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Denken in der pluralistischen Postmoderne:

Analyse durch Synthese = Konstruktivismus

Wolfhart F. Matthäus: Denken dialektisch gedacht. Studien- Verlag 1999

Denken ist nicht nur Aufmerksamkeitsprozess, sondern impliziert Operationen mit Instrumenten an Objekten. Es wird expliziert, bezogen, Stellung genommen, vermutet, entschieden, ....

Die Objektivität des Resultats bedingt also, das Operationen wie Instrumente bekannt gegeben werden.

Verarbeitungskapazität und Geschwindigkeit sind das, was wir als  Intelligenz bezeichnen.

Reflexion nach Rubinstein: Aus dem Objekt wird gleichsam immer neuer Inhalt geschöpft. Es wendet uns gleichsam jedesmal eine andere Seite zu, und wir entdecken an ihm immer neue Eigenschaften.

Kritik der Inhalte des Lernens, veraltet, strategisch ausgewählt, ideologisch, propagandistisch (neoliberales Denken: Nur Geld, Geld-Leistung also verkaufbares Wissen zählt), Unübersichtlichkeit durch Aufsplitterung in unzählbare "wissenschaftliche" Disziplinen, schnelles Veralten (Halbwertszeit 2 Jahre) - als Ganzes zusammenfassbar unter dem Begriff Postmoderne. Während die Postmoderne eigentlich alle Sicherheit aufgelöst hat und uns in ein Universum höchst widersprüchlicher Lebensmodelle wirft (s. Pluralismus), zielt die Schule und zunehmend auch die verschulte Hoch-Schulbildung auf die Vermittlung wirtschaftlich relevanten, d.h. direkt anwendbaren Wissens. Egal wie man dazu steht, zeigt sich bereits bei der Bildung, dass ein rasches Erfassen der sich rasch ändernden Umweltbedingungen überlebenswichtig ist - und das bedeutet, dass der Lernende primär auf sich selbst gestellt ist in der Wahl und Aneignung des Wissens, das ihm sein Überleben garantieren soll. Das kann er/sie aber nur, wenn er/sie selbst denkt. Das Lernen lernen heisst also auch: Denken lernen. Seltsamerweise ist das in keiner mir bekannten Schule, Hochschule oder Universität ein Thema ...

Lernen bedeutet nicht bloss die Speicherung von immer mehr Wissen, sondern in erster Linie die Veränderung von Strukturen im Hirn, also von bestehendem Wissen. Der Denkprozess, die Re-flexion, ist also immer ein rekursiver, auf das bestehende zurück greifender, regressiver, also relativ konservativer Prozess.  Deshalb ist es eine Illusion, einfach von mehr Wissen mehr Innovation erwarten zu wollen. Innovation entsteht erst, wenn der Denkende das bestehende Wissen hinter sich lässt, überschreitet, erweitert, wozu man sich erst aus der Enge bestehender vorfabrizierter Denkräume (Paradigmen z.B.) befreien muss. Des weitern sind Musse, Intuition und ein Überschreiten der Immanenz, des Gegebenen, also ein Zugang zur Transzendenz, unumgänglich.

Ich bin in der Lage den aktuellen Sinnzusammenhang Bezug nehmend fortzusetzen oder ihn, sprunghaft auf etwas anderes Bezug nehmend, zu verlassen.

Diese Aussage von Matthäus (dem Wolfhart, nicht dem Evangelisten) macht auch zweifelsfrei deutlich, dass im Denken Freiheit steckt, egal was die neuen Hirnforscher da so ausbrüten. Natürlich werden die meisten Abläufe im Hirn durch unbewusste Vorentscheide vor-gespurt, also so stark beeinflusst , dass sie kaum als frei mehr gelten können - aber, beim bewussten Entscheid etwas zu tun oder zu lassen wird der Mensch zwar von innern wie äussern Zwängen in die eine oder andere Richtung gedrängt - aber er kann sich weigern, diesen Zwängen nachzugeben, ja er kann sich sogar total irrational verhalten. Sprechen sachliche Argumente wie Gefühle für eine Handlung, wäre es meist sinnvoll, diese zu tätigen. Nichtsdestoweniger kann sie unterlassen werden, aus Faulheit, Zeitmangel, Desinteresse - aber auch weil einem Entscheide die so klar scheinen, verdächtig vorkommen. Der Mensch kann sogar in einem solchen Falle z.B. zum Würfel greifen und den Zufall entscheiden lassen (oder Unbeteiligte fragen, was praktisch auf das Selbe herauskommt).

 

Der Denkprozess und seine konstituierenden Elemente

  1. Emotion: Das Bewegende - oder Das Problem, aus wirtschaftlicher Sicht hier allerdings nur das Problem, für dessen Lösung bezahlt wird!

    Informationen sind akkumulierbar, verknüpfbar, mitteilbar, fälschbar, strategisch selektierbar, bewertbar, kritisierbar ... und manchmal anwendbar.

    Vorgestellte Aktivität, Intentionalität, Zukunftsgerichtetheit, Finalität - nicht Kausalität! Finalitäten stammen aber aus dem Bereich des Möglichen, gehörten also theoretisch zum Reich der Unendlichkeit, der Transzendenz. Diese unendliche Freiheit geht ganz offensichtlich während des Denkprozesses verloren.

  2. Wahrnehmung > Achtsamkeit, Aufmerksamkeit

  3. Begreifen - Begriff: Uebersichtlich denken, d.h. nicht in Buchstaben, nicht in Worten - sondern in Sätzen oder Paragraphen das Wissen zu Denk-Stücken zusammenfassen, die ein übersichtlich-verdichtendes Bezugnehmen erlauben.

  4. Repräsentation, Abbildung

    1. Unterscheiden: [s. Spencer-Brown].

      1. Negieren - Selektion, Wertung, Unterlassung: Hier finden wir eine deutliche Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine. Die Turing Maschine ist trivial. Sie kann keine einzige angeordnete Handlung unterlassen, sei sie noch so sinnlos und überflüssig. Unterlassen können scheint eine Grundbedingung der Freiheit.  Das Selbe gilt für die Improvisation.

        Bei Wahrnehmung, Begriffsbildung und Abbildung, also dem, was die Beschreibung ausmacht, wird fast immer mehr ausgelassen als mit einbezogen.  Hier ist der erste Ansatzpunkt der immer nötigen Kritik, denn häufig wäre, gerade im Strukturalismus, das Wichtigere, zu wissen, was ausgelassen wurde und warum es ausgelassen wurde. Hier passier die Manipulation durch Kaschierung. Hier wird z.B. durch die Medien das gesellschaftliche Denken gelenkt, indem die gatekeeper die einen Themen links liegen lassen und als gateopener andere thematisieren, also die Diskussion eröffnen. Die Entscheidung dafür, was thematisiert und was unter den Teppich gekehrt wird, ist gerade bei den Medien aber in erster Linie NICHT von der Suche nach Wahrheit, der Suche nach dem richtigen und wichtigen Wissen abhängig, sondern vom erwarteten Einfluss auf den Umsatz.
         

    2. Wissenskarten, Sachverhalte kartographieren: Idea map/ mind map, concept map:

      Meist werden dabei geometrisch-physikalische Metaphern verwendet:

      • Nähe, Zusammenhang, Ähnlichkeit > Gruppierung (von Themen) - Distanz, Polarität > Distanzierung, Trennung

      • Tiefe (von Gedanken)

      • Höhe (des Gedankenfluges, der Lösung von Sachzwängen, der Erhebung über das Reale, zum Transzendenten - wo die Freiheit wohnt)

      • Behälter - Kanal

      • Form

      • Optik: Figur-Grund,   Kern - Saum,  Fokus - Peripherie: Nicht nur der Kontext eines fokalen Gegenstandes, sondern der Gegenstand selbst kann "saumhaft" (tacit) bewusst sein

        • Kontextuelles Wissen:

        • Implizites Wissen: mitgemeint, als bekannt, vorausgesetzt, vorhanden angenommen

        • tacit knowledge: unbewusstes Wissen, Gewohnheit, Routine: Ich weiss zwar wie machen ... aber ich kann's nicht sagen. Bewusstes und Unbewusstes gehen fliessend ineinander über. Gibson: The hidden is continous with the unhidden. Das Sehfeld führt immer Informationen über momentan verdecktes mit.: Fokus - Rand

          • Perspektiven - Attitüden, Meinungen - Glauben:

            • Humans create their cognitive power by creating the environments in which they exercise those powers.

              Hutchins

              Das Umgreifende, Weltbild, Hierarchien, gesellschaftliche Traditionen, Kontext, Stimmungen .... bilden den stummen Voraussetzungskomplex des Denkens - der insbesondere beim interkulturellen Dialog als störende Vorstrukturierung zum cultural bias führt. do: Ideologie und Idolatrie

              • Geschlossenes Denken: Konzeptionalisierung (Konzepte sind Bausteine des Denkens: Denken erfindet Vergegenwärtigung des Nichtanwesenden mit Hilfe von Konzepten). Konzepte kann man haben ... man kann aber auch von einem Konzept beherrscht werden. 

                Ab-Geschlossene Ideen finden sich meist in Gebilden die mit Ismus bezeichnet werden. Ideen, die es zum "Ismus" gebracht haben, wurden meist so weit trivialisiert, banalisiert, mechanisiert und bürokratisiert, dass sie, gerade durch ihre Inhaltsleere, die fehlende Substanz, zwar zu Mehrheitsfähigkeit (s. Populismus) gebracht haben - und dennoch zur Orientierung total unbrauchbar wurden (s. Fundamentalismus).

                 

                Lehre: Man darf sich beim Denken von keinem Ismus zu sehr beeinflussen oder gar leiten lassen!

                Wissenschaften als disziplinäre Wissenschaften sind immer ein Ismus, haben immer eine sehr begrenzte und enge Perspektive, denn sonst wären sie eben keine Wissenschaften sondern Philosophie.

                Positivismus geht vom Gegebenen, Tatsächlichen, Sicheren, Zweifellosen aus, beschränkt sich also auf reinsten Materialismus und Mechanismus.

                Strukturalismus verfestigt die Einflüsse der Umgebung auf den Organismus etwas zu sehr, ist also relativ eng, zu eng, was die freie Entfaltung des Menschen betrifft, da er im Extremfall ja beinahe eine Vorherbestimmung des Individuums durch seine soziale und kulturelle Umwelt antönt.

                Konstruktivismus ist durch seine Selektivität und Beliebigkeit zu stark durch die Interessen individueller oder ökonomischer Art, sowie die Macht der Auftraggeber bestimmt. Ihm fehlt das dekonstruktive Element der Kritik, des Abschleifens und Einpassens in die Realität.

                Perspektivismus ist nun wieder zu subjektiv, zu beliebig, zu zerfleddert ... allerdings nur aus der Perspektive der Verallgemeinerung, der fehlenden umfassende Ordnung. Als Pluralismus scheint er zu offen, aber nur so lange man die Notwendigkeit und Tatsache der organischen Strukturbildung und funktionellen Integration ins Ganze übersieht. Zu gerne wird vergessen, dass wir alle auf einer und der selben Erde leben und dass diese Mutter Erde, die Gäa, recht totalitär ist: Entweder ihr organisierts euch, oder ich werd euch was husten - spricht sie.  Problematisch ist nun diese funktionelle Integration der Teilsysteme präzise darum, wenn sie zu sehr (bis ausschliesslich) auf wirtschaftlichen Prinzipien basiert.

              • Offenes Denken: Improvisation, Intuition: Anders als bei Logik und wissenschaftlichen Fakten sind hier die Fakten meist etwas diffuser. Gerade was die Gefühlswelt betrifft, herrscht kein ja-nein, sondern eine  fuzzy logic der Mehrdeutigkeit (die ja quasi der Standard ist bei Gefühlen), die sich mit Signalen befassen muss die unklar, neu oder gar widersprüchlich sind. Das ist auch die Welt der Postmoderne, die Welt des Pluralismus.

        Die Befreiung vom cultural bias, des beherrscht Werdens von vorgegebenen Konzepten, geschieht über Kritik, die falsche Selektivität erkennen und die Perspektiven erweitern soll.  Kritik ist also die Therapie von Gedanken. Auch diese Therapie beruht auf der Trennung von Selbst- und Fremdreferenz, der Differenz zwischen System und Akteur, System - Umwelt, Selbst - Aussen / Ich - Du, Ich - Es, Subjekt-Objekt. Kritik nutzt also die unterschiedlichen Perspektiven, um das zu korrigierende System zur Selbstkorrektur anzustossen, denn kein selbstorganisiertes System lässt sich von aussen lenken.

    3. Symbole < Formeln < Berechnungen

      • Rechnen/Berechenbarkeit: Algorithmus - Ideal des Positivismus, der prognostischen Wissenschaften.  die kalkulierte und dadurch berechenbare Handlung ist die bürokratische Handlung

  1. Denken ist Teil des Handelns: Wahrnehmung - [Verarbeitung - Planung] oder [Reaktion] - Handlung. Denken als Teilaspekt des Handelns: Planen = Handlung erzeugen. Plan besteht aus epistemischen und praktischen Überlegungen - die Umsetzung ist trivial. (Praktiker sehen das genau umgekehrt.) Praxis, nach Wittgenstein, ist die lokale, auf persönliche Teilhabe gestützte Kultivierung einer Kunstfertigkeit. Wenn also die Wirtschaft sagt: Handeln, nicht denken, dann verlangt sie ein instinktives Reagieren - das wohlgemerkt unfrei ist, also dem Menschen nicht gerecht wird. Die moderne Marktwirtschaft ist also im eigentlichen Sinne des Wortes "reaktionär".  Rationales Handeln ist immer geplantes, geplantes ist immer durchdachtes Handeln - was allerdings noch nichts über die Qualität aussagt.

    Denken bedingt eine prozedurale Ganzheit: Sequentieller Ablauf, Prozess, rekursiver Prozess, Bildung von Aggregaten - Kritik - Auflösung - Umformung = Verstehen (incremental belief manufactoring), vergleichen mit bestehenden Aggregaten.

    Die Reflexion vereinfacht durch Selektion, benutzt Gedächtnisbestände als geschachteltes Bezugssystem, erhöht die Komplexität durch Erweiterung. Lehrbar ist Denken durch Vermittlung der Fähigkeiten, zu reflektieren. Für die Weitergabe der Resultate der Reflexion ist ein Medium zu benutzen: Schrift, Bild, Ton ... Reflexion ist iterativ, zyklisch, beschränkt sich so allerdings auf bereits Gedachtes. do Kritik: Kritik ist second hand knowledge.

  2. Dialog, Mitteilung, Verbreitung, kommunikative (dialogische) Wahrheit.

     Falls Wissen innerhalb und/oder für die Gesellschaft angewandt wird (was ja vermutlich meist der Fall ist), sollte auf das individuelle Denken ein kollektives Denken folgen, das prinzipiell nach den selben Schritten vorgeht: s. Wissen (flash) oder Wissen und gesellschaftliche Entwicklungsprozesse:

    1. Beobachten

    2. Denken

    3. Kommunizieren

    4. Werten

    5. Entscheiden

    6. Handeln

    abhängig von:

    1. Thematisierung, gesellschaftlichem Interesse, Mode

    2. Interpretation

    3. Geltung, Sinn                                             

      Je nach Lage der Interessen, also, gerade in der pluralistischen Gesellschaft nicht bloss links-rechts sondern eine Multiperspektivität als Ausdruck einer hohen Lebensqualität, die eben gerade die Möglichkeit, die Freiheit darstellt, seinen persönlich, individuell bevorzugten Lebensstil zu leben.

  3. Anwendung:

 

Analyse durch Synthese als heuristische Methode

Die Analyse zerlegt zuerst  die Welt in stabile, benennbare (begreifbare > Begriff, fassbare) Elemente - aus denen aber ein Weltmodell entsteht mit all ihren Organismen und Interaktionen in ihren jeweiligen Nischen. Überladung des Gehirns oder Unterwissen, d.h. zu grosse Löcher in der begriffenen Vorlage zum Modell, sind entweder technische Probleme die sich früher oder später durch Forschung beheben lassen (hier muss das Denken etwas zuwarten oder kann nur spekulieren) - oder DAS Problem der Weisheit, die sich, als wertorientiertes Wissen, auch als Optimierung zwischen Wissen über Fakten und Metawissen über Nichtwissen definieren liesse. Kritischer aber ist der Sachverhalt des Beherrscht-Seins durch Konzepte, durch Vor-Gedachtes, durch Beschränkungen des Nach-Denkens, also durch Verengungen des Denkens.

Matthäus schlägt zur Einübung des freien analytisch-konstruktiven Denkens vor:

Entparadoxierung kann erfolgen durch:

Der zu erwartende Lerneffekt, gerade auch durch die offensichtlich problematischen Methoden der Entparadoxierung, ist die Lehre aus der Zwangsehe von Unverträglichem oder komplex unbestimmbarem: der Kontrollverzicht, das Hinnehmen des gegebenen, die Fügung ins Unvermeidbare ... bestens ausgedrückt durch inshallah. Man gewöhne sich an eine scheiternde und labile Wirklichkeit, befreie sich spielerisch von despotischer Ordnung!!!

Matthäus warnt aber auch: Komplexes Problemlösen an simulierten Welten (Dörner, Frensch & Funke) ist zur Einübung nicht geeignet, wenn es wie üblich unter Zeitdruck geschieht und hochkultivierte Formen der Kommunikation ausschliesst.  [S. 545]

 

Der Kern des dialektischen Denkens "Analyse durch Synthese" (AdS) ist:

Ein Zyklus von Konstruktion und Dekonstruktion, von Analyse/Kritik und Design/Konstruktion

 Es macht Widersprüche deutlich - indem es ein Bezugssystem ausreichender Dimensionalität entwirft. Es erreicht die dem Unbewussten mühelos gelingende Verknüpfung mit hohem Unterscheidungsaufwand, dafür ohne Folgen der Desorientierung.

Destabilisierung durch Analyse/Kritik:

Kritik, Dekonstruktion, Durchschauen von Illusionen:  Analyse bedeutet Spezifizierung, Differenzierung, Abstraktion, Simplifizierung, Elimination, Abschirmung, Aufdeckung, Neubewertung.

Stabilisierung durch Synthese:

Synthese bedeutet je nach Kontext: Zusammensetzung, Zufügung, Verdoppelung, Agglutinierung, Verflechtung, Subsumption, Absorption, Einbeziehung, Kompoundierung, Konkretisierung. Zusammenfassung von Disparatem zu gegliederter Ganzheit.

Triangulation: eine Strategie der Validierung. Verschiedene Datenquellen, verschiedene Beobachter, verschiedene Theorien, Methoden, Hypothesen, Perspektiven am selben Objekt ausprobiert.

Dialektische Schemata (nach Basseches):

  1. Praktisches Beispiel: Als Ansatz zur Erforschung der Möglichkeiten, den Umgang der Menschen mit den wenigen verbleibenden Wäldern im Jemen zu verbessern, wurden erst "traditionelle" Zustandsbeschreibungen wie Forstinventare, pflanzensoziologische Inventare und ähnliches ins Auge gefasst. Schon die ersten Untersuchungen zeigten aber, dass der Mensch der wirksamste Umweltfaktor ist und dass seine Wirkungen so rasant sind, dass sie besser direkt zu erfassen wären als über den Umweg von Zustandserfassungen im Lauf der Zeit (Zeitreihen). Dies gilt generell für die Entwicklungsforschung - ist aber für viele Hochschulen nach wie vor "ein zu grosser Schritt"..

    Bewegungsorientierte Schemata

    1. Den Fluss der Gedanken erhalten!

      1. die gedankliche These-Antithese-Bewegung

      2. Korrelationen erkennen

    2. Die Aufmerksamkeit auf Änderungsprozesse richten

      1. Bejahung der Priorität der Bewegung

      2. Bejahung des praktischen oder tätigen Charakters von Wissen

      3. Vermeiden oder Aufzeigen von Objektivierung, Hypothetisierung und Reifizierung (Vergegenständlichung)

      4. Begebenheiten oder Situationen als Bewegung (Entwicklung) eines Prozesses verstehen

    3. Bewegungen als dialektische Bewegung beschreiben

      1. Erkennen und Beschreiben der Thesis-Antithesis-Bewegung

      2. Erkennen der laufenden Interaktionen als Quelle der Bewegung

  2. Praktisches Beispiel: Wo die Bedingungen nicht mehr gegeben sind, den Untersuchungsgegenstand so weit reduzieren zu können, dass multivariate Statistik noch anwendbar bleibt, bleibt nur ein holistischer Ansatz, der die Verlässlichkeit der Beschreibungen und Aussagen über die strukturelle und funktionelle Integration in die Totalität, die Gestalt, die Ganzheit des Systems als Prüfstein nimmt. s. Weltbild als kulturelles Basismodell, als Grundform, als bestimmende Struktur.

    Form-orientierte Schemata

    1. Lenke die Aufmerksamkeit auf organisierte oder strukturierte Ganzheiten (Systeme)

      1. Ort eines Elementes oder Phänomens im Ganzen, zu dem es gehört

      2. Kontextuellen Relativismus akzeptieren

    2. Erkenne und beschreibe Systeme als Systeme

      1. Beschreibung eines Ganzen (Systems) strukturell, funktionell oder als Gleichgewicht

      2. Kontextuellen Relativismus akzeptieren

    Beziehungs-orientierte Schemata:

    Theoretisches Beispiel: Die Menschen reden miteinander in zwei Sprachen, der Sprache des ES, der sachlichen, und der Sprache des DU, der Sprache der Beziehungen. Die eine ist die  Sprache der Wissenschaft, die andere die Sprache der Gefühle. s. auch: Dialog, Kommunikationsanalyse.

    Praktisches Beispiel: Mobbing

    1. Lenke die Aufmerksamkeit auf Beziehungen

      1. Annahme der Existenz von Beziehungen, der Grenzen der Auftrennung und der Stärke der Beziehungen

      2. Kritik der Vielfalt, des Subjektivismus und Pluralismus

    2. Beschreibe Beziehungen als konstituierend und interaktiv und bringe sie in Verbindung mit der Idee der Dialektik

      1. Beschreibung einer reziproken zweiweg-Beziehung

      2. Annahme interner Beziehungen

  3. Meta-Form-orientierte Schemata:

    Ein praktisches Beispiel dafür wären etwa die Landwirtschaftssubventionen, die weder den Bauern noch den Steuerzahlern zugute kommen, sondern den Verarbeitern - und vielen noch ärmeren Bauern in der 3. Welt die Existenz ruinieren ... während auf der andern Seite, dem lokalen Markt, ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung (es gibt in der Schweiz 1 Million Arme!) sein Leben verkürzt, weil er sich kein frisches Gemüse und Obst leisten kann. Vergünstigte Bezugsberechtigungen / Gutscheine, die sie an lokalen Märkten oder bei ihren lokalen Bauern einlösen können würden so gleich 3 Probleme lösen:
    1. Sichere Einkommen für lokale Kleinbauern
    2. Gesunde Ernährung & Bekämpfung von Übergewicht bei präzise der Problemschicht, den Armen - was beträchtliche Kosten bei den Krankenkassen sparen dürfte.
    3. Keine Förderung von Landwirtschaft auf Kosten noch ärmerer in der 3. Welt.
    1. Lenke die Aufmerksamkeit auf die Grenzen der Stabilität (das Änderungspotential) von Formen oder Systemen

      1. Ort (oder Beschreibung des Erscheinungsprozesses) von Widersprüchen oder Quellen der Instabilität in einem System oder zwischen Systemen und äussere Kräfte oder Elemente die den Strukturen des Systems entgegen wirken (antithetisch).

    2. Lenke die Aufmerksamkeit und auf die Veränderungen oder Bewegungen und beschreibe sie

      1. Verständnis für die Störung eines Gleichgewichts oder Widersprüche als Änderungen der Richtung der Entwicklung

      2. Beschreibung offener, sich selbst organisierender und transformierender Systeme

      3. Beschreibung qualitativer Änderungen als Resultat quantitativer Änderungen.

    3. Lenke die Aufmerksamkeit auf / Beschreibung von Beziehungen zwischen Formen oder Systemen

      1. kritischer Systemvergleich

      2. Aufmerksamkeit auf Probleme der Koordinationssysteme

      3. Vermehrung der Perspektiven als Realitäts-erhaltender Ansatz des Einbezuges (Inklusivität)

Nicht die Reaktion auf Sachzwänge retten Wirtschaft und Politik,
nicht das Aufwärmen historischer und anderer heroischer Werte,
sondern die Vermehrung der Perspektiven -
insbesondere für diejenigen, denen keine mehr bleiben.

Martin Herzog, Basel, 16.11.06

Man kann die Menschen in zwei Gruppen einteilen: Bei der einen ist der Hut für den Kopf da, bei der anderen der Kopf für den Hut.
(Jacques Tati, franz. Filmschauspieler & Regisseur, 1907-1982)

Denken überzeugt Denkende; darum überzeugt Denken selten.
Karlheinz Deschner, im Büchlein "Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom