein Rückschritt hinter die Griechen und Araber. Man wundert sich eh, dass gerade ein Sofist, der sich auf deutsch verbreitet, eine derartig Einseitige Interpretation der Gabe von sich gibt, denn sogar Mauss, franzöischsprachig, hat sich damals gewundert, wie viel im deutschsprachigen Raum <gegeben> wird: Ausgabe, Abgabe, Angabe, Hingabe, Liebesgabe,
Morgengabe, Trostgabe (notre prix de consolation), vorgeben, vergeben (gaspiller et pardonner), widergeben et wiedergeben ; Gift, Mitgift, etc. ... aber eben, zu viele auferlegte Gaben machen halt giftig, da haben die Engländer schon recht.

Im Französischen lassen sich aus dem Ursprung des Wortes gage (Lohn) noch weitere Zusammenhänge herauslesen. gage kommt ebenfalls aus dem Germanischen, nämlich von vadium (engl. wage, Lohn - aber auch Wette). Die Bezahlung eines Lohnes, oder die Arbeit für Lohn, sind eine Wette darauf, dass die Gegenleistung erfolgt. Der Lohn verpflichtet den Bezahlenden zur Zahlung, den Erhaltenden zur Lieferung der bezahlten Arbeit. Auch hier käme heute kaum mehr jemandem in den Sinn, ein freiwilliges System zu verlangen. Der Lohn, wie die Gabe der Trobriander, wird dem Bezüger vor die Füsse geworfen, als Herausforderung. Im englischen hat der Ausdruck throw the gage dem entsprechend präzise die Bedeutung: den (Fehde-)Handschuh werfen.

Die Pflicht zur Lebenssicherung der Arbeitnehmer

Der Arbeiter gibt sein leben und seine Arbeit einerseits an die Gemeinschaft, andererseits an seine Arbeitgeber, die sich so auch an seiner Absicherung beteiligen müssen, die mit dem Lohn nicht gewährleistet ist. (Wenn nun das Argument kommt, von wegen Eigenvorsorge, dann resultiert daraus die Forderung nach Löhnen, die nicht nur ein angenehmes Leben, sondern darüber Ersparnisse, also den Aufbau von Vermögen erlauben). Der Staat selbst, der die Gemeinschaft vertritt, schuldet ihm, gemeinsam mit den Patrons, eine gewissen Sicherheit gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter und Tod. Solche Versicherungen wurden in der Zeit als dieses Büchlein geschrieben wurde (1923/24) in Frankreich, Deutschland, Belgien und langsam auch dem Vereinten Königreich eingerichtet. Städten und Staat wurden die Lasten lästig, die eigentlich aus den Aktivitäten der Industrie selbst entstanden wie aus den Marktbedingungen (die von jenen gesetzt werden, die den Markt bilden). Man wollte, dass die Kosten des Arbeitsmangels durch die einzelnen Indstriebranchen selbst getragen würde.

> Diese Theorie ging und geht nie ganz auf, da es zu unterschiedlichen (Jahres-)Zeiten unterschiedliche Betriebe trifft, insbesondere aber, da diejenigen Betriebe die ihren Inhabern und Mitarbeitern viel Geld bringen, sich eh darauf verlegt haben, mit wenig Personal hohe Umsätze zu machen (s. Betriebsgrösse). Der grösste Lieferant von Arbeitslosen ist die Gastronomie, zumeist ein ärmliches Gewerbe. Auf der andern Seite tragen Banken zwar weniger bei zur Produktion von Arbeitslosen (was die eigenen Reihen betrifft), dafür sind sie heute in der Lage, ganze Staaten in den Bankrott zu schicken. Man müsste also die einzelnen Branchen nach ihrem Potential belasten, Probleme zu lösen - oder zu verursachen.

Es gibt nun, trotz aller Kritik ein Gebiet, in dem auch Mauss fordert, "die noble Freigiebigkeit" zu fördern.

Die Reichen waren meist auch die Schatzverwalter ihrer Mitbürger. Sie finanzierten (wie im Pottlach, zwecks Tausch gegen Ehre und Ansehen) Pärke, Museen, Theater, öffentliche Plätze etc.

Die antiken Zivilisationen kannten auch das Jubeljahr, in dem Sklaven in die Freiheit entlassen und Schulden erlassen wurden. Als Minimum wäre in der Beziehung heute zu fordern, dass Schulden, die von reichen Geldjägern gemacht werden, auch von diesen - nicht vom Volk - bezahlt werden. Diesbezöglich warnt Mauss auch, dass man dringend Mittel fnden müsse, um Spekulation und Ausnutzung zu begrenzen.

Leiturgien (Dienstleistungen wohlhabender Bürger an der Gemeinschaft), Choregien (von Reichen bezahlte Chöre, Konzerte), Trierarchien (Uebernahme gewisser militärischer Kosten durch Wohlhabende), Syssitien (Gemeinschaftsmähler), Aedylen (politische (Konsule) und andere öffentliche Aemter (Polizei z.B.), die von Reichen bezahlt wurden.

Mauss war allerdings kein Freund eines Grundlohnes oder dergleichen. Das Individuum muss arbeitne. Es muss gezwungen sein eher auf sich selbst als auf andere zu zählen. - Anderseits muss es seine persönlichen, wie die Interessen seiner Gruppe verteidigen können. Ein Uebermass an Grosszügigkeit und der Kommunismus würden ihm und damit auch der Gesellschafteben so schaden wie der Egoismus unserer Zeitgenossen und der Individualismus unserer Gesetze.

Wir müssen also aus den unterschiedlichen Möglichkeiten die unserer Zeit angepassten heraussuchen:

  • die Freude öffentlich zu geben;
  • die Freude einer grosszügigen künstlerischen Spende,
  • der Gastfreundschaft und privater Feste in der Oeffentlichkeit.

Die gesellschaftliche Absicherung (assurance sociale), die Fürsorglichkeit durch Gegenseitigkeit, Kooperation, Berufsgemeinschaft (Verband), aller Rechtspersonen (personnes morales auf Französisch) die das englische Recht mit dem Namen "Friendly Societies" dekoriert, sind mehr wert als die einfache persönliche Sicherheit die der Noble seinem Verwalter garantierte, mehr als das das kärgliche Leben, das der tägliche Lohn vom Patron erlaubt, und sogar mehr als kapitalistische Ersparnisse - die auf nichts basieren als auf wechelndem Kredit.

> Der letzte Punkt könnte unsern Rentner das Leben bald mal schwer machen.

Wir kämen so auch wieder zum konstanten Fundament des Rechts, zum wahren Prinzip des normalen sozialen Lebens. Man darf nicht erwarten, dass der Bürger zu gut und zu subjektiv, nicht zu unsensibel und zu realistisch sei. Er muss einen scharfen Sinn für sich selbst haben - aber auch der anderen, der sozialen Fakten. Er muss bei seinen Handlungen auf sich, die Untergruppen der Gesellschaft, und die Gesellschaft selbst achten. Diese Moral ist ewig; sie ist allen entwickelten Gesellschaften gemein, denen der nahen Zukunft, und den am wenigsten gehobenen Gesellschaften die wir uns vorstellen können.

Zum guten Ende, was empfiehlt Mauss? Sich bei den Muslimen zu orientieren, an der Begründung des Zakat im Quran, Sure LXIV <Wechselseitige Ab- und Zunahme>:

  1. Euer Vermögen und eure Kinder sind eine Versuchung. Bei Gott allein ist großer Lohn.
  2. Fürchtet Gott, soviel ihr könnt! Hört zu, gehorcht und spendet! Das ist für euch das beste. Wem die eigene Habgier erspart bleibt, das sind die Erfolgreichen.
  3. Wenn ihr Gott eine schönes Darlehen gebt, verdoppelt Er es euch und verzeiht euch. Gottes Vergeltung und Langmut sind unermeßlich.
  4. Er ist es, Der um das Verborgene und das Sichtbare genau weiß, der Allmächtige, der Allweise.

Ersetzen wir den Namen Allah durch den der Gesellschaft und den der Berufsgruppe, oder addieren wir die drei Namen, falls Sie religiös sind; ersetzen wir das Konzept des Almosens durch das der Kooperation, einer Arbeit, eine Unterstützung zugunsten anderer: Sie werden eine gute Idee kriegen über die Kunst der Wirtschaft die sich auf dem Weg einer arbeitsreichen Entbindung befindet. Man sieht es bereits in einigen wirtschaftlichen Gruppen funktionieren, und im Herzen der Massen, die, wie so oft, ein weitaus besseres Gefühl für ihre Interessen, die gemeinschaftlichen Interessen haben als ihre Führer. Vielleicht können wir, indem wir die dunklen Seiten des sozialen Lebens untersuchen, den Weg etwas erhellen, den die Nationen, ihre Moral und ihre Wirtschaft einschlagen müssen.

> Mauss kommt, als Ethnologe und Soziologe, unter genauester Kenntnis auch der Boshaftigkeit des Menschen, zu präzise dem Gegenteiligen Schluss von Scloterdijk: Nicht die Elite weiss, was gut ist für die Gemeinschaft, sondern die Masse. (Was man, angesichts der letzten Wahlen in der Schweiz, allerdings auch nicht überbetonen darf: Die Masse lässt sich relativ leicht in die Irre, ja gar Katastrophe leiten, insbesondere wenn man sie verängstigt und aufhetzt). Umgekehrt ist jedoch eben so klar, dass die Elite ihre eigenen Interessen vertritt, wobei sie Sloterdijk unterstützt. Die Schichtung einer Gesellschaft in Elite und Masse ist allerdings eine extrem ungemütliche und instabile. Dagegen helfen zwei Mittel:

  1. All die Substrukturen der Gesellschaft die an der Gestaltung derselben mitarbeiten - solange sie nicht, wie offenbar die Hilfsorganisationen auf Haiti bereits mit der Koordination und Strukturierung der eigenen Arbeit so ausgelastet sind, dass sie gar nicht mehr dazu kommen, tätig zu werden.
  2. Das Wachsame Auge auf die Elite und ihre Verlautbarungen, eine Funktion von Brainworkerm z.B.
  • Leistung ist nicht nur sprachlich verwandt mit List und Liste (beide legen eine Spur), denn wer die Leistung definiert und fordert, der überlistet meist den Leistungserbringer. Die von Sloterdijk zitierten Leistungsträger sind aber zumeist reiche, also Betriebsinhaber und Manager. Diese sind gerade eben nicht die Erbringer von Leistung, also auch nicht die Träger, sondern die Forderer und Definierer von Leistung. Sie sind es ja gerade, welche die Leistungsschwachen und die Nichtleister von der Leistung ausschliessen.
    • Randbemerkung IQ: Man könnte oben anmerken, es seinen doch eher Begabungen oder Fähigkeiten sowie Fleiss und Interesse. Damit eröffnen wir nur einen neuen Kreisel, denn Begabungen und Fähigkeiten, inklusive IQ, sind nun mal in Gottes- oder der Natur Namen ungleich verteilt, normalverteilt (Gaussche Kurve). Es hab aber noch keine Regierung überlebt, die einen substantiellen Teil der Bevölkerung - oder wie hier der Fall sogar die Mehrheit - auf Grund natürlicher Unterschiede als "minderwertig" bezeichnete. Im Gegenteil, sie muss sich äusserst in Acht nehmen, nicht selbst unter die Räder zu kommen. Wirtschaft wie Politik und Schule müssen sich mit den Menschen abgeben, die da sind. Dass sie einen neuen, besseren Menschen schaffen um ihr Konzept durchführen zu können wurde bis vor 20 Jahren ja den Kommunisten vorgeworfen. Uebernehmen nun die Kapitalisten diese Vorgehensweis auch, nachdem die Sache mit den paar harten Jahren die vor uns stehen und der goldenen Zukunft die uns danach winkt schon längst übernommen wurde.

Diese wie so manche Schwäche der Grundlagen und Definitionen Sloterdijks wird in dem kleinen Büchlein schonungslose offen gelegt.

Das erste Werk Sloterdijks: Kritik der zynischen Vernunft, wurde hier bereits ausgiebig diskutiert. Das zweite (Weltinnenraum des Kapitals) und dritte (Sphären) ebenso. Dann ist es mir verleidet. Wer dreimal Stuss schreibt, von dem ist beim 4. Mal (s. Du musst Dein Leben ändern) vermutlich auch nichts besseres zu erwarten. Mit dem Menschenpark landet er auch prompt bei der Eugenik der Nazis, und mit der Schenkökonomie bei den schwarzen Wirtschaftsclowns. Seine Pointe: Die Zähmung des Menschen sei eine Frage der Wahl des richtigen Unterhaltungsmediums: Buch oder Stadion - blamiert ihn inzwischen selbst ein bisschen, denn das Stadium ist allemal eben so gut, wenn nicht besser, als sein Geschreibsel. Im Stadium kann der Beobachter das Freiwerden von Urinstinkten beobachten, den Drang zur Gruppierung, den Sloterdijk völlig vernachlässigt..

Sloterdijks Schreibstil ist gehoben bis abgehoben, gedrechselt. Seine Texte basieren auf der Lektüre einer Unzahl von Texten (- was ich schlecht als bösartig darstellen kann, denn sonst wäre ich ja auch so einen -), die allerdings eher der Verschleierung, der Kreation von Dunstgebirgen dienen, als der Aufklärung über komplexe Sachverhalte. (Der Beitrag findet sich deshalb auch im Register /Dialog, neben dem Artikel "Manipulation" - und nicht unter Philosophie oder gar Oekonomie, denn zu keiner dieser Fachgebiete trägt er irgend was bei.) Dennoch, oder grad damit, nutzt er immer die Möglichkeit, Kritiker abzukanzeln, sie hätten seine 6-8000 Seiten ja gar nicht gelesen, ihre Kritik sei also nicht fundiert. (Wer sie gelesen hat und dennoch kritisiert, der hat sie eben nicht verstanden! Solch geistige Höhenflüge eines Starphilosophisten sind natürlich nicht jedermanns Sache.)

Einführung

Sloterdijk unterschlägt in seiner Mitleidinitiative für Reiche, dass es ja diese selbst sind, die im Wettbewerb die andern übertrumpfen und ausschliessen, also die von ihm als Schmarotzer betitelte Schicht erst schaffen. In der progressiven Steuer sieht er sozialistische Enteignung, da so die "Leistungsträger" mehr als die Hälfte der Steuern bezahlen. Gefliessentlich verschweigt er,

  1. dass die obersten 10% auch mehr als die Hälfte (57.9% 2002, 61.1% 2007) des nationalen Einkommens abholen, sowie die Tatsachen, dass:
  2. die indirekten Steuer, insbesondere die Mehrwertssteuer, die niedrigen Einkommen stärker belastet - und einen beträchtlichen Anteil des Steueraufkommens ausmacht
  3. der Spitzensteuersatz in Deutschland zwischen 2000 und 2005 von 53 auf 42% gesenkt wurde.

Vorsicht Sloter,
euer Schlotter-Deich
ist nicht mehr ganz dicht.

Sloterdijk sieht die FDP als Auffangstation der verlorenen und betrogenen. Anders als bei den Römern sieht er aber die Dekadenz, wie Westerwelle, nicht bei der Führung, der Elite, sondern bei den Sozialhilfeabhängigen.

Die Losung beider heisst: Leistung muss sich wieder lohnen. Allerdings wird hier die Frage nicht beantwortet, welche Schlüsse alle die Möchtegern- Leistungsträger ziehen sollen, die unabhängig von der eigenen Leistung ihren Arbeitsplatz verloren haben.

Die Abschaffung obligatorischer Steuern würde die Finanzierung des Staates, also praktische aller Organisationen der Gesellschaft von freiwilligen Spenden abhängig machen. Die grosszügigen Gönner entscheiden also, was sinnvoll ist und was nicht, ganz nach dem Motto: Wer zahlt -befiehlt. Die Nichtzahler geraten in Abhängigkeit, die Zahler werden, endlich, zur herrschenden Plutokratie.

Paul Kirchhof, FAZ: Dabei kann er (der Staat, bei der Garantie der wirtschaftlichen Freiheit) nicht auf freiwillige Zahlungen setzen, solange er nicht nur das Scherflein der Witwe empfangen, sondern auch den Geldsach des Geizkragens belasten will. [S. 23]

Sloterdijks Vorschlag löst keines unserer Probleme, am wenigsten das wirtschaftliche (Marktsättigung, abnehmendes Wachstum, sinkende Preise, also tendentielle Deflation), denn der von ihm offenbar bewunderte Neoliberalismus bietet auch kein neues Akkumulationsregime, sondern bloss mehr Freiheit in der Bereicherung auf Kosten anderer, also Umverteilung durch Macht - Umverteilung von unten nach oben. Dass zwar die Reichsten immer noch gut verdienen und ihre Vermögen mehren, ist bekannt. Das die Mittelschicht unter Druck kommt - und der Unterschicht immer weniger Geld bleibt zum Ueberleben, ist bekannt. Dass Sloterdijk das Gegenteil behauptet, also die Ausbeutung der Reichen durch die Armen, ist Eristik, rhetorische Trickserei, genannt Darstellungsfalle, oder konditionaler Fehlschluss: Die von den Arbeitgebern entlassenen, vorher auf Gehorsam und Unterwürfigkeit trainiert, sind nun "feigestellt" und sollen "eigenverantwortlich" wirtschaftlich aktiv werden - dies meist in Zeiten, in denen die Marktspezialisten auch keine Möglichkeiten irgendwelcher Aktivitäten sehen, also ihren Betrieb durch Entlassungen von Kosten entlasten.

Sloterdijks Vorschlag ist auch antidemokratisch. Es handelt sich tendentiell um einen faschistoiden Kapitalismus:

Teil 1: Zur geistigen Entwicklung Sloterdijks

Karl Heinz Götze: Bombenstimmung. Zu Peter Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft

Dieses Buch wurde nach seinem Erscheinen derart zum Kultbuch hochgeredet, dass es sogar dem Verfasser leicht schmuch dabei wurde, als ein Moderator daraus ein Jahrhundertbuch machte. Als Sloterdijk den Moderator so schlecht über sein Jahrhundert reden hörte, erstarrte das feine Lächeln, das sein Gesicht mindestens seit dem Erscheinen der ersten Kritiken trägt, in denen sich so überwältigend seine These bewies, dass Frechheit siegt. Nicht etwa aus Scham - die ist ihm zu Recht verhasst - sondern deshalb, weil er im Gegensatz zu wohl- oder übelmeinenden Fernsehmoderatoren weiss, dass nichts so tödlich ist wie das falsche Lob. [S. 19]. Die einzigen Kritiken kamen vom Spiegel, der einwandt, dass sich Sloterdijk nicht an die Gattungsgrenzen hielt (als Philosoph "schöne" Literatur schrieb). Die Resultate stimmen (wir leben in einer zynischen Welt) - aber die "philosophische" Argumentation die zu ihnen führt sei falsch, anmassend und, eben, zynisch.

1. Vorwurf: Sloterdijk löst wissenschaftliche Erkenntnis gerne in moralischen Antithesen auf, versteinert dialektische Denkfiguren (These-Antithese-Synthese) zu dualen (entweder-oder, eine beliebte Form der Manipulation) und geht recht unbekümmert mit Fakten um. Der Spiegel hat ihm dies Seite für Seite nachgewiesen - prallte aber an den raschen und schlagfertigen Antworten immer ab: Ohne akademische Ausbildung kann man heute nicht mal mehr Schwindler werden - wie Sloterdijk 1983 in der Kritik selbst feststellt. [S. 859].

Jan Rehmann, Thomas Wagner: Sloterdijks Weg vom Zynismus-Kritiker zum Herrschaftszyniker.

Sloterdijk schlussfolgert (zu Marx), dass ein Wissen, das bewusste Einseitigkeit als Wahrheit ausgebe, von einem ungeheuren Willen zur Macht zerfressen sei und damit sein eigenens Pathos der Erkenntnis dementiere. Wo es allerdings um den Kapitalismus geht, betreibt er präzise das selbe Geschäft. Als der Staatssozialismus zusammenbrach, war bei Sloterdijk von einem alternativen Weg zum Sozialismus keine Rede mehr. Am Beispiel seines <Weltinnenraums des Kapitals> können wir exemplarisch beobachten, wie er seine Philosophie der Globalisierung systematisch gegen eine Kritik des Kapitalismus abschottet und keine Mühe scheut, jede denkbare systemüberschreitende Alternative der Lächerlichkeit preiszugeben. [S. 30] Mit Fukuyama sieht er in der freien Marktwirtschaft, geordnet durch privaten Kapitalbesitz (Kapitalismus), die höchste und letzte Form der Geschichte. Alternativen verbieten sich aus Gründen der <systemischen Unmöglichkeit> und <unübersteigbarer struktureller Gründe>. Das erkennt der Herr natürlich, obwohl er sich sonst nicht unbedingt durch einen systemorientierten Ansatz auszeichnet. Die Passagen zeigen exemplarisch, wie Sloterdijk es bewerkstelligt, den globalisierten Kapitalismus, den er im Gestus radikaler Illusionslosigkeit vorstellt, zugleich zu einer Schicksalsmacht zu erhöhen, die gegen jede theoretische und praktische Kritik abgesichert ist.

Die Ahnungslosigkeit dieser Endzeit-Philosophie zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die ökonomische Krise des Kapitalismus zur Zeit der Abfassung des Buches nicht einmal als Möglichkeit in Betracht kommt, geschweige denn als systematisch verankerte Irrationalität profitgetriebener Ueberakkumulation und gesellschaftlicher Nicht-Regulierbarkeit. 2009 erklärt Sloterdijk die Finanzkrise mit "technischen Fehlern" der Zentralbanken und als Werk "grauer Bürokraten".

Der "kategorische Imperativ" des jungen Marx, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes , verlassenes, verächtliches Wesen ist, wird zum Imperativ eines elitären Klassismus, die Erniedrigten und Verlassenen zu denunzieren, um die Ausbeutungs- und Ausschliessungsverhältnisse aufrechterhalten zu können.

Sloterdijk plädiert für eine "postliberale" Synthese aus technischem Avantgardismus und ökokonservativer Mässigung und gibt sich in diesem Sinne als Befürworter von "schwarz-grün" zu erkennen. ....

Mit Hilfe von Gehlens Begriff der "Entlastung" will er zeigen, dass die Befreiung der Vielen von Ausbeutung nur möglich ist durch eine "Ausbeutungsverschiebung" auf ein neues Unten, "nämlich die "grosstechnisch in Regie genommene Ressourcen-Erde": die Ausbeutung sei nunmehr auf das "neue Proletariat" der Nutztiere der industrialisierten Landwirtschaft übergegangen, deren Massenschlachtung die "Holocausten der Nationalsozialisten, der Bolschewiken und der Maoisten" weit in den Schatten stelle.

Die Sprache überdreht sich bis zum inflationierten Holocaust-Vergleich, als wollte sie alle Zweifel niederschreien.[S. 35]

Dabei ist der von ihm geforderte Zusammenhang zwischen Menschenrechten und Tierqualen kein Gegensatz zu den, weltweit eben so unerfüllten sozialen Rechte der UN-Charta auf Arbeit, Freizeit, Wohnung, Schulausbildung. Die von Weber, Brecht, Sinclair geschilderten Riesenschlachthäuser Chicagos zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind nicht linker Ausbeutung entsprungen, sondern namen mit ihrer Fliessbandarbeit den Fordismus vorweg. Der historische Nexus zwischen Kapitalisierung der Landwirtschaft, Massentierhaltung und verschärfter Bauern- und Landarbeiterausbeutung ist ebenso verschwunden wie die erfolgreichen Bemühungen des Agrobusiness und der grossen Lebensmittelketten, über zahllose Werbekampagnen einen verallgemeinerten Fast-Food-Habitus <kulturindustriell> herzustellen. Die Erzählung ist so organisiert, dass die verschiedenen Bereiche und sozialen Bewegungen, die im Interesse eines ökologischen Umbaus dringend zusammengeführt werden müssten, in einem heillosen Gegensatz festgehalten werden. [S. 36]

> Statt also mit seiner umfangreichen Beschreibung die Welt zu erhellen und damit Probleme lösbarer zu gestalten, macht Sloterdijk daraus ein Kompott, aus dem er seine flauen Thesen nährt. (> Eristische Methode der Banalität und Verwirrungsstiftung. Am Schluss scheint nur noch das klar und wahr, was der Autor sagt, weil er alles andere zerredet hat.

Die schwierige Frage, wie man in den Beziehungen zwischen Geschlechtern und Generationen eine tragfähige Reziprozitätsethik entwickeln kann, ist nicht die sein. Zu lernen sei vielmehr, dass ein "erfolgreich geführtes Leben" nicht möglich ist, "ohne immun, selbstpräferentiell, exklusiv, selektiv, asymmetrisch ... zu sein. [Weltinnenraum S. 413, zit. S. 36]

Du musst dein Leben ändern rapportiert Nietzsches vertikales Herrschaftsverständnis. In Zorn und Zeit entwickelt er einen aktualisierten Rechtsnietzscheanismus mit einer Thymotisierung des Kapitalismus (dem der gerechte Zorn zukommt) und einer Neuauflage der nietzscheschen Ressentimentkritik. (s. Thymos) Wie Fukuyama will auch Bataille in Nietzsches Schriften eine Oekonomie des Stolzes entziffert haben: In ihr setzten die Investoren ihre Mittel nicht zu Profitzwecken ein, sondern "um ihren Stolz zu befriedigen und ihr Glück zu bezeugen", und damit brächten sie "ihr Dasein selbst dem Glanze näher". [S. 38]

> Dass der Kapitalismus Gerechtigkeit sucht, also der berechtigte Anwender irgend eines "gerechten Zorns" sei, schlittert bereits gewaltig in Richtung Manipulation. Wenn Geld eine Affinität hat, dann wohl eher zur Macht als zur Gerechtigkeit. Schlotterdeichs "Thymos" beschönigt also nichts als die Machttreppe (Reiter: Herrschaft, Macht und Gewalt): Wer zuoberst steht, hat das Recht zu schreien, zornig zu sein (... weil die Treppe nicht mehr weiter geht). Dem Vornehmen kommen Stolz und Ehre zu - dem Subalternen die Unterordnung, Anpassung, der Gehorsam. Schlotterdeich outet sich hier eigentlich als Wegmacher des Neofeudalismus. Jeder Widerstand von unten, jedes Aufbegehren, jede Hoffnung auf ein besseres Leben wird von Anfang an diskreditiert als Neid, entstanden aus nichts als Hass und Rache. Wer den lieben Herren kein Wohlmeinen unterstellt, ist nicht nur dumm und faul, sondern handelt aus ethisch verwerflichen Prinzipien.

Anstatt dass man Sloterdijk für diese Leistung mal kräftig ausgelacht hätte, wurde diese Synthese aus wirtschaftsliberalem Besitzindividualismus, nietzsches heroischem Egoismus und autoritären Ansätzen der konservativen Revolution grad noch vom Frankfurter Zukunftsrat als wichtiger Beitrag aufgenommen. Dass allerdings nicht überall wo "Rat" draufsteht auch ein guter Rat rauskommt, zeigen die Ziele dieses doch eher Wirtschaftsförderungsgremiums.

Ulrich Gellermann: Der Philosoph der Krise. Sloterdijk: Die Banken verbessern die Welt!

Läse man den neuen, 700 Seiten dicken Sloterdijk <Du musst dein Leben ändern> von hinten, so stiesse man zuerst auf die Hausfrauenweisheit: "So kann es nicht weiter gehen!"

In der neuen Gesellschaft der Schenker sind die Mitglieder nicht mehr Beitragszahler in einer versicherten Gesellschaft, sondern Mitglieder des "Vereins gefährlich Lebender". Vom Akrobatischen gelangt der Philosoph zum Sport als Gleichnis für die Notwendigkeit des Uebens.

Sloterdijk ist der Lobby-Philosoph der Krise. Einer, der trotz einer ihn umgebenden Wirklichkeit weiss, dass jenes "durch Beleihung von Eigentum geschaffene Geld das universale Weltverbesserungsmittel" ist. Das wird ihm jeder amerikanische Hypotheken-Schuldner sicher gerne bestätigen. Einer, der die Globalisierung für ein prima Mittel hält, die "Passivitätskompetenz" (meint Faulheit) zu ändern. Hartz-IV-Empfänger werden dieser These fröhlich zustimmen. Einer, der sein Buch mit dem Satz einleitet: Die folgenden Untersuchungen gehen von ihrem eigenen Ergebnis aus." Das ist Merkel-Philosophie von jener Art, die vorher weiss, was nachher kommt, gleich was vorher war und nachher ist. Es ist die Krise der Philosophie, die Umstände der Welt opportunistisch interpretierend, nicht etwa sie verändernd. [S.48]

> Hier haben wir zwei Problemchen. Wenn Sloterdijk sagt, und er tut es offenbar wirklich, was doch nicht auf einen all zu hohen IQ hindeutet: Die folgenden Untersuchungen gehen von ihrem eigenen Ergebnis aus - dann belegt er damit gleich, dass sein Werk nichts anderes ist als - Thesenschreiberei. Die These steht fest, damit steht fest, welches Resultat durch welche Faktoren erreicht wird - und die Welt hat sich danach zu richten. Bereits als Journalist hätte er damit massive Probleme, es sei denn, er arbeite für die Weltwoche oder ähnliche. Als Wissenschaftler oder Philosoph diskreditiert er sich damit völlig und jede weitere Diskussion ist eigentlich überflüssig. Es geht also hier bei der Debatte nicht um die Krise der Philosophie (die es dennoch gibt), da Sloterdijk gar kein Philosoph ist, sondern eben Sophist, also Klugschwätzer.

Teil 2: Die Sloterdijk-Honneth-Debatte als Medienereignis

Was immer Peter Sloterdijk in den letzten beiden Jahrzehnten verfasst hat schien weder mit dem herrschenden Zeitgeist noch mit dem von dessen Widersachern vereinbar. Von den forschen Befürwortern einer weiteren Oekonomisierung unsrer Gesellschaft trennte ihn der Gestus eines grundsätzlichen Hinterfragens aller Errungenschaften der gesellschaftlichen Moderne, vom zögerlichen Einspruch der Kapitalismuskritiker unterschied ihn die stolze Zurückweisung jeder Parteinahme für die Schwachen und Benachteiligten. Ein kämpferischer Ton der Unangepasstheit, ein mutiges Hinausgehen über alles bislang Gedachte sorgte gleichwohl dafür, dass ihm von vielen Seiten ehrfürchtig Bewunderung entgegenschlug. Wo dieses Kalkül einmal daneben ging, weil unser Autor im Eifer der sich überbietenden Spekulationen moralisch gut begründete Prinzipien verletzt hatte, da wurden von ihm schnell Nebelkerzen hinterhergeschossen, die das Ungeheuerliche noch weiter verdunkelten und ins grandios Ungedachte steigerten. Schwer war es im Verlauf der Jahre daher, dem moralisch-politischen Charakter all dieser sich da auftürmenden Veröffentlichungen auf die Schliche zu kommen; kaum schien man der Absicht des Verfassers habhaft geworden zu sein, zog er schon wieder ein neues Register, das den deutenden Zugriff als Ausgeburt einer undurchschaubaren Bindung an eine zeitgenössische Denkschablone entlarven sollte. Diesem Katz-und-Maus-Spiel, in dem die Feuilletons unserer Zeitungen eine unrühmliche Rolle spielten, hat Peter Sloterdijk nun selbst ein Ende gesetzt. ... Dass dieses nun auf so kleingeistige, wirtschaftsliberale Weise wie in diesem Beitrag daherkommt, muss einem schier die Sprache verschlagen. [S. 52-53]

Die Beliebtheit der philosophischen Essaysistik des Peter Sloterdijk hing von Anfang an mit dem Aufstieg eines sozialen Milieus zusammen, das den kulturellen Erscheinungen des kapitalistischen Wohlfahrtsstaats nur Verachtung entgegenbrachte, ohne aber für die politische Gestaltung der Zukunft irgendeine tragfähige Idee zu besitzen.

An der Kraft zur Schöpfung welterschliessender Begriffe und Metaphern fehlte es ihm nicht, auch eine gewisse Fähigkeit zur diagnostischen Zusammenschau war ihm gegeben, so dass alle geistigen Voraussetzungen erfüllt waren, um die ins Auge gefasste Aufgabe tatkräftig in Angriff zu nehmen; und seither entspringen dem produktiven Geist Sloterdijks jährlich eine Reihe von Essays, Büchern und Reden, die von den Angehörigen de ihm ergebenen Schicht mit ergriffener Begeisterung wenn nicht gelesen, so doch durchgeblättert werden.

Den sachlichen Teil, in dem Honneth vor allem die Bedeutung des Zorns verniedlicht - eben so auf der Basis der klassisch griechischen Philosophie wie der modernen Psychologie, halte ich für verfehlt. Der Zorn motiviert. Er mag von geringerer Bedeutung sein als Ueberlebens- und Geschlechtstrieb, aber für die meisten Normalbürger vermutlich wirksamer als das altgriechische Streben nach Erkenntnis. Insbesondere unsere Gesellschaftsform ist streng durchstrukturiert durch wirtschaftliche Anforderungen an berufliches Wissen, Können und Verhalten. Aus dem mehr oder weniger erfolgreichen Einsatz im Wettbewerb um Arbeitsplätze resultiert die heute erreichbare "Lebensqualität", zumindest finanziell betrachtet. Einordnung, Unterordnung, Hierarchien ordnen unsere Welt so, dass wir dessen kaum bewusst werden. s. Machttreppe, Reiter: Herrschaft, Macht und Gewalt.

Allerdings ist gerade deshalb, weil der Zorn der Kurz-Gehaltenen längst glimmt, Sloterdijks "Lösung" keine Lösung, sondern ein Blasebalg.

... nur wenige mag es geben, die da nicht in ein Grübeln darüber verfallen, ob unsere demokratische Kultur nicht inzwischen einen Grad an Verspieltheit, an Ernstlosigkeit und Verquatschtheit erreicht hat, der ihren eigenen Ansprüchen Abbruch tut.

Hans Ulrich Gumbrecht: Der Spieler und der Baumeister

Gumbrecht versucht Sloterdijk dadurch "zu retten", dass er ihn als Literaturschaffenden bezeichnet, der natürlich die Freiheit der Fantasie beliebig nutzen darf (exzentrischer Autor auf dem intellektuellen Unterhaltungsmarkt). Schon - aber er darf dann seine "Literatur" nicht als Philosophie verkaufen, also als Denk-Werk mit Orientierungsfunktion. Trotz der Nutzlosigkeit von Sloterdieks Geschreibsel für die Entwicklung von Politik und Wirtschaft sieht Gumbrecht einen Vorteil darin, dass es Sloterdijk gelungen ist, derart viel Aufmerksamkeit zu erreichen.

Christoph Menke: Exzellenz und Exklusion oder Die Sache der Gleichheit

Honneth hat belegt, dass Sloterdijk nicht nur den Sozialstaat, sondern all dessen Anliegen prinzipiell zurückweist: Der normative Anspruch, einander als Gleiche anzuerkennen, ist (in: "Du musst dein Leben ändern") nur der faule Wunsch der "letzten Menschen", durch "Umverteilung von Endstationserrungenschaften" den Status quo der Durchschnittlichkeit zu bewahren: "Einschwenken in die Horizontale, "resignatio ad mediocritatem. Verkannt, ja verdrängt, wird hier die "kulturübergreifend" gültige Tatsache, dass Gesellschaften durch eine "Vertikalspannung", mit Oben und Unten, Hohem und Niedrigem, bestimmt sind; verkannt werden die "Universalien der Leistungsrollen, der Statuserkennung und der Exzellenz". Verdrängt wird weiterhin, dass das Streben des Einzelnen dem Aufstieg in einer solchen vertikalen, hierarchischen Orndung gilt. [p. 71]

pff, pssst, quäck ... well, schon, aber das Problem daran ist, dass Pyramiden oben nur eine Spitze haben, und eine sehr breite Basis, auf der alles "Oben" ruht. Zerbröselt die Basis, weil sie sich im Zorn zu sehr erhitzt, ist es mit dem "Oben" auch nicht mehr weit her.

Es geht im Leben nicht um das Glück der Verwirklichung von Interessen, sondern um Vollkommenheit in der Erfüllung von Idealen. Unsere ganze Interessenpolitik ist also Kacke. Irgend ein schlauer Typ müsste mal die Ideale formulieren, denen der Rest der Gesellschaft dann zu folgen hat. Sch... drauf. Sloterdijk beschönigt mit dem Streben nach Vollkommenheit die bekackte Tatsache, dass dort, besonders in einer Wirtschaft ohne Wachstum, wo die einen mehr an sich reissen als die andern, sei es Arbeit oder Geld, andere ausgeschlossen werden. Da die einen in dem Spiel mehr Würfel und längere Spiesse haben, ist die Sache a) mal ungerecht, b) ein Spiel mit zerstörerischem Ausgang, das so von den Spielführern auch gar nicht gewollt sein kann. Denn kaum gerät die Wirtschaft wieder aus einer Baisse heraus, schreit alles nach den Arbeitskräften die sich die selben Spielführer kurz zuvor eigentlich noch tot, eingemottet, kostenneutral gewünscht hätten. Dieser Sozialstaat wie er besteht unterstützt eigentlich nur das zyklische Wesen unserer Marktwirtschaft, nicht faule und untätige Massen. Folgerichtig wurde er in Deutschland vom konservativen Bismark geschaffen - um den Sozialisten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Den Gedanken der Exzellenz ernst zu nehmen bedeutet, so Sloterdijks Konsequenz, den Mut und die Kraft zur Exklusion der "Abgehängten" aufzubringen.

Indem er (der Kapitalismus) den Einzelnen zur permanenten kreativen Selbstmobilisierung verpflichtet (beschönigend heisst das: "Individualisierung"), produziert er notwendig die Gegen- oder Unterklasse der Immobilen, Nichtkreativen, Unfähigen, denen ihr Scheitern als Versagen vorgehalten werden kann. [S. 72]

Die Dämlichkeiten sind hier unendlich. A) hat ein Wettbewerb im Kapitalismus noch kaum je auf Grund von Exzellenz ausgewählt, sondern primär auf Grund von Kosten und Nutzen. B) bedeutet also "Excellenz" bei den Marktgewinnern, dass sie immer das tun, günstig, schnell und dort wo der Markt will, nicht wo sie wohnen möchten, was der Markt will. Diese Exzellenzen, die Herren Leistungsträger, sind also Untertanen des Marktes höchster Güte. Ich frage mich, was daran so exzellent sein soll, dass sie sich dadurch auch noch Ansehen und Lob der weniger marktwürdigen erkaufen?

Im übrigen zeigt Sloterdijk hier genau so wie in der Soziologie, dass er von moderneren Konzepten keinen blassen Dunst hat. Sein Modell ist noch die alte Hierarchie mit Oben und Unten, Oben das anordnet, unten das brav folgt. Inzwischen haben wir aber Demokratie, da sagt Unten ab und zu motiviert oder unmotiviert einfach nö, so nicht. Noch schlimmer, die einen haben sich inzwischen genau wie die andern (allerdings mit weniger Mitteln und damit Macht) in Netzwerken organsiert, die ihre Interessen mindestens punktweise durchsetzen können. Die umfangreichen Studien von Manuel Castells haben deutlich gemacht, dass ein klassisches Konzept, auch ein marxistisches Konzept, das mit klaren Fronten zwischen sozialen Schichten oder Klassen rechnet, obsolet ist. Beide sind in Netzwerken organisiert, wobei das Problem ist, dass die Oekonomie nur das in ihr Netzwerk integriert, was reiche Geldflüsse bringt mit ihren Abschöpfungsmöglichkeiten - die Politik aber ganz einfach den Rest kriegt, flächendeckend, mit den Reparaturkosten. Wenn Sloterdijk nun von diesen Geldfischernetzwerken, die nur zum Zweck des Geldabschöpfens errichtet wurden, erwartet, dass die eben dieses Geld freiwillig wieder verteilen, so scheint der doch in einer andern Dimenstion zu leben als der Rest der Welt, oder eben in einer 5. Sphäre, der Sphäre der Dichter - nicht aber der Philosophen.

s. Netzwerkgesellschaft, Netzwerkwirtschaft, Netzwerkpolitik - oder doch eher Massenpopulismus?

Karl Heinz Bohrer: Lobhudelei der Gleichheit

Eigentlich hätte das Theater um Sloterdijks Steueridee mit dem Nachweis ökonomietheoretischer Ahnungslosigkeit auf beiden Seiten schon zu Ende sein können. Aber des Zeit-Feuilletons Entschluss, aus dem Totschlagversuch des Frankfurter Philosophieprofessors Axel Honnetz an dem freien Geist Peter Sloterdijk doch noch ein sogenanntes Streitgespräch unter Philosophen zu machen, hat das Ende hinausgezögert, ohne dass dabei qua Argument irgendetwas Neues herausgekommen wäre. [S. 73] Na ja, so kann man's auch sagen: Kurz und klar, träf und wahr.

Auch diese Kritik war bereits zu Sphären III geäussert worden:

Die Oekonomie schafft das, als <traurige Wissenschaft>, eben so wenig. Sie biete der Mehrheit nur Armut, was aber ein Irrtum sei, da wir noch nie so reich waren. Das stimmt zwar, aber nicht für alle. Denjenigen allerdings, die sich beklagen, wirft Sloterdijk Veweichlichung und Verwöhnung vor, die staatlich gepflegt werde. Leider fehlt hier jegliche Analyse wirtschaftlicher Strukturen, insbesondere was Entscheidungs- und damit Machtstrukturen wie Verteilungsmodi betrifft. In der Realität wird nämlich der wohl vorhandene Reichtum durch sehr wenige verwaltet, und dies nicht immer mal zum Wohle der Eigentümer, sondern einzige mit dem Ziel der Vermehrung, des Wachstums, der noch intensiveren Vermarktung von Zeit und Mensch. Doch davon nichts in der Analyse. Dazu werden Systemtheorie wie Philosophie bloss veräppelt, aber dies weder kritisch noch konstruktiv, weshalb ich notgedrungen zum Schluss komme, Sloterdijk sei vor allem ein Meister des Ballaballas.

Dirk Pilz: Wo bleibt der Bürgerkrieg? Mehr als eine Professorenschlacht.

Zur Steuerduldsamkeit erzogen, werde damit jenes auf Gier und Neid fussende Ressentiment der Armen gegenüber den Reichen kultiviert. Fast ungehindert habe so eine "Staats-Kleptokratie" entstehen können, die auf Kosten künftiger Generationen wirtschafte. [S. 81]

Sloterdijk bläht sich immerfort zum <Seher in dürftiger Zeit> (Honneth) auf, scheut aber jede ernsthafte Debatte. Er sucht nicht den Austausch der Argumente, sondern mediale Aufmerksamkeit. Seine Waffen sind Häme und Herablassung, auf Einwände geht er so gut wie nie ein; im Zweifelsfalle polemisiert er plump, zunehmend auch aggressiv.

In seinem jüngsten Buch <Du musst dein Leben ändern> ist davon (dem Staat der Starken auf Kosten der Schwachen) auch schon zu lesen, allerdings in typisch verklausuliertem Sloterdijk-Sprech - hier predigt er den athletischen Atheismus, der Anerkennung und damit Ueberlebenschancen allein den "Uebenden" zugesteht. ... Honneth nennt das <Klassenkampf von oben>.

Mit der Betonung des Uebens haben wir auch bereits einen ersten Ansatz in Richtung Pflicht gegenüber der Leistung, denn weder das Ueben noch die Leistung sind in diesem Modell frei. Sie müssen sich den Anforderungen der Produktion im und für den Markt unterordnen. Geldproduktion ist der Massstab für Leistung. Ob er auch ein Massstab ist für Kultur darf man bezweifeln.

... Sloterdijk kontert diese Kritik auffallend gereizt: Statt einer Erwiderung liefert er, wiederum in der FAZ, eine dumpfe Beschimpfung. Er glaubt Honneths Kritik einzig - wie er jetzt in einem Interview mit dem heute erscheinenden Spiegel wiederholt - als Ausdruck einer in die Krise geratenen Kritischen Theorie deuten zu können - ein Ausweichmanöver. Zudem wirft er Honneth just das vor, was er selbst zu Meisterschaft geformt hat: das "zufällige Zitieren", das Erfinden, "abstruser Thesen", das Verächtlichmachen jeder Kritik an seinen Ideen. Nebenbei versucht er, seine Aufforderung zum fiskalischen Bürgerkrieg als "Denkspiel" kleinzureden. [S. 82]

Wir haben hier drei Blöcke von eristischen Methoden, also Methoden der Rechthaberei, die auch in der Manipulation verwendet werden.

  1. Beschimpfung zielt auf die Person, greift den Gegner in seiner Würde an - um so die Sachfrage nicht angehen zu müssen. (s. Manipulation at personam).
  2. Zufälliges Zitieren, Erfinden abstruser Thesen, eindeutig das wichtigste Element bei Sloterdijks Arbeiten, deutet auf Verzettelungstaktik. Der Gegner, und/oder dessen Anhänger, soll derart verwirrt werden, dass die vom Verwirrung stiftenden dann angebotene einfache Lösung um so begieriger angenommen wird.
  3. Der definitiorische Rückzug, man habe so was gar nie gesagt, oder zumindest nicht gemeint, zeigt jedoch, dass Sloterdijk sich seiner Sache nicht mehr sicher ist und bloss noch einigermassen intakt aus der Schlacht rauskommen möchte. Da er sich solche Scherze nun aber seit bald 30 Jahren gönnt, sollten wir ihm den Rückzug nicht so leicht machen.

Im Mantel philosophischer Theorie tritt uns hier eine Ideologie entgegen, die mehr ist als ein Denkspiel: Sie ist letztlich eine Aufforderung zum politischen Umsturz. Wehe uns, wenn sie gehört wird. [S. 83]

Na ja, rechte Parteien verkünden diese "Weisheit" ja längst, so lange, dass sie heute zum Teil deren Resultate ausbaden müssen, also längst zurückkrebsen. Mehr Freiheit, weniger Staat schreit man eben nur so lange, als noch genügend Polizisten vorhanden sind, das eigene Häuschen zu schützen.

Ulrich Gellermann: Peter Sloterdijk. Dem Philosoph ist nichts zu doof.

Gellermann macht mal drauf aufmerksam, dass Sloterdijk ja nicht unbedingt der grosse Unternehmer ist, sondern ein Staatsangestellter, ein Schulrektor, mit einem doch beachtlichen Gehalt von übe 10'000 € - von dem er einen kleinen Teil wieder an den Staat zurück gibt.

Kern der sloterdijkschen These ist die wohlfeile Ueberlegun, es gäbe die leistungstragenden "Steueraktivisten", solche die viel verdienen und deshalb fleissig Steuern zahlen und "Transfermassenehmer", die wenig oder keine Steuern zahlen und deshalb "aufgrund von sozialpolitisch festgelegten Ansprüchen die Kassen lehren. Muss ein Philosoph rechnen können? Vielleicht nicht, aber ein wenig Nachdenken würde den Transfer zur Wirklichkeit befördern: Es gibt die Mineralölsteuer, Leuchtmittelsteuer, Tabaksteuer, Schaumweinsteuer, Kaffesteuer, Salzsteuer, Teesteuer, Zuckersteuer, Biersteuer, Branntweinsteuer, Getränkesteuer und die Stromsteuer. Und nicht zuletzt die Mehrwertsteuer. Längst machen die indirekten Steuern den Hauptteil des staatlichen Steueraufkommens aus. [S. 87]

Was Sloterdijk an schriftlichen Produziert ist für Gellermann kaum Philosophie, sondern eine intellektuelle Fehl-Leistung die aus dem sloterdijkschen Geschwätz-Automaten quillt.

Jochen Stremmel: Rektor gar

Das Feuilleton (also das, was man durchblättert) als journalistische Darstellungsform schildert „in betont persönlicher Weise die Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten des Lebens und versucht, ihnen eine menschlich bewegende, erbauende Seite abzugewinnen.

Stremmel macht, zu Recht, darauf aufmerksam, dass Sloterdijk nach der Publikation seines 2000 Seiten starken Buches zum Zynismus praktisch von der ganzen Geisteswelt enorm gelobhudelt wurde. (Jörg Drews: Die Summa unserer Tage. Eines der intelligentesten und bezeichnendsten Bücher dieser Jahre. Wolfram Schütte: Ein Schlag ins verstaubte Kontor unseres zeitgenössischen Philosophierens und Bewusstseins. Jürgen Habermas: Literarisch glanzvolle Verbindung von philosophischer Essayistik und Zeitdiagnose, wie sie sonst eher in Frankreich zu Hause ist. Wolfgang Pohrt dagegen: Ein Autor schreibt 1000 Seiten Feuilleton, das Feuilleton hat sich darin wiedererkannt, und fortan war man unzertrennlich.

Meine Kritik Dezember 2004, anhand der Kritik der zynischen Vernunft:

Sloterdijk baut ein überaus reiches und buntes Panoptikum, das alle Facetten von Kynismus und Zynismus zeigt. Für die zusammenfassende Beurteilung (= Kritik), also die Schlussfolgerungen, also die Wurzeln des von ihm gepflanzten Zauberbaumes, begnügt er sich leider mit 25 Seiten (von 954). Die wichtigsten Punkte daraus in einer sehr freien und eigenen Interpretation, da Sloterdijks Schreibe hier wieder ziemlich diffus und unverständlich wird. Meine persönliche bösartige Randbemerkung dazu: Aus dem Gefasel wird sich wohl kaum ein Zauberbaum entfalten!

Besonders was den Zynismus betrifft, den Kern des Buches, ist er zu sehr an der postmodernen Beliebigkeit haften geblieben - und hat ein weiteres, selbst zynisches Werk geschaffen - das zudem den grössten Zynismus, die Marktwirtschaft, nicht mal am Rande beschreibt:

Sloterdijk betreibt also in seiner Kritik der zynischen Vernunft eigentlich präzise das, was er darin kritisiert. Er kritisiert die "humoristische Depression" (meine Definition von Zynismus), die ja eigentlich bloss das Symptom einer orientierungslos gewordenen Welt ist, d.h. präziser, einer Welt in der die Orientierung an Geld alle anderen Werte "umgemünzt" hat, was ja eben der tragischste, und zudem humorloseste Zynismus unserer Zeit ist.

Nirgends wurden die Werte mehr verkehrt als in und durch die Wirtschaft. Die Verkehrung der Werte aber ist - Zynismus. Was den Menschen und sein Verhalten, und seine Werte heute am meisten prägt ist aber - das Geld. Das Geld hätte also den leitenden Platz einnehmen müssen, bereits damals. Dass es heute sogar der Grund sein soll, die Chefzyniker zu ehren und loben, zeigt eindeutig, dass Sloterdijk rein gar nix begriffen hat davon, was eigentlich in der Wirtschaft abgeht.

Die Verzettelungstaktik Sloterdijks wird von ihm noch auf andere Weise ausgenutzt. Um sie zu durchblicken müsste man ja den ganzen Mist mal gelesen - und verstanden haben - oder verstanden haben, dass da eben nicht viel an Zusammenhang drin ist (s. Konfettidialog). Sloterdijk wirft also den meisten Kritikern erst ma vor, sein Werk gar nicht vollständig gelesen zu haben, was bei 6 bis 8000 Seiten auch eine beträchtliche Zumutung ist. Den Kritikern werden dann "last minute Zitate" vorgeworfen, zufällige Auswahl oder gar: dass er (Honneth) zu desinteressiert, zu müde und zu humorlos ist, als dass er sich dem Anspruch meiner Arbeit aussetzen könnte.

Meine Arbeit, meine Publikationen, meine Schriften, mein Werk, der Anspruch meiner Arbeiten, dem man sich interessiert, wach, humorvoll und mit gutem Willen zum adäquaten Referat auszusetzen hat - ist es nicht grotesk, mit welch kleinkarierter Aufgeblasenheit ein lesefauler Autor die Lektüre seines Schaums einklagt?

Dummerweise versteigen sich die Gegner wieder in die selbe Argumentation, den Angriff auf die Person, denn Lesefaul ist Sloterdijk nun wirklich nicht. Solche Unschärfen und Fehler in der Kritik machen es ihm dann um so leichter, die Kritiker eben doch wieder vorzuführen.

Apropos Rektor: Damit erklärt sich auch die These <Du musst dich ändern>. Allerdings macht ein Schullehrer der mit dem Zeigefinger rumwedelt und dergleichen von sich gibt, kaum jemandem übermässigen Eindruck. Hier haben sich viele blenden lassen.

Richard David Precht: Zwei Männer auf dem Mond

Am Anfang war die Talkshow. Erfunden vom Philosophen Platon etwa 400 Jahre vor Christus. Ein weiser Moderator, genannt Sokrates, trifft seine Gäste zu einem gelernten Talk über die grossen Fragen dieser Welt: Wie soll ich leben? Was ist das Glück? Was ist das Gute? Wozu brauchen wir die Kunst? ... Es geht um die positive Veränderung der Gesellschaft durch bessere Menschen. Das Ziel ist die Tugend, und die Form der Dialog, das Streitgespräch, französisch: die Debatte.

In der Debatte Sloterdijk gegen Honneth können wir eine Debatte sehen zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie, zwischen den ethischen Ansprüchen der vermeintlich Leistungsguten gegen jene der vermeintlich Moralguten. Westerwelle gegen Lafontaine. Wenn, ja wenn nicht Sloterdijk in bereits geübter Manier zurückrudern und sich als gut getarnter Sozialdemokrat geoutet hätte, als Steuerfreund, der alles nicht so meinte und völlig verblüffend mal wieder unglaublich tief missverstanden wurde. So hat er es vor zehn Jahren mit seinen Regeln für den Menschenpark gemacht. Mit Mehrdeutigkeiten und eindeutig vorbestraften Begriffen wie "Menschenzüchtung" hatte er kokettiert. Und nachher war natürlich alles nicht so gemeint.[S. 93-94]

> Auch hier ganz deutlich klassische Methoden der Eristik/Manipulation: Der definitorischer Rückzug / Abschweifen in Banalitäten: Der Trivialitätstrick

Die Freiheit des Einzelnen bedroht heute die Freiheit seiner Angehörigen, seiner Gruppe, seiner Umwelt. Hier liegt das tatsächliche, das alltägliche Dilemma. An einem Beispiel unter vielen: Die bedingungslose Selbstverwirklichung von Mama und Papa bedroht die bedingungslose Selbstverwirklichung ihrer Kinder. Schon John Stuart Mill ahnte im 19. JH, dass die Frage der Freiheit eine Frage der Bezugsgrösse ist. Für wen soll sie gelten? Für den Einzelnen oder für die Gruppierung?

> Daraus ergibt sich das Problem, wie und in welcher Gruppengrösse welche "Ordnungen, Maximen, Grundsätze, Werte etc" verhandelt werden. All dies ist Politik - aber nicht eine Politik, sondern Politiken, die sich föderalistisch tolerieren, aneinander reiben und integrieren müssen. Zu dem Problem hat Sloterdijk rein gar nichts geliefert in seinen 8000 Seiten.

Das Armdrücken von gebenden und nehmenden Händen, das Sloterdijk beschäftigt, lenkt von Wichtigerem nur ab. Eine Gesellschaft deren meinungsführende Zeitungen bedroht sind und deren Informationsquellen sich fragmentieren, steht vor dem Untergang ihrer Oeffentlichkeit. ... Eine Gesellschaft 2.0 ... Ein Ensemble von Massen-Eremiten, das tatenlos zusehen muss, wie irgendwann jede Sozialnorm durch eine Marktnorm kannibalisiert wird. Eine solche Gesellschaft kennt keine Weltanschauungen oder Parteien mehr, sondern nur User. [S. 95]

> Von wichtigerem Ablenken - das präzise ist das Ziel der Irrelevanz- und Verzettelungstaktik wie des Trivialitätstricks.

Wer Honneths Zorn verstehen will, der muss sehen, wo die Front liegt. Er resultiert schlicht aus Sloterdijks Popularität. Er begründet sich darin, dass Deutsche, wenn sie an Philosophie denken, schnell auf das Enfant terrible de Zunft kommen. Und er nährt sich daraus, dass aus der etablierten deutschen Hochschulphilosophie kaum je eine gute neue Idee an die Oeffentlichkeit dringt. Dass die Philosophie an unsren Universitäten in weiten Teilen rückwärtsgewandt ist. Dass sie zu einem "Fach" geworden ist. Dass der akademische Apparat, trotz unbestrittener Leistungen und hervorragender Leistungsträger, gesellschaftlich weniger bildend ist als Günther Jauch. [S. 96]

Autsch, das tut weh - aber nicht Sloterdijk, dafür:

Er möchte der Denker aller Zünfte sein, als welchen ihn die meisten Professoren nicht sehen.[S. 97]

Hochschulphilosophie heute bedeutet immer mehr Schärfe im Einzelnen auf Kosten einer zunehmenden Gleichgültigkeit im Ganzen. Das heisst, sie wurde verwissenschaftlicht ... Die Moral der Sloterdijk-Debatte ist überdeutlich: Ein Umbau tut not, hin zu einer Philosophie die für die Gesellschaft als dringend notwendige Ingenieurskunst der Psyche (s. Geistesanalyse), als Frühwarnsystem und Diskursvermittlung. ... Eine Philosophie auch, die Massenmedien nicht scheut und doch ihren Ernst bewahrt. Eine Philosophie der Zuständigkeit also, eine des besseren Lebens, wie die griechischen Vorväter sie ersannen - eine Philosophie, die ihren Sitz wieder im Leben hat und nicht nur in einer Fakultät. [S. 97/98]

> Philosophie sollte sich bemühen, diejenigen Zusammenhänge zu sehen, welche die disziplinierten Wissenschaften nicht interessieren, also inbesondere in Zusammenhang mit Wertung und gemeinschaftlichen Entscheidungen. Philosophie sollte in der Lage sein (im Sinne der "Mutter aller Wissenschaften"), diesen ihren Platz zuzuweisen, also zu verhindern, das plötzlich aus Oekonomen Priester werden, welche die einzig gute und mögliche Welt verkündigen. Philosophie muss auf die Löcher im Wissen hinweisen, die mit der Masse des Wissens nicht weniger werden, sondern eher gar exponentiell sich vermehren.

s. Becks 2. Moderne, die reflexive Moderne, der noch die Organe fehlen, mit denen sie nachdenkt (reflektiert).

Thomas Wagner: Auf unterstem Niveau. Die aktuelle Sloterdijk-Diskussion geht am Kern der Sache vorbei

Auch der Titel ist gut, denn Sloterdijk geht seit dem 1. Buch am Kern der Sache vorbei, kritisiert alle und alles wegen Zynismus - ausser der Quelle allen Zynismus (Umwertung der Werte), dem Geld. Noch ärger, er kommt ca. 4 Bücher weiter dann noch gar zum Schluss, dass Geldverdienen zu Herrschaft und Ehre berechtigt. Sehen wir aber erst, was Wagner dazu zu sagen hat:

Arme Menschen vermehren sich wie Karnickel und belaten den Geldbeutel schwer schuftender "Leistungsträger". ... Solche Töne hörte man in der Vergangenheit v.a. an den Stammtischen der Ewiggestrigen. Heute vernimmt man sie vermehrt aus den Reihen von Liberalen und Sozialdemokraten. Westerwelle: spätrömische Dekadenz bei den Hartz IV Empfängern. Thilo Sarrazin: Geburtenüberschüsse der Intelligenzschwachen. Gunnar Heinsohn: Sozialhilfestopp für Frauen der Unterschicht. etcetc.

Sloterdijks Vorschlag zur Ethik der Gabe passt in diesen Rahmen, da er

  1. utopisch im schlechten Sinne, also illusionär ist
  2. Munition für den Klassenkampf von oben liefert, aber die Parteinahme verschleiert.

In Zorn und Zeit vermischt er ebenfalls zwei Konzepte, nämlich den Zorn per se und den gerechten Zorn, der mit Thymos gemeint ist - und der strengstens vom selbstgerechten Zorn unterschieden werden muss.

Im Umgang mit Zahlen ist er fahrlässig. Er beklagt den Diebstahl an den Reichen, verschweigt aber, dass laut Karl-Siegbert Rehberg 1.7% der Haushalte mehr als 70% der Produktivvermögen besitzen, 10% der reichsten 42% der Nettovermögen - aber die 50% "von unten" bloss 4.2%.

Die Beliebtheit der philosophischen Essayistik des Peter Sloterdijk, so Honneth, hing von Anfang an mit dem Aufstieg eines sozialen Milieus zusammen, das den kulturellen Erscheinungen des kapitalistischen Wohlfahrtsstaates nur Verachtung entgegenbrachte, ohne aber für die politische Gestaltung der Zukunft irgendeine tragfähige Idee zu besitzen. In ihrer akademischen Jugend, die zumeist in die Jahre der Maueröffnung und des Zusammenbruchs der Sowjetunion fiel, hatten die Vertreter dieser neuen Elite die Schriften von Michel Foucault gelesen, waren aufgrund ihrer ungebundenen elastischen und sprungbereiten Geisteshaltung schnell zu allen erdenklichen Machtpositionen gelangt, wo sie nun sassen, um auf einen Einfall oder ein klärendes Wort zur Signatur unserer Epoche zu warten. In diesem Milieu, den Redaktionsstuben der Feuilletons, den Kasinos der Banken, den Architekturbüros und Werbeagenturen (also dort wo Zukunft gemacht wird), herrschte Einigkeit nur darüber, dass der Wohlfahrtsmentalität des sozialdemokratischen Zeitalters unbedingt ein Ende zu bereiten sei.

FAZ-Redakteur Jürgen Kaube kritisierte vor allem, dass weder Honneth noch Sloterdijk ausreichend ökonomische Fachkenntnis besässen, um in der Frage des Sozialstaates einen ordentlichen Standpunkt entwickeln zu können: Sie sind wie Lilien auf dem Felde. Sie forschen nicht, sie bilden sich nicht weiter, doch das Gerücht, man komme auch so zu sinnvoller Kritik, ernährt sie doch. [S. 103]

...

Beate Rössler: Integration der Gesellschaft gefährdet

Steuerpolitik war und ist das Instrument des modernen Staates, um gegen die Logik des Marktes Gerechtigkeit herzustellen.

Die Marktlogik jedoch ist parteilich: Sie nimmt Partei für diejenigen, die sich am besten den Marktinteressen konform verhalten können.

Eine Konsequenz des Marktes besteht darin, was Jürgen Habermas früher einmal die Gefahr der <Kolonialisierung der Lebenswelt> genannt hat: die tendenzielle Oekonomisierung aller Lebensverhältnisse. Dann ist die Wirtschaft nicht mehr in soziale Verhältnisse eingebettet, sondern umgekehrt: Alle sozialen Beziehungen müssen sich nach wirtschaftlichen Prinzipien richten. .... Die Integration der Gesellschaft wird untergraben durch eine Politik, die sich nicht vorrangig an den Prinzipien der Gleichheit und sozialen Gerechtigkeit orientiert, sondern an denen des Marktes. [S. 120]

Hier (nicht bloss am Vergessen historischen Grauens) liegt das Problem von Sloterdijks "Menschenzucht". Wer züchtet liest Merkmale aus, die er fördern - oder wegzüchten will. Während dem die natürliche Selektion zwar oft grausam, immer aber etwas nachlässig (tolerant) und spielerisch war, primär die Viellfalt förderte, ruiniert die zielsetzende Selektion der Zucht die Vielfalt (s. Landwirtschaft: Weizen). Würden sich die Menschen an diese sehr engen Vorstellungen halten, hätten die Universitäten in den letzten 20 Jahren nur Banker ausgebrütet (und vielleicht ein paar Entdecker für die Pharma, Nanotechnik und Gentechnik). Die Folgen davon können Sie sich selbst ausmahlen.

Zu "Ueben" und Leistung" gilt das selbe. Es geht hier nur darum, Geldvermehrung zu üben. Leistung ist nur dann Leistung, wenn sie immer mehr Geld in immer kürzerer Zeit erzeugt. Der Leisten ist vorgegeben, Sisyphos hat den Stein nur noch zu rollen, nach Auftrag, immer schneller. Eigene Ziele setzen? Aber immer - vorausgesetzt sie lassen sich monetär ausdrücken: Verdienen, sparen, investieren, Geld vermehren, Macht und Zugriff zu Futtertrögen vermehren.

Michael Hartmann: Die Schwachen tragen die Starken. Die real stattfindende Umverteilung der Lasten in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Steuerstaaten reklamieren inzwischen "die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus. Man habe sich inzwischen an Zustände gewöhnt, in denen eine Handvoll Leistungsträger gelassen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommenssteuerbudgets bestreitet. Der fiskalische Bürgerkrieg sei die plausibelste Reaktion.

Auch Hartmann stellt klar, dass diese obersten 10% die etwa die Hälfte der Einkommensteuer bezahlen auch 40% der Markteinkommen (Löhne, Gehälter, Kapitaleinkünfte, Mieteinnahmen etc) erzielen. Sie werden also etwas überproportional belastet, aber noch lange nicht ausgenommen. Insbesondere ist nach Abschaffung der Vermögenssteuer 1997 auch der Spitzensteuersatz von 53 auf 42% abgesenkt worden. Für Kapitalgesellschaften bleiben die Gewinne seit 2000 völlig steuerfrei. Das begünstigt nicht die Armen, sondern die Reichen und Superreichen. Die reale steuerliche Belastung der 450 reichsten Deutschen mit einem jährlichen Mindesteinkommen von damals neun Millionen Euro ha sich allein zwischen 1998 und 2002 durch die Steuerreform der rot-grünen Bundesregierung (so so) von 41 auf 34.3% verringert.

Der Anteil der Armen hat jedoch stark zugenommen. Der Bezugszeitraum für Arbeitslosengeld wurde gekürzt, die Arbeitslosenhilfe abgeschafft, aber vor allem hat der Niedriglohnsektor (dank des Einsatzes der Leistungsträger in den Firmenleitungen) stark zugenommen: Mitte der 90er: 14.7%, 21.5% heute. Diese Löhne liegen häufig unterhalb der HartzIV-Sätze und müssen staatlich subventioniert werden - was eine direkte Folge der Leistung von Leistungsträgern ist.

Machten die indirekten Steuern 1990 ca. 40% des Steueraufkommens aus, liegt der Anteil seit 2001 durchweg über 50%. Indirekte Steuern aber betreffen niedrige und mittlere Einkommen,die ganz oder zum grössten Teil für die alltägliche Lebensführung ausgegeben werden müssen, weit stärker als höhere Einkommen, von denen ein beträchtlicher Teil gespart werden kann. Kritisch für viele Haushalte ist hier besonders die Krankenkasse.

Obwohl die Reichen laut Schlotterdeich extrem ausgenommen werden, hat sich ihr Anteil am Gesamtvermögen zwischen 2002 und 2007 von 57.9% auf 61.1% erhöht. Die untere Hälfte weist als Bilanz von Schuld und Vermögen überhaupt kein Vermögen mehr auf.

- Ulrich Beck macht in seinem Beitrag darauf aufmerksam, dass dieser Ansatz den Neonationalismus fördert, den Hass auf andere, auf Ausländer, Juden, Muslime - als Trost für den Abbau der Mittelschicht. Die reichen Nationen tragen verbal die Menschenrechte in die Welt, bauen sie zu hause aber ab. Damit allerdings auch ihre Legitimation, auf andern "nichtsosozialen" rumzutrampeln. [S. 127-28]

Volker Gerhardt meint, eine Diskussion mit einem Geisterseher könne nur zu einer Phantomdebatte führen. [S. 131]

Für Thomas Meier ist er ein frei schwebender Sprachartist. [S. 133]Eine Erlaubnis ihn zu kritisieren kriegt nur, wer mindestens 3000 Seiten gelesen hat. Meier ist, wie mir scheint, der einzige, der darauf aufmerksam macht, wie wichtig der Stolz offenbar für Reiche ist - während dem bei Armen ein solcher offenbar nicht zu bestehen scheint. Auch in der Oeffentlichkeit wird dann eher vom Wutbürger geredet. Der hat natürlich nicht die Wahrheit und Gerechtigkeit auf seiner Seite, sondern agiert plump, atavistisch, unvernünftig. Nur dem Mächtigen steht der Zorn an und zu. Nicht_Leister haben die Pflicht zur Demut, zum Glauben an die gutmeinenden Absichten der zornigen edlen Herren.

Auf die etwas seltsame Vorstellung von Humor bei Sloterdijk machte Richard Löwenthal aufmerksam: "Herr Sloterdijk, Sie haben in dieser Stunde so viel glitzern lassen, dass ich nun gar nicht mehr sehen kann, ob auch etwas von alledem geglänzt hat." Das kynische, sloterdijksche Lachen, das daraufhin befreiend im Saal ausbrach, kam aber nicht von Sloterdijk. Wie ermutigend wäre es doch, wenn es ab und zu im Feuilleton erklingen würde. [138]

Teil 3: Werkanalyse und gesellschaftspolitische Verortung

Gerd Irrlitz: Kulturphilosphie des Ueberdrusses oder der Versuch, den Zwicker für ein Fernglas zu halten. Notizen zu Peter Sloterdijk.

Als eindringlich formulierender, bisweilen auch schriller Autor und Redner findet Peter Sloterdijk Beachtung, insbesondere dort, wo er die Verachtung der Massen verankert sieht - bei <den Medien>. [S. 140]

Ein Medienkanal pries ihn als Starphilosophen. Endlich ein Philosoph als Medienstar.

Sloterdijk pointiert in seiner Zeitkritik das Versinken der Menschen zur Masse.

Der Elite-Masse-Kontrast gehört, wenn man nur auf den logischen Aspekt sehen will, einem substantiellen Wirklichkeitsbegriff zu.

Die eine Zeitung fordert auf: "Gehen sie in Meinungsführerschaft". Die andere bleibt vornehmer und verheisst: "Bild dir deine Meinung". Nicht Wissen und Verstehen, pausenlos Information und gelenkte Meinung ist das Panier.

Mit der "Neigung" zum hintergedankenfreien Endverbrauch ... begünstigt das globale System Personen ohne allzu feste Eigenschaften - wie sollte es auch anders sein, wenn die Aufgabe der Individuen im Kapitaluniversum ist, sich immer zahlreichere Warenangebote, immer vielfältigere Rollenspiele, immer invasivere Reklamen und immer beliebigere Kunst-Environments einzulassen. ... Kapitalismus ist das Projekt, das gesamte Arbeits-, Wunsch- und Ausdrucksverhalten des Menschen in die Immanenz der Kaufkraft zu versetzen.

Nur in der Zirkulationssphäre der Produkte kann der Mensch als Objekt der Warenströme und mit deren anwachsender Dichte als ein Labyrinth wechselnder partikularer Antriebe erscheinen. Die Gesellschaft zerteilt sich in die Absinkenden und die zum Image-Geschäft Aufsteigenden. An die Stelle der Entfremdung ist die Verwirrung getreten. [S. 145]

Zum Triumph der Warenwelt gehört dann auch deren Kritik-Ressort mit dem elitären Verachtungsgestus. Der rhetorisch aufgereizte Klang vieler Passagen Sloterdijks, woher kennt man ihn? Es ist der theatralische Ton des Marktes, der durch möglichst einfache, aber in erregtem Ton vorgestellte Elemente beeindruckende Wirkung erzielen will. [S. 145]

Im Gegensatz zu Sloterdijk, der die Oekonomie als Ursache der Verwirrung völlig ignoriert, verweist Irrlizt richtigerweise auf die Bedeutung derselben, insbesondere des Geldes, das bereits vor 100 Jahren von Simmel a fonds analysiert wurde. Seine Philosophie des Geldes (1900) fügte den Entfremdungsbegriff einer tragischen lebensphilosophischen Dialektik der Kristallisation ein, in der alle subjektive Energie erstarre, wenn sie sich objektiviere. Das war eine metaphysische Erhöhung und Verabsolutierung der Vergeblichkeit, sich im Objekt wiederzufinden. [S. 146]

Die computerisierte Maschinerie fragmentiert die Benutzer allerdings. ... Verbunden mit dem Bewusstsein der Unsicherheit beruflicher Perspektiven, zersetzt das deren Verankerung in biographischer Kontinuität.

Moralische Depravation sieht man nicht nur bei den Armen des Landes mit niedrigen Löhnen und unter sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen, empörender noch bei den Hütern und Mehrern der eigenen Besitzstände. Die abhängig Beschäftigten erfahren ihre Arbeitsplätze als Spielfeld international agierender Eigentümermonopole. Welche Verfallserscheinungen erwachsen aus diesen Formen der Konzentration ökonomischer Macht und gesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit? Es vollzieht sich ein enormer Zuwachs an Macht und Kontrollmöglichkeit über die Arbeitskräfte, für die Grossunternehmen zugleich gegenüber den Ensembles der abhängigen Firmen. Hinter dem von Sloterdijk ausgestellten Unwert der Massen steht eine Unterwerfung unter die Inhaber ökonomischer Macht - und steht der Widerstand dagegen. Bei diesen Folgen der technologischen Revolution, der Konzentration der Firmen, der Depravation der lebendigen Arbeitskraft und bei sich neu aufbauenden Gegenbewegungen setzen die Probleme an. Der Fetischismus technologischer Determination übergeht dere soziale Strukturen und fragt nicht nach den öffnenden Alternativen. Fast alle Konsumenten sind zuvor Produzenten. ...

  1. Sloterdijk zeigt nur ein "konsumentistisches Subjekt", das unfähig erscheine, sich selbst zu führen.
    1. Doch der Zusammenhalt auch der künftigen Gesellschaft wird von den Beziehungen der grossen sozialen Klassen und Gruppen bestimmt.
  2. Sloterdijk lässt nicht nur diesen Gesichtspunkt, sondern auch die Gegentendenz zur Entwurzelung zurücktreten. Er malt ein einseitiges Bild als Panorama eines nichtwürdigen Chaos. Dessen Heilung lautet in der Regel, wie wir wissen, Ordnung. Unsicherheit führt zum Leben zwischen den Extremen und weckt einen neuen Konservativismus
  3. Sloterdijks Schlussstrich unterscheidet sich von Marcuses Kapitalismuskritik in dessen Eindimensionalen Menschen (1964) dadurch, dass Marcuse zu seiner allerdings diffizil durchgeführten These der Einebnung alternativer Bewegungen den zentralen Kritikpunkt der inneren sozialen Gewalt des Kapitalverhältnisses festgehalten hatte, das sich auch in der Parteiendemokratie politisch aufschwinge. Marcuse bezog das Problem auf die Spezifik der technisch-strategischen Rationalität, die im Zwangscharakter der Kapitalherrschaft dominiere. Hier waren Gegenoptionen demokratischer Bewegungen und deren Bezug auf andere, nicht gewinnorientierte Rationalitätsformen nicht nur freigelassen, sondern aufgerufen. Sloterdijks pauschale Abfertigungen bleiben dagegen weit zurück.

Nicht nur dies. Nun macht er aus der Ursache des grassierenden Zynismus und Chaos auch noch die Mutter aller Herrschaft.

Ebenso die Auswirkungen der Globalisierung: Die Reproduktion des Kapitals auf erweiterter Stufenleiter ist absolutes Gesetz der kapitalistischen Produktionsweise, und die räumliche Ausdehnung nur ein begleitendes Element des Zwangsgesetzes der progressiven Akkumulation und Konzentration, um ein Kapital überhaupt zu erhalten.

Diese Gesetze werden von Sloterdijk sang und klanglos übergangen. Die Probleme die daraus entstehen der geistlosen und faulen Masse der Nichtleister angelastet, den de-akkumulierten. Auch setzt er von Anfang an, ebenfalls typisch für alle Manipulatoren, die Gemeinschaft gleich mit der Ausschaltung des Individuums: Je mehr andere einbezogen sind, desto stärker werden die Möglichkeiten, selbst zu handeln, liquidiert". Gegen Habermas' Die Einbeziehung der Anderen (1996) heisst es dann leichthin, solche kommunikative Praxis führe nicht zu mehr Gemeinsamkeit, sondern tendentiell zur Ausschaltung von Handeln überhaupt und zu dessen Ersatz durch Rollenspiele in kollektiven Projekten. Stat wie Habermas die empirische sozialpsychologische Wissenschaft und andere Disziplinen aufzunehmen, kommen gestelzte Illuminationen: "Erhöhte Dichte impliziert steigende Wahrscheinlichkeit von Begegnung zwischen Aktionszentren, sei es im Sinne von Transaktionen, sei es in dem von Kollisionen und Beinahe-Kollisionen". Ebenso unbefriedigend bleiben die Resumées zur Geschichte der neuzeitlichen Philosophie. Sloterdijk interpretiert bloss die böse autoritäre Seite von Hobbes und Machiavelli,ignoriert aber die wohlmeindende solidarische von Morus, Locke und Rousseau.

Tatsächlich hat sichdie kapitalistische Gesellschaft stabilisiert durch die Integration der Schichten des früheren "vierten Standes". Das hat neue verfassungs- und sozialrechtliche Instrumentarien entstehen lassen, die nicht nur Armut verwalten, sondern den Auseinandersetzungen unterschiedlicher ökonomischer und politischer Interessengruppen neue Bewegungsformen bieten. Damit verbreitet sich die soziale Basis der Kapitalgesellschaft. Die Phänomenologie der Technologien und expandierenden Zirkulationsströme von Waren und Menschen bis zur Austauschbarkeit der Orte bilden Prozesse zweiten Grades. Eines der am meisten verhandelten Probleme der heutigen Industriegesellschaften stellt die soziale Gerechtigkeit dar. Hier wird um die Menschenwürde der Enthemmten und Gezähmten gerungen. Das Thema tritt bei Sloterdijk nicht auf. Mehr noch. Sloterdijks Kulturphilosophie fetischisiert einige ausgewählte, im Marktgeschehen ans Licht getretene Sachprozesse. Jetzt, im "medialen Zeitalter" hätten sich die Bevölkerungen der Industriegesellschaft in der erzeugten Welt verfangen bis zur moralischen Neutralisierung; ein Determinismus-Bild, freudloser, als es je der Antikapitalismus des dogmatisierenden Marxismus gepaukt hat. ... Auch unter den virulentesten Zirkulationsbedingungen der Warenliegen bestimmte Eigentums- und Distributionsverhältnisse zugunde, unter denen die sozialen Gruppen kooperieren. ...

Ich denke, die Zukunft gehört Mischformen des Eigentums an Grossindustrien, die ohnehin und durch weitere Konzentrationsprozesse zunehmend als Akteure der Gesellschaft als Ganzes fungieren. [S 153]

Gerade heute zeigt sich am Problem <too big to fail> vielleicht doch ein quasi automatischer Uebergang von der Privatwirtschaft zur staatlich gelenkten Wirtschaft, denn wenn Grossunternehmen durch die Gesellschaft gerettet werden müssen, unterstehen sie nachher auch der Kontrolle durch die Gesellschaft. Hier entwickelt sich der Privatkapitalismus über einen Staatskapitalismus automatisch zum Sozialismus, Sozialismus als gemeinsames Management von Infrastruktur und Produktion zur Förderung des Gemeinwohls.

Sloterdijk macht aus "dem Volk" aber "eine Masse", die der autoritären Führung durch Leistungsträger bedarf. Dieser konservative Massebegriff, einer Volksmenge mit grassierend stumpfer Hirnlosigkeit die der Führung durch die Elite bedarf, entspricht dem konservativen Modell, das im medialen Stadium zur postmodernen Masse von Strassenauflauf-Massen zu den Diskursen, Moden, Partei- und Fernsehprogrammen unterworfenen Masse geworden ist. Wer dirigiert die grössten Zeitungen? Besser, wer beherrscht die Medienimperien? Time Warner - Walt Disney - News Corp (Murdoch) - Viacom (CBS/MTV/Nickelodeon) - Comcast - Bertelsmann, in Italien Berlusconi. Uebt nun Sloterdijk irgendwelche Kritik an diesen Imperien die ihren Teil zur Volksverdummung beitragen? Nö, sind doch Leistungsträger!

Sloterdijks Polemik gegen Theoretiker, die seinen antiquierten Elite-Stereotypen valet gesagt haben, erspart sich geradezu die Argumentation. Rorty, Habermas, "diese Autoren verfolgen eine Linie, die auf die Unterwerfung der Kunst unter die Moral, die unumschränkte Herrschaft des Argwohns und die Kontrolle des Denkens durch den Konsensus ausgeht". Das klingt nach nichts als der Scheu vor argumentativer Solidität bei auf Vorurteilen berechneten Redeweisen. [S. 156]

Statt "Unterwerfung der Kunst unter die Moral" könnte man auch sagen: Ausrichtung der Kunst nach ethischen Werten, dann würde die Absicht dieser verwerflichen Autoren vielleicht weniger kriminell aussehen. Die "unumschränkte Herrschaft des Argwohns" müsste ersetzt werden durch <die Ueberprüfung aller Aussagen durch Kritik>, ohne die keine Wahrheit Bestand haben kann, dann hätten wir das, was Wissenschaft und Philosophie ausmacht. Und, last not least, müsst die "Kontrolle des Denkens durch den Konsensus" ersetzt werden durch "gemeinsames (partizipatives) Setzen von Zielen im Konsens als höchstes Ziel der Demokratie, dann hätten wir auch die Politik gerettet, die laut Sloterdijk offenbar auf der Basis des Wissens von Heroen seiner Art basieren sollte. Och nööö, lieber nich.

Sloterdijks Massenbegriff basiert eher auf den Ergüssen Canettis, die zwar literarisch lesbar, soziologisch aber doch eher mühsam und unergiebig sind. Lewins Feldtheorie und vor allem die Gruppendynamik währen hier ergiebiger - und zeigten auch leicht, wie sich die "Leistungsträger" durchsetzen, und sogar ganze Gruppen ausnehmen, weitaus eher, als sie ausgenommen werden. Und ausgerechnet dieser Autor unterstellt dem Humanismus, er sei bloss eine Schule der Domestikation des Menschen gewesen. Sloterdijk scheint keinen blassen Dunst davon zu haben, wie stark Geld und Wirtschaft den Menschen inzwischen geprägt haben - und wie wenig der Humanismus. Entweder ist er zu blöd es zu sehen - oder er ist nichts weiter als ein weiterer Propagandist einer Ordnung der Herren.

Er sieht keine gestalterischen Möglichkeiten für die Gesellschaft - ausser der fachwissenschaftlich-technologischen Vervollkommnung. Präzise diese Aussage von Irrlitz zeigt uns, wo eigentlich die Wurzeln von Sloterdijk zu suchen sind. Irgendwie muss ihm die ganze Unordnung (Freiheit) der 68er und insbesondere die darauf folgende Technologiekritik derart auf den Geist gegangen sein, dass er, allen Ernstes, dachte, er könne eine neue Ordnung schaffen. Das war ja, expressis verbis (so gesagt, ja gar geschrieben) ein Ziel der Kritik der zynischen Vernunft: Die Postmoderne zu widerlegen und - ein grosses Buch zu schreiben. Dummerweise hat er sich aber selbst postmoderner Beliebigkeit bei Auswahl und Synthese bedient, und so ist nichts anderes entstanden als ein riesiges Sammelsurium von meist ziemlich überflüssigem, und vor allem zusammenhangslosem Wissen. Er hat nicht das beabsichtigte Jahrhundertwerk geschaffen - sondern bloss ein recht umfangreiches Lebenswerk, das ihm im Alter nun unter den Händen zerbröselt. Na ja, ehrlich, von ihm selbst zerbröselt wird.

In der grossen Frage der Gegenwart, soll die betriebswirtschaftliche Effizienz auch über die gesamtgesellschaftliche bestimmen - oder umgekehrt, tritt er für die erstere Lösung ein. Das handelnde Subjekt tritt in der Masse ab und übergibt sein Schicksal an die Elite der Leistungsträger. Sachlogischer Determinismus wird von Sloterdijk fetischisiert, so dass beliebige, gleichsam externe Eingriffe, etwa auch autoritärer Art, als geboten dargestellt werden können. Sloterdijk löst die konkreten Konflikte des Liberalismus von dessen prinzipiellen Handlungstheorie Voraussetzungen ab und schafft ein Feld auffallenden, aber theoretisch bequemen Durcheinanders. D.h. er nutzt das manipulative Prinzip der Verzettelung, bei ihm um so hinterlistiger, als sich kaum jemand traut zu sagen, seine vielen Worte hätten eigentlich keinen Zusammenhang, würden nichts zur Sache aussagen.

Eigentlich wären wir gewarnt gewesen, hätten wir den Mist den er vorher schon geschrieben hat, etwas ernster genommen. In Sphären II: Globen stellt er sein "Ordnungsmodell" der Philosophenherrschaft ja bereits dar:

Wer das Gemeinwesen gründlicher retten wollte, als die demokratischen Agitatoren und die Marktliberalen es sich träumen liessen, musste die Stadt, die Bürgerseelen und die Götter auf eine neue Weise unauflöslich ineinander verschränken.

Ihrer Tendenz nach geht die platonische politische Theorie auf einen kosmisch gestützten Kommunitarismus aus: Nach ihr können die Stadtgemeinden nur in dem Mass wohlgeraten, wie sie sich als beseelte Körper von einem real anwesenden Vernunftprinzip bewegen lassen. Sie wären, wenn sie sich recht verstünden, gewissermassen logische Kirchen oder theonom verfasste Einheiten, als deren Vorsteher am besten die wahren und wirklichen Philosophen fungierten. Für das gewöhnliche Volk dürfte diese heilkräftige Nookratie bis auf weiteres auch durch den traditionellen Götterkult repräsentiert werden, sofern dieser noch guten Glaubens ausgeübt und ohne zu weit Konzessionen an die alten Blutopferscheussslichkeiten vollzogen werden kann. [S. 373 II]

Nookratie wäre die Herrschaft der Vernunft. Ob das was Sloterdijk bietet wirklich "Vernunft" ist, na, ich denke darüber ist der Streit bereits entschieden: Er hat sich als unfähig erwiesen, irgend was zu verschränken (ausser seine Arme, wenn er angegriffen wird).

In Sphären III wurde eigentlich klar, dass er, ausser dem weisen Philosophen, also sich selbst, eigentlich keine gesellschaftliche oder politische Struktur sah, die die Menschen irgendwie sinnvoll organisieren könne. Zivilgesellschaft scheint ihm ebenso ein Fremdwort wie Selbstorganisation:

In Nationalversammlung, Zirkus, Sport, Fussball und ähnlichen Unterhaltungsmedien werden MASSEN organisiert, in Canettis Form der Hetzmasse. Da Sloterdijk das Prinzip der Selbstorganisation nicht anerkennt, Politik vor allem als Uebermutter kritisiert, bleibt kaum eine Struktur, die die vielen frei schwebenden Blasen zu einem funktionalen Ganzen, einem Organismus binden könnten. Auch hier, im soziologisch-politischen Bereich bleiben seine Beschreibungen ... ballaballa.

 

Ulrike Baureitel: Zynischer Akrobat. Peter Sloterdijks "Allgemeine Immunologie"

Sloterdijk bezweifelt ja nicht nur die Kreditwürdigkeit des "kleptokratischen" Staates und hetzt seine Gläubiger gegen ihn auf; er beschränkt sich auch nicht darauf, die aus der sozialstaatlichen Alimentation hervorgegangene Mediokrität zu geisseln, de er mit einer "Dschungelpädagogik" für das "polyvalente Individuum" aufhelfen will. Und im Unterschied noch zum Menschenpark-Essay misst er dem gentechnologischen Umbau des Menschen nicht mehr die Bedeutung zu und glaubt ihn im Vergleich zum selbstbestimmten asketischen Selbstumbau sogar in Konkurrenznachteil. ... Seine Trainingslehre ist begleitet von spannungsgeladenen systemischen Leitunterscheidungen: "gesund" und "krank", "vertikal" und "horizontal", "vital" und "letal." [S. 165]

Den "mittleren Lagen" des selbstgenügsamen Bewusstseins pariert Sloterdijk mit dem Furor der ethischen Differenz, die die Niederungen im "Basislager" der Existenz hinter sich lässt und "immunitäre Ordensregeln" kultiviert. Die Aufwertung, die Sloterdijk in eines Fussnote der (positiven) Eugenik zuteil werden lässt; die Nonchalance, mit der er der Selbstabschaffung durch Sterbehilfe die Rede führt; die Chuzpe, mit der er das Schicksal der "Ueberflüssigen" in die Willkür der Zahlungsfähigen stellt: Trainiert wird hier ein antitherapeutisch gestimmter, ja antihumanistischer Habitus, "Wellenreiter im harten Zeitgeist", die er selbst einmal in seiner Kritik der zynischen Vernunft besichtigt hatte.Akrobatisch ist an dieser Ethik vor allem der Zynismus, der von der Unterlassung lebt. Und von einem Steuerstaat, der ihn alimentiert. S. 166]

Stephan Lessenich: Bürgerbegehren gegen die Unterschicht

"Umverteilung" steht bekanntermassen seit geraumer Zeit auf der roten Liste missliebiger Sozialstaatsideen. "Gewährleistung", "Ermöglichung" und "Befähigung" sind die höchsten der sozialen Gefühle, die sich die sozialpolitische Elite hierzulande noch erlaubt.

Es geht um eine gross angelegte gesellschaftliche Programmatik der Normierung und Normalisierung: Mehr Eigenverantwortung! Jede Arbeit ist besser als keine! Wer sich nicht integriert, de fliegt! Familienzusammenführung ja, aber in der Heimat! All denen die der Norm des selbständigen, leistungsfähigen, aufstiegsbereiten, belehrbaren und anpassungswilligen Bürgers nicht entsprechen sollen Beine gemacht werden.

"Gleichheit" wird hier zur Kategorie des Ausschlusses all jener, die nicht ins Bild passen, sich den bürgerlichen Pädagogisierungs-, Moralisierungs- und Mobilisierungsanstrengungen nicht fügen. Mit Sozialreformen und Morallehren, mit Aktivierungspädagogik und Schmarotzerrhetorik soll der Unterschicht das Leben schwer und die Existenz prekär gemacht werden. Wer Angst hat um die Existenz - schweigt und dient - den Herren.

Lessenich macht nun auf etwas aufmerksam, das nach meiner Erfahrung mit eben dieser Schicht allerdings nicht leicht zu haben sein wird: Die Unterschichten selbst müssen zur Quelle einer anti-bürgerlichen Gegenbewegung werden. Zu einem anständigen Kulturkampf gehören immer zwei.

Beispiel: Als ich letzte Woche mal einen Angehörigen dieser Schicht fragte, ob denn die Diskussionen etwa zum Thema Wer sind sie - und was treiben unsere Mächtigen und Reichen mit ihrer Macht - und ihrem Reichtum? in seinem Kreis nicht auf Interesse stiessen, meinte er lakonisch: Nee, darüber will ich mich nicht noch mehr aufregen müssen. Die Sache ist verständlich. Die Leute sind selbst in der Sch..., also praktisch am A...., und da haben sie nicht auch noch Lust, sich "theoretisch" über diese Situation aufzuregen, zudem auch theoretisch keine raschen und billigen Lösungen angeboten werden können.

Rudolf Walther: Sloterdijk macht den Westerwelle

Und jetzt kommt der nordbadische Lokalphilosoph und mediale Zampano Peter Sloterdijk mit seinem Aufruf zur "Revolution der gebenden Hand", genauer: zum "fiskalischen Bürgerkrieg".

Marx hat die Entstehung von adligem Grossgrundbesitz in England in seinem Kapitel über die "ursprüngliche Akkumulation" als Akt der Enteignung von kollektivem Landbesitz (Allmend) im Detail dargestellt. Der Historiker Charles Tilly entdeckte in seinen Studien zur Entstehung der frühneuzeitlichen Staatlichkeit aus den mittelalterlichen Personenstandsverbänden als Kern die Entwaffnung der Bürger und die schrittweise Monopolisierung der Gewalt durch den Adel oder eine andere Oligarchie. Die Entstehung des modernen Privateigentums wie jene der modernen Staaten beruht auf vielfältigen und komplizierten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Prozessen. An deren Ende steht nach etwa drei Jahrhunderten die moderne Staatlichkeit und ein paar Bildungsinstitutionen zum allgemeinen Trost.

Sloterdijk vergröbert diese komplexen historischen Prozesse und Zusammenhänge, indem er Staatsmacht aus aktuellem Interesse auf "Steuermacht" reduziert. Das ist die Perspektive des liberalen Spiessbürgertums, das auf Steuerersparnis aus ist und sonst gar nichts.

Sloterdijk selbst ist als Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe selbst einer, der aus Staatsgeldern bezahlt wird, zusätzlich Rente, in die solche Leistungsträger nie einzahlen, im Gegensatz zu den unproduktiven. Walthers Vorschlag, wie mit dem Vorschlag von Sloterdijk umzugehen sei ist der amüsanteste in dem Büchlein: Sloterdijk sollen ab sofort die Steuern geschenkt werden, und er soll ab nächsten Monat am Karlsruher Bahnhof auf Geschenke der FDP-Wählerschaft warten.

Albrecht von Lucke: Propaganda der Ungleichheit. Sarrazin, Sloterdijk und die neue "bürgerliche Koalition"

Schwarz-Gelb verspricht, in Zeiten der Krise mit Hilfe von Steuersenkungen zugunsten der angeblichen Leistungsträger gewaltiges neues Wachstum zu generieren. [S. 174]

Während Thilo Sarrazin mit seinem neoliberalen "Eliten-Rassismus" (Gerd Wiegel), gespickt mit explizit NPD-kompatiblen Sätzen, die vulgären Ressentiments all derer anspricht, die schon lange mit ihrer Meinung zu den "ständig neuen Kopftuchmädchen" (O-Ton Sarrazin) nicht mehr hinter dem Berg halten wollen, gibt Sloterdijk den Sarrazin der Bildungsbürger.

Cicero: Bürgerliches Manifest: Wirft den Kritikern Opportunismus vor: "Unter dem Deckmantel der Redefreiheit und der unbehinderten Meinungsäussserung" habe man sich "in einem System der Unterwürfigkeit, besser gesagt: der organisierten sprachlichen und gedanklichen Feigheit eingerichtet, das praktisch das ganze soziale Feld von oben bis unten paralysiert. [S. 175]

Es herrscht heute Einigkeit darüber, dass der Wohlfahrtsmentalität der sozialdemokratischen Zeit unbedingt ein Ende zu setzen sei; zu abhängig schienen die Massen, zu sehr nur auf die gebenden Hand des Staates erpicht, als dass aus dem Schoss einer derartigen Kultur noch irgendein kraftvoller Gedanke ode Lebensstil hervorgehen könnte. (Honneth). Deshalb stösst in dem von Honneth skizierten Umfeld der eigentliche Kerngedanke Sloterdijks, der seit Jahrzehnten der immergleiche ist, in starkem Masse auf Gegenliebe, nämlich der nietzscheanische Urgedanke der Unterscheidung zwischen der Herrenmoral der Mächtigen aus eigenem Recht und der Sklaven- oder Herdenmoral der Schwachen, die mit ihren Gerechtigkeits- und Gleichheitsansprüchen die Starken zu sich herunterziehen. ... In den postheroischen westlichen Gesellschaften sei allerorten der "Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensformen" zu beobachten, nämlich ein "Verlust des Willens zur Selbstdarstellung." Zum Vorschein komme, so Herausgeber Karl Heinz Bohrer unter Vorwegnahme der sarrazinischen Ausbrüche, das "Panorama einer neuen Unterschicht, die nichts ausser Nahrungsaufnahme will und deren analphabetisches Bewusstsein und deren Sich-gehen-Lassen zu einer allgemeinen Norm zu werden droht." [. 179]

Also echt, würden die Leute so was vor den Angesprochenen rauslassen, hätten sie vermutlich Glück, wenn sie mit einem blauen Auge davon kämen. Die Idee, dass eine Handvoll Superreicher eine Masse von 60-90% an Trotteln kontrollieren kann, die nur essen und sich vergnügen wollen - denen aber die 10% oberen das Geld dafür entziehen, ist absurd. Diese Konstellation gibt irgendwann einen solchen Knall, dass von diesen Schwätzern nichts mehr übrig bleibt. Auf das Herrenrecht aus eigener Moral haben wir ja bloss noch gewartet, seitdem es immer klarer wird, dass Kapitalismus unter diktatorischen Bedingungen genau so gut, wenn nicht besser (nur im Sinne von Umsatzstärker) betrieben werden kann. China macht's vor.

Insbesondere der Ausdruck postheroisch macht völlig klar, wie dämlich das Konzept ist, denn heroische Gesellschaften sind:

  1. junge Gesellschaften, die noch nicht strukturiert sind, also chaotisch, die erst organisiert werden müssen, manchmal mit Gewalt.
  2. immer dort vorhanden, wo ein Ueberschuss an Jugend da ist, die drängt nach neuen Erfahrungen, nach Eroberungen, nach ihrem Platz.
  3. immer auf Abenteuer aus, also meist nicht grad vernünftig

[s. Merkur: Dekadenz. Kein Wille zur Macht]

Wir sind das Gegenteil davon, wir sind eine überalterte Gesellschaft, in der Greise nach noch mehr Herrschaft schreien als sie eh schon haben (das ganze Geld ist ja in ihren Händen). Der sloterdijksche Scheiss den er da predigt, spaltet also die Solidarität zwischen gewissen heroischen Alten, die sich junge Gefolgsleute dingen, und ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen, zum eigenen Wohl, nicht zum Wohle der Gesellschaft. Da ist mir eine Horde von Analphabeten die nur essen wollen eigentlich lieber als eine solche Horde von vergreisten Trotteln, die denken die Welt vom Lehnstuhl aus regieren zu können - per Pfiffe mit dem Atemgerät und Wedeln mit dem Zeigefinger.

Was in einer solchen Welt passiert, lässt sich grad mal wieder in Tunesien und Algerien beobachten. Wieder treiben die Geldbeherrscher die Nahrungsmittelpreise durch Spekulationen auf solche Höhen, dass sich die Aermeren das Brot (inklusive Maisfladen) nicht mehr leisten können. Gerade unter solchen Bedingungen ist dann das Gerede von Heroismus, Nation, Staat, Pflicht etc genau so hohl wie die leeren Entwicklungsversprechungen der Entwickungsherren. Die heroische Jugend, die nicht gebraucht wird, sieht sich als überflüssig - und randaliert, oft so, dass die Regierung (und ev. die überkommene Wirtschaftsform) dran zerbricht.

Weht Sloterdijk der Wind der Kritik zu steif um die Ohren, kriecht er selbst hinter die Ofenbank: Das war doch alles gar nicht so gemeint.

Klaus Weber: Eliten-Züchtung und Selektion der Einfältigen. Das Zarathustra-Projek Peter Sloterdijks.

Schon ein kurzer Blick auf die Sprache zeigt, dass handelnde Subjekte oder aktive Menschengruppen in dem Text nicht vorkommen. .... Die Satzkonstruktionen sind durchgängig so angelegt, dass die die Subjekte passivieren oder ignorieren. [S. 185]

Wenn bei Sloterdijk was handelt, dann sind es mächtige polit-ökonomische Gedanken (wozu die seinen ja allerdings nicht gehören). Das 19. Jahrhundert denkt systemblind. a) ein Jahrhundert denkt überhaupt nicht, es wurde darin gedacht, und zwar äusserst widersprüchlich. Dass das, was sich durchgesetzt hat, der Liberalismus, nun der Weisheit letzter Schluss sei für alle Zeiten, immerdar, das steht allerdings noch nirgends geschrieben, ausser natürlich bei Sloterdijk & Co.

Statt sich die Mühe zu machen, zu argumentieren, zu belegen, zu begründen, ergeht er sich in vagen Hinweisen und Andeutungen, "so dass es nicht gelingen kann, den Autor auf irgendeine Aeusserung festzulegen. Der Rede-Text tastet sich in mal offen brutale, dann wieder närrisch harmlose Richtung vor; jeder darf sich bedienen, der Narr wie der Brutale". (Jäger 2000)

Literarisch ist das OK - philosophisch aber der Untergang der Wahrheit, also Antiphilosophie, präziser Manipulation. Der Redende (oder Schreibende) ist hier offensichtlich von Anfang an darauf eingestellt, seine Thesen verteidigen zu müssen. Da er aber keine Argumente hat, verschleiert er seine Aussagen von Anfang an, um um so leichter in eine Doppeldeutigkeit ausweichen zu können.

Rat für Bildungsbürger und solche, die dafür gehalten werden wollen:

Kein Mensch muss Sloterdijks 8000 Seiten Geschreibsel gelesen haben, um gebildet zu sein. Lesen Sie ein gutes Handbuch über Manipulation, da haben Sie mehr davon.

Das Wort Humanismus muss aufgegeben werden. .... Wozu erneut den Menschen und seine massgebliche philosophische Selbstdarstelung im Humanismus als Lösung anpreisen, wenn sich gerade in der Katastrophe der Gegenwart gezeigt hat, dass der Mensch selbst .... das Problem ist. [S. 186]

Mit Katastrophe meint Sloterdijk weder die 2 Weltkriege, noch Umweltzerstörung oder Ueberbevölkerung, sondern die Zeit nach 1945, obwohl dies die boomendste aller Wirtschaftszeiten war:

Angesichts der "Verwerfungen und Verkehrungen" von Bolschewismus, Faschismus und Amerikanismus", den drei Varianten derselben anthropozentrischen Gewalt stellt Sloterdijk nun die "Epochenfrage":

Was zähmt oder erzieht noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenformung scheitert? Was zähmt oder erzieht den Menschen, wenn seine bisherigen Anstrengungen der Selbstzähmung ... zu seiner Machtergreifung über alles Seiende geführt haben .... Oder lässt sich die Frage nach der Hegung und Formung des Menschen im Rahmen blosser Zähmungs- und Erziehungstheorie gar nicht mehr auf kompetente Weise stellen? [S. 187]

Sloterdijks Antwort sind Züchtung, Selektion, Auslese. Sloterdijk ist ein Arschloch, denn die von ihm gelobte heroische Gesellschaft findet sich heute eben in den Bereichen, die den letzten Rest an Welt auch noch verwerten und verkaufen wollen, die Risiken eingehen, für die sie die Belohnung, die Bevölkerung aber die Rechnung erhält, eben die Finanzwirtschaft. Diese ist heute die Leistungselite - und gerade der soll nun die Erziehung des Menschen übergeben werden - ohne Humanismus, zumindest als Idealbild? Würde ein Schüler so was in einem Aufsatz rauslassen, er hätte Glück, wenn er mit einem Ungenügend rauskommt und nicht den Schulpsychiater besuchen muss. Aber beim Meisterphilosophen steckt da natürlich was ganz anderes dahinter, eine höhere Erkenntnis, dem gemeinen Volk unzugänglich, unverständlich, unerreichbar ... Ach, hau doch ab. Gerade hier zeigt sich der Zynismus von Geld und Wirtschaft, den er in 2000 Seiten von Zynismuskritik nicht mal am Rande einer Bemerkung für würdig erachtet hat:

Sloterdijk ist wie Nietzsche angeekelt vom"Volk", von der mittelmässigen Masse oder der Herde, wie beide die "nicht-aristokratischen Menschen nennen. Dieser Ekel kommt dadurch zustande, dass sie die unverschuldete Passivierung durch fremdbestimmte Verhältnisse, in denen die Menschen, um zu überleben, sich bzw. ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, in eine subjektive Eigenschaft verwandeln.

Die "Passivierung durch fremdbestimmte Verhältnisse" meint die von Marx mit Entfremdung beschriebene Form uneigentlichen, fremd bestimmten Lebens. Und woher stammt diese Form? Aus den Zwängen der Wirtschaftswelt, wie sie durch die Elite strukturiert wird. Da macht diese Elite also erst aus den Mitmenschen duldsame Hanswurste, die fleissig und kritiklos alles tun, was "der Markt" verlangt - um sie nachher um so gründlicher als Untermenschen zu verarschen -um sich selber um so höher zu erheben: Begabte versus Unbegabte, Heilige und Profane, Leicht- und Schwergeborene, am Himmel stehende und siegende Sonnen und Menschen mit durchschnittlichen Gefühlen und Gedanken. Die demokratische Form war bei den meisten nur in dem Masse begehrt, wie sie die besten politischen Rahmenbedingungen für das Funamentalprojekt Lebenserleichterung garantierte. [S. 189]

Die Menschen in den kleinen Häusern können bloss als Objekt, nicht als Subjekt der Auslese existieren. [S.190]

Diejenigen die auslesen, sind die Herren, nach ihrer eigenen Wahl. Man darf damit rechnen, dass sie nicht die klügsten und stärksten auswählen, sondern diejenigen, bei denen sie am meisten davon überzeugt sind, dass sie ihren eigenen Zielen dienen, also selbst zu grossen Häusern zu kommen. Auch diese Auserlesenen werden sich also mit kleinen Häusern begnügen müssen und nur eine äusserst kurze Zeit der Exklusivität, der Erwähltheit geniessen können. Wir sehen darin klar das Schicksal des heutigen Bildungsbürgers. Nach Jahren der Auswahl durch Schule und Universität, wird er endlch auserwählt, an der grossen Geldvermehrung teilhaben zu können. Will auch er zu einem grossen Haus kommen, so muss er dieses innert kürzester Zeit, ohne Rücksicht auf irgendwen oder irgendwas, am besten mit Kredit, aufbauen und sichern (ist der Kredit so hoch, dass bei Bankrott der Staat gleich mit untergeht, ist das die beste Absicherung. Man erkennt auch hier den heutigen Zustand und die Verfahrensweise der "Elite", der "Leistungsträger".

Eigentlich brauchte ich mich gar nicht aufzuregen und in Rage zu schreiben, denn der Kerle ist ja in der Tat so blöd, das gleich selber zuzugeben: Sloterdijk plädiert für die Züchtung von "freiwillig lenkbaren Menschen", die mit den für das Gemeinwesen günstigen Eigenschaften ausgestattet sind. Das Streben nach Glück, Basis etwa der Amerikanischen Verfassung, steht nach Sloterdijk nur den Privilegierten und Aristokraten zu.

Fazit:

Herr Sloterdijk, wir scheissen auf ihre Philosophie!

Michael Zander: Wie Peter Sloterdijk eine <neue Klasse der Alten> entdeckt und Pierre Bourdieu widerlegt.

Obwohl der Herr eigentlich immer wieder behauptet, es gäbe keine Klassen, erfindet er, wenn es ihm dient, dann plötzlich eine Klasse der Alten, die sich ja eigentlich quer durch alles zieht, was man sonst so unter Klassen versteht. Sloterdijk beherrscht einen rhetorischen Stil, der implizite Botschaften transportiert, ohne diese explizit aussprechen zu müssen. Indem er "die Alten" als "Weltmacht" imaginiert, die sich aufzwingt, entwirft er eine Bedrohung, vor der sich zu ängstigen und der entgegenzutreten gerechtfertigt erscheint. Er entblödet sich auch nicht, Vergleiche anzustellen wie: Lediglich das Sprachgefühl verbietet dem Autor, Alte mit biblischen Plagen (Heuschrecken und Mückeschwärmen) gleichzusetzen. Lediglich das Sprachgefühl? Das sagt wohl alles. Zudem zählt er sich mit seinen 63 Jahren offensichtlich nicht selbst zu den Alten, was beinahe noch peinlicher ist, denn der Alterstarrsinn und eine deutliche Verengung der perspektivischen wie der Weit-Sicht ist mehr als offensichtlich.

Die Begriffe <Produktive> und <Leistungsträger> verschleiern den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, inde sie "Arbeitgeber" und den einen Teil der "Arbeitnehmer" in eine einzige Kategorie pressen und all jene stigmatisieren, die keinen Zugang zu auskömmlichem Einkommen haben, wobei sich die Herrschaft der "Unternehmer" gerade darin zeigt, dass sie als Klasse diesen Zugang kontrollieren können.

Noch schlimmer, diese Verschmelzung trägt dazu bei, die wahren Steuerhinterzieher zu verbergen. Insgesamt trugen Bruttolöhne und -Gehälter 2001 eine Steuerbelastung von 34.5% (in Deutschland, keine Angst, ist nur im Ausland), während dem die Gewinn- und Vermögenseinkommen, also die sog. "arbeitslosen Einkommen" der privaten Haushalte mit bloss 11.5% belastet wurden. (dieses Verhältnis dürfte in der Schweiz allerdings noch schiefer liegen.)

Der Rest ist einigermassen schwer verständlich. Es geht um die theoretische Unterlegung der Idee der Klasse, wo Sloterdijk massiv schwindelt, d.h. manipuliert. Bereits im Verständnis der Soziologie zeigt er höchst eigenwillige Interpretationen: Sloterdijk hat die von ihm kritisierte "Fixierung auf Klassenphänomene" Bourdieu nur untergeschoben (rhetorisch, besser eristisch, noch besser manipulationstheoretisch nennen wir diese Methode: Vorschieben des Strohmannes, d.h. eben eine Behauptung unterstellen.) Dass unbewusste Massstäbe für das "Gute, Richtige und Angemessene kultur-, geschlechts- und klassenspezifisch sind scheint einleuchtend. Aufgabe der Soziologie wäre es eben, die Zusammenhänge zu klären.

> Auch hier ein Verstoss gegen die Grundgesetze der Wissenschaftlichkeit. Sloterdijk bescheidet sich nicht damit, eine Situation zu klären, er will neue Werte setzen, was nach Max Weber sache von Propheten, allenfalls Politikern, nicht aber Wissenschaftlern ist. Reine Schreiberlinge (sophistischer wie künstlerischer Art) können dazu natürlich schreiben was sie wollen - es muss sie aber auch niemand ernst nehmen.

Sloterdijk liefert seinen Anhängern etwas, das Bourdieu (1993), Max Weber zitierend, eine "Theodizee (Rechtfertigung Gottes ... ja mei, der Kerle überschätzt sich eindeutig massiv) ihres eigenen Privilegs" bzw. eine Sozioidee nennt. Kritische Sozialforschung stört da natürlich.

Sein Ziel ist die Theorie der Klassengesellschaft (mit Vertikaldifferenzierung durch Herrschaft, Repression und Privileg) zu einer Theorie der Disziplingesellschaft (mit Vertikaldifferenzierung durch Askesis, Virtuosität und Leistung). Davon erhofft er sich den Ausstieg aus einer langen Geschichte ideologischer Missverständnisse, die letztlich auf pathogene Hinterlassenschaften der Französischen Revolution zurückweisen. [S. 200]

Die Postmoderne, der Sloterdijk mit einem dicken Buch begegnen möchte, ist hier eindeutig überlegen: Viele Völker, viele Sprachen, viele Kulturen. Diese Formen die Entwicklung, nicht absolutistisch genommene grosse Worte. Die Zeit der grossen Worte ist leider zwar noch nicht vorbei, sie wirken aber bloss noch wo sie populistisch eingebracht werden können um Demokraturen zu schaffen.

Christoph Lieber; Friedrich Steinfels: Apologie des parasitären Reichtums. Das Manifest des Philosophenkönigs Sloterdijk für eine heruntergekommene Bourgeoisie

Sloterdijk fasste das, was die Kanzlerin und ihr Think-Tank "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" seit Jahren vergeblich neu zu buchstabieren suchen, in eigene Worte: "Wir leben gegenwärtig ja keineswegs 'im Kapitalismus', - wie eine so gedankenlose wie hysterische Rhetorik neuerdings wieder suggeriert -, sondern in einer Ordnung der Dinge die man cum grano salis als einen massenmedial animierten, steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage definieren muss. [. 206]

Tatsächlich besteht derzeit gut die Hälfte jeder Population moderner Nationen aus Beziehern von Null-Einkommen oder niederen Einkünften, die von Abgaben befreit sind und deren Subsistenz weitgehend von den Leistungen der steueraktiven Hälfte abhängt. "Auch von den postdemokratischen Konsequenzen - andernorts wird schon unverhohlen die Rückkehr zum exklusiven Wahlrecht der Steueraktiven gefordert - dieser in seinen Augen "nur allzu plausiblen liberalen These von der Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven" scheut der deutungsbewusste Philosoph nicht zurück. [S. 206]

Und dann geht's weiter mit der Ressentimentbewegung zwischen den zu Recht privilegierten und den neidvoll Schlechtergestellten.

Der liebe Herr Sloterdijk sieht die Dinge schon ziemlich einseitig. Also entweder haben wir einen Staat, der für Recht und Ordnung sorgt, in dem er für einen gewissen Ausgleich der systemimmanenten Ungerechtigkeiten sorgt - oder wir haben einen Staat, in der der Starke nach eigenem Recht lebt. Dann darf Stärke aber nicht auf Geldbesitz beschränkt werden. Dann kann sich der Starke auch seinen Anteil am Bruttosozialprodukt mit der Kraft des Armes, der Gewalt, der Masse holen. Sloterdijk hat hier irgendwie so ein Hauslehrerkonzept von Revolution und Volksunruhen, bei denen es reicht, wenn der Oberlehrer vor die Haustür tritt, mit dem Zeigefinger wedelt, und sagt: Aber, aber - zurück in die Häuser! Alle machen eine Strafarbeit und haben Ausgehverbot.

Ab Mitte der 70er zerbröselte das Allgemeine am allgemeinen Wohlstand. Finanzmarktkapitalismus, globale Akteure ohne rechtliche Einbindung, die man früher heimatlose nannte, ein Zerfall der Normalarbeitsverhältnisse, Privatisierung sozialer Sicherheit, zunehmende Exklusion durch Rationalisierung ohne Umsatzsteigerung und Restrukturierung mit deutlichem Abbau von Arbeitsplätzen zugunsten von Maschinen, besonderns Computern - also Kapital. Dort wo der normale Bürger nichts mehr zu melden hat und vor allem keine Mittel mehr hat, kommt dann die Parole von der Eigenverantwortung. Wettbewerb erzeugt Ungleichheit, ungleiche Verteilung, aber auch Ungerechtigkeit. Wo die Ungleichheit so weit geht, dass sie die Existenz von Menschen bedroht, kommt das Argument des Zorns, den die Reichen aushalten müssen, wenn von ihnen eine gewisse Humanität und Solidarität gefordert wird, nicht grad gut an, zumal unten. Es ist verwunderlich, dass Sloterdijk noch keinen Kölner Dom an den Kopf gekriegt hat oder die Faust aufs Auge, wie das seinem Kollegen Berlu schon ein paar Mal passiert ist. Der Stil ist ja inzwischen der selbe, herrschaftliche. Dabei ist der eine, der Gigolo, immerhin noch Unternehmer, der andere, der Schwätzer, nur Schwätzer - vom Staat bezahlt. Von den reell vorhandenen Problemen der Wirtschafts steht bei ihm nix, von den Uebertreibungen bei den Salären seiner Leistungsklasse - nix, vom dauernden Innovationsdruck, Produktivität und Problemen des Angebotsmarktes - nix, von der Dominanz leistungsloser Einkommen - nix.

Henrique Ricardo Oten: Auf den Spuren Hayeks. Peter Sloterdijks Kritik am Steuerstaat und die Demokratie

Bei einer Staatsquote von über 50% des BSP brauche man nach dem Hauptgewinner im Spiel das Kapitalismus heisst wohl kaum zu fahnden, meint Sloterdijk.

Die Staatsquote lag in Deutschland nie über 50%! Die Kapitaleinkommensquote, die seit Jahrzehnten am Steigen ist, wird kaum publiziert. Sie würde zeigen, wie viel Geld mit Geld verdient wird. An speziellen Standorten wie Basel sind das, seit über 10 Jahren, mehr als 50%. Da Kapitalgewinne steuerfrei sind ... Aber solche "Details" sind Schlotterdeichs Sache nicht. Das Hauptproblem unterechter Verteilung, also die Vermehrung von Eigentum durch arbeitslose Kapitalgewinne, ist für ihn offenbar ein Butterblümchen. Nichts was zu Zorn berechtigt.

Die Verve, mit der ein doch halbwegs intelligenter Mensch nun die Leistungselite verteidigt, liegt vielleicht in der bereits im 19. JH aufgetauchten Angst vor dem Umsturz der Verhältnisse, der Umwertung der Werte (= Zynismus), der sich heute eigentlich ohne Gewalt und Gewehre erreichen liesse. Man braucht nur eine Mehrheit. Und genau dies ist der Grund für Vorschläge wie ein Lobe den Reichen, die spenden wann, wieviel und wo sie wollen - und eine Demokratie, in der nur Begüterte ein Stimmrecht haben. Die von eben diesen ausgebeuteten und ausgeschlossenen sollen ihr gottgewolltes Schicksal hinnehmen und üben, damit sie sonst was nützliches tun können. Sie sollen den Reichen ihre Gaben verdanken - nicht Rechte einfordern.

Die Einschränkung des Staates wurde von Hayek stets gefordert. Nur als die Anarchisten 1980 riefen: Macht aus dem Staat - Gurkensalat, da wollte die Rechte natürlich wieder nichts davon wissen, denn Freiheit gebührt denen, die sie sich leisten können, nicht Künstlern und Sozialphantasten, die sich das Geld dann beim Staat holen wollen. Mehr Freiheit - weniger Staat kam dann aber bald wieder als Losung auf, aber eben nicht bei den linken Sozial-Anarchisten, sondern bei den rechten, die sich in der Not auch eine eigenen Armee leisten können.

Sloterdijk betreibt eine neoaristokratische Polemik der Entsolidarisierung. Damit ist nun echt kein Staat zu machen. Eigentlich sollte ich mich als Anarchist also freuen ... aber einiges stimmt halt da eben so ganz und gar nicht, mit dem Konzept.

David Salomon: Sloterdijks Revolution. Auf dem Weg in eine Mäzenatensouveränität?

Im kommunistischen Manifest sagt Marx: Die freie Entwicklung eines jeden ist die Bedingun für die freie Entwicklung aller. Obwohl diese Maxime in der Praxis wenig Anklang fand - sie steht offenbar drin, und sie widerspricht auch der absoluten Unterordnung des Individuums unter Betriebszwänge - oder unter die Ordnung, die so ein paar von sich selbst zu sehr überzeugte Hirnis der Welt überstülpen wollen - zumahl wenn dies auch noch im Namen der Unterwürfigkeit, der Vermeidung jeglichen Aergers und Zorns bei den "Leistungsträgern" geschieht.

Gleichzeitig gibt es aber - eine Konsequenz der Handlungsfreiheit - keinen Rechtsanspruch darauf, im Produktionsprozess einen Platz zu finden. Der Bedarf an Arbeitskräften schwankt aber je nach den Bedürfnissen einer marktabhängigen Profitökonomie, deren Zweck zugleich darüber entscheidet, was produktiv ist und was nicht. Arbeitslos werden, bedeutet aus der Gesellschaft tauschender Eigentümer ausgeschlossen zu werden. An dieser Aporie blamiert sich das liberale Partizipations- und Gleichheitsversprechen und damit die Illusion einer liberalen Demokratie. [S. 230]

Hier fehlt sogar noch ein wichtiger Punkt: Es sind nicht nur die Schwankungen am Arbeitsmarkt, bedingt durch Schwankungen in Angebot und Nachfrage, die Arbeitslosigkeit verursachen, es sind vor allem Restrukturierung und Produktivitätssteigerung, die immer stärker danach verlangen, den Menschen durch Maschinen, also durch Kapital zu ersetzen. Sloterdijks "Menschenzucht" hat also das Ziel, den Menschen etwas besser zu mechanisieren, ihn modularer, effizienter, schneller für verschiedene Produktionszwecke einsetzen zu können - wozu er aber gefälligst auf veraltete Ideen wie Berufung, Lust, Eignung, Leidenschaft, Wollen verzichten soll. Er soll das wollen und können, was von ihm gefordert wird, von der Leistungselite.

Hier wird nun vollends klar, was Leistungselite wirklich bedeutet. Es sind nicht die Leute, die die grössten Leistungen vollbringen, sondern es sind die Leute, die für andere die Massstäbe dafür festlegen, was denn als Leistung überhaupt zugelassen wird. Und hier müssen die klassierten, vor allem aber die als Nichtleister deklassierten, dieser Leistungselite ihre Leisten (der Leisten gemeint, bei dem der Schuster bleiben soll) mal an den Kopf werfen, am besten in Stahl gegossen. Ueber diesen Vorgang definiert die sog. "Leistungselite" gleich selbst, was Leistung ist, schliesst die Nichtleister aus - und drangsaliert die Leister in dem sie sie immer stärker unter Druck setzt durch Rationalisierung, die nichts anderes ist als Leistungserhöhung als Erhöhung der Produktivität - in Geld gemessen.

Zur Zeit ist ein demokratischer Umsturz aber weit weg, nicht bloss weil die Vertreter der Linken auch keine bessere Lösung haben, sondern weil die Wahlkämpfe durch die PR der "rechten" doch meist so gelenkt sind, das schon in etwa das Rechte rauskommt: Ein Staat, dessen Politiker derart mit internen Streitereien beschäftigt sind, dass sie gar nicht dazu kommen, irgend was zu regeln, das auch der Rede wert wäre.

Colin Crouch zur Postdemokratie: Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, ... in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert die die Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. ...

Wo man keine Gesellschaft kennt, sondern nur Individuen, kennt man auch keine Interessengruppen, deren Repräsentation eine Bedingung für das Funktionieren einer substantiellen, sozialen (durchaus noch bürgerlichen) Demokratie ist. ...

Auch bürgerliche Staaten, die ihrer Funktion als "ideeller Gesamtkapitalist" gerecht werden wollen, brauchen Planungssicherheit in Haushaltfragen und können sich Experimente mit willkürlichen Ad-hoc-Fianzierungen nicht dauerhaft erlauben.

...

Ebenfalls bleibt zeitdiagnostisch festzuhalten, dass eine zunehmende Zahl von Menschen partiel oder absolut von gesellschaftlicher Partizipation ausgeschlossen ist, obwohl es weiss Gott genug für sie zu tun gäbe. In diesen Grundaporien der bürgerlichen Gesellschaft, die auch ein bürgerlicher Sozialstaat bestenfalls überbrücken, niemals aufheben kann, sieht Marx, anders als Sloterdijk, nicht die Stärke von Leistungsträgern, die ihr gesundes Raubtiergewissen zurückverlangen sollen, sondern die strukturelle Schwäche der Bourgeoisie, die gezwungen ist, ihren pauperisierten Arbeiter "in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muss, statt von ihm ernährt zu werden." [S. 230-34]

Thomas Wagner: Mit Bataille beim Potlatsch: Sloterdijks Ethik der Gabe fusst auf einer verkürzten Rezeption ethnologischer Forschung.

Potlasch zerstört Reichtum, der allerdings in Form von Ehre beim Zerstörer bestehen bleibt. Da Ehre kaum exponentiell wächst, liegt hier eine klare, offenbar für notwendig befundene Beschränkung der Macht Einzelner (Familien/Clans)

Mauss 1990: Milde Gaben verletzen den, der sie empfängt.

Rainer Trampert: "Der liberale Beobachter". Sloterdijk und der Sozialneid von oben: In den Feuilletons trommelt ein Nietzsche-Groupie für den Sozialabbau.

Neben vielen anderen Problemen hat Deutschland ein ganz spezielles. Das ist der Sozialneid von oben. So regelmässig wie der Vogelflug geraten betuchte Spiessbürger ausser Rand und Band. Dann rennen sie los, um allen mitzuteilen, dass arme Menschen zur Flasche greifen, dann verwandeln sie Feuilletons in Foren für Sudelpamphlete, wittern allerorten Geld, das ihnen vorenthalten werde, und beschwören, besoffen von Missgunst und Verachtung für die staatliche Wohlfahrt - den Niedergang Deutschlands, wenn alten Menschen nicht die Renten gekürzt und Gehhilfen verweigert werden. [. 241]

Sloterdijk sieht in der progressiven Einkommenssteuer das Grundübel und empört sich: Die Hälfte der Population sei "Bezieher von Null-Einkommen" und lasse sich von einer Handvoll Leistungsträger" aushalten. Er dankt der FDP, die er den "liberalen Beobachter" nennt, dafür, das sie auf die zentrale Gefahr hinweise: "Die Besteuerung, die den Erfolg bestraft!" [S. 241] Der "Sozialismus" der "zu Recht unterworfenen Kaste" behindere die "Ausscheidung eines Luxus-Ueberschusses der Menschheit, in welcher eine stärkere Art ans Licht trete, die sich "die Freiheit von allem sozialen Zwang hole.

In einer "postdemokratischen Dikatur der Leistungsträger hinge Leben und Tod der Schwachen allein von den Launen der Mäzene ab.

Sloterdijks Denken ist komplett falsch. Nur dass er die Würde des Bürgers nach der Geldmenge bemisst, hat eine unbeabsichtigte Frische. Die Gleichsetzung von Leistung und Einkommen ist absurd. Das Einkommen seiner Truppe beruht nicht auf Wertschöpfung, sondern auf Wertabschöpfung; es richtet sich nach der Grobheit, mit der jemand andere für sich arbeiten lässt und Konkurrenten beseitigt, nach de Gerissenheit - vom Verkaufstrick bis zum Kleingedruckten, auch nach dem Unterhaltungswert, der Sportler zu Multimillionären macht. Der nächste Lapsus: Rentern, Arbeitslose und Kranke werden nicht aus de Einkommenssteuer, sondern aus den Löhnen der Arbeiterklasse bezahlt, und nicht "eine Handvoll Reicher" ist produktiv, sondern die Arbeit der Millionen schafft jene Werte, aus denen sie sich bedient.

Saint-Just 1793:

Das Brot, das der Reiche gibt, ist bitter: Es kompromittiert die Freiheit. Das Brot gehört in einem klug verfassten Staat von Rechts wegen dem Volk. [S. 243]

Es wird kein Zufall sein, dass nach dem Imageverlust de Führungskräfte viele Medien Sloterdijk den Raum für seine Herrenmenschen-Propaganda geben, nach de die edlen Reichen Opfer einer gierigen Masse seien, woraus sich deren moralisches Recht zur Machtergreifung ableite. Das ist pervers, schamlos und komisch. (> staatliche Rettung von Opel, danach eine Bank nach der andern: Commerzbank, Hypo Real Estate, .)

Der immanent rationale und zugleich antizivilisatorische Kern der Debatte liegt darin, dass für das System der Tod aller Rentner sowie der Arbeitslosen und Kranken, die nicht mehr funktionstüchtig zu machen sind, die profitabelste Lösung wäre, denn sie verbrauchen nur Werte, ohne selbst Mehrwert zu produzieren. Mag sein, dass Umfrageverluste für die FDP mit der Ahnung davon zu tun haben. Vielleicht schreckt ihr Marktrigorismus die naiven Wähler oder auch solche, die sie inzwischen als eine den Betriebsfrieden gefährdende Sekte begreifen, was sie freilich ist, wieder ab. [S. 245]

> Der Beitrag stimmt allerdings nur zur Hälfte, denn diese Unrentablen stützen zumindest den Konsum auf einem niedrigen Niveau. Gerade in Krisenzeiten ist dieser Konsum aber entscheidend für das Ueberleben der Betriebe, mit den geringsten Reserven an Flüssigem. Deswegen gingen und gehen Arbeitslosenunterstützung auch relativ leicht durch - es sei denn, die Betriebe können auf Konsumenten in andern Ländern und auf andern Kontinenten ausweichen. (USA, GB, Holland, die Nationen mit Welthandel, Häfen und natürlich Schiffahrt. Und wer betreibt Globalisierung? Und warum? Eben drum!). Die Schweiz mit ihren Uhren, Präzisionswerkzeugen, Medikamenten und ähnlichem liefert dafür bloss den Beweis: Der Mehr-Wertgehalt dieser Güter ist so gross, dass die Transportkosten praktisch keine Rolle spielen. Deshalb ist auch das Binnenland Schweiz ein Freund der Globalsierung. Darum funktioniert die Sache mit der Landwirtschaft nicht, denn weder Käse noch Fleisch können auf eine ähnlich hohe Wertdichte pro Volumen oder Gewicht gebracht werden. (Und das Kobe-Rind wurde halt schon von den Japanern erfunden, für Elchkäse braucht man .... Elche. Was die teuerste Milch der Welt betrifft, Mäusemilch für 23'000 € der Liter, ja da hätten wir vielleicht noch eine Chance. Die Mäuse könnte man ja man mit unserem vergleichsweise billigen Käse füttern, falls die den noch mögen ... Sonst importieren wir halt holländischen Emmentaler).

Bedrohlich ist die politische Situation aber schon. Die FDP erlangt mit dem Versprechen, das Solidarsystem durch die private Renten- und Krankenversorgung zu ersetzen und Arbeitslose in die Obhut des Kapitals zu geben, die höchste Zustimmun in ihrer Geschichte und die Grünen wenden sich ¨über "Jamaika" dem Sozialdarwinismus zu.

Vermutlich wird dann zur Förderung dieser Idee auch wieder ein ganz anderer Sloterdijk ausgegraben, der zwar sachlich genau so falsch ist, da er nur die Vorteile der Arbeitsteilung hochjubelt - aber den Menschen damit doch noch Hoffnung machte. Man wundert sich: Ist die Mobilität der Unterschicht nach vorne und oben seit dem Erscheinen der Sphären (1998/2004) geschwunden? Wenn ja - warum? Warum ist sie zur "neuen Unterschicht geworden, die nichts ausser Nahrungsaufnahme will und deren analphabetisches Bewusstsein und deren Sich-gehen-Lassen zu einer allgemeinen Norm zu werden droht?:

Zum Bild des Neuen gehört eine starke soziale Aufwärtsmobilität, getragen von einer beträchtlichen Chancenvermehrung in den Erwerbsbiographien der Einzelnen. Die multifokale Gesellschaft bietet tausend Milieus, um sich anzulehnen, zehntausend Bühnen, um herauszukommen, hundersttausend Treppenhäuser, um aufzusteigen. Jedes Milieu, jede Bühne, jede Treppe bildet ein Mikrounversum des Auftriebs. Die Mobilität nach vorne und oben wird von der traditionellen Disposition der Unterschichten unterstützt, sich an den Lebensformen der Wohlhabenden zu orientieren. [S. 831/2 III]

 

Martin Herzog, Basel, 3.1.2011